Part 30
Da standen nun die Männer vor dem Zaun. Föhn ging. Der Wein war ihnen noch nicht verflogen. Sie schnauften, schwitzten, rissen Witze. Dahinter stecke also die Ueberraschung; ob es denn lohne; ob Weißensee nichts verraten wolle. Der bat, sie möchten die Mühe nicht scheuen, kletterte voran über den Zaun. Sie folgten prustend, mühsam. Drangen weiter, neugierig, angeregt, amüsiert.
Gelangten an die Blumenterrassen, den weißen Würfel des Hauses. Standen, staunten. Wirre Vorstellungen zuckten auf in Karl Alexander: Venedig, Belgrad. Doch keiner wußte mit dem weißen, fremdartigen Ding mitten in dem schwäbischen Wald was anzufangen.
„Das Haus gehört dem Magus,“ sagte Weißensee, „dem Oheim des Herrn Finanzdirektors.“ Verblüffte, großäugig dumme Gesichter. Ein leicht übler Nachgeschmack des Weines stieg dem Herzog auf, er fühlte sich plötzlich schwerer, spürte den lahmenden Fuß, den schlechten, holperichten Weg durch den Wald. Mit einer schleierigen Befangenheit schaute er auf das Haus, in einem vagen Gefühl, als blickten daraus steinerne, trübgraue Augen auf ihn. „Dem Magus? So?“ sagte er dann mit einer heiseren, belegten Stimme. „Ei freilich ist das eine Surprise.“
„Das ist nicht alles,“ lächelte Weißensee mit feinem, breitgezogenem, genießerischem Mund. „Befehlen Euer Durchlaucht, daß wir nähertreten?“
Karl Alexander riß sich zusammen, räusperte sich frei. „Der alte Hexer ist mir ohnehin noch einen Bescheid schuldig,“ lärmte er. „Scheuchen wir den Schuhu in seinem Gemäuer auf!“
Näher traten die Herren, pochten, gingen, da niemand sich rührte, ins Haus. Der alte, gebrechliche Diener kam ihnen entgegen: was sie suchten? – Seinen Herrn. – Der sei nicht da. Empfange im übrigen auch niemanden, setzte er verdrießlich hinzu. So würden sie sich das Haus ein wenig anschauen, meinte Weißensee. Was ihnen beifalle, kläffte mürrisch der Diener. Sie sollten sich scheren. Hier habe niemand was zu suchen.
„Maul halten!“ schrie der zornige Major Röder. Doch der Alte wiederholte zäh keifend: „Niemand hat hier was zu suchen. Niemand hat hier zu befehlen, nur mein Herr.“
„Und der Herzog von Württemberg,“ sagte Karl Alexander. Und an dem erstarrten Diener vorbei gingen die Herren ins Zimmer. Beschauten scheu und spöttisch die Folianten, die Zeichnungen des Kabbalistischen Baumes, des Himmlischen Menschen, die seltsamen Inschriften. Tauschten über das magische Gewese und Gewerke ironische Anmerkungen aus. Doch der unheimliche Raum hemmte den gewohnten Lärm und machte sie bänglich und gedämpft.
„Kotz Donner!“ schrie plötzlich Karl Alexander in die Befangenheit hinein, „wir sind hier doch in keiner Kirche. Den Wein, Neuffer! Wenn der alte Hexer nicht zu Haus ist, wollen wir sehen, ob wir seine Geister nicht durch ein gutes Glas Wein an unseren Tisch hexen können.“
„Wollen wir nicht erst auch die anderen Stuben anschauen?“ bat Weißensee. „Vielleicht spüren wir doch noch etwas auf!“ Und seine feine, lange Nase schnupperte, und seine klugen, rastlosen Augen gingen in alle Winkel.
Während Neuffer den Wein zurechtstellte, besah man die wenigen anderen Räume des kleinen Hauses. Vor einer Tür stand Jantje, die dicke, plappernde Zofe, sie suchte die Herren zurückzuhalten. Doch sie drängten sie beiseite und schoben sich ins Zimmer. Da saß im äußersten Winkel angstvoll, großäugig und abwehrend empört in östlicher Gewandung das Mädchen. Zurückprallten vor der Lieblichkeit des mattweißen Gesichts, des blauschwarzen Haars, der redenden, erfüllten Augen die Herren. „Daß dich der Langschwänzige!“ fluchte halblaut der Herzog vor sich hin. „So was also hält sich mein Jud! So was versteckt er vor mir, der Filou! Möcht sich allein delektieren an dem Braten.“
Noch immer war ein paar Schritte Raum zwischen dem Mädchen und den Herren. Ein Schweigen fiel ein. Naemi war aufgesprungen, stand hinter ihrem Sitz, zurückweichend ganz in die Ecke. Die Männer, gehalten durch das Fremdartige der Erscheinung, blieben in der Nähe der Tür, starrten.
In die Stummheit hinein sagte höflich die geschmeidige Stimme des Konsistorialpräsidenten: „Die Demoiselle ist die Tochter des Herrn Finanzdirektors.“ Und, auf die mundaufreißende Verblüffung der Herren, liebenswürdig lächelnd: „Ja, das war meine Ueberraschung.“
„Kotz Donner! Kotz Donner!“ sagte mehrmals hintereinander knarrend der Major Röder; sonst fiel ihm nichts ein. Doch der Herzog, aus seiner Ueberraschung zurück, enthusiasmiert, mit seinen großen blauen Augen an ihr fressend, erging sich geläufig in entzückten, modischen Bildern: „Ein Meisterstück das Mädel! Ein Kopf wie aus Ebenholz und Elfenbein. Wie eine Fabel aus Morgenland.“ Gewandt stimmte der Geheimrat Schütz zu: Der Finanzdirektor sei ein Genie; aber das Produkt seiner Lenden sei doch noch besser als alle Geburten seines Hirns.
Weißensee schwieg. Und hätte doch, der feine Kenner, dem Herzog zu Dank das Mädchen besser preisen können als dieser selbst zusamt dem trockenen Schütz und dem plumpen Röder, der kein anderes Kompliment fand als sein rülpsendes: „Kotz Donner! Kotz Donner!“ Doch Weißensee stand stumm. Er schaute nur das Mädchen an, schaute es auf und ab, ein tieferes Lächeln um seine genießerischen Lippen. Ei ja, mein Herr Geheimer Finanzienrat, gewiß doch, diese war wohl ein Kleinod und sehr wert, gehütet zu sein. Achtes Weltwunder! Hebräische Venus! Augen hat sie wie aus dem Alten Testament. Und sieht nicht aus, als wäre sie nur lieblich anzuschauen. Zu der Magdalen Sibylle kamen die Apostel und sprachen zu ihr. Zu dieser mögen die Propheten kommen. Sie waren schlauer als ich, Herr Finanzdirektor; aber doch nicht schlau genug. Hätten sie noch ferner und heimlicher müssen hüten. Voilà! Jetzt werden wir sehen, was Sie für kurioses Gesicht ziehen.
Mittlerweile hatten die anderen ferners von dem Mädchen groß Rühmens gemacht. Selbst Herr von Röder fand ein Weiteres und sagte: „Wer hätte dem alten Fuchs solch Junges zugetraut?“ Naemi aber stand in ihrer Ecke, den ganzen Leib gespannt in Scheu und Abwehr, und schaute auf die Männer. „Wie heißt Sie denn, Demoiselle?“ fragte jetzt der Herzog. Und, da sie nicht antwortete: „Sulamit? Salomea? Sollen Wir jemandes Kopf zu Ihren Füßen legen?“
Doch Naemi schwieg weiter, sich windend in fast leiblichem Schmerz vor Widerwillen und Scheu. „Vom Vater hat sie sie nicht, diese Schüchternheit,“ konstatierte Herr von Schütz. Aber der Major von Röder fuhr grob und ungeduldig auf das Kind los: „Gib Antwort, Judenbalg, wenn dein Herzog dich fragt.“
„Halt’s Maul, Röder!“ sagte Karl Alexander. Und zu der Verschreckten, in ihre Ecke sich Pressenden, freundlich wie zu einem Kind: „Ich tu dir nichts, ich freß dich nicht. Gemslein, verschüchtertes! Mimosa! Sei Sie nicht so zimpferlich!“
Jantje, die Zofe, hatte sich mittlerweile neben das Mädchen geschoben, dick und gutmütig stand sie neben ihr, in heller Angst und Ratlosigkeit. „Ich bin wirklich dein Landesherr,“ fuhr leicht ungeduldig Karl Alexander fort, „dein und deines Vaters wohlaffektionierter Herzog und Herr. Und jetzt sag endlich, wie du heißt!“
„Die Demoiselle heißt Naemi,“ sagte statt ihrer die Zofe. „Nun wissen wir’s also,“ grunzte befriedigt Röder. „Naemi, komischer Name!“ und pruschte heraus. Aber der Herzog befahl: „Komm Sie her, Naemi! Küsse Sie Ihrem Landesvater die Hand!“ Die Zofe sprach auf das Kind ein, schob sie sanft vor. Langsam, die Augen am Boden, und wie gezogen schritt sie, und mit gierigen Blicken, fröhlich gespannt, schaute Weißensee zu.
Sie gingen in die Studierstube, trinken. Zwangen das Kind, ihnen Bescheid zu tun. An den Wänden blühte der Kabbalistische Baum, ketteten sich blockige Buchstaben und verwirrende Bildzeichen, schaute starr der Himmlische Mensch. Das Kind nippte. Doch weiter war sie nicht zu halten. Sie floh, schloß in ihr Zimmer sich ein, überschauert, zitternd den ganzen Leib und eiskalt.
In der Studierstube aber, unter den Trinkenden, konstatierte Herr von Schütz, auf die magischen Bilder weisend: „Zuerst hat es hier nach Judenschul und Kirchhof gerochen. Jetzt riecht es nach Paris hier und nach Parfüm und nach Mercure galant, und die ganze Gespensterluft ist weg. Merkwürdig, wie ein bißchen frisches Weiberfleisch den gelehrtesten Magus um sein Prestige bringt.“
Man brach auf. Röder und Schütz voraus, dann der Herzog mit Weißensee, als letzter Neuffer. Der schwere Herzog stützte sich vertraulich auf den feinen, schlanken Weißensee. „Das hat Er schlau gemacht,“ freute er sich. „Da werden wir noch lang unseren Spaß haben. So ein Heimlicher und Duckmäuser, mein Jud. Na, wir werden ihn frozzeln, daß er soll rot und blaß werden.“
So aber lag es nicht in der Absicht Weißensees. Jetzt fortgehen und den Juden ein weniges aufziehen, was war da groß? Darum hatte er sich nicht die Mühe gemacht. Der Jud war schlau, der Jud wußte, was er an dem Kind hatte. Er wird sie außer Landes schicken, fernab, jedenfalls wird er sie nicht an den Hof bringen wie er, Weißensee. Der Jud war gewitzt; und selbst wenn es ihn kitzelte, der Jud hatte den Magus, der ihn hielt. Ging aber der Herzog jetzt, dann war er kein zweites Mal nach Hirsau zu bringen. Dann mußte des Weißensee große, verzehrende Neugier auf immer ungestillt bleiben.
Der Kirchenratsdirektor sah das Kind vor sich, in die Ecke gepreßt, die großen Augen in dem mattweißen Gesicht verschüchtert, angewidert, und ein streichelndes, zärtliches Gefühl kam über ihn. Aber dieses Gefühl zerstäubte in der wilden, zerreißenden Neugier, die ihn ganz anfüllte, ihm süß beklemmend die Eingeweide heraufkroch, den Atem schnürte.
Er verlangsamte den Schritt, bat den Herzog, er solle sich nicht überanstrengen, riet, kleine Rast zu machen. Neuffer hatte noch Wein, Weißensee bediente den Herzog. Der trank. Weißensee lenkte immer von neuem die Rede auf das Mädchen; mit seiner höflichen, geschmeidigen Stimme, in halben Worten, sehr kennerisch, rühmte er ihre Reize, wie jung und doch reif sie sei. In solcher Blüte seien diese Jüdinnen schön und einzigartig, über allen Frauen, kühles Feuer wie südlicher Wein. Doch diese Blüte daure sehr kurz, dann seien sie welk und zum Abscheu. So müßten sie genommen werden, so, scheu und heiß wie die; wer der den Schaum abtrinke, der habe ein seltenes Glück gekostet und das ihm bleiben werde seiner Tage.
So träufelte er sein feines Gift in den Herzog. Karl Alexander trank, fühlte sein Blut wellen, steigen, fallen. Der Abend kam, Föhn ging in warmen Stößen, in den Bäumen nebelte vor ihm das Bild des Mädchens, ihre weichen, scheuen Formen; er schnaufte leise. „So mögen die Weiber ausgeschaut haben,“ sprach Weißensee seine Träume vor sich hin und sie galten dem Herzog, „die Weiber, die der König Salomo sich hielt. Tausend Weiber hielt er sich. So waren die Könige aus dem Alten Testament. Des Herrn Finanzdirektors seinem Testament.“ Und er lachte ein kleines, stilles Lachen.
Karl Alexander stand plötzlich auf, klopfte sich Reiser und welkes Laub des Waldbodens vom Rock, sagte, die Stimme gepreßt, zu Weißensee, er wolle noch ein weniges allein im Wald spazierengehen. Weißensee möge ihn bei den anderen Herren entschuldigen; sie sollten nicht auf ihn warten, sollten nach Hause kehren, ihm den Wagen zurückschicken; den Neuffer behalte er da. Der Konsistorialpräsident neigte sich, ging. Erst wie er allein war, atmete er hoch, breitete die Arme, verzerrte das bewegliche Gesicht, stieß seltsame, schnurrende, glucksende Laute aus.
Karl Alexander ging indes, so rasch es der lahmende Fuß zuließ, gefolgt von dem Kammerdiener, zurück durch den Wald, in den der Abend einfiel. Als er an das Haus mit den Terrassen kam, war es schon ganz dunkel, fetzig, schwärzlich zogen schnelle Wolken, kein Mond war, in starken, warmen Stößen riß ihm der Wind den Atem weg. Das gute Abenteuer! Jung war man, jung! Stieg über Zäune, schlich nächtlich durch den Wald. Ei, gut war das, besser als mit dem lausigen Parlamentsgesindel sich über Paragraphen streiten. Hätte man noch die Larve vorm Gesicht, fühlte man sich wie in Venedig so jung.
Schlug kein Hund an? Vielleicht hatte der Magus Zauberkreise gezogen, die Schwelle mit Hexerei gebannt, daß, wer sie überschritt, sich nicht regen konnte.
Er ließ den Neuffer zurückbleiben, umstrich späherisch das Haus. Er hatte sich den einfachen Grundriß leicht gemerkt. Dort war das Zimmer des Mädchens, es lag dunkel. Wo das Licht brannte, das war der Raum mit den magischen Zeichnungen. Sollte sie dort –? An dem Spalier war leicht hinaufzuklettern. Er wird ja sehen.
Leicht ächzend kletterte er ins Fenster. Ja, dort saß sie, Arme schlaff, ganz still, mit ihren großen, ängstlichen, ratlosen Augen. Pst! rief er sie flüsternd an, schmunzelnd, blinzelnd, schlau.
Sie schrak auf, sah das rote, massige Gesicht, die blauen, gierig hervorquellenden Augen. Warf krampfig den Oberkörper zurück, starrte vergraust auf den Schnaufenden. Er lachte: „Hab ich Sie erschreckt? Dummes Kind! Hab Sie keine Angst!“ Er schwang sich vollends ins Zimmer, kam schnaufend, schwitzend auf sie zu: „Gelt, da schaut Sie, was Ihr Landesvater für ein Kletterer ist.“ Sie, im letzten Augenblick, flatterte in die äußerste Ecke des Zimmers, sinnlos unhörbare Gebete lallend, kauerte sich in sich zusammen. Er, ihr nach, sprach beruhigend wie zu einem kleinen Kinde auf sie ein; doch seine grauenhafte Freundlichkeit ließ sie noch schreckhafter schauern. Die Augen wie gefrorene Seen, die Lippen weiß, starrte sie auf ihn, bis er endlich ungeduldig, brutal sie an sich riß, küssend über die Eiskalte herfiel, nach ihrer Brust tastete. Unter den Händen fort glitt sie ihm, schrie mit kleiner, tonloser Kinderstimme nach dem Oheim, riß sich los, gewann die Tür, wehte eine Treppe hinauf. Die Treppe führte zum Dach.
Oben angelangt, atmete sie heftig, hastig die nächtige Föhnluft ein. Der warme, feuchte Wind nahm sie in seine Arme, trieb sie vor. Sie lauschte hinter sich, es blieb still. Sie breitete die Arme, fühlte sich frei, der Oheim hatte geholfen, jetzt wehte der feuchte, wohlige Wind den Dunst und Atem des Tieres fort von ihr. Sie schritt, tanzend fast, vor an den Rand des sehr flachen Daches. Kamen nicht Stimmen aus dem Wald? Die tiefe, samten streichelnde des Vaters und die knarrende, mißlaunige und doch, oh! so tröstliche des Oheims. Und sie lächelte in die Nacht hinaus.
Da stapfte es die Treppe herauf, schnaufend, leise fluchend. Das Tier. Aber jetzt blieb sie ohne Angst. Da wehte es schon her vom Wald, ein Wagen mit luftigen Pferden bespannt, hielt am Dach. Lächelnd, mit gleitendem Schritt stieg sie ein.
Karl Alexander, wie er oben war, sah nichts. Sie war doch die Treppe heraufgeweht, und die bot keinen andern Ausgang. Hatte sie, Gift und Opperment! von den hexischen Künsten des Alten gelernt, sich in den Nachtvogel dort verwandelt, segelte sie dort als der schwarze Wolkenfetzen und lachte ihn aus? Verfluchtes, kleines Mensch! Er stand enttäuscht und grimmig, starker Wind ging, riß ihm den Rock zurück, die schweißklebenden Haare. Alter Esel, der er war! Hätte er doch unten den Judenbalg genommen, den zimpferlichen, über den Tisch ihn geworfen, nicht achtend das Gezier und Getue. Wozu in Teufels Namen war er der Herr? Jetzt kam er um seine Nacht, und die in Hirsau hatten recht, wenn sie ihn auslachten.
Verdrießlich tappte er sich die Treppe wieder hinunter. Der Fuß schmerzte ihn und er war hundsmüde. Mühsam und umständlich durchs Fenster stieg er aus dem Haus. Da hörte er flüsternd, furchtsam und erregt heiser die Stimme des Kammerdieners: „In den Blumen liegt sie!“ Er dachte, sie habe sich dort versteckt, lachte: „der Racker!“ hastete stolpernd durch das unsichere Dämmerlicht der Nacht in der Richtung, die Neuffer gewiesen.
Ja, da lag sie zwischen den Blumen. Die Blumen schwankten heftig im Wind hin und her, schüttelten tausend Arme, sie aber lag ganz reglos. Er rief sie schäkernd an: „Racker! Wie bist du bloß herausgekommen?“ Da sie nicht antwortete, griff er sie sacht beim Arm, bog ihr den Kopf zurück, tastete hastig, erschreckt sie ab. Erkannte, daß sie tot war. Begriff nicht.
Fetziges Gewölk jagte. Starkfarbig krümmte sich, wenig Licht gebend, der junge Mond. Der Diener stand abseits, scheu. Der Herzog von Württemberg aber kniete an der Leiche der jungen Jüdin, im Föhn, zwischen den Blumen, in dumpfem, ratlosem Unbehagen, ein armer, kleiner Mensch in Wind und Nacht.
Was eigentlich war geschehen? War sie ins Leere getreten? War es Absicht? Auf irgendeine Art war er mit dieser Toten verknüpft, war er Ursach dieses Todes.
Bah! Er hatte geschäkert ein weniges. Wer konnte ahnen, daß die Jungfer so zimpferlich war. Er hatte andere solchen Alters ganz anders angepackt; und was für welche! Töchter ersten schwäbischen Adels! Da brauchte die Jüdin sich nicht so zu haben und zu zieren. Es kam vor, daß Kinder, gab man ihnen nur ein böses Wort, ins Wasser gingen, sich was antaten. Das kam vor. Die waren eben verrückt, die gehörten nicht ins Leben. Da war der, so vielleicht Ursach war, ohne Schuld.
Dennoch konnte er das klemmende, pressende Unbehagen nicht loswerden. Der Jud hatte sie versteckt, so tief und heimlich versteckt, und nun lag sie doch und war starr und steif und der Jud hat sie mit aller Schläue nicht wahren können. Das blies einen an, wer weiß woher, und man war ausgelöscht. Absonderlich war das und sehr verwickelt. Da war sie vorhin noch im Licht gesessen und ihre Augen hatten gebrannt von Leben und jetzt lag sie da in der Nacht und kein warmer Wind half ihr vorm Erkalten.
Der Wald lag schwärzlich, feindselig und voll Geheimnis. Stimmen kamen aus ihm, verwirrend, höhnisch. Den Mann im Föhn überschauerte es. Kindheitsmärchen nebelten herauf, bliesen ihn an, Vorstellungen von einem Zauberwald, gefüllt mit verdammten Geistern, es zerrte ihn im Nacken, an den Haaren, lange, gespenstische Arme streckten sich. Und plötzlich wieder schritt er in jenem stummen, schattenhaften Tanz; der Magus vor ihm hielt seine rechte Hand, Süß hinter ihm die linke. Tanzte da nicht auch nickend, sich neigend das Mädchen mit im Reigen? Und er hörte die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus. Er hörte deutlich jeden Laut, strengte sich an, zu verstehen; aber er verstand nicht. Dies quälte ihn. Und alles war so trüb, nebelhaft, farblos.
Mit einem knurrenden, bösen Laut riß er sich los aus der Gebundenheit. Er war hundsmüde, er wird jetzt schlafen. Da lag eine Tote im Wind. Je nun, er hat schon viele Tote gesehen. Wenn er eine Attacke befahl und dann lagen die Toten herum, war schließlich auch er die Ursach. Das war Unsinn und überhirnisch, darüber lange zu meditieren. Was hing er mehr Gedanken an die tote Jüdin als an tausend brave christliche Offiziere und Soldaten, die rings um ihn, durch ihn gestorben waren? Dafür war er der Herzog. Das hatte Gott so eingerichtet, daß, wo er hintrat, Leben blühte oder Tod einfiel.
Er wird also jetzt schlafen gehen. Und das Mädchen? Sie so liegen lassen? Ihr schadet freilich kein Wind und kein Regen mehr. Wenn er jetzt geht, dann ist die Affäre aus, fertig, finito. Die Domestiken werden morgen das Mädchen finden, den Süß benachrichtigen. Der wird sich zergrübeln, warum sie eigentlich und wieso tot ist. Aber vermutlich wird er weiter keinen Schnaufer tun. Hüten wird er sich. Eingraben in aller Stille wird er sein Mädchen und das Maul halten. Und die mit ihm waren, Weißensee und die anderen, item. Aus sein wird die Affäre, tot und stumm und begraben, und Schluß. Ex, ex, ex!
Er wird also – Nein, er wird nicht. Soll er sich etwa davonmachen? Hoho! Das könnte ja aussehen, als hätte er Angst vor dem Juden. Wecken wird er die Domestiken, einen Reitenden wird er dem Süß schicken, ihn abwarten hier, ihm sagen: Nette Historien stellst du an, du Filou! Da findet man dein Mädel, im Wind, tot. Hättest du sie nicht versteckt, du Jud, du Heimlicher, du Heimtückischer, hättest du sie nach Stuttgart gebracht, nie wäre das arriviert.
Ein großer Schlag und dickes Unwetter mußte das ja sein für den Juden. Das verfluchte, unheimliche, rätselvolle Pack! Erst zwang er einen in die Lächerlichkeit und das Unbehagen mit dem Eßlinger Handel hinein. Und auf einmal hatte er dann dieses sonderbare Kind, und wie man es anfassen wollte, war es tot. Die Geschichte wäre nie aus und ex gewesen, auch wenn er jetzt einfach wegginge und nach Stuttgart zurückführe und niemals jemand ein Wort darüber spräche. Das Gesicht dieses Kindes war schwerer zu vergessen als tausend tote, verzerrte, zerstümmelte Soldatengesichter. Er rief sich das Gesicht des Juden zurück, sehr weiß mit den roten, kurzen, üppigen Lippen, den fliegenden, wölbigen Augen. Mattweiß war es wie das Gesicht des Kindes. Wie sich der Kerl gleich zuerst an ihn herangemacht hatte, in ihn hereingeschlüpft war mit seinem verfluchten, sklavischen, orientalischen Hundeblick. Freilich, wenn man es durchdachte, war damals nicht viel aus ihm herauszuholen gewesen. Ein kleiner Prinz, dem nicht einmal das Parlament die paar Batzen Vorschuß verwilligte, groß Kapital und Zins war aus dem nicht herauszuschlagen. Und wenn es schließlich auch anders ging und der Süß sein Vertrauen sich mit Wucher bezahlen ließ, gut war ihm zum Ende das Geschäft doch nicht bekommen. Wenn ihm schon an dem Juden Jecheskel soviel lag, mußte ihm wohl das Kind, das zärtlich gehütete, noch viel mehr sein. Und da lag es jetzt auf dem Boden, ein Häuflein Würmerfraß, und lag im Wind und war tot.
Los sein! Den Juden los sein! Er wird ihm aufsagen. Er soll sein ganzes Vermögen und Gold und Edelsteine und Verschreibungen und was er sich alles aus dem Land ergaunert hat, mit sich nehmen, ungehindert. Er wird ihm noch ein riesiges Douceur zulegen. Aber fort soll er! Gehen soll er!
Nein, er soll doch nicht gehen. Das wäre, als hätte er ein übles, drückendes Gefühl bei seinem Anblick. Er wird ihm doch nicht aufsagen.
Aber Schluß jetzt! Er wird sich das später überlegen. Jetzt wird er sich, Teufel noch eins! schlafen legen. Er ging ans Tor, pochte laut, brutal. Wies dem öffnenden, verschlafenen, mürrischen alten Diener die Leiche. Ging ohne weitere Erklärungen an dem Versteinerten vorbei. Das tierhafte Gestöhn des Alten, das Gewinsel, Gezeter, Gelalle der aufgelösten Zofe. Karl Alexander kümmerte sich um nichts, ging ins Haus, hatte für die zaghaften Vorstellungen des Neuffer, der sich in dem verzauberten Haus mit der Toten ängstigte, nur eine zornige Grimasse. Warf sich in den Kleidern auf eine Ottomane. Schlief röchelnd, schnarchend, totenhaft tief.
Als er erwachte, strahlte klarer Tag ins Zimmer. Er fühlte sich steif und schmutzig. In einer Ecke, eingenickt, kauerte der Neuffer. Karl Alexander streckte sich. Ah, er wird jetzt das unbehagliche Haus verlassen, nach Hirsau zurückkehren, in den bequemen Räumen des Weißensee baden, gut frühstücken. Den Juden abwarten, ihm auf die Schulter klopfen, ein paar fürstlich huldvolle Trostworte sagen. Und damit war dann diese Jagdpartie erledigt, und es war nur schade, daß sie nicht so angenehm endigte wie sie anging. Er trat hart auf, daß der Neuffer aus dem Schlaf schrak und sich aufrappelte. Ging dann, bis der sich zurechtmachte, in die Studierstube. Da lag die Tote, die Fenster waren verhängt, große Lichter brannten, auch das magische Bild des Himmlischen Menschen war verhängt. Zu Häupten des Mädchens aber stand Rabbi Gabriel. Ueber der platten Nase die trübgrauen Augen hoben sich nicht, als der Herzog eintrat. Der Rabbi fragte nichts, forschte nichts. Mit seiner knarrenden, mißlaunigen Stimme sagte er: „Gehen Sie, Herr Herzog!“ Und der Herzog, betreten, ging. Er zürnte nicht, es war eine große Dumpfheit und Benommenheit über ihm, er verließ das Haus, er sah nicht, wie festlich und heiter die Blumen in dem hellen Tag standen, er sprach nicht mit dem Neuffer, der ihm ängstlich und nach einem Menschenwort gierig folgte, er ging eilends, ging durch den Wald, und bis er an den Karrenweg kam, wo der Wagen wartete, sprach er kein Wort.