Part 3
Der engere Ausschuß des Parlaments, der Landschaft, hielt alle drei Tage Sitzung. Die Herren waren vom König von Preußen empfangen worden, sie wußten um das Zerwürfnis der Gräfin mit ihrem Bruder, sie spürten den nahen Fall der Gräfin, wollten ihn beschleunigen. Man beriet über die Möglichkeit einer neuerlichen Anklage bei Kaiser und Reich, über neue Beschwerden beim Herzog gegen gewisse Maßlosigkeiten der Grävenizschen aus der letzten Zeit. Die elf Herren saßen beisammen, acht Mitglieder des engeren Ausschusses, die beiden Konsulenten, der Vorsitzende und Erste Sekretär. Sehr verschieden die einzelnen, von dem plumpen, massigen Johann Friedrich Jäger, Bürgermeister zu Brackenheim, bis zu dem feinen, eleganten, weltläufigen Konsistorialrat und Prälaten von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee; aber alle einig pochend auf die Rechte und Privilegien der Landschaft. Es polterte von wüsten Verwünschungen der Gräfin, mit Ruten müsse das Saumensch aus dem Land gepeitscht werden, und Johann Friedrich Bellon, Bürgermeister zu Weinsberg, haute auf den Tisch, wenn es so weit sei, werde er seine kleinen Kinder mit auf die Gassen nehmen und sie heißen, das Luder, das pockennarbige, von der Lustseuche zerfressene, ins Antlitz speien. Es dröhnten stolze Reden, wo in Europa gebe es noch ein Land mit soviel Freiheiten, nur Württemberg und England habe sich soviel parlamentarische Sicherungen erkämpft, und die Luft im Hause des Landtags war voll von Bürgerstolz, Schweiß und Demokratie. Aber es kam nur zu schwächlichen Beschlüssen, und da Eberhard Ludwig nicht zu erreichen war und die Geheimräte nur höflich verzögernde Antworten hatten, kamen auch diese Resolutionen ins Hinken und blieben nach drei Wochen vergilbende Akten.
Auch die Herzogin Johanna Elisabetha, die in dem verödeten Stuttgarter Schloß saß und wartete, hatte von der nahen Ungnade der Gräfin gehört. Die Herren von der Landschaft gingen bei ihr ein und aus, der Kaiser sandte ihr Spezialbotschaft, der König von Preußen hatte ihr in besonders feierlicher Form aufgewartet. Wie spottete man in den Kreisen der Gräfin über diese zeremoniöse Visite des schäbigen Königs bei der verschlissenen Herzogin. Die Herzogin hörte aufmerksam auf alle Stimmen, verzeichnete sorglich jede Schwankung Eberhard Ludwigs, aber ihre Hoffnung stieg nicht hoch, und ihre Enttäuschung fiel nicht tief, als sich der ersehnte Umschwung verzögerte. Sie hatte so lange gewartet. Dreißig Jahre saß sie jetzt in dem kahlen Schlosse, in dem der Herzog ihr nur den nötigsten Hausrat belassen hatte, saß trübselig, verstaubt, eigensinnig, sauer, wartete. Wohl machten auch ihr die fremden Gesandten untertänige Besuche, aber sie wußte, es war langweilige Pflicht, und man zeichnete sie nur aus, wenn man mit dem Herzog brouilliert war, ihn ärgern wollte. Das Leben war drüben in Ludwigsburg, in der Stadt, die Eberhard Ludwig der Rivalin gebaut hatte, als sie, die Herzogin, verbissen in Stuttgart aushielt, Demütigungen, Drohungen nicht achtend. Das Leben war drüben in Ludwigsburg, wohin der Fürst seine Residenz verlegt hatte, wohin er die widerstrebenden Aemter, Kollegien, Konsistorium, Kirchenrat zwang. Dort hatte er für jene, für die Mecklenburgerin, die Mätresse, die Person, das prunkende Schloß gebaut, dorthin aus dem Stuttgarter Palais alle Kleinodien, Prunkmöbel schaffen lassen.
Johanna Elisabetha erinnerte sich der Mecklenburgerin – auch in Gedanken nicht nannte sie den Namen der Verfluchten – vom ersten Tag an. Sie hatte ihren Gatten in Liebe und Ehren gehalten, sie war stolz auf den Kriegshelden und Kavalier, sie wußte auch, daß sie nicht schön genug war für ihn, und verdachte es ihm nicht, wenn er mit ihren Hoffräulein herumscharmuzierte. Auch als sie ihm einen Sohn und eine Tochter gebar und man ihr andeutete, die Schwächlichkeit der Kinder rühre von dem wilden Leben des Herzogs her, trug sie es ihm nicht nach. Wie die Mecklenburgerin an den Hof kam, – ihr Bruder hatte sie hergebracht, der intrigante Kuppler, um durch sie seinen Weg zu machen – begriff sie zwar nicht, was viel an der Person sei, aber wenn Eberhard Ludwig sie wollte: sie hatte zu so vielem die Augen zugedrückt, sie gönnte sie ihm. Ueberdies hatte sich der Herzog zuerst gar nichts aus ihr gemacht, erst später bei einer Liebhaberaufführung, in der er mit ihr spielte, entzündete er sich. Sie sah noch die frechen, nackten Brüste, mit denen die Person in dem koketten Phyllis-Kostüm sich an ihn drängte. Und seither war kein Tag vergangen, daß die Person sie nicht angehaßt hätte. Sie hatte den Herzog mit Hexerei an sich gelockt, das war ja klar; sie hatte auch versucht, sie, die Herzogin, zu vergiften; daß ihr damals auf die Schokolade so schlecht geworden war, da war das Gift der Mecklenburgerin schuld, und nur eine gnädige Fügung hatte sie vor Schlimmerem bewahrt und sie von dem Kuchen nichts genießen lassen. Für jeden, der Augen hatte, lag es am Tag, daß sie eine verfluchte Hexe, Giftmischerin und Teufelsbuhle war. War sie nicht auch vor der Zeit eines blauschwarzen, behaarten, verschrumpften Wechselbalgs genesen?
Aber sie, die Herzogin, hatte sich durch keine Untat, Kränkung und Hexerei aus ihrem Rechte treiben lassen. Es war längst kein saftiger Haß mehr in ihr, es war ein trockenes, dürres, scheles, pedantisches, verstaubtes Warten auf den Zusammenbruch der Person. So saß sie in dem weiten, ausgeleerten Schloß, trübselig, kahl, sauer, und die Nachrichten, die zu ihr kamen, verloren ihre Farbe und wurden breiig, zäh, spinnwebfarben wie sie selber.
* * * * *
Um jene Wochen ward im schwäbischen Kreis bald hier, bald dort der Ewige Jude gesehen. In Tübingen sagte man, er sei in einem Privatwagen durch die Stadt gefahren, andere wollten ihn auf der Landstraße gesehen haben, zu Fuß, in der Post, der Torschreiber von Weinsberg erzählte von einem seltsamen Fremden, der einen sonderbaren Namen angegeben und ein merkwürdiges Gewese gehabt habe; wie er aber weiter in ihn gedrungen sei um gehörige Legitimation, habe ihn der Unheimliche mit einem so höllischen Blick durch und durch geschaut, daß er in seiner Verwirrung von ihm abgelassen habe, und jetzt noch spüre er den Teufelsblick wie Reißen durch alle Glieder. Ueberall ging das Geraune, die Kinder wurden gewarnt vor dem Aug des Fremden, und Weil, die Stadt, wo er in der Umgebung zuletzt gesehen worden, gab ihrer Torwache verschärfte Instruktionen.
Kurze Zeit später erschien er in Hall. Am Tor erklärte er kecklich, er sei Ahasverus, der ewige Jude. Der Magistrat, sogleich beschickt, verordnete, man solle ihn vorderhand in der Vorstadt belassen. Aengstlich neugieriges Volk sammelte sich. Er sah aus wie häufig Hausierjuden, mit Kaftan und Schläfenlocken. Er erzählte bereitwillig, gurgelnd, oft unverständlich. Vor dem Kreuz warf er sich nieder, heulte, schlug sich die Brust. Im übrigen handelte er mit Kleinkram, und man kaufte ihm viel ab, Amulette, Andenken. Schließlich vor den Magistrat gestellt, erwies er sich als Schwindler, wurde gestäupt.
Aber diejenigen, die ihn gesehen hatten, erklärten, das sei freilich nicht der Rechte. Der habe nichts Besonderes an seiner Tracht gehabt, einen soliden holländischen Rock wie andere auch, leicht altmodisch, er habe ausgesehen wie ein hoher Beamter oder ein gutgestellter Bürger. Nur sein Gesicht und die Luft um ihn herum, sein Auge vor allem: kurz, man habe eben sogleich gespürt, das ist der Ewige Jude. So erzählten, an allen Ecken des Landes, übereinstimmend die Verschiedensten.
Die Gräfin fragte Isaak Landauer, was er von den Gerüchten halte. Er drückte herum, er sei kein Leibniz. Er sprach nicht gern von diesen Dingen, hier sah man nicht klar, er war geneigt, nichts zu glauben, aber seine Skepsis war ohne Sicherheit. Auch bekam, wer sich mit solchen Dingen befaßte, leicht mit der Polizei und den Kirchenbehörden zu tun. Sie, die Gräfin, glaubte fest an Magie und geheime Kunst. In Güstrow, als Kind, war sie viel mit der alten Johanne zusammengewesen, der Schäferin, die die Leute dann erschlagen hatten, weil sie das böse Wetter hergewünscht. Sie hatte manchmal offen, häufiger, wenn die Alte sie hinausjagte, heimlich zugeschaut, wie sie Salben und Tränke mischte, und ganz im Innern war sie überzeugt, ihr Aufstieg und ihre Macht rühre bloß davon her, daß sie sich nach dem Tod der Alten mit dem Bocksblut, das die zuletzt gerührt, heimlich Nabel, Scham und Schenkel bestrichen hatte. Sie unterhielt sich gern und voll prickelnd scheuer Gier mit den Alchimisten und Astrologen, die an den Ludwigsburger Hof kamen, und wenn sie auch in Gesellschaft die Philosophin spielte und den Freigeist, so mischte sie doch in der Stille gespannt und schwer atmend manches Rezept zur Erhaltung der Jugend, zur Gewinnung der Macht über den Mann. Daß die Juden ihre unerhörten Erfolge, ihre genialen Einfälle in allem Finanziellen magischen Mitteln verdanken, so dumm war sie nicht, das nicht zu durchschauen. Sie hatten solche Mittel übererbt bekommen von Moses und den Propheten her; weil Jesus diese Mittel allen Völkern verraten und sie dadurch wertlos machen wollte, darum hatten sie ihn gekreuzigt. Und wenn jetzt Isaak Landauer sich vor ihr wand und drehte, und sie, die ihm soviel Vertrauen gezeigt, in ihrer Not verließ, so war das schäbige Konkurrenzangst und schweres Unrecht von ihm.
Die Gerüchte von dem Ewigen Juden hatten ihr von neuem den Vorsatz gefestigt, wenn alles andere versagte, den Herzog mit magischen Mitteln zurückzugewinnen. Sie drang mit Ungestüm in Isaak Landauer, sie zu dem Ewigen Juden zu bringen. Und wenn er dafür nicht zu haben sei – er solle keine Ausflüchte machen, natürlich könne er es bei einigem guten Willen – dann solle er ihr doch wenigstens einen andern Kabbalisten beschaffen, der sich bewährt habe, und an den sie glauben könne.
Isaak Landauer rieb sich leicht fröstelnd die blassen Hände. Ihr Ansinnen und ihre Heftigkeit war ihm sehr unbequem. Gott, er war ein zuverlässiger Kaufmann, er beschaffte alles, was man wollte, Geld, Ländereien, einen Adelstitel, eine kleine reichsunmittelbare Grafschaft, wenn es sein mußte, überseeisches Gewürz, Neger, braune Sklavinnen, sprechende Papageien: aber wo in aller Welt sollte er den Ewigen Juden hernehmen oder einen soliden Kabbalisten, mit dem man Staat und Effekt machen konnte? Natürlich dachte er einen Augenblick daran, einen geschickten Schwindler vor die Gräfin hinzustellen; aber er wollte schließlich diese gute Kundin, die sich so ganz auf ihn verließ, nicht übers Ohr hauen. Er war immer solid gewesen. Und dann war es auch zu riskant. Die Landstände haßten ihn sowieso, sie hätten ihn mit größter Freude vors Gericht und, Gott behüte, auf den Scheiterhaufen gebracht. Er beurlaubte sich von der Gräfin gegen seine Gewohnheit verstimmt und mit einem widerwilligen halben Versprechen.
Er ging zu Josef Süß Oppenheimer.
Der hatte sich mittlerweile redlich bemüht, müßig zu sein; aber er hatte nicht die Gabe, sich auf solche Art zu erholen. Er litt unter dem Nichtstun; er fühlte sich, der rastlose Mann, unbehaglich, krank, wenn er nicht Projekte anzetteln, mit großen Herren verhandeln, Bewegung auslösen, in Bewegtem wirbeln konnte.
Von klein auf hatte es ihn umgetrieben, ihm keine Rast gegönnt. Schon als Kind hatte er es durchgedrückt, daß er nicht bei seinem Großvater in Frankfurt bleiben mußte, dem frommen und stillen Reb Salomon, dem Vorbeter in der Synagoge. Seine Eltern, der Vater war Direktor einer jüdischen Komödiantengesellschaft, mußten ihn auf ihre Tourneen mitnehmen. So war er schon als Sechsjähriger an den Herzogshof von Wolfenbüttel gekommen und hatte große Herren kennengelernt. Der Herzog mochte den Vater und mehr noch die Mutter, die wunderschöne Michaele Süß, gern leiden, und die Herzogin fraß ihren Narren an dem hübschen, leidenschaftlichen, altklugen, koketten Knaben. Ah, wie war er anders als das flachsblonde Phlegma der Kinder am Wolfenbüttler Hof. Von daher schon rührte seine sehnsüchtige Neigung, mit großen Herren zu verkehren. Er brauchte Abwechslung, es mußten viele, viele Gesichter an seinem Wege stehen, er hatte Durst auf Menschen, eine wütende Lust, immer mehr Gesichter in sein Leben zu stopfen, er vergaß ihrer keines. Der Tag war verloren, an dem er nicht mindestens vier neue Menschen sah, er war stolz darauf, ein Dritteil aller deutschen Fürsten, die Hälfte aller großen Damen von Angesicht zu Angesicht zu kennen.
Er war kaum mehr in der Heidelberger Schule zu halten. Dreimal in vier Jahren brannte er durch, lief den Schauspielern nach. Und als gar der Vater starb, konnten alle Bitten, Tränen, Drohungen, Verwünschungen der Mutter ihn nicht zähmen. Der hübsche Junge, von der ganzen Stadt verhätschelt, frühreif, als Wunderkind im Rechnen angestaunt, stolz auf sein prinzliches Aussehen, machte die tollsten Streiche. Die jüdischen Nachbarn schlugen die Hände zusammen, die christlichen lachten amüsiert und wohlgefällig, die Mutter, unter Flehen, Flennen, Schimpfen, ward zwischen Stolz und Empörung hin- und hergeworfen. Auch in Tübingen, wo er die Rechte studieren sollte, hielt es ihn nicht in den Hörsälen. Mathematik und Sprachen bewältigte er im Spiel, die Rabulisterei der Jurisprudenz, die die Professoren sich in mühsamer Theorie zusammenklaubten, stak ihm in den Fingern. Viel wichtiger war es ihm, mit den adeligen Studenten zusammenzusein, und ließen sie ihn nur eine Stunde als Kavalier und Kameraden gelten, so machte er ihnen gern dafür die ganze übrige Woche den Diener und Bajazzo. Er erkannte mehr und mehr: dies war seine Profession, große Herren zu traktieren und mit ihnen umzugehen, ihr Efeu zu sein. Wer verstand es wie er, in die Launen und Lüste der Fürsten hineinzukriechen, still zu sein zur rechten Zeit, zur rechten Zeit den Samen seines Willens in sie zu senken wie der Obstspinner seine Saat in die reifende Frucht. Und wer gar konnte sich dem Frauenzimmer anschmiegen wie er und mit weicher und sicherer Hand auch die Sprödeste herumbiegen. Es brannte in ihm: mehr Länder, mehr Menschen, mehr Frauen, mehr Pracht, mehr Geld, mehr Gesichter. Bewegung, Geschehen, Wirbel. Nicht in Wien litt es ihn, wo seine Schwester in stolzer Ehe lebte, glänzte, verschwendete, nicht in den Kontoren seiner Vettern Oppenheimer, der kaiserlichen Bankiers und Armeelieferanten, nicht in der Kanzlei des Mannheimer Advokaten Lanz, nicht in den Bureaus seines Bruders, des Darmstädter Kabinettsfaktors, der jetzt, Christ geworden, Baron Tauffenberger hieß. Es trieb ihn, es jagte ihn. Neue Frauen, neue Händel, neue Pracht, neue Sitten. Amsterdam, Paris, Venedig, Prag. Wirbel, Leben.
Bei alledem schwamm er in seichtem, abgespaltenem Wasser und konnte nicht recht auf den vollen Fluß hinauskommen. Erst die Hilfe Isaak Landauers hatte ihm ernsthafte Geschäfte verschafft, die kurpfälzische Stempelsache und den Darmstädter Münzakkord, und erst der flinke Mut, mit dem er diese riskanten Affären gepackt und im rechten Moment aus der Hand gelassen, hatte seinen Namen vollwichtig gemacht. Er hätte gültige Ursache gehabt, jetzt in Wildbad die Arme zu breiten, auszuatmen.
Aber dies war ihm nicht gegeben, Müßiggang juckte ihm die Haut, und er zettelte, nur um seine Kraft spielen zu sehen, hundert kleine Amouren, Projekte, Geschäfte an. Sein Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle, den er dem Mannheimer Advokaten Lanz abgespannt hatte, ein dicker, gelassener, undurchdringlicher, unermüdlicher, blasser Mensch, mußte den ganzen Tag auf dem Weg sein, ihm Neuigkeiten zu schaffen, Adressen, Hantierung, Lebensläufe der Badegäste zu erkunden.
Süß sah sehr jung aus, und er war stolz darauf, daß man ihn gemeinhin auf rund dreißig schätzte, zehn Jahre jünger fast, als er wirklich war. Er mußte Frauenblicke in seinem Rücken spüren, umgewandte Köpfe, wenn er auf der Promenade ritt. Die mattweiße Haut, die er von der Mutter geerbt, pflegte er mit hundert Essenzen, er ließ sich gerne bestätigen, daß seine Nase griechisch war, täglich mußte der Coiffeur ihm das reiche dunkelbraune Haar wellen, daß es ja nicht unter der Perücke leide; häufig auch trug er es ohne Perücke, trotzdem sich das eigentlich für einen Herrn seines Standes nicht schickte. Er achtete darauf, daß der kleine Mund mit den übervollen, sehr roten Lippen sich nicht durch viel Lachen verzerre, und ängstlich suchte er im Spiegel die freie Heiterkeit der glatten Stirn, die ihm das Zeichen des Kavaliers war. Er wußte, daß er auffiel, er brauchte Bestätigungen, immer neue, seiner Wirkung, und eine Frau, die er nach einer Nacht verabschiedet hatte, blieb ihm fürs Leben lieb, weil sie seine dunkelbraunen, blitzenden, raschen Augen unter den gewölbten Brauen fliegende Augen genannt hatte.
Wie die Mode und sein Behagen immer neue Speisen, Weine, immer anderes Kristall und Porzellan für seine Tafel forderte, so für sein Bett immer neue Frauen. Er brauchte sie und verbrauchte sie. Sein Gedächtnis, ein ungeheures Museum, das alles in zuverlässiger Konservierung hegte, hielt Gesichter, Leiber, Duft, Stellung in sicherer Treue fest; weiter rührte keine. Eine einzige hatte sich tiefer als nur in die Sinne in ihn hineingesenkt, das Jahr, das sie mit ihm zusammen war, das Jahr in Holland, stand fremdartig und sehr allein in seinem Leben, aber er hatte das Erinnern daran verkapselt, er sprach nicht davon, seine Gedanken gingen scheu an diesem Jahr und dieser Verklungenen vorbei, nur sehr selten schlug es große Augen auf und sah ihn bestürzend und verwirrend an.
Er hatte sich von Isaak Landauer auch deshalb so leicht bestimmen lassen, nach Wildbad zu gehen, weil die Kur in diesem Ort seit ein paar Jahren von jedem gebraucht werden mußte, der im westlichen Deutschland als Kavalier gelten wollte. Selbst von Frankreich kamen Gäste herüber, hier sah man das modischste Fuhrwerk, man hörte die eleganteste Konversation, man konnte an der Tenue von Versailles die Eckchen und Rauheiten abschleifen, die auch der modischste deutsche Hof nicht ganz zu vermeiden wußte. Hier war große Welt, man sah hier am deutlichsten die leisen Schwankungen in der Wertung der einzelnen und ganzer Schichten, wer hochkam, und wer niederglitt, das lebendige Beispiel war hundertmal instruktiver als der Mercure galant. Nur hier in Deutschland konnte man mit Sicherheit feststellen, welches Fußgelenk der _à la mode_-Kavalier bei der Auswahl seiner Herzdame zu bevorzugen hatte, wollte er nicht als rückständig angesehen werden.
Da Süß in keiner größeren Aktion stand, ging er ganz in diesem Gewese auf, trieb sich mit flinken Stößen in den galanten Nichtigkeiten herum. Nicht ausgefüllt und hungrig nach Geschehnissen, sog er aus dem Leben der andern. Er konversierte mit dem Wirt und machte Projekte, wie der Gasthof, in dem er wohnte, rentabler werden könnte, er schlief mit der jungen Aufwärterin, er bestellte für den Besitzer des Spielhauses neue, elegantere Pharao-Tische, wobei er vierhundert Gulden verdiente, er war der am liebsten gesehene Gast beim Lever der Prinzessin von Kurland, er renkte die Liebeshändel des Badedieners ein, er beschaffte durch die Gewandtheit seines Nicklas Pfäffle aus den Ludwigsburger Treibhäusern Orangeblüten für die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, er durfte, wenn sie im Bad saß und mit den Kavalieren konversierte, auf der Holzdecke, die, nur ihren Kopf freilassend, auf der Wanne lag, ihr zunächst sitzen, und viele sagten, er dürfe sich noch ganz andere Freiheiten nehmen. Er machte einen vorteilhaften Kontrakt mit einem Amsterdamer Juwelenhändler über die Schleifung gewisser Steine, bei einem Streithandel mit einem Grafen Tratzberg, einem plump frechen bayrischen Herrn, schnitt er so gut ab, daß der Bayer andern Tags sich aus Wildbad trollen mußte, er erwirkte dem Gärtner Kredit für neue Parkanlagen beim Badehaus und gewann dabei hundertundzehn Taler. Er hielt am Spieltisch, als alle deutschen Herren sich ängstlich zurückzogen, dem jungen Lord Suffolk als einziger Widerpart und verlor lächelnd und höflich viertausend Gulden. Er ohrfeigte einen Modehändler, der ihn beim Kauf eines Strumpfgürtels um vier Groschen betrügen wollte. Er antichambrierte täglich beim sächsischen Minister – der sächsische Hof suchte eine Anleihe – und stand barhaupt und tief gebückt, während der Minister, den Blick steif und hochmütig gradaus, grußlos vorüberging. Er beneidete brennend Isaak Landauer, der unter dem Spott der Gassenbuben, den Verwünschungen des Volkes, der Verachtung der großen Welt ins Haus der Gräfin ging, rechnete, Geld bewegte, Land bewegte, Menschen ledig machte, unter Ketten begrub.
In solcher Laune fand ihn Isaak Landauer. Er begann behutsam von den seltsamen Kaprizen, mit denen Gott, gelobt sein Name, die Christen bedacht und bestraft habe. Der alte Ratsherr aus Heilbronn mußte immer seine sieben Hündchen um sich haben, und von genau gleicher Größe, das Fräulein von Zwanziger hatte das Gelübde getan, am Freitag kein Wort zu sprechen, und der Herr von Hohenegg hatte den Ehrgeiz, bei allen adeligen Begräbnissen in der Umgegend zugegen zu sein, und scheute zu solchem Zweck keine Strapaze. Dann kam er vorsichtig auf das Gerede vom Ewigen Juden zu sprechen und endete mit der beiläufigen Mitteilung, daß die Gräfin die seltsame Laune habe, den Ewigen Juden oder sonst einen Magus oder Astrologus, am liebsten einen zuverlässigen Kabbalisten bei sich zu sehen. Dann schwieg er, wartete.
Süß hatte sogleich gemerkt, der andere wolle etwas. Er zog sich zusammen, lauerte. Daß Isaak Landauer von dem Ewigen Juden anhub, warf ihn aus seiner Rechnung. Dies rührte einen Punkt, der nicht ins Geschäft zu ziehen war, sich nicht in Ziffern umsetzen ließ. Rührte an das Verkapselte. Auch er hatte natürlich von den Gerüchten gehört; aber sein eingeborenes Talent, sich abzuschließen gegen alles, was ihm die Sicherheit verwirren konnte, hatte ihn leicht und rasch über Ahnungen, Trübungen weggleiten lassen. Nicht stoßen an das Verkapselte. Jetzt aber, wie Landauer damit begann, kroch das unbehagliche Gefühl unweigerlich ihn an. Er sah den Vorschlag Isaak Landauers an sich herankommen wie eine ferne Welle, er fürchtete ihn und wünschte ihn herbei, und wie jetzt Isaak Landauer einhielt, saß er in quälend prickelnder Spannung.
Und da fuhr der andere auch schon fort. Zögernd, die tastende Erwartung unter der Beiläufigkeit des Tones versteckt, fragte er: „Ich hab gemeint, Reb Süß, vielleicht Rabbi Gabriel.“
Da war es. Er zielte also, dieser Mensch, der da vor ihm saß und schlau und behaglich mit dem Kopf wackelte, mit sicherem Kalkül auf das, was er zu ahnen widerwillig abgelehnt, von sich abgeschüttelt hatte. Er zwang ihn, sich damit auseinanderzusetzen.
„Ich meine,“ tastete er wieder, der andere, der Lockende, Beneidete, „ich meine, der Ewige Jude, von dem sie schwatzen, das kann doch nur er sein.“
Ja, ja, das hatte natürlich Süß auch gespürt, als er von jenen Gerüchten gehört hatte. Aber gerade davor hatte er sich abschließen wollen, daß solche Ahnung nicht Wissen werde. Rabbi Gabriel, sein Oheim, der Kabbalist, der Unheimliche, für jeden in seltsamem und beängstigendem Nebel, der einzige Mensch, über den er nicht ins Klare kommen konnte, der einfach durch seine Gegenwart sein farbiges Weltbild entfärbte, seine Wirklichkeit entweste, seine klaren, runden Zahlen zweideutig machte, auswischte, der sollte für sich bleiben, weit weg. Es war nicht gut, nein, nein, es war bestimmt nicht gut, den ins Geschäft zu mengen. Er wird an das Verkapselte rühren. Wirrung wird herausspringen, Druck, Zwiespalt, Dinge, die sich jeder Rechnung und jedem Kalkül entzogen. Nein, nein, die Geschäfte waren hier, und jenes andere lag dort, behütet, fern ab, und es war gut so, und es sollte so bleiben.
„Ich verlang es natürlich nicht umsonst, Reb Josef Süß,“ tastete der andre sich weiter. „Ich würde Euch mit hineinlassen in das Geschäft mit der Gräfin.“