Jud Süß

Part 38

Chapter 383,276 wordsPublic domain

Der engere Ausschuß des Parlaments trat noch in der Nacht zusammen; auch anderen Parlamentariern konnte man es nicht verwehren, an der Sitzung teilzunehmen. Dieser wichtig sich gehabende Jubel, dieses Machtgespreiz. Die Herren taten so, als sei der Tod des Herzogs ihr persönliches Verdienst, als hätten sie umsichtig und staatsklug diese einfachste Lösung der Krise herbeigeführt. Der Parlamentarier Neuffer glaubte wirklich, er sei der Urheber der absonderlichen Errettung. Düster phantasierend spann er sich, Tatsächliches und Gehörtes umbiegend und geheimnisvoll belichtend, eine abenteuerliche Intrigengeschichte zusammen, und er saß als Spinne und Fadenlenker mitteninne. Hatten nicht seine dringlichen Reden den Kammerdiener Neuffer, seinen Vetter, von der Verderblichkeit des Despoten überzeugt, ihn, freilich ohne daß er es eingestand, zur Sache der Verfassungspartei bekehrt? Zweifellos hatte der vertraute Diener die Dosis des Aphrodisiakums so verstärkt, daß bei der Lebensweise und der Verfettung des Herzogs der Schlag mit Notwendigkeit eintreten mußte. Er hatte schon bei Medizinern herumgefragt; alle hatten es ihm bestätigt, daß unter so beschaffenen Umständen die Katastrophe eintreten mußte, wofern Gegenmittel nicht sogleich zur Stelle waren. Und sie waren nicht zur Stelle, Karl Alexander starb – war dies Zufall, ho? oder hatte vielleicht eine sachte, kluge Hand es so eingerichtet? – Karl Alexander starb ganz allein. Nicht einmal sein Beichtiger war da, seine Ketzerseele in den Ketzerhimmel zu steuern; kein Lakai war auf den Korridoren, alle Dienerschaft war – merkt ihr was? – im anderen Flügel des Schlosses, um dem Tanzen zuzuschauen. Einsam, wie ein Hund, verreckte der Despot. Diesen abenteuerlichen Roman, dem Wissenden schon dadurch hinfällig, daß der Schwarzbraune und nicht der Neuffer den Trank gemischt hatte, flüsterte, teuflisch und bedeutungsvoll grinsend, der finstere Mann seinen Parlamentskollegen zu, und der Tod des Herzogs just in diesem Moment war ja auch ein so unwahrscheinliches Glück, daß viele geneigt waren, der Erzählung des dunklen Fanatikers zu glauben. Schon rückten sie und doch bewundernd von ihm ab, und einsam sonnte sich der Stuttgarter Brutus in seiner düstern Größe.

Die anderen, geschwellt, machten Pläne. Schon war die Freude über die Errettung verdrängt von dickem Besitz-, Macht-, Rachegefühl. Ho! Jetzt war man obenauf! Ho! Jetzt wird man heimzahlen, dem Juden, den Ketzern, allen, vor denen man hat kuschen müssen. Es war klar, daß der Herzog Rudolf von Neuenstadt Obervormund des kleinen Herzog-Nachfolgers werden mußte, wie immer das Testament Karl Alexanders lauten mochte. Auf den konnte man sich verlassen. Der war guter Protestant und von ihrer Partei. Noch morgen wird man ihn beschicken. Und heute noch, heute nacht noch wird man den Ketzern und Landverderbern und Judenzern zum Tanz aufspielen. Ans Militär wagte man sich nicht heran; aber was an Zivil von der Süßischen Partei in Stuttgart, nicht in Ludwigsburg, war, packte man noch in derselbigen Nacht. Es war ähnlich wie nach dem Tode Eberhard Ludwigs beim Sturze der Grävenizischen. Die Büttel und Gerichtsdiener gingen herum, verhafteten, schleppten die Gestürzten, schief Blickenden, wild Fluchenden, giftig Schimpfenden, verächtlich Bettelnden und Lamentierenden durch das gaffende, höhnende, jubelnde Volk auf die Wache. In Haft die Bühler, Mez, Hallwachs, in Haft die Lamprechts, Knab, ja selbst der Hofkanzler Scheffer.

Knirschend schaute Remchingen zu. Ausdrückliche Ordre der Herzogin verbot ihm, einzuschreiten. Aber sollen sie sich nur ans Militär wagen! Einen einzigen von seinen Offizieren sollen sie anlangen mit ihren stinkigen Pöbelfingern! Dann ist er nicht mehr zu halten, dann haut er drein! Doch in weitem Bogen gingen die Beauftragten der Landschaft um die Militärs herum.

Von Einem, merkwürdigerweise, sprach man in Stuttgart nicht oder nur leise, ihn streifend, den Namen nicht nennend. Und doch war der Eine der letzte Untergrund all ihrer Gedanken, heimliche Hoffnung der Herzogin und der Militärs, heimliche Furcht des Parlaments und der Bürger. Was tat Süß? Wo setzte er an? Wird er angreifen? Oder wie, der Aalglatte, Teufelsgewandte, sich verteidigen? Er war in Ludwigsburg, man hatte keinen Buchstab Nachricht von ihm, keine Depesche, nichts. Der erste Schimmer des Tages graute herauf, ein warmer, regnichter Märzmorgen. Man war todmüde und zerschlagen nach der wirren Nacht mit ihrem Auf und Ab, streckte sich aufs Lager. Und noch immer keine Depesche von dem Juden. Es war hinterhältig, rücksichtslos, gemein. In die ersten Träume hinein glitt den verbissen Wütenden um die Herzogin, den triumphierenden Parlamentariern, den Gestürzten, Verhafteten dumpf Furcht und Hoffnung: Was tat Süß?

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In Ludwigsburg diktierte der Doktor Wendelin Breyer den ärztlichen Befund. Zusammen mit den Kollegen Georg Burkhard Seeger und Ludwig Friedrich Bilfinger und in Gegenwart des Regierungspräsidenten von Beulwiz und des Hofmarschalls von Schenk-Kastell hatte er die Leichenöffnung vorgenommen. Alle drei hatten die Leibärzte, während sie an der Leiche herumschnitten, die gleichen Gedanken: Ei du! Jetzt liegst du fein still, stößt nicht mit dem Fuß, schmeißt mir keine Medizinflasche an den Kopf. Aber ihre Mienen blieben ernsthaft und voll gravitätischer Trauer, wie es Wissenschaftlern ziemt. Und jetzt diktierte der Doktor Wendelin Breyer mit seiner hohlen Stimme und mit großen, flatterigen Bewegungen das umständliche und gewissenhafte _Judicium medico-chirurgicum_, den Befund des Kollegiums. „Aus diesem _Viso reperto_“, diktierte er, „erhellet genugsam, daß Seine Hochfürstliche Durchlaucht nicht an einem Schlagfluß, nicht an einer Inflammation oder _Gangraena_, nicht an einem Blutsturz, auch nicht an einem _Polypo etc._, sondern an einem Steckfluß verschieden und in dem Blut recht ersticket ist. Zu dieser so schnellen Veränderung hat ohne allen Zweifel Gelegenheit gegeben eines Teils der ehemals öfters rekurierte, letzthin aber allzu heftig ausgebrochene _Spasmus diaphragmatis etc._ und der große, das Zwerchfell über sich pressende, mit vielen Blähungen angefüllte Magen, andern Teils aber die _ad stagnationem sanguinis plenariam, ob atoniam et debilitatem connatam_ (allermaßen die betrübte Erfahrung nur allzu deutlich zeigt, daß die meisten Durchlauchtigen Fürsten vom Haus Württemberg an Brustzuständen dahingehen) ohnehin disponierte _Pulmones_.“

In Stuttgart wurde unterdes, schon am Tag nach dem Tode Karl Alexanders, sein Testament eröffnet. Das Testament setzte in seiner ursprünglichen Fassung die Herzogin zusammen mit dem Herzog Karl Rudolf von Neuenstadt als Vormünder ein. Ein späteres, von den Geheimräten Fichtel und Raab veranlaßtes Kodizill bestimmte indes den Erzbischof von Würzburg als Mitvormund, ein zweiter, von Karl Alexander erst kurz vor seinem Tod unterschriebener Zusatz stattete den Bischof mit besonderer Machtvollkommenheit aus.

Sogleich fuhr eine Deputation des Elfer-Ausschusses nach dem stillen Neuenstadt zu Herzog Karl Rudolf, ihn um sofortige Uebernahme der Regentschaft untertänigst zu bitten. Karl Rudolf war ein karger, hochbetagter Herr. Er hatte in Tübingen studiert, in jungen Jahren schon die Welt von allen Seiten berochen, war in der Schweiz, in Frankreich, England, in den Niederlanden gewesen. Er hatte dann venezianische Dienste genommen, in Morea gefochten, sich bei der Belagerung von Negroponte groß ausgezeichnet. Hatte als Freiwilliger in Irland gekämpft, im spanischen Erbfolgekrieg die zwölftausend dänischen Söldner geführt, den blutigen Sieg bei Ramillies hatte er entschieden. Prinz Eugen und Marlborough schätzten ihn hoch, sein Name glänzte unter den Heerführern Europas. Plötzlich dann, als durch den Tod seines Bruders ihm die Württembergisch-Neuenstädtischen Apanage-Güter zufielen, legte der Fünfzigjährige alle Kriegsstellen nieder, zog sich in die kleine Stadt zurück, lebte als Bauer, als strenger, gewissenhafter Hausvater seines kleinen Volkes.

Er hatte keinen Verkehr mit Karl Alexander gehabt. Der prächtige Fürst mit seinem üppigen Hof, seinem frechen, gaunerischen Juden war ihm tief zuwider. Er war ein strenger, karger Herr und nun über siebzig. Er liebte seine kleine, versponnene, umblühte Stadt; sprach man von Marie Auguste, der Ketzerin, der frivolen Liebhaberin von Putz und Komödianten, verzog er sauer und angeekelt die harten Lippen. Er war klein, dürr, etwas schief, sein Wort von militärischer Kürze, seine Kleidung und sein Hofhalt streng geregelt, sauber, schäbig. Er sagte: Pflicht! Er sagte: Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität! Er war trotz seines Alters ein starker Arbeiter.

Er hörte die Stuttgarter Herren schweigend an, ließ sie ihre umständlichen Sätze zu Ende reden und wiederholen und schwieg noch immer. Er war sehr betagt, er wäre gern seine wenigen Jahre noch in seiner kleinen, umblühten Stadt geblieben, hätte, ein alter Bauer, seine Felder inspiziert und seine Weinberge und die einzelnen seiner Untertanen beaufsichtigt, wie sie ihre Kinder hielten und ihr Vieh. Nun legte Gott ihm alten Mann diese harte Arbeit auf, das verlotterte Land zu säubern und auszumisten, sich vor seinem Sterben noch mit Kaiser und Reich herumzuschlagen, sich mit dem fetten, schlauen Jesuiten von Würzburg abzuärgern. Gott kommandierte; er war Soldat und kannte Subordination, hielt Disziplin, fügte sich. Er sagte den Stuttgartern, er nehme die Verweserschaft an, doch unter dem Beding, daß kein zweiter Vormund neben ihm sei, die Herzogin nicht, die Katholikin, die Regensburgerin, und gar erst nicht der Jesuit, der Würzburger. Er sagte, er werde schon andern Tags in die Residenz kommen.

Sehr vergnügt fuhren die Stuttgarter zurück. Das war der Mann, den sie brauchten. Der wird mit dem Remchingen fertig werden und auch mit dem Juden, von dem man, seltsamerweise, noch immer nichts hörte.

Remchingen schlug sogleich wild um sich. Er haßte den dürren Neuenstadter von je, hatte sich öfters lustig gemacht über den Filz und Kleinkrämer. Jetzt stützte er sich auf das Kodizill des Testaments, auf die Vollmachten des Fürstbischofs von Würzburg, auf die Truppen, die ihm ergeben waren. Er verweigerte dem Herzog-Verweser die Handtreue, nahm von ihm keine Parole an, verbot beides auch seinen Untergebenen, vereidigte sie auf Karl Alexanders Testament. Verstärkte ohne Wissen und gegen den Willen des Herzog-Verwesers die Stuttgarter Garnison, gab den Kommandanten der Festungen und der Garnisonen im Land Weisung, keine Ordres anzunehmen als unmittelbar von ihm oder der Herzogin. Um die Armee gegen Karl Rudolf aufzureizen, sprengte er aus, der neue Herr gehe mit dem Parlament auf eine Verringerung des Heeres aus, große Entlassungen stünden bevor.

Unter solchen Umständen zog Karl Rudolf still und karg in Stuttgart ein, bezog Wohnung in einem Nebenflügel des Schlosses, wollte der Herzogin-Witwe seine Aufwartung machen, die nahm ihn nicht an. Er kümmerte sich nicht darum, saß, der Einundsiebzigjährige, andern Morgens schon um sechs Uhr, wie er es gewohnt war, bei der Arbeit. Er mistete, zunächst in der Hauptstadt, rücksichtslos aus, alle unzuverlässigen Beamten wurden entlassen, ihre Papiere beschlagnahmt, viele verhaftet. Die Mehrzahl der Führer der katholischen Partei war bereits geflohen.

Im Volk verhöhnte man laut und allenthalben den toten Herzog, der noch nicht unter der Erde lag, die Herzogin-Witwe, die grollend und zappelig und machtlos in ihren Zimmern saß. Der Herzog-Verweser ließe strenge Ordres ausgehen, die solche Aeußerungen verboten. Er sagte: Pflicht! Er sagte: Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität!

Mit anderen wurde auch der Konditor Benz, der das poetische Transparent mit dem Herzog und dem Teufel fabriziert hatte, infolge solcher Ordres drei Tage auf die Bürgerwache gesetzt. Hierbei holte sich der schweinsäugige Mann eine starke Influenza. Wieder in seinem Haus mußte er sich ins Bett legen, er trank allerlei Tee, bald wußte man, er wird nicht mehr aufkommen. An seinem Lager standen seine Freunde aus dem Blauen Bock. Er feixte schief: „Unterm vorletzten Herzog regierte eine Hur, unterm letzten ein Jud, unterm jetzigen ein Narr.“ Er tobte gräßlich, als er starb, spie scheusälige, kotige Flüche vor sich. Im Blauen Bock sagten sie, der Ketzerherzog und sein Jud seien jetzt auch am Tod dieses guten Bürgers schuld.

Marie Auguste arbeitete mit Remchingen wild und fahrig gegen Karl Rudolf und das Parlament. Es schmeichelte ihr, sich als große Frau bewundern zu lassen. Die erste Dame Deutschlands war sie lange genug gewesen, jetzt reizte es sie, ein weibliches Gegenspiel zu dem jungen Preußenkönig zu werden, der eben den Thron bestieg. Ei, sie wird der katholische Widerpart dieses großen Protestanten sein. Hatte sie nicht den Kaiser, Kurbayern, ihren Vater, ja selbst Frankreich für sich? Sie sollte, die kluge, mondäne Frau, es nicht aufnehmen können mit diesem alten Kracher und Bauern und versauerten Trottel und Tappergreis, dem frechen Usurpator Karl Rudolf? Zusammen mit Remchingen, ihrem Kapuzinerpater Florian und ihrem Bibliothekar Hophan, den sie für einen großen Politikus ästimierte, spann sie unzählige, kleine, kindische Intrigen, schmollend, wenn etwas nicht sogleich gelang. Tausend Depeschen liefen, nach Wien, nach Würzburg, nach Brüssel zu ihrem Vater. Als trauernde Witwe zeigte sie sich dem Hof und dem Land, sehr ziervoll der kleine, langäugige, blasse Kopf in dem schwarzen Pomp. Ihr Söhnchen, den Herzog, ließ sie aus Brüssel kommen, wies die fürstliche Waise, das Kind mit den strahlend großen Augen, dem gerührten Volk.

Aber Karl Rudolf, der alte Soldat, ließ sich nicht irremachen. Er veröffentlichte eine Erklärung, er denke nicht daran, die Armee zu verringern, veranlaßte auch das Parlament zu einer ähnlichen Kundgebung. Tags darauf stellte er die Truppen unter den Oberbefehl des Generals von Gaisberg, diktierte dem schäumenden Remchingen Hausarrest, stellte Wachen vor seine Tür. Dies war kühn, es konnte Blutvergießen, Krieg, bewaffneten Widerstand von innen und von außen zur Folge haben, alles verderben oder alles retten. Es verdarb nichts. Die Truppen und mit ihnen das Land fügten sich, huldigten dem Herzog-Administrator.

Der Kaiser zögerte mit der Bestätigung dieser gewaltsamen Regelung. Die Jesuiten der Herzogin drängten darauf, daß der Wiener Hof Karl Alexanders letztes Testament für rechtsgültig erkläre, den Fürstbischof und die Herzogin als Vormünder sanktioniere. Der Fürstbischof selber reklamierte, protestierte in eigenhändigen Briefen an den Kaiser, ließ durch seinen Hofrat und Professor Ikstatt eine ausgezeichnete Deduktion verfassen, die „Württembergische Grundfeste“, in der mit scharfsichtigen Argumenten die Legitimität des letzten, angestrittenen Testaments erwiesen wurde. Man bewunderte allgemein, selbst unter den Gegnern, die Subtilität dieser Beweisführung. Aber praktische Folgen hatte sie nicht. Karl Rudolf saß, nach der Ausschaltung Remchingens, fest im Besitz der Macht, war ohne Krieg, den niemand wollte, nicht zu beseitigen. Die Proteste, Reklamationen blieben platonisch.

Der kluge Würzburger hatte anderes wohl auch nicht erwartet. Er ließ seine Maschinerie ohne inneren Schwung arbeiten, nur um das Gesicht zu wahren. Er hörte den Vortrag seines höllisch schlauen, unscheinbaren Rates Fichtel. Er pflichtete ihm durchaus bei. Hier war für jetzt mit Gewalt gar nichts auszurichten. Die Kirche hatte Zeit, die Kirche arbeitete auf lange Sicht. Es galt, nun auf den jungen Herzog zu rechnen, ihn fest im katholischen Glauben zu erziehen; er freilich, der Bischof, wird diese Frucht nicht mehr reifen sehen. Im übrigen, armer Karl Alexander! Guter, fester, angenehmer Freund! _Requiescas in pace._ Er wird selber Messen für ihn lesen. Was im Augenblick zu tun blieb, war nur, auf gute Manier aus der württembergischen Affäre herauszukommen, unkompromittiert.

Mit größter Umsicht wurde alles, was Würzburg und die Katholischen bloßstellen konnte, aus Stuttgart vertuscht und wegpraktiziert. Einige Dokumente, die am meisten belastenden, lagen bei Remchingen in Verwahrung. Nachdem der General unerwartet in seiner Wohnung verhaftet war, glitt, nach mißglückten Bestechungsversuchen an den Wachtposten, ein Kaminfegerjunge über die Dächer der an Remchingens Wohnung anstoßenden Häuser durch den Schornstein in das Zimmer, wo jene Akten lagen, überbrachte sie glücklich den Patres der Herzogin, die Dokumente verschwanden nach Würzburg.

Unterdes hatte der alte Regent die Armee durch seine soldatische Art ganz fest in die Hand bekommen, er verschärfte jetzt die Haft des Generals, ließ ihn mit seinem Adjutanten, dem Hauptmann Gerhard, auf den Asperg schaffen.

Diese Behandlung ihres lieben, wichtigsten Helfers riß Marie Auguste aus ihrer stolzen Reserve gegen den Herzog-Vormünder. Sie bequemte sich, Karl Rudolf um eine Unterredung zu ersuchen. Der alte Herr erschien ohne Zeremonien, stand schäbig, schlottericht, dörfisch, schief vor der geschmückten, mit allen Mitteln moderner Kosmetik hergerichteten, lieblich duftenden Dame. Er war allein; sie hatte ihren Pater Florian bei sich, den Beichtiger, und ihren Bibliothekar Franz Josef Hophan, den Politikus, einen jungen, katzenhaft sanften, literarischen, modisch gekleideten Menschen; er war nach dem Fall Remchingens neben dem Kapuziner ihr vertrautester Berater. Karl Rudolf beäugte kalt und vorsichtig das unsympathische dreiblättrige Unkraut, das leider Gottes den guten Garten Württemberg so betrübt überwucherte. Marie Auguste ihrerseits beschaute hochmütig und leicht amüsiert den schäbigen, dürftigen, kleinen Soldaten, der sicherlich die raffinierte Manier ihres Trauerkleides nicht zu würdigen wußte. Stumm hörte Karl Rudolf ihre vielen Beschwerden an. Seine Stummheit reizte sie, sie wurde hastiger, zählte neben Bedeutsamem lächerliche Kindereien auf, verhaspelte sich; ihre Beiständer mußten ihre Reden wieder ins rechte Garn bringen. Verächtlich und angewidert hörte Karl Rudolf zu, wie sie, gewöhnlich am falschen Ort, mit wichtigem Gehabe juristische Fachworte gebrauchte. Die heiligen Begriffe Reversalien, bürgerliche Freiheiten, schienen ihm profaniert in diesem kleinen, törichten, dirnenhaften Mund. Er antwortete kurz, behutsam, grob, griff geschickt auf, was sie Unsinniges gesagt hatte, die Einwände und Korrekturen des Kapuziners und des feinen Bibliothekars überhörte er hart und verächtlich; er hatte, der Fürst, nur mit der Fürstin zu tun. Er schalt Marie Auguste, sie sei übel beraten und es stehe ihrer Dignité nicht an, Remchingen, den schlechten, landesverräterischen Mann, zu verteidigen. In allen kleinen Etikettefragen, die sie groß und wichtig vorgebracht hatte, versprach er ungesäumte Abhilfe, um so fester bestand er auf allem politisch wirklich Wichtigen. Der Kapuziner und der Bibliothekar rangen die Hände, wie die Herzogin triumphierend diese kleinen Konzessionen einstrich, um dem schlauen, groben Usurpator dafür alles Wesentliche preiszugeben. Man kam schließlich noch auf die finanziellen Dinge zu sprechen. Davon verstand nun Marie Auguste gar nichts; sie stammte aus einem der reichsten europäischen Häuser, warf mit Herrschaften um sich wie andere mit Pfennigen, fand es plebejisch, von Gelddingen auch bloß zu reden. Karl Rudolf seinesteils gab sich zwar ungeheuer rechenhaft, wenn es um die Interessen des Landes ging; für sich selbst aber war er durchaus bedürfnislos, er war ein alter Herr, Kinder hatte er nicht, so war es gewiß, daß er sehr reichlich hinauslangen wird. Es fiel beiden nicht schwer, sich nobel zu zeigen, sie verständigten sich auf diesem Gebiet ohne Mühe, schieden in leidlichem Einvernehmen. Der Herzog war erstaunt und befriedigt zu der Ueberzeugung gekommen, Marie Auguste sei gar keine große Babel, sondern eine Gans, und die Herzogin hatte erstaunt und befriedigt wahrgenommen, Karl Rudolf war eigentlich gar kein stiernackiger, bäurisch zäher Usurpator, sondern schlechthin ein Esel. Auf Grund solcher Erkenntnis trennten sich die beiden fast mit einem gewissen überlegenen und verächtlichen Wohlwollen.

Es kam natürlich auch späterhin noch zu zahlreichen kleinen Streitereien. Doch der Herzog-Administrator war durch diese einzige Entrevue sich hinreichend klar geworden über die einzuschlagende Politik. Wollte er von Marie Auguste ein ernstliches Zugeständnis in Verwaltungsfragen erreichen, so kränkte er sie in Dingen der Etikette. Stritt ihr etwa einen Titel ab, schickte ihr einen Subalternoffizier statt des bisherigen Stabsoffiziers als Wache, schikanierte ihren Liebling, den feinen, modischen Bibliothekar. Reklamierte sie, so verlangte er mit Erfolg als Kompensation für die Abstellung solcher Mißlichkeit Konzessionen in politischen Fragen.

Zu einem ernsthaften Streit kam es anläßlich der Vorbereitungen zu Karl Alexanders Leichenbegängnis. Marie Auguste freute sich durch zwei Monate darauf, bei diesem Anlaß als die schönste und mondänste Witwe des Reichs, als die vielumstrittene große Fürstin, auf die Rom und die ganze katholische Welt ihre Hoffnung setzten, vor den Augen Europas zu paradieren. Allein der Herzog-Administrator verbot als aufreizend die Ausübung katholischer Riten bei der Bestattung; die katholischen Fürsten und Herren drohten daraufhin der Feier fernzubleiben, Marie Auguste ärgerte sich krank und alt vor Wut. Der Kaiser mußte durch persönliches Handschreiben Karl Rudolf zur Nachgiebigkeit bringen. Die Trauerfeier wurde dann auch mit ungeheurem Gepräng vollzogen. Die endlosen Reihen der Trauerwagen, Kerzenträger, Gugelmänner, die schwarze Gala der Fürsten und Herren, Beamten, Livree. Der stundenlange Aufmarsch der Truppen. Die Glocken, Reden, Gesänge, Ehrensalven für den Toten. Und viele tausend bewundernde, begehrliche, heiße Augen auf der wunderschönen Herzogin-Witwe. Dünnstielig und geschmeidig über dem weiten schwarzen Brokat des Rockes die Taille; unwahrscheinlich weiß und edel Gelenk und Hände aus den schwarzen Spitzen der Aermel heraus; kein Schmuck außer Stern und Kreuz des päpstlichen Ordens und eine Kette von sechzehn erlesenen schwarzen Perlen. Der Witwenschleier so gesetzt, daß sein Schwarz stumpf blieb vor dem strahlenden Schwarz des Haares. Der kleine Eidechsenkopf, klarstirnig, von der Farbe alten edlen Marmors, äugte bei aller fernen Hoheit ziervoll und begierdenweckend. So sonnte sich Marie Auguste in Trauer und großem Glanz.

Es war übrigens ein leerer Prunksarg, für den die Glocken läuteten, die Reden klangen, die Gesänge feierlich hochstiegen, die Salven der Geschütze krachten. Der tote Karl Alexander war während des Streites seiner Witwe mit dem Herzog-Vormünder trotz der Balsamierungskünste seiner Aerzte so zerwest und stinkend geworden, daß man ihn lange vor der offiziellen Trauerfeier in aller Stille in der neuen Gruft von Ludwigsburg hatte beisetzen müssen.

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