Part 10
Karl Alexander, vor diesen Befreundeten und Vertrauten, kehrt sein Herz nach außen. Ah, er war nicht gewillt, als kleiner Dutzendfürst in seinem Land zu versauern. Sein Ehrgeiz ging nach mehr als darüber zu wachen, daß seine Untertanen brav ihren Wein bauten, ihre Leinwand woben, ihren Kleinen den Rotz schneuzten und die Hemdzipfel reinhielten. Regieren lassen wird er seine Räte, er wird herrschen. Er war nicht umsonst solange im Feldlager gewesen. Er war Soldat, ein Soldatenherzog. Hat er solange für ein anderes, wenngleich befreundetes Haus gefochten und gesiegt, wieviel besser wird er können für sich selber fechten und siegen. Ludwig der Vierzehnte hat erobert, das kleine Venedig hat ein gut Teil Griechenland gefressen, von Schweden aus hat der zwölfte Karl seine Fahnen durch halb Europa getragen, in Potsdam rüstet man auf Eroberungen. Er spürt es, er ist der Mann dazu, aus seinem kleinen Staat einen größeren zu machen, vielleicht, will’s Gott, einen großen. So, wie es jetzt ist, jedenfalls läßt er sein Land nicht. Da stößt man sich ja blau und kaput an all den Ecken nach innen und außen und kann keinen Arm und kein Bein ausstrecken. Soviel Strateg ist er und versteht er von der Kriegskunst, daß sein kleines Land der Lage nach der Kern ist zu einem größeren. Und auch die Zeit, der Krieg mit Frankreich, ist günstig. Wenn man nur richtig vorstößt nach den württembergischen Besitzungen jenseits des Rheins, nach der Grafschaft Mömpelgard, die so mitteninne liegt im Französischen, und von da aus weiter: für einen Militär ist das eine exzellente Basis. Dann das viele Kleinzeug mitten im Herzogtum und an den Grenzen, die Reichsstädte Reutlingen, Ulm, Heilbronn, Gmund, Weil die Stadt, er begreift nicht, wie seine Vorgänger das haben so üppig wuchern und florieren lassen. Er wird sorgen, daß das dem Herzog nicht wie Steine im Magen soll liegen, sondern wie gedeihlicher Fraß.
„Euer Liebden sind sehr kühn,“ lächelte der alte Thurn und Taxis und schnupperte mit dem feinen Windhundgesicht an seinem Tokaier. Wohlgefällig hörte er auf die temperamentvollen Projekte des Schwiegersohns. Er hielt das alles für bare Utopie, er glaubte nicht, daß sich davon auch nur ein Jota werde durchsetzen lassen; aber mein Gott! der Herzog war Soldat, man verlangte keine politische Einsicht von ihm. Es war nett, anregend, amüsant, daß er so soldatisch ins Zeug ging. Zwei Monate in seiner Residenz, und das Feuer legt sich.
Die beiden Kirchenfürsten lauschten aufmerksam den starken Worten Karl Alexanders. Sie hatten seine Katholisierung mit großem Eifer betrieben, einmal weil man jeder irrenden Seele zum Licht verhelfen soll, dann weil es ein starkes Propagandamittel war, den Württemberger herüberzuziehen, vor allem aber aus Spielerei. Große politische Pläne hatten sie wirklich nicht damit verfolgt. Nun Gott es aber so glücklich gefügt hatte und dem Neugewonnenen ein so mächtiges Relief gegeben, konnte man schmunzelnd die vielerlei Komplimente über die eigene weise Voraussicht einstecken. Vor allem aber galt es, die unerwartete Chance nach Kräften auszunützen. Solch Feuer, wie es der Herzog da abbrannte, war immer gut. Daran war manches Süpplein zu wärmen.
Sachte begann der dicke Würzburger Fürstbischof. Der Bruder Herzog trage sich mit großen Plänen, zu denen ihm jeder christ-katholische Fürst Gutes wünschen müsse. Aber er vergesse, daß Gott ihn ausersehen habe, in einem rebellischen und ganz verstockten Babylon zu herrschen. Diese verfluchten Evangelischen hätten die gottgewollten Rechte der deutschen Fürsten beknabbert wie die Ratten, daß sie nun gottsjämmerlich ramponiert in Fetzen hingen.
Der Herzog: Der Württemberger sei nicht schlecht, sei ein loyaler Untertan und dem Fürsten treu. Es sei nur diese verfluchte Bande vom Parlament, diese obstinate Kompanie von filzigen Eseln, die ihm seinerzeit die Apanage geweigert, diese sperrigen, hochverräterischen Hammel, die mit seinem Bruder gezettelt. Aber er sei auf dem _Qui vive_ gewesen und habe sich nicht um seinen Thron bescheißen lassen, und jetzt, an der Macht, werde er es ihnen heimzahlen und sie kuranzen, daß sie sollen Blut schwitzen. Und so wolle er kein Fürst sein und Soldat, so er ihnen nicht den Fuß werde auf den frechen Nacken setzen.
Es lächelte der Abt: so einfach sei das nicht. Fürs erste habe der Bruder Herzog Vorausversicherungen gegeben für die Religion und allerhand Reversalien. Das sei Papier, Papier, Papier, schrie schwer vom Wein und wild der Herzog. Und gelassen der Jesuit: Gewiß; aber vorläufig bindend. Auch die Bibel sei zuletzt nur Papier, und doch stehe auf ihr Rom und die Welt.
Geschmeidig mischte der Würzburger sich ein: Karl Alexanders Kraft und Weisheit, die Hilfe und List seiner Freunde, seine Soldaten und die Güte seiner Sache würden das Papier schließlich zerreiben. Die Katholisierung des Herzogtums, Basis und Eckpfeiler all dieser Pläne, sei schwer, aber nicht unmöglich. Man denke an die vorbildlich kluge und geglückte Katholisierung von Pfalz-Neuburg. Nur katholische Offiziere und Soldaten zunächst. Da kann keine Landschaft einreden. Dann alle Hofchargen mählich nur mit Katholiken besetzt, und schließlich alle Beamtenstellen im Land. Die Protestanten werden entlassen ohne Rücksicht, alle. Ei, wie sprangen damals in der Pfalz die Seelen in den guten Glauben! Wie viele wurden auf so einfache Manier der ewigen Verdammnis entrissen. Zuerst die Beamten, die Familie hatten, die am meisten um ihre Existenz fürchteten. Ei, wie rasch sie von der alleinseligmachenden Lehre überzeugt waren, ei, wie sie die protestantische Ketzerei abschworen, ei, wie sie liefen, hasteten, die guten, wackeren Seelen, atemlos, in den Schoß der Kirche.
Man lachte, trank. Mancherlei Wege öffneten sich. Der Fürstbischof versprach, er werde durch seinen grundgescheuten Geheimrat Fichtel Richtlinien ausarbeiten lassen, speziell auf Württemberg zugeschnitten. Man trennte sich angeregt, voll Hoffnung.
Andern Tages erschienen bei dem Herzog drei kaiserliche Räte, mit ihm über den französischen Krieg zu beraten, in den der Kaiser unbesonnen hineingeglitten war. Karl Alexander, bis jetzt vor den kaiserlichen Räten immer nur Bittender, Lästiger, besoldeter General, blähte sich nun, umworben. Lässig, mit großer Geste, schmiß er den Ministern die zwölftausend Mann Subsidien hin, um die man ängstlich ihn bat. Mit vieler Verklausulierung und in dunklen Andeutungen versprach ihm dafür der kaiserliche Geheimvertrag Schutz und Mehrung seiner Souveränität gegen eventuelle Uebergriffe seiner Landschaft.
Als der Herzog Wien verließ, küßte ihn die römische Majestät vor Hof und Volk auf beide Wangen.
* * * * *
Josef Süß, wie er den Tod Eberhard Ludwigs erfuhr, stand eine kurze Weile ohne Atem, den sehr roten Mund halb offen, die linke Hand gehoben wie in leichter Abwehr, alles Blut zum Herzen. Am Ziel. Er war am Ziel. Ganz plötzlich stand er oben. Er hatte es so heiß gewünscht, er hatte hochfahrend getan vor sich und den anderen, als stünde er längst oben, aber innerlich war er immer zernagt und zerschüttelt von Zweifeln gewesen. Und nun mit einem Mal war es da, es war wie ein Treffer, ein einmaliger, unter hunderttausend Losen, er hatte die rechte Eingebung gehabt, und er stand stolz und geniehaft vor dem klugen Isaak Landauer, der gelächelt hatte und mit dem Kopf gewackelt über seinen Glauben an den kleinen Prinzen und sich die fröstelnden Hände gerieben.
Ah, nun wird er stolz und mächtig herschreiten. Hundert glänzende Säle taten sich auf vor ihm. Mit einem Ruck schnellte er hoch. Er wird jetzt, Gleicher unter Gleichen, mit den Großen der Welt an prunkenden Tafeln sitzen; die eben noch verächtlich den Fuß gegen ihn hoben, werden vor ihm den Rücken rund machen. Die ihn antichambrieren ließen, werden vor seiner Tür warten, bis er sie vorläßt. Und Frauen, weiße, glänzende, vornehme, die sich seine Liebe gnädig gefallen ließen, werden ihm jetzt bettelnd die stolzen Leiber zutragen. Mit Wucher wird er die Fußtritte zurückzahlen, die er hat hinnehmen müssen. Er wird sehr hoch thronen und wird sich weiden an seiner Dignité, er wird den großen Herren weisen, daß ein Jud den Kopf noch zehnmal höher tragen kann als sie.
Er verkaufte seine Häuser in Heidelberg und Mannheim, erließ in hochfahrendem Ton eine Bekanntmachung, wer im Pfälzischen Forderungen an ihn habe, möge sie präsentieren. Mittlerweile kaufte er unter der Hand durch Mittelsleute in Stuttgart in der Seegasse das Palais einer heruntergekommenen Adelsfamilie, ließ es aufs prächtigste renovieren, ergänzte seine Dienerschaft, seine Garderobe, seinen Marstall. Traf umständliche Vorbereitungen, dem Herzog fürstlich und feierlich entgegenzufahren.
Unter solchen Anstalten fand ihn Isaak Landauer. Unansehnlich, schmuddelig saß der große Finanzmann in ungefälliger, eckiger Haltung in einem großen Sessel, wärmte sich die mageren, blutlosen Hände, durch seine Schläfenlocken, seinen Kaftan, seine verwahrloste Judentracht den Süß tief reizend. Er hatte, mußte Süß enttäuscht und geärgert konstatieren, offenbar weder Bewunderung noch Neid für ihn. „Ihr habt Glück gehabt, Reb Josef Süß,“ sagte er, kopfwackelnd, gutmütig, leicht spöttisch. „Es hätte auch können schief gehen, dann hättet Ihr Euer ganzes Geld an den Schlucker verloren.“ „Jetzt ist er jedenfalls kein Schlucker,“ sagte Süß ägriert. „Das meine ich eben,“ gab der andere bereitwillig zu. Und, vertraulich, autoritativ: „Was macht Ihr für Gewese und Gepränge und große Geschichten? Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann, es ist unpraktisch, es ist bloß zu Schaden. Was macht Ihr Euch dick und stellt Euch in die Sonne? Es ist nicht gut, wenn sich ein Jud hinstellt, wo ihn alle sehen. Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann, ein Jud stellt sich besser in den Schatten.“ Und mit einem kleinen, gurgelnden Lachen: „Eine Schuldverschreibung in der Truhe ist besser als eine Goldbordüre am Rock.“ Und gutmütig, mit sachtem Spott, prüfte er die Stickerei an den Aermeln des Süß, während der andere, angewidert fast, sich ihm zu entziehen suchte.
So sind diese Jungen, dachte Isaak Landauer, als er den Süß verlassen hatte. Sie sinken, sinken bis zu den Gojim. Sie brauchen Lärm, Glanz, gestickte Röcke. Sie müssen sich bestätigt fühlen von den anderen. Von dem feinen, heimlichen Triumph in Kaftan und Schläfenlöckchen ahnen sie nichts, diese Flächlinge.
Süß höhnte vor sich: Wie feig er ist. Immer sich verstecken. Wozu denn Macht, wenn man sie nicht sehen läßt? Diese dummen, ängstlichen, altmodischen Vorurteile. Nur ja die Christen nicht aufmerksam machen. Nur ja sich in den Schatten ducken. Gerade ins Licht stellen werde ich mich und allen mitten ins Aug schaun.
Mit großer Pracht fuhr er nach Frankfurt. Besuchte seine Mutter, sich ihr in seinem Glanz zu zeigen. Die schöne alte Dame – von ihr hatte er das sehr weiße Gesicht und die wölbigen, fliegenden Augen – lebte in behaglichem Wohlstand ein leeres Leben. Ach, wie waren früher ihre Tage erfüllt gewesen. Mit gehetzten Pferden hatte die Schauspielerin Michaele Deutschland durchjagt, und alle Straßen waren voll von Männern, Abenteuern, Begierden, Triumphen, Kümmernissen, Wirbel gewesen. Jetzt ließ sich ihr Dasein nur mehr äußerlich mit den Farben von Erlebnissen antünchen, sie mußte jedes Nichts aufblasen, um den Schein von Wichtigkeit und Geschäftigkeit zu wahren, sie füllte die Stunden mit Körperpflege, unterhielt eine vielfältige, lärmende Korrespondenz, kroch in das Leben ihrer zahllosen Bekannten hinein. Süß blähte und spiegelte sich vor ihr, sie weidete sich an seinem Glanz, sog, die Augen groß und töricht, seine lärmenden, gedunsenen Prahlereien ein. Er, vor der willigen, bewundernden Hörerin, steigerte sich immer höher.
In den farbigen Schaum ihrer Reden hinein erschien Rabbi Gabriel. Eben noch hatte mit lüsternem Triumph Süß von den Frauen geredet, die sich in seinen Zimmern drängten, und Michaele hatte gierig zugehört. Jetzt zerdrückte das breite, steinerne, mürrische Antlitz des Alten alle diese leichten, bunten Gesichte wie ein gewaltiger Block. Ja, er wußte, daß der neue Herzog schon von Wien aufgebrochen war, bald eintreffen werde. Süß war natürlich auf dem Weg zu ihm. Er sprach mit so kaltem, müdem Spott, daß alles Errungene kahl und zweifelswürdig erschien. Dann fragte er beiläufig, wann endlich Süß nach Hirsau kommen werde, das Kind habe seinen Anblick not. Da Süß sich wand, ausbog, bestand er nicht weiter, nur die drei Falten vertieften sich in der Stirn. Er sah von der Mutter zum Sohn, vom Sohn zur Mutter. Ging bald.
Michaele war fahrig, flatternd, ängstlich wirr wie ein hirnloser Vogel gewesen, solang er da war. Süß hatte die Mutter noch nie in seiner Gegenwart gesehen. Auch er holte nur mühsam seinen in alle Ecken geschlagenen Stolz und großen Glanz wieder zusammen. Langsam und nicht ganz sicher stelzte er sich den alten Prunk wieder an und machte sich vorsichtig lustig über den Alten. Allein die Mutter stimmte nicht ein, und sein Abschied war nicht ganz so strahlend und befriedigt wie sein Auftritt.
In rascher Fahrt nach Regensburg. Lärmend, in heiterster Laune empfing ihn der Herzog. Sehr rot unter der weißen Perücke fiel ihn Remchingen mit groben Witzen an; er mochte die Juden nicht leiden, der da mit seiner überhöflichen, geschmeidigen Art war ihm doppelt zuwider. Auch, der alte Thurn und Taxis verhielt sich reserviert; er hatte es dem Juden nicht vergessen, daß er damals in Monbijou mit seinem blaßgelben Salon seinen blaßgelben Frack geschlagen hatte.
Sehr wohlgefällig aber und amüsiert lächelte ihm die Herzogin entgegen. Ziervoll hob sich die schmale Taille mit dem spöttischen Kopf aus dem mächtig ausschweifenden, dunkelblauen Samtrock, in dem das winzige Hündchen fast verschwand. Gnädig reichte sie dem Juden zum Kuß die kleine, fleischige, gepflegte Hand, während sie mit der andern artig und preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des Rockes hielt. Ei, was mochte er für dunkle und ruchlose Gedanken mit in ihre Hand hineingeküßt haben. Er hatte noch immer diese Augen von hemmungsloser, beredter Ergebenheit. Und wie modisch bis ins letzte Härlein er sich trug. Es war amüsant, so einen Juden um sich herum zu haben, der aussah wie der galanteste Herr von Versailles und sein arges jüdisches Herz, das doch sicherlich voll war von jeder Bosheit und giftigem Gewürm, hinter so einem feinen, hirschbraunen Rock verbarg.
Hernach dann, als sie nur zu zweien waren, fragte ihn der Herzog nach der Stimmung im Land. Er fragte etwas von oben her und beiläufig; aber Süß durchschaute sofort und innerlich erheitert über so primitive Methoden seine Unsicherheit und wie sehr ihm an seinem Urteil lag. Sogleich stellte er sich auf Geschäft ein, auf Sachlichkeit, Konzentration, sorglichste Witterung. Saß, der kluge Finanzmann, mit gespannten Nerven, in Tätigkeit jede Sicherung. Drehte alle Räder seines Kalküls an, zerteilte rasch und präzis für alles zu Sagende Gründe und Gegengründe, rieb sie blitzblank, zählte, wog, rechnete. Holte den Herzog mehr aus als dieser ihn.
Drei Dinge, sah er, wollte dieser Herzog hören: daß das Volk, unzufrieden, von ihm Erlösung aus aller Not erwarte, daß er der größte deutsche Feldherr sei, dem das Land die Mittel zu einer stattlichen Kriegsmacht als etwas Selbstverständliches schulde, daß das Parlament sich zusammensetze aus einer Bande filziger, eigensüchtiger, querköpfiger, rebellantischer Lumpen. Klug richtete Süß seine Antworten so ein, daß sie alle hinausliefen auf Bestätigung solcher Grundsätze.
Unvermittelt schlug ihn der Herzog auf die Schulter: „Mit Seinem Magus hat Er mich nun doch nicht angeschmiert, Er Sapperlotter von einem Juden.“ Süß zuckte zusammen, antwortete gegen seine Gewohnheit schleppend, unfrei, gezwungen, er habe sich die kabbalistischen Berechnungen auch was kosten lassen; kein Wunder, daß sie solid seien und stimmten. Der Herzog, lauernd und auch seine Laune nicht sehr echt: der Rabbi habe doch aber ein schlimmes Ende prophezeit. Wenn die Berechnungen so solid seien, warum Süß dann sein Geld und seine Dienste an ihn kette. Und Süß, nach einer Weile: was der Rabbi für gut und schlecht halte, das liege auf einem andern Gebiet, und nicht spintisierende Menschen wie Seine Durchlaucht und er brauchten sich um dergleichen subtile, metaphysische Dinge nicht hinter den Ohren zu krauen.
Er verstummte plötzlich, behindert am Atem, den Kopf seitlich gezogen. Es war ihm, als schaue ihm ein Mensch über die Schulter, ein Mensch mit seinem eigenen Gesicht, aber ganz im Dämmer, nebelhaft. Auch der Herzog schwieg. Die Dinge um ihn verloren ihm ihre Farbe, der Jude vor ihm verfahlte. Er sah sich schreiten in einem seltsamen, unwirklichen Tanz, vor ihm im Reigen schritt der Unheimliche, der Magus, Rabbi Gabriel, die eine seiner Hände haltend, die andere hielt Süß.
Aus dem Gesicht riß ihn der Jude. Lenkte auf anderes. Der Herzog hatte verächtlich und erbittert von seinem Bruder gesprochen, dem Prinzen Heinrich Friedrich, und seinen Zetteleien mit der Landschaft. Hier hakte er ein, machte sich behutsam lustig über den sanften, untüchtigen Verschwörer, sprach dann von seiner Geliebten, dem stillen, dunkelblonden, dümmlichen Geschöpf. Der Herzog hörte interessiert, belustigt, boshaft zu. Ei potz! Das Geschöpf hatte ein mageres Fressen an dem sanften Heinrich, das war ein dünner Braten ohne Sauce. Er lachte maßlos, in seine Augen stieg ein arges, planendes Glitzern. Der Jude kannte das Mädel natürlich, er solle sie schildern. Süß beschrieb sie vorsichtig, zerlegte sie kennerisch, die Tochter des kleinen Landedelmanns, sanft, groß, schwer, ihre Blondheit, ihre warme, dumpfe Jugend. Der Herzog lauschte hämisch, gierig, befriedigt; sein Plan war offensichtlich reif geworden. „Er ist ein Kenner, Jud,“ lachte er. „Er versteht sich auf Christenfleisch, Er Filou.“
Süß, allein, lächelte tief, siegreich, überdachte seinen Weg. Er war klar. Dem Herzog schmeicheln, unbedenklich, ohne Furcht vor Uebertreibung. Dem Herzog Geld schaffen, und durch Geld Weiber, Soldaten, Gloire. Mehr, immer mehr. Nicht übermäßig daran verdienen, aber so viel schaffen, daß man reich wurde, blieb auch nur ein kleiner Teil kleben. Keine Rücksichten auf die Landschaft. Sich klar und offen gegen sie stellen. Sie _en canaille_ trätieren. Einziges Ziel: Geld für die herzoglichen Kassen.
Er hatte Karl Alexander von der rechten Seite genommen. Er hatte auch gut getan, das Palais in Stuttgart zu kaufen. Als er Regensburg verließ, dem Herzog voraus, war er herzoglich württembergischer Geheimer Finanzrat. Der Bestallung beigefügt war ein Dekret der Herzogin, das ihn zu ihrem Schatullenverwalter ernannte.
* * * * *
In Stuttgart ungeheure Vorbereitungen zum Empfang des neuen Fürsten. Drei Ehrenpforten mit stolzen lateinischen Inschriften und vielen allegorischen Figuren, unzählige Fahnen, Girlanden. Die Straßen gesäumt mit Volk, frostrot und angeregt durch den hellen, lustig klaren Dezembertag. Ueberall Ausrufer, die das Bild des Herzogs feilbieten, das berühmte Bild, wie er an der Spitze der siebenhundert Axtmänner höchst kriegerisch unter regnenden Kugeln die Festung Belgrad erstürmt. Süß hat das Bild in vielen tausend Drucken herstellen lassen, dem Herzog und dem Volk zur Freude und sich zum Verdienst, und nun balgen sich Bürger und Bauern um den billigen, patriotisch herzwärmenden Wandschmuck. Die ganze Stadt getaucht in Musik, Böllerschüsse, Geschrei. Endlich, zwei Meilen lang, der Festzug: Beamte, Offiziers, Soldaten zu Fuß und zu Pferd, Läufer, Pagen. Sechzehnspännig die Gala-Karosse des Herzogs. So fuhr er ein auf schneeglitzernden Straßen unter einem strahlend hellblauen Dezemberhimmel, und tausend bunte Fahnen wehten in die fröhliche Luft.
Herzen und Mäuler offen, freuten sich die Stuttgarter ihres imposanten Souveräns, der, den Pelzmantel über der breiten, vielbesternten Brust zurückgeschlagen, mit mächtigem Schädel und herrischen Augen dasaß, und mehr noch vielleicht ihrer wunderschönen Herzogin, die unter vielem weißem Rauchwerk, den kleinen, fremdartigen Eidechsenkopf unter dem Diadem, mit gelassener Neugier ziervoll und lächelnd auf sie niederblickte. Ei, was spottete sie innerlich über die Schwaben, die ihr zujubelten, ei, wieviel Lächerliches entdeckte sie an dem Sprecher der Tübinger Universität, dem dicken, befangenen, schwitzenden Professor, der sich abarbeitete an der schwäbelnden Deklamation der schwungvollen Verse, mit denen er das fürstliche Paar begrüßte. Sie hörte ernsthaft und aufmerksam zu, als er von den Völkern sprach, die der Herzog mit seinem Zepter zu weiden berufen sei, als er pathetisch verkündete, Karl Alexanders Name fasse alles zusammen, was man von Karl dem Großen und anderen Karlen spreche, was sich am Griechen Alexander weise, was Gottes Volk an Simson preise, was Herkules besessen habe, als er ihn schließlich mit dem römischen Cäsar verglich. Und nicht einmal da zeigte sie ihr Amüsement, als er den Herzog rühmte, er sei schon deswegen ewig in der Zeit, weil wie der Prinz von Ithaka sein Geist nach einem Mentor sah. Aber innerlich fragte sie sich, wer wohl dieser Mentor sei, der kleine, behutsame Geheimrat Fichtel mit seinem schwarzen Kaffee oder mit seiner Fuchsschläue und seiner Galanterie der elegante Jud.
Der stand bescheiden und in höchster Ehrfurcht ganz hinten in einer Ecke beim Gesinde. Er hatte es für klug gehalten, still und ohne großes Aufsehen in Stuttgart einzufahren, er hatte sein stattliches Haus bezogen und war vorderhand nicht sehr aufgefallen. Aus seinem Leibdiener, dem stillen, phlegmatischen Nicklas Pfäffle war nichts herauszukriegen; es war eben ein großer Herr vom Hofstaat des neuen Herzogs. Allgemach erst erfuhr man, daß der Geheime Finanzrat, trotzdem er aussah und sich hielt wie jeder andere große Herr, ein ganz gemeiner, ungetaufter Jud war. Nun war eigentlich den Juden der Aufenthalt im Herzogtum verboten. Die Herren von der Landschaft machten auch schele Gesichter und hätten den neuen Finanzrat am liebsten aus dem Land geschafft; aber man wollte nicht um solch ein kleines Ding sogleich Hader mit dem neuen Herzog haben. Das Volk begaffte den Juden neugierig und mißtrauisch; allein man sagte sich, bei den verwickelten Finanzverhältnissen des Kammerguts und bei der Schläue der Juden, die die Grävenizschen Finanzen verwalteten, müsse man dem Herzog billig auch seinerseits einen Hofjuden zugestehen. Ferner mußte man zugeben, daß der neue Jud sich vorläufig anständig und unauffällig führte, und jetzt bei der Erbhuldigung hielt er sich trotz seines großen Titels und seiner stolzen Uniform bescheiden im Winkel.