Part 28
In der Stille des weißen Hauses mit den Blumenterrassen nahm Süß das Schicksal seines Vaters in die Hand, beschaute es, drehte es hin und her. In der langen Weile überkamen die alten Anfechtungen den rastlosen Mann. Wenn er nun zu seiner väterlichen Herkunft sich bekannte, wer durfte ihn darum tadeln? Er hatte zur Genüge gezeigt, daß er demütig sein konnte: hatte er nicht nach solcher Probe das Recht, aus der Demut aufzutauchen in den Glanz, der ihm rechtens zustand? Wenn er jetzt die Stricke zerschneidet, die ihn immer wieder hinunterreißen wollen zu den Verachteten, kaum daß er eine Sprosse aufwärts klomm? Wenn er den Schmutz und den Ekel und die Verachtung der Menge abstreift, die als an einem Juden an ihm kleben? Wenn er sein schönes Kind an der Hand nimmt, aus der Vermummung schlüpft wie der arabische Kalif und strahlend, daß ihnen das Grinsen stirbt, unter seine frechen Gegner tritt, nicht nur an Genie ihr Erster, nein, Christ auch und Edelmann von Geburt?
Hochmütig steilten die Tulpen in seine Träume, ein weißer, besonnter Würfel lag das Haus. Flüchtig schatteten hinter seinen Erwägungen die seltsamen Formen der magischen Figuren, die blockigen hebräischen Buchstaben, schematisch stand der himmlische Mensch, es blühte der kabbalistische Baum.
Sein Vater. In Braus gelebt, in Schmach verkommen, im Kloster gestorben. Je nun, ihn hatte das Glück verlassen, das Leben von sich gestoßen, er war ohne Erfolg. Was blieb ihm übrig als nach seiner Seele zu jagen? Wer keinen Erfolg hatte, der mußte sich wohl verkriechen und nach innen schauen. Bei ihm, Süß, lagen die Dinge anders. Er hatte Erfolg. Ihm schmiegte sich das Leben, schmeichelte ihm, duckte sich ihm, unterworfen, gezähmt.
Er sah auf. Der Oheim stand vor ihm. Ei, hatte er ihn ertappt? Der Schleicher, der Spionierer, der nach jedem Gedanken jagte, den er einem höhnisch hinhalten konnte. Ach, er wird nie mehr so unbeschwert leben können wie früher. Wenn er es täte, was doch nur natürlich und sein gutes Recht wäre, wenn er sich als Christ bekennte, immer würde er die Verachtung dieses lächerlichen, schlecht angezogenen Mannes eisig im Nacken spüren. Oh, leben können wie früher! Den Tag nehmen, wie er fällt! Wozu diese albernen, überflüssigen Grübeleien? Wenn er sie nur herausbrächte aus dem Blut, die giftig-süße, faulige Lockung, die aus dem Hause drang, von Jenseitigem und Demut und Verzichten.
Naemi kam. Und rasch flüchtete er sich in seine Maske von Stille und Getragenheit.
Während er so hin- und hergerissen wurde zwischen sich krampfender, prahlerischer Demut und zappelndem Tat- und Ehrhunger, langte unvermutet Nicklas Pfäffle an. Berichtete, eine herzogliche Kommission habe Bücher und Kassen des Süß beschlagnahmt, sie zu revidieren. Der Finanzdirektor sei verdächtigt, in amtlichen und privaten Affären formidabel defraudiert zu haben, peinliche Untersuchung sei angeordnet.
Die Feinde des Süß hatten seine Abwesenheit zu einem weiten Vorstoß genützt. Freunde, auf die er sich verlassen konnte, hatte er kaum mehr. Der Hofkanzler Scheffer, der Geheimrat Pfau waren offen zu der katholischen Militärpartei übergetreten und attackierten ihn in aller Oeffentlichkeit. Der Domänenpräsident Lamprechts zog seine Jungen als zu erwachsen aus dem Pagendienst bei ihm zurück. Remchingen, die beiden Röder, der General und der Major, die Obersten Laubsky und Tornacka, der Kammerdiener Neuffer lagen dem Herzog ständig mit Verdächtigungen des Juden in den Ohren. In der Umgebung Karl Alexanders nahmen nur Bilfinger und Harpprecht nicht an dem Treiben teil. Ihnen waren die jesuitischen Sendlinge noch mehr zuwider als der Jude.
Nun hatte Dom Bartelemi Pancorbo seit langem den Juwelenhandel des Süß genau überwacht. Er legte dem Herzog dar, der Jude mache alle Einkäufe auf dem Juwelenmarkt im Namen des Herzogs. Es seien aber hier die Preise sehr variabel; fielen sie, so erkläre, oft noch fast ein Jahr später, Süß die zu teuer gekauften Steine als Eigentum des Herzogs; stiegen sie, so halte er sie als sein Eigentum. So also, daß der Jude das ganze Risiko auf den Herzog abwälze, den Verlust den Fürsten tragen lasse, den Profit für sich einsacke. Allein zum großen Verdruß des Portugiesen machten diese Feststellungen auf Karl Alexander weiter gar keinen Eindruck; er meinte gleichmütig, dafür sei Süß eben ein Jud, im übrigen werde er künftig mehr auf der Hut sein. Weitere Konsequenzen zu ziehen war er durchaus nicht geneigt.
Merkwürdigerweise war es eine ganz belanglose Maßnahme des Süß, über die ihn seine Gegner zu Fall bringen konnten. Der Finanzdirektor hatte das Kaminfegen von Staats wegen geregelt dergestalt, daß gegen eine zu entrichtende Pauschalgebühr die Behörde die Reinigung der Schornsteine übernahm. Diese Anordnung hatte Gelächter und Unmut erregt, und der Kammerdiener Neuffer spielte Karl Alexander ein Pasquill darüber in die Hände, ein greulich illustriertes fliegendes Blatt mit dem Titel: „Untertäniges Danksagungskompliment sämtlicher Hexen und Unholde an seine jüdische Hexelenz Jud Josef Süß Oppenheimer, im Namen aller aufgesetzt und überreicht von gesamter nachtliebender Sozietät Urgroßmutter, der Zigeunerin in Endor.“
Während der Herzog dieses Blatt las, überkamen ihn die alten Gesichte. Er sah sich schreiten in jenem rätselhaften, gebundenen Tanz, er hörte die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus, er hörte, hörte körperlich, sein Schweigen, sah das Verschwiegene auf sich zukriechen, vielarmig gestaltlos. Er wollte los aus dieser verdammten Hexerei. Warum hielt er denn den Juden? Er hatte doch bloß Spott und Schererei von ihm. Rot angelaufen, schnaubend, den einen Fuß stark lahmend, stapfte er hin und her. Er wollte es ihm zeigen, dem Filou und Schelmen mit seiner Gaunerei und schwarzen Kunst. Heiser noch und wütend diktierte er die Ordre, die die Untersuchung und genaue Prüfung der Rechnungen und Bücher des Finanzdirektors befahl.
Und es lief der Hofkanzler, es liefen die Generäle, es lief der Portugiese, reckte über der Krause den dürren Hals, hackte zu mit dem entfleischten, blauroten Kopf. Eifrig hockten die Revisoren, schwitzend, vertieft, spähten durch die Brillen, ließen ihre Kiele rascheln übers Papier. Rechneten, luchsten, witterten. Bauten Säulen von Ziffern, Wälder von Ziffern. Schütteten sie aus, klaubten sie wieder zusammen. Spähten, schnüffelten, schwitzten.
Unterdes raste auf gehetzten, auf jeder Station gewechselten Gäulen der Finanzdirektor nach Stuttgart. Diese Inquisition gegen ihn, dieser Stoß und Sturz war ihm ein Wink. Das Glück, das Fatum wollte gepackt, wollte gezwungen sein. Sowie man es nicht umklammerte mit allen Sinnen, sowie man nicht unverrückt Gemüt und Willen darauf richtete, lockerte es, löste es sich. Hätte das Gesindel in Stuttgart nicht seine Lässigkeit gespürt, nie hätten sie den frechen, plumpen Angriff gewagt.
So war er in der ersten Wallung gleich nach der Meldung des Nicklas Pfäffle stürmisch aufgebrochen. Nicht sah er mehr das steinern massige Gesicht des Oheims, dachte mit keinem Gedanken mehr, ob aus den trübgrauen Augen Spott oder Gram auf ihn schaute, wischte flüchtig und rasch die Trauer des Mädchens aus seinem Sinn. Eines nur dachte er, zu Pferde, im Wagen, drehte es hin und her von allen Seiten: Was tun? Was jetzt tun? Dumm war ja, hirnrissig, was seine Gegner da gemacht hatten. Ihn für einen solchen Esel zu halten, daß man aus seinen Schriften ihm die geringste Unregelmäßigkeit nachweisen könnte! Tapsig sind diese Gojim, ohne Nase, ohne Witterung. Er mußte lächeln: nein, zu denen gehörte er wirklich nicht.
Er kalkulierte. Man wird also nichts finden. Was wird man dann tun? Eingestehen, daß man ihm unrecht getan hat? Niemals. Man wird bei irgendeiner formalen Niaiserie einhaken, ihm wegen eines an den Haaren herbeigezerrten Formfehlers einen sanften Verweis erteilen. Ihm ernster zu Leib zu gehen, hatte wohl auch Karl Alexander nie beabsichtigt. Eine Lektion wollte man ihm erteilen, ihm zeigen, daß er sich nicht zu sicher fühlen möge. Man wird es also bei einer milden Rüge bewenden lassen. Für ihn dann wäre das klügste, dem leicht gereizten Herzog äußerlich recht zu lassen, solchen sanften Tadel still einzustecken, dann aber die Affären fest mit beiden Händen zu packen, den Feinden heimzuzahlen, mit allen Mitteln sich in das katholische Projekt zu drängen.
Da war es schon wieder: warum dann nicht gleich seine Geburt ausspielen?
Nein, nein, das alles wäre dem früheren Süß angestanden. Wie er jetzt war, umsäumt mit Demut und Weltüberwindung, mußte er es anders halten. Wohl war dieser Einbruch der Feinde in seine Geschäfte und seine Papiere Wink und Zeichen. Aber nicht er ließ sich vom Glück auf die Probe stellen. Gefehlt! Er selber wird das Fatum zwingen, sich zu entschleiern, die festverschlossenen Lider aufzuschlagen.
Klar formte sich ihm, während schon die Pferde in Sicht der Hauptstadt dahinhetzten, sein Entschluß. Jeder Schritt seines Weges, jedes Wort, das er sprechen wollte, lag deutlich vor ihm. Nicht klug sein wird er, nicht geschäftstüchtig, nicht politisch. Das Schicksal herausfordern wird er. Zum Herzog gehen, seine Entlassung verlangen. Gibt sie der Fürst, gut, dann hat das Fatum gesprochen. Resignieren wird er dann, in der Stille leben irgendwo, sich versenken wie sein Vater. Hält ihn der Herzog, dann, ja dann –: als der Feind wird er dann leben, als der Rächer. Denn dann wird er sich die Demütigung bezahlen lassen. Die Hand den Feinden an den Hals! Zudrücken! Würgen! Pressen!
Bei Hof hatte man erwartet, Süß werde sich verteidigen, geschmeidig, vielwortig, advokatisch; oder auf seine Meriten hinweisen, pathetisch seine Unschuld beteuern; oder um sich schlagen, wüten. Nichts dergleichen. Gelassen ging er zum Herzog. Erwiderte auf die kollernden, polternden Vorwürfe des Tobenden mit keiner Silbe. Bat, als endlich der Herzog verschnaufend einhielt, in ruhigen, gesetzten Worten um seine Entlassung. Für allenfallsige Fehlbeträge hinterbleibe haftend sein gesamtes liegendes und mobiles Vermögen. Dem erst sprachlosen, dann sinnlos schimpfenden, wutlallenden Herzog wiederholte er höflich und steinruhig sein Verlangen. Da Karl Alexander hinkend, mit gehobenem Arm auf ihn eindrang, ging er, in bestimmten Worten auf rasche Verbescheidung seines wohlüberdachten gehorsamen Wunsches drängend.
Die Ankläger vor sich rufen ließ Karl Alexander. Fragte, die Stimme gepreßt vor Wut, ob sie Beweise gefunden hätten. Ueberhäufte, stimmlos keifend, die Stammelnden, Ausweichenden, Schlotternden mit wüsten, kotigen, pöbelhaften Schimpfworten. Im Arsch habe der Jud mehr Gehirn als sie in ihren Schlammschädeln. Er begreife nicht, wie er auf ihre ohnmächtig neidischen, hirnrissigen, blöd giftigen Stänkereien habe hereinfallen können. Was ihm der Jud lieber sei als sie saudummen Christenschelmen.
Mürrisch schickte er dem Süß die Akten zurück nebst einem riesigen Douceur und Schenkbriefen auf reiche Liegenschaften. Fahl in ihre Winkel krochen die Feinde. Fast ohne Kampf gewann sich Süß die verlorenen Positionen zurück. Dem katholischen Projekt hielt er sich noch immer fern; aber in jedem andern Bereich wieder drängte er zu, griff zu, wo man an seine Interessen streifte.
Da saß er nun in der alten Macht, straffte die Zügel, und jeder im Herzogtum spürte seine Hand. Was in der Zwischenzeit geschehen war, wurde überprüft, korrigiert. Die Kaminfeger-Verordnung, schon zurückgezogen, wurde nun doch Gesetz; die fliegenden Blätter verschwanden, nur heimlich im Abort des „Blauen Bocks“ zeigte der Konditor Benz seinen Vertrauten das Dankschreiben der nachtliebenden Sozietät an Seine jüdische Hexelenz. Auch der Domänenpräsident Lamprechts schickte seine Söhne wieder in den Dienst des Juden; er hatte es sich anders überlegt, sie waren doch nicht zu alt.
So schien äußerlich die Stellung des Süß in Stuttgart wie früher. Auch trieb er wieder die brausende Geselligkeit von eh. Doch war er herrischer, minder liebenswürdig. Er leistete sich bissige, schädliche Witze, hielt auch nicht still, wenn man sich auf seine Kosten erlustierte. Den General Remchingen, als der ihn einmal in seiner gewohnten Art wegen seines Judentums gröblich verschimpfierte, sah er an von oben bis unten, von unten bis oben, und als vor seinem seltsam dringlichen, drohenden Blick dem General das Grinsen verging, lachte ihm plötzlich der Jude seinesteils greulich und unheimlich ins Gesicht.
Marie Auguste konstatierte bedauernd, daß ihr Hausjud bei weitem nicht mehr so nett und amüsant sei. Ach, es war so vieles weniger amüsant geworden!
Auch die Beziehungen zwischen dem Herzog und Süß hatten sich geändert. Karl Alexander war sehr häufig mit ihm zusammen, zeigte ihm, sein Mißtrauen wettzumachen, dicke Gunst und Gnade. Aber oft sagte er sich, es wäre eigentlich besser, des Juden ledig zu sein. Wenn er gleichwohl nichts dazu tat, so schob er es auf Befürchtungen, Süß wisse zuviel, könne ihn zu leicht kompromittieren; auch wäre es töricht, ihn, nachdem er sich dermaßen am Land gemästet, mit allem Fett aus den Grenzen zu lassen. Er gestand sich nicht, daß, was ihn an den Juden band wie das, was ihn abstieß, viel tiefer und unheimlicher in seinem Blut lag.
Auch jetzt geschah es wohl, daß Süß plötzlich die Hände fallen ließ, in sich versank, in rätselvoller Gelähmtheit weitab war. Dann streckte wohl aus dem Winkel, in den er ihn gescheucht, Dom Bartelemi Pancorbo den zerdrückten, blauroten Kopf, schickte hinter faltigem Lid das Aug nach dem Solitär an des Juden Hand. Blinzelte, krümmte die Finger zum Griff. Doch er war sehr vorsichtig geworden und begnügte sich, zu äugen und zu tasten.
* * * * *
Marie Auguste stand vor dem Spiegel, nackt, reckte sich, beschaute sich. Angstvoll, genau, Zug um Zug, Glied um Glied. Atmete auf, lächelte. Nein, nein, sie war heil geblieben, sie war nicht entstellt. Sie war glatt und glau und rank wie früher. Mit den kleinen, fleischigen Händen tastete sie, knetete sie an ihrem Leib. Oh, er war weich wie früher und doch fest. Mit den länglichen Augen prüfte sie ernsthaft und schonungslos den kleinen, eidechsenhaften Kopf im Glas. Die Beschwerden der langen Schwangerschaft, die wilden Qualen der Entbindung hatten keinen Zug und keine Zerrung hinterlassen. Klar und leicht und ohne Runzel rundete sich unter dem strahlend schwarzen Haar die Stirn, keine Falte schnitt von dem Backen herunter zu den sehr roten Lippen. Sie hob, die nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, tanzend fast, durch das Zimmer. Oh, noch glitt sie wie fließendes Wasser über die Erde, noch spielten ihr gehorsam und wie von selbst alle Glieder schmiegsam ineinander. Und sie dehnte sich wellig und sie lächelte tiefer und der Tag lag blau und schwerlos vor ihr.
Doch in der nächsten Nacht schon schlich die gleiche Angst sie an, kroch heran, umklammerte sie immer fester, atemklemmender. Und den andern Tag stand sie noch länger vor dem Spiegel, prüfte sie noch länger jede Biegung ihres Leibes, Fleisch und Haut. Eine krankhafte, grauenvolle Furcht vor dem Altern war in ihr. Es war nicht auszudenken, daß dieses Haar verfärben, diese Haut verrunzeln, dieses Fleisch vermürben sollte. Sie wird mühsam einherhumpeln, hüsteln, spucken, die Männer werden froh sein, wenn sie die zeremoniösen Handküsse und Konversationen hinter sich haben, die Frauen sie nicht beneiden. Ihre Augen schleierten sich, wenn sie es dachte; sie war vergiftet mit solchen Vorstellungen.
Erwog sie, daß das Kind ihr Welken beschleunigte, so ärgerte sie sich über den Säugling. Er war ihr fremd, er war durchaus kein Teil von ihr, es war unbegreiflich, daß das da einmal in ihrem Leib sollte gewachsen sein. Es war ein großes, gesundes Kind, vom Vater hatte es die starke Nase, die wulstige Unterlippe; trotzdem sah es hübsch und geweckt aus. Man versicherte Marie Auguste, das Kind stehe ihr sehr gut, sie gebe als Mutter ein scharmantes und zärtliches Bild, aber sie konnte Tieferes für den Säugling nicht fühlen als etwa für den kleinen modischen Pinscher, von dem sie wußte, daß er hübsch aussah, wenn er unter dem Saum ihres weiten Rockes vorlugte.
Ihr Tag war wie früher bis zum Rand gefüllt mit bunter, lärmvoller Heiterkeit. Aber sie war jetzt fahriger, nervöser. Herr von Riolles begann sie zu langweilen, auch war sie seinen spitzen Geistreicheleien nicht mehr recht gewachsen, der Jude war weniger amüsant und fügte sich nicht mehr so in jedes Spiel, Remchingen mit seinen plumpen Zoten widerte sie geradezu an. Dafür zog sie jetzt den Deputierten Johann Jaakob Moser in ihren Kreis und wandte alle Mittel an, die Omphale dieses stattlichen, pathetischen, feurig von sich überzeugten Publizisten zu werden.
Für den Regierungsrat war das ein großes Glück. Wenn auch der Herzog und Süß, nobel genug, seine Niederlage still für sich ausgekostet und nichts davon weitergeschwatzt hatten, so war doch sein Selbstbewußtsein arg ramponiert. Jetzt unter dem Wohlgefallen und der Gunst der Herzogin richtete es sich auf wie gebeugtes Korn bei der rechten Witterung. Kotz Donner! Er mußte doch ein Kerl sein, wenn jemand wie Marie Auguste, in ganz Europa berühmt um ihre Schönheit, die erste Dame Deutschlands, ihm, dem Gegner, so offensichtlich ihre Huld zeigte. Den Krämerseelen im Parlament mochte es vielleicht nicht ganz eingehen, daß er, der Demokrat, der große Tyrannenhasser, soviel zu Hofe ging. Doch mochten diese Aermlichen denken was immer: er fühlte sich Ulyß genug, der schwäbischen Circe zu widerstehen.
Der imposante, wichtig sich habende, eitle Mann verbrachte also jede Stunde, die er durfte, bei der Herzogin. Er war bei ihrem Lever, er saß, war sie im Bad, auf den Holzbrettern, die, nur den Kopf freilassend, die Wanne bedeckten. Er deklamierte mühelos und feuervoll, die großen Augen seines massigen Cäsarenkopfes blitzten, der Degen schwankte rhythmisch auf und ab, lang hinrollend flossen die Worte aus seinem Mund. So saß er, Schwabens Demosthenes, und sein mächtiger Schädel bebte, daß die Perücke stäubte. Er perorierte der Herzogin von allem Möglichen, er las ihr Manuskripte vor, für Zeitschriften bestimmte, und größere Werke und Broschüren, theologische, juristische, nationalökonomische, Abhandlungen über politische Tagesfragen, doch auch Aesthetisches, Botanisches, Mineralogisches; denn Johann Jaakob Moser war sehr gelehrt. Er rezitierte alles mit dem gleichen Feuer und mit vielem Ausdruck. Gewöhnlich hörte Marie Auguste nicht recht hin; sie ließ sich frisieren, während er sprach, oder maniküren, las wohl auch den Mercure galant; häufig hätte sie nicht sagen können, ob er ihr deutsch vorlas oder lateinisch. Aber das gleichmäßige Geräusch, das dieser Cicero mit solcher Beflissenheit hervorbrachte, ging angenehm ins Ohr, es war auch amüsant, die stattliche, bewegte Statur des erregten, komödiantischen Mannes vor Augen zu haben, und es kitzelte, daß dieser Demokrat und Fürstengegner sie so jungenhaft und gegen sich selber knirschend anschwärmte. Manchmal dann, wenn er seine großen, etwas leeren Augen himmelnd und dringlich auf sie richtete, glitt sie mit langsam fließendem Blick in den seinen und lachte, wenn er, sich rötend, schwerer atmete. Er aber, zu Hause, schilderte umständlich und mit vielen geläufigen Worten seiner Frau die Schönheit der Herzogin, und wie sie offensichtlich Wohlgefallen an ihm finde, wie aber sein Herz gepanzert sei mit dreifachem Erz. Und er warf sich auf die Knie und betete zusammen mit seinem Weib brünstig und in sehr wohlgesetzter Rede, Gott möge ihm auch künftig die Kraft leihen, gegebenenfalls den Mantel im Haus der Herzogin zurückzulassen.
Unter den Frauen schloß sich jetzt wie früher Marie Auguste an eine einzige enger an, Magdalen Sibylle. Ihr schmeichelte sie, schmiegte sich an sie, machte sich klein, sprach zu ihr wie eine dumme, kleine Schwester zu der alles wissenden älteren. Ach, Magdalen Sibylle, wie war sie ernsthaft und gescheit und voll Erfahrung und Gewissen. In ihrem, der Herzogin, kleinen Kopf flatterte alles bunt und wirr durcheinander wie farbige Mücken und alles glitt an ihr ab wie Wasser und nichts haftete. Aber Magdalen Sibylle bewahrte alles, was gesagt wurde und was geschah, sorgsam auf und betrachtete es und gab sich damit ab und verwandelte es in ihr Eigen. Darum war sie auch so schwer von Erlebnissen und Erfahrungen, und sie, die Herzogin, war ganz klein und dumm vor ihr, trotzdem sie doch eine Krone trug und im eigentlichsten Sinn Landesmutter war und sogar Inhaberin des Maltheserkreuzes.
Magdalen Sibylle war mit Zurückhaltung freundschaftlich zu ihr, suchte sich, so gut es gehen wollte, in das wellenhaft wandelbare Geschöpf einzuspüren. Manchmal freilich überkam sie fast ein Grauen vor solch tänzelnder Schwerlosigkeit. War denn diese Frau, an der alles abglitt, Mann, Kind, Land, diese nicht zu haltende, nur ihrer leiblichen Gestalt lebende, war sie denn wirklich, war sie nicht ein Gebild aus Luft, eine Spiegelung, etwas Entwestes, ein farbiger Schatten?
Das große Mädchen mit den bräunlichen, männlich kühnen Wangen war müde geworden. Der tiefe Glanz der blauen Augen, so unwirklich und unwahrscheinlich unter dem dunklen Haar, wurde blasser, die Haltung der straffen Glieder lässiger, fraulicher. Sie hatte sich abgekämpft, sie war niedergebrannt, nun war sie still und nicht mehr geneigt, wild und empört zu lodern.
Sie war durch Demut und Entzückung der Brüdergemeinde gegangen, die Schrift hatte ihr Klang und Sinn gehabt, sie hatte Gott geschaut, die Apostel hatten sich an ihr Bett gesetzt und mit ihr gesprochen. Dann hatte sie im Wald den Teufel gesehen, sie war, Fackel und heiliger Brand, ausgezogen, ihn zu bestehen. Und dann waren der Herzog und der Jud gekommen und hatten wie eine große Schlammflut ihren Garten überschwemmt und verwüstet. Alle Blüte und Frucht und Baum und Grün war tot und verschlammt gewesen, und als die Wasser sich verlaufen hatten, war nichts geblieben als nasser, unfruchtbarer Kot.
Und dann war die Werbung des Süß gekommen. Sie hatte trotz der ersten Enttäuschung ihn für eine große, lebenzeugende Sonne angeschaut und hatte sich ihm ganz erschlossen, alle Poren des Leibes und der Seele ihm willig und mit gewußter, grenzenloser Hingabe geöffnet. Aber er war eine Sonne gewesen, die nicht wärmt und die fahl und mitleidlos und unerreichlich ihre Straße zieht. Sie hatte allen Willen darauf gerichtet, ihn zu begreifen, sie hatte sich mitreißen lassen von ihm, und sie hatte auch, mehr als jeder andere, von seinen Verwicklungen gespürt, mehr verstanden von seiner Isolierung, seinen Kämpfen, seinen Niederlagen, seiner Gelähmtheit, seinem neuerlichen Aufstieg. Aber ihr scheues und ihr offenes Werben um ihn blieb ohne Krone; er war zu ihr von einer sehr höflichen, vertrauensvollen Freundschaftlichkeit, doch alle männliche Glut war verascht.
Sie verzweifelte daran kein zweites Mal; sie beschied sich. Sie ging ihre graue und sonnenlose Straße. Sie überlegte klar, fest, sachlich: sie hätte zur Gutsherrin getaugt, ein großer Landedelmann etwa, nicht sich verschließend vor der Welt, doch am stärksten und sichersten auf seinem Boden, bei seinen Bauern, wäre ihr der Rechte gewesen. Nun hatte sie ein böser Irrstern in die falsche Welt getrieben. Sie selber war nicht schuldlos daran: ungerufen erscheint Beelzebub nicht, wer, wie sie damals im Wald, ihn sieht, der hat sich im Innersten, Verstecktesten nach ihm gesehnt. Sei es wie immer, es war unsinnig, darüber weiterzugrübeln. Jetzt jedenfalls war sie an diesen Hof gebannt, der ihr ein sinnlos wirbelndes Durcheinander bunter Tiere erschien, und der einzige Mensch unter ihnen, zu dem es sie mit tausend Stricken zog, war durch seine höfliche, vertrauensvolle Freundschaftlichkeit ihr ach! tausendmal ferner als damals der Teufel im Wald von Hirsau.