Part 2
Aber da war nun dieser Josef Süß Oppenheimer, die neue Generation. Da saß er stolz prunkend, mit seinen Schnallenschuhen und seinen Spitzenmanschetten, und blähte sich. Sie war plump, diese neue Generation. Von dem feinen Genuß, die Macht heimlich zu halten, sie zu haben und nichts davon zu zeigen, von diesem feineren Genuß des Stillfürsichauskostens verstand sie nichts. Berlocken und Atlashosen und ein eleganter Reisewagen und Diener hintenauf und die kleinen äußeren Zeichen des Besitzes, das galt ihr mehr, als in wohlverwahrter Truhe eine Schuldverschreibung der Stadt Frankfurt oder des Markgräflich Badenschen Kammergutes. Eine Generation ohne Feinheit, ohne Geschmack.
Und dennoch mochte er den Süß gern leiden. Wie er dasaß, immer jede Fiber gespannt, gierig, sich aus dem Kuchen Welt sein mächtig Teil herauszufressen. Er, Isaak Landauer, hatte damals des jungen Menschen Schifflein ins Wasser gestoßen, als der trotz aller Mühe und wilden Getriebes nicht von Land kommen konnte. Nun, jetzt schwamm das Schifflein, es schwamm in vollem Strom, und Isaak Landauer schaute neugierig und geruhig zu, wie und wohin.
Eine Extrapost kam ihnen entgegen. Ein feister Mann saß darin, behäbig, das Gesicht stark, reckenhaft, daneben fett, rund, dumm eine Frau. Es mochte ein Ehepaar sein auf einer Reise zu einer Familienfestlichkeit. Während die Wagen umständlich und unter lärmenden Gruß-, Scherz- und Fluchreden der Kutscher einander auswichen, schickte der Mann sich an, mit Süß ein kleines, gemütliches Reisegespräch zu beginnen. Wie er aber Isaak Landauer sah in seiner jüdischen Tracht, lehnte er sich ostentativ zurück und spie in weitem Bogen aus. Auch die Frau suchte ihrem dummen, gutmütigen Gesicht Strenge und Verachtung aufzusetzen. „Der Rat Etterlin aus Ravensburg“, sagte Isaak Landauer, der alle Menschen kannte, mit einem kleinen, glucksenden Lachen. „Mögen die Juden nicht, die Ravensburger. Seitdem sie den Kindermordprozeß gehabt haben und ihre Juden gemartert, gebrannt und geplündert, hassen sie uns mehr als das ganze andere Schwaben. Das sind jetzt dreihundert Jahr. Heute hat man humanere Methoden, weniger komplizierte, dem Juden sein Geld zu stehlen. Aber wem man solches Unrecht getan hat, versteht sich, daß man weiter gegen den gereizt ist, auch nach dreihundert Jahr. Nun, wir werden’s überleben.“
Süß haßte den Alten in diesem Augenblick. Die schmuddeligen Haarlöckchen, den fettigen Kaftan, das gurgelnde Lachen. Er kompromittierte einen mit seinem albernen, altmodischen, jüdischen Gehabe. Er verstand ihn nicht, den da, mit seinen senilen Marotten. Der hatte nun Geld wie Heu, einen unermeßlichen Kredit, Beziehungen zu allen Höfen, Vertrauen bei allen Fürsten, er, Süß, saß vor ihm wie eine Eidechse vor einem Krokodil: und solcher Mann ging in dem schmutzigen Rockelor, forderte Hohnrufe und Gespei heraus, begnügte sich, Geld zu häufen, das Schreiberei in seinen Kontoren blieb. Was war denn Geld, wenn man es nicht wandelte in Ansehen, Pracht, Häuser, Pferde, prunkende Kleider, Weiber? Verspürte dieser Alte nicht Lust, auf andere herunterzuspucken, wie man auf ihn herunterspie, Fußtritte weiterzugeben? Wozu schuf sich einer Macht, wenn er sie nicht zeigte? Der Ravensburger Kindermordprozeß! Solches Zeug lag ihm im Sinn! Verstaubt, vermodert, vergraben. Heute war es, Gott sei Dank, besser, gesitteter, zivilisierter. Heute, wenn es der Jud nur schlau anfing, saß er mit den großen Herren an einem Tisch. Hatte nicht sein Großvetter, der Wiener Oppenheimer, vor dem Römischen Kaiser darauf pochen können: wenn jetzt gegen die Türken die kaiserlichen Waffen siegreich waren, so war des er, der Jud Oppenheimer, mit die vornehmste Ursach. Und die kaiserliche Kriegskanzlei und der Feldmarschall Prinz Eugen hatte das in bester Form und mit Siegel und Dank bestätigt. Brauchte sich einer nur nicht in alberne Capricen verbeißen und mit Kaftan und Schläfenlöckchen herumlaufen. Dann hätte auch der Ratsherr Etterlin aus Ravensburg seinen Diener und Kompliment gemacht.
Isaak Landauer saß immer in der gleichen unbequemen, aufreizend uneleganten Haltung. Er las dem Süß wohl die Gedanken von der Stirn; aber er schwieg, schloß halb die spähenden Augen, mummelte.
Süß hatte wirklich die Absicht, sich in Wildbad zu erholen, auszuruhen. Er hatte zwei gefährliche, aufregende Affären hinter sich. Einmal die Einführung des Stempelpapiers in der Kurpfalz. Der Kurhut hatte sich eine verdammt hohe Pacht zahlen lassen. Das Volk hatte sich gegen die neue Steuer gewehrt wie ein bissiger Hund. Jenun, er hatte sich nicht einschüchtern lassen, er hatte wider die Beschimpfungen, Drohungen, Aufläufe vor seinen Büros, Pasquille, Tätlichkeiten das Siegel und die Handschrift des Kurfürsten, er hatte von seiner Schrift kein Jota abgelassen, und das hatte sich auch gelohnt, er hatte den Vertrag mit einem Gewinn von zwölftausend Gulden weiterverkauft. Und er hatte sich dann nicht etwa Ruhe gegönnt, nein, die zwölftausend Gulden mußten sogleich weiterarbeiten. Entschlossen, schnell und gesammelt – man ließ ihm nur zwei Tage Bedenkzeit – war er in den Münzakkord mit Hessen-Darmstadt hineingesprungen. Ein gefährliches Geschäft. Sein Bruder, der Baron, der Getaufte, der doch in Darmstadt zu Hause war und das Terrain genau kannte, hatte es nicht gewagt; selbst Isaak Landauer hatte mit dem Kopf gewackelt und sein Lächeln eingestellt. Die Rentämter von Baden-Durlach, Ansbach, Waldeck, Fulda, Hechingen, Montfort waren erbitterte Konkurrenten und prägten, was sie konnten. Noch schlechtere Münze zu prägen, dazu mußte man verdammt kaltes Blut haben und eine Stirn, eisern bis zur Verzweiflung. Süß hatte sie. Und wußte auch dieses Geschäft mit Profit und zur rechten Zeit abzustoßen. Mochte sich jetzt sein Nachfolger mit den tausend Widerwärtigkeiten herumschlagen. Er war gedeckt durch ein Dekret des Landgrafen, er war mit gutem Profit, in Gnaden, aus seinen Diensten entlassen worden. Jetzt hatte er sein schönes Haus in Frankfurt, in Mannheim, beide schuldenfrei, dazu gewisse Liegenschaften, von denen niemand eine Ahnung hatte, in den östlichsten Teilen des römischen Reiches. Kapital, Verbindungen, Titel, Kredit. Den Ruf eines findigen Kopfes, einer glücklichen Hand. Er durfte sich, weiß Gott, Ruhe und ein Leben aus dem Vollen gönnen. Er wollte der Welt zeigen, wer der kurpfälzische Oberhof- und Kriegsfaktor war. Der Luxus selbst seiner Muße wirkte ja für sein Geschäft, empfahl ihn den großen Herren.
So fest er entschlossen war, die Tage in Wildbad seiner Erholung zu gönnen, so falsch ihm Isaak Landauers Grundsätze schienen – seine eigene Art, mit Fürsten und großen Herren umzugehen, sich ihnen anzuschmiegen, war sicher die zeitgemäße, einzig richtige –: es wäre Wahnsinn gewesen, von diesem Genie der vorigen Generation, diesem personen- und sachkundigsten Finanzmann nicht auf der Reise zu profitieren. Er fragte also geradezu nach der Gräfin, ihren Aussichten, Hoffnungen, Schwierigkeiten, ihrer geschäftlichen Bonität.
Isaak Landauer schüttelte, sowie von Geschäften die Rede war, die Schläfrigkeit ab und richtete kluge, sehr wache, spähende Augen auf den Gefährten. Es war ihm Geschäftsprinzip, wenn möglich, bei der Wahrheit zu bleiben. Gerade durch seine gewagten und verblüffenden Offenheiten hatte er die größten Profite gemacht. Er wußte, der Süß mochte die Gräfin nicht leiden; ihre Geldgier schien ihm unfürstlich, ordinär. Was sollte er den Kollegen nicht ein wenig ärgern, indem er die Sicherheit, die Chancen des Geschäfts ins vollste Licht rückte. Er analysierte kurz, klar, sachlich. Eine gescheite Dame, die Gräfin. Sinn für Realitäten. Sie hat sich jede Steigerung in der Liebe des Herzogs mit Terrains und Privilegien zahlen lassen, und nahm er ab in der Liebe, dann mußte er, wenn er wiederkam, mit Bargeld und Juwelen zahlen. Was hat sie in das Geschäft hineingesteckt? Ein hübsches Gesicht, einen kleinen Adelstitel, ein bißchen problematische Jungfräulichkeit. Nicht einmal Kleider hat sie gehabt, wie sie an den Hof kam. Und was hat sie herausgewirtschaftet? Die Gräfin von Würben, die Gräfin von Urach, die Landhofmeisterin Exzellenz, Präsidentin des Conseils. Die Oberaufsicht der herzoglichen Schatulle. Achtzehntausend Gulden Apanage. Die Stammkleinodien und Hausjuwelen. Alle Honneurs, Emolumenta und Privilegien einer reichsunmittelbaren Fürstin. Barkapital und Tratten auf Prag, Venedig, Genf, Hamburg. In ihren Schatullen, sagt mir der Sekretär Pfau, dreihunderttausend Gulden. Sollen es nur zweimalhunderttausend sein, ist auch mitzunehmen. Die Rittergüter Freudenthal, Boihingen, die Dörfer Stetten und Höpfigheim, die Herrschaften Wilzheim, Brenz mit Oggenhausen, Marschalkenzimmern. Eine gescheite Frau, eine liebenswürdige Frau, eine Frau, die weiß, worauf es ankommt. Sie verdiente, Jüdin zu sein.
„Sie soll in Disgrace sein,“ meinte Süß. „Sie hat sich brouilliert mit ihrem Bruder. In der Landschaft tuschelt man, ihr eigener Bruder habe dem Herzog geraten, sie abzuschaffen. Auch der König von Preußen hat auf ihn eingeredt. Sie wird alt, störrisch, schwer traktabel. Und so fett. Der Herzog ist nicht mehr für soviel Fett in letzter Zeit.“
„Sie kennt sich aus,“ erwiderte Isaak Landauer. „Sie weiß, die Bank von England hält sicherer als der Liebesschwur eines geilen Herzogs. Sie ist assekuriert, sie ist besser wie mancher Reichsfürst. Glaubt mir, Reb Josef Süß.“
Süß verzog den Mund. Was sagte er: Reb Josef Süß? Warum nicht: Herr Hoffaktor oder: Kollega oder so? Es war schwer, mit dem Alten zu verkehren. Er kompromittierte einen. „Wenn der Herzog sie fallen läßt,“ sagte er nach einer Weile, „wird sie wenig retten können. Sie ist im Herzogtum angesehen wie Pest und Nonnenfraß. Sie hat den Haß des ganzen Landes gegen sich.“
„Haß des Landes!“ sagte Isaak Landauer amüsiert, geringschätzig, wiegte den Kopf, kämmte sich mit den Fingern den rotblonden, verfärbten Ziegenbart, lächelte. Und Süß spürte, er hatte recht. „Wer, so er was taugt, hat nicht den Haß des Landes gegen sich? Wer anders ist als die anderen, hat den Haß des Landes. Haß des Landes hebt den Kredit.“
Süß wurde gereizt durch den friedfertig überlegenen Ton des anderen. „Eine Hure,“ achselzuckte er, „geizig, unfürstlich von Manieren, dazu fett und alt.“
„Gered, Reb Josef Süß,“ sagte Isaak Landauer gelassen. „Hure! Ein Wort. Trösten sich die tugendhaften alten adeligen Fräuleins damit, die ihr neidisch sind. Hat auch die Königin Esther zuerst nicht wissen können, ob sie nicht des Ahasverus Kebsweib wird. Ich sag Euch, Reb Josef Süß, die Frau ist gut für fünfmalhunderttausend Gulden. Sie ist gescheit, sie weiß, was sie will. Hat sie nicht die Juden zugelassen in ihre Dörfer und Herrschaften? Nicht aus Sentimentalität, bewahre. Aber sie ist klug, sie riecht, wer klug ist, mit wem man reden kann, handeln, klar, und es kommt was heraus. Fünfmalhundert? Sie ist gut bis zu fünfmalhundertundfünfzigtausend!“
Mittlerweile fuhr der Wagen beim Gasthof zum Stern in Wildbad vor. Der Sternwirt stürzte heraus, zog die Kappe. Aber wie er den Kaftan Isaak Landauers sah, warf er patzig hin: „Hier ist kein Judenwirt“ und wollte in den Torgang zurück. Doch der blasse Sekretär stieg von seinem Sitz. „Das sind die Herren Hoffaktoren Oppenheimer und Landauer,“ sagte er gelassen und über die Achsel, während er den Herren beim Aussteigen half. Und schon dienerte der Sternwirt mit tiefem Bückling voraus in die Zimmer.
Josef Süß hatte sich grimmig bewölkt bei den Grobheiten des Gesellen; aber er schritt schweigend neben Isaak Landauer. „Nu,“ lächelte der, „auch vor einem gallonierten Geheimratsrock hätte er nicht können mit seinem Fuß weiter nach hinten auskratzen.“ Und er lächelte und kämmte sich mit den Fingern den schüttersträhnigen, verfärbten Bart.
* * * * *
Die Gräfin hatte den Herzog an den Wagen geleitet; während der schwere Mann umständlich in die Kutsche stieg, stand sie in der liebenswürdigen Sicherheit der an Bewunderung gewöhnten Frau, schwatzte gleitend, freundlich, lächelte, winkte. Noch als sie sich wandte, die Stufen zu dem blauen Kabinett hinaufstieg, war Schritt und Haltung leicht, elastisch. Dort erst entspannte sie sich, die Schultern fielen, Arme, Hände hingen kraftlos, der Mund stand halbauf, das Gesicht erschlaffte jäh und erschreckend.
Aus, es war also aus. Sie hatte geschickt laviert, er hatte nicht zu sprechen gewagt, aber es war ja klar, es lag zutage, mit der Absicht, ihr aufzusagen, war er gekommen, und wenn ihm auch das entscheidende Wort steckengeblieben war, seine verlegene Höflichkeit sprach deutlich, war hundertmal schlimmer als gelegentlich früher Geraunz oder Zornausbruch oder beleidigtes Schweigen.
Sie saß schlaff, sie war so müde und ausgehöhlt; die gefaßt liebenswürdige Haltung, der elegische Hauch darüber, während ihr Herz tobte, fluchte, geiferte, diese Gefaßtheit war so aufreibend gewesen. Jetzt saß sie betäubt, in einer entsetzlichen Art bis zur Lähmung ausgeschöpft, auf dem niedern, breiten Lager. Puder und Schminke auf ihrem Antlitz klaffte, das heitere Feuer, das sie in ihren großen Augen angezündet, losch hin, der mächtige gestickte Atlasrock hing in toten Falten, und unter der kunstvollen, mit kleinen Rubinen besetzten Sbernia – sie hatte die Mode aufgebracht, und sogar in Versailles ahmte man sie nach – unter der kunstvollen Sbernia verlor selbst das fröhliche, nußbraune Haar seine sorglose Frische.
Aus also. Und warum? Der Preußenkönig hatte gebohrt, der Hund, der schäbige, mit seinem schalen Geschwätz von Pflicht und Blödsinn. Ihr Bruder hatte gehetzt, der Intrigant, der verfluchte, tückische, eiskalte. Er brauchte sie nicht mehr, seine Stellung beim Herzog war fest genug; es war klüger, sie abzuschütteln, ehe er in ihren Sturz hineinverwickelt würde. Sie war ein Hindernis, kostete Rücksichten in der Politik gegen den Kaiserhof, kostete Geld, viel Geld, das man ohne den Umweg über sie bequemer und reichlicher in die eigenen Kassen lenken konnte. Oh, wie sie ihn durchschaute, den Rechner, den hundsföttischen. Pfui, pfui, pfui! Aber sie wollte es ihm heimzahlen. Noch stand sie, lebte sie, der Herzog hatte noch nicht gesprochen, noch regierte sie, sie, sie im Land. Aber das alles konnten für den Herzog keine Gründe gewesen sein. Sie hatte ganz andere Stürme bestanden. Sie hatte den Kaiser, das ganze Reich, Volk und Landschaft und Konsistorium zu Gegnern gehabt und hatte geatmet und war gestanden. Ihr Bruder! Der Preußenkönig! Bah, das waren keine Gründe. Und sie sah den wahren Grund auf sich zukriechen, sah ihn schleimig ihre Gedanken umklammern, wußte ihn und wußte ihn nicht, schlug wie die Raupe an der Nadel dagegen, daß er aus dunklem Gefühl Bewußtsein werde. Ihr Blick suchte den Spiegel, mied ihn. Sie sank, die schwere Frau, noch hilflos tiefer in sich zusammen, ein Haufe schlaffen Fleisches in den prunkenden Stoffen.
Auf deiner Stirne wohnt / Minerva hoch in Ehre / In deinem Auge Zeus / In deinem Haar Cythere /
so hatte der Hofpoet gesungen, vor dreißig Jahren. Sie brauchte keinen Spiegel, sie wußte den Grund.
Sie stöhnte, lehnte vornüber, die Augen geschlossen, die Hand nach dem Herzen. Luft! Luft! Ihr Asthma preßte sie. Erholt, raffte sie sich auf, raste durchs Haus, befahl, widerrief, ohrfeigte die Zofe, schrie, sandte Kuriere nach allen Richtungen.
Noch war sie da. Man sollte sehen, daß sie noch da war. Er hatte nicht gesprochen. Das hatte sie verhindert, glücklicherweise. Sie hatte sich gezähmt. Uebermenschlich war es gewesen, so an sich halten, aber sie hatte es gekonnt. Und jetzt hatte er nicht gesprochen, ah! und jetzt mußten sie ihren schmutzigen Jubel noch zurückhalten in ihren Därmen, und jetzt war sie noch da und wird es zeigen, wie sie da war.
Sie hatte zuverlässige Korrespondenten um den Herzog. Eberhard Ludwig war noch immer in Neßlach, in seinem Jagdschloß. Das war gut, sehr gut war das. Sie erhielt täglichen Bericht. Täglich ritt ihr Kurier von Neßlach nach Wildbad. Um jede kleinste Anordnung des Herzogs wußte sie, was er aß und trank, wann er zu Bett ging, jagte, tafelte, spazierenging. Er hatte nur die Ungarin um sich, und die nur im Tag eine halbe Stunde. Sonst sah er niemanden, niemanden von seinen Räten ließ er vor. Gut, gut. Er schämte sich wohl, daß er das Wort nicht gewagt hatte, wollte nicht weiter in sich drängen lassen. Die Regierungsakten wuchsen, warteten auf seine Unterschrift. Der schwierige Handel mit Baden-Durlach wegen des Kostenbeitrags für die Festung Kehl stand vor einem günstigen Vergleich, der Geschäftsträger der Markgräfin drängte, aber der Herzog war nicht zu erreichen. Auch das Abkommen mit Heilbronn und Eßlingen über die Neckar-Regulierung forderte dringend Resolution: und kein Herzog, kein Herzog. All gut, all gut. Dafür ließ er jetzt die Ritter seines Hubertus-Ordens kommen und soff mit ihnen herum. Er selber legte das Ordenszeichen nicht ab, das goldene Kreuz mit dem rubinroten Schmelzwerk, den goldenen Adlern und dem Jägerhorn und der Devise: _Amicitiae virtutisque foedus_. Auch die ungarische Tänzerin mußte in Neßlach bleiben, die blutjunge, heillos törichte, makellos gewachsene. All gut, all gut. Mochte er mit den Jagdkumpanen saufen, mit dem blitzdummen Geschöpf huren, aber keine Räte, keine Hetzer, keine Intriganten.
Sie gönnt sich nicht Ruhe mittlerweile. An ihre Verwalter und Intendanten gehen verschärfte Ordres, aus ihren Gütern und Herrschaften den letzten Groschen herauszupressen. Sie schafft zwanzig neue Beamtenstellen, höchst überflüssige, und ihre Zutreiber müssen diese Aemter von heute auf morgen verkaufen, die Kaufgelder und Kautionen in die gräfliche Schatulle einliefern. Das herzogliche Kammergut, trotzdem ihr Holz, Wein, Früchte geliefert waren, erhält eine ungeheure Rechnung über Spesen, die ihr die letzten Besuche Eberhard Ludwigs verursacht hätten. Wie ein ausgehungerter Hund am Knochen nagt sie an allen Einkünften des Herzogtums, gierig und verbissen, und täglich geht Geld außer Landes, große Summen, an ihre Bankiers in Genf, Hamburg, Venedig.
Und der Herzog ist noch immer in Neßlach. Er hat sich aus dem Marstall die drei großen Gespanne kommen lassen, jedes von acht Pferden, mit denen kutschiert er jetzt alle Künste der Reitschule. Die Ungarin kreischt, die Herren vom Hubertus-Orden applaudieren in ehrlicher Bewunderung.
Endlich, hergewünscht, hergeflucht, heiß erwartet, kommt Isaak Landauer nach Wildbad. In seinem schmierigen Kaftan saß er im Arbeitskabinett der Gräfin inmitten von Lapislazuli und Zierat, Spiegeln und goldenen Putten. Die Gräfin ihm gegenüber, prächtig, am Sekretär, zwischen ihnen in hohen Stößen Akten, Tabellen, Rechnungen. Er schaute durch, prüfte, die Gräfin gab ihm hemmungslos Auskunft, er entdeckte hier und dort noch Lücken, wies schärfere Schrauben, Pressungen. Die Gräfin, den zu fetten Nacken wie die makellosen Arme nackt, hörte aufmerksam zu, machte Einwendungen, notierte. Schließlich verlangte sie auf drei ihrer Dörfer ein ungeheures Darlehen.
Isaak Landauer schaute sie an, wiegte den Kopf, sagte vorwurfsvoll: „Habe ich das verdient, Exzellenz?“ „Was verdient?“ „Daß Sie mich für einen ausgemachten Narren halten.“ Sie, auffahrend: „Was will Er, Jud? Wohin zielt Er? Hätt Er mir vor zwei Jahren das Geld nicht geliehen? Bin ich, jetzt weniger gut?“ Der Jude, behutsam: „Wozu braucht Euer Exzellenz das Geld? Es aus dem Land zu schaffen. Weshalb es aus dem Land schaffen? Doch nur, weil Sie Eventualitäten fürchten. Wenn aber Eventualitäten zu fürchten sind, dann sind die Güter keine Garantie. Wollen Sie, daß ich soll an Ihnen Geld verlieren?“ Die Gräfin schaute vor sich hin, hilflos; dann zu ihm, und ihre Augen sagten ihm, daß es um viel mehr ging als das Geld, ihre Augen bekannten ihm all ihre Aengste, Hoffnungen, Zweifel. „Er ist klug, Jud,“ sagte sie nach einer Weile. „Glaubt Er, daß ich es wagen darf, die Güter“ – sie stockte – „nicht zu beleihen?“
Er hätte ihr gern etwas Freundliches gesagt. Aber sie war eine gescheite, feste Frau, sie brauchte, sie wollte keine Vertröstung und Verschleierung, es war geradezu unanständig, ihr mit so was zu kommen. Er schaute sie auf und ab, und sie war bedenkenlos offen zu ihm, er sah ihr entspanntes Gesicht, den gelösten, feisten Leib, und er wußte auf ihren dringlich fragenden Blick keine andere Antwort als ein Schweigen und ein Achselzucken. Da ließ sie sich vollends fallen. Sie brach in ein lautes, haltloses Weinen aus wie ein kleines Kind. Dann begann sie unflätig zu schimpfen auf die Minister, ihren Bruder, ihren Neffen und die andern alle, ihre Kreaturen, die sie fallen ließen und keine Hand rührten, die sie noch stießen. Die Kanaillen, die schmutzigen! Sie hatte sie in ihre Stellungen gebracht, an ihr waren sie heraufgeklettert. Jeden Groschen, jeden Knopf an ihren Uniformen dankten sie ihr. Zudem hatten sie einen förmlichen Vertrag mit ihr, hier in der Schublade hatte sie das Papier, einander in günstigen und in widrigen Umständen nach Kräften beizustehen. Die Hundsfötter, zu schlecht für die Hölle und den Schinder! Denn selbst jeder Pracher, Teufel und Spitzbub hält solche Verträge und Kumpanei.
Der Jude sah still zu, wie sie wütete, ließ sie sich ausschäumen. Schließlich hustete sie, ihr Gesicht lief rot an, sie schnaufte, röchelte, weinte zuletzt haltlos, still vor sich hin. „Ach Jud,“ jammerte sie, „ach Jud,“ zerbrochen, geschüttelt, hemmungslos, die schwere, schöne Frau, Schminke und Puder zerflossen, die stolzen Stoffe hingen tot an ihr herunter.
Isaak Landauer kämmte sich mit den Fingern den strähnigen Bart, wiegte den Kopf. Dann ergriff er, behutsam, ihre große, warme Hand, murmelte vor sich hin, streichelte sie.
* * * * *
Gerüchte, niemand wußte woher, stoben im Lande auf von dem nahen Fall der Gräfin, hier, dort, an allen Ecken. Niemand wagte ein lautes Wort, aber flüsternd ging es durch alle. Es war ein großes, heimliches Aufatmen. In einzelnen Dörfern wurden schon Glocken geläutet, Dankgebete gesprochen, man verkündete nicht wofür, beließ es bei dem allgemeinen: für eine gnädige Fügung.
Aber es wurde nichts anders vorläufig, im Gegenteil, der Druck wurde härter, erbitterter. Alte Beamte wurden ihrer Stellen entsetzt, weil ein neuer Bewerber ihr Amt höher bezahlte. Die Generalvisitation wütete gegen Gemeinden und Privatleute mit Anklagen und Inquisitionen, von denen man sich nur durch hohe Zahlungen lösen konnte; alle Staatsstellen, selbst das Kirchengut und die Witwen- und Waisenkassen wurden zu hohen und sehr unsichern unverzinslichen Darlehen an die Schatulle der Gräfin gezwungen; die Agenten der Gräfin schalteten herrischer und maßloser als je zuvor. Und als gar ein scharfes herzogliches Reskript erschien, das von neuem und nachdrücklich alle übeln Reden gegen die Gräfin mit schweren Strafen bedrohte, sanken auch die leichtestflügeligen Hoffnungen lahm zur Erde.