Jud Süß

Part 8

Chapter 83,467 wordsPublic domain

So spreizte sich das neue Hotel des Feldmarschalls in großer Pracht, und der Prinz haute den Süß auf die Schulter: „Er ist ein Hexer, Süß. Und um wieviel bescheißt Er mich bei dem Handel?“ Der Braunschwarze nahm sich trefflich aus in diesem Rahmen, der Prinz glänzte Zufriedenheit, und selbst Neuffer, der einen Pick auf den Juden hatte und durch ständige kleine Intrigen den Nicklas Pfäffle aus seinem Gleichmut zu hetzen suchte, mußte zugeben, daß er es nicht besser hätte machen können.

Auch der Geheimrat Fichtel, dem Karl Alexander das neue Logis zeigte, bevor er darin die erste Fête gab, machte viel Rühmens. Im stillen aber fand er an allem einen Stich ins Ueberladene, Parvenuhafte, und er veranlaßte den Prinzen, da und dort etwas wegnehmen zu lassen. An seinen Herrn, den Fürstbischof, berichtete er, der Prinz habe sich von einem Hebräer einrichten lassen; so sei es kein Wunder, daß er etwas östlich installiert sei, und daß sein Wildbader Schlößchen mehr nach Jerusalem als nach Versailles schmecke.

Aehnliche Empfindungen hatte der alte Fürst Anselm Franz an dem Festabend, den Karl Alexander gab. Der alte Fürst, der Wert auf gutes Aussehen legte, war freilich auch gereizt, weil er einen blaßgelben Rock gewählt hatte, der sich in dem blaßgelben Hauptsaal von Monbijou nicht gut ausnahm. Karl Alexander hatte zu einer kleinen Spieloper eingeladen: Die Rache der Zerbinetta, da er wußte, Marie Auguste habe Freude an Komödie, Musik, Ballett. Süß mußte durch seine Mutter, die in Frankfurt lebte und noch viele Beziehungen zu Theaterleuten hatte, die kleine Truppe in aller Eile aus Heidelberg zusammenstapeln.

Die Gesellschaft war klein und glänzend. Der Prinz wollte erst den Süß ausschließen, aber den hungrigen und ergebenen Hundeaugen seines Faktors hatte schließlich seine Gutmütigkeit nicht standhalten können, zum großen Aerger Neuffers war der Jude erschienen. In hirschbraunem, silberbesticktem Rock, gewandt und glücklich, glitt er zwischen den Gästen herum. Als ob die ganze Fête nur für ihn gemacht wäre, giftete Neuffer.

Wie aber prangte, weinrot in Atlas und Brokat, Marie Auguste. Die Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens schlang sich stolz um ihre Brust, an den Puffärmeln trug sie in Demanten den auszeichnenden Stern, den ihr der Kaiser anläßlich eines Patronats verliehen. Sie sprach wenig. Aber die Prinzessin von Kurland wie die Tochter des Gesandten der Generalstaaten – beide hatte sie mit devotester Liebenswürdigkeit als die Aelteren begrüßt – glaubten in allen Ecken immer nur ihre lässige, kindliche Stimme zu hören. Sie schworen sich zu, in keiner Gesellschaft mehr zusammen mit der Regensburgerin zu erscheinen, überhaupt werden sie Wildbad in den nächsten Tagen schon verlassen. Unabhängig voneinander faßten sie diesen Entschluß, und Süß versicherte jede der beiden Damen mit den nämlichen Worten seiner Untröstlichkeit.

Man unterhielt sich über die neueste Nachricht, die von Stuttgart gekommen war: die Herzogin glaubte sich wieder schwanger zu fühlen. Hebammen und Aerzte bestärkten sie in diesem Glauben, das Konsistorium ordnete bereits Gebete für sie an, und Neugierige beschauten sich den Hagedorn in Einsiedel, welchen einst Eberhard im Barte gepflanzt hatte nach seiner Rückkehr aus Palästina, und der jetzt unerwartet neue Triebe bekam. Ein glückliches Zeichen!

Der Geheimrat Fichtel riß ein paar derbe, zotige Witze über den armen Eberhard Ludwig und seine sauren vom Kaiser befohlenen Bettfreuden; die Freundschaft Brandenburgs zu Württemberg sei immer eine bittere Angelegenheit gewesen, und der König von Preußen war der Brautführer dieses Beilagers. Es folgten körperliche Vergleiche zwischen der Herzogin und der abgeschafften Gräveniz. Die Herren in der Ecke um den Geheimrat pruschten heraus, das Gesicht des Fürsten war voll von lüsternen Fältchen. Die Damen erkundigten sich nach dem Grund der fröhlichen Laune. Süß übermittelte. Gekicher. Man hänselte den Juden wegen der Triebe des palästinensischen Hagedorns. Dröhnendes Gelächter. Selbst das schwer deutbare Lächeln auf dem Pastellgesicht Marie Augustens löste sich in herzhaft lauten Schall.

Karl Alexander höhnte: „Ein feiner Magus, dein Oheim! Der Erbprinz glücklich verheiratet, der alte Herzog setzt einen zweiten Erben in die Welt. Da hast du mich fein angeschmiert mit deinem Zauberonkel.“

Marie Auguste hatte niemals so in der Nähe einen lebendigen Juden gesehen. Mit gruselnder Neugier erkundigte sie sich: „Schlachtet er Kinder ab?“ „Nur ganz selten,“ tröstete der Geheimrat Fichtel, „im allgemeinen hält er sich lieber an große Herren.“ Die Prinzessin meditierte angestrengten Gesichts, ob wohl die Juden so ähnlich ausgesehen hätten, die Christum gekreuzigt haben. Der sei bestimmt nicht dabei gewesen, versicherte der Geheimrat.

Süß drängte sich mit kluger Taktik so wenig wie möglich in ihr Bereich und begnügte sich, sie mit seinen heißen, gewölbten Augen aus ehrfürchtiger Ferne zu bewundern. Nach der Oper ließ sie sich ihn vorstellen. Seine hemmungslose Ergebenheit schmeichelte ihr. „Er ist ganz wie ein Mensch,“ sagte sie verwundert zu ihrem Vater. Karl Alexander gewann bei ihr durch seinen netten, galanten Hof- und Leibjuden. Ja, noch in die Erregung seines ersten Kusses hinein, während er noch erfüllt war von der Wärme ihres kleinen und üppigen Mundes, lächelte sie, sich das Kleid zurechtstreichelnd: „Nein, was Euer Liebden für einen amüsanten Hofjuden haben!“ Damit kehrten sie aus dem kleinen Kabinett in den Hauptsaal zurück.

Der Prinz hatte übrigens, ohne daß er es recht wußte, das dunkle Gefühl, dieser wilde und kennerische Kuß sei nicht ihr erster gewesen.

* * * * *

Im Elfer-Ausschuß des Parlaments war man schlechter Laune. Die Schwangerschaft der Herzogin hatte sich als Irrtum herausgestellt, und jetzt kam noch obendrein die Meldung von des Prinzen Karl Alexander bevorstehender Vermählung mit einer Katholischen und seinem Uebertritt – Rücktritt hatten es frecher Weise die Jesuiten genannt – in die römische Kirche. Wollte man ehrlich sein, so mußte man sich sagen, daß man an diesem höchst ärgerlichen Religionswechsel des populärsten Mannes im Herzogtum nicht ganz unschuldig war.

Der Prälat Weißensee hatte auf die ersten Meldungen hin von dem Verkehr des Prinzen mit den Regensburgern die Drähte erkannt, an denen der Würzburger Hof und sein Freund Fichtel den Württemberger zogen. Er war voll lächelnder Anerkennung für diese feine Strategie; aber bei dem spielerischen, blutarmen Interesse, mit dem er seine Politik betrieb, ging ihm der Abfall des Prinzen nicht sehr zu Herzen. Er sah natürlich voraus, daß er im landschaftlichen Ausschuß als der eigentlich Schuldige, der die Darlehensverweigerung vorgeschlagen hatte, schel werde angeschaut werden. Aber er wußte, daß man sich von seiner Ueberlegenheit, wenn auch leicht unbehaglich, werde überreden lassen, und hatte sich wirksame Verteidigung zurechtgelegt. Des weiteren war er ehrlich überzeugt, daß praktisch der Uebertritt des Prinzen nicht viel zu bedeuten habe. Wenn auch die Hoffnung auf die Schwangerschaft der Herzogin zerplatzt war, es stand noch so vieles zwischen dem Prinzen und dem Thron. Er fragte sich ernstlich, ob eine so vage Aussicht die viele Mühe lohne, die die Jesuiten an die Konversion des Prinzen gewandt. Jenun, das Herzogtum und sein Parlament war auf Tatsachen gestellt, seiner Politik war kurze Frist gegeben; aber die katholische Kirche, und er seufzte neidvoll, war so etwas Altes, Stein-Ewiges, die Jesuiten hatten es gut, sie konnten säkulare Politik treiben, mit langen Fristen für späte Generationen.

Im Elfer-Ausschuß schimpfte man zunächst ein Breites, Grobes, Blödes auf den Prinzen. Endlich machte Johann Heinrich Sturm, der Präsident und Erste Sekretär, ein ernsthafter, bedachter, ruhevoller Mann, dem ziellosen, unsachlichen Geschimpfe ein Ende und fragte nach positiven Vorschlägen. Der grobe Bürgermeister von Brackenheim erklärte geradezu, eigentlich sei Weißensee an allem schuld, und es sei seine verdammte Pflichtigkeit, das Verrenkte wieder gerad zu machen.

Weißensee, lächelnd und beiläufig, fand, es sei nicht viel verrenkt. Nachdem der Prinz so auf eins, zwei habe konvertieren können, sei wohl für den rechten Glauben wenig an ihm verloren. Der Uebertritt habe für die Katholischen nur Propagandawert, den Feldmarschall könne man beglückwünschen, daß er jetzt aus der Geldklemme sei und die Landschaft nicht weiter behelligen müsse. An andere praktische Folgen denke in der wohllöblichen Versammlung doch selber niemand.

Aber der grobe Brackenheimer beharrte: wenn auch das Herzogspaar, Gott sei Dank, noch rüstig sei und der Aussicht auf Nachfahrenschaft nicht beraubt, wenn auch der Erbprinz da sei und gesund, nachdem Rom Politik auf so weite Sicht mache, müsse man rechtzeitig Gegenminen legen.

Warum nicht? meinte leichthin Weißensee. Man könne sich ja, durchaus unverbindlich und heimlich, ins Benehmen setzen mit des Prinzen Bruder Friedrich Heinrich. Für alle Fälle nur, akademisch mehr. Von diesem frommen und sanften Herrn drohe weder evangelischer noch ständischer Freiheit die geringste Gefahr.

Beklommenheit, Schweigen, Bedenken auf den Elf. Roch das nicht ein bißchen nach Hochverrat? Akademisch nur, gewiß, für alle Fälle nur, unverbindlich nur. Immerhin.

Der Vorsitzer und Erste Sekretär, Sturm, der gerade, ehrliche Mann, eng verhaftet seinem Vaterland, haßte so jesuitische Mittel. Er wußte schmerzhaft, es war ohne sie nicht auszukommen. Aber nur in der äußersten Not. Nur dann, nur dann.

Der Landschaftskonsulent, Hofgerichtsassessor Veit Ludwig Neuffer, wollte von solchen Plänen nichts wissen. Der noch junge Mann, knochiges, finsteres Gesicht, schwarzes, filziges Haar tief in die Stirn gewachsen, war ursprünglich ein wilder Fürstenhasser gewesen und entbrannter Verehrer aller Volksfreiheit. Seinem Vetter, der dem Prinzen Karl Alexander den Kammerdiener machte, hatte er mit Schimpf und Hohn die Freundschaft aufgesagt, trotzdem sie zusammen aufgewachsen waren in Haus und Spiel und Schule. Jetzt aber, er hatte zuviel gesehen, war er knurrig resigniert, das Böse war notwendig, er sehnte sich fast danach, mit dem grimmigen, zerstörerischen Wunsch nach Bestätigung, nach immer mehr Befestigung seines bitteren Wissens. Ja, anläßlich des Wildbader Aufenthalts hatte er seinen Vetter, den Kammerdiener, wieder gesehen, wenn er ehrlich sein wollte, hatte er ihn geradezu aufgesucht, und er hatte sich auf eine merkwürdige, höhnische, bissige Art mit ihm ausgesöhnt. Hatte der doch recht. Das war nun offenbar Naturgesetz, das mußte so sein: einige wenige standen droben, und die andern waren alle Hundsfötter, Stiefellecker. Ein Katholik auf dem württembergischen Thron? Gut so, das war eben Fürstenrecht, göttliche Schickung, und das Volk, Kotz Donner, hatte sich zu fügen.

Der geschmeidige Weißensee, immer sacht und beiläufig, explizierte weiter. Belgrad sei weit, es handle sich ja nur um Theoretisches, um Sicherungen für Eventualia, Problematisches. Selbstverständlich dürfe Geschriebenes nicht aus der Hand gegeben werden. Und das Corpus Evangelicorum habe man auf seiner Seite.

Die Schädel stierten, schwer, unbehaglich. Auch schon die entfernteste Möglichkeit eines katholischen Herzogs schien unfaßbar, unerträglich, machte krank. Ein katholischer Fürst war nicht anders denkbar denn als Despot, als Tyrann. Und dieser gar mit seinen Beziehungen zum Wiener Hof, dem Erzfeind aller Religionsfreiheit, jeder parlamentarischen Selbständigkeit. Die schönen Freiheiten! Sie Elf, die da saßen, rieten, tagten, sie waren diese Freiheit. Sie waren bedroht, sie selber, sie persönlich durch den katholischen Prinzen.

Man beschloß, Weißensee solle mit dem Bruder des Feldmarschalls verhandeln, mit dem sanften, protestantischen, ungefährlichen Prinzen Friedrich Heinrich. Aber ganz privatim und ganz unverbindlich und in aller, aller Heimlichkeit.

* * * * *

In Regensburg, im Dom, bei der Trauung Karl Alexanders, Geläut, Weihrauch, eine glänzende Versammlung. Der Kaiser hatte einen Abgesandten geschickt, der päpstliche Nuntius Passionei war da mit einem Handschreiben des Heiligen Vaters, der Fürstbischof von Würzburg, die besten Repräsentanten der kaiserlichen Armee, unter ihnen Karl Alexanders vertrautester Freund, der General Franz Josef Remchingen, der Jesuitenzögling, rotes, wulstiges, gewalttätiges Gesicht, weinselig leuchtend unter der weißen Perücke.

Kein schöneres Brautpaar im römischen Reich. Der Prinz ragend wie eine Zeder, prunkend mit dem Stab des Feldmarschalls, dem Orden des goldenen Vließes. Marie Auguste, den kleinen, ziervollen Kopf leuchtend im Glanz alten edlen Marmors über weißem Atlas und Brokat, um die Brust die Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens, an den Puffärmeln in blassem Gold den Stern des Kaisers, im Ausschnitt das Kreuz des päpstlichen Ordens. Weich federnden Schrittes, unter der Brautkrone, einem Wunderwerk der Juwelierkunst, zu dem Süß die einzelnen Teile überall aus Europa zusammengestöbert, trug sie ihr junges, schwer deutbares Lächeln in den Dom.

Höchst unbefangen war sie und eher geneigt, in all der Feierlichkeit und Gravität überall einen Rest von Komik zu erspähen. Mit der lässigen Neugier ihrer fließenden Augen musterte sie die Gäste, und während der Bischof sie feierte, daß sie den großen Türkensieger, den Löwen in der Schlacht, dem christkatholischen Glauben rückgewonnen habe, dachte sie, daß sicher der Geheimrat Fichtel sich während des ganzen Banketts nur auf seinen Kaffee freuen werde. Und wie komisch es sei, daß jetzt der Jude feierlich im Dom stehe. Er sei übrigens ganz nett und amüsant und gar nicht werwolfartig, wie sie sich ursprünglich die Juden vorgestellt. Eigentlich seien seine Manschetten sogar mehr _à la mode_ wie die ihres Mannes. Komisch, jetzt hatte sie also einen Mann. Und sicher wird jetzt der Jud mit seinen großen, fliegenden Augen aus dem weißen Gesicht ihren Nacken unter dem Brautschleier anstarren.

Und es flackerten feierliche Kerzen, es brauste die Orgel, es wölkte der Weihrauch, es leuchteten selige Knabenstimmen zum Himmel.

Andern Tages noch, während Trompeten aus Silber zum Bankett riefen, bestiegen die Neuvermählten die Yacht, die sie die Donau hinunterführen sollte, ein Geschenk des Fürsten. Sie reisten mit großem Hofstaat, Jägern, Dienern, Heiducken, Zofen. Am Kiel hockte, die Beine gekreuzt, Otman, der Schwarzbraune, starrte aus uralten, grundlosen Tieraugen die Donau hinunter.

Am Ufer standen der Fürst, der Würzburger Bischof, der Geheimrat Fichtel, weiter rückwärts zwischen ihnen und der Dienerschaft Josef Süß. Leichter Wind wehte, die Luft war hell und anregend, man war fröhlich gelaunt. Scherzworte flogen zum Ufer und zurück, während die Anker heraufgeholt wurden. Marie Auguste stand in einem hellen, heitern Reisekleid, beschattete die Augen, schaute auf den weichenden Hafen. Der Fürst und der Geheimrat hatten sich schon zurückgewandt, das Letzte, was sie sah, war das schlaue, zufriedene Antlitz des Jesuiten und, elegant und in einer Haltung hemmungsloser Ergebenheit, der Jude.

„Ich hätte nie geglaubt,“ lächelte sie zu Karl Alexander, „daß jemand so elegant sein könnte und dabei so demütig wie dein guter Jud.“ „Der gute Jud!“ lachte dröhnend der Prinz. „Städte und Dörfer könnte man sich kaufen um das, was der uns beschissen hat.“ Und auf ihr erstauntes Gesicht erklärte er sachlich: „Das ist sein gutes Recht. Dafür ist er ein Jud. Aber er ist sehr verwendbar,“ fügte er voll Anerkennung hinzu; „er schafft alles, Juwelen, Möbel, Dörfer, Menschen. Sogar Alchimie und schwarze Kunst.“ Lachend erzählte er ihr die Geschichte von Rabbi Gabriel. „Da hat er mich schön beschissen, dein guter Jud. Eine Krone! Da sind noch zwei dazwischen. Der Erbprinz ist pudelgesund. Auf der Jagd war er, wie er mir seinen Gratulationsbrief schrieb. Und der Herzog, ob seine Herzogin noch so sauer ist, wenn’s der Teufel will, kann sie doch Kinder kriegen wie Kaninchen.“ Und er lachte schallend und tätschelte ihre Hand, während das Schiff in leichtem Wind zwischen heiteren Ufern die blaugrünen Wellen hinunterglitt.

Vorne hockte reglos der Schwarzbraune und starrte über den Kiel nach Osten. In den Augen der Prinzessin waren die letzten Bilder der Heimat, das schlau fröhliche des Jesuiten und das servil elegante des Juden.

* * * * *

Noch bevor sie an der serbischen Grenze waren, erreichte sie eine Staffette des Süß. „Er hat es wichtig, dein Jud,“ lächelte Marie Auguste. „Was hat er denn so eilig zu verkaufen?“

Karl Alexander riß die Depesche auf, las. Der Erbprinz war gestorben, unvermutet, während der Stuttgarter Hof einen Ball hielt.

Er reichte das Papier der Prinzessin. Das Blut schoß ihm zu Kopf, er hörte eine knarrende, mißlaunige Stimme, sah durch sein tanzendes Blut über trübgrauen, steintraurigen Augen drei kurze, tiefe Furchen, drohend, unheimlich wie ein fremder, verschlossener Buchstab.

Zweites Buch Das Volk

Zweiundsiebzig Städte zählte das Herzogtum Württemberg und vierhundert Dörfer. Getreide wuchs, Obst, Wein. Ein schöner, edler Garten im römischen Reich hieß das Herzogtum. Bürger und Bauern waren heiter, gesellig, willig, geweckt. Geduldig nahmen sie das Regiment ihrer Fürsten hin. Hatten sie einen guten Fürsten, so frohlockten sie; war er schlecht, so war dies Fügung des Himmels, Züchtigung des Herrgotts. An zehn Goldgulden zinste jeder Württemberger, Mann, Weib, Kind, den herzoglichen Renteien.

War der Herzog gut, war der Herzog schlecht, Sonne kam und Regen kam, Weizen wuchs, Wein wuchs, gesegnet lag das Land.

Aber Fäden spannen sich von allen Seiten, Hände langten, Augen gierten, von allen Seiten wob sich Gespinst über das Land.

In Paris saß der fünfzehnte Ludwig und seine Minister. Ein Stück Württemberg, die Grafschaft Mömpelgard, war von seinem Gebiet eingezirkelt, er wartete nur darauf, sie zu verschlucken. In Berlin saß die Gräfin, zettelte mit der Reichsritterschaft, suchte hier und dort noch Letztes zu erquetschen, in Frankfurt und Heidelberg lauerten Isaak Landauer und Josef Süß, dem Herzogtum ihre Schrauben anzusetzen, der Staatssekretär des Papstes wob Fäden von Rom nach Würzburg zum Fürstbischof, das Land der Mitra zu unterwerfen, in Wien die kaiserlichen Räte ertiftelten von dem Erbprinzen, dem Katholiken, Feldmarschall des Kaisers, neue Verträge, Bindungen von Stuttgart nach Wien, in Regensburg der alte Fürst Thurn und Taxis blinzelte herüber, und in Belgrad der Feldmarschall Karl Alexander und Remchingen, sein Freund und General, wogen große Pläne.

Sie alle saßen, warteten im Kreis, beschielten sich mißtrauisch, warfen ihre großen, stummen Schatten über das Land.

Und Sonne kam, Regen kam. Weizen wuchs, Obst, Wein. Das Land lag gesegnet.

* * * * *

In den ersten Novembertagen starb so jäh, wie er zumeist beschlossen und gewirkt und gelebt hatte, Eberhard Ludwig, von Gottes Gnaden Herzog zu Württemberg und Teck, der römischen kaiserlichen Majestät, des heiligen römischen Reiches und des löblichen schwäbischen Kreises Generalfeldmarschall, auch Oberster über drei Regimenter zu Roß und zu Fuß.

Auf mächtigem Katafalk lag er nun, das Gesicht bläulichgelb vom Stickfluß, in großer Uniform mit vielen Orden, daraus der dänische Elefantenorden und der preußische Schwarze Adler hervorprunkten, viele Lichter um ihn, zu Häupten und zu Füßen auf Totenwacht zwei Leutnants. Kümmerlich hockte in dem großen, schweigenden Raum verstaubt und sauer Johanna Elisabetha, die Herzogin. Ihr Triumph hatte so kurz gedauert; und daß der Mann, der mit so zähem Warten, so blutigem Schweiß erkämpfte, jetzt nach den wenigen Monaten blau und tot und erstickt dalag, das hatte die andere ihm angewünscht, die Mecklenburgerin, die Hexerin, die Person. Aber sie saß da, sie allein, nicht die andere. Wer künftig in Württemberg herrschte, war ihr gleich. Der Katholik wahrscheinlich, mit seiner hochmütigen, leichtfertig aufgeputzten Frau. Aber sie war so ausgehöhlt, das interessierte sie nicht. Sie hatte nur mehr ein Geschäft auf der Welt: den zähen Brei ihrer Rache gar zu kochen. Noch saßen die Verwandten der Person an den Futternäpfen des Herzogtums, noch glänzte die Person in Reichtum und großem Glanz, noch zog sie durch hundert kleine Kanäle, durch die Verwalter ihrer Liegenschaften, durch ihre verfluchten Juden den Saft des Landes an sich. Jetzt, nun Eberhard Ludwig tot war, hatte sie keinen Schutz mehr, galt keine Rücksicht mehr. Sie, die Herzogin, wird sie von neuem peinlich anklagen, bei dem neuen Herzog, bei Kaiser und Reich. Die Person hatte ihr nach dem Leben getrachtet, sie hatte dem Erbprinzen, sie hatte dem Herzog den Tod angehext. Sie wird, die Herzogin, sich jetzt nicht im ersten Sturm ausgeben. Aber sie wird nicht ablassen von ihr; sie wird nicht schreien, aber ihre grämliche Stimme wird nicht schweigen, bis die andere bloß steht und in Lumpen und all ihrer Schmach. So saß sie an dem stolzen Katafalk, grau und kümmerlich, und drehte den armen Rest ihres Lebens in der Hand, und die schweren Blüten aus den Treibhäusern dufteten, und die großen Kerzen schwelten, und die Leutnants standen mit bloßem Degen und hielten Totenwacht.

Die Bürger, wie die Herolde den Tod des Herzogs verkündeten, nahmen die Hüte ab, waren ergriffen. Jetzt, wo der Herzog tot war, sahen sie nur mehr seine Stattlichkeit, Leutseligkeit, soldatische Tugend, Pracht, Eleganz, und sie waren geneigt, alles Elend seiner Regierung allein und ausschließlich der Gräfin und ihrer Hexerei zuzuschreiben. Nicht nur das Geld, das sie dem Land erpreßt hatte, wog man ihrer Schuld zu, man fluchte auch alle Verdammnis und Pestilenz auf sie herab, weil durch sie das alte festbegründete Ansehen des Fürstenhauses in Deutschland erschüttert und manche vorteilhafte Gelegenheit, neue Rechte und Vorzüge zu erlangen, verloren worden sei; denn man habe, um den kaiserlichen Hof nicht zu erzürnen, überall gar vorsichtig und behutsam agieren müssen, auch habe gewöhnlich gerade zur rechten Zeit das Geld mankiert. Und immer tiefer in den Kot sank das Bild der Gräfin, und immer leuchtender stieg der Herzog, und die Weiber wischten sich die Augen: Und so prächtig war er, und so freundselig sprach er mit jedem, so ein guter Herr, so ein schöner Herr!

Und es liefen, fuhren, ritten die Kuriere. Einer nach Frankfurt, da wackelte Isaak Landauer mit dem Kopf, rieb sich die fröstelnden Hände und sagte: „Ei, da wird der Reb Josef Süß es wichtig haben und große Geschäfte.“ Einer nach Berlin, da setzte der Gräfin das Herz aus und sie fiel ohnmächtig auf den Estrich. Einer nach Würzburg, da lächelte der dicke, lustige Fürstbischof und rief seinen Geheimrat Fichtel zu sich, und einer nach Belgrad, da atmete der Prinz Karl Alexander, jetzt Herzog, Herzog jetzt! hoch auf und er sah sich den Krieg hineintragen tief nach Frankreich, und er sah seine Hände drehen an den Speichen der Welt. Ueber dem allem aber und gleichzeitig sah er trübgraue Augen, hörte er eine mürrisch knarrende Stimme: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag ich Euch nicht.“ Und er betrachtete nachdenklich seine Hand, eine merkwürdige Hand, ihr Inneres war fleischig, fett, kurz, während ihr Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien.