Jud Süß

Part 36

Chapter 363,613 wordsPublic domain

Wer war dieser Mann? War er ein Talmudgelehrter, eifernd, zänkisch, keifend an den Riten klebend, giftig ums Jota feilschend, den hohen Zaun des Gesetzes mit ängstlich wildem Gebläff Zoll um Zoll verteidigend? Hatte seine philosophische, historische, mathematische, astronomische Wissenschaft ihm den rechten, wort- und werkheiligen Glauben zerknabbert, ihn zum Verächter und Spötter rabbinischer Praxis gemacht? Glaubt er wirklich die Lehre der Kabbala, übt sie, ist heimlicher Jünger und Nachfahr des Messias Sabbatai Zewi, segnend, fluchend, wunderwirkend im Namen dieses Erlösers? Warum dann aber flucht er öffentlich den Jüngern des Sabbatai und tut sie feierlich in Bann? Und warum wieder schickt er seine Söhne zu den Frankisten nach Polen, den fanatischen Jüngern jenes zwielichtigen Messias? Schreibt wirklich dieser eifernde, orthodoxe Talmudlehrer den französischen Kardinälen, den Jesuvätern in Rom Briefe, sie bittend, ihn zum Zensor der hebräischen Bücher zu machen? Ist es Hohn oder was bedeutet es, daß er seine streng rabbinische Rechtgläubigkeit gegen allen solchen Verdacht ausgerechnet von dem Helmstätter Professor Karl Anton verteidigen läßt, seinem früheren Schüler, jetzt aber Christ geworden und Apologet des christlichen Evangels?

Tief neigten sich, als Rabbi Gabriel kam, die Schüler des Rabbi Jonathan. „Sei Friede mit dir!“ sagten sie, und die verschlossene Tür des Meisters sprang auf vor ihm. Mild saß im Licht der Lampe seines Studierzimmers Rabbi Jonathan Eybeschütz, der weiseste und listigste der Menschen. Freundlich, kokett, mit leisem Selbstspott und erfreut lächelte er aus seinem mächtigen, mehr breit als langen, milchig weißen Bart, der nur ganz leicht nach Art der Kabbalisten zwiegezackt war, dem bartlosen, mürrischen, steinernen Kömmling entgegen. Alles an ihm war bei betonter Würde rund und behaglich. Aus schwerster Seide schmiegte sich, unendlich kostbar, sein langer Kaftan; sehr klein kam, weiß und gepflegt aus dem weiten Aermel die Hand zur Begrüßung. Unter dem gewaltigen, weiß fließenden Bart lächelte freundlich, fast rosig und gar nicht zerwittert das Antlitz. Nur über der behaglichen, kleinen Nase und den milden, wissenden, schlauen und doch tiefen braunen Augen zackten senkrecht in die weiße, fleischige, vorgebaute Stirn die drei Falten, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: Schaddai.

„Es schelte mich nicht und zürne mir nicht mein Bruder und Herr!“ begrüßte er hebräisch den Gast. Er lächelte, und es war in seinem Lächeln Wissen und Schwäche und Koketterie und Schuldbewußtsein und sogar ein wenig Schalkheit. Ueber allem aber eine magische, einlullende Liebenswürdigkeit.

Doch an Rabbi Gabriel versagte diese Magie. Ueber der kleinen, platten Nase die viel zu großen trübgrauen Augen schwelten dumpfe, hemmungslose Traurigkeit, und von der schweren, breiten, nicht hohen Stirn über den dichten Brauen ging lastende, beklemmende Trübnis aus. Rabbi Jonathan Eybeschütz indes war nicht gewillt, solche Trübnis an sich herankommen zu lassen. „Hast du,“ fragte er leicht, fast munter, „hast du, Gabriel, die neue Streitschrift des Krethi- und Plethi- und Honigwälder-Mannes gelesen?“ Dies waren die wichtigsten Werke jenes Jaakob Hirschel Emden, Rabbiners von Amsterdam, seines entbranntesten Gegners. „Jetzt hat der Gute glücklich zwölf Pasquille gegen mich losgelassen, für jeden Stamm Israels eines,“ fuhr er fort, und seine braunen, weisen, listigen Augen lachten spöttisch-vergnügt, „Jaakob Hirschel aus Amsterdam ist ein Zwölf-Ender geworden.“ Mit der kleinen, gepflegten Hand blätterte er in den großen Seiten der Streitschrift. „Der arme, arme Nüchterling!“ sagte er mitleidig amüsiert. „Alles muß klar sein, alles muß hell sein, alles muß Tag sein! Er ahnt nicht, der kahle, dürre Spötter, er begreift es nicht, daß eine getrocknete Blume Heu ist und nur gut für einen Ochsen. Erläßt Sendschreiben! Beweist, daß der Sohar nicht echt ist. Daß Rabbi Simon ben Jochai ihn nicht geschrieben haben kann. Schreit: Fälschung. Als ob es auf die Feder ankäme, nicht auf die Seele, die sie führt.“ Und er wiegte spöttisch und amüsiert den milden Kopf mit dem riesigen, milchig fließenden Bart.

Aber Rabbi Gabriel ging nicht ein auf den Ton des andern. „Warum hast du die Schüler des Sabbatai in Bann getan?“ fragte er mit seiner knarrigen Stimme. „Warum biegst du aus und krümmst dich und leugnest ab? Warum läßt du dich verteidigen von einem Goj mit dummen und albernen Sophistereien? Warum resignierst du nicht? Ist es so wichtig, daß du Rabbiner von Hamburg bist und deine Stuben voll von Menschen? Warum hast du“ – und in seiner Stimme war Klagen und Drohung – „dich selber in Bann getan?“

Jonathan Eybeschütz lachte ein kleines, angenehmes Lachen behaglich aus seinem milden Bart heraus. „Laß gut sein, Gabriel,“ sagte er. „Du bist nicht sanfter geworden in den zwei Jahren, ich nicht strenger. Ich könnte sagen: ist es nicht gleich, ob einer Jud ist oder Goj oder Moslem, wenn er nur weiß um die Obere Welt? Ich könnte sagen: Gut, Karl Anton, mein Schüler, hat sich taufen lassen; aber ist nicht mehr Gemeinschaft und Bindung von ihm zu mir als von mir zu dem Reb Jaakob Hirschel Emden, der ein guter Jud ist und ein scharfer, gebenschter Kopf, aber leider ein bornierter Tagmensch, stockblind für die Obere Welt und stocktaub für ihre Stimme? Ich könnte sagen: Der Messias Sabbatai Zewi selber ist Moslem geworden, um das Prinzip, um die Idee zu retten, und sein Jünger Frank hat sich taufen lassen; soll es da mir nicht erlaubt sein, in die Vermummung eines pilpulistischen Rabbi zu schlüpfen, mit drohender Lippe und Lächeln im Herzen leere Bannflüche gegen mich selber zu exequieren? Ich könnte sagen: Es ist billig, Märtyrer sein; es ist viel schwerer, zwielichtig dastehen um der Idee willen.

Das alles könnte ich sagen. Aber ich sag es dir nicht, Gabriel.“ Er stand auf und kam groß und freundlich in seinem seidenen Kaftan auf den mürrischen, dicklichen, trüben, altfränkisch beamtenhaft gekleideten Mann zu. Sehr liebenswürdig, fast knabenhaft herzlich sagte er: „Ich räum es ein, ich bin schwach und töricht und eitel. Die Sterne haben es gut mit mir gemeint, haben mich zum Gefäß großer Weisheit gemacht, ich hätte können ein Kanal sein, aus dem mächtige Ströme gehen von der Obern zur Untern Welt und der Atem Gottes. Aber ich bin ein schlechtes, brüchiges Gefäß. Ich weiß und niemand spürt es lebendiger durch alle Eingeweide, wie selig ruhevoll es ist in Gott schweben und wie die Untere Welt eitel ist und farbiger Schaum und Haschen nach Wind. Aber ich muß hinein in sie, immer wieder. Wissen ist schön, Wissen ist jenseits vom Tun, wissend und ruhvoll sein wahrt vor neuen schlimmen Einkörperungen die Seele; und Tun ist albern, Tun ist dumm und schmutzig und tierisch und der Nachschmack schal und sehr von Uebel. Aber ich muß immer wieder hinein ins Tun und Eitelkeit und Getriebe! Laß mich dumm sein, Lieber! Laß mich schmutzig und tierhaft sein! Laß mich meinen Bart mehr pflegen als meine Seele!“ Und mit frechem Scherz schloß er: „Meine Seele werde ich finden und reinwaschen in Myriaden Jahren; aber wer steht dafür, daß ich ein zweit Mal einen so schönen Bart finde?“

Lind rieselten diese Lästerungen von den süßen, schmeichelnden, beredten Lippen des weisen und leichtfertigen verlorenen Rabbi. Der andere hörte sie, trüb, steinern, unbewegt. Er sah plötzlich eine Landschaft. Stein, Oednis, zerschrundetes Eis; zartes, höhnisches Leuchten darüber, schattende Wolke, Geierflug, finster tolle Willkür, riesige, aufs Eis geworfene Blöcke. Gelähmt fast von dem Bild erkannte er: die gleiche Entsprechung hier wie dort. Solche Ahnung hatte ihn hergetrieben von dem Mann, an den er gefesselt war, zu diesem. An den nackten, frechen Brüsten der Lilith lag jener; aber er sehnte sich und langte nach der Obern Welt; bei den Heiligen und Frommen, im silbernen Bart des Simon ben Jochai, lag dieser, aber es dürstete ihn nach den Zitzen der Lilith. Das gleiche Bild, die gleiche Entsprechung. Doch jener war näher an der Vollendung als dieser.

Er antwortete nicht, als Jonathan Eybeschütz endlich schwieg. Er sagte nur: „Friede mit dir, mein Bruder und Herr!“ und ging in das Schlafgemach, das man ihm bereitet. Jonathan Eybeschütz sah seinen runden, dicklichen, etwas gebeugten Rücken sich entfernen, das milde, leichtfertige Lächeln schwand langsam, und trotz seines milchig weißen Bartes sah er minder würdig und überlegen aus, wie er sich wieder an seine Bücher und Pergamente setzte.

* * * * *

Müd und nervös lehnte Karl Alexander im Wagen. Er fuhr nach Ludwigsburg, um von da ins Ausland und erst nach vollendetem Putsch zurückzureisen. Er hatte zwei anstrengende Karnevalstage hinter sich, die er trotz der geschlossenen Zeit dem Reichsgrafen Palffy zu Ehren gegeben hatte; Graf Palffy kam in Spezialmission des Wiener Hofs, es war große Huld und Aufmerksamkeit des Kaisers, daß er durch diesen Sondergesandten den geplanten Staatsstreich augenzwinkernd im vorhinein sanktionierte. In aller Frühe dann hatte sich Karl Alexander von der Herzogin verabschiedet. Er hatte die Nacht mit ihr verbracht, hatte ihr hemmungslos von seinen großen Projekten vorgeschwärmt, dies sei die letzte Nacht, die sie als kleine deutsche Fürstin verträume; fortan werde sie zählen unter den europäischen Souveränen, und bald wohl werde man sie mit anderem Titel als mit einem lumpigen Durchlaucht grüßen. Heiß und erregt hatte er seine Phantasien in die schöne, nackte Frau hineingeflüstert, sie hatte spöttisch halb, aber doch von seiner Hitze mitgerissen zugehört, hatte seine brennendere Umarmung entbrannter als lange schon erwidert. Müde jetzt von dem gefüllten und bedeutenden Abschied, leicht matt, nervös und fieberig lehnte er im Wagen. Er war doch sonst eiskalten Blutes vor mancher Entreprise gestanden, war auf dem Schlachtfeld nicht nervös geworden, wenn ihm der Gaul war unterm Arsch weggeschossen worden. Aber heut, Gift und Opperment! kribbelte es ihn durch alle Glieder, war’s ihm, als hätte er Ameisen in den Adern. Nur gut, daß er den Grafen Palffy hatte vorausfahren lassen; so konnte er jetzt wenigstens allein sein. Auch der verdammte Fuß zuckte und zerrte und wollte nicht Ruhe halten. Kein Wunder, es war ein Wetter von seltener Scheußlichkeit. Bald Sonne, bald Schloßen, es regnete und flockte, bis einen wieder grelle Sonne blendete. Es stritt alles gegeneinander. Starker, feuchter Wind ging, Wolken in rasender Eile fetzten über den Himmel. Dazu brannte es da vorne in Eglosheim, und der Feuerschein irritierte die Pferde. Ein vages Erinnern flog Karl Alexander an; in solchem fetzigen Wind war er gestanden, nicht lange her war’s, wie dort der rote Schein hatte ein starkfarbiger Mond sich gekrümmt, aus einem schwärzlichen, feindseligen Wald war es verwirrend, gespenstisch hergekommen, ein weißes, totes Mädel war auf der Erde gelegen, zwischen Blumen, im starken Wind. Blödes Erinnern. Was soll das jetzt? Er hat, weiß Gott, Besseres zu denken.

Endlich in Ludwigsburg. Auch dort nicht Ruhe. Kuriere, Meldungen von den entfernteren Garnisonen. Er empfing Scheffer, Remchingen, Pfau. Aerger, Gehetz. Wenn wenigstens das verdammte Gedudel aufhörte! Aber er selber hat angeordnet, daß vor den Zimmern des musikalischen Grafen das Orchester des Theaters spiele. Er bekam plötzlich Hunger, verlangte Fleischbrühe, wollte sie gierig hinunterstürzen, fand sie zu heiß, schmiß die Tasse an die Wand. Dazu die wimmernde Feuerglocke wegen des Eglosheimer Brandes. Der fetzende Wind, die rauchenden Kamine. Ueberall im Schloß klirrende Fenster, schlagende Türen. Das Orchester obendrein. Den Herzog litt es nirgends. Die Musiker und Komödianten feixten heimlich: es treibt ihn herum wie vor einer Première. So, endlich, kam der Abend.

In Stuttgart war es sehr still diesen Abend. Nirgends brannte ein Licht. Doch im Dunkel war Getapp von vielen Schritten, gedämpftes Klirren von Eisen und Holz, Geflüster und Hin und Her. Alle Bürgerschaft wußte, daß es in diesen Stunden um die Entscheidung ging. Die Meldung Schobers hatte gewirkt. Alle waren gerüstet, gewaffnet, voll dumpfer, klemmender Spannung, nicht ohne Zagheit, aber willens, zu kämpfen. Niemand schlief in Stuttgart in dieser Nacht, nur die kleinen Kinder. Man sagte, raunend, zum hundertstenmal das gleiche, Flüche, Wünsche, prüfte, halb zaghaft, halb in die Brust geworfen, die Waffen. Und die Nacht war voll Bereitschaft.

In Ludwigsburg indes im Schloß hatte man alle Kerzen entzündet. Der Herzog gab, bevor er ins Ausland ging, dem Gesandten des Kaisers, den Würzburger Herren einen Hofball. Die Gesellschaft war nicht zahlreich, auf die in das Staatsstreich-Projekt Eingeweihten beschränkt. Viele Militärs waren da, die beiden Röder, der General und der Major. Feixend hatte Karl Alexander den knarrenden, niedrigstirnigen Mann nach Ludwigsburg eingeladen; die berittene Stuttgarter Bürgergarde, deren Kommandant er war, werde ihn in dieser Nacht kaum benötigen; ohne auf den Witz einzugehen – denn er nahm seine Stellung bei dem Stadtreiterkorps sehr ernst – dumm und stier hatte der Major, die unförmige, behandschuhte Tatze militärisch ausgereckt, die huldvolle Einladung angenommen. Durch den Saal hin äugte das blaurote, geiernäsige, entfleischte Gesicht des Dom Bartelemi Pancorbo über der riesigen, verschollenen Halskrause; in der Nähe des Süß hielt sich der verfallene Weißensee, er schnupperte, seine klugen Augen zuckten, er witterte Schwefel, Feuer, Wetter, Untergang. Süß selber hatte einen strahlenden Abend wie in seiner besten Zeit, seine wölbigen, fliegenden Augen waren überall, er war galant, witzig, siegerisch, seine sichere, festliche Laune stach sehr ab von der flackerigen Unrast Karl Alexanders. Manchmal tauchten in die seinen die bräunlichen Tieraugen des Mamelucken, dem er, dem stumm sich Neigenden, wenige knappe, stille Weisungen gegeben hatte, und es ging dann wie ein triumphierendes Fragen und Erwidern vom Aug des einen zum andern.

In den ersten Nachtstunden sollten in Stuttgart die Häupter der Verfassungspartei verhaftet werden und die würzburgischen und bayrischen Hilfstruppen ins Herzogtum einrücken. Bis der Kurier mit der Meldung käme, daß der Putsch soweit planmäßig geglückt sei, wollte Karl Alexander unter seinen Gästen bleiben, mit dieser Gewißheit schlafen gehen. Er hatte die neue Sängerin in sein Schlafgemach bestellt, die Demoiselle Teresa, eine dralle, heißäugige, warmhäutige Person. Schon die beiden letzten Jahre durch hatte er sich gewöhnt, vor jedem Beilager mit einer neuen Frau ein Aphrodisiakum zu nehmen, denn er hätte es nicht ertragen, hätte nicht jede neue Frau seine Männlichkeit für besonders stark halten müssen; heute, nach der Abschiedsnacht mit Marie Auguste, befahl er dem Schwarzbraunen, die Dosis zu verstärken.

Der Kurier mit der Glücksnachricht kam nicht und kam nicht. Die Unrast des wartenden Herzogs fuhr den Gästen kribbelnd in die Glieder, zuckte durch den ganzen Saal. Draußen der Sturm hielt in gleicher Kraft an, Regen prasselte, einmal auch Hagel gegen die Scheiben; den Rauch der schlecht ziehenden Kamine hatte man nicht ganz aus den Räumen verjagen können. Wohl brannten Myriaden Kerzen, Musik, immer üppiger, klang, aus den ältesten Fässern der erlesenste Wein wurde geschenkt, man hatte die prunkendste Gala, die feiertäglichste Laune angetan; aber man kam über eine fiebrige, erkrampfte Lustigkeit nicht hinaus.

Karl Alexander hielt Cercle, stellte seinen Gästen lärmende, huldvolle Fragen, um dann plötzlich zu versinken, ihre Antworten zu überhören, jäh abzubrechen. Der Mameluck glitt lautlos heran, meldete, die Demoiselle Teresa sei im Privatkabinett. Der Herzog, ungeniert, sagte: „Das Mensch soll warten!“, setzte sich mit Süß zum Jeu. Der Mameluck brachte ihm, in silberner Tasse, das Aphrodisiakum. Stand still, demütig. „Hast du’s auch genügend stark genommen?“ fragte Karl Alexander. „Ja, Durchlaucht,“ erwiderte mit seiner rauhen, gleichmütigen Stimme der Mameluck.

Karl Alexander stürzte den Trank hinunter. Spielte. Gewann stark. Blieb unbeteiligt, abwesend. Den grünen Galarock zurückgeschlagen, die eine Hand bald ruhend auf der gelben Hose, bald nervös mit der goldenen Kette spielend, machte er lange Pausen zwischen Stich und Schlag. „Daß der Kurier nicht kommt!“ fieberte er. „Der Sturm,“ begütigte Süß, „die aufgeweichte Straße.“ Der Schwarzbraune war wieder da, mit seinem stillen, gleitenden Schritt. Meldete, die Demoiselle warte noch immer. „Soll sich ausziehen derweil!“ schrie der Herzog. „Ich kann meine Depeschen nicht herhexen.“

Ein Kreis ehrerbietiger Zuschauer stand um die Spielenden, begleitete das Jeu mit etwas gekünstelten, krampfhaften Witzen. Der Herzog schlug eine siegreiche Karte auf, strich wieder einen Hügel Dukaten ein. „Heut mußt du mir einen Teil wieder hergeben, Jud,“ lachte er, „des, was du mich beschissen hast.“ „Heut tu ich’s gern,“ sagte Süß. Die widrige Stimme des Majors Röder knarrte: „Wenn’s so Leib an Leib geht, dann tut sich der Jud schwerer mit dem Bescheißen. So von der Ferne her mit Papieren und Tricks und ohne daß man dem andern muß ins Gesicht sehen, geht’s leichter.“ Auch den nächsten Schlag verlor Süß. Der Herzog sah den Architekten Retti unter den Umstehenden, warf ihm hin: „Wenn das so weiter geht mit meinem Schwein, dann machen wir den Umbau, den Er für die Galerie projektiert.“ Der Architekt lachte laut, beflissen. Dom Bartelemi Pancorbo sagte unversehens mit seiner dumpfen, modrigen Stimme: „Den Stein verliert er nicht, der Jud.“ Und alle starrten begehrlich und verträumt auf den Solitär an der Hand des Finanzdirektors und sahen, wie verwirrend in ewigem Wechsel die Strahlenbündel daraus schossen.

Endlich war der Mameluck wieder hinter dem Herzog, meldete: „Man ist da.“ Karl Alexander, mit gespielter Lässigkeit, warf die Karten zusammen, schob dem Süß den ansehnlichen Haufen gewonnenen Geldes zu: „Da, Jud! Die Galerie laß ich später bauen. Das verehr ich Ihm.“ Süß, wohlwollend fast und amüsiert, dachte: „Sieh an, schenken läßt er sich nichts. Bezahlt mich, wo er glaubt, ich hab ihm ans Ziel geholfen, legt noch ein Trinkgeld darauf. Dann sperrt er mich in die Kasematten und steckt Bezahlung samt Trinkgeld wieder ein.“ Aufmerksam und dringlich sah er den Herzog an, und der, wie gezwungen von seinem Blick, sagte obenhin: „Kannst mitkommen.“ Der Schwarzbraune voran, dann hinkend, schnaufend, rot Karl Alexander, zuletzt federnd, geschwellt, weiß, jung der Jude, gingen sie.

Durch die sich neigenden Lakaien der Vorsäle erst, dann durch stille Korridore, in denen nur der fetzende Atem des Sturms war, nach dem andern Flügel des Schlosses in die Privatgemächer des Herzogs. Arbeitszimmer, kleines Zwischenkabinett, das Schlafzimmer mit der wartenden Frau. Der Mameluck riß die Tür zum Arbeitskabinett auf. Nicht der Kurier war da, den Karl Alexander erwartete, sondern vier Männer, die er nicht kannte. Zwei alte, mit eisgrauen Haaren, mager und schmächtig wie Federkiele, die anderen gedrungen, von lümmelhaftem, proletarierhaftem Gehabe. Alle vier waren stumm, verneigten sich, die jüngeren schwer und plump, die älteren hastig und wiederholt, von den im Windhauch der offenen Tür flackernden Kerzen wild beschattet und erhellt.

Der schäumende, in seiner Erwartung betrogene Herzog schrie, die Stimme fast versagend vor Wut, den Mamelucken an: „Bist du verrückt? Läßt in der Nacht, heut nacht, Gesindel zu mir?“ Schleuderte ihn mit einem Fußtritt in den Winkel. „Der Kurier!“ brüllte er. „Wo bleibt der Kurier?“

„Wir sind kein Gesindel,“ tat da einer von den Männern schwerfällig, feindselig den Mund auf. „Wir sind von der Landschaft.“ Karl Alexander fuhr auf ihn los, packte den stämmigen, lümmelhaften Menschen, schüttelte ihn: „Wollt mich überfallen? Mich meucheln? Ketzer! Mörder!“ Er schrie und geiferte, daß die Sängerin nebenan, die nackend wartete, sich ängstlich tief unter die Decken duckte, das Kreuz schlug. „Aber es ist aus mit euch!“ brüllte der entzügelte Herzog weiter. „Vermodern bei lebendigem Leib laß ich euch, Gesindel! Rottierer! Ketzer! Hunde! Zu eueren sauberen elf Brüdern vom Ausschuß schmeiß ich euch in meine tiefsten Kasematten!“

„Es ist nicht an dem, Herr Herzog,“ sagte da mit einer höflichen, feinen Stimme einer von den Alten, „es ist durchaus nicht an dem.“ Und er verneigte sich viele Male. „Es ist so, daß mit Eurer Durchlaucht allergnädigstem Permiß niemand heut nacht in Stuttgart verhaftet wird. Es werden auch sehr wenig bayrische und würzburgische Truppen einrücken, und was unter der Losung: Attempto! eingetroffen ist, sind mit Eurer Durchlaucht allergnädigstem Permiß zur Hälfte evangelische Brüder. Und wenn auch der Herr Kommandant Röder hier ist, das Stadtreiterkorps ist darum nicht weniger in Bereitschaft und wird die Stadt unter allen Umständen halten.“

Süß selber hätte nicht sachlicher, schärfer, mit weniger Worten darlegen können, wie in den Grund hinein der Putsch verraten und vertan war, als der kleine, hagere Mann, der sehr höflich und mit vielen Kratzfüßen und Permiß-Einholungen noch mehr Details aufzählte. Aber er konnte nicht zu Ende kommen und zum Zweck seiner Rede; denn der Herzog hatte nur die ersten Sätze gehört; dann begab sich mit ihm eine erschreckende Veränderung. Die Hand, die den gedrungenen, proletarisch aussehenden Deputierten noch immer festhielt, ließ allmählich locker, das Gesicht lief blaurot an, ein seltsames, wundes, tierhaftes Rasseln kam aus der Brust, der Mund schnappte hilflos, und unversehens lag der schwere Mann auf dem Boden, verkrampft und gräßlich entstellt. Die vier Bürger, wie sie das sahen, fürchteten, man werde ihnen eine Schuld geben, das Schloß war voll von Feinden, sie waren von dem Mamelucken auf geheimnisvolle, verdächtige Art, ungemeldet, durch eine Hintertüre eingelassen worden, sie besorgten, sie möchten mißhandelt oder gar kurzerhand erschlagen werden; sie machten sich eilends fort und waren froh, als sie in Sturm und Regen, abseits haltend, ihre Kutsche fanden und zitternd vor Frost und Erregung glücklich wieder auf dem Weg nach Stuttgart waren.

Karl Alexander lag indes auf dem Boden, allein mit Süß und dem Schwarzbraunen. Ueber der mächtigen, behaarten Brust hatte er sich die Kleider bis aufs Hemd aufgerissen. Verstört lauschte von nebenan und sich duckend das nackte Mädchen auf das wilde, tierhafte Rasseln, das von ihm kam. Mit unendlicher Mühe schickte er sein erstarrendes Aug mit einer wilden, grenzlos haßvollen Frage auf die Suche. Süß, ihm entgegenkommend, sagte: „Ja, Herr Herzog.“

Der Jude wußte nicht, ob er das so gewollt hatte oder wie überhaupt er gewollt hatte, daß der Herzog Verrat und Zerschmetterung des Putsches aufnehmen solle. Er fragte sich auch nicht, ob die Ermattung durch den Karneval oder das Aphrodisiakum mitschuld waren an diesem Zusammenbruch, oder ob er allein ihn und willentlich so gewirkt habe. Wie getrieben hatte er alles so geordnet, wie es dann kam, es so gelenkt, daß der erhitzte Herzog statt des erwarteten Glücksboten die nächtliche Unheilsdeputation vorfand. Daß er ins Herz treffen, daß er Sinn und Wesen des Gegners für immer lähmen und zermalmen mußte, war gewiß. Kam nun auch der äußere Zusammenbruch hinzu, so war das nicht gewollt, doch nicht unwillkommen.

Mit aller Kraft hob er den schweren Leib in einen Lehnstuhl, warf dem Schwarzbraunen hin: „Es wird gut sein, du holst den Pater Kaspar.“ Zögernd nur entfernte sich Otman und ließ den Juden mit dem Sterbenden allein.

Vereisend hörte die Sängerin im Nebenzimmer, wie eine leise, von einem wilden Gefühl bis zum Zerreißen gespannte, weißbrennende Stimme auf den jetzt stummen Herzog einsprach. Die einzelnen Worte konnte sie nicht verstehen; aber sie erstarrte vor dem grauenvollen, hassenden Triumph dieser heißen, flüsternden Stimme.