Part 7
Der Prinz Karl Alexander hatte natürlich auch von dem seltsamen Badegast gehört, und daß er mit seinem Leibjuden, dem Süß, zusammenstecke. Es kam den Prinzen nachgerade eine leise Ungeduld an, wie er da so endlos auf das Geld von der Landschaft wartete, und er begann sich zu langweilen. Er hatte sich in Venedig und auch sonst wie so viele andere große Herren mit Sternlesekunst und anderer Magie abgegeben, vor allem sein Freund, der Fürstabt von Einsiedeln, beschäftigte sich viel mit solchen Dingen. Erst in Würzburg hatte er wieder von einem Magus erzählt, den er jetzt an seinem Hof hielt und in den er großes Vertrauen setzte. Der Prinz verlangte also von Süß geradezu, er solle ihm den Kabbalisten beibringen und vor ihn hinstellen. Süß wand sich und drehte sich. Er wußte, Rabbi Gabriel wird sich zu solcher Schaustellung nie hergeben. Schließlich fand er einen Ausweg. Wenn der Rabbi bei ihm sei, werde er dem Prinzen Botschaft schicken. Suche dann der Prinz ihn auf, so ergebe sich zwanglos eine Zusammenkunft mit dem Rabbi. Karl Alexander erklärte lachend sein Einverständnis.
Der Kabbalist sagte zu Süß: „Ich werde also das Mädchen ins Schwäbische bringen. In der Nähe von Hirsau hab ich ein kleines Landhaus gefunden, ganz abgelegen. Laß das Haus kaufen. Es ist mitten im Wald, weitab von den Menschen. Nichts Schlechtes kann dort an sie hin.“
Süß nickte stumm. „Es wäre gut,“ fuhr Rabbi Gabriel mit seiner knarrigen Stimme fort, „wenn auch du dich wegmachtest aus dem Leben hier und deinen Geschäften. Wenn du in der Stille bist, am Ufer, dann siehst du, daß dein Rauschen und Getrieb wirbelndes Nichts ist. Es ist Narrheit, daß ich an dich hinrede,“ schloß er unwirsch. Er sah das Gesicht des Süß, er sah Fleisch und Knochen und Blut und kein Licht, und er war zornig auf jene tiefe und heimliche Bindung, die ihn gerade an diesen Menschen zwang zu immer weiteren Niederlagen. Oh, wieviel Ströme mußten kreisen, bis aus diesem Stein Leben sprang.
Wie er gehen wollte, ward die Türe aufgerissen, und an Dienern in Haltung vorbei kam der Prinz ins Zimmer, leicht hinkend, lärmend: „Ah, Er hat Besuch, Süß?“ und warf sich in einen Sessel. Rabbi Gabriel neigte sich, nicht tief und ohne Hast, und beschaute gleichmütig und aufmerksam den Prinzen, während Süß in tiefer Verbeugung stand. Vor dem ruhigen, trübgrauen Auge des Kabbalisten verlor der Prinz seine polternde Sicherheit, ein peinliches Schweigen legte sich zwischen die drei, bis Süß es löste: „Dies ist Seine Hoheit, Oheim, der Prinz von Württemberg, mein erhabener Gönner.“ Da Rabbi Gabriel noch immer schwieg, sagte der Prinz, und sein Lachen klang nicht ganz frei: „Er ist wohl der geheimnisvolle Fremde, von dem hier alles schwatzt? Er ist Alchimist, kann Gold machen, was?“
„Nein,“ sagte Rabbi Gabriel, unerregt. „Ich kann kein Gold machen.“
Der Prinz hatte den Handschuh ausgezogen, wippte ihn gegen den Schenkel. Aus dem massigen, bartlosen Gesicht mit der kleinen, platten Nase starrten ihn unbehaglich die viel zu großen grauen Augen an mit traurigem, trübem Feuer. Er hatte sich den Magus ganz anders vorgestellt; er erinnerte sich des amüsierten Kitzels, mit dem er gewissen magischen Séancen sonst beigewohnt hatte. Das hier war so dumpf, als wiche langsam die Luft aus dem Zimmer.
„Ich habe viel Interesse für alchimistische Experimente,“ sagte er nach einer Weile. „Wenn Ihr zu mir ziehen wollt, nach Belgrad,“ – er gebrauchte jetzt das höflichere Ihr – „ich bin nicht reich, Euer Neffe weiß das wahrscheinlich besser als ich, aber ein auskömmliches Jahrgehalt wird zu beschaffen sein.“
„Ich bin kein Goldmacher,“ wiederholte der Kabbalist.
Wieder das Schweigen, das trist rinnend, lähmend das Zimmer füllte, sich um die Menschen legte, ihre Sicherheit, Unbedenklichkeit wegdrängte. Plötzlich, mit einer jähen Bewegung, als wollte er Fesseln mit Gewalt zerhauen, riß der Prinz die linke Hand hoch, dem Kabbalisten vors Auge. „Aber das könnt Ihr mir nicht abschlagen, Magus!“ lärmte er mit einem bewölkten Lachen. „Sagt mir, was Ihr drinnen lest!“ und drängte ihm die Handfläche vor das Gesicht. Es war eine merkwürdige Hand. Während ihr Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien, war ihr Inneres fleischig, fett, kurz.
Rabbi Gabriel hatte einen Blick auf die Hand nicht vermeiden können. Eine wilde, erschreckte Bewegung kaum unterdrückend, wich er einen halben Schritt zurück. Beklommenheit, grauer noch, enger, drückender nebelte herab. „Sprecht doch!“ drängte der Prinz. „Ich bitte Euch, erlaßt es mir!“ entgegnete, kaum noch gefaßt, der Kabbalist.
„Wenn Ihr mir Schlechtes zu prophezeien habt, glaubt Ihr, ich falle in Freisen wie eine blutarme Jungfer? Ich bin in hundert Schlachten gestanden, ich habe mich übers Sacktuch duelliert, der Tod ist mir um Fingerbreite vorbeigepfiffen.“ Er versuchte zu lachen. „Glaubt Ihr, ich kann’s nicht hören, wenn ein alter Jud mir Unheil wahrsagt?“ Und da der andere schwieg: „Kriecht nicht in Starrsinn wie eine Schildkröte in ihr Haus! Heraus mit der Sprache, mein Kalchas, mein Daniel!“
„Ich bitte Euch, erlaßt es mir!“ sagte der Kabbalist. Er hob nicht die Stimme, aber seine Augen schauten, vereiste Seen, auf den Prinzen, daß der einen Augenblick kein Wort fand. Scharf, tief, kurz zackten die drei Furchen in die breite Stirn des Rabbi wie ein fremder, unheimlicher Buchstab. Aber da sah der Prinz den Süß, der gespannt und verängstigt zurückgewichen war, und er bäumte hoch, daß er so lächerlich und klein vor dem Alten stehe, und, ihm nochmals die Hand vor die Augen drängend, schrie er herrisch: „Rede!“
Rabbi Gabriel sagte, und sein mürrischer Alltagston fiel unheimlicher in die Erregung des Prinzen, als alle großen Gesten und magisches Gewese es hätten tun können: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag ich Euch nicht. Das Zweite ist ein Fürstenhut.“
Der Prinz, verblüfft, lachte durch die Nase. „_Mille tonnerre!_ Ihr gebt’s dick, Herr Magus. Ganz Gold und Purpur. Nicht so obenhin wie sonst ein Chiromant und Astrologus: großer Glanz und Gloire oder so. Sondern rund und nett und klar ein Fürstenhut. Kotz Donner! Da kann sich mein Vetter freuen.“
Rabbi Gabriel erwiderte nicht. „Ich reise heute abend,“ wandte er sich an Süß. „Es bleibt bei dem, was ich dir sagte.“ Er neigte sich vor dem Prinzen, ging.
„Er ist nicht sehr höflich, Sein Oheim,“ sagte Karl Alexander zu Süß und versuchte, seine Betretenheit zu zerlachen. „Sie müssen ihn entschuldigen, Hoheit,“ beeilte sich der Jude zu erwidern und mühte sich, auch er, seiner Erregung Herr zu werden. „Er ist knurrig und ein Sonderling. Und wenn auch seine Manier zu beklagen und zu tadeln ist,“ schloß er, wieder beherrscht und der Alte, „was er zu sagen hatte, war um so erfreulicher.“
„Ja,“ meinte der Prinz, vor sich hinschauend und mit dem Degen Linien des Fußbodens nachzeichnend, „aber das, was er verschwieg.“
„Er hat so seine Kauzgedanken,“ beschwichtigte Süß. „Was er für wichtig hält und für ein großes Malheur, darüber lacht unsereiner, der das Leben anschaut, wie es wirklich ist. Ein Fürstenhut ist was Reales. Das Unheil, von dem er nichts verraten wollte, ist sicher Geträume für unsereinen und überhirnisch Zeug.“
„Der Fürstenhut!“ lachte der Prinz. „Sein Oheim sieht bedenklich weit. Muß der Tod noch groß reine waschen, ehe daß ich an der Reihe bin. Vorläufig lebt mein Vetter noch und dann sein erwachsener Sohn und denken nicht daran, um die Ecke zu gehen. Hat vielmehr mit seiner Frau Herzogin Friede geschlossen, daß er ihr noch mehr lebendige Kinder mache.“ Der Prinz stand auf, streckte sich. „Ho, Jud! Will Er mir eine Hypothek geben auf den württembergischen Thron?“ Und schlug ihn laut lachend auf die Schulter. Süß schaute ihm ehrerbietig ins Auge: „Ich stehe Eurer Hoheit zur Verfügung mit allem, was ich habe. Mit allem, was ich habe,“ wiederholte er. Der Prinz hörte zu lachen auf und schaute den Finanzmann an, der sehr ernst und mit größerer Ehrfurcht noch als sonst vor ihm stand. „Genug der Spaß!“ sagte Karl Alexander plötzlich, rückte die Schultern, als würfe er etwas Fremdes und Lästiges von sich, und strammte sich. „Die kleine Kosel hat mich um türkische Schuhe gebeten,“ sagte er dann in seinem alten Ton, „mit kleinen blauen Steinen. Schaff Er sie mir, Jud! Und das Beste!“ Und während er hinausging, leicht hinkend: „Aber daß Er mich nicht mehr bescheißt als um drei Dukaten.“ Und er lachte schallend.
* * * * *
Rabbi Gabriel verließ Wildbad mit der gewöhnlichen Post. In seinem soliden, etwas altfränkischen Rock, wie man ihn in Holland vor zwanzig Jahren getragen hatte, dicklich, den Rücken leicht rund, sah er aus wie ein verdrießlicher Bürger oder wie ein mürrischer hoher Beamter. Bevor er kam, hatte in der Postkutsche muntere Unterhaltung geflattert, jetzt saß man stumm und ungemütlich, und Rabbi Gabriels Nachbar rückte unmerklich von ihm ab.
Kaum aus dem Ort, begegnete die Post einer prunkhaften Reisegesellschaft. Es war der Fürst Anselm Franz von Thurn und Taxis, der Regensburger, der mit Glanz und großer Suite das Waldschlößchen Eremitage bezog, das er gemietet hatte. Der Fürst, ein feiner, älterer Herr, der Schädel lang, sehr aristokratisch, an den Kopf eines Windhundes gemahnend, Witwer, war begleitet von seiner einzigen Tochter, Marie Auguste. Die Prinzessin, über Deutschland hinaus um ihre Schönheit gefeiert, auf zahllosen Bildern, Pastellen Bewunderer lockend, saß neben ihrem Vater mit der gewohnten Teilnahmslosigkeit der schönen Frau, die weiß, daß viele Augen jeder ihrer Bewegungen folgen. Mit lässiger Neugier schaute sie in den besetzten Postwagen, und ihr kleines, leicht spöttisches, hochmütig liebenswertes Lächeln verflog nicht vor dem Blick des Kabbalisten. Ihr Vater hatte ihr in seiner sachten Art Andeutungen gemacht, in Wildbad werde sie wichtige und, wie er hoffe, angenehme Entscheidungen zu treffen haben. So fuhr sie jetzt in der blinkenden Kutsche, bereit, zu jedem Erlebnis lieber Ja als Nein zu sagen, jung, lässig und doch hungrig. Unter strahlend schwarzem Haar äugte klein, ziervoll, eidechsenhaft das Gesicht, von der matten Farbe alten, edlen Marmors, spitz zulaufend, langäugig, klare, leichte Stirn, feine, gegliederte Nase, klein, geschwellt, spöttisch der Mund.
Die Damen in Wildbad waren erbittert über die neue Gastin. Die Prinzessin von Kurland, die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, an die Wand gedrückt, verzogen hochmütig die Lippen und fanden die Thurn und Taxis männersüchtig und kokett. Die aber ging, den kleinen, ziervollen Kopf sehr hoch, mit lässigem, schwer deutbarem Lächeln ihre Straße, die gesäumt war von Bewunderern.
Der erste Abend, an dem die Prinzessin Marie Auguste in Gesellschaft erschien, war ein guter Abend für Josef Süß. In betontem Gegensatz zu den andern Herren machte er nicht den leisesten Versuch, den Regensburger Fürstlichkeiten vorgestellt zu werden. Während etwa der junge Lord Suffolk durch seine starre, großäugige, verblüffte Verliebtheit lächerlich wurde, hielt sich Süß an die jetzt vernachlässigten Damen, denen er bisher gehuldigt und bei denen er heute in doppelter Gnade stand. Selten nur und wenn es seine Damen nicht bemerken konnten, flogen seine großen, braunen Augen zu der Prinzessin, dann aber starrte aus seinem sehr weißen Gesicht so hemmungslos ergebene Bewunderung, daß Marie Auguste den stattlichen, eleganten Herrn mit ungenierter Neugier auf und ab sah. Im übrigen schritt sie mit ihrem leisen, erregenden Lächeln ziervoll und ein wenig spöttisch durch die Huldigungen des Abends.
Der sonst Gipfel solcher Feste war, und auf den man ihre Spannung gelenkt hatte, Karl Alexander, Prinz von Württemberg, Kaiserlicher Feldmarschall, Held von Belgrad, Peterwardein und sonst vieler Schlachten, blieb wider Erwarten dem Abend fern. Grimmig saß er in seinem Zimmer beim Sternwirt, allein, auf dem Tisch eine einzige Kerze. Er saß im Schlafrock, den verwundeten, gichtischen Fuß, der heute besonders schmerzte, mit Tüchern umwickelt, er saß vor Flaschen und Karaffen. Aus dem Dunkel tauchte zuweilen Neuffer, der Kammerdiener, das Glas aufzuschenken, und im Schatten hockte der Schwarzbraune. Der Prinz saß, soff, fluchte. Die Flüche aller Sprachen, allen Unflat des Feldlagers fluchte er gegen die Landschaft. Am Nachmittag, mit der gewöhnlichen Briefpost, hatte er ein Schreiben des parlamentarischen Ausschusses erhalten, das nackt und ohne Umschweife sein Gesuch um ein Darlehen ablehnte.
Karl Alexander schäumte. Er wußte sich populär im Herzogtum, sein Bild hing in zahllosen Stuben, das Volk schrie ihm Hoch. Und nun schickten ihm diese Kanaillen vom Parlament, diese ausgefressenen Rotzbuben und hochnäsige Populace einen solchen Dreck und Geschmier.
So saß er, soff, fluchte. Riß dann die Felle weg, mit denen Neuffer ihm den Fuß umwickelt, stapfte auf und nieder. Eine Krone! Da hatte ihm dieser alte Jud eine Krone geweissagt. Der Scharlatan! Eine nette Krone! Ein Lump und hergelaufener Bettler war er, dem die Bande einen solchen Scheißbrief hinzuschmeißen wagte. Er lärmte so grausam und lästerlich, daß der vom Fest heimkehrende Süß tief erschreckt noch in der Nacht den Kammerdiener befragte, was denn los sei. Aber Neuffer, der den Juden nicht leiden konnte, wich aus.
Andern Tages, gegen Mittag, er hatte schon zweimal vergeblich angefragt, machte Süß dem Prinzen seine Aufwartung. Er trat behutsam ins Zimmer, er trug neue Strümpfe von besonderer Art, die er dem Prinzen zeigen wollte; Seine Hoheit hatten immer für modische Dinge großes Interesse. Auch wollte er ihm von dem gestrigen Fest erzählen. Aber so grimmig hatte er ihn nie gefunden. Nackt und mächtig stand er da, während Neuffer und der Schwarzbraune ihn mit Kübeln Wassers übergossen und immer wieder abrieben. Er schmiß ihm den Brief der Landschaft hin, und während Süß geduckt und hurtigen Auges ihn überflog, polterte er triefend, prustend auf ihn ein: „Ein netter Magus, Sein Oheim! Mit dem hat Er mich sauber angeschmiert! Schaut gut aus, meine Krone!“
Süß war ehrlich erbittert über die grobe Ablehnung der Landschaft und schickte sich an, dem Prinzen in gewandten Worten seine zornige Verachtung solcher Flegelei und seine tatbereite Ergebenheit zu versichern. Aber der Prinz, gereizt gegen jedermann, wie er den Süß elegant, mit dem gemeinen Brief in der Hand stehen sah, befahl plötzlich: „Neuffer! Otman! Taufts den Juden! Er soll schwimmen lernen!“ Und der Kammerdiener und der Schwarzbraune gossen sogleich in mächtigem Schwall das Waschwasser gegen Süß, kläffend drang der Hund des Prinzen auf ihn ein, und der Jude retirierte eilends und erschreckt, die Hosen und die neuen Strümpfe patschnaß, die Schuhe verdorben, hinter ihm das schallende Lachen des Prinzen und der Diener.
Süß nahm es dem Feldmarschall nicht weiter übel. Große Herren hatten solche Launen, das war nun einmal so. Sie hatten das Recht dazu, man mußte sich darein finden. Und während er die nassen Kleider wechselte, überlegte er, er werde sich das nächste Mal ebenso höflich präsentieren, ja noch devoter als bisher, und vermutlich besser aufgenommen werden.
Am gleichen Tag traf der würzburgische Geheimrat Fichtel ein. Der unscheinbare Mann mit dem kleinen, klugen Gesicht suchte noch am Nachmittag den Prinzen auf. Ja, am Würzburger Hof wußte man bereits von der unvermuteten und ganz besonderen Insolenz der Landschaft. Der Herr Fürstbischof sei tief ergrimmt und voll Verachtung für solch erbärmliche und freche Knauserei, die diese dummdreiste Populace einem so großen und hochberühmten Feldherrn zu Schimpf getan habe. Aber sein Herr habe in seiner Weisheit ein anderes Heilmittel gefunden, das der Not des Prinzen abhelfen könne und der arroganten Rotüre zum Exempel und großem Aerger dienen werde.
Bevor er sich aber weiter explizierte, bat er um gnädige Erlaubnis, sich den Kaffeetrank bereiten zu dürfen, den er gewohnt war. Als er dann, neben dem stattlichen Prinzen doppelt unscheinbar, vor der heißen schwarzen Brühe saß, setzte er sacht und sachlich das Heiratsprojekt mit der Thurn- und Taxisschen auseinander, der schönsten Prinzessin im römischen Reich und immens begütert. Desgleichen werde sich eine insolente und rebellantische Landschaft gelb ärgern, wenn der Prinz katholisch werde. Der Herr Fürstbischof sei selbstverständlich bereit, dem Prinzen auszuhelfen, auch wenn er die Mariage ausschlüge. Aber er halte diese Lösung für die beste und gönne Seiner Hoheit von Herzen das viele Geld und die schöne Frau und der Landschaft den schönen gelben Aerger. Und der Geheimrat trank in behaglichen kleinen Schlucken seinen Kaffee.
Karl Alexander, wie er allein war, stapfte auf und nieder, den Schädel noch benommen von dem einsamen Gelage der Nacht, atmete, fuhr sich durch das starke blonde Haar. Die Füchse! Schau an die Füchse! Katholisch wollten sie ihn haben. Der Schönborn, der Friedrich Karl, der gute, lustige, freundhafte Kumpan. So ein Fuchs!
Er lachte. Ein Spaß. Kotz Donner! Ein exzellenter Spaß. Die weitaus mehreren hohen Offiziere waren katholisch, die Katholiken waren die besseren Soldaten. Er für sein Teil dachte seit Venedig sehr frei in Religionssachen, die katholische Messe hatte ihm immer gefallen, für den Soldaten war das Katholische mit seinem Weihrauch und Heiligenbildern und Skapulieren eigentlich das Passendere. Und wenn er seinen Freunden in Würzburg und Wien damit einen Gefallen tat, so besser. Sich tat er jedenfalls keinen Tort damit. Eine schöne, reiche Prinzessin. Zu Ende das ewige blödsinnige Lamento und Abschinderei um den Taler. Und der Possen, der herrliche, exzellente Possen, den er der aufsässigen Landschaft spielte. Kreuztürken! Anschauen wird er sich die Regensburgerin auf alle Fälle.
Als Süß kam, den Tag darauf, rief er ihm schallend in guter Laune entgegen: „Bist trocken, Jud? Ist die Taufe gut bekommen?“ „Ja,“ erwiderte Süß, „wenn Euer Hoheit Ihren Spaß daran gehabt haben.“ „Wenn ich jetzt dreißigtausend Gulden verlang, würdest sie mir geben?“ „Befehlen Sie!“ „Und würdest mir die Gurgel zudrücken, daß ich Blut schwitz! Ho! Ich hab jemand, der gibt mir das Geld ohne einen Heller Zins!“ „Sie wählen sich einen andern Geldmann?“ fragte erschrocken der Jude. „Nein,“ lachte behaglich der Prinz. „Fürs erste brauch ich dich mehr als je. Ich will noch wenigstens zwei Wochen bleiben; aber ich möchte heraus hier aus dem Loch von Gasthof. Miet Er mir die Villa Monbijou! Installier Er sie, daß man in Versailles nicht daran mäkeln kann, mit Möbeln und Livree. Ich ernenne Ihn zu meinem Hoffaktor und Schatullenverwalter.“ Süß küßte dem Prinzen die Hand, dankte überschwänglich.
Karl Alexander schickte den Schwarzbraunen nach dem Schlößchen Eremitage, zu fragen, wann er aufwarten dürfe. Fuhr dann, so kurz der Weg war, in seiner soliden Kutsche vor, die trotz der neuen Lackierung noch reichlich altmodisch aussah; den Neuffer und den Kutscher aber hatte Süß bereits in neue Livree gesteckt.
Auf Eremitage wurde der Feldmarschall mit größter Aufmerksamkeit empfangen. Außer dem Fürsten und Marie Auguste war noch der erste Thurn- und Taxissche Intendant anwesend und der Geheimrat Fichtel. Franz Anselm von Thurn und Taxis war ein alter, erfahrener, sehr skeptischer Herr. Wohlwollend, heiter, neugierig, von umständlichen, sehr guten Manieren liebte er Gesellschaft, medisierte gern und glaubte an nichts und niemand. Man hatte so viele gemeinsame Bekannte, am Wiener Hof, in Würzburg, in der Armee, im internationalen Adel. Der Fürst machte kleine, boshafte Anmerkungen, Karl Alexander sprach viel und lebhaft, stimmte bei, nahm in Schutz. Der Fürst hielt den feinen, langen Windhundschädel höflich hingeneigt, hörte aufmerksam zu. Karl Alexander gefiel ihm. Gewiß, er war etwas plump und erhitzte sich, was man nicht soll; auch hatte er wenig Urteil. Aber er hatte Temperament und, mon Dieu, er war Feldmarschall, war Held, man verlangte Siege von ihm, keinen Verstand.
Marie Auguste sprach zunächst wenig. Sie saß da, sehr fürstlich in dem taubengrauen Samtkleid, mit den kleinen, fleischigen, gepflegten Händen artig und preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des mächtig ausschweifenden Rockes haltend. Sehr weiß rundeten sich aus feinen Gelenken die bloßen Arme, venetianische Spitzen fielen über den Ellbogen. Mit dem matten Glanz alten edlen Marmors leuchtete unter Spitzen Brust und Nacken, hob sich der schlanke Hals. Klein, ziervoll, eidechsenhaft äugte unter strahlend schwarzem Haar das pastellfeine Antlitz. Mit unversteckter, wohlgefälliger Neugier beschaute sie aus den lebhaften, fließenden, dringlichen Augen den Prinzen, der neben dem schlanken Vater ungeheuer breit und männlich wuchtete.
Der Geheimrat Fichtel sprach von einem Bravourstück Karl Alexanders. Marie Auguste erzählte, und schaute den Prinzen an, von einer welschen Opera in Wien, die sie gesehen, Der Held Achilles, wo Achilles, nachdem er die Leiche geschleift, etliches sehr Edle gesungen habe. „Ja,“ bemerkte der Fürst, „in der Antike war man überhaupt edel.“ Karl Alexander meinte, er handle nach dem Gefühl des Augenblicks und glaube nicht, daß er viel Anlage zum Edelmut habe. Worauf die Prinzessin, die Augen fest auf dem Errötenden, lächelte, es sei ja auch gar nicht von ihm die Rede gewesen. Und alle lachten.
Es wurden eisgekühlte Getränke gereicht, für den kleinen Würzburger Geheimrat Kaffee.
Dem blonden Württemberger gefiel die schwarze Prinzessin ausnehmend. _Mille tonnerre!_ Wenn die in dem weiten Belgrader Schloß einem Ball präsidierte, da würden sie Augen machen, Türken und Ungarn und all das wilde Volk da unten. Das war eine Gouverneurin, mit der man Staat machen konnte, in Wien und überall. Und wo sie noch dazu die Dukaten mitbrachte, das wüste Belgrader Schloß zu renovieren. Ein Fuchs der Würzburger, der Schönborn, und ein Freund, Kreuztürken, wirklich ein Freund und guter Kumpan, ihm sowas zuzuschanzen. Und die war nicht nur repräsentativ. Ein Racker, da kannte er sich aus. Die Augen, der Mund! Das war was fürs Bett. Er strahlte übers ganze Gesicht und mußte an sich halten, nicht mit der Zunge zu schnalzen. Eine Prinzessin von der kleinen, geschmackvollen Agraffe in dem strahlend schwarzen Haar – Kotz Donner, die haben es dick, die Regensburger – bis zu dem Atlasschuh, der manchmal unter dem taubengrauen mächtigen Samtrock herauslugte, eine Prinzessin, und doch ein Staatsweib. Die war anders als die saure Durlacherin, die Frau seines Vetters, des Herzogs. Da brauchten sich nicht erst Kaiser und Reich bemühen, daß man der Kinder mache. Und wie gescheit sie schwatzen konnte! Wie sie züngelte, der Racker, und ihn aufzog und die Augen fließen ließ! Das wird gute Bilder geben, er und die da. Da wird Eberhard Ludwig Augen machen. Er, Karl Alexander, brauchte sich keine kostspielige Hure zuzulegen. Sein legitimes Weib wird schöner sein und ein besserer Bettschatz als die teuerste wälsche Mätresse und ihm den Beutel füllen, nicht leeren.
Und das Parlament! Diese verfluchte Bürgerkanaille! Er mußte hochatmen vor geschwellter Befriedigung. Krank, gelb und krank werden sie sich ärgern. Da lohnte es sich, katholisch zu werden.
Er schaute Marie Auguste an, der Fürst sprach gerade mit den beiden andern Herren, er schaute sie an mit dem geilen, einschätzenden, gewalttätigen, leicht verwilderten Blick des Soldaten, der eine Frau ohne große Umstände aufs Bett zu werfen pflegt, und die Prinzessin tauchte ein in diesen Blick mit ihrem kleinen, schwer deutbaren Lächeln.
Als er ging, war Karl Alexander fest entschlossen, Katholik zu werden.
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Josef Süß hatte das Schlößchen Monbijou mit großem Aufwand installiert, vor allem war er stolz auf die kleine Galerie und den anstoßenden gelben Salon. Den hatte freilich eigentlich Nicklas Pfäffle aufgetrieben, der dick und phlegmatisch Händler und Handwerker in weitem Umkreis durcheinandergewirbelt hatte.