Jud Süß

Part 33

Chapter 333,597 wordsPublic domain

Jetzt wurde sein lässiger Glaube ernsthaft, gewann Kern. War früher sein Religionsbekenntnis nichts gewesen als politisches Mittel, als praktische Vorbedingung einer von Kaiser und Rom unterstützten schwäbischen Militärautokratie oder bestenfalls Dekoration, so begann sich ihm der erstrebte Absolutismus jetzt allmählich mystisch zu vernebeln. Er sah sich im Dienst einer großen, göttlichen Idee; die Macht, um die er rang, war etwas Heiliges, der Kampf um sie Gottesdienst. Er wurde zur Freude Pater Kaspars und der befreundeten geistlichen Fürsten sichtlich frömmer und strenger in der Befolgung der Bräuche.

Es war aber dies, daß er, ohne es sich zu gestehen, in solchem Gottesdienst eine Sühnung sah für seine seltsame, haßvolle, unzerstörbare Neigung zu dem Juden. Mit verschmitzter, von den Jesuiten erlernter Rabulistik machte er sich vor, er habe den Juden aus politischen Gründen nötig, nur darum toleriere er seine aufreizende Gegenwart. Sowie er aber am Ziel sei, werde er den Kujon am Kopf packen und auf die Festung setzen. Manchmal wieder sagte er sich, erreiche er den Triumph der Kirche in Schwaben, dann werde Gott ihn sicherlich belohnen und ihn lösen aus der peinvollen Bindung mit dem Juden.

Oh, er hätte nicht sollen des jüdischen Magus Orakel anrufen und annehmen. Er hatte das zweite angenommen, nun brannte ihn jenes: „Das erste sage ich Euch nicht.“ Er schrieb dringlich an seinen Freund, den Fürstabt von Einsiedeln in der Schweiz, daß der, selber ein großer Astrolog, ihm einen katholischen Stern- und Zeichendeuter schicke. Bald auch traf ein solcher Magus ein. Er war sehr anders als der Kabbalist. Der hatte in Tracht und Gewese nichts Ungewöhnliches gehabt und doch war jedem, der ihn sah, fremd und unbehaglich zumut geworden. Der Magus des Fürstabts aber rückte an mit allem Prunk und Gerät des professionellen Schwarzkünstlers. Er brachte Gestelle, Dreiecke, Fernrohre, Kolben, zauberische Hufeisen mit, verlangte ein einsames Turmzimmer, stieg nächtlich in vielfigurigem Hemd auf das Dach des Schlosses unter seltsamen Beschwörungen, ließ Erde vom Gottesacker holen, sammelte Fensterschweiß bei zunehmendem Mond, brannte Espen zu Kohlen und trieb dergleichen wunderliche Hantierung mehr. Oft auch klang um Mitternacht wildes Getöse aus seinem Zimmer, und den trotz aller Bangnis neugierig lauschenden Lakaien war es, als brause schellenklingelnd mit dickem Rollgeschirr ein Pferd durchs Fenster. Der Astrolog versprach dem Herzog, ihm für sein vorhabendes Unternehmen den sternrechten Tag, ja die Stunde aufs genaueste anzugeben. Der Herzog verhehlte sich nicht, daß der Mensch mit all seinem Zauber ihm weniger Eindruck und Zutrauen gab als mit seiner stillen, unauffälligen Gegenwart der Kabbalist; und als Süß ihm, den Astrologen geradezu ins Gesicht höhnend, auf eine Kanone wies: „Herr Herzog, dies sind die besten Stern- und Zeichendeuter,“ lachte er schallend mit. Dennoch fühlte er, nun er den christlichen Weisen berufen, sein Gewissen ruhiger; übrigens war aus dem jüdischen Hexer ohnedies nichts mehr herauszukriegen.

Karl Alexander hatte, trotzdem Süß ihm vorgeschmaust, der Lockung nicht widerstehen können, nun auch seinerseits die Damen Götz zu probieren, die der Jude mit lässigem Hohn ihm zuspielte. Allein er hatte, wohl auch in Gedanken an jenen, nicht den erhofften Genuß. Immer wütiger sich in das katholische Projekt verbeißend, hatte er dann die Damen bald ganz vernachlässigt. Da saßen jetzt die Gedemütigten; sie konnten auf ihren zarten Pastellgesichtern den Kummer nicht verstecken, insonderheit die Mutter alterte zusehends. Der Expeditionsrat knirschte vor sich hin jenen Vers aus der Komödie, darin er die Napolitanerin kennengelernt: „Die Schönheit, die uns lockt, ist Huld und süßes Wunder; die Schönheit, die gekost’t, ist wüster Dreck und Plunder,“ und er wußte nicht, wie er sich verhalten solle. Er schäumte, er dachte jetzt ernstlich daran, sich auf sein Gut bei Heilbronn zurückzuziehen, und selbst als er avancierte, knurrte sein Zorn noch leise nach.

Am meisten aber grämte das Leid der blonden, lieblichen Damen den Schwarzbraunen, Otman, den Mamelucken. Er war wie immer vor der Schwelle gelegen in jener Nacht, da Johanna Ulrike, und in jener schlimmeren, da Elisabeth Salomea zu dem Herzog gekommen war. Er hatte nicht geschlafen in jener zweiten Nacht, er hatte, vor der Schwelle kauernd, scharfhörig auf jeden leisesten Laut gelauscht, und als Elisabeth Salomea das Schloß verließ, verwandelte sich im Rücken des sie geleitenden, lärmenden Herzogs plötzlich sein verschlossenes Gesicht, und er starrte Karl Alexander mit so wildem, tierhaftem Haß nach, daß der in unwillkürlicher Abwehr den Rücken rundete.

Der Schwarzbraune wußte sehr gut alle Zusammenhänge. Er wußte, von wem Elisabeth Salomea das Aug des Paradieses hatte, und er wußte, was dieser Besitz bedeutete. Wunderlicherweise haßte er nicht den Süß darum; ja, er spürte eine sonderbare Genugtuung, daß der und nicht ein Christ sie zuerst gehabt hatte. Um so tiefer war sein fressender Haß gegen Karl Alexander.

Der Herzog hielt seinen Mamelucken wie einen guten Hund. Er glaubte wohl auch, der Schwarzbraune verstehe von seinen Affären nicht mehr als ein Tier, und hatte nichts Heimliches vor ihm. Wo Karl Alexander war, stand, saß, lehnte, hockte, kauerte, lag in einer Ecke Otman; des Nachts sogar lag er in einem Winkel des Schlafzimmers oder vor der Tür. Er war aber ein viel besserer Kombinierer, als der Herzog ahnte, er hatte Aug und Ohr gut auf und konnte sich auch Abliegendes sehr wohl zusammenreimen. Auf seine verschlossene, lautlose Manier erschien er jetzt zuweilen bei Süß, auf seine verschlossene, stille Manier, lässig, breitete er ihm diese und jene Heimlichkeit des Fürsten hin, die der Jude nicht wissen konnte und sollte. Und dann schauten die beiden Männer sich an, die fliegenden, jetzt minder gewölbten Augen des einen gingen in die stillen, tierhaften des andern, und in beider Augen war das gleiche, wilde, zähe Hassen.

* * * * *

Einige stillere Tage nutzte Süß, nach Hirsau zu fahren. Das weiße Haus lag jetzt ganz schweigsam. Rabbi Gabriel sprach kein Wort; die Männer begrüßten sich, sonst sahen sie sich nicht. Endlich, nach Tagen, zwang es dem Rabbi den Mund auf: „Ich sehe unter Fleisch und Knochen dein Gesicht, Josef.“

„Bin ich anders geworden?“ fragte Süß. Und, grimmiger, setzte er hinzu: „Jetzt seh ich wohl in Wahrheit aus wie ein rechter Jud. Oder bin ich noch immer meines Vaters Sohn?“

„Leid kratzt die Tünche vom Gesicht,“ sagte Rabbi Gabriel. „Du hast ein zerlittenes Gesicht, du hast ein jüdisches Gesicht. Dein Weg ist falsch, Josef,“ sagte er nach einer Weile noch, „du wirst ihn müssen zurückgehen.“ Aber Süß schwieg und änderte keinen Zug, und man konnte nicht erkennen, ob er gehört hatte. Von dem Kind sprachen sie nicht.

Süß ging durch die feierlich fröhlichen Blumenterrassen, die das Kind geliebt hatte, er starrte auf die Bilder des Kabbalistischen Baums und des Himmlischen Menschen, mit denen sie ihre Augen erfüllt hatte, er starrte auf die Seiten mit den großen, blockigen Buchstaben des Hohen Lieds, das sie vor den anderen Büchern der Bibel geliebt hatte. Aber die süßen und lieblichen Worte läuteten ihm nicht ihr holdes Gekling, eine heiße, wilde Mahnung fauchte ihn an daraus, er konnte die Seiten nicht länger anschauen.

Unvermutet, im Wald, traf er den Kirchenratspräsidenten. Weißensee hatte sich wieder zu seinem Bibelkommentar zurückgezogen, schlurfte herum in seinen geräumigen Stuben mit den weißen Vorhängen, führte nachdenklich Konversation mit dem Magister Schober. Jetzt bat er den Süß, seine Begleitung zu erlauben. Da der Jude nicht antwortete, nahm er es für Zustimmung, schloß sich ihm an. Langsam, behutsam, wortkarg ging er mit ihm durch den sonngesprenkelten Wald, folgte ihm, da er es nicht wehrte, durch die Terrassen in das weiße Haus. Saß mit ihm, stumm, in sonderbarer Befangenheit, in dem Zimmer mit den magischen Figuren. Nach einer Weile gesellte sich auch Rabbi Gabriel zu. Da hockten die drei Männer, rundrückig, schwersinnig, müde. Sie sahen, daß sie alt waren, sie spürten, wie ihnen das Leben aus den Leibern glitt, in die Vergangenheit entrann, Augenblick um Augenblick, sie spürten es deutlich, leibhaft, mit einer wehen Wollust, wie einer, der krank vor Müdigkeit die Glieder streckt, sie spürten einer des andern Druck, und sie spürten sich einer im andern in solcher lüstigen Mattheit.

Andern Tags verabschiedete sich Rabbi Gabriel von Süß. Er war gewillt, nicht mehr in das Land zurückzukehren. Süß war weicher, gelöster als sonst. So sehr er sich gegen den Rabbi aufbäumte, so höhnisch er jene Forderung, seinen Weg zurückzugehen, als weichmütiges Gefasel abtat, er hätte ihn doch gern in seiner Nähe gewußt. Es war auf dem Antlitz des dicken, häßlichen Mannes ein Abglanz des Kindes, Naemis Träume waren hinter seiner breiten, nicht hohen, vorgebauten Stirn mit den eingezackten Furchen des Schin. Wenn er nun fort ist, wird Süß sehr allein sein. Aber dies gestand er sich nicht ein; er machte sich vor, er sei verdrossen nur deshalb, weil er jetzt keinen Zeugen mehr haben wird, wie sein Weg der rechte ist und seine meisterliche Rache das einzige Mittel, ihn wieder mit dem Kinde zu verbinden.

Er stand gespalten vor dem Kabbalisten und sehr bereit, ein milderes Wort zu geben und zu nehmen. Aber der Rabbi war mürrisch und mißlaunig wie sonst. Seine Bücher und das kabbalistische Gerät war fast alles schon weggebracht. Mit seiner knarrenden Stimme gab er dem alten Diener noch die und jene kurze Weisung. Dann, nach Osten gerichtet, nach Zion, sprach er das Gebet vor Antritt einer großen Reise, je dreimal in drei Wendungen das Bekenntnis zum Vertrauen auf die Hilfe Jahves. Richtete nochmals die trübgrauen Steinaugen auf Süß, knarrte ihm kurz und mißtönig den letzten Gruß: „Friede mit dir.“ Dann ging er, gefolgt von Jantje, der dicken, watschelnden Zofe, die er in ihre Heimat bringen wollte. Süß sah seinen breiten, gedrungenen, leicht runden Rücken in der altfränkischen Tracht zwischen den Blumenterrassen, dann im Wald verschwinden. Ganz leise hatte er gewünscht, der Rabbi möchte sich noch einmal wenden. Doch mit seinem so schwerfälligen wie steten und unbeirrbaren Schritt stapfte er geradeaus und fort.

Wenige Tage später verließen auch Süß und der alte Diener das weiße Haus. Nun lag der kleine, fremdartige Bau ganz ohne Laut in besonnter Einsamkeit. Die Räume standen schmerzhaft kahl, die weißen Fensterläden waren abweisend und gespenstisch zugenagelt, die festlich heiteren Blumen verdarben und niemand erneute sie. Geraun erhob sich um das verlassene, seltsame, hochmütige Gebäu; kindisch blutrünstige Phantastereien wurden darum gewoben, drangen bis in die Hauptstadt. Im Wirtshaus zum Blauen Bock flüsterte der Konditor Benz, die Schweinsäuglein weit und bedeutsam aufgerissen, den übergrausten Gästen das neueste Geheimnis zu: in einem Wald habe die hebräische Hexelenz eine versteckte Zauberwerkstatt. Aus dem Blut von christlichen Jungfrauen, die er unter Martern gebunden vom Dach stürze, daß sie sich unten an eisernen Blumen aufspießten, koche er einen Teufelssud, sich die Sympathie des Herzogs immer neu zu gewinnen. Satanas gehe in dem Hexenschloß ein und aus in Gestalt eines fetten Mannes mit Schwanz und Horn und Pferdefuß.

Die Zofe Jantje hatte eine Katze gehabt, ein schwarzgraues, altes, unedles Tier. Rabbi Gabriel hatte die Katze nicht leiden mögen, und Jantje wagte nicht, sie auf die weite Reise mitzunehmen. Nachdenkend, bei wem das Tier am besten gewartet sei, kam sie auf den Magister Jaakob Polykarp Schober. Der Magister war, sooft es anging, an Naemis Weg gestanden, hatte fromme, ehrerbietige Worte zu ihr gesprochen, hatte auch etliche zaghafte Versuche gemacht, sie zu seinem sauberen, tiefsinnigen Glauben zu erwecken; vor allem hatte er sie durch inbrünstige Rezitation seiner Verse zu retten versucht. Als sie aber solche Bemühungen brennend und empört zurückwies, hatte er abgelassen und sich begnügt, sein Herz in Züchten an ihrem englischen Anblick zu erfreuen. Wie sie dann so plötzlich weggerafft war, ging der pausbäckige Mann tagelang in tiefster, schmerzhaftester Beklommenheit herum, fahl, die Kinderaugen vogelhaft verstört, angefüllt von innerem Vorwurf, daß er sie nicht mit mehr Eifer aus dem falschen, giftigen Fluß ihres Lebens in das gute Meer Gott hineingesteuert habe. Er war dann am Weg gestanden, als der kleine Sarg aus dem weißen Haus getragen wurde, mit einem Kranz einfacher Blumen, und er war in der Seele betrübt, als die vier finsteren Männer, die den Sarg trugen und die ausschauten wie dunkle und falsche Propheten, seine freundwillige Gabe nicht nahmen. Verdüstert ging er nach Hause, nahm Kiel und Papier zur Hand und schrieb eine gereimte „Totenklage, auch Nänie genannt, für die abgelebte Demoiselle Naemi Süßin, Jüdin, doch ehrbar“, ein Poem, welches anhub mit den Versen: „Itzt hat der harte Tod, so vielen Uebels Quelle, / Hinabgerafft auch dich, ebräische Demoiselle.“ Dieses Poem rezitierte er dann der Zofe Jantje, wobei ihm wie ihr dicke, bittere Tränen kamen.

Dem gutmütigen, redlichen Menschen also anvertraute die Zofe ihre schwarzgraue Katze, und er empfing sie gern und mit freundlichen Vorsätzen. Bei diesem Anlaß sah Süß den Magister. Der Jude ging jetzt, wenige Tage, bevor das Haus mit den Blumenterrassen verlassen wurde, um für immer in weiße Stille und Vergessenheit zu versinken, in großer Unrast und Getriebenheit herum. Stand zwischen den Tulpen, vor der Wand, in die der Himmlische Mensch, der Kabbalistische Baum gezeichnet war. Wie er den Magister sah, winkte er ihn herrisch her, tat ihm einige rauhe und hochmütige Fragen. Jaakob Polykarp Schober, der vor jeder Freundlichkeit schüchtern und sanft war, sah in dem heftigen und finstern Gewese des Juden eine Prüfung und Versuchung, vor der er seine angeborene Feigheit sogleich in die letzten Winkel zurückschickte. Der pausbäckige Mann richtete sich also herzklopfend, schnaufend und streitbar hoch und rüstete sich, die Katze im Arm, den Satanas Finanzdirektor mit der scharfen, guten Waffe seiner Gläubigkeit zu bestehen und ihn auf den rechten Weg zu zwingen. Süß, der durch Magdalen Sibylle von dem Magister wußte, auch über seine Zusammenkünfte mit Naemi unterrichtet war, hörte ihn eine Weile schweigend an, doch nicht ironisch wie sonst wohl, sondern eher nachdenklich, so daß jener schon zu hoffen begann und seinen Eifer verstärkte, wodurch ihm, infolge der heftigeren Armbewegungen, die Katze entlief. Während er, ohne seine eifernde Rede zu unterbrechen, des Tieres wieder habhaft zu werden suchte, schien der Finanzdirektor zu einem Entschluß gekommen, er winkte unversehens, doch milde, dem Magister ab, sprach von anderem. Ohne Mühe machte er den jungen Menschen zutraulich, lockerte ihn auf. So bekam er bald etliches von den privaten Umständen und Wünschen des Magisters zu hören, auch von der unbilligerweise verweigerten Bibliothekarstelle.

Er zeigte sich zur Verwunderung Schobers durchaus nicht als der wütige Holofernes, als welcher er allenthalben verschrien war. Geduldig ließ er den weit Ausholenden zu Ende reden, bekundete Interesse für seine Verse, sicherte, nachdem Weißensee sich für die Poemata ausgesprochen habe, dem Beglückten die Drucklegung mit aller Bestimmtheit zu. Die Bibliothekarstelle, schloß er, sei zwar definitiv vergeben, aber vielleicht gebe es dafür Ausweg und Ersatz. Schon andern Tages ließ er Schober wiederkommen und schlug ihm vor, als Sekretär in seine Dienste zu treten; not sei dabei Redlichkeit und Rhetorik, was beides ja der Magister in illustrem Grade besitze. Jaakob Polykarp Schober sah sich so auf eine herrliche, gottgefügte Art in die Hauptstadt und den Dunstkreis der Schwester Magdalen Sibylle kommen, sah sich in der Stuttgarter Brüdergemeinde, bei der heiligen Beata Sturmin, dem guten, freundhaften Immanuel Rieger. Er sah die Möglichkeit, dringlich und fromm dem Juden, ja vielleicht dem verirrten Herzog zuzusprechen; er hörte alle Engel im Himmel singen und sagte strahlend ja. Suchte dann die Katze, die er gestern in seiner seligen Verblüffung vergessen hatte, und trug sorgsam das schwarzgraue, unschöne Tier auf seinem Arm nach Hause.

In Stuttgart aber, in dem prunkenden Haus in der Seestraße, war nichts von der erhofften Seligkeit, sondern nur Druck und Wirrung. Magdalen Sibylle zwar fand er frei von jeder Hoffart, und war alles böser Schwatz gewesen, womit man vermeint hatte, sie zu verleumden und zu schwärzen; aber es war auch nichts mehr da von jener heiligen und beglückenden Heimlichkeit, von jenem strahlenden Anderssein, das früher um sie gewesen war und ihn hochgetragen hatte. Sein Gefühl blühte nicht mehr in ihrer Gegenwart, es blieb kahl, dies engte ihn und verwirrte ihn. War sie doch so untadelig, bieder, brav, fromm. Daß seine Ernüchterung gerade daraus kam, gestand er sich nicht ein.

Nie geahnte Qual und Wirrung aber brachte ihm seine Tätigkeit bei Süß. Er hatte reichlich Muße; denn es waren außer ihm und Nicklas Pfäffle noch zwei Sekretäre da für die weitläufige Privatkorrespondenz des Finanzdirektors. Süß befahl ihn also nur sehr spärlich zu sich. Dann aber diktierte er ihm Schriftstücke allergefährlichsten Inhalts, so beschaffene, daß sie auch dem Arglosesten die ganzen schwarzen Pläne zum Verderb evangelischer und parlamentarischer Freiheit nackt dartun mußten. Akten, von denen jede Zeile den Herzog und den Finanzdirektor schwer kompromittierten, Dokumente, die dem Magister die heimlichsten, wichtigsten, schlüsselhaftesten Details des katholischen Projekts in die Hand gaben.

Taumelig drehte und wirbelte es dem unseligen Jaakob Polykarp Schober das ganze Innere. Süß diktierte seine schwarzen, ruchlosen Heimlichkeiten mit glatter, unbewegter Stirn und Stimme; er mußte unbegrenztes Vertrauen in seinen Sekretär setzen. Schober war bei ihm in Amt und Pflicht. Sollte er nun hingehen, wortbrüchig sein, seine Wissenschaft verraten, das Vertrauen des Juden kalt beschwindeln? Es war freilich nur ein Jud: aber hatte dann nicht jeder Lump und Hundsfott ein Recht, ihn, den Schober, einen Schurken und zweizüngigen Schuft zu nennen? Wenn er aber hinwiederum schweigend zusah, wie der Glaube und die Freiheit seines Landes arglistig und schmählich zu Tode gedrosselt und viele hunderttausend evangelische Seelen in den Pfuhl und letzten Höllenschlund gestürzt wurden, war er dann nicht noch mehr ein Schelm und Verdammter?

Gezwickt und zerfetzt von allen Hunden des Zweifels war der Magister. Wie erwählt war er sich in Hirsau vorgekommen, als er die dünne Hoffnung hatte, von Gott an den Hebel großen Schicksals und Erlösung gestellt zu werden. Und nun ging sein vermessener, überheblicher Wunsch auf so grausame, zwielichtige Art in Erfüllung, daß er die Hunderttausende der schwäbischen evangelischen Brüder nur durch Preisgabe der eigenen Seele retten konnte. Qualvoll stand er und zitternd wie ein geschorener Hund. Er fiel vom Fett; jähe Hitzen überflogen ihn des Tags, wechselnd mit kaltem Schweiß, des Nachts trieb es ihn schlaflos hoch, daß er aufstand, über die alte, häßliche Katze stolpernd, stöhnend auf und ab lief.

Er ging zur Beata Sturmin, bat sie zu däumeln. Die blinde Heilige schlug auf: „Und die Kinder Israels brachen auf von Rithma und lagerten in Rimon Perez.“ Der Magister dachte lang und scharf nach, was darunter verstanden sei, und erkannte: Rithma war das, was er lassen, Rimon Perez das, was er tun sollte. Aber er brachte nicht heraus, war Rithma der Treubruch gegen den Juden und Rimon Perez die Erlösung der evangelischen Brüder, oder umgekehrt. Und er lebte weiter in Schweiß und Zweifel und arger Not und wog Tag und Nacht das Seelenheil des ganzen Landes in seinen dicken, unwissenden, unentschlossenen Händen.

* * * * *

Kurz und seine Unzufriedenheit kaum verbergend entließ Karl Alexander die Herren, denen er die Leitung des katholischen Projekts anvertraut hatte, aus der geheimen Sitzung. Den Juden hielt er mit ungeduldigem Wink zurück. „Er hat gar nichts gesagt, Jud!“ herrschte er den höflich Abwartenden an.

„Es war nicht wert, daß man antwortete,“ erwiderte Süß und wischte mit einer leichten Schulterbewegung glatt weg, was in der Sitzung geredet war.

Karl Alexander schnaubte leise, hieb mit den Fingerknöcheln die Tischplatte. Gift und Opperment! Es war eine Schweinerei, daß der Jud recht hatte.

Der nahm ihm, schon wieder, die Gedanken aus dem Hirn, formulierte sie. „Die Herren tifteln herum,“ sagte er mit seiner geschmeidigen, höhnischen Stimme. „Messen das Detail, den Spinnwebfaden, haben keinen Blick fürs Ganze. Was wissen denn die!“ Und sein Ton verwies sie in die unterste Region der Dummheit und Unfähigkeit. „Als ob es darauf ankäme, mit fadenscheinigen Advokatenkniffen den Reversalien da ein Komma wegzupraktizieren und dort einen I-Punkt. Was für armselige, schäbige Krämermethoden! Ein Reskript, ein einziges, genügt: Wir, Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, nehmen die Rechte, die Uns Gott gegeben und die man Uns gaunerisch, tückisch, rebellantisch abgezwackt hat, wieder an Uns. Wir sind von heut an in Wahrheit der Herr des Landes. Wir sind Württemberg! Aber davor zucken die Herren feig und lahmarschig zurück. Das verstehen sie nicht, da schütteln sie die Köpfe und haben Bedenken und Zungenschnalz und Oh und Ach und Aber. Der Gedanke ist ihnen zu einfach, zu groß, zu fürstlich, zu königlich.“

Karl Alexander bei allem dumpfen Zorn, den er gegen den Juden nährte, spürte wieder, daß nur der ihn verstand, daß nur der wußte, worauf es ankam. Mit einer widerwilligen, ingrimmigen Bewunderung sagte er sich, daß er nur durch ihn, mit ihm das katholische Projekt wird zu Ende führen können. Was Süß in seine kräftigen, unheimlich gewandten Hände nahm, das knetete er wie durch Zauber rund und fügsam. Vor seinem fanatisch schwelenden Feuer ward all die brave und gewissenhafte Mühe lächerlich, mit der die anderen zappelnd und qualvoll halbe Erfolge zettelten. Was überhaupt wußten denn die anderen? Für sie war das katholische Projekt ein Geschäft, eine Aufgabe, eine lebenswichtige Aufgabe vielleicht. Aber daß es doch in Wahrheit viel mehr war, daß dieser Staatsstreich sein, Karl Alexanders, Leben und Sinn selber war, das wußten doch, spürten doch nur er und der Jude.

Denn so hatte sich ihm langsam das Projekt umgebildet, so hatte es unter dem knetenden, hetzenden Auftrieb des Süß sich ihm ins Blut gebrannt. Erst war es ihm Politik gewesen, Mittel zur Macht, Dekoration, nichts weiter; dann war es Mystik geworden, ersehnte Lösung aus einer Bindung, Religion. Jetzt hatte es sich verwandelt in sein Leben und Blut selber. Er wird jetzt, das ist der Sinn und Krone des Planes, das Land selber werden. Nicht ein Diener oder Fürst des Landes, nicht ein Gesetzgeber oder Feldherr, dies alles ist armseliges Gestümper und Unsinn. Er wird das Land ganz in sich hineinschlingen, wird so in das Land hineinschlüpfen, daß er das Land selber ist. Das Land kann nur atmen, wenn er atmet, schreiten, wenn er schreitet, wenn er stille steht, steht es still. Leibhaft geradezu, körperhaft ward ihm diese Vorstellung. Stuttgart ist sein Herz, der Neckar seine große Schlagader, das schwäbische Gebirg ist seine Brust, der schwäbische Wald sein Haar. Er ist Württemberg, leibhaft, Württemberg nichts als er.