Part 31
Noch in der Nacht, ohne daß man ihn benachrichtigt, war Rabbi Gabriel gekommen. Er schien nicht groß erstaunt, die sehr dichten Brauen zogen sich zusammen, die drei senkrechten Falten zackten noch tiefer in die breite, nicht hohe Stirn. Den Segensspruch sprach er, der zu sprechen war beim Anblick eines Toten: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Er bettete das Mädchen, zur Brust faltete er ihr die starren Arme, richtete der Toten Zeige-, Mittel- und Goldfinger so, daß sie das Schin bildeten, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: Schaddai. Er verhängte die Fenster, entzündete Kerzen, verhängte das Bild des Himmlischen Menschen. Wasser goß er hinter sich, da er das Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Mädchens. Denn es scheucht das Wasser die Dämonen, die der Tod anlockt. Nur Samael, der Linke, der Engel des Todes, läßt sich nicht vertreiben. So blieb der Rabbi allein mit der Toten und mit Samael, dem Linken.
Zwischen die Knie senkte er den Kopf, in die Erde hinein sprach er die drei Hymnen, der großen Heiligung, der Entzückung in den dritten Himmel, der Heere der Toten. Da war die Seele des Mädchens da, und der Linke konnte sie nicht verbergen. Ach, Rabbi Gabriel hatte gewußt, sie war noch da, sie wird nicht auf geradem Fluge eingehen in die Obere Welt; noch wartete ein Werk auf sie in der Untern Welt, und darum auch hatte das Kind gerufen. Er aber konnte sie nicht erreichen, und so war sie gestorben, eh daß er gekommen war.
Ein kleines, verlorenes Bündel hockte der dickliche Mann in dem Raum, der ganz erfüllt war von Samael, dem Linken, und der flatternden, verschüchterten Seele des Kindes. Und er sprach zu ihr mit seiner knarrenden, mißtönigen Stimme; doch er konnte ihr nichts sagen, sie war ja schon über der Schwelle der dritten Welt, und so sehr sie es wollte, er konnte sie nicht halten.
Und da er spürte, wie es sie weitertrieb und wie der Linke sie überdeckte, rief er der Entgleitenden nach mit jenen Worten der Schrift, die sie am liebsten liebte: „Wie warst du mir süß, Naemi, meine Tochter! Liebe! Liebliche! Lilie des Tals! Rose von Saaron!“
Da spürte er ein letztes flatterndes Grüßen. Aber Samael war stärker als er und trieb sie weiter. Da fiel er auf sein Angesicht, nie war er so schwer und erdig gewesen wie jetzt, und er lag viele Stunden in grauenvoller Schwäche. Und die Kerzen brannten, und die Tote hatte die Finger gestreckt im Zeichen des Schin; aber kein Zeichen half, niemand war im Raum, und er blieb allein und hilflos und stumpf und in herzschnürender Not mit Samael, dem Linken.
* * * * *
Mit halben Worten deutete der Herzog dem Weißensee an, was geschehen war. Der Reitende an Süß war längst unterwegs. Karl Alexander, während er den Juden erwartete, entfaltete eine lärmende Heiterkeit, aß mächtig, trank, zotete, jagte.
Weißensee hörte nur, daß das Kind tot war. Es gelang ihm, im Angesicht des Herzogs höflich und gefaßt zu bleiben. Allein, zersplitterte er wie Glas. Der Jud war ihm über. Wieder hatte der Jud gesiegt. Das Kind war tot. Es war nicht beschmutzt, besudelt, zerknickt, es war einfach tot; entschwebt, rein, aus Höhen geisterhaft und lieblich lächelnd. Der Jud war kein komischer, zerknitterter, schmieriger Kuppler wie er, der Jud war tragisch fast und ein Märtyrer, sein Kleinod war nicht getrübt und verschlammt; wie ein anderer mit kotiger Hand danach greifen wollte, hat es sich aufgelöst in die reine Gottesluft. Jetzt hat es keinen Sinn mehr, neugierig zu sein, jetzt kitzelte es ihn durchaus nicht mehr, das Gesicht des Juden zu sehen. Schlaff saß er, ausgehöhlt, zerkrümmt im Lehnstuhl, lallte ziemlich sinnlos und immer wieder vor sich hin: „Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie!“
Unterdes jagte Süß nach Hirsau. Als er die Meldung erhielt, der Herzog sei in Hirsau, er solle sogleich und ohne eine Minute Verzug hinkommen, war ihm der Gaumen kalt geworden vor Schreck. Gewißheit war ihm, daß dem Kind etwas drohte, vielleicht schon geschehen war. Doch in Hirsau, im Hause des Weißensee, hieß es, der Herzog sei ausgefahren, er sei wohl im Wald, ob er den Herrn Konsistorialpräsidenten sprechen wolle. Aber Süß wartete den zögernden, hilflos verwirrten Weißensee nicht erst ab, er eilte sogleich weiter in den Wald. Der Karrenweg. Der Holzzaun. Die hohen Bäume. Die Blumenterrassen. Das weiße Haus. Kein Diener. Kein Herzog. Kein Rabbi. Wie gezogen, ohne kleinste Irrung, ohne Ueberlegen, Verweilen, geraden Weges schritt er in das große Studierzimmer. Die verhängten Fenster. Die großen Kerzen. Die Tote, Arme zur Brust, Zeige-, Mittel-, Goldfinger im Zeichen des Schin. Süß fiel um. Lag viele Stunden ohne Besinnung.
Der Rabbi stand vor ihm, als er die Augen aufschlug. Der Rabbi sah einen verfallenen, ergreisten Mann. Den schmiegsamen, elastischen Rücken krumm und schlaff, die glatten weißen Wangen hohl und unsauber, farblos häßlich das braune Haar. Der Rabbi hatte die Tote balsamiert, jetzt ging er ab und zu, zündete die Kerzen neu, goß dämonenscheuchendes Wasser.
Nach einem langen, ewigen Schweigen fragte Süß: „Ist sie um den Herzog gestorben?“
„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
„Wenn ich fortgegangen wäre mit ihr,“ fragte Süß, „längst, weit fort, in die Stille, wäre sie dann nicht gestorben?“
„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
„Kann man mit Toten reden?“ fragte Süß.
Rabbi Gabriel zitterte. Dann sagte er: „Es steht im Buch von den Heeren der Toten: Denkt eines Verstorbenen nur recht, und er ist da. Ihr könnt ihn innerlich beschwören, er muß kommen; ihn halten, er muß bleiben. Denkt seiner mit Liebe oder mit Haß, er spürt es. Mit stärkerer Liebe, stärkerem Haß, er spürt es stärker. An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm klingt.“
„Kann ich mit ihr reden?“ fragte Süß.
Da zitterte Rabbi Gabriel stärker. Dann sagte er: „Sei rein, und sie wird in Ruhe sein. Wenn du einströmst in die dritte Welt, mit dir wird auch sie in das Meer der dritten Welt tauchen.“
Da schwieg Süß. Er aß nicht, er trank nicht. Nacht fiel ein, Tag graute herauf, er rührte sich nicht.
Der Rabbi sagte: „Der Herzog will dich sprechen.“ Süß antwortete nicht. Karl Alexander trat ein. Fuhr zurück. Fast hätte er den Mann nicht erkannt. Dieser Mensch mit den schwärzlichen, schmutzigen Stoppeln um den Mund und die Wangen hinauf, mit dem häßlich farblosen Haar, den eingesunkenen, rötlichen, stieren, triefenden Augen: war das Süß, sein Jud und Finanzdirektor, der große Kavalier, der lüsterne Traum der Frauen?
Mit rauher, heiserer Stimme, sich räuspernd und mehrmals ansetzend, sagte Karl Alexander: „Sei Er ein Mann, Süß! Verbohr Er sich nicht in Seinen Schmerz. Ich hab das Mädel gesehen, ich weiß, wie sie war. Ich spür es sehr gut, was Er da verliert. Aber denk Er, Er hat noch sehr viel anderes im Leben. Er hat die Gunst, Er hat die Liebe Seines Herzogs. Dies mag Ihm Trost sein.“
Mit einer stillen, gleichförmigen, merkwürdig gefrorenen Demut erwiderte der verwahrloste, häßliche Mann: „Ja, Herr Herzog.“
Karl Alexander wurde es unbehaglich bei diesem stillen Ja. Es wäre ihm lieber gewesen, Süß hätte seine Kränkung gezeigt und er, der Herzog, hätte ein weniges schreien und dann wieder gut sein können. Dieses mönchische Gewese paßte ihm gar nicht. Wie hatte Schütz gesagt: es roch nach Judenschul und Kirchhof. Ein vages Erinnern wellte hoch an die knarrende Stimme des Magus, an das, was er verschwieg. Er wollte glatten Tisch haben, er wird jetzt einfach mit der Katze durch den Bach fahren. Mit einer gewissen gutmütigen, grobschlächtigen Ehrlichkeit sagte er: „Es ist dumm, daß das arriviert ist, just wie ich da war. Was es eigentlich für ein Akzident war, weiß kein Mensch und wird kein Jud und kein Christ und kein Magus herauskitzeln können. Ich hab sie gefunden, da lag sie in den Blumen und war tot. Er wird natürlich supponieren, ich sei schuld daran. Aber ich vermein, da ist Er auf dem Holzweg.“
Da Süß schwieg, fügte er hinzu: „Es ist mir in der Seele leid, Jud, wahr und wahrhaftig. Er darf mich nicht für einen Debaucheur halten, der _coûte que coûte_ seinen Willen haben muß. Natürlich hab ich ihr ein bißle meinen Hof gemacht. Aber wenn ich das hätte voraussehen können, ich hätte mich getrollt. Nicht keinen Handkuß hätte ich verlangt. _Parole d’honneur!_ Wer hätte auch denken können, daß das Mädel so wenig Spaß versteht.“
Mit der gleichen stillen, gefrorenen Demut sagte Süß: „Ja, Durchlaucht, wer hätte das denken können.“
Karl Alexander, betreten, schwieg. Dann, mit neuem Anlauf, sagte er: „Ich glaub nicht, daß ich in Seiner Schuld bin. Aber wenn, bitt ich Ihn um Pardon in aller Form. Ich möcht nicht, daß irgend was zwischen uns soll treten. Sei Er mir nicht nachträgerisch! Tu Er mir treue Dienste wie bisher! Geb Er mir die Hand!“
Da legte Süß seine Hand, die sehr kalt war, in die große Hand des Herzogs. Eine kurze Weile standen die beiden Männer so, die Hände ohne Druck ineinander, eine pressende, engende Lähmung ging vom einen zum andern. Die Fenster waren verhängt, in dem zuckenden Licht der Kerzen regten und streckten sich die magischen Figuren, Samael, der Linke, war im Raum. So standen sie, in Wahrheit nun eine Figur jenes blassen Reigens, den sie in Traum und Nebel getanzt.
Aus der Gebundenheit riß sich der Herzog. „_Bien!_“ sagte er. „Bestatte Er jetzt Seine Tote! Fahr’ Er dann nach Ludwigsburg! Es gibt zu tun.“
Damit ging er. Atmete, die peinliche Affäre hinter sich, fröhlich den hellen Tag. Er hatte sich, weiß Gott, geführt als ein Fürst von Herz und Welt. Vergnügt und sehr zufrieden brach er sich eine der festlich heiteren Blumen von den Terrassen. Stapfte, das weiße Haus im Rücken, pfeifend durch den Wald, freute sich der Sonnenflecke, fuhr in guter Laune zurück in seine Hauptstadt.
Bei der Toten hockte Süß. Unter den häßlichen Stoppeln mit fahlen Lippen lächelte er ein tiefes, listiges Lächeln. Ohne Worte rief er das Kind, und das Kind hörte. Er erzählte der Toten, wie schlau er gewesen war, und er erzählte ihr von seiner vorhabenden Rache. War er nicht ein Mann? Hatte er sich nicht gezähmt und war kalt gewesen? Nicht nur nicht an die Gurgel gesprungen war er jenem, freundliche Worte hatte er ihm gesagt und die Zunge war ihm nicht lahm geworden. Die Hand hatte er ihm gereicht und hatte ihn nicht gedrosselt, seinen Dunstkreis hatte er geatmet und war nicht erstickt. Wie verwirrt er war, der andere. So gar nicht konnte er es kapieren, daß das Kind sich fortgemacht, ganz simpel davongegangen war, eh daß er Hochseine Lust hatte stillen können.
Was hatte er zuletzt gesagt? Es gibt zu tun in Ludwigsburg? Abkaufen wollte er ihm, durch Geschäfte, durch Affären abschachern ihm den Tod seines Kindes! Der Narr der, der siebenfach verblendete! Aber er war ruhig geblieben, freundlich und demütig hatte er geantwortet und war ruhig geblieben. Er freute sich wohl, der andere, daß er so wohlfeil losgekommen war. Da lag das Kind, ein Bündel totes Fleisch, ein armes Häuflein Anklage und Verwesung. Ei ja, dachte er wohl, der andere, wenn er mir im Angesicht dieser Toten nicht an die Gurgel springt, dann ist er fürderhin erst recht zu miserabel. Gefehlt, Herr Herzog! Gefehlt, allerdurchlauchtigster Herr Mörder! So simpel grob ist der Süß nicht, er ist kein Landsknecht und Bauer und Töffel, daß ihm so plump einfältige Rache genügt. Er arrangiert seine Rache raffinierter. Er siedet sie und brät sie und kocht von allen Seiten sie gar.
Er lächelte tiefer, er zog die fahlen Lippen hoch hinauf, und die Zähne, sonst glänzend weiß, lagen gelblich und beinern trocken bloß.
Rabbi Gabriel ging durch das Zimmer, dicklich, mit seinen umständlichen Schritten. „Dies ist nicht der Weg, Josef,“ sagte er plötzlich mit seiner knarrenden, mißtönigen Stimme.
Süß sah auf, sah ihn feindselig an. Ho! War der wieder da? Wollte er ihm wieder einreden? Was denn sonst blieb ihm als Rache? Wollte der sich dazwischenstellen mit seinen edlen Sprüchen? Wirf einen in einen Abgrund und sag ihm: Falle nicht! Und er sah ihn mit seinen müden, entzündeten Augen gehässig an. Aber er sagte nichts.
Auch Rabbi Gabriel schwieg. Stumm an der Leiche saßen die beiden. Ihre Gedanken gingen sehr verschieden. Aber Samael, der Linke, war im Raum, und auf allen Wegen kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu Samael, dem Linken.
* * * * *
Durch die jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs flog die Nachricht: Dem Reb Josef Süß Oppenheimer, Minister und großen Herrn beim Herzog von Württemberg, Retter Israels in schrecklicher, grausiger Not ist gestorben ein Kind. Er hat gehabt eine Tochter, ein einziges Kind. Ist ihm gestorben das Kind. Wird er hingehen und es begraben in Frankfurt. Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.
Da machten sich auf Männer aus allen Gemeinden, aus Ost und West und Süd und Nord, zu bestatten das Kind des Reb Josef Süß Oppenheimer, Retter Israels aus großer Not. Es kamen die Rabbiner von Fürth und von Prag und von Worms, ja, es kam aus Hamburg Unser Lehrer Rabbi Jonathan Eybeschütz, der Angefeindete und Gefürchtete, heimlicher Jünger und Nachfahr des kabbalistischen Messias Sabbatai Zewi.
Nach Hirsau in das weiße Haus mit den Blumenterrassen kamen der Rabbiner von Frankfurt und mit ihm Isaak Landauer, der große Finanzmann. Er drückte dem Süß heftig und ohne Wort die Hand. Eigentlich hätte er sich freuen müssen, daß der württembergische Finanzdirektor nun gar nicht mehr geckenhaft aussah und wie ein Goj und Kavalier; nein, mit seinem häßlichen, ungepflegten Bart und den schmuddelig hängenden Kleidern sah er sehr jüdisch aus und roch nach Ghetto. Aber Isaak Landauer, so sehr es ihn reizte, unterdrückte jede solche Bemerkung, er rieb sich fröstelnd die Hände, wackelte mit dem Kopf, strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart, schluckte und blieb stumm.
Dann sargte man das Kind ein. Rabbi Gabriel legte ihr ein kleines, goldenes Amulett um den Hals, umzirkt vom Schild Davids das Wort Schaddai. Er winkte dem Süß, mit gelblicher, blutloser Hand hob der den Kopf der Toten, und unter das strahlend schwarze Haar, das noch immer nicht stumpf und erloschen war, streute er ein Häuflein Erde, fette, schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Dann wurde der Sarg zugenagelt; auf ihren Schultern trugen die vier Männer, der dickliche Rabbi Gabriel, der verfallene, schmutzig gebartete Süß, der milde, welke Jaakob Josua Falk, Rabbiner von Frankfurt, und der in seinem Kaftan schlotternde Isaak Landauer, auf ihren Schultern trugen sie die Tote aus dem weißen Haus, durch die festlich heiteren Blumen, durch den Wald, an den Holzzaun. Dort warteten andere jüdische Männer, sie nahmen ihnen die leichte Bürde ab, trugen auf ihren Schultern sie weiter, und nach einer halben Meile warteten wieder andere, und aber nach einer halben Meile wieder. So trugen sie das Kind des Josef Süß Oppenheimer durch das Land und über die Grenze und bis nach der Stadt Frankfurt. Und der kleine Sarg rührte nicht den Boden, fuhr auch in keinem Wagen, von einer lebendigen Schulter auf die andere lebendige Schulter glitt er, bis in die Stadt Frankfurt. Hinter dem Sarg aber fuhr ein großer Karren. Und es standen viele Juden an der Straße des Sarges, und wenn der schweigende, karge Zug vorüberkam, sprachen sie: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter!“ Und sie streuten jeder eine Handvoll Erde in den Karren, fette, schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Sie war bestimmt für das eigene Haupt und den eigenen Sarg; aber sie streuten sie in den Karren und gaben sie gern. Auf daß bestattet werden könne ganz in heiliger Heimaterde das Kind Unseres Lehrers und Herrn, des Reb Josef Süß Oppenheimer, der gerettet hat Israel aus schrecklicher, grausiger Not.
In der Stadt Frankfurt aber die Gräberstatt der Juden war schwarz von Volk. Sie standen lautlos, die Beweglichen, Schreienden, als Josef Süß im Angesicht des Sarges bekannte: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Und sie antworteten im Chor: „Eitel ist und vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Und dann sank der kleine Sarg in die Erde Zions, und die Erde Zions überdeckte den kleinen Sarg. Und inmitten der schweigenden Tausende sprach Süß mit ausgetrockneter, klangloser Stimme das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens. Und sie rissen Gras aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir aus dem Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“ Und dann wuschen sie die Hände in fließendem, dämonenscheuchendem Wasser und verließen den Friedhof.
Und dreißig Tage in allen jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs wurde gesprochen das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens für die Jungfrau Naemi, Tochter des Josef Süß Oppenheimer, Unseres Lehrers und Herrn.
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Nach Stuttgart zurückgekehrt, stürzte sich Süß verbissen wild in die Arbeit. Rücksichtslos drängte er sich jetzt in das katholische Projekt, riß alles an sich, was irgend an der äußersten Grenze seines Bereiches lag. Fort warf er die Krücke seiner Servilität und Liebenswürdigkeit. Mit einem maßlosen, finstern, höhnischen Hochmut behandelte er seine ganze Umgebung, ließ die Minister springen wie Lakaien. Es flackerte aus ihm eine düstere, grimmige Verachtung alles des, was man gemeinhin menschliche Würde, Freiheit und Verantwortung nannte. In grauenhafter, spielerischer Laune zwang er die Abhängigen zu immer neuen, überflüssigen Demütigungen, und standen sie entblößt, ihr bißchen Menschtum abgetan und zerfetzt, dann verhöhnte er sie mit stillem, nacktem Hohn und weidete seine abgründige Menschenverachtung an ihrer kriecherischen Geduld.
Sehr offen und im größten Ausmaß räuberte er in den herzoglichen Kassen. Er berechnete sich ungeheuerliche Provisionen, verkaufte an den Herzog zu Riesenpreisen wertlose Preziosen. Neue Lasten legte er auf das ächzende, zusammenbrechende Land, und was er auf solche Art erpreßte, leitete er unverhohlen in seine, nicht Karl Alexanders Tresors. Hatte er bisher das Herzogtum bedrückt, um Geld herauszupressen, sachlich und zweckmäßig, so würgte und drückte er jetzt das Land aus raffinierter, düsterer Freude an der Pressung. Er tat dies alles mit dreister Offenheit, legte es sichtlich darauf an, daß Karl Alexander es merke, suchte auf jede Art durch seine Geschäftsführung den Herzog zu reizen. Doch der schwieg.
Das Aussehen des Juden blieb anders. Der gleitende, federnde Gang war härter, offiziersmäßig brutaler. Härter, entschlossener auch die Wangen, und das reiche, wellende, kastanienbraune Haar, das er früher, wo es anging, frei getragen hatte, versteckte er jetzt für immer unter strenger Perücke. Aelter war, verhärteter der ganze Mann. Die dunkle Stimme hatte ihr Streichelndes, Beredendes verloren; oft gurgelte sie nun, herrisch, widerwärtig, unschön; mauschelnd, sagten die Feinde. Die wölbigen, fliegenden Augen blieben rasch und lauersam, ja, gewöhnlich sogar voll beflissener Ergebenheit; doch, ungewahrt, hatten sie wohl zuweilen ein Stechendes, sehr Giftiges und zähmten mühsam nur ein feindseliges, gelblich dunkles Feuer.
Schwerer schritt unter ihrem Reiter die Stute Assjadah. Nicht mehr trug sie den glänzenden, angehaßten und doch bewunderten, adlig freien Herrn; eine Last trug sie, einen dumpfen Fronvogt, der an sich selber schleppte, den Feind aller und von allen befeindet.
Prunkende Feste gab er nach wie vor. Doch diese Feste waren vergiftet und keine Freude für die Gäste. Er liebte es, bei solchem Anlaß dem oder jenem in größter Oeffentlichkeit in der Komödie oder sonstwie wohlzielende, herzkränkende Bosheiten zu sagen, das häusliche oder politische Elend eines Geladenen bloßzustellen; er traf sehr gut die Stelle, wo es am wehesten tat, und sehr viele seiner Gäste saßen in nagender, kribbelnder Unrast, ob sie verschont blieben.
Zu den Frauen war er von einer höhnischen, wegwerfenden Galanterie. Eine Frau hatte es gegeben; mattweiß war ihre Haut, in ihren Augen träumten die Träume der Jahrtausende; sprach sie, dann war die Stimme der Nachtigall Krächzen vor ihrer kleinen Stimme. Jetzt lag sie in Frankfurt, Erde über ihr, Erde unter ihr. Was wollten da die anderen? Sie atmeten, plapperten, lachten und spreizten, redete man ihnen gut zu, die Schenkel. Nun ja, so waren diese: aber die eine hatte gelebt.
Weißensee war aus seiner tiefen Verwirrung und Ratlosigkeit aufgetaucht, schnupperte an Süß herum. Hier gor etwas herauf, in diesem ungeheuren, maßlosen Mann, der anders war als alle anderen, schwelte etwas gar, eine grandiose, prasselnde, tausendfarbige Katastrophe. Der war nicht wie er, der war nicht der Mann, sich zu krümmen und stillezuhalten. Wollüstig schon in der Erwartung roch der Konsistorialpräsident den Schwefelgeruch des Ausbruchs, und nur die Gier, ihn mitzuerleben, hielt den Ausgehöhlten aufrecht.
Und des Süß herausfordernder Uebermut wuchs. Er gab sich offen wie der Herr des Landes, scheute keine Grenze.
In diese Zeit fiel auch die Affäre des jungen Michael Koppenhöfer. Dieser Fall lag so:
Nach zweijähriger Studienreise durch Flandern, Frankreich, England war der junge Mensch, Neffe des Professors Johann Daniel Harpprecht, verwandt auch mit Philipp Heinrich von Weißensee, in die schwäbische Heimat zurückgekehrt, um als Aktuarius in herzoglich württembergischen Dienst zu treten. Sehr groß, bräunliche, kühne Wangen, starkblaue Augen unter dunklem Haar, sah der Dreiundzwanzigjährige aus wie ein Bruder Magdalen Sibyllens. Der Jüngling hatte von seiner Reise stürmische Ideen mitgebracht von menschlicher Freiheit und menschlicher Verantwortung, einen wilden Haß gegen jede Despotie; alle die jungen, märzlich grünen, reinen Gedanken neuen, besseren Staatsgefüges, einer gerechteren, humaneren Ordnung drängten ihn mit Schuß und Saft und Ueberschuß, sprengten dem jungen, glühenden Menschen fast die Brust.
Er wohnte bei Harpprecht. Der alternde Herr, dem die Frau nach einer Ehe von wenigen Monaten in sehr jungen Jahren gestorben war, hatte den Neffen großgezogen, er hatte ihn die zwei Jahre im Ausland bitter vermißt, er warf jetzt alle seine wortarme, herbe Liebe auf den Jüngling.
Michael Koppenhöfer war durch seine Reise doppelt stolz geworden auf die vor den anderen deutschen Staatsverträgen freiheitliche Verfassung seiner Heimat. Wohl hatte er immer gewußt um die militärische Autokratie des Herzogs, die jesuitische des Würzburgers, die ökonomische des Juden. Aber ein anderes war es, in Briefen und Broschüren davon zu lesen, ein anderes, mitteninne zu stehen, die freche Unterdrückung, die nackte, höhnende Gewalt mit Augen zu schauen, mit Händen zu greifen. Der junge Mensch sah den Stellen- und Aemterhandel, den Schacher mit der Gerechtigkeit, die Ausquetschung des Volkes. Verlumpt und ausgehaust die Schertlins von Urach, außer Landes getrieben sein junger, vor allen anderen begabter Vetter und Freund Friedrich Christoph Koppenhöfer, in Verzweiflung und Tod gejagt der Hauptzoller Wolff, der Kammerdirektor Georgii. Ausgelaugt und zerfressen das reiche, schöne, gesegnete Land, zu den Fahnen gepreßt Tausende, in Lumpen und Hunger Zehntausende, zerlottert an Leib und Gewissen Hunderttausende. In Völlerei und Unzucht sich blähend ein schrankenloser Hof, in bunten Uniformen frech sich spreizend die Gewalt, höhnische Rabulisterei über die klare, edle Verfassung giftig triumphierend. Zerwuchert die Verwaltung, zerhurt die Justiz, die Freiheit, die liebe, gepriesene Freiheit ein Spott und Lumpen, mit dem der Herzog, der Jesuit und der Jud sich den Hintern wischen.