Part 5
Er war weidlich umgetrieben worden. Von seinem zwölften Jahr an war er Soldat, hatte in Deutschland gefochten, in Italien, den Niederlanden, in Ungarn und Serbien. Nächst dem Prinzen Eugen, den er herzlich verehrte, war er der erste General im Reich. Er hatte in Venedig und Wien die hohe Kavaliersschule durchgemacht, und seine stattliche Tenue, sein gutmütiger, etwas lärmender Humor waren beliebt bei Frauen, beim Wein, auf der Jagd. Was ein kleiner deutscher Prinz aus einer Nebenlinie erreichen konnte, das hatte er erreicht. Intimus des Prinzen Eugen, Wirklicher Geheimer Rat, Kaiserlicher Feldmarschall, Oberbefehlshaber in Belgrad und im Königreich Serbien, Inhaber von zwei kaiserlichen Regimentern, Ritter des goldenen Vließes.
In Belgrad war ein ewiger Wirbel von Offizieren und Weibern um ihn. Er fühlte sich wohl in dem unordentlichen Leben, dessen dürftige Regelung von Neuffer, dem Leibhusaren, und dem Schwarzbraunen besorgt ward, und das die Belgrader Burg in ein Feldlager verwandelte. Er verdankte die serbische Statthalterschaft seinem Freunde, dem Prinzen Eugen. Er führte auch die militärischen Sicherungen dort unten so durch, daß man seine Methoden als Lehrbeispiele in allen Kriegsakademien rühmte. Und was die Verwaltung anlangte – Kreuztürken! hier ließ er sich freilich oft mehr von seinem Impuls leiten als von Sachverstand: aber in dem gefährdeten Gebiet war ein Mann, auch wenn er manchmal sich verhaute, wertvoller als irgendein pergamentener Esel vom Hofkriegsrat in Wien.
Wenn den vergnügten, lebensvollen Soldaten eine Sorge ankroch, dann war es immer die nämliche: Geld. Sein Sold war gering, seine prinzliche Apanage lächerlich. Und er konnte nicht knausern. Da saß er als kaiserlicher Statthalter zwischen geschwollenen ungarischen Baronen und Paschas des Großherrn, die strotzten von allen Reichtümern der Königin von Saba. Er war nicht anspruchsvoll, er hatte schon gelebt wie der gemeinste Soldat, Dreck gefressen, daß alle Därme sich umkehrten, auf vereistem Kot geschlafen. Aber er konnte seine Kumpane nicht an leere Tafeln setzen, seine Weiber nicht in Lumpen laufen lassen, seinen Marstall nicht mit Schindmähren füllen.
Am Wiener Hof hatte man nur halbes Ohr für solche Klagen und Achselzucken. Gott, wenn es der Prinz nicht machen wollte, in den Erblanden gab es Herren und Reichlinge genug, die sich nach dem stolzen Posten des serbischen Statthalters sehnten und gern bereit waren, die Repräsentation aus eigener Tasche zu bestreiten. Die Wiener Bankiers hatten dem Prinzen gelegentlich mit kleinen Summen ausgeholfen; jetzt waren sie schwierig, beinahe unverschämt.
Ernsthafte Teilnahme fand er erst in Würzburg, beim Fürstbischof. Er kannte den dicken, lustigen Herrn seit langem, seit den frühen Jahren in Venedig. Dort hatten sie, der Prinz, der jetzige Fürstbischof und Johann Eusebius, jetzt Fürstabt in Einsiedeln in der Schweiz, gute Freundschaft geschlossen. Die drei jungen Herren, alle drei kleine Nebenäste großer Häuser, waren in Venedig, Leben und Politik zu lernen. Die alternde Republik, längst auf dem Abstieg, hielt, eine Kokotte, die nicht Schluß machen kann, noch immer die Allüren einer Weltmacht fest, hatte Gesandtschaften an allen Höfen, die Signoria zweigte über Europa und die neue Welt ein Netz von Intrigen, krampfhaft den Schein großer, lebendiger Politik wahrend. Gerade weil die Maschine leer lief, funktionierte sie um so besser, und der ganze junge Adel Europas studierte in den staatsmännischen Zirkeln der Republik die Routine der hohen Diplomatie.
Die beiden jungen Weltgeistlichen bewunderten sachverständig diesen vollendeten Mechanismus und warfen sich, groß geworden in der Schule der Jesuiten, mit wildem Eifer auf sein Studium. Der schwäbische Prinz aber stand, verständnislos lachend, in dem Wirbel; was er packte, entglitt ihm; so hielt er sich an das rauschende, glänzende Leben der Gesellschaften, Redouten, Klubs, an Theater, Spielsäle und Bordelle. Die jungen Jesuiten amüsierten sich herzlich über sein soldatisch naives Geradezu, gewannen ihn aufrichtig lieb wie einen gutmütigen, großen, täppischen Hund und setzten ihren Ehrgeiz darein, den unraffinierten, liebenswerten Menschen ungefährdet durch die Strudel des wilden und bedenklichen venetianischen Lebens zu steuern. Mit feinem Lächeln bestaunten die jungen Diplomaten der Kirche soviel laute Harmlosigkeit, soviel gläubiges, lustiges, vertrauensseliges Im-Kreise-Plätschern. Das gab es also noch. Da ging einer herum, machte Visiten, tanzte, spielte, liebte in den Kreisen der Staatsmänner und alles ohne Zweck, er dachte offenbar gar nicht daran, Karriere zu machen. Und sie faßten zu ihm eine offene, leicht überlegene Zuneigung.
Auf solcher Basis gründete die Freundschaft des Prinzen mit den beiden Jesuiten. Die waren jetzt Prälaten geworden, gefürchtet, standen mitteninne in allen Fragen der großen Politik. Er, der Prinz, saß draußen an der Ostgrenze des Reiches, ein tapferer und berühmter General, von den Herren, die die deutschen Geschicke machten, leicht und wohlwollend belächelt. Er spürte nichts von diesem Lächeln, er ging behaglich und geradeaus seine Straße, und was ihn kratzte, das war allein sein Geldmangel.
In Würzburg, bei Tafel, auch der Fürstabt von Einsiedeln hatte sich eingefunden, sprach er offen mit den beiden Freunden über seine Bedrängnis. Kein Geld, freche Gläubiger, es war eine ewige Kalamität. Man hatte scharf gegessen und sich heiß getrunken, die Kirchenfürsten lüfteten sich, der Prinz knöpfte die Uniform auf.
Der Bischof hatte das Prinzip, eine Antwort niemals auf der Stelle zu geben. Er versprach, den Fall zu überdenken.
Die Prälaten, nachdem sich der Prinz zurückgezogen, saßen im Park, schauten von beschattetem Sitz auf Stadt und Weinberge. Man wird dem Prinzen helfen, natürlich; es war ja sehr leicht, ihm zu helfen. Vielleicht könnte man ihm helfen und zugleich der guten Sache dienlich sein. Sie schauten sich an, lächelten, sie dachten beide das gleiche. Sie hatten dem Prinzen oft in Venedig, in Wien, jetzt in Würzburg katholische Messen gezeigt, sich gefreut über seine naive Begeisterung an Glanz und Weihrauch. Ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie, es stand so viel zwischen ihm und dem Thron, es war keine große Angelegenheit; immerhin, wenn ein Glied des stockprotestantischen Württembergischen Hauses für Rom gewonnen würde, der Ordensgeneral würde den Erfolg buchen, ohne ihn zu überschätzen.
Die Arbeit durfte natürlich nicht plump gemacht werden. Kunstgerecht, mit feinen Fäden. Es mußte sich alles geben wie von selbst. Die beiden geübten Herren verständigten sich mit halben Worten; es war ja so leicht, ein vorgezeichneter Weg. Man wird Karl Alexander zunächst an protestantische Stellen weisen, an seinen Vetter etwa, den Herzog, der war durch die Gräfin beansprucht, an die Landschaft, die war kleinherzig, knauserig; man könnte ja für alle Fälle nachhelfen, daß sie bestimmt ablehne. Der Fürstbischof hatte einen Herrn an seinem Hof, den Geheimrat Fichtel, Spezialisten in allen schwäbischen Dingen, der wird das sicher zu Rande bringen. Wenn dann der Prinz eingeklemmt sitzt, kahl, naiv erbittert über die evangelische Filzigkeit, dann läßt man eine katholische Prinzessin auftauchen, die reiche Regensburgerin etwa, die Thurn und Taxis, und die Kirche empfängt den Bekehrten mit Gold und Weihrauch und Gloria.
Ruhevoll und wohlwollend, mit halben, lässigen Worten, spannen die beiden Prälaten das Projekt; von dem beschatteten Sitz im Park, Eis schlürfend, schauten sie auf die schöne Stadt und die besonnten Weinberge.
Der Fürstbischof half somit Karl Alexander mit einer kleinen Summe aus, und der Prinz richtete, um für zwei, drei Jahre aus dem Gröbsten zu sein, ein Ersuchen an die württembergische Landschaft, seine Apanage zu erhöhen oder ihm wenigstens einen größeren Vorschuß darauf zu geben. Das Schriftstück war von dem Geheimrat Fichtel klug und umständlich formuliert, so daß dem Prinzen der Erfolg so gut wie gesichert schien.
Und nun saß er also in Wildbad, mit der gewissen Aussicht auf das Geld, in heiterster Laune. Gewelltes Land, freundlich bewaldet, schaute zu den Fenstern seines Zimmers herein. Er fühlte sich durch das Bad und die Massage des lahmenden Fußes wohlig erfrischt, der Ort schien ihm nach dem Schmutz und der Schlamperei serbischer und ungarischer Dörfer doppelt artig und sauber, und er erwartete gute Zeit. Während er so behaglich zum Fenster hinausschaute und sich von Neuffer rasieren ließ, kam ein Heiduck der Prinzessin von Kurland mit einer verbindlichen Einladung zu einem Kostümfest, einer Wirtschaft, die die Prinzessin anderen Tags veranstalten wollte. Karl Alexander hatte kein Kostüm, Neuffer befragte den Wirt, der meinte, der Hof- und Kriegsfaktor Josef Süß Oppenheimer werde vielleicht aushelfen können. Oppenheimer? Gegen den Juden hatte der Prinz nichts einzuwenden, ein so scheles Gesicht der Kammerdiener zog. Aber Oppenheimer hießen die Wiener Bankiers, die ihn so schlecht behandelt hatten. Doch mittlerweile war der beflissene Wirt schon bei Süß gewesen, und jetzt brachte er ein sehr passendes ungarisches Bauernkostüm, das Neuffer mit leichter Mühe für die Statur des Prinzen zurechtschneidern konnte. Karl Alexander schickte dem Süß durch Neuffer einen Dukaten, den Süß dem Neuffer als Trinkgeld gab. Der Prinz wußte nicht, sollte er den Juden prügeln, sollte er lachen. Da er guter Laune war, entschied er sich zu lachen.
Auf dem Fest war die Neugier und die Bewunderung aller um ihn. Die Prinzessin, als ländliche Wirtin gekleidet, sah frischer und reizvoller aus, als er von der Alternden erwartet hätte, und strahlte ihm Wohlgefallen und Neigung entgegen, deutlicher, als selbst die Freiheit des Maskenfestes es erlaubte. Er hatte eine Wirtschaft noch nie gesehen – solche Mummenschanz war erst vor einem halben Jahr am Dresdener Hofe aufgekommen – die bäuerlichen Kleider, das grobianische, dörfische Wesen, das zu zeigen man sich mühte, die ganze derbe Luft dieses Abends behagte ihm. Er schwamm in der Achtung der Männer, in der koketten Anbietung der Frauen fröhlich herum. Dann trat man zu einem kleinen Zug an, paarweise, und ein Tübinger Professor und Poet im Kostüm eines Scherenschleifers begrüßte jedes Paar mit saftigen Reimen, deren lustiger Unflat mit Jubel und Gegröhl aufgenommen wurde. Selbst der hochmütige sächsische Minister bekam sauer lächelnd seine Fuhre Mist ab, nur der junge Lord Suffolk, in einem prachtvollen römischen Kostüm, wollte zufahren, doch er wurde bedeutet. Des Prinzen Dame war die Wirtin, die Kurländerin. Ihn begrüßte der Reimschmied ernsthafter und nannte ihn unter dem Jubel der Gäste den württembergischen Alexander, den schwäbischen Skanderbeg, den deutschen Achill.
Es fiel Karl Alexander auf, daß alle Gäste ihr Sprüchlein abbekamen, nur einer nicht. Es war ein jüngerer Herr, sehr gut gewachsen, er trug wie ein paar andere eine Halbmaske. Das Kostüm des Florentiner Gärtners hatte er vermutlich mit der Dame verabredet, deren riesiger, bebänderter Strohhut seiner Tracht entsprach, der Tochter des Gesandten der Generalstaaten. Er schien nicht weiter erstaunt, daß man ihn von dem Vorbeizug der Paare an dem Reimschmied ausschloß, er nahm diese offensichtliche Mißachtung in guter Haltung hin, lehnte bescheiden in einem Fenster, sah zu. Der Prinz erkundigte sich nach dem Herrn. Achselzucken: es war der Jud, der Frankfurter Faktor, Josef Süß Oppenheimer.
Ach, das war ja der, der in seinem Gasthof wohnte, der ihm das nette Kostüm geliehen hat, der mit dem Dukaten. Der Prinz hat getrunken, ist gut aufgelegt. Man könnte dem Juden eigentlich ein paar Worte sagen, er lehnt da so bescheiden und allein. Vielleicht auch wird man ihn aufziehen, seinen Spaß mit ihm haben. Der Prinz geht auf Süß zu, viele Blicke folgen ihm: „Weiß Er, Jud, daß ich Ihn fast geprügelt hätte, mit Seinem Dukaten?“ Süß nimmt sogleich die Maske ab, neigt sich, lächelt, schaut dem Prinzen von unten her mit einer gewissen schmeichlerischen Frechheit ins Gesicht: „Da wär man nicht in schlechter Kompanie. Wenn ich recht weiß, hat auch der Großwesir des Padischah von Eurer Hoheit Prügel gekriegt und der Marschall von Frankreich.“ Der Prinz lacht schallend: „Hör’ Er, Er weiß Seine Worte zu setzen, als hätt’ Er’s in Versailles gelernt.“ Die Florentinerin drängt sich herzu, eifrig: „Er war auch in Versailles, Hoheit.“ Und Süß, bescheiden prahlend: „Ja, ich kenne den Marschall, der die Prügel gekriegt hat. Er spricht mit größtem Respekt von Eurer Hoheit. Ich kenne auch Freunde Eurer Hoheit. Den erhabenen Prinzen von Savoyen.“
„Ah, Er gehört zu den Wiener Oppenheimers?“ fragte Karl Alexander interessiert. „Nur ein Vetter dritten Grades,“ erwiderte der Jude. „Aber die Wiener mag ich nicht, sie haben nicht den rechten inneren Sinn für die großen Herren. Sie denken nur an ihre Ziffern.“
„Er gefällt mir, Jud,“ und der Prinz schlug ihm die Achsel und nickte ihm zu, ehe er, einen Kopf größer als die meisten, wieder auf den Ring der Gäste zutrat, die sie umstanden.
Karl Alexander trank, tanzte, sagte den Frauen derbe Galanterien. Später saß er am Spieltisch, Gewinn und Verlust lauter kommentierend, als es Sitte war. Die Bank hielt der junge Lord Suffolk, steif, zeremoniös, schweigsam, mit sparsamen Gesten. Der Prinz gewann, ringsum verlor man. Schließlich hielt er allein dem Engländer Widerpart, heiß, mit etwas benommenem Kopf. Verlor plötzlich in wenigen Schlägen alles, was er hatte. Lachte, zu sich kommend, ein wenig unfrei. Ringsum ein Kreis gespannter Zuschauer. Man glaubte, der Engländer werde Kredit anbieten. Aber der saß, höflich, korrekt, stumm vor dem erhitzten, verlegenen Prinzen. Wartete. Plötzlich stand Süß halb hinter ihm, schmiegsam, gewandt, leise: Wenn Seine Hoheit ihm die hohe Ehre vergönnen wolle. Der Prinz nahm an, gewann.
Bevor er ging, sagte er dem Juden, er habe dem Neuffer Auftrag gegeben, ihn beim Lever vorzulassen.
Süß stand verneigt, hoch atmend, küßte die Hand des Prinzen.
* * * * *
Isaak Landauer arbeitete mit Süß an den Geschäften der Gräfin. Die Energie der Gräfin, ihre Zähigkeit in dem Kampf um den Herzog würdigte er mit vielen Sympathien, und er mühte sich, ihren Handel möglichst schlau und sachgerecht zu Ende zu führen. Mit einer Berechnung, die Süß staunende Hochachtung abzwang, wußte er die schärfsten Gegner der Gräfin in dieses große Anleihegeschäft hereinzuziehen, so daß gerade ihre Feinde an der Erhaltung der gräflichen Güter geldlich interessiert waren. So sehr Süß das geschäftliche Genie Landauers bewunderte, schränkte er dennoch seine Zusammenkünfte mit ihm nach Möglichkeit ein. Er fand, daß der Alte ihn vor dem Prinzen kompromittiere. Der lachte schallend über Kaftan und Löckchen, fragte gelegentlich den Süß, ob er nicht einmal seinem Freund den Neuffer schicken solle, daß er ihm die Perücke kämme. Landauer wiederum wiegte den Kopf, lächelte: „Ihr könnt doch sonst rechnen, Reb Josef Süß. Was steckt Ihr Zeit und Geld in den Schlucker, der nicht gut ist für zweitausend Taler?“
Süß wäre um eine Antwort verlegen gewesen. Gewiß, er sah in dem Prinzen das Ideal aristokratischer Haltung. Die Selbstverständlichkeit, die Sicherheit, mit der er sich gab, das Lärmende, Herrenhafte bei aller Gutmütigkeit, das fürstlich Ausfüllende bei der Dürftigkeit der Mittel imponierte ihm. Aber das war schließlich keine Erklärung. Es hatten ihm auch andere gefallen und imponiert, deshalb steckte man doch noch lange kein Geld in einen so unsicheren Kunden. Was ihn zu dem Prinzen trieb, war ein Anderes, Tieferes. Süß war gemeinhin kein Spieler. Aber er war gewiß, Glück war eine Eigenschaft. Wer jenes heimliche Wissen nicht besaß, jene Gabe, auf Augenblicke zu wissen, untrüglich, unumstößlich, dies oder jenes Unternehmen, dieser Würfel, dieser Mensch bringt Glück, der mochte von den Geschäften die Hand lassen, auf jeden Aufstieg im Leben verzichten. Und untrügliche Witterung band ihn an Karl Alexander. Der Prinz war sein Schiff. Das Schiff mochte abgetakelt aussehen jetzt, dürftig, nicht verlockend, kluge Finanzleute wie Isaak Landauer mochten die Nase rümpfen. Aber er, Süß, wußte, daß dies sein Schiff war, und er vertraute sich diesem unansehnlichen Schiff an, ohne Bedingung und mit allem, was er war und was er hatte.
Karl Alexander behandelte ihn vertraulicher als sonst große Herren, um ihn je nach Laune um so brutaler auszulachen. Keinen Morgen fehlte Süß beim Lever. Einmal, Neuffer ließ ihn ohne weiteres zu, kuschte sich erschreckt ein Mädchen unter die Decke. Der Feldmarschall, während der Braunschwarze ihn mit Kübeln Wassers übergoß, prustete lachend, sie solle sich vor dem Beschnittenen nicht genieren, und verlegen und beglückt tauchte in den Kissen die junge Aufwärterin auf, mit der auch Süß geschlafen hatte.
Süß nahm die Vertraulichkeiten des Feldmarschalls als Geschenke hin und ließ sich seine Ausbrüche nicht verdrießen. Hatte ihm der Prinz, nachdem er ihn für Mittag bestellt, durch Neuffer sagen lassen, heut stehe ihm der Humor nicht nach hebräischem Gestank, so erschien er des Abends dennoch mit der gleichen lächelnd beflissenen Dienstwilligkeit. Nie hatte ihn ein Mensch so gefesselt wie Karl Alexander, er studierte jede kleinste Geste von ihm mit stiller Aufmerksamkeit, seine Vertraulichkeiten beglückten ihn, seine Brutalitäten imponierten ihm, alles, was der Prinz tat und ließ, diente nur, den Juden fester an ihn zu binden.
Mittlerweile kam Nicklas Pfäffle zurück und meldete, Rabbi Gabriel werde kommen.
Die Gräfin war fort, für seine Geschäfte brauchte Süß den Kabbalisten nicht mehr, die Verbindung mit der Gräfin, die Beteiligung an der Aktion Isaak Landauers war hergestellt. Süß, der glückliche Mensch des Augenblicks, vergaß den Anlaß, aus dem er den Rabbi berufen, wußte nur mehr, daß er ihm keinen andern Anlaß genannt als den dringenden Wunsch, in sein Auge zu sehen, von seinen Lippen zu hören. Er kam sich edel vor und hochherzig, daß er es wagte, an das Verkapselte zu rühren, und hatte in sich jedes Erinnern weggewischt, daß er den Unheimlichen, Unbehaglichen aus sehr anderen Gründen beschickt hatte.
Aber wie Rabbi Gabriel vor ihm stand, war seine schöne, elegant federnde Sicherheit jäh und unerklärbar weg. Er dachte noch: Daß er sich immer so altmodisch trägt! Aber das dachte er eigentlich schon nur nebenher und unüberzeugt. Das scheue, dumpfe Gefühl war über ihm, das unentrinnbar wie die Luft, die man atmete, überall lag, wo Rabbi Gabriel erschien.
„Du hast mich wegen des Mädchens beschickt?“ begann die knarrige, mißlaunige Stimme. Der andere wollte erwidern, heftig, sich wehren, er hatte mehrere flinke, schöne Sätze vorbereitet, aber die endlose, hoffnungslose Traurigkeit, die von den trübgrauen Augen ausging, lähmte ihn, wand sich um ihn wie Schnüre. „Oder ist es nicht wegen des Mädchens?“ Und trotzdem die Stimme jetzt müde klang und ohne Hebung, schnitt sie wie Hohn, und Süß in seiner guten Haltung und in seinen prächtigen Kleidern schien merkwürdig klein und gedrückt vor dem dicklichen, unansehnlichen Mann, den man für einen höheren Beamten halten mochte oder für einen Bürger.
Er konnte doch sonst so sicher und überzeugend sprechen. Oh, wie behend hüpften ihm die Worte von den Lippen und sprangen an dem Partner hinauf und kletterten hoch an ihm und schmiegten sich in jede Lücke und schwache Stelle. Warum fiel seine Rede jetzt so matt und unüberzeugt, daß er halb im Satz verstummte, ehe er zu Ende war? Gewiß, gab er zu, er habe versprochen, das Kind zu sich zu nehmen. Aber es sei nicht gut, wenn er das jetzt tue. Für ihn nicht und für das Kind nicht. Er habe so tausend Geschäfte und sei so gehetzt und hin und her getrieben. Und bei Rabbi Gabriel sei Naemi doch ganz anders behütet, und wenn er, Süß, sich auch für Bildung interessiere und Geistiges, für das Mädchen komme doch das Weltmännische weniger in Frage, als eben die Dinge, die der Oheim besser verstehe als er.
Er flickte diese Argumente zusammen, hastig, fahrig und ohne Kraft. Verstummte. Sah die trübgrauen Augen vor sich, in dem massigen, blutlosen Gesicht die kleine Nase, die breit wuchtende Stirn, senkrecht über der Nase zerschnitten von drei Furchen, scharf, tief, kurz, und er sah, diese Furchen bildeten den heiligen Buchstaben, das Schin, den Anfang des Gottesnamens, Schaddai.
Rabbi Gabriel nahm sich nicht die Mühe, auf die Einwürfe des andern zu erwidern. Er schaute ihn nur an, langsam, mit den trüben steinernen, wissenden Augen, und schwieg.
Und während dieses Schweigens sprang plötzlich schmerzhaft das Verkapselte auf, und das Jahr lag bloß, jenes seltsame und unbegreifliche Stück Leben, das Jahr in der kleinen, holländischen Stadt, das Süß geflissentlich und doch mit einem geheimen Stolz, etwas Störendes und höchst Unpassendes, vor sich und aller Welt versteckte. Er sah das weiße, verschlossene Antlitz der Frau, voll Hingabe und doch so unsagbar fremd, er sah die rührenden, gelösten Glieder, er sah die Tote, die verlöscht war wie sie aufgeglommen, kaum die neue Kerze gezündet. Er sah das Kind, sich selber in einer seligen und gleichzeitig so entsetzlich drückenden Ratlosigkeit. Er sah den Oheim, den unbehaglichen, unheimlichen, der jäh da war wie selbstverständlich und wie selbstverständlich wieder mit dem Kind ins Dunkle zurücktauchte, sehr selten nur, in einem Zwischenraum von Jahren wieder am Tag.
„Das Kind ist jetzt vierzehn Jahr,“ sagte endlich Rabbi Gabriel. „Es macht sich seinen Vater aus meinem Wort. Es ist nicht gut, wenn dann die Wirklichkeit und mein Wort so auseinanderklafft. Ich bin wie der Heidenprophet Bileam,“ fuhr der Kabbalist fort mit einem mißgelaunten Lächeln, „ich sollte fluchen, wenn ich ihr von dir spreche, und ich muß segnen. Ich werde sie also ins Land bringen,“ schloß er, „daß sie dich sieht.“
Süß erschrak strudelnd tief. Das Kind! Da saß dieser Mann vor ihm, ganz gleichmütig, und sagte ihm einfach: Ich werfe dein Leben um. Ich setze mitten in dein Leben voll Glanz und Frauen und Wirbel das Kind, die Tochter, Naemi. Ich hebe dein Leben aus den Angeln, ich reiße die Kapsel auf, ich reiße dein Herz aus den Angeln.
„Ich bleibe noch hier,“ sagte der Kabbalist, „dich aus der Nähe zu beschauen. Wann ich sie bringe, wohin, wie, das sage ich dir noch.“
Als Rabbi Gabriel gegangen war, saß der andere in Wut und Wirrsal. Als kleiner Junge nicht einmal hatte er sich so schelten und dumm machen lassen. Aber er wird es dem Alten sagen, er wird schon die rechten Worte finden, er wird ihm schon dienen, dem alten Hexer in seinem schäbigen, unmodernen Rock.
Aber tief innen wußte er, daß er das nächstemal genau so stumm und klein sitzen wird wie jetzt.
* * * * *
In Schloß Freudenthal stand vor der Gräfin ihre Mutter, ein gewaltiger Fleischkloß, der sich nur mit Mühe fortbewegen konnte. Erdiges Bauerngesicht unter eisgrauem Haar äugte die Uralte mit harten, gierigen Blicken die Oberaufsicht über Schloß und Gut, Dienerschaft und Bauern schindend, Geld raffend, langsam, gierig, unersättlich.
Aufgelöst tobte, jammerte die Gräfin: „Aus, Mutter, es ist aus! Davongejagt. Des Hofs verwiesen. Er küßt die alte dürre Gans in Stuttgart und alle Welt schaut zu. Er will ihr ein Kind machen. Davongejagt. Nach dreißig Jahren davongejagt wie eine Hure, die nicht fürs Bett getaugt hat.“
„Knet ihn, Tochter,“ rief mit röchelnd tiefer, heiserer Stimme die Alte. „Laß ihn bluten. Hat’s ihn Geld gekostet, wie er heiß war, laß es ihn mehr kosten, wenn er kalt wird. Knet ihn! Walz ihn aus, bis kein Heller mehr herausgeht.“
„Und Friedrich hat dazu geraten!“ empörte sich die Gräfin – Friedrich Wilhelm war ihr Bruder. „Gib’s ihm, Mutter! Zeig’s ihm! Mach ihn klein! Schlag ihn!“