Category: Historical Novels

Jud Süß

Ein Netz von Adern schnürten sich Straßen über das Land, sich querend, verzweigend, versiegend. Sie waren verwahrlost, voll von Steinen, Löchern, zerrissen, überwachsen, bodenloser Sumpf, wenn es regnete, dazu überall von Schlagbäumen unterbunden. Im Süden, in den Bergen, vere...

Chapters

1. Part 1

Ein Netz von Adern schnürten sich Straßen über das Land, sich querend, verzweigend, versiegend. Sie waren verwahrlost, voll von Steinen, Löchern, zerrissen, überwachsen, bodenlo...

2. Part 2

Aber da war nun dieser Josef Süß Oppenheimer, die neue Generation. Da saß er stolz prunkend, mit seinen Schnallenschuhen und seinen Spitzenmanschetten, und blähte sich. Sie war...

3. Part 3

Der engere Ausschuß des Parlaments, der Landschaft, hielt alle drei Tage Sitzung. Die Herren waren vom König von Preußen empfangen worden, sie wußten um das Zerwürfnis der Gräfi...

4. Part 4

Josef Süß hatte alle Räder seines Kalküls angedreht. Er saß in großer Versuchung. In ihm arbeitete es, scharf, rasch, mit ungeheurer Energie und Präzision. Er wog sachlich und s...

5. Part 5

Er war weidlich umgetrieben worden. Von seinem zwölften Jahr an war er Soldat, hatte in Deutschland gefochten, in Italien, den Niederlanden, in Ungarn und Serbien. Nächst dem Pr...

6. Part 6

„Ich werde ihn kommen lassen, ich werde hören, ich werd’s ihm zeigen,“ versprach die Alte. „Aber das ist nicht wichtig,“ schloß sie und saß da, quellend von Fett, kolossig wie e...

7. Part 7

Der Prinz Karl Alexander hatte natürlich auch von dem seltsamen Badegast gehört, und daß er mit seinem Leibjuden, dem Süß, zusammenstecke. Es kam den Prinzen nachgerade eine lei...

8. Part 8

So spreizte sich das neue Hotel des Feldmarschalls in großer Pracht, und der Prinz haute den Süß auf die Schulter: „Er ist ein Hexer, Süß. Und um wieviel bescheißt Er mich bei d...

9. Part 9

Vor dem Spiegel aber stand Marie Auguste, da stand sie oft, und war nackt und lächelte. Mit den langen Augen unter der klaren, leichten Stirn beschaute sie ihren Leib, der weich...

10. Part 10

Karl Alexander, vor diesen Befreundeten und Vertrauten, kehrt sein Herz nach außen. Ah, er war nicht gewillt, als kleiner Dutzendfürst in seinem Land zu versauern. Sein Ehrgeiz...

11. Part 11

Aber drei Tage später, beim Empfang der Landschaft, war er schon ganz anders. Stolz, kalt, scharf stand er unter den Ministern und blickte ablehnend fremd auf das Gewimmel der L...

12. Part 12

Anderen Tages schon gab er Remchingen Ordre, die Vorschläge des Süß in strengste Praxis zu übersetzen. Die beiden Männer arbeiteten nun zusammen, der General die Faust, der Jude...

13. Part 13

Und dann, belebter, sprach sie von den Menschen der heiligen Geschichten. Ihr Aug, hingegeben, verströmend, hing an ihrem Vater, und kühnen Schrittes trat David ins Gemach, stol...

14. Part 14

Auch unter Eberhard Ludwig und der Gräveniz waren Aemter und Stellen verschachert worden. Süß raffinierte das System, setzte eine eigene Behörde dafür ein, das Gratialamt, jede...

15. Part 15

Die Geschäfte der Stuttgarter, Uracher, Maulbronner Manufaktur leitete jetzt Johann Ulrich Schertlin, ein fester, kundiger, zupackender Mann, mit der erste unter den schwäbische...

16. Part 16

Schon wollten die Fanfaren einsetzen, das herzogliche Paar zu begrüßen, schon erschien Süß an der Türe des Empfangssaals, schon rangierte man sich im Saal, als der Herzog im Ves...

17. Part 17

Süß, aus dem Kabinett zurück, stürzte sich mit einer gewissen grimmigen Erhitztheit in das Gewühl. Er wich der Herzogin aus, die ihn mit einem kleinen, lüsternen und amüsierten...

18. Part 18

Aber die dicke Masse der Gedrückten, Rechtlosen und die einzelnen Mächtigen, die stolzen Juden der Levante und der großen Seestädte, die die Handelsstraßen Europas und der Neuen...

19. Part 19

Aber der Magister konnte doch den Vorwurf, er sei ein giftiger Verleumder, nicht so auf sich sitzen lassen. Er zottelte nebenher, gekränkt, sich immer wieder verteidigend, es se...

20. Part 20

äußerte er, und die Allongeperücken der Zuhörer nickten nachdenklich Zustimmung. Der Held oben auf der Bühne handelte indes nach seiner Maxime, er hatte ein immer wüsteres Gewes...

21. Part 21

Bei dem Meßwirt aber saß der Kaspar Dieterle. Er hatte es nicht mehr nötig, was zu verkaufen, um Schnaps zu kriegen. Immer saß ein dicker Haufe Menschen um ihn herum, bänglich u...

22. Part 22

Sie wehrte sich, sie schlug zurück. „Sie haben mir stehlen können, was ich hatte,“ sagte sie. „Aber es wird Ihrer teuflischen Kunst nicht glücken, es hinterher zu besudeln. Rede...

23. Part 23

An den Süß attachierte er sich noch mehr als früher. Dies fiel auf. Denn in der nächsten Umgebung des Herzogs wußte man, daß der Jude nicht mehr so unmittelbar im Nabel der Mach...

24. Part 24

Indessen hatte der Geheimrat Pancorbo die Herzogin gebeten, die Geschenke des Süß näher betrachten zu dürfen. Mit seinen dürren, blauroten, gichtknotigen Fingern betastete er si...

25. Part 25

Er geht, den Kopf gesenkt, die schlemmerischen Lippen aneinanderreibend, die Arme sehr straff, auf und ab. Er ist, Teufel noch eins! nicht der Mann, Opfer zu bringen. Er schenkt...

26. Part 26

Nur Eine breitete ihre Bewunderung nicht so weich und willig vor ihn hin, wie er erwartet hatte: seine Mutter. Sie, sonst seine demütigste, seligste Anhängerin, schien dieses Ma...

27. Part 27

Dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria, des Adlers der Kabbalisten, der geboren war in Jerusalem, der sieben Jahre sich kasteite, einsam an den Ufern d...

28. Part 28

In der Stille des weißen Hauses mit den Blumenterrassen nahm Süß das Schicksal seines Vaters in die Hand, beschaute es, drehte es hin und her. In der langen Weile überkamen die...

29. Part 29

Häufiger wieder ging sie zu Beata Sturmin. Schon war ihr die blinde Heilige kein törichtes, altes Mädchen mehr, die Stille, in der sie selber lebte, war ihr in Gegenwart der gef...

30. Part 30

Da standen nun die Männer vor dem Zaun. Föhn ging. Der Wein war ihnen noch nicht verflogen. Sie schnauften, schwitzten, rissen Witze. Dahinter stecke also die Ueberraschung; ob...

31. Part 31

Noch in der Nacht, ohne daß man ihn benachrichtigt, war Rabbi Gabriel gekommen. Er schien nicht groß erstaunt, die sehr dichten Brauen zogen sich zusammen, die drei senkrechten...

32. Part 32

Eine heilige, fressende Empörung füllte den Jüngling an, füllte ihn ganz, spannte männlicher sein kühnes, braunes Gesicht, entzündete dringlicher die starke Bläue seiner Augen....

33. Part 33

Jetzt wurde sein lässiger Glaube ernsthaft, gewann Kern. War früher sein Religionsbekenntnis nichts gewesen als politisches Mittel, als praktische Vorbedingung einer von Kaiser...

34. Part 34

So Großes, süß und bluthaft schwellend Lebendiges konnte nicht mit kleinen, kniffligen Advokatenmitteln ertiftelt werden. Hatte er das gedacht? Hatte der Jude es gesprochen? Jed...

35. Part 35

Es kam freilich, während sie diese klugen, gelassen biederen Betrachtungen niederschrieb, ein Augenblick, in dem ihr plötzlich Reim und Rhythmus aussetzten. In einer unendlichen...

36. Part 36

Wer war dieser Mann? War er ein Talmudgelehrter, eifernd, zänkisch, keifend an den Riten klebend, giftig ums Jota feilschend, den hohen Zaun des Gesetzes mit ängstlich wildem Ge...

37. Part 37

Es sprach aber der Jude dies: „Herzog! Grober, einfältiger Herzog! Dummer, stier-tölpischer Karl Alexander! Jetzt möchtest du die Ohren zumachen, was? Möchtest dich davonmachen...

38. Part 38

Der engere Ausschuß des Parlaments trat noch in der Nacht zusammen; auch anderen Parlamentariern konnte man es nicht verwehren, an der Sitzung teilzunehmen. Dieser wichtig sich...

39. Part 39

Die Diplomaten und Militärs, die in Ludwigsburg vom Tod Karl Alexanders überrascht worden waren, blieben zunächst sehr still und abwartend. In der Person des verhafteten Süß hat...

40. Part 40

Süß stand, wiegte den Kopf, überlegte. Da fiel ihm jener Artikel des Reichskriminalgesetzes ein, den man seit Jahrhunderten nicht ernst genommen, den man ihm vielleicht gelegent...

41. Part 41

Natürlich hörte auch der junge Michael Koppenhöfer von der Schmach der Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin. Die veränderten Läufte hatten den jungen Menschen nach Stuttgart zurü...

42. Part 42

Johann Daniel Harpprecht erschien bei dem Herzog-Administrator, ihm über den Verlauf der Untersuchung zu referieren. Er sprach frank und geradezu. Wenn das so kontinuiere, verli...

43. Part 43

Durch die kahlen, dumpfen Gänge der Festung Hohenasperg, über verwinkelte Treppen, ein mürrischer Korporal mit einem ungefügen Schlüsselbund voran, flatterte Michaele Süß. Der a...

44. Part 44

Nachdem Süß sich bei der Verkündung des Urteils so frech und widerspenstig erwiesen hatte, wurde er im Herrenhaus, wo er bis zur Vollstreckung des Urteils bleiben sollte, kreuzw...

45. Part 45

Auch der junge Michael Koppenhöfer war auf der Tribüne. Nun also wird der Mühlstein zermahlen, der dem Land so lang um den Hals hing, der Landverderber schimpflich justifiziert....