Part 32
Eine heilige, fressende Empörung füllte den Jüngling an, füllte ihn ganz, spannte männlicher sein kühnes, braunes Gesicht, entzündete dringlicher die starke Bläue seiner Augen. Oh, seine schlanke, junge Beredsamkeit! Oh, sein adliges Zürnen und Sich-bäumen! Der zehrende Gram über die Fäulnis der Heimat hatte den alten Johann Daniel Harpprecht doch arg geschüttelt und zerhöhlt. Jetzt hing der feste, gerade Mann seine ganze Hoffnung an den Jungen, und die trockenen Abende des Einsamen wurden grün und blühend durch seine frische, ranke Gegenwart.
Dem Süß war der Aktuarius immer unsympathisch gewesen. Ihn hatte der hohe Wuchs des jungen Menschen, seine straffe, eckige Stattlichkeit, an der gleichwohl nichts Tölpisches, Bäurisches war, von je geärgert. Auch die offensichtliche Ehrlichkeit der politischen Ueberzeugung hatte ihn verstimmt. Hinter politischer Opposition stak gemeinhin der eigene Vorteil; wenn der nicht, dann mangelnde Begabung. Daß der Junge sich zur Demokratie seines berühmten Oheims bekannte, wäre nicht weiter verwunderlich gewesen; aber daß der Bewegliche, mit allen guten, dem Aufstieg förderlichen Gaben Bedachte durch so wildes Feuer gegen die herrschende Richtung seine Karriere gefährdete, war Beweis, daß immer noch politische Ueberzeugung an sich im Lande war, und als solcher verstimmend. Immerhin hatte Süß in der Praxis das junge Ungestüm des Aktuarius Michael Koppenhöfer so wenig gefürchtet wie das routinierte Pathos des Publizisten Moser, er hatte, vor dem Schlag in Hirsau, den wie jenen unbehelligt gelassen, und der Beamte mit der rebellantischen Gesinnung war nicht durch die leiseste Rüge geahndet worden.
Jetzt, nach Hirsau, entzündete sich finsterer das Feuer des vergifteten Mannes an der ungebrochenen freiheitlichen und guten Kühnheit des Jünglings. Den dunklen Blick richtete er auf ihn, duckte spielerisch bösartig zum Sprung. Bei der Unvorsichtigkeit des jungen Menschen fand sich sehr bald ein Grund, ihn scharf und strafweise zu verwarnen.
Der alte Johann Daniel Harpprecht hatte solche Konflikte längst vorausgesehen; doch er brachte es nicht über sich, das schöne Glühen Michaels zu dämpfen. Es war das gute Recht der Jugend, unklug zu sein, sich auf Verbogenes zu stürzen, um es gerade zu machen, auch wenn der Arm daran erlahmen mußte. Aber es schnürte ihm die Brust, preßte ihm den Atem, stieg ihm bitter die Kehle herauf, wenn er dachte, daß er seine müden Abende wieder allein sein sollte, ohne den wärmenden Schein des Jünglings. Immerhin hoffte er, sein, des Harpprecht, großes Ansehen werde den Süß hindern, stärker gegen den Michael vorzugehen.
In dem Elend des Vaterlandes, in der wüsten Verlotterung ringsumher sah der Aktuarius Michael Koppenhöfer ein großes und zartes Licht. Das war die Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin, die Tochter. Ihre blonde, pastellfarbene Lieblichkeit ging dem Schwärmerischen, leicht Entzündlichen tief ein. Als er gar hörte, wie sie den Nachstellungen Karl Alexanders sanft, aber beharrlich sich weigerte, erschien sie ihm als Symbol der menschlichen Freiheit. Die Bilder schwammen ihm eines ins andere, und er sprach von der lieben Freiheit und der holden Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin in der gleichen Terminologie.
Jetzt glaubte Süß auch auf Harpprecht keine Rücksicht weiter nehmen zu müssen. Der junge Michael Koppenhöfer wurde, weil er trotz der Verwarnung weiterhin die Ehrfurcht gegen den Herzog außer acht gelassen und unziemliche, gottlose und lästerliche Reden gegen ihn geführt habe, seines Amtes entsetzt. Aus besonderer Huld und Gnaden wurde von einem Kriminalverfahren gegen ihn abgesehen. Doch hatte er binnen vierzehn Tagen das Land zu verlassen und wurde auf Lebzeiten seiner Grenzen verwiesen.
Dies war immer am Horizont gestanden. Aber wie es nun kam, war es doch unerwartet und warf den alten Harpprecht um. Oh, allein und kahl in dem großen, leeren Zimmer sitzen, nur mit Büchern und Pergamenten; und die einzige Kumpanei sind die Schatten in dem Raum außerhalb des Lampenlichts. Sie dichten sich zu mageren, krummen Auswanderern, zu Hungernden und zu Zerlumpten, oder sie strecken hagere, gierige Judenfinger nach einem. Wie immer, sie fallen über einen her und nehmen einem die Luft weg. Und da wäre nun der Junge, trotzig und lebendig, und wenn er seine dicken, dunklen Brauen hochzieht, zergehen die Schatten, seine starkblauen Augen jagen aus allen Winkeln die bedrohliche, erkältende Dämmerung. Aber er ist nicht da; der Jud hat ihn des Landes verwiesen, der Jud läßt ihn nicht zu ihm.
Der schwere Herr rang sich ab, entschloß sich, stand vor dem Herzog. Er hatte nie gebeten, er hatte immer nur guten Anspruch eingefordert, er war gewohnt, daß man zu ihm kam und bat. Es war dem aufrechten Mann arge Pein, als Supplikant dazustehen, und die Worte kamen ihm umständlich und stockend. Das Urteil sei gerecht und nicht einmal sehr hart. Doch solle der Herzog bedenken, vieles im Land stehe wirklich nicht gut, und wenn der junge Mensch seinen Unmut offen heraussage, sei das vielleicht besser als braute er, wie andere, im heimlichen Gift. Karl Alexander hörte finster zu, drückte dem peinvoll Dastehenden fest die Hand, versprach unsicher, er werde es überdenken.
Unwirsch forderte er Bericht ein. Süß selber kam zum Rapport. Ja, es war alles so, wie der Professor es dargestellt. Nur seien eben er, Süß, und der Professor verschiedener Meinung, was zur Wahrung fürstlicher Dignité not sei. Verdrießlich warf der Herzog dem Süß hin, in was für ärgerliche Situation er ihn gebracht habe, daß er jetzt entweder müsse retirieren oder dem verdienten und hochangesehenen Mann die erste und einzige Bitte abschlagen. Frech und giftig erwiderte Süß, er kapiere, daß es Seiner Durchlaucht schwerer falle, dem schwäbischen Professor einen Wunsch zu refüsieren als dem jüdischen Finanzienrat. Er habe aber noch andere, sehr gute Gründe gehabt, den Aktuarius aus dem Weg zu schaffen. Wenn nämlich, fügte er mit dreister Vertraulichkeit hinzu, der Herzog bei den Damen Götz nicht recht wolle avancieren, so sei des der junge Mensch mit die erste Ursach, der Seiner Durchlaucht zumindest bei der Demoiselle Elisabeth Salomea sehr in die Quere käme. Finster knurrend schwieg der Herzog.
Allein, beschloß er, jetzt erst recht den Aktuarius im Land zu lassen. Der Jud ist so hirnrissig wie insolent. Ho! Soll etwan er, Karl Alexander, Angst haben, der lumpige Demokrat und Rebellant komme bei der Demoiselle vor ihm ans Ziel? Oder vermeint der Jud, jetzt, nach Hirsau, habe er, der Herzog, Scheu vor jedem Jüngferlein und traue nicht mehr auf seine Männlichkeit? Eine grimmige Geilheit überkam ihn. _Mille tonnerre!_ Er heißt Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, und er wird die Jungfer trotz allen rebellantischen Lausbuben klein und kirre machen. Jedenfalls scheut er die Konkurrenz nicht und wird jetzt das Urteil annullieren.
Aber wie er die Ordre diktieren wollte, nahm er sich vor, es doch noch einmal zu überdenken, und schob es auf morgen. Andern Tags ging er nach Ludwigsburg. Amüsements, Repräsentation, andere politische Geschäfte drängten vor. Der Tag kam, da das Urteil rechtskräftig wurde, und keine Gegenordre war erschienen. Der junge Michael Koppenhöfer mußte wie sein Vetter Friedrich Christoph außer Landes gehen, und der Abend des Professors Johann Daniel Harpprecht wurde kahl und ohne Licht.
Nun konnte Karl Alexander vorderhand nicht mehr gut etwas rückgängig machen. Dachte er an die Damen Götz, so war er eigentlich sehr befriedigt darüber. Doch dies gestand er sich nicht ein. Es faßte ihn vielmehr eine dumpfe Wut gegen den Juden. Der war schuld an allem; der hatte ihn vor die Wahl gestellt: Harpprecht oder ihn, den Juden.
Süß wußte, Karl Alexander hatte eigentlich nie eine bewußte Schurkerei begangen; sicherlich auch wird er sich die wahren Motive dieser Ausweisung nicht eingestehen. Darum juckte es ihn, den Herzog so darauf zu stoßen, daß dieses Urteil fortan an ihm nagen sollte. Er warf gelegentlich hin: „Jetzt wird die Affäre der Damen Götz besser marschieren, nachdem wir den jungen Koppenhöfer haben aus dem Licht geschafft.“ Der Herzog wollte zufahren, aber er brachte es nur zu einem Knurren und erwiderte ohne viel Nachdruck: „Wir? Wir?“ Süß aber begnügte sich, zu lächeln, und schwieg.
Seinen Feinden kam zu Ohren, daß dem Herzog das Vorgehen des Juden gegen den jungen Koppenhöfer zu rasch gewesen sei und nicht erwünscht. Sie begriffen nicht die Langmut des Herzogs, nützten den Anlaß, gegen solche unfaßliche Geduld Sturm zu laufen. Sie wiesen darauf hin und belegten es mit vielen Ziffern, wie Süß an dem Land presse und sauge, nur für seine Kassen, ohne daß für den Herzog was dabei herausspringe, wie er in jedem Geschäft den Herzog begaunere und bewuchere. Sie sprachen fast zwei Stunden, und Karl Alexander wies sie nicht zurück; er hörte sie zu Ende, ja, er ließ sich Details, die er nicht recht verstand, genauer erklären; vor allem ließ er sich von Dom Bartelemi Pancorbo auseinandersetzen, wie schamlos Süß ihn mit minderwertigen Steinen prelle und betrüge. Als die Herren fertig waren, entließ er sie höflich, ohne jede Aeußerung.
Andern Tags, unaufgefordert, erschien Süß in der Residenz. Er höre, sagte er, man intrigiere von neuem gegen ihn. Er möchte sich die Beschämung ersparen, daß man ein zweites Mal seine Papiere durchschnüffle. Er bitte darum wiederholt, submissest und dringlich um seine Entlassung.
„Hör, Jud!“ sagte Karl Alexander, „du hast mir im Oktober einen Stein verkauft um was mehr als fünftausend Dukaten. Was ist der Stein wert?“
„Heut keine fünfhundert,“ sagte der Jude. Und das Aug in dem des Herzogs, mit einem frechen, fatalen Lächeln fügte er hinzu: „Ja, solche Steine haben Liebhaberpreise und ihr Wert wechselt.“
„Es ist gut,“ sagte Karl Alexander. Dann schwiegen beide. Der Herzog läutete und befahl sogleich den Hofkanzler Scheffer, prestissimo. Es vergingen aber zwanzig Minuten, bis der Kanzler kam, und während dieser zwanzig Minuten sprachen die beiden Männer kein Wort. Sie dachten auch nicht einer des andern. Es war ein tiefes, wunderliches, erfülltes Schweigen in dem hellen, weiten, prunkenden Raum. Bilder und Träume kamen und gingen vom Herzog zu Süß, von Süß zu dem Herzog. Die knarrende Stimme des Magus war in diesen Träumen, und das tote Kind war darin, die Finger gestreckt im Zeichen des Schin.
Endlich kam Herr von Scheffer. Er zählte jetzt zu den Feinden des Süß, er schwitzte, da er den Juden sah, vermutete, der Herzog wolle ihn dem Juden gegenüberstellen, und er werde gegen den teufelsgewandten Mann einen schweren Stand haben.
Allein es ging anders. Der Herzog, kaum daß der Kanzler eingetreten war, nahm Haltung an und sagte streng, militärisch, eiskalt, befehlsmäßig zu dem betroffenen Minister: „Der gegenwärtige Herr Finanzdirektor klagt über Verleumdung seiner Geschäftsführung und postuliert seine Entlassung. In Ansehung seiner zu Unserm völligen, gnädigen Vergnügen geleisteten Dienste wünschen Wir, daß alles geschehe, ihn zu halten. Wollen Sie also, Exzellenz, sogleich eine Urkunde aufsetzen, eine Legitimationsurkunde oder Absolutorium oder wie Sie es benennen wollen, ein herzogliche Gesetzes-Ordre, die den Herrn Finanzdirektor für alle seine Handlungen, die vergangenen wie die zukünftigen, außer alle Verantwortung setzt. Von niemand, mag er sein, wer er will, soll er können wegen seines Tuns zur Rechenschaft gezogen werden. Wollen Sie dieses Schriftstück sogleich in aller Form aufsetzen und Uns zur Unterschrift vorlegen, daß es kann im nächsten Wochenamtsblatt publiziert werden. Wir warten.“
Die Stimme Karl Alexanders, während er dies sprach, klang so eisig gemessen, daß der erschreckte Kanzler keine Einrede wagte. Nicht der Herzog, nicht der Jude sprach ein einziges Wort, während Scheffer die Urkunde konzipierte. Wortlos auch unterzeichnete Karl Alexander. Herrschte dann, kaum noch an sich haltend, den Kanzler an: „In das Amtsblatt den Wisch!“ Zitternd retirierte der Minister.
Süß dankte mit den servilsten, devotesten Bezeugungen für die enorme, unverdiente Gnade und das extraordinäre Vertrauen. Doch seine Augen waren nicht dankbar, sie waren dreist und fordernd und höhnisch. Stumm und feindselig maßen sich die beiden Männer, und Karl Alexander erkannte, daß er sich nicht losgekauft hatte.
„Geh, Jud!“ schrie er endlich, tobend. Und Süß ging. Doch nicht wie der Kanzler. Langsam ging er und erhobenen Hauptes und mit einem tiefen, machtbewußten, bösen Lächeln.
Der Herzog aber, allein, schäumte, raste. Riß, zerrte, scheuerte sich wund an der unsichtbaren, unzerreißbaren, grauenhaften Bindung von ihm zu jenem.
* * * * *
Der semmelblonde Expeditionsrat Götz, der jetzt, auffällig jung, als Kammer-Prokurator in die Geheimkanzlei avanciert war, sah mit Unbehagen die galanten Bemühungen des Herzogs um seine Mutter, die Geheimrätin Johanna Ulrike Götz, und seine Schwester, die Demoiselle Elisabeth Salomea. Er wußte nicht recht, wie er sich verhalten solle. Einesteils war es ehrenvoll, wenn der Souverain einer Dame seinen Hof machte, und es war Pflicht der Untertanin, dem gottgewollten Herrn mit Leib und Seele zu gehören; auch für seine Karriere konnte solche Neigung des Souverains nur gewinnbringend sein. Andernteils führte der Weg vom Herzog und zum Herzog immer wieder über den fatalen Juden; ja, er hatte den Eindruck, Elisabeth Salomea sehe den Juden fast lieber als den Herzog. Und wenn auch Süß durch seine Stellung bei Hofe vom üblichen Gestank des Juden gewissermaßen purifiziert war, so blieb es doch eine peinliche Imagination, sich Schwester und Mutter in näherer Relation zu besagtem Juden zu denken. Der Expeditionsrat hätte auch vielleicht seinem inneren Widerstreit ein kurzes Ende gemacht, den Abschied genommen, sich mit Mutter und Schwester auf sein Landgut bei Heilbronn zurückgezogen. Doch die Affäre mit der Napolitanerin und die Erkrankung Karl Alexanders hatte ihn tief verwirrt, er sah sich seinem Fürsten in schwerer Schuld verstrickt, und sein Gewissen erlaubte ihm nicht diesen Ausweg. Stumm und in unklarer Not ließ er die Dinge laufen.
Sie gingen aber zunächst stockend und schwerfällig. Süß zog immer wieder die Bremse an und ließ den Herzog nicht vorwärtskommen. Der spielte wohl manchmal mit dem Plan, auch diesmal wie so oft die Frucht mit Gewalt zu pflücken; aber er wollte sich vor dem Juden brüsten, daß er mit den bloßen Waffen der Galanterie sich könne den Eingang in den versperrten Schoß erzwingen. So wartete er zu; doch fachte das lange Warten seine Brunst immer höher.
Er schickte den Damen, abwechselnd der Mutter und der Tochter, schöne Geschenke. Der Schwarzbraune brachte sie, der Mameluck, der immer schwieg, so daß man ihn im Volk für stumm hielt. Der geschmeidige, dunkelglänzende Mensch gefiel den Frauen, er sah so fern und melancholisch und tierhaft aus, er hatte bei den Mägden im Schloß und auch viel höher hinauf große Erfolge. Die süßen, blonden, zarten Damen Götz reizten ihn sehr; stumm, wenn er die Geschenke überbrachte, fraß er an ihrer pastellfarbenen Lieblichkeit mit seinen tiefen, wüstentraurigen Augen. Aber die Demoiselle Elisabeth Salomea, wie sie seine dringlichen und ungebührlichen Blicke gewahrte, lachte ihm nur hell und backfischhaft empfindungslos ins Gesicht.
Süß hielt die zwei Frauen fest an der Schnur. Sie waren beide töricht und maßlos in ihn verliebt, ohne daß sie aufeinander eifersüchtig gewesen wären. Sie steigerten sich vielmehr gegenseitig in der Bewunderung seiner mannigfachen Gaben. Während die Mutter sein Genie pries, sie hatte längst erkannt, daß er im Herzogtum regierte und nicht Karl Alexander, und während sie ihn rühmte, wie er so gewaltig, furchtbar und gefürchtet und doch liebenswert sei, fand die Tochter ihn männlich, kraftvoll und gleichwohl nicht plump und grobmäulig. Wie anders war er als der ungebärdige Michael Koppenhöfer, wie anders aber auch als die lauten, brutalen Offiziers. Und aneinanderlehnend, gleich Schwestern, himmelten sie von ihm, kosteten sie es aus, wie die beiden ersten Männer des Landes, der Herzog und der Jud, sie hofierten, während der Expeditionsrat unbehaglich schwieg.
Süß hätte wohl die beiden Frauen vor dem Herzog haben können. Doch er lächelte dunkel, wenn er es dachte; er tat, als seien sie zu hoch für seine Berührung, bemerkte ihr Entgegenkommen nicht, begnügte sich, sie so zu leiten, daß sie den Herzog nicht ans Ziel ließen.
Es begab sich aber um diese Zeit, daß ein holländischer Juwelenhändler einen besonders kostbaren Stein feilbot, das Auge des Paradieses genannt. Er stammte aus Indien, ein englischer Abenteurer hatte ihn von dort mitgebracht, er war wohl auf nicht ganz saubere Manier erworben. Wie immer, das Auge des Paradieses war der schönste und reinste Stein seiner Art in Europa. Der Großwesir wollte einen ungeheuren Preis dafür zahlen; bevor aber der Schatz wieder ins Morgenland entschwand, fragte der Amsterdamer Händler bei den großen Herren der Christenheit an, ob keiner den Preis des Heiden überbiete.
Wie nun die Damen Götz gelegentlich die Geschenke Karl Alexanders rühmten, sprach Süß vom Auge des Paradieses, und daß der Stein jetzt feil sei. Wer einer Dame ein solches Geschenk präsentiere, der erweise, daß er sie wirklich liebe; wer einen solchen Preis biete, an den sei keiner Dame Gunst verschleudert.
Es geschah, wie Süß es gewollt. Kitzelnd redete und leichthin die Demoiselle Elisabeth Salomea dem Herzog vom Aug des Paradieses. Karl Alexander sprach mit dem Dom Bartelemi Pancorbo über den Stein, und was er kosten könne. Ei, das sei wohl ein Demant und große Köstlichkeit, sagte mit seiner moderigen Stimme der Portugiese und streckte begehrlich den dürren Hals aus der riesigen Krause. Doch was er koste! Und er nannte den Preis, den der Großwesir geboten. Fünf Herrschaften hätte man und die zugehörigen Dörfer dafür kaufen können. Karl Alexander stutzte, wie er die ungeheure Summe hörte, und gab den Auftrag nicht.
Er ahnte, er wußte sehr wohl, wer in dem zarten, blonden Kopf die begehrliche Laune angezündet hatte. Aber er war kein Narr, daß er das gewaltige Geld – was konnte man Land und Soldaten darum kaufen! – hinwarf für ein Weib, das er schließlich ohne weiteres hätte aufs Bett schmeißen können; und durfte keiner ihn drum schelten nach dem, was er Zeit, Galanterie und Präsenter an die Weiber gehängt hatte. Allein jetzt wird der Jud ihn für einen Filz und Knauser ästimieren. Wird auf seine undurchdringliche, glatte, hundsföttische Manier den Weibern solche Mucken in den Kopf setzen, daß er vor ihnen steht als ein Filz und Harpagon. Auch seine Geilheit stieg hoch. Gift und Opperment! Kann eine Frau einem solchen mit Lust den Willen tun, der so als dreckiger Knauser vor ihr steht? Er ließ Dom Bartelemi rufen, gab dem Aufblühenden Ordre, den Stein zu erwerben.
Allein das Aug des Paradieses war, als Pancorbo eilends und giervoll zu dem Händler kam, verkauft. An wen? Der Händler wußte es nicht. Ein Mittelsmann hatte, ohne zu feilschen, den Preis des Großwesirs unwahrscheinlich hoch überboten.
„Um so besser!“ schmunzelte der Herzog, erzählte den Damen Götz die Sache, bedauerte, daß er ihnen die Freude nicht habe machen können.
Zwei Tage darauf schenkte Süß der Demoiselle Elisabeth Salomea das Auge des Paradieses. Es war ein aus der Maßen kostbares Präsent, im ganzen westlichen Deutschland sprach man davon, der junge Expeditionsrat Götz wußte durchaus nicht, was er anfangen solle.
Ungerufen erschien Süß vor dem finstern Herzog. Auf die Art, wie es Karl Alexander zu tun pflegte, rühmte er frech, schmalzig, umständlich und sehr ins Detail die angenehmen Eigenschaften der Demoiselle.
Die Faust erhoben, stapfte der wütige Karl Alexander massig und bedrohlich auf den Juden zu. Der stand und rührte sich nicht und schaute ihn an.
Doch Karl Alexander hielt ein. Schnaufte röchelnd. „Wir sind quitt, Jud!“ sagte er endlich heiser.
Aber der Jude schwieg. Und der Herzog wußte, daß er nicht erlöst war.
* * * * *
Unterdes hatte man in der Hofburg des Fürstbischofs von Würzburg einen besonders feinen, kniffligen Plan ausgetiftelt. Nach dem Muster der Regierung der österreichischen Niederlande sollte Württemberg eingeteilt werden in zwölf militärische Obervogteien. Jedem Obervogt sollte ein Regiment Soldaten zugeordnet, die Beamten ihm unmittelbar unterstellt sein. Das bedeutete die rein militärische Verwaltung des Landes, die Legalisierung der Militärautokratie.
Um das Parlament vollends lahmzulegen, war ein Dekret vorbereitet, das jeder Sitzung des Elfer-Ausschusses einen vom Herzog bestimmten Geheimrat beiordnete. Dieser Beamte sollte die herzoglichen Anträge begründen, zugleich aber auch acht haben auf diejenigen, welche sich gegen die Vorlagen aussprächen; sei ihre Meinung die bessere, so werde man sie annehmen, geschehe aber die Opposition aus purer Böswilligkeit und Widerspruchsgeist, so werde man eben ein Stück oder mehrere auf die Festung setzen.
Unter Vertilgung von zahllosen Schalen Kaffee arbeitete der unscheinbare Geheimrat Fichtel, assistiert von dem Konsistorialpräsidenten eine umständliche, höllisch schlaue Deduktion aus, die vor Kaiser, Reichstag und Corpus Evangelicorum diese Willkürmaßnahmen rechtfertigen sollte. Mit treuherziger Biederkeit war die Verfassung ins Gegenteil kommentiert, mit feinster advokatischer Kunst war vor allem das Argument ausgespielt, bei den zwischen Herrn und Landschaft errichteten alten Verträgen sei wohl zu beachten, in was für Zeiten solche gemacht worden; mit dem, was vor Jahren gut gewesen, sei in heutigen Tagen nicht mehr hinauszugelangen.
Tausend Hände arbeiteten geschäftig ineinander. Papst und Kaiser gaben wohlwollend ermunternde Winke, und jene alten, nebelhaften Abmachungen, die Karl Alexander bei Regierungsantritt mit den Wiener Räten getroffen hatte, wonach er den Kaiser im Franzosenkrieg, der Kaiser ihn bei Wahrung seiner Souveränität mit Truppen solle unterstützen müssen, gewannen plötzlich einen für die württembergische Verfassungspartei sehr bedrohlichen Sinn. Der alte Fürst Thurn und Taxis reiste in den österreichischen Niederlanden und gab von dort Direktiven für die Stuttgarter Verwaltungsreform. Die militärische Organisation besorgte straff und grob Remchingen, die finanzielle Süß, die diplomatische Fichtel, die Aushöhlung und Zermürbung des Parlaments Weißensee.
Karl Alexander arbeitete rastlos, fieberig. Hielt Konferenzen, schrieb selber zahllose Briefe, visitierte die Truppen. Er stürzte sich in das katholische Projekt wie in ein heilendes Bad. Kein Aderlaß hatte ihm, keine Schröpfkur der Doktoren Breyer und Seeger ihm geholfen, wenn der dumpfe Zorn über den Juden ihm das Blut dick und schwer zu Kopfe steigen machte. Jetzt hatte er ein vages Gefühl, es könne ihn das katholische Projekt frei und los machen.
Der Herzog war keineswegs fromm. Es war weiß Gott nicht die himmlische Maria gewesen, um derentwillen er sich zur römischen Kirche bekannt hatte, sondern Marie Auguste von Thurn und Taxis und ein Sack voll Dukaten. Aber er war auch trotz gelegentlicher freigeistiger Scherze nicht geneigt zu einem prinzipiellen und bedingungslosen _à la mode_-Atheismus. Er fühlte sich in den Riten der Kirche sehr behaglich, einem Soldaten und großen Herrn stand aus mancherlei Gründen diese Religion viel schöner an, insonderheit paßte der prunkvolle Glaube viel besser zu den reichen und prächtigen Uniformen, die er liebte. Auch war es bequem, dem milden und behäbigen Pater Kaspar zuweilen zu beichten, obzwar man seine heimlichsten und sündigsten Gedanken einem andern schwerlich sagen, ja für sich selber kaum ein zweites Mal recht packen konnte.