Jud Süß

Part 29

Chapter 293,578 wordsPublic domain

Häufiger wieder ging sie zu Beata Sturmin. Schon war ihr die blinde Heilige kein törichtes, altes Mädchen mehr, die Stille, in der sie selber lebte, war ihr in Gegenwart der gefriedeten, frommen, begnadeten Frau minder kahl und dumpf, ja, manchmal fühlte sie diese Stille fast körperlich wie einen guten, warmen Mantel.

Bei der Beata Sturmin traf sie öfters den Stadtdekan Johann Konrad Rieger, Stuttgarts besten Prediger, und seinen jüngeren Bruder Immanuel Rieger, Expeditionsrat. Johann Konrad, der Prediger, konnte seine flutende Beredsamkeit auch in der ruhigen Stube der Heiligen nicht zügeln. Er war ein gutmütiger, rechtschaffener Mann, aber warum sollte er nicht wuchern mit dem Pfund, damit die Gnade des Herrn ihn begabt? Und er breitete seine schönen, dunkelhallenden Worte vor seine Hörer wie kostbaren Samt, damit sie sich daran ergötzten. Magdalen Sibylle ward durch den beredsamen Mann an Johann Jaakob Moser erinnert, den sie zuweilen bei Marie Auguste traf, und einmal sprach sie auch von dem Publizisten und seiner geübten Rhetorik, harmlos und ohne große Anteilnahme. Aber da schwoll der sonst so gütige Prediger giftig an, er geiferte gegen die satanische Eitelkeit jenes Redners, und wie überhaupt solche profane Rhetorik Blendwerk sei und Erfindung des Teufels, und die blinde Heilige konnte die Wut des Mannes gegen den weltlichen Konkurrenten nur mühsam zähmen, bis er endlich, noch lange nachgrollend, sich beschied.

Immanuel Rieger, der Expeditionsrat, hörte ehrbar und andächtig zu, wenn sein berühmter Bruder sprach. Er war ein kleiner, hagerer, unscheinbarer Mensch; um seinem knabenhaft schüchternen Gesicht ein bißchen Männlichkeit zu geben, trug er der Mode zuwider einen kurzen Schnurrbart. Sehr geneigt, an jedem Menschen nur das Gute zu sehen, betrübte es ihn tief, daß sein Bruder über den allseitig verehrten Publizisten sich derart abfällig äußerte; doch seine Bescheidenheit wagte nicht, seine abweichende Meinung anders als durch leicht wehrende Handbewegungen kundzutun. Es war dem fleißigen und gewissenhaften Beamten ein tiefes, inneres Bedürfnis, es war seine Erholung und einzige Lust, große Männer verehren zu dürfen, und es war nicht sehr schwer, ihm als großer Mann zu gelten. Es gab so viele Leute, die Gott mit hohen Gaben reich begnadet hatte, er sah gerne voll Hingebung und wahrer Bewunderung zu ihnen auf, er war selig, in dem Kreis der blinden Heiligen mit so vielen wahrhaft bedeutenden Männern und Frauen verkehren zu dürfen.

Zu Magdalen Sibylle blickte er in hemmungsloser Verehrung, knienden Herzens empor. Welche Frau! Welche Märtyrerin! Dieses reinste und tugendhafteste Weib des ganzen schwäbischen Kreises, was mußte sie gelitten haben, wieviel tausend Tode mußte sie gestorben sein, als der ketzerische Souverän sein Aug auf sie warf. Sein Aug auf sie warf, eine andere Formulierung wagten seine dreistesten Träume nicht. Und wie würdig trug sie, diese mit allen Wundern des Leibes und der Seele begabte Heilige, ihre Dornenkrone.

Schüchtern wagte der kleine, unscheinbare, schnurrbärtige Herr manchmal ein Wort an sie. Er sprach nicht von seiner ungeheuren Bewunderung, nie hätte er sich des erkühnt, er sprach von einem gemeinsamen Bekannten, dem Magister Jaakob Polykarp Schober in Hirsau. Magdalen Sibylle lächelte ein kleines, zwielichtiges Lächeln. Ach Hirsau! Ach der dickliche, gutmütige, pausbäckige Magister! Der Duft gebratener Aepfel und der andächtige, plärrende Gesang vom Himmlischen Jerusalem floß in ihrer Erinnerung zusammen. Unterdes sprach der Expeditionsrat Rieger weiter von dem Magister, er erzählte bescheiden, umständlich und mit großer Achtung von seinen Poesien, von dem Lied: „Nahrungssorgen und Gottvertrauen“ und auch von jenem andern: „Jesus, der beste Rechenmeister“, und Magdalen Sibylle hörte den ehrbaren Worten des Expeditionsrats still und friedlich zu.

Die grenzenlose, andächtige Verehrung, die aus seinem ganzen Wesen so selbstverständlich zu ihr aufstieg, tat ihr wohl. Ihr Leben bei Hof, auch wenn sie nur die nötigsten Visiten erstattete und empfing, warf ihr zahllose Menschen vor die Augen, die sich vor ihr sehr künstlich und krampfig zierten und vermummten, mit ihrer sehr absonderlichen Stellung nichts anzufangen wußten. Sie war Mätresse des Herzogs und Pietistin und Freundin der katholischen Herzogin, das reimte sich nicht, daraus konnte man nicht klug werden. So stieg aus den Menschen, mit denen sie zusammenkam, ein dumpfes Gemisch von Spottlust und Befangenheit und Unbehagen und frecher Neugier und Servilität zu ihr auf, dergestalt, daß ihr ein unverfälschtes, freies Menschenwort sehr selten ins Ohr klang. Deshalb ging ihr die naive, selbstverständliche Bewunderung des Mannes freundlich ein.

Sie sehnte sich immer mehr nach Ruhe und kleinem Leben. Dem wilden und leeren Getriebe des Hofes, dem glänzenden und aufreibenden Apparat der Macht schrieb sie es zu, daß Süß kein inneres Aug für sie hatte, und dieses höfische Dasein ward ihr mehr und mehr zuwider. Es gor etwas hoch in ihr von dem dumpfen, vererbten Haß ihrer Vorfahren gegen die glänzenden, brausenden Herren; unter den Eltern ihrer Mutter war einer Führer im Aufstand des Armen Konrad gewesen und schmählich hingerichtet worden. Sie richtete ihr Haus vor dem Tor immer schlichter ein, kleidete sich immer fraulicher und bürgerlicher, verschmähte, wo es ging, die Perücke. Karl Alexander, der wenig mit ihr zu reden wußte und sie eigentlich nur mehr deshalb hielt, weil er glaubte, diese Liaison stehe ihm gut und sei populär, sah erstaunt zu, begnügte sich aber, da auch die Herzogin belustigt mehr als chokiert schien, mit verständnislosem Kopfschütteln.

Wer aber Magdalen Sibyllens Verbürgerlichung mit tiefem, machtlosem und erbittertem Kummer sah, war Weißensee. Er war der Tochter nie nahegekommen, ja, das ernsthafte, schwersinnige Mädchen war ihm die Jahre in Hirsau über eigentlich etwas unbequem gewesen. Aber doch war sie seine Erfüllung und heimlicher Stolz. Sie war aus feinerem Stoff als die anderen Menschen, sie war anders, über ihnen. Sie hatte ihre eigene Luft um sich, und selbst der Skeptiker, auch wenn er lächelte, sprach zarter zu ihr und unwillkürlich achtungsvoller. Der sehr kluge und urteilskräftige Mann wußte genau, daß ihm bei aller Begabung letzte menschliche Schwerkraft fehlte, daß er kernlos war; Magdalen Sibylle aber hatte diesen Kern, ihr Schritt, ihr Atem, ihre Stimme hatte jenes natürliche innere Gewicht, er sah in ihr seine Vollendung, daß sie seiner Lenden Kind war, schien ihm Rechtfertigung vor sich selbst. Er wagte an ihr auch keine heimliche innere Kritik. Einerlei, was sie war, ob Dame, ob Heilige, sie war jedenfalls gemeinen Menschen fern und unerreichlich, war anders, Inhalt und Zweck einer höheren, in sich geschlossenen Welt. Als dann der Herzog kam und sie zertrampelte, konnte dies, so sehr es ihn umwarf und aushöhlte, an ihr Bild in seinem Inneren nicht rühren. Sie war in Gestalt eines schwäbischen Mädchens Athena, unter die Sterblichen sich mischend, oder eine Halbgöttin zumindest.

Wie sie aber in Kleidung, Lebenshaltung und Wort mehr und mehr verbürgerte, zerbrach ihm dieser sein liebster Gedanke, seine kräftigste Stütze und bestes Argument gegen Selbstvorwurf und nagendes Nichtgenügen. Oh, diese schien nicht nur, sie war eine Bürgerfrau. Die philadelphische Schwärmerin, die marmorstarre Herzogsmätresse, ihrer Allmacht nicht achtend, mit der Seele auf einem anderen Stern zu Haus, waren Verpuppungen gewesen. Die nüchterne Bürgerfrau, praktisch im Alltag wirkend und an ihm zufrieden, war die ridiküle, endgültige, höchst ordinäre letzte Form und Wirklichkeit. Wäre sie Komödiantin geworden, Vagantin, Herzogin, Hure, Heilige, nichts hätte seinen Glauben an sie entwurzelt. Nur dies Eine durfte nicht sein, in die Reihen der braven, gemeinen, niedrigen, alltäglichen anderen durfte sie nicht zurückschrumpfen, diese Enge, diese schlechte, muffige Luft durfte nicht die ihre sein.

Mit feiner Spürung witterte er, daß auch an dieser nüchtern endgültigen Wandlung Magdalen Sibyllens der Jude schuld war. Auch jetzt nicht überkam ihn billiges Rachegelüst. Nur die Neugier verstärkte sich, die feine, rätselvolle, kitzelnde, bohrende Neugier: Was wird jener tun im gleichen Fall? Wie wird sein Gesicht sich ändern, seine Haltung, seine Hände? Diese Neugier stach ihn spitz, war wellig um ihn, wenn er einschlief, kroch ihm juckend, kratzend vom Kreuz her die Wirbelsäule hinauf, füllte ihn ganz an.

Mit dem Glauben an die Tochter brachen seine letzten Hemmungen nieder. Er hatte damit rechnen müssen, daß seine Stellung bei Hof, seine Teilnahme an dem katholischen Projekt auf die Dauer sich nicht vereinen lassen werde mit der Zugehörigkeit zum engeren parlamentarischen Ausschuß. Aber als man ihn dann, seine Krankheit nutzend, in der mildesten Form aus der Elfer-Kommission ausschloß, wurmte es ihn doch tief und schmerzhaft. Er nahm nun ohne weitere Rücksichten immer offener Partei für die Regierung des Herzogs. Klüger und von feinerer Witterung als der plumpe Remchingen, der gierige Pancorbo, hatte er sich an den Treibereien gegen Süß nicht beteiligt, der scheinbaren Lähmung und Ohnmacht des Juden nicht trauend. So konnte er jetzt am leichtesten die Verbindung zwischen den Trägern des katholischen Projekts und dem Finanzdirektor herstellen, ohne den es nun einmal offensichtlich nicht ging. Er kam im Hause des Süß mit den Kapuzinern aus Weil der Stadt zusammen, auch mit einem italienischen Abbé, einem Abgesandten des Fürstabts von Einsiedeln. Ging Weißensee zu solchen Zusammenkünften, so betrat er zwar das Haus des Süß der Form wegen durch die Hintertür, doch tat er es am lichten Tag und so ostentativ, daß solche Heimlichkeit als Herausforderung wirken mußte. Von den alten Freunden Bilfinger und Harpprecht löste er sich immer mehr; sie sahen ihn ernst, traurig und ohne Haß in heil- und ruchlose Verstrickung sinken.

Enger von Tag zu Tag schmiegte er sich dem Herzog an, nützte jetzt bedenkenlos die seltsame Stellung als illegitimer Schwiegervater. All seine Menschenkunde bot er auf, sich den Launen Karl Alexanders einzupassen, und der Herzog, seinen engeren Ratgebern noch grollend wegen der Intrigen gegen den Süß und vor diesem unbehaglich und ohne die frühere Vertraulichkeit, ließ sich die Schmeichelei und Willigkeit des Weißensee gern gefallen. Viele von den kleinen Diensten, die früher der Jude besorgt hatte, Entlohnung persönlicher Verpflichtungen, Zuführung und Abfertigung von Frauen und mehr dergleichen, nahm nun unmerklich und gewandt der Kirchenratsdirektor auf sich. Der würzburgische Geheimrat Fichtel freute sich, daß sein verehrter Freund nun hemmungslos Hofmann geworden; viel lieber als den zwielichtigen Juden, mit dem man sich so schwer zurechtfand, sah er den von ihm wohlgelittenen Weißensee als Vertrauten und intimsten Begleiter des Herzogs. Er gönnte dem Konsistorialdirektor von Herzen Einfluß und Macht, und oft, wenn er, behaglich den heißen Kaffeetrank schlürfend, mit ihm zusammensaß, gab er ihm, doch nur vorsichtig und indirekt, Winke, wie er solche Vertraulichkeit des Herzogs noch weiter nähren und festigen könne.

Weißensee lenkte, um ihn enger zu fesseln, Karl Alexander auf raffinierte, lasterhaft künstliche Abwege, und der an sich gesunde Mann, der an solchen Genüssen im Grund wenig Geschmack fand und derbere Kost vorzog, glaubte es doch seiner fürstlichen und weltmännischen Reputation schuldig zu sein, auch von diesen Tafeln zu probieren. Der Prälat verschaffte ihm Frauen, die ihm eigentlich gar nicht gefielen, die aber in dem übersättigten Paris gerade Mode waren, und er verschaffte ihm welsche Arcana und Aphrodisiaca; er führte ihn immer tiefer in den vergifteten Garten und machte sich als Mentor unentbehrlich. Seltsam war, daß die Herzogin Karl Alexander nicht gern in dieser Freundschaft sah. Sie war durchaus nicht prüde, sie liebte es, sich von lasterhaften Dingen erzählen zu lassen, und bekam dabei ein angestrengt nachdenkliches, verträumtes Gesicht; sie liebte auch auf ihre Art das Antlitz des Vaters, das zerknittert war von vielen kundigen und verderbten Fältchen. Doch das Gesicht des Weißensee, vielleicht weil seine Verderbtheit nicht ursprünglich, sondern umwegig war, gehörte zu den wenigen, die sie nicht leiden mochte.

Karl Alexander pflegte große, glänzende Jagden zu veranstalten, er wandte ungeheure Summen daran; in einem seiner Wälder ließ er einen künstlichen See anlegen, das Wild hineinzutreiben. Bei solchem Anlaß regte Weißensee an, man solle doch einmal in ganz kleiner Gesellschaft jagen gehen. Eine Jagd wie die heutige sei eine Repräsentation, kein Divertissement. Der Herzog stimmte zu. Später gelegentlich sprach der Kirchenratsdirektor von dem schönen, wildreichen Forst bei Hirsau; es wäre vielleicht willkommene Abwechslung, dort einmal ohne Jagdschloß, Komfort, große Dienerschaft, inkognito, nur von zwei, drei Herren akkompagniert, ein paar Tage zu bleiben, auszuruhen, die Krone abzutun, wie ein Landedelmann sich den Freuden der Jagd hinzugeben. Welche Ehre es ihm sei, die Durchlaucht als Gast in seinem Haus dort zu begrüßen, davon wolle er nicht erst reden. Karl Alexander nahm ohne Umstände und vergnügt an, Weißensee hatte Tag und Stunde seiner Proposition geschickt gewählt; auch traf es sich gut, daß der Herzog nur zweimal in dem berühmten Kloster gewesen war. Schon für die allernächste Zeit, und um das Inkognito zu wahren, in großer Heimlichkeit wurde die Partie festgesetzt.

Von da an zeigte Weißensee eine merkwürdige Geschäftigkeit und Gehobenheit. Er verjüngte sich, sein Gang wurde schmiegsamer, behender, seine klugen Augen faßten mit tieferem Glanz nach Menschen und Dingen. Sehr suchte er die Gesellschaft des Süß; wann immer es anging, war er um ihn. Ein kleines, wollüstiges Lächeln um den feinen, schmeckerischen Mund hörte er zu, wenn er sprach, den schmalen, gescheiten Kopf beflissen, wie schnuppernd vorgeneigt. Wenn Süß es nicht achtete, schaute er ihn dann wohl auf und ab, gierig fraß er seinen Anblick in sich hinein, und der andere, leicht überfrostet und nicht wissend, woher, stockte unbehaglich und verstummte endlich ganz.

* * * * *

Rabbi Gabriel verließ das Haus mit den Blumenterrassen, begann eine seiner einsamen Reisen.

Durchquerte von West nach Ost Schwaben, wandelte in Augsburgs stattlichen, alten Straßen, scheu umgafft. Fuhr, blöd und mißtrauisch angestarrt, in die farbige Residenzstadt des bayrischen Kurfürsten. Bog nach Süden in die Berge. Am Fluß lag behäbig hingebreitet, bunt, ein lärmender Markt. Von da an wurde das Tal enger, verwinkelter, die Straße folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Hoch oben auf einer Matte lag zwischen weiten, weißlich braunen, riesig getürmten Wänden ein kurfürstliches Jagdhaus.

Die Straße gabelte sich. Rabbi Gabriel tauchte in dicken, endlosen Forst. Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang stieg er, der hell und fröhlich laut durch den dunklen Wald seine Bahn brach. Der Kabbalist überschritt die Grenze, betrat kaiserliches Gebiet. Schweigend und in großer Einsamkeit lag die Gegend; wo das Flußtal sich weitete, nach einer Wanderung von fast zwei Tagen, stieß er auf ein paar ärmliche Häuser um eine kleine Kirche. Hier nächtigte er.

Wenige Meilen später sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem er bisher gefolgt war. Vorher zweigten drei Nebentäler ab, von Gießbächen gebildet, die in den Fluß des Haupttales mündeten. Er folgte dem ersten. Es stieg nicht sehr rasch an, war freundlich ernst, die Bergwände waren hoch hinauf bewaldet. Er folgte dem zweiten. Es war sehr kurz, stieg rauh und beschwerlich und endete bald in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter, grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Er folgte dem dritten. Dies war länger und weiter als die anderen. Der Bach, der es gebildet, hatte minder starkes Gefäll, oft verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Rabbi Gabriel stieß auf Weidengehölz, auf Moorboden. Weiter oben stand eine verlassene, ganz kleine Hütte, die letzte offenbar dieser Gegend.

Der Tag war bewölkt, nicht warm, aber schwül. Der dickliche Mann atmete schwer, wanderte weglos und mühsam.

Hinter der Hütte, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig stand plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume standen groß und sehr still, kein Hauch ging, kein Blatt rührte sich. Nur undeutlich sah man durch die Bäume die riesigen, weißen Bergwände, die weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Beklemmend lastete die Luft, der Hain der alten, ernsten, fahlfarbigen Bäume war zwischen den Bergen wie aus einer südlichen Landschaft hergehext, leibhaft fast lag die tiefe, drückende Stille, das ganze, reglose Tal war verzaubert, man stand eingesperrt in ihm wie am Ende der Welt.

Der Rabbi hockte nieder, schwer, müde, leicht ächzend, unter einen Baum. Er zog heraus einen Brief des Süß in hebräischen Lettern, einen ernsthaften, mit einer fast gekränkten Frommheit angeschminkten Brief. Er vertiefte sich in die Schriftzüge, trank sie ein. Senkte dann den Kopf zum Schoß, zwang das Gesicht des Mannes vor sich, der nach seiner Seele jagte, des Mannes, an den er gefesselt war. Ihm helfen! Der verschütteten Seele an den Tag helfen, daß die eigene, mit jener verkettete, leichter atme.

Doch dieses Tal war zur Vertiefung nicht der rechte Ort. Oh, dieser Druck der reglosen Luft! Hatte Samael, der Linke, seine mächtigsten Geister hierhergeschickt, ihn zu engen und von seinem Werk abzuziehen? Errette meine Seele vom Schwert und mein Leben aus der Gewalt des Hundes!

Unheimlich reglos, leichenhaft, standen die fremdartigen, unerwarteten Bäume. Ei, Dämonen überall, gestaltlos und in Myriaden Gestalten, waren um den Menschen und beirrten den zur oberen Welt Dringenden. Eingebannt in Millionen Dinge büßen die Seelen der Toten, eingebannt in Tier und Pflanze und Stein. Eingekörpert in die summende Biene ist die Seele des Schwätzers, der das Wort mißbraucht, in die zuckende Flamme der Unkeusche, in den stummen Stein der Schmähsüchtige und Verleumder. Rabbi Isaak Luria, der weise war vor den anderen Menschen, sah die Seelen, die aus den Körpern herausgingen, auch der Lebenden, wenn sie an den Sabbat-Abenden zum Paradies emporflogen.

Oh, könnte er jenes Mannes Seele sehen! Zu ihr reden, mit ihr reden, ihr helfen. Die Seele des Menschen, der dahinhetzt über die Erde nur um der Güter dieser Erde willen, fährt nach dem Tode in Wasser. Ruhelos im Wasser wellt sie hin und her, zerwälzt, zerrieben, hundertfach zerstäubt in jedem Augenblick. Kennten die Menschen diese Pein, sie hörten nicht auf zu weinen. Mann, rastloser, jagender, gehetzter! Denk es! Denk es, Mann!

Dumpfer umschnürte es ihn, drückender, atemsperrender. Zwang ihn, aufzuschauen. Zwischen dem Laub tausend Augen waren auf ihm, die Augen des Kindes, die bräunlich goldenen, erfüllten, ja, sein Herz setzte aus, Naemis Augen. Und sie riefen, flehten mit dringlicher, inniger, angstvoller Beschwörung: „Hilf!“

„Hilf!“ riefen sie, immer dringlicher, gepreßter, flehender, und ließen nicht ab von ihm. Er strich sich über die Stirn, strich sich das Geträume weg, lehnte den Kopf zurück, schaute hinauf zum Himmel. Da waren Wolkenfetzen, seltsam geordnet, sie standen starr und zogen nicht. Jäh erkannte er, sie formten Buchstaben, zwei hebräische Buchstaben, die sagten: „Hilf!“ Weg riß er das Antlitz, da sah er, die Aeste des Baumes, unter dem er saß, formten die gleichen Buchstaben: „Hilf!“ Die Wurzeln die gleichen: „Hilf!“ Aufsprang er, schwer atmend, schwitzend, trockenen Gaumens, überschauert die Haut des Rückens; die Eingeweide kroch es herauf, engte wie Reifen die Brust. Er ging zurück. Die Rinnsale in den Bergwänden, der Lauf des Baches, alles immer wieder formte die gleichen Buchstaben, das ganze stumme Tal war ein Mund, seine Wände, Steine, Wasser flehten dringlich, beschworen ihn, schrien in Not und Graus: „Hilf!“

Da hastete der dickliche Mann in seinen schweren Kleidern das Tal hinab, keuchte, stolperte, fiel, hastete weiter. Kam zu Menschen, hetzte seine Straße zurück, auf Maultieren, Pferden, im Wagen. Im Nacken die bräunlich goldenen, dringlichen, angstvollen Augen des Kindes, gepreßt ins Hirn die jagenden, beschwörenden, schreienden Buchstaben: „Hilf!“

In Hirsau, in den stillen, geräumigen Stuben des Weißensee, mit den großen Vorhängen, saßen mit dem Hausherrn der Herzog, der geschmeidige Geheimrat Schütz mit der Hakennase, der knarrende Major von Röder mit den rohen, fast immer behandschuhten Tatzen. Noch hingen im Raum die kindlich verschwärmten Gesichte Magdalen Sibyllens, noch sah der Vater das Mädchen sitzen im stillen Kreis der Lampe über ihrem Buch mit kindhaft wichtigem Antlitz, verschlossen. Sah sie, wie sie früher war, die bräunlichen, flaumigen, männlich kühnen Wangen, die blauen, starken Augen in dem seltsamen Widerspiel zu dem dunklen Haar. Wieviel Licht, ach, und Hoffnung hatte er gesogen aus diesem Gesicht! Wie trüb und frostig war es erloschen!

In dem Raum, der noch erfüllt war von seinen Erwartungen, von seiner Arbeit an dem Bibelkommentar und von den Träumen des Mädchens, soff und gröhlte jetzt mit seinen Kumpanen der vergnügte Herzog. Karl Alexander fühlte sich jung, frisch, sauwohl. Er hatte den grünen Rock weit offen, das Wams gelüftet, das blonde, melierte Haar frei. Das war ein blitzgescheiter Gedanke gewesen, hierher zur Jagd zu gehen. In Stuttgart und Ludwigsburg standen die Affären vortrefflich, das katholische Projekt marschierte mit guter Chance. Dazu das neue Mensch an der Oper, die Ilonka, die ihm vortrefflich anschlug; man hätte sie eigentlich können mitnehmen. Aber nein, es war doch besser so. Tags nur Wind ins Gesicht, abends Wein und gutes, kräftiges Männergespräch. Keine Weiber! Keine Politik! Kein Parlamentsgesindel! Wie war man jung! Man spürte, _mille tonnerre_! nichts von seinen Fünfzig. Wie konnte man noch lachen und an nichts als einem bißchen Wald und einem guten Schuß seine Lust haben.

Der Neuffer ging auf und ab und schenkte Wein ein. Im Dämmer, außerhalb des Lichtkreises der Lampe, hockte stumm der Schwarzbraune. Karl Alexander trank stark, streckte die Beine vor sich, lachte dröhnend über die plumpen Zoten Röders, die feinen Weißensees, über die sehr schweinischen Anekdoten, die Herr von Schütz vornehm und untermischt mit vielem Französisch hernäselte. Erzählte dann selber, Geschichten aus dem Feldlager, Aventüren aus seiner Venetianer Zeit.

Mit ingrimmiger Lust hörte Weißensee zu. Wenn man es recht überlegte, war der Jude daran schuld, daß er jetzt mit dieser Roheit und stumpfem Gewäsch seine weißen Stuben verschmutzen mußte. Ei nun, wenn man was wissen wollte, wenn man neugierig war, dann mußte man wohl zahlen für solche Neugier. Aber lohnen wird es, es wird lohnen!

Als die Herren zu Bett gingen, schwer vom Wein, sagte Weißensee dem Herzog, er habe für den morgigen Nachmittag eine Surprise bereit. Er rate submissest, man solle ausschlafen morgen, dann gut tafeln und dann werde er Seine Durchlaucht in den Wald führen und seine feine Ueberraschung vorzeigen. „Weißensee!“ lachte der Herzog. „Alter Fuchs! Exzellenz! Präsident! Ich bin zufrieden mit Ihm. Er weiß für jeden Tag was Neues. Er ist ein sehr brauchbarer Prälat.“ Und er klopfte ihm auf die Schulter und torkelte in sein Schlafzimmer.

Anderen Tags, dampfend vom vielen Essen, dunstend von den alten Weinen des sachkundigen Weißensee, fuhr man. Erst die Landstraße entlang, dann abzweigend einen Karrenweg. Ließ hier den Wagen zurück, folgte einem Fußpfad, stand schließlich vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick weiter.