Part 6
„Ich werde ihn kommen lassen, ich werde hören, ich werd’s ihm zeigen,“ versprach die Alte. „Aber das ist nicht wichtig,“ schloß sie und saß da, quellend von Fett, kolossig wie ein asiatischer Götze, das erdfarbene Gesicht strotzend unter dem eisgrauen Haar. „Du hast Wagen hergeschickt mit Sachen. Das ist gut, Tochter. Schick mehr. Schick außer Landes. Haben, das ist es. Besitzen. Geld haben, Sachen haben. Das andere ist nicht wichtig.“
Die Gräfin wartete, verzehrte sich. Isaak Landauer kam, berichtete, brachte Papiere. Alles Geldliche lief glatt, glänzend. Sie fragte nach dem Kabbalisten. Ja, der war jetzt auf dem Wege nach Wildbad. Es war schwer, ihn zu dirigieren. Ihro Exzellenz möge sich gedulden, in zwei, drei Wochen werde er ihn in Freudenthal haben.
Kaum war der Alte weg, kam die Nachricht von der Zusammenkunft des herzoglichen Paares in Teinach. Es war groß und feierlich zugegangen wie bei einem Beilager. Die verschlissene Elisabeth Charlotte hatte sich und ihre Hofdamen – dies Kuriositätenkabinett von Vogelscheuchen, höhnte die Gräfin – neu und kostbar gekleidet. Die Gesandten der Höfe, die sich um die Herzogin verdient gemacht, waren zugezogen worden, das ganze Kabinett, ihr Bruder, der Gräfin Bruder! der Schuft, der glatte, giftig züngelnde, hielt eine Rede bei der Festtafel. Auch der engere Ausschuß des Parlaments war geladen. Die Hofkapelle spielte:
Der itzt den Feind vertrieben, Nun danket Gott nach großer Not!
und ihr Bruder, ihr Bruder! stand dabei, barhaupt und fromm, und Schütz senkte ergriffen die Hakennase. Am ersten Abend gab es Ballett: Die Heimkehr des Odysseus. Ah, wie mochten sie alle gegrinst haben, als die böse Circe sich in den Feuerberg stürzte, und wie mochten sich die zähen alten Hofschneppen die Triefaugen wischen, als die fromme Penelope am Spinnrocken saß. Aber sie konnten warten, sie konnten noch lange warten, bis sie sich in den Feuerberg stürzen wird. Dann zog sich das herzogliche Paar zurück und vor der Tür des Schlafgemachs spielte das italienische Quartett während der Beiwohnung. Guten Appetit, Lux! Schmeckt’s? So was hast du lange nicht gehabt. Spieß dich nicht auf den Knochen! Am zweiten Tag gab es Feuerwerk, prasselnde Raketen schrieben die Initialen der Herzogin flammend an den Himmel, das Volk, den Wanst gestopft mit kostenlosen herzoglichen Würsten, die Blase voll kostenlosen herzoglichen Weins – da ihre Aufsicht fehlte, wird der Kellerer um etwa hundertachtzig Gulden betrügen – schnupfte gerührt hinauf und gröhlte: Es lebe die Herzogin!
Als die Gräfin die Meldung erhalten hatte, schloß sie sich ein und schrieb. Den Brief schickte sie durch einen Kurier nach Stuttgart. Er ging an den Kammerdiener des Herzogs, enthielt eine Anweisung auf dreihundert Gulden und das Versprechen weiterer achthundert, falls er ihr vom Blut des Herzogs verschaffe.
Dieser Brief war übereilt und töricht, und schon wenige Stunden, nachdem der Kurier abgegangen, bereute die Gräfin. Niemals hatte sie dergleichen schriftlich aus der Hand gegeben. Zum erstenmal, daß sie sinnlose Wut nicht hatte zu Ende toben lassen, ehe sie handelte. Auch Isaak Landauer war schuld mit seinem verflucht zögernden Kabbalisten.
Als der Kammerdiener Eberhard Ludwigs den Brief erhalten hatte, rechnete er. Vor dem Fest in Teinach wäre er wahrscheinlich noch der Gräfin zu Willen gewesen. Jetzt nach dem Teinacher Zeremoniell war es ausgemacht, daß die Gräfin nichts mehr zu hoffen hatte. Es waren also von ihr die achthundert Gulden herauszuholen, vielleicht ein paar Hundert mehr, und sonst nichts. Der Herzog hinwiederum wollte vor der Gräfin Ruhe haben, er wäre sicher dankbar für einen Vorwand, sie aus dem Lande zu jagen. Es war also klar, wo der Vorteil lag. Der Kammerdiener ging somit zu dem Präsidenten der Landschaft, ließ sich von dem für seine Tapferkeit tausend Gulden zahlen und übergab den Brief dem Herzog.
Eberhard Ludwig stand, der schwere, dumpfblütige Mann, einen Augenblick starr gebunden vor dem Unfaßlichen. Winkte dann dem Diener heftig Entfernung, schluckte, keuchte, stapfte auf und nieder, schnaubte durch die Nase. Jedes Blutteilchen gor dunkle Wut. Er war also betrogen. Er, er! der Herzog war dreißig Jahre von einer verfluchten Hexe und Vettel betrogen. Die andern, die Bürgerkanaille, die greinenden Pfeffersäcke von der Landschaft, die kahl und dürr predigenden Pfaffen vom Konsistorium, der schäbige Preußenkönig, die ewig beleidigte, zitronensaure Johanna Elisabetha, sie hatten recht, sie hatten dreißig Jahre, dreißig Jahre! recht gehabt gegen ihn, den Herzog.
Mord und Marter! Er hat Frauen gehabt von allen Sorten, blonde, schwarze, kastanienfarbene. Hat sich in kleine, spitze Brüste vergafft und in mächtige, schwimmende, in massige Hüften und in knabenhaft gestraffte, in feine, lange, braunglänzende Schenkel und in weiche, rosig-fette. Er hat müde, schlaffe, lässige Weiber gehabt und rasende, die das Mark aus den Knochen holten bis auf den letzten Zoll. Haben sich Weiber in ihn vernarrt ohne Zahl, herrliche, üppige, umstrittene. Er ist ja auch, Teufel noch eins, ein Kerl in Saft und Schuß und steht in aller Gloria dieser Welt. Haben sich an ihn gehängt mit Herz und Schoß und allem Blut, haben erlöst gestöhnt unter seinem Griff. Waren bessere, Kreuztürken, waren bessere dabei als die Christl. Aber er hat sich an keine verloren. Er hat sie gehabt und hat gelacht und ist darüber weg.
Daß ihm gerade die Christl so im Blut stak, dieses dumpfe Verhaftetsein und Beklommenheit und Nicht-Wegkönnen, natürlich war das nicht mit rechten Dingen zugegangen. Und er hat’s nicht gemerkt und saß mit dem Gift und verruchten Zauber im Leib. Oh, oh! Das Hurenmensch, das vermaledeite! Die Zeilen jenes Protokolls krochen auf ihn zu, wandelten sich in fratzenhafte, scheusälige Bilder. Die schwarze Kuh mit dem abgehauenen Kopf, der Bock mit den abgeschnittenen Hoden. Sie mochte sich wohl eine Puppe von ihm gemacht haben, einen Teraph, sein Herz und lebendiges Blut in das Bild hineinzuzaubern, und der Satan, der neunschwänzige, mochte wissen, was für verfluchte und unflätige Hantierung sie mit dem Gebannten getrieben.
Aber jetzt war er ihr auf das Handwerk gekommen. Jetzt war es aus mit allem Zauber und vermaledeiter Hexerei. Er wird ihr zeigen, daß er auch den letzten Tropfen ausgeschwitzt von ihrem Höllengift und Satanstrank.
Er schrieb, siegelte, befahl Räte, Offiziere. Ein hastiges, heimliches, wichtiges Gewese hub an.
Schon andern Tages in aller Frühe erschien ein Detachement Husaren in dem Dorfe Freudenthal. Die Soldaten rückten vor das Schloß, besetzten alle Ausgänge. Der Führer, Oberst Streithorst, gefolgt von seinem Adjutanten, ging, an dem schlotternden Kastellan vorbei, in die Vorhalle. Hier trat ihm der Haushofmeister entgegen, an allen Türen tuschelte aufgeregte, ängstlich neugierige Dienerschaft. Die Exzellenz sei nicht zu sprechen, erklärte hastig der Haushofmeister, die Exzellenz sei noch zu Bette. So werde er einige Minuten warten, entgegnete gelassen der Offizier und setzte sich. Und der Haushofmeister dringlich, überhastet: die Frau Gräfin sei unpaß, sie bedaure sehr, überhaupt nicht empfangen zu können. Wenn der Herr Oberst Ordres von Seiner Durchlaucht bringe, möge er sie dem Sekretär übergeben. Der Oberst, immer korrekt und kühl, es sei ihm leid, er habe Befehl, unter allen Umständen die Frau Gräfin selbst zu sprechen.
Ueber dem erschien die Mutter der Gräfin. Kolossig stand die erdfarbene Uralte in der Tür, die zu den Zimmern der Tochter führte. Der Oberst salutierte, wiederholte, unerregt und sachlich, seinen Auftrag. Die Alte mit ihrer röchelnden, tiefen Stimme herrschte ihn an, er solle sich scheren; er wisse so gut wie sein Herr, ihre Tochter sei reichsunmittelbare Gräfin, nur der Römischen Majestät unterstellt. Der Offizier achselzuckte, er sei kein Jurist, und so gehe sein Auftrag, und er gebe der Frau Gräfin eine halbe Stunde Zeit, sich anzukleiden; dann werde er die Tür sprengen lassen. Keifend und massig pflanzte die Alte sich hin: das sei Landfriedensbruch, und man werde sich bei schwäbischer Reichsritterschaft beschweren, und sein Herr werde es schwer büßen müssen, und er werde schimpflich kassiert werden. Es seien jetzt noch sechsundzwanzig Minuten, erwiderte der Oberst.
Die Gräfin indes, in rasender Eile, fegte in ihren Zimmern herum, verbrannte Papiere, schichtete, siegelte, übergab ihrem Sekretär. Als der Offizier bei ihr eindrang, lag sie in einem prunkvollen Nachtgewand zu Bett, richtete sich hoch, ganz empörte Unschuld. Fragte mit schwacher Stimme, was man von ihr wolle. Herr von Streithorst entschuldigte sich, er habe strikte Order von dem Herrn Herzog selbst, Ihre Exzellenz unter Bedeckung fortzubringen. Kreischen der Zofen, haßerfüllte, röchelnde Beschimpfungen der Alten, Ohnmacht der Gräfin. Der Offizier unerschütterlich. Als sie wieder zu sich kam, während die Alte den Oberst als Mörder begeiferte, sagte sie, die Stimme gebrochen und wie die eines kleinen Mädchens, sie sei in seiner Gewalt, sie wisse, daß er sie wegführen könne, ehe die Reichsritterschaft gewaffneten Widerstands fähig sei. Sie sei sehr ernstlich krank, dieser Ueberfall habe ihr schlimm zugesetzt, und wenn er darauf bestehe, sie in solchem Zustand wegzubringen, so werde das ihr Tod sein. Sie sprach mühsam, in Atemnot, ringsum flennten die Zofen. Es dauerte vier Stunden, bis der Oberst sie in der Kutsche hatte und sie inmitten der Reiter in den regnichten Tag wegführen konnte. Die Mutter und zwei Zofen begleiteten sie. An ihrem Weg standen dumm glotzend ihre Bauern. Aber die Freudenthaler Juden hatten sich in ihrem Betsaal versammelt, in großer Angst um Leib und Gut, und beteten für ihre Schützerin.
Die Gräfin wurde nach Urach gebracht und dort als Standesperson in allem Respekt gehalten, durfte aber Schloß und Park nicht verlassen. Sie gab sich hochfahrend, schikanierte die Dienerschaft bis aufs Blut und verblüffte sie durch ungeheure Trinkgelder. Den Kommissaren des Herzogs verweigerte sie jede Auskunft, sie habe als regierende Reichsgräfin nur dem Kaiser Red und Antwort zu stehen. Als gar die schwäbische Reichsritterschaft sich in die Sache mengte und über ihre durch die Verhaftung der Gräfin in dem reichsfreien Rittergut Freudenthal verletzten Rechte klagte, triumphierte sie, und ihr Sachwalter erhob in Wien Klage in einer Sprache, wie sie gegen das württembergische Haus noch nie geführt worden war. Ueberall im Reich sprengten ihre Agenten Gerüchte aus, wie groß die Rechtsunsicherheit sei im Herzogtum, wenn nicht einmal die Freiheit ritterschaftlicher Person gewahrt würde. Isaak Landauer erklärte, sacht den Kopf wiegend, dem Gesandten der Generalstaaten, unter solchen Umständen sei es eine mißliche Sache, in Württemberg Kapital stehen zu lassen, seine Worte wurden in den Kontoren der großen Geldleute kolportiert und wirkten gefährlich weiter.
Im herzoglichen Kabinett verfolgte Geheimrat Schütz aufmerksam und bewundernd alle Schachzüge der Gräfin. Er ließ sie lange gewähren; dann aber bremsten er und der Bruder der Gräfin jäh und wirksam. Bei den Reichsrittern war einzusetzen. Der Herzog, selbstherrlich, haßte diese Körperschaft und lag ständig mit ihr in Fehde. Er lief rot an, nannte man nur den Namen, und hatte blindwütig mit eigener Hand aus dem Kirchenlied: O heiliger Geist, kehr’ bei uns ein, die Verse gestrichen: Laß uns dein’ Salbungskraft empfinden, stärk’ uns zu deiner Ritterschaft. Aber diesmal mußte er sich überwinden, er mußte nachgeben. War die Ritterschaft der Teufel, so war die Gräfin seine Großmutter. Er anerkannte also die Klage der Ritter, entschuldigte sich höflich und in bester Form und gewährte auch andere Genugtuung, vor allem war er bereit, in einer strittigen Frage über die Befreiung der Ritter vom Weinzoll nachzugeben. Da bei weiterem Widerstand nur Ehre, bei Nachgeben aber etwa siebzigtausend Gulden zu gewinnen waren, zog die Ritterschaft ihren Protest zurück. Damit war auch die Wiener Klage erledigt.
Der Wind war aus den Segeln der Gräfin genommen, überall flauten ihre Anhänger ab. Schütz benutzte ungesäumt diese Flauheit, dem Handel für alle Zeit ein Ende zu machen. Die Gräfin wurde nach der Festung Hohen-Urach gebracht in engeren Gewahrsam, niemand von ihren Freunden hatte Zutritt. Die Dämme, bisher der Volkswut entgegengestellt, wurden niedergerissen. Allerorts erschienen Pasquille und schmähliche Karikaturen, in Kannstatt wurde eine Puppe mit den Zügen der Gräfin unterm Gejohl des Pöbels erst ins Hurenhaus gebracht, dann gestäupt und auf den Schindanger geworfen.
Unterdes suchte die Mutter ihren ältesten Sohn auf. Der aalglatte, eiskalt hochmütige Minister saß vor der schimpfenden Greisin geduckt wie ein Hosenmatz. Er legte dar, der Uebermut und politische Ehrgeiz der Schwester hätte auf die Dauer sie alle ins Unglück gestürzt, so habe er eingreifen müssen. Jetzt, wo sie politisch außer Spiel gesetzt sei, werde er sein Bestes tun, ihren Abgang zu retten. Er denke nicht daran, ihr Vermögen anzutasten.
Der Vergleich, den man der Gräfin vorlegte, war denn auch von Anfang an günstig. Es zeigte sich, wie fein Isaak Landauer alles eingefädelt hatte. Alle Welt war interessiert, der Gräfin in Württemberg liegendes Vermögen zu retten. Der kaiserliche Gesandte, ihr Bruder, der Sachwalter des Kammergutes, wer immer in der Affäre mitzureden hatte, wirkte in solchem Sinn. So mußte sie zwar ihre Güter Brenz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich zu der Zusage bequemen, keine Forderungen und Ansprüche weiter an das fürstliche Haus zu machen, desgleichen das Herzogtum nie wieder zu betreten: aber Isaak Landauer hatte eine letzte ungeheure Summe für sie erpreßt, deren Höhe selbst ihre Juden nur zu flüstern wagten, und die Nutznießung vieler Liegenschaften blieb ihr auf Lebenszeit. Sie zählte zu den vermögendsten Damen des römischen Reichs, als sie das Herzogtum verließ.
Eine starke militärische Eskorte begleitete sie außer Landes. Ihre Straße war gesäumt von johlendem, Kot schmeißendem Volk. Vor ihr, hinter ihr, in endloser Reihe schleppten Wagen Kleider, Hausrat, Zierat.
Erst als das letzte Stück über der Grenze war, folgte, allein in der Kutsche, erdfarben, kolossig, unbeweglich die Alte.
* * * * *
Bei dem Prälaten von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, Konsistorialrat und Mitglied des engeren parlamentarischen Ausschusses, war ein Gast eingekehrt, der Geheimrat Fichtel vom Hof des Würzburger Fürstbischofs. Die beiden Herren waren seit Jahren befreundet, der schlanke, weltmännische Protestant und der unscheinbare Diplomat des Fürstbischofs mit dem kleinen, klugen Gesicht. Beide passionierte Puppenspieler, undurchsichtig für ihre Umgebung, schlossen sie sich gegenseitig die Mechanik ihrer Künste auf, freuten sich kennerisch an dem feinen Getriebe der zahllosen Fädchen württembergisch-protestantischer Parlamentspolitik und höfisch katholischer Diplomatie. Der Jesuitenschüler wie der protestantische Prälat liebten die Politik um ihrer selbst willen; wenig lag ihnen am Ziel, viel an seiner kunstgerechten Verfolgung.
Im Herzogtum schätzte man Weißensee, aber er war den meisten unbehaglich. Seine gelassene Liebenswürdigkeit und die leicht skeptische Ueberlegenheit seiner weitschichtigen Bildung legten eine feine Wand von Fremdheit und Undurchdringlichkeit zwischen ihn und die zahllosen Bekannten, die seine großen, behaglichen Räume füllten. Er war ein ausgezeichneter Mathematiker, war eng befreundet mit den beiden besten Theologen des westlichen Deutschlands, dem stillen, ernsthaften, wahrhaft frommen Johann Albrecht Bengel und dem geraden, festen Georg Bernhard Bilfinger. Seine kritische Ausgabe des Neuen Testaments, bis jetzt freilich nur zum kleineren Teil erschienen, war weit über Württemberg hinaus berühmt, sein Wort mit ausschlaggebend im landschaftlichen Ausschuß.
Aber es fehlte seiner mannigfachen Beschäftigung die Wärme. Wohl erfüllte er alles, daran er Hand legte, bis in jede Ecke mit Tätigkeit und sachkundigem Betrieb. Doch, ob es das Neue Testament war oder ein Referat im Landtag oder die Anpflanzung einer neuen Sorte in seiner Obstkultur, er nahm es spielerisch, es gab nichts, das ihm über die Nerven hinaus ins Herz drang.
In den weiten Räumen mit den mächtigen, weißen Vorhängen ging groß und schlicht seine Tochter Magdalen Sibylle herum, neunzehnjährig, bräunliches, männlich kühnes Gesicht, weite, blaue, erfüllte Augen, sehr merkwürdig und verwirrend unter dem dunkeln Haar. Die Mutter war früh gestorben, zu der immer gleichbleibenden, lauen Freundlichkeit des Vaters fand sie keinen Weg. Der Umgang mit der Tochter des Stuttgarter Landschaftskonsulenten, Beata Sturmin, und die Lektüre Swedenborgs hatten die Vereinsamte in pietistische Zirkel getrieben.
Denn es blühten die Konventikel im Land, die Bibelkollegien. Trotz aller Verbote und Strafen traten unter der Not der Zeit überall im Herzogtum Gläubige und Erweckte auf. Freilich gab es in dem kleinen Hirsau keine Heilige wie Magdalen Sibyllens Stuttgarter Freundin und Führerin, die blinde Beata Sturmin, die mit Gott im Gebet rang, ihm die Ohren mit Verheißungen rieb, die er erhören mußte, ihm durch wahllos zufälliges Aufschlagen von Bibelstellen Orakel abnötigte. Aber es lebte in dem stillen Ort ein gewisser Magister Jaakob Polykarp Schober, der die Schriften De Poirets, Böhmes, Bourignons, Leades, Arnolds gelesen hatte, auch die verbotenen Bücher vom Ewigen Evangelium und der Philadelphischen Sozietät, ein gutmütiger, einfältiger Mensch, der sanft vor sich hintrieb und lange sinnierende Spaziergänge liebte. Der hielt in Hirsau ein Bibelkollegium ab, und daran nahm auch Magdalen Sibylle teil, die Tochter des Prälaten. Die weiten, blauen Augen unter dem dunkeln Haar in ein Fernes, Erträumtes versenkt, saß sie groß und schön mit dem männlich kühnen, bräunlichen Gesicht unter den Frommen, Armseligen, Gedrückten, Blassen, Verhutzelten des Collegium Philobiblicum, sie suchte durch zufälliges Aufschlagen der Schrift Orakel, sie kämpfte im Gebet mit Gott, daß er ihrem Vater Gnade und Erweckung fließen lasse.
Der würzburgische Geheimrat war ihr in tiefer Seele zuwider, und sie grämte sich ab, den Vater in dieser weltlichen, heidnischen Gesellschaft zu sehen. Der Katholik hatte von dem neumodischen Zeugs mitgebracht, das die Kannibalen erfunden haben, Kaffee hieß es, und von dem mußte man ihm einen schwarzen, stark riechenden Saft bereiten. Magdalen Sibylle schaute mit scheuen, angewiderten Augen, wie auch der Vater von dem Teufelstrank genoß, und betete mit aller Inbrunst, Gott möge ihn nicht daran vergiften lassen.
Da saßen nun die beiden Männer bei solchem Trank oder beim Wein und sprachen endlos über die eitlen Dinge des Reiches und ganz verruchten Kirchenbabylons, Politik und Geld und Verfassung und Titel und Militär und Prozesse. Statt von dem Gesicht Gottes und seiner Herrlichkeit, wie es Dienern Christi ziemte.
Der Geheimrat kam natürlich auch auf den Prinzen Karl Alexander zu sprechen, der jüngst bei dem Fürstbischof zu Gast gewesen. Weißensee kannte den Prinzen auch. Ein scharmanter Herr. Sein Ruf drang von der untern Donau bis an den Neckar. Ein edles Blatt am Zedernbaume Württembergs. Der Geheimrat sprach von den finanziellen Schwierigkeiten des Prinzen, er habe ja auch eine Eingabe an die Landschaft gemacht, soviel er wisse, um Erhöhung seiner Apanage. Ja, Weißensee hatte die Eingabe gelesen, der Stil sei ihm bekannt vorgekommen. In der Kanzlei des Prinzen jedenfalls sei das Schriftstück nicht entstanden; jetzt, nachträglich, sei es ihm, als erkenne er in gewissen Wendungen die Manier seines verehrten Freundes, schloß er lächelnd.
Die Herren saßen bequem in dem lauen Abend, tranken. Aber seitdem die Rede auf diese Affäre gekommen war, fiel Rede und Antwort in längerem Abstand, gewogener, und unter der lässigen Maske barg sich Bereitschaft. Wie die Dinge jetzt lägen, meinte Weißensee, vorsichtig, ausholend, sei es sehr erwägenswert, dem verdienten Prinzen die kleine Summe zu gewähren.
Das würde den Bischof menschlich gewiß sehr freuen, antwortete langsam der Geheimrat Fichtel, und man konnte seinem klugen, kleinen Gesicht ablesen, wie er vorsichtig die Worte formte, daß sie nichts sagen, doch alles bedeuten sollten. Der Bischof sei ja dem Prinzen sehr befreundet. Aber der bischöfliche Stuhl als solcher habe gar kein, sein verehrter Freund möge ihn wohl verstehen, aber auch gar kein Interesse daran, ob die Landschaft dem Prinzen helfe oder nicht. Die bischöflichen Kassen seien wohlgefüllt; wenn Seine Eminenz den württembergischen Herren den Vorrang gelassen habe, dem Prinzen aus der Not zu helfen, so sei das eine höfliche Geste, sonst nichts. Der Geheimrat verstummte, schlürfte seinen Kaffee.
Weißensee betrachtete ihn aufmerksam, sagte sacht: „Wenn ich Sie recht verstehe, Lieber, liegt dem Bischof wirklich nichts daran, ob wir das Geld geben oder nicht.“
Die Herren sahen sich an, behutsam, freundlich. Dann sagte der Katholik: „Wenn ich im Ausschuß säße, ich würde dagegen stimmen. Gerade jetzt, nach dem Zusammenbruch der Gräveniz, keine Konzession an das fürstliche Haus.“
Und die beiden Diplomaten lächelten sich zu, höflich, verständnisvoll, einander sehr gewogen, mit dünnen, feinen Lippen.
Als das Gesuch des Prinzen im landschaftlichen Ausschuß zur Sprache kam, war man geneigt, es zu bewilligen. Nach dem Sturz der Gräfin waren die Elf gemütlichen Humors, gebelustig. Das Referat hatte der plumpe, polternde Bürgermeister von Brackenheim, Johann Friedrich Jäger. Er führte aus, der Prinz Karl Alexander sei ein großer Herr und Feldmarschall, trage die württembergische Gloire über den Erdkreis und verbreite den Respekt vor schwäbischer Courage und Maulschellen bei Mohren, Türken und sonstigen Heiden; auch habe der Herzog das Saumensch, das pockennarbige, abgeschafft. So könne man sich nobel zeigen und die paar tausend Gulden spendieren. So ungefähr ging auch die Stimmung der andern. Da erhob sich Weißensee und mit seiner feinen, höflichen, geschmeidigen Stimme warf er wie beiläufig hin, die Großmut und noble Manier der wohllöblichen Herren Kollegen sei hoch zu schätzen, auch gönne er dem verdienten Helden das Geld. Nur sei die Frage, ob es praktisch sei, gerade jetzt den Herzoglichen entgegenzukommen. Der Herzog habe endlich mit der Gräfin Schluß gemacht, gut. Aber das sei ja schließlich nur seine vermaledeite Pflicht und Schuldigkeit gewesen, und wenn man jetzt durch besonderes Entgegenkommen danke, so stemple man dadurch die Selbstverständlichkeit gewissermaßen zur Gnade und sanktioniere auf solche Art hinterher die Halsstarrigkeit, die der Herzog die dreißig Jahre hindurch bewiesen. Er stimme also dafür, das Gesuch Karl Alexanders abzulehnen, ohne daß dies eine Gehässigkeit gegen den sympathischen Prinzen bedeuten solle.
Die Mitglieder des Ausschusses wiegten die schwerfälligen Schädel, schwankten, waren schon überzeugt. Weißensee hatte sie gepackt, wo sie am schwächsten waren. Ja, das war es! Dem Herzog zeigen: keinen Schritt geben wir nach. Unsere Privilegien sind nicht auf dem Papier, wir brauchen sie. Das war etwas.
Das Gesuch des Prinzen Karl Alexander, Kaiserlichen Feldmarschalls, Hoheit, wurde abgelehnt.
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Rabbi Gabriel hielt sich in Wildbad still, zurückgezogen. Gegen abend pflegte er in der Umgegend spazierenzugehen. Regenwetter hatte eingesetzt. Er ging durch die feuchte, laue Luft, den Schritt schwerfällig, den Rücken leicht rund, den Kopf geradeaus, den Blick auf niemand. Er ging, so unauffällig er war, zwischen Verstummenden, Aufschauenden, Betroffenen. Geraun stand auf hinter ihm, das Gerede vom ewigen Juden war wieder da. Dreimal durchforschten die Behörden die Papiere des gleichmütig mürrischen Herrn. Sie waren in Ordnung. Er war legalisiert von den Generalstaaten als Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten, er hatte den großen Paß, der alle Behörden ersuchte, ihm jeden Vorschub zu tun.