Jud Süß

Part 37

Chapter 373,458 wordsPublic domain

Es sprach aber der Jude dies: „Herzog! Grober, einfältiger Herzog! Dummer, stier-tölpischer Karl Alexander! Jetzt möchtest du die Ohren zumachen, was? Möchtest dich davonmachen und mich nicht mehr hören? Möchtest beten und dir vom Beichtiger Linderung und ölige Verzeihung eintröpfeln lassen? Aber das konzedier ich dir nicht. Ich laß dich nicht sterben, eh daß du mich gehört hast. Verdreh die Augen, raßle mit all deiner Lunge: du mußt mich hören. Ich spreche ganz leise, ich hebe die Stimme nicht, aber deine Ohren und dein freches, gewalttätiges Herz sind doch voll davon. Und du mußt ganz still halten und darfst nicht sterben und mußt mich hören.

Ja, das Kind ist anders gestorben. Warst hinter ihr her mit Hussa und Gegröhl, dein verfluchter, stinkender Atem war über ihr; aber sie hat dürfen lächeln und leicht sein und tausend gute Engel streckten ihr die Arme entgegen. Und du bist vor der Toten gestanden mit deinem ratlosen, dummen Metzgergesicht, und wie ich dir nicht hineinspie, hast du geglaubt, jetzt ist alles gut und es ist nichts gewesen. Sieh, Karl Alexander, sieh, du dummer, tölpischer Herzog, ich bin dir nicht in das geile Gesicht gesprungen damals, so einfältig hab ich es nicht gemacht, ich hab dich mir erst zurechtgerichtet, hab dich präpariert, daß du aussähest wie ein Mensch, ja wie ein Fürst. Bäumst du hoch? Schnaufst du? Ja, da liegst du, ein trauriges, lächerliches Stück Fleisch, höchst ridikül vor dir und den anderen. Denn sieh, du armer Narr, deine großen Gedanken, daß du zum schwäbischen Louis Quatorze dich recken solltest, deine Cäsar-Träume, die hab ich ja in dich hineingeträumt. Du warst nichts als ein kleiner, gewalttätiger Zufallsherzog all deine Tage, und ich hab dich lassen tanzen.

Glotz mich an mit deinen großen Augen. Ich drück sie dir noch nicht zu, ich bin noch nicht am Ende. Sieh, gerade mein Schlechtestes hab ich in dich hineingeträufelt, meinen verworfensten Samen. Ich hätt es können wirken, daß du mich vor aller Welt umarmtest und Bruder nanntest; ich hätt dir nur müssen die Papiere zeigen, daß ich ein Sohn vom Heydersdorff bin, ja, dem Baron und Marschall und Christen. Aber das hab ich für mein schlechtestes Teil geachtet und hab es ganz in dich hineingegossen und hab dich tanzen lassen und dich gemästet, bis daß du reif warst.“

Er ließ ab von dem Sterbenden, versank; dann wieder begann er, verändert, milder: „Ja, es hat mich zu dir gezogen, ich hätte können dein Freund sein. Aber du, wenn du so was gespürt hast, hast dich gewehrt und dagegen geknurrt, und nur mein Schlechtes hast du aufgenommen und es blühen lassen in Schuß und Saft. Du großer Herr und Held, du deutscher Louis Quatorze! Du armer Hahn und Narr!“

Draußen auf dem Korridor hastige, erregte Stimmen. Der Doktor Wendelin Breyer kam, der Kammerdiener Neuffer; hernach auch Pater Kaspar, der Beichtiger; er war nicht so leicht zu finden gewesen, er war in der Konditorei gesessen mit dem unscheinbaren, kluggesichtigen Würzburger Geheimrat Fichtel, der, nicht angesteckt von der allgemeinen Unruhe, den Triumph dieser Nacht auskostend, behaglich viele Tassen seines braunen Kaffeetranks schlürfte. Jetzt stürzte das alles her, betätigte sich hastig, hilflos, sinnlos um den Verlöschenden, grausam Entstellten, befragte verstört den Süß, der lässige, flüchtige Auskunft gab und sich bald unbemerkt aus dem Getrieb um den Sterbenden fortmachte. Im Nebengemach die Sängerin zog sich an. Die leise, heiße, hassende, sich einfressende, triumphierende Stimme haftete ihr, sie übergrausend, im Ohr; fahl, fröstelnd, geschüttelt von großäugigem Entsetzen, schlüpfte sie unordentlich in ihre Kleider, hastete, die unheimliche Stimme hinter sich, geduckt über die Korridore, atmete befreit, als sie vor dem Tor stand, das Schloß im Rücken, im stoßenden Wind.

Der Doktor Wendelin Breyer wollte den Herzog zur Ader lassen. Aber es kam nicht soweit. Der Mameluck, mit ihnen zurückgekommen, war still ganz nah an den Mann im Lehnstuhl herangetreten; mit gespannter, grausamer Sachlichkeit beschaute er die krampfhaft geballten Hände, das aufgedunsene, blauschwarze Gesicht, die vorstehende Zunge, die graß offenen, weit herausgequollenen Augen. Dann mit seiner dunklen, sonderbar rauhen Stimme sagte er so plötzlich, daß alle zusammenfuhren – die meisten hatten ihn überhaupt noch nie sprechen gehört –: „Er ist tot.“ Dem Doktor Wendelin Breyer blieb nichts übrig, als das gleiche zu konstatieren.

Während der Arzt noch, die hohle Stimme tief aus der Brust hervorgrabend, etlichen vagen Kommentar stammelte: heftig ausgebrochener _Spasmus diaphragmatis_, Steckfluß, _stagnatio sanguinis plenaria_, – still und höhnisch schaute der Schwarzbraune auf den verwirrten, sich abarbeitenden, wichtig sich habenden Mann – raunte es durch die Gänge, flog es durch die Vorzimmer, rief es der Zeremonienmeister in den Ballsaal: „Der Herzog ist tot.“ Die Musik brach ab. Das ungeheure, lähmende Entsetzen, die verfahlten, verzerrten Gesichter überall. Das ratlose Gewimmel, Durcheinanderhuschen, Sich-in-die-Ecken-drücken. Das verlegene Von-nichts-wissen-wollen der Gäste, der kaiserlichen, bayrischen, würzburgischen Herren. Die Offiziere standen herum wie dumme, große, bösartige Raubtiere, hinter denen unversehens eine Falle zuklappt. Solcher verwünschte Zufall just in diesem Moment konnte jedem einzelnen an Stellung nicht nur und Besitz, nein, ans Leben gehen. Sogar der kleine Geheimrat Fichtel verlor die Fassung; seit Jahrzehnten hatte er vor sich selber und aller Welt sich beherrscht; jetzt bekam er mit einem ein hartes, verkniffenes, keifendes Bauerngesicht und fluchte leise und unflätig vor sich hin. Erst nach zehn Minuten hatte er sich so weit, daß er in Kälte und Sachlichkeit denken konnte. Er überlegte, das Testament, das er dem Toten abgerungen, werde nun doch nicht mehr viel nützen; es blieb nur übrig, die ganze Maschinerie sofort stillzulegen, möglichst alle Spuren von Würzburg her zu verwischen und mit gutem Anstand, unkompromittiert, aus der Affäre herauszukommen.

Süß stand derweilen allein in einem verlorenen Seitenkabinett. Er kümmerte sich um nichts, das Auf und Ab der allgemeinen Erregung schlug nicht bis hierher. Der Sturm hatte sich ein wenig gelegt. Der Jude sah nichts, hörte nichts, achtete nichts, alles um ihn versank. Er wartete. Nun wird, jetzt gleich, das Kind da sein, um ihn sein wie die liebe Luft, lieblich in ihn einströmen, ihn leicht und schwebend machen. Er saß, still, mit einem gelösten, fast törichten Lächeln und wartete.

Sie kam nicht. Nichts kam. Er fühlte sich mit jedem rinnenden Augenblick kälter, leerer, schwerer werden. Und plötzlich wußte er, sie wird nie kommen. Er sah den Herzog, das schwarzblaue, entstellte Gesicht, die heraushängende Zunge, die vorquellenden Augen. Uebelkeit fiel ihn an. Er erschrak. Er begriff nicht mehr, wie ihn das hatte ausfüllen, ihn hatte hochtragen können. Was denn, um Gottes willen, hatte das mit dem Kind zu tun? Das Kind war weiß, sänftigend, mondstill. Und sein Handel mit dem Herzog, das violettrote Meer, sein Brausen, sein wilder Geruch, ja, in welcher hirnrissigen Anwandlung hatte er denn geglaubt, darüber zu dem Kind zu kommen? In dumpfer Angst suchte er Zusammenhänge, begriff sich nicht mehr. Seine Zwiesprache mit dem sterbenden Karl Alexander, die war ein wildes Zucken und Verebben gewesen wie ein Beilager mit einer Frau, aber kein Schweben und Gelöstsein. Und jetzt war er dumpf, traurig, voll Uebelkeit und weiter weg von dem Kind als je.

Es wehte ihm den Nacken hinauf, feuchtkalt. Er hob den Rücken, überfrostet, wie in Abwehr. Ein Gesicht schaute ihm über die Schulter. Es war sein eigenes Gesicht.

Er schüttelte sich, stand auf. Der Sturm hatte wieder eingesetzt; er schloß fester die Fenster. Da war eine Stimme im Wind, war in seinem Ohr, war im Zimmer, eine mißtönige, traurige Stimme, die Stimme des Oheims. Sie war nicht laut, aber sie füllte das Zimmer ganz an, sie füllte das Schloß an, die ganze Welt war voll von dieser Stimme. Da hatte er Gewißheit: er war falsch gegangen. Alles, was er gedacht, gewirkt, getrachtet hatte, sein Handel mit dem Herzog, sein ganzer künstlicher Turm und Triumph war alles falsch und Irrgang gewesen.

Seltsamerweise war er nicht enttäuscht von dieser Erkenntnis oder gar empört. Nein, es war gut so. Er sah sich wiederum schreiten in jener stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten ihre Pas, verneigten sich. Aber heute war keine Qual in dem nebelhaften, farblosen Bild. Denn nun lösten sich die Hände, die Tanzenden sahen sich an, still, ernsthaft, ohne Feindschaft, sie nickten einer dem andern ein letztes Mal zu, dann gingen sie auseinander.

Eine grenzenlose Mattigkeit fiel ihn an. Nie in seinem Leben war er so ausgehöhlt von dinghafter, leibhafter Schwäche und Müdigkeit gewesen. So mußte es sein, in lauem Bad sitzen und aus geöffneten Adern, ganz langsam, das Leben entströmen lassen. Dieses Schmelzen, Weichwerden, Zusammenstürzen in ihm. Dieser süße, ziehende, lüstige, alle Glieder pressende, reibende, lösende Schmerz. Dieses Sichaufgeben, Stürzen, Getragensein. Dieses Nichtwollen, dieses zum erstenmal Sichtreibenlassen, dieses selige, willenlose Vergleiten, Verströmen. Als entfließe sein Blut und mit ihm aller Drang und alle Sucht, fühlte er sich sinken in glückhafter, schmerzhafter, grenzloser Erschlaffung.

So fand ihn kurze Zeit später der alte, klapprige Leuchterbeschließer, der mit dem Löschhut kam, um das Kabinett finster zu machen. Erschreckt, wie er den blassen, hingesunkenen Mann erkannte, ließ er die Stange fallen, machte: „Jesus, der Herr Finanzdirektor!“ Aber der richtete sich matt hoch und sagte, er solle ihm was zu essen bringen, was immer, es sei ihm schwach vor Hunger. Der Alte, betreten, sich bekreuzigend, machte sich fort, brachte das Verlangte. Süß, während er mit den Händen, ziemlich gierig, aß, sagte dem Alten, er solle sich in seiner Verrichtung nicht stören lassen. Der stammelte, das gehe doch nicht an, er könne doch nicht den Herrn Finanzdirektor so im Dunkeln –. Aber Süß unterbrach ihn: „Lösch Er nur Seine Lichter und kümmer Er sich nicht um mich.“ Verstört machte sich der Alte an seine Arbeit. Der Sturm hatte wieder mit Macht und Heulen eingesetzt. Süß aß, kaute, schlang. Der Alte beschleunigte seine Hantierung, stieg auf die Leiter, löschte, schielte nach dem Finanzdirektor. Der aß immerzu, eilfertig, schlang, schmatzte. Schließlich, mit einer merkwürdig lustigen Stimme, sagte er: „Häng Er Sein Herz nicht an Menschen! Das steht doch im Neuen Testament, was?“ „Ich versteh Euer Exzellenz nicht,“ stotterte ängstlich der Alte. „Laß Er’s gut sein,“ sagte Süß, die letzten Bissen kauend, „und leucht Er mir!“ Das Kabinett blieb im Dunkeln; geführt von der kleinen Laterne des Mannes, schritt Süß durch finstere Saalfluchten in den Haupttrakt des Schlosses.

Hier saßen, in einem Nebenraum, die Führer des katholischen Projekts, Generale, Minister. Sie waren lauter Württemberger unter sich. Die würzburgischen und bayrischen Herren, der Gesandte der Apostolischen Majestät, sie hatten sich alle, ach wie hurtig! trotz Sturm und Wetter davongemacht; sogar der Astrologus des Fürstabts von Einsiedeln mitsamt seinem Fensterschweiß, Kolben, Dreiecken, vielfigurigem Hemd war, ungeachtet er die Stunde als sternrecht befunden hatte, eilends verschwunden. Da saßen nun die schwäbischen Herren, fahl, schwitzend, in dicker, angestrengter Ratlosigkeit. Atmeten auf, als Süß kam, schauten ihm als dem Retter in gespannter Hoffnung entgegen.

Der Jude schickte lind, ruhig, fast lächelnd seine braunen Augen über die hilflose Runde. Sagte dann zu dem massigen Major Röder, der mehr als die anderen stier und dumm dasaß: „Sie sehen nicht recht klar, Herr Major, was in dieser seltsamen Situation zu tun ist?“ Er trat sehr nahe an den stumpfen, verständnislos schauenden Mann und sagte, sehr liebenswürdig: „Verhaften Sie mich: und wer immer Oberhand behält, Sie sind für alle Fälle salviert.“ Das sagte er ganz leicht, höflich, fast konversierend.

Verblüfft schauten die Herren. Aber dann stieg es auf, stieg es in ihre Augen, ein hartes, arges Glitzern. Es war nicht ganz klar, wo der Jude hinauswollte; aber soviel war gewiß: wenn man ihn packte, wenn man ihn festsetzte, dann war einer da, der ganz vorne stand, auf den alle Wut zuerst sich stürzen, alles Uebelste abgeladen werden konnte. Eine lange Minute war es totenstill in dem Raum. Alle, mit den gleichen Worten fast, in der gleichen Folge fast, dachten die nämlichen Gedanken. Und alle mündeten in den Entschluß: Ja! Den Juden packen! Das ist die Rettung! Der Jud muß hängen!

Und auf solche Art war doch was getan. Auf solche Art saß man doch nicht länger in dieser drückenden, albernen, beschämenden Angst. Man stellte doch, Kreuz und Türken! in der Bataille seinen Mann: was war denn das für ein dummes, dreckiges, hosenbekleckerndes, hündisch übles Gefühl gewesen, in das man sich da hatte hineinjagen lassen, das einem so widerwärtig Herz und Magen heraufgekrochen war. Herrlich, daß man jetzt auf so gute Manier aus diesem Schweinezustand herauskam. In einer Minute wird man die ganze scheußliche, jämmerliche, lamentable Depression hinter sich und vergessen haben.

Und da stand auch schon der Major Röder auf. Er war ganz, vor sich und den anderen, Patriot, Christ, Soldat. Massig kam er, charaktervoll, von seinem Recht und seiner Biederkeit innig überzeugt, auf Süß zu, legte ihm die unförmige, behandschuhte Tatze auf die schlanke, elegante Schulter, öffnete schwer den harten Mund: „Im Namen der Herzogin und der Verfassung: ich verhaft Ihn, Jud.“

In einem einzigen Augenblick hatte sich die beklemmende Stille in tobendes, sieghaftes, tierisches Gröhlen gelöst. Der Jude lächelte still, einsam, sehr fern. Durch kotiges Geschimpf, ihn stoßend und tretend, mühten sich die Herren, das Bild dieses Lächelns nicht in ihr Inneres dringen zu lassen.

Fünftes Buch Der Andere

Wo Morgenland und Abendland ineinandergehen, winzig klein, liegt das Land Kanaan. Und Mittagland, das uralte Mizraim, streckt seine Zunge vor, leckt hinein in die Bindung. Wo die Wege des Westens die Wege des Ostens treffen, liegt die Stadt Jerusalem, die Burg Zion. Und wenn sie sich zum Gotte Israels bekennen, dem Einen, Ueberwirklichen, Jahve, bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, dann stehen die Juden mit geschlossenen Füßen und schauen nach der Stadt Jerusalem, nach der Burg Zion, die des Westens schauen nach Ost, die des Aufgangs nach West, alle zur gleichen Stunde, alle nach der Stadt Jerusalem.

Vom Abendland her schlägt eine wilde, ewige Welle nach dem Lande Kanaan: Durst nach Leben, nach Persönlichkeit, Wille zum Tun, zur Lust, zur Macht. Raffen, an sich reißen, Wissen, Lust, Besitz, mehr Lust, mehr Besitz, leben, kämpfen, tun. So klingt es vom Westen her. Aber im Süden unter spitzen Bergen liegen in Gold und Gewürz tote Könige, der Vernichtung herrisch ihren Leib versagend; in die Wüste gesetzt, in kolossalischen Alleen höhnen ihre Bilder den Tod. Und eine wilde, ewige Welle schlägt von Mittag her nach dem Lande Kanaan: wüstenheißes Haften am Sein, schwelende Begier, nicht die Form und Bildung, nicht den Körper zu verlieren, nicht zu vergehen. Aber von Ost her klingt sanfte Weisheit: Schlafen ist besser als wachen, tot sein besser als lebendig sein. Nicht widerstreben, einströmen ins Nichts, nicht tun, verzichten. Und die milde, ewige Welle verebbt von Morgenland her nach Kanaan.

Ewig fluten die drei Wellen über das kleine Land und münden ineinander; die helle, rauschende vom Wollen und Tun, die heiße, glühende vom herrischen Nicht-dem-Tod-sich-fügen, die milde, dunkle vom Verströmen und Verzichten. Still und aufmerksam liegt das winzige Land Kanaan und läßt die Wellen über sich hin und ineinander fluten.

In dem winzigen Land, helläugig, hellhörig, saß das Volk Israel. Lugte nach Osten, lauschte nach Westen, spähte nach Mittag. Es ist ein so kleines Volk, und es sitzt zwischen Kolossen: Babel-Assur, Mizraim, Syrien-Rom. Es muß scharf aufpassen, will es nicht unversehens zerdrückt werden oder in den Riesen zergehen. Und es will nicht zergehen, es will dasein, es ist ein kluges, kleines, tapferes Volk, es denkt nicht daran, sich zerdrücken zu lassen. Die drei Wellen kommen, in ewigem Gleichmaß, immer wieder. Aber das kleine Volk hält stand. Es ist nicht dumm, es wehrt sich nicht gegen das Unmögliche; es duckt sich, wenn eine Welle gar zu hoch einherkommt, und läßt sich ruhig bis über den Scheitel überspülen. Aber dann taucht es wieder hoch und schüttelt sich ab und ist da. Es ist zäh, aber nicht töricht obstinat. Es gibt sich allen Wellen hin, doch keiner ganz. Nimmt sich aus den drei Strömungen, was ihm tauglich scheint, paßt es sich an.

Die ständige Gefährdung zwingt das kleine Volk, keine Bewegung der gigantischen Nachbarn zu übersehen, immer vorsichtig zu spüren, zu wittern, zu sichten, zu erkennen. Sichtung, Einordnung, Erkenntnis der Welt wird ihm zur Natur. Es wächst ihm eine große Liebe zum Mittel solcher Erkenntnis, zum Wort. Durch Religionsgesetz ächtet es den Analphabeten, Kenntnis der Schrift wird göttliches Gebot. Es zeichnet auf, was ihm die drei Wellen bringen. Wandelt in eigene, selbstschaffene Worte die helle, schmetternde Lehre vom Tun, die dumpfe, schwelende vom Trotz zur Unsterblichkeit, die linde, verrieselnde von der Seligkeit des Nichtwollens und Nichttuns. Und das kleine Volk schreibt die beiden Bücher, die von allen am meisten das Gesicht der Welt veränderten, das große Buch vom Tun, das Alte Testament, und das große Buch vom Verzicht, das Neue. Trotz zur Unsterblichkeit aber bleibt der Grundton in allem seinem Leben und Wort.

Die Söhne des kleinen Volkes gingen aus in die Welt und leben die Lehre des Westens. Wirken, ringen, raffen. Doch sie sind trotz allem nicht recht heimisch im Tun, sie sind zu Hause auf der Brücke zwischen Tun und Verzicht. Und immer wenden sie sich, schauen zurück nach Zion. Oft wohl, in der Erfüllung des Siegs, in der Erkenntnis der Niederlage, mitten im rasendsten Lauf bleiben sie stehen, überschauert, hören aus tausend Schällen heraus eine ganz leise, verrieselnde Stimme: nicht wollen, nicht tun, verzichten auf das Ich.

Und mancher von ihnen schreitet den Pfad ganz aus: vom rasenden Wirbel des Tuns, aus Macht, Lust, Besitz über den Trotz gegen die Zerwesung zur seligen Ledigung und Lösung, zur Verebbung in Nichtwollen und Verzicht.

* * * * *

Durch Nacht, Wolken, Sturm jagten die Kuriere nach Stuttgart. Zu den Herren des Parlaments, zu Remchingen, zur Herzogin. Sie überholten die Kutsche mit den Deputierten, die beim Herzog gewesen waren. Vor den Deputierten schon passierte die Kunde vom Tod Karl Alexanders das Tor, flackerte schüchtern durch die dunkle, stille Stadt, in der doch überall Geraun und Fieber war. Auf die Straßen, zum Nachbarn, eilten die Bürger. Ist es wahr? Die Strafe Gottes, der sichtbarliche Finger des Herrn. So erschütternd groß und unwahrscheinlich die Erlösung. Aber ist es auch wahr? Ist es keine Falle? Zaghafte Lichter brannten auf in den Häusern. Verstärktes Geraun, erste, unterdrückte Freudenrufe. Auf einmal zuckte ein Gerücht auf, alles wieder austretend: es war nur ein Anfall, der Herzog ist zum Leben zurückgebracht. Wie sie nach Hause schlichen, sich duckten, die Lichter löschten. Bis endlich, endlich Gewißheit kam, unzweifelbare Nachricht, vom Rathaus herab verkündet wurde: der Herzog ist tot. Jetzt toste der langgezügelte Jubel los. Umarmen, Beten. Freude auf allen Gesichtern als der Geretteten. Lichter und Feiertag. Der schweinsäugige Konditor Benz malte, mit seinen Kumpanen aus dem Blauen Bock, ein Transparent, auf dem über einer Kirche mit zwei Türmen ein geflügelter Teufel einen Menschen wegtrug. Untenhin mit riesigen Lettern setzte er den Reim: „Schaut, wie den Renegat ums Gold / Leibhaftig hier der Teufel holt.“ Mit freudezitternden, schwitzenden Händen stellte er das Transparent ins kerzenstrahlende Fenster, jubelte, wie die Menge davor stehenblieb, den Reim durch die Stadt trug. Bald hieß es überall, den Herzog habe der Teufel geholt. Habt ihr nicht gehört, was für schwarzblaues, gräßlich entstelltes Gesicht die Leiche hat? Mit den Krallen erwürgt hat Beelzebub den ketzerischen Fürsten.

In flatteriger Fassungslosigkeit saß Marie Auguste in ihrem Kabinett. Um sie der Hofkanzler Scheffer, der General Remchingen, ihr Beichtiger, der Kapuzinerpater Florian. Sie saß in einem entzückenden Negligé, das heute früh erst durch Spezialkurier aus Paris angelangt war, und sie mußte immer denken, wie schade es sei, daß sie das Negligé nicht schon einen Tag vorher gehabt hatte. Dann hätte sie es in jener Abschiedsnacht getragen und Karl Alexander hätte es noch gesehen. Nun war er gräßlich tot und wird sich nie an keinem Negligé und keiner Frau mehr freuen. Sie empfand es wie eine gute Tat, daß sie wenigstens in der letzten Nacht Karl Alexander so willig gewesen war. Von unten her dröhnte der Jubel der Stadt über den Tod des Herzogs.

Der massige Remchingen, in aller Angst und Betretenheit unwillkürlich und ohne Gedanken an den nackten Armen Marie Augustens fressend, knurrte, berstend vor machtloser Wut: Dreinhauen! Dreinhauen! Trotz allem das Projekt durchführen. Man habe die Soldaten. Er stehe für die Soldaten. Schön, ein paar Regimenter werden meutern. Er werde füsilieren lassen. Man vereidige eben auf die Herzogin. Semiramis. Elisabeth. Katharina. Dreinhauen! Dreinhauen! Aengstlich wehrte der schlotterichte Hofkanzler. Nur um Gottes willen jetzt kein Blutvergießen. Der Putsch sei erledigt und vorbei. Nur behutsam jetzt und legitime. Alles legitime. Das Testament gebe Handhaben. Aehnlich argumentierte Pater Florian, doch bestimmter und minder furchtsam. Die rasche Phantasie des Kapuziners spann an einer luftigen Kette. Er, der staatskluge Mann, als Beichtiger der regierenden Herzogin, an dieser vielleicht wichtigsten, aussichtshellsten Stelle im Reich. Er träumte sich schon, während er leise, vorsichtige Worte setzte, als deutschen Richelieu oder Mazarin. Aber Marie Auguste war, während ihr pastellfarbener, kleiner Eidechsenkopf aufmerksam zu lauschen schien, sehr abwesend, sie dachte an Karl Alexander, an das Negligé, an den zu bestellenden Witwenschleier – man konnte das sehr pikant und kleidsam machen, selbst die häßliche Herzogin von Angoulème hatte gut darin ausgesehen – und nachdem die Herren höchst positive Vorschläge gemacht hatten, sagte sie unvermittelt mit kleiner, wichtiger Stimme: „_Que faire, messieurs? Que faire?_“