Part 4
Josef Süß hatte alle Räder seines Kalküls angedreht. Er saß in großer Versuchung. In ihm arbeitete es, scharf, rasch, mit ungeheurer Energie und Präzision. Er wog sachlich und schnell alle Vorteile solchen Angebots, rieb sie blitzblank, zählte, rechnete. Verbindung mit der Gräfin, das war viel, das war mehr als ein großes Geldangebot. Beteiligt an diesem Geschäft, konnte er an den Herzog heran, von da zum Prinzen Eugen war ein Schritt. Er sah hundert Möglichkeiten, schwindelnd Weites rückte ganz nah.
Aber es ging nicht, es ging nicht. Alles auf der Welt konnte man preisgeben für ein Geschäft. Frauen, Freuden, Leben. Aber das nicht. Den Rabbi Gabriel in ein Geschäft ziehen, ihn verschachern, das nicht. Er glaubte an nichts, an Böses nicht und an Gutes nicht. Aber das hieß sich in Dinge stürzen, wo alles Rechnen und Wägen zu Ende war, das hieß sich in einen Wirbel stürzen, wo aller Mut so unsinnig war wie alle Schwimmkunst vergebens.
Er atmete heftig, gedrängt. Hob, mit einer Bewegung der Abwehr, jäh überfrostet, den Rücken. Es war ihm plötzlich, als schaute ihm ein Mensch über die Schulter, ein Mensch mit seinem eigenen Gesicht, aber ganz im Dämmer, nebelhaft.
„Ihr sollt nichts von ihm verlangen,“ lockte Isaak Landauer vorsichtig weiter. „Ihr braucht ihm keinen Vorschlag tun. Alles, was ich will, Reb Josef Süß, ist, daß Ihr ihn herschafft nach Wildbad. Ihr brauchtet ja nur Euern jungen Menschen zu schicken, den Pfäffle, der würde ihn gewiß auftreiben. Ich würde Euch gut assoziieren an dem Geschäft mit der Gräfin.“
Süß schüttelte die Benommenheit von sich ab, raffte sich zusammen. Die Dinge traten wieder ein in ihre Farbe, Umriß, Klarheit, Greifbarkeit. Das Nebelgesicht hinter seiner Schulter verschwand. Unsinn seine Bedenklichkeit. Er war doch kein verschwärmter, dummer Junge. Ja, damals, als man ihm den Vorschlag gemacht hatte, sich taufen zu lassen, am kurpfälzischen Hof, daß er da nicht zugriff, das waren verständliche Hemmungen gewesen. Er wußte zwar jetzt noch nicht recht, warum er es nicht gemacht hatte wie sein Bruder und sich auf so einfache Weise Glanz, Position und Baronie verschafft. Aber er tat es eben nicht damals und hätte es auch heute nicht getan und nie und für kein Geschäft der Welt. Doch jetzt, was dieser da von ihm verlangte, der Listige, Kluge, Gewiegte, was war da denn viel dabei? Kein Mensch doch verlangte von ihm, daß er den Rabbi, den Unheimlichen, den drohend Unbehaglichen, verschachere. Wie hatte ihm da wieder seine Phantasie, die galoppierende, viel zu rasche, die Begriffe gewirrt. Herrufen sollte er den Alten, nichts weiter. Und dafür die Verbindung mit der Gräfin, dem Herzog, dem Prinzen Eugen. Ein Narr wäre er, wenn er nicht zugriffe, weil es ein wenig, er suchte das Wort, ein wenig unbehaglich war.
Zögernd, in einem halben Satze, sagte er, nach dem Rabbi zu schicken, an sich ginge das ja allenfalls. Sofort hackte Isaak Landauer zu. Aber nun forderte Süß an dem Geschäft mit der Gräfin einen Anteil, den der andere unmöglich bewilligen konnte. Eingehend, scharf schachernd, besprachen sie die Einzelheiten. Nur Schritt um Schritt, heftig kämpfend, wich Süß zurück.
Als sie schließlich übereingekommen waren, dachte Süß, lebte, atmete er nur noch in diesem Geschäft. Rabbi Gabriel sank ihm in das Verkapselte, sowie er den Diener weggeschickt hatte.
* * * * *
Nicklas Pfäffle fuhr mit der Post. Der blasse, fette, schweigsame Mensch fiel nirgends auf. Gelassen, gelangweilt, leicht müde von Aussehen, versteckte er seine Betriebsamkeit hinter dem melancholischen Phlegma seines gedunsenen, blutleeren Gesichts. Die Aufgabe einmal übernommen, klebte er daran, harzzäh und gleichmütig.
Die Spur des Fremden führte kreuz und quer durchs Schwäbische, ohne erkennbares Ziel, willkürlich. Verlor sich dann, tauchte in der Schweiz wieder auf. Der blasse, fette Mensch folgte gewissenhaft, Wendung um Wendung, unentrinnbar, unerregt.
Das war eine seltsame Reise, die der Fremde machte, und sehr anders als sonst eine Fahrt. Selten, daß er die nächste Straße wählte, er schlug sich in die Nebenpfade, je rauher ein Weg war, so willkommener schien er ihm. Was in aller Welt suchte einer in Wüsten von Stein und Eis, die Gott mit seinem Zorn geschlagen hatte.
Die wenigen Bauern, Jäger, Holzfäller dieser Gegend waren stumpf, hart von Wort. Stieg der Fremde höher als ihre höchsten Weiden, so wandten sie ihm wohl einen Blick zu, aber langsam und teilnahmslos wie ihr Vieh, und langsam und teilnahmslos wandten sie ihn wieder ab, war er vorbei. Der Fremde trug sich unauffällig, schwere Kleider von gleichgültiger Farbe, ziemlich altmodisch, wie sie in Holland vor zwanzig Jahren modern gewesen sein mochten. Klein, breit, dicklich, den Rücken leicht rund, wanderte er, schwer von Schritt und stetig. Hier in den Bergen, wo nie sonst ein Fremder hinkam, war es leicht für Nicklas Pfäffle, ihn nicht zu verlieren. In der menschenvolleren Ebene indes war es schwer gewesen, dem Unauffälligen zu folgen. Es war ein sehr Seltsames, schwer Deutbares, was trotz dem Mangel an äußeren Merkmalen seine Fährte kenntlich machte. Die Leute fanden die Worte nicht dafür, es war nicht zu fassen, und doch war es einmalig und nicht zu verwechseln, und es war immer das gleiche scheue Geraune, in dem man davon sprach. Sein Weg war gezeichnet durch seine Wirkung; wer ihn sah, atmete schwerer, das Lachen zerbrach vor seiner Gegenwart, sie legte sich wie ein schwüler, beklemmender Reifen um den Kopf.
Nicklas Pfäffle, blaß, fett, gleichmütig, fragte nicht weiter nach der Ursache. Ihm genügte die Fährte.
* * * * *
Drei Bauernhöfe lagen ganz in der Höhe, eine kleine Holzkapelle dabei. Weiter oben weidete Vieh. Dann war nichts mehr, nur Eis und Stein.
Der Fremde klomm die Schlucht entlang. Unten, dünn und laut, hastete der Bach, man sah deutlich bis dahin, wo er unter Gletscher und Geröll ans Licht brach. Auf der andern Seit krochen Zirben hinan, spärlich, zäh, erstickten am Stein. Gipfel, weiß leuchtend, der besonnte Schnee schmerzte das Aug, zackten scharf und bizarr in das flimmernde Blau, schlossen in starrem Bogen das Hochtal. Der Fremde klomm umständlich, vorsichtig, nicht sehr geschickt, stetig. Ueberquerte Sturzbäche, Glitsch, rutschende Erde. Stand endlich auf einem Vorsprung, vor ihm der sperrende Bogen der vereisten Wände. Unter ihm streckte ein Gletscher die nackte, breite, zerschrundete Zunge, von der Seite her mündete ein anderer, alles endete in Oednis und Geröll, Felsblöcke, wild verstreut, bildeten geheimnisvoll starrende, zerrissene Linien. Hoch über allem leuchtete höhnisch besonnt und unerreichbar der adelig zarte Schwung der beschneiten Gipfel.
Der Fremde kauerte nieder, schaute. Das massige, bartlose, blasse Gesicht stützte er in die Hand. Ueber der kleinen, platten Nase sahen trübgraue Augen, sie standen viel zu groß in dem kurzen, fleischigen Kopf, sie standen in trübem Feuer und schwelten dumpfe, beklemmende, hoffnungslose Traurigkeit. Die Stirn lastete breit, schwer und nicht hoch auf sehr dichten Brauen. Den Ellbogen aufs Bein, die Wange in die Hand gestützt, kauerte er, schaute.
War hier das, was er suchte? Eines strömte ins andere, von der obern Welt in die untere, jedes menschliche Antlitz mußte seine Entsprechung haben in einem Stück Erde. Er suchte ein Stück Welt, aus dem ihm ein menschliches Antlitz entgegenschaute, größer, lesbarer, bedeutungsvoller, das Antlitz jenes Mannes, dem er verhaftet war. Er suchte den Strom, der jenen, und also ihn selbst, band mit Stern, Wort und Unendlichkeit.
Er kauerte tiefer, redete vor sich hin mit einer dunkeln, widrig gebrochenen, knurrenden Stimme, halb singend, Verse aus der heimlichen Offenbarung. Haut, Fleisch, Knochen, Adern sind ein Kleid, eine Schale, und nicht der Mensch selbst. Aber die Geheimnisse der höchsten Weisheit sind in der Ordnung des menschlichen Leibes. Siehe, die Haut entspricht den Himmeln, sie dehnen sich über alles und überdecken es wie ein Gewand. Siehe, das Fleisch entspricht dem Stoff der Welt. Siehe, die Knochen und Adern sind der Thronwagen Gottes, davon der Prophet singt, es sind die wirkenden Organe Gottes. Aber alles dies ist nur ein Kleid, und wie der wirkliche Mensch innen ist, so ist auch der himmlische Mensch innen, und alles ist in der unteren Welt wie in der oberen. Und wie am Firmament, so die Erde einschließt, die Sterne und Sternbilder sind und uns das Verborgene künden und tiefes Geheimnis, so sind auf der Haut unseres Leibes Linien und Falten und Zeichen und Züge, und sie sind die Sterne und Sternbilder des Leibes, und sie haben ihre Heimlichkeit, und der Weise liest sie und deutet sie.
Komm und sieh! Der Geist meißelt sich das Gesicht und der Wissende erkennt es. Wenn die Geister und Seelen der obern Welt sich bilden, haben sie ihre Form und sichere Bildung und sie spiegelt sich später im Gesicht des Menschen.
Er verstummte. Nicht denken. Diese Dinge wollten nicht gedacht sein, man zerdachte sie nur. Man mußte sie schauen oder sie ruhen lassen.
War dies das Antlitz, das er suchte? Oednis, Eis und Geröll, der höhnisch blaue Glanz darüber, ein kleines Wasser mühsam herausrieselnd? Felsblöcke, auf zerschrundetem Eis, tollfinstere Linien bildend, war dies das Antlitz, das er suchte?
Er versenkte sich tiefer in sich. Er tötete jede Regung, die fernab war von dem Gesuchten. Drei Furchen, scharf, tief, kurz, fast senkrecht über der Nase, zerschnitten seine Stirn, und sie bildeten den heiligen Buchstaben, das Schin, den Anfang des Gottesnamens, Schaddai.
Der Schatten einer großen Wolke dunkelte die Gletscher, die Gipfel in der unendlich zarten Linie ihres flimmernden Schnees leuchteten unerreichbar in mildem Hohn. Ein Geier schwamm in dem blauen Geflirr, ruhevolle Kreise über dem versteinert wirren Gezack des Hochtals.
Der Mensch, auf dem Vorsprung kauernd, winzig in der maßlosen Landschaft, sog die Linien in sich. Des Steins, der Oednis, des zerschrundeten Eises. Das zarte, höhnische Leuchten, die Wolke, den Vogelflug, die finster tolle Willkür der Blöcke, die Ahnung tieferer Menschen und weidenden Viehs. Er atmete kaum, er schaute, ergriff, begriff.
Endlich, fast taumelnd von so gespannter Reglosigkeit, hob er sich, erschöpft, die Stirne lösend von dem gefurchten Zeichen, in tiefer, gefaßter Trauer. Stieg mühsam, halb gelähmt noch, zu Tal.
Unten, aus dem ersten der drei Höfe, kam ihm ein fetter, blasser Mensch entgegen, ein Unbekannter, schaute ihn prüfend an, das Gesicht gleichmütig, wollte sprechen, einen Brief in der Hand. Rabbi Gabriel schnitt ihm das Wort ab. „Von Josef Süß,“ sagte er, so leichthin, als wäre ihm der Mensch und seine Sendung längst angesagt, als bestätigte er Erwartetes. Nicklas, unerstaunt, daß der Fremde ihn kannte, neigte sich. „Ich komme,“ sagte Rabbi Gabriel.
* * * * *
Die Gräfin war nach zehn Tagen wütender Tätigkeit in stumpfes Warten gefallen. In trüber Lähmung saß sie zwischen Lapislazuli und Gold, fett, die energischen Wangen schlaff, die Arme gelöst. Gedankenlos ließ sie, die sonst hier jedes Kleinste angeordnet, kontrolliert hatte, von ihren Zofen sich massieren, schmücken, in Kleider und Prunk hüllen. Sie ließ in der Nacht die Kaspara Becherin holen, die als Hexin und Wissende galt; aber das schmuddelige Weib, ängstlich und verblödet vor der Pracht ringsum, stotterte nur verstörten Unsinn. Und der Magus und Kabbalist, den Isaak Landauer ihr versprochen, kam nicht und kam nicht.
Die Boten aus Jagdhaus Neßlach meldeten immer das gleiche vorerst. Der Herzog jagte, hielt Tafel, schlief mit der Ungarin. Dann aber, von einem Tag zum andern, überholten sich in jäher Wendung überraschende Depeschen. Der Geheimrat Schütz war, verbindlich und unermüdlich, zum Herzog vorgedrungen. Andern Tags traf der elegante Prälat Weißensee in Neßlach ein, der weltläufige Diplomat des parlamentarischen Elfer-Ausschusses. Der Herzog konferierte zwei Stunden mit Schütz, die Ungarin ward den gleichen Mittag nach Ludwigsburg geschickt, und am Abend gar empfing Eberhard Ludwig den Prälaten Osiander, den stiernackigen Polterer, den entflammtesten Anhänger der Herzogin.
Diese Kunde in Wildbad, konnte die Gräfin sich nicht mehr halten. Ah, Osiander beim Herzog. Osiander! Sie tobte. Als sie verlangt hatte, ins Kirchengebet eingeschlossen zu werden, hatte der plumpe, hundsköpfige Schuft sich erdreistet, sie stehe ja schon drin: Erlöse uns von allem Uebel! und war breit schmunzelnd auf dem Gelächter des ganzen Deutschland herumgeschwommen. Der Herzog hatte nicht gewagt, den populärsten Mann Württembergs zu entlassen, aber er hatte ihn nicht mehr empfangen. Und jetzt war er in Neßlach, polterte gegen sie mit bäurisch groben Späßen. Nein, nein! Warten? Unsinn. Sie wäre erstickt an längerem Zusehen. Nicht einmal für die Karosse hatte sie Geduld genug. Befehle in rasender Hast: Intendant, Sekretär, Zofen, Lakaien sollten folgen. Sie selber, nur mit einem Reitknecht, flog zu Pferde nach Neßlach, gönnte sich nicht die Zeit zum Essen, ritt wie ein Dragoner des Satans.
Traf den Herzog mitten im Hallo seiner Hubertus-Ritter, kunstreich kutschierend, lärmend. Eberhard Ludwig, hilflos überrascht, zwischen den verstummten, höflich tief geneigten, heimlich feixenden Herren, hochrot, flatternd verlegen, schnaubte durch die fleischige Nase, führte die Gräfin ins Schloß, befahl ein Bad, Erfrischungen. Ein Teufelsweib die Frau! Solcher Ritt! Diese Christl! Ein Teufelsweib!
Die Gräfin zwang ihn, noch im Reitkleid, heiß von der Anstrengung, dick eingestaubt, zu einer Auseinandersetzung. Nicht durchgehen jetzt. Halten. Niederhalten. Fest den Deckel der Vernunft auf das kochende Herz. Aeugen, in das unsichtbare Dämmer hineinlugen, ruhig, ein kleiner Irrtum des Augs kann alles verderben. Das Tastende, sich Windende, Ausbiegende, Flatternde, Unklare da anpacken, wieder fest in die Hand kriegen. Jetzt es packen, wo es überrascht ist, nicht auskann, wo kein anderer dazwischenredet, ihm kluge, freche, hinhaltende Maßnahmen einflüstert. Ruhe, ihr zuckenden Nerven. Du stoßendes Herz, Ruhe.
Sie sprach leichthin, trank kleine Schlucke von der Limonade, scherzte über seine Anspruchslosigkeit; die Hubertusritter, die kleine Tänzerin, er gebe es billig mit seiner Gesellschaft. Dann sanfte Vorwürfe. Den Osiander hätte er nicht sollen empfangen. Sie verstehe ja, er wolle sich erlustieren an den groben Späßen des alten Tölpels, aber es werde falsch ausgelegt. Eberhard Ludwig, in dicker Verlegenheit, wußte nicht wohin vor dem grauen Glanz ihrer Augen, wand sich, schwitzte in seinem schweren Rock, schnaufte. Die Frau! Diese Christl! Solcher Teufelsritt! Kam da einfach angesaust auf eins zwei und leuchtete in sein zwielichtiges Nichtein und Nichtaus. Dann fragte sie geradezu, das mit der Herzogin, Versöhnung und so, das sei doch albernes Gerede. Oder nicht? Er, knarrendes Räuspern, ja, natürlich, es sei Geschwätz. Sie aßen vergnügt zu Abend, tranken, allein, ohne die Hubertusritter. Kein Schütz, kein Osiander. Die Gräfin erfüllte mit ihrer unbedenklichen, lärmenden Munterkeit das Zimmer, hüllte den erlösten Eberhard Ludwig ganz darin ein. Teufel! Dieser Ritt! Die Frau! Die Teufelsfrau!
Die Gräfin schlief eine traumlose Nacht, tief, froh, lang. Als sie erwachte, war der Herzog fort. In aller Heimlichkeit, im grauen Morgen, hatte er sich davongemacht. Sie, den devoten, achselzuckenden, innerlich grinsenden Kastellan geohrfeigt, dem Herzog nach, rasend, auf gehetzten Pferden. In Ludwigsburg das Schloß verödet. Kein Herzog. Der Herzog war fort, nach Berlin, den Besuch des Königs erwidernd. Das übliche Prunkgefolge erwarte er außer Landes.
Sie, entzügelt, verzerrt, die Reitpeitsche wippend, zwischen sich in die Wände verkriechenden Lakaien durch die leeren Säle. Endlich im letzten Kabinett, am Arbeitstisch des Herzogs, zwischen den Büsten des August und des Marc Aurel vor dem Bild des italienischen Meisters, das sie mit den Insignien der Herzogin darstellt, ein Mann in der Perücke der hohen Beamten, unendlich höflich, tief gebückt, süß lächelnd: Schütz. Andreas Heinrich Schütz, ihre Kreatur, ihr Schütz, den sie nobilitiert, zum Geheimrat gemacht hat. Der Diplomat, peinlich nach der Mode die Uniform, nur Halbedelsteine an den Schuhen, was erst vor drei Wochen in Paris aufgekommen war, neigte wieder und wieder in tiefen Komplimenten die mächtige Hakennase, scharrte mit dem Fuß nach hinten aus und versicherte in geläufig näselndem, verbindlichst geschnörkeltem Französisch, ein Gott habe Serenissimus eine Ahnung eingehaucht von Ihro Exzellenz Ankunft, Serenissimus habe aber leider nicht warten können und seinen untertänigsten Diener durch den Auftrag beglückt, mit Ihro Exzellenz zu speisen und ihr dabei eine Eröffnung zu machen. Die Gräfin, hochrot, wild schnaufend, fuhr ihm übers Maul, er solle keine Faxen machen und ihr deutsch und rund sagen, was los sei, oder – und sie gestikulierte mit der Peitsche. Aber der Geheimrat, unbeirrbar höflich, blieb fest, er sei unglücklich, seiner hohen Gönnerin nicht dienen zu können, doch er sei an strikte Ordres gebunden.
Endlich, bei Tafel, mit hundert Komplimenten verbrämt, bestellte er ihr den Befehl des Herzogs, sie habe die Residenz zu verlassen, sich auf ihre Güter zurückzuziehen. Sie schlug ein großes, schallendes Gelächter auf. „Er Spaßvogel, Schütz!“ rief sie. „Er Spaßvogel!“ immer haltlos lachend. Der alte Diplomat saß still, verbindlich, mit den scharfen, hellen Augen der Aufgesprungenen, auf und nieder Gehenden folgend. Heimlich bewunderte er sie, wie echt und gar nicht schrill ihr Lachen klang, wie gut sie spielte.
Die Gräfin blieb. Ah! sie dachte nicht daran, Ludwigsburg zu verlassen. Sie hatte sinnlose Wutausbrüche, mißhandelte die Dienerschaft, zerschmiß Porzellan. Schütz, achselzuckend, er habe lediglich Ordre, ihr den Befehl Serenissimi zu übermitteln, freute sich mit vielen fein gedrechselten Worten, daß er noch weiter das Vergnügen und die Ehre ihrer Gegenwart habe, aber sie bleibe auf ihre Gefahr in der sichern Aussicht allerhöchsten Zornes und finstrer Ungnade. Sie nahmen die Mahlzeiten zusammen. Der alte, in allen Brühen gesottene Intrigant, der sich unter jedem Regime hielt, hatte ehrliche Sympathien für die Gräfin, für die Kühnheit ihres Aufstiegs, und sachkundige Bewunderung vor den komplizierten geschäftlichen Manipulationen, mit denen ihre Juden in aller Ruhe die geraubten Schätze der Gräfin außer Landes praktizierten. Der dürre, ausgeglühte Kavalier hätte nie geglaubt, daß er eine fette, alternde Frau je noch mit solcher Aufrichtigkeit und Beflissenheit hofieren würde. Sie machten bei Tafel geistreiche, mit hundert frechen Anspielungen gewürzte Konversation, und er wartete mit Spannung, wie weit sie die Auflehnung gegen den strikten Befehl Eberhard Ludwigs treiben würde.
Der Herzog blieb nicht lange in Berlin. Schütz konnte der Gräfin mitteilen, die Herzogin sei gebeten, nach Schloß Teinach zu fahren. Auch Deputierte des Landtags seien hinbeschieden, desgleichen die Gesandten von Baden-Durlach, Kurbrandenburg, Kassel. Der Herzog wolle sich mit seiner Gattin vor Volk und Reich aussöhnen. Lang, still sah die Gräfin den Geheimrat an, der sie ernsthaft und aufmerksam betrachtete. Dann, mit einem erstickten, kleinen Schrei wollte sie aufspringen, fiel ohnmächtig um. Er bemühte sich um sie, rief ihre Frauen. Des Abends ließ er sich wieder bei ihr melden, fragte nach ihren Dispositionen. Sie, ganz stille Hoheit, erklärte, sie gehe auf ihr Schloß Freudenthal, zu ihrer Mutter, die sie vor fünf Jahren dort hatte hinkommen lassen. Schütz fragte, ob er ihr keine Eskorte mitgeben dürfe, er hatte Angst vor Ausbrüchen der Volkswut. Sie, den Kopf zurück, die Lippen schmal, lehnte ab.
Andern Tages zog sie aus Ludwigsburg. In sechs Karossen. Der Geheimrat stand tief geneigt an der Rampe des Schlosses, während ihre Pferde anzogen. Hinter den Portieren der hohen Fenster lugten grinsend die herzoglichen Lakaien. Die Bürger schauten stumm, ohne zu grüßen; zu höhnen wagten sie nicht. Aber der krähende Spott der Straßenjungen flog ihrer Kutsche nach.
Vorausgeschickt hatte sie einen ganzen Wagenpark mit Möbeln und Nippsachen. Das Schloß war kahl nach ihrem Abzug. Selbst das kostbare Tintenfaß des Herzogs fehlte, und die Büsten des August und des Marc Aurel standen sehr nackt vor dem Prunkbild des italienischen Meisters, das die Gräfin darstellte mit den herzoglichen Insignien.
Schütz hatte sie lächelnd gewähren lassen.
* * * * *
Von den vier Zimmern, die Süß beim Sternwirt in Wildbad behauste, mußte er zwei abgeben. Der Prinz Karl Alexander von Württemberg, kaiserlicher Feldmarschall und Gouverneur von Belgrad, kam früher, als er sich angesagt hatte, und brauchte die Zimmer. Dem Prinzen war die Gräfin tief zuwider. Er war ohne jedes Vorurteil. „Eine rechte Hure, her damit!“ pflegte er zu sagen; „aber eine filzige Hure, das ist der scheußlichste Sud des Teufels.“ Und die Gräfin galt ihm als eine filzige Hure. So wollte er ihre Abreise abwarten, um ihren Anblick zu vermeiden. Nun sie früher gegangen war, konnte er seinen Würzburger Aufenthalt abkürzen.
Die Kurgäste des Wildbads begafften neugierig die Karosse des ankommenden Prinzen. Karl Alexander, Sieger von Peterwardein, rechte Hand des Prinzen Eugen, kaiserlicher Feldmarschall, zu Wien in hohen Gnaden. Ueberall in Deutschland, und besonders in Schwaben, hing sein Bild herum, wie er beim Sturm auf Belgrad unter türkischem Kugelregen mit siebenhundert Axtmännern die Höhe emporklimmt. Ein aufregendes Bild. Ein Held. Ein großer General. Bravo. Evviva. Im übrigen politisch völlig belanglos, ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie. Gänzlich ungefährlich. Galanter Herr nebenbei, gefälliger Kamerad, guter Kerl. Das allgemeine Wohlwollen flog ihm entgegen, die Damen vor allem interessierten sich für den Kriegshelden, und die Tochter des Gesandten der Generalstaaten warf ihm ein Lorbeerzweiglein in den Wagen.
Sein Aufzug war nicht gerade stattlich. Ein räumiger, solider, etwas abgebrauchter Reisewagen. Der Prinz selber freilich sehr elegant, das offene, fröhliche Gesicht, jetzt auf der Reise ohne Perücke, in dem schönen, langen, blonden Haar, die hohe, kräftige Statur imponierend in der reichen Uniform. Aber das Gefolge sehr dürftig. Der Leibhusar, ein Heiduck, der Kutscher, das war alles. Nur Ein Auffallendes, Luxuriöses: auf dem Rücksitz ein braunschwarzer, schweigender, gravitätischer Kerl, ein Mameluck oder so was, der Prinz mochte ihn auf einem Feldzug erbeutet haben.
Süß und Isaak Landauer standen vor dem Gasthof unter gaffendem, Hoch schreiendem Volk, als der Prinz ankam. Süß starrte neidvoll auf den riesigen, eleganten Mann. _Mille tonnerre!_ Das war nun wirklich ein Prinz und großer Herr. Was sonst sich in Wildbad herumtrieb, reichte ihm nicht an die Achseln. Auch der Braunschwarze machte ihm Eindruck. Isaak Landauer aber taxierte abschätzig und mit gutmütigem Mitleid Kutsche und Livree. „Ein armer Schlucker, der Herr Feldmarschall. Ich sag Euch, Reb Josef Süß, nicht gut für zweitausend Taler.“
Der Prinz war in heiterster Laune. Er war jetzt drei Jahre nicht mehr im westlichen Deutschland gewesen, hatte lang unter den Heiden und Halbwilden seines Gouvernements Serbien gelebt, sich mit Tod und Teufel herumgehaut. So atmete der reife Mann, fünfundvierzig war er geworden, mit Behagen die heimatliche Luft.
Nach der langen Fahrt nahm er zunächst ein Bad, ließ sich von seinem Leibhusaren Neuffer den lahmenden Fuß – ein Andenken an die Schlacht von Cassano – mit Essenzen reiben, saß am Fenster, im Schlafrock, vergnügt, mit dem Kammerdiener plaudernd, während der Schwarzbraune auf dem Boden hockte.