Part 35
Es kam freilich, während sie diese klugen, gelassen biederen Betrachtungen niederschrieb, ein Augenblick, in dem ihr plötzlich Reim und Rhythmus aussetzten. In einer unendlichen, tristen Müdigkeit lösten sich ihr die Glieder, sie sah gewölbte, fliegende Augen heiß auf sich, spürte sich von einer dringlichen, eingängigen Stimme schmeichlerisch überrieselt wie von wohlig lauem Wasser, und auf Sekunden erkannte sie, was für ärmlich kahler Ersatz ihre alberne Poetenspielerei war. Aber rasch schob sie als üble Anfechtung solche Erkenntnis beiseit, und mit sich finsternder Entschlossenheit, mit fast fanatischer Andacht zur Nüchternheit schrieb sie die Verse zu Ende.
Solche Mariage der Demoiselle Weißenseein, trotzdem natürlich ihre Verbürgerlichung aufgefallen war, überraschte immerhin. Der Herzog ärgerte sich, daß nun ein so alberner kleiner Pedant und Subalterner für alle Zeit offiziell an seinem Nachtisch sitzen sollte. Filzig indes war er nie gewesen, und er schenkte ihr zum Verlöbnis die Herrschaft Würtingheim, berühmt wegen ihrer herrlichen Obstkulturen. Sogar Süß schrak auf aus seinem immer ums gleiche schwelenden Gebrodel. So war die Welt; albern, klein, kahl, säuerlich, erbärmlich erwies sich im Kern alles, was zuerst und von außen so kraftvoll und süß geschimmert hatte. War übrigens nicht auch diese von Karl Alexander in Schlamm und Alltagsniedrigkeit getreten worden? Sieh da! das war zwar nicht die Absicht, aber er wird am Ende wirklich noch die Erde von einem üblen und gefährlichen Tier befreien, wenn er nur seinem privaten Trieb und Gesetz folgt. Mit keinem leisesten Gedanken kam ihn an, daß ihn an Magdalen Sibyllens Versinken Schuld treffen könnte. Die Stute Assjadah satteln ließ er, herrlich und in großem Glanz ritt er nach dem Schlößchen Magdalen Sibyllens, eine dunkle, wilde Großheit ging aus von dem Mann, der bitter und zerklüftet noch ein letztes Mal alle seine Galanterie vor der Frau spielen ließ. Magdalen Sibylle tauchte langsam nur und erst nach Tagen aus der tiefen Verwirrung dieses Gratulationsbesuchs.
Zu Weißensee sagte die Herzogin, hurtig und leicht spöttisch kamen die Worte aus dem kleinen, roten, geschwellten Mund: „Sie scheinen nicht zufrieden, liebe Exzellenz, mit der Wahl Magdalen Sibyllens?“ Und, ihm plötzlich das ziervolle, eidechsenhafte Gesicht zuwendend, das unter dem strahlend schwarzen Haar in der Farbe alten, edlen Marmors matt leuchtete, lächelte sie spitzbübisch: „Hätte sie etwa gar sollen unsern Hofjuden heiraten?“
„Ja, Durchlaucht,“ sagte Weißensee. „Hundertmal lieber.“ Und es klang aus dem Mund des feinen, liebenswürdigen Herrn so bitter und grimmig und wie ein Aufschrei, daß die Herzogin neugierig und ein wenig betreten aufsah und nach einem kleinen Schweigen von anderem sprach.
* * * * *
In der Antichambre schloß der Kammerdiener Neuffer die Tür hinter dem ins Kabinett des Herzogs tretenden Süß. Sogleich dann im Rücken des Finanzdirektors, erschreckend und ihn fast unkenntlich machend, verwandelte sich die Steifheit und Gravität seines Lakaiengesichtes in brutale, klobige, ohnmächtige Wut. Der Jud! Immer der Jud! Wohl hatte der Herzog einmal, als der Neuffer ihn auskleidete, in einem Anfall sinnlosen Zornes geschäumt, auf die Festung setzen werde er den Juden, drei Jahre ihn Kugeln schleifen und dann ihn hängen lassen. Was aber nützte das! Regent des Landes war und blieb doch der Jud. Der Herzog schimpfte auf seine Ratschläge, lobte die anderen: aber kam es zum Schlag, tat er doch nur, was der Jud ihm einblies.
In der andern Ecke der Antichambre hockte auf einem Teppich der Schwarzbraune. Er hatte wohl gesehen, wie das Gesicht des Kammerdieners auf einen Augenblick die Livree abwarf, und ganz im Innern amüsierte er sich über die plumpe Nacktheit des christlichen Kollegen. Aber er verharrte lautlos, tierhaft träge hockend, verschlossenen Gesichts.
Währenddes hielt Süß dem Herzog Vortrag. Heute in zwei Tagen wollten die Verschworenen losschlagen; alle Vorbereitungen waren beendet. Offiziell sollte der Herzog verreisen, um in seiner Eigenschaft als Feldmarschall des Reichs zunächst die Festungen Kehl und Philippsburg zu inspizieren, dann wegen seines Fußleidens den Danziger Medicus Hulderop, den größten Orthopäden der Zeit, zu konsultieren. Für die Zeit seiner Abwesenheit setzte Karl Alexander eine stellvertretende Regierung ein: unter dem Vorsitz der Herzogin – die sich in dieser Rolle sehr gravitätisch vorkam –, die Minister Scheffer, Pfau, den Staatsrat Lauz, die Generäle Remchingen und Röder. Diese Regierung sollte in Abwesenheit Karl Alexanders den Staatsstreich durchführen: nach Besetzung aller strategischen Punkte des Landes die Gleichstellung der katholischen Religion, Entwaffnung der Bürger, Annullierung vieler Verfassungsparagraphen, Eintreibung des Beichtpfennigs, zwangsmäßige Ablieferung allen Silbers in die herzogliche Münze und mehr derart durch Gesetz verkünden.
Süß legte noch einmal zusammenfassend dar, worauf es ankam: auf die reibungslose, kampflose Durchführung des Projekts in einer einzigen Nacht. Als konstitutioneller Herzog verließ Karl Alexander sein Land, als absoluter Souverän wird er in wenigen Stunden zurückgerufen. Zog sich die Durchführung in die Länge, kamen Reibungen dazwischen, Kampf, Blutvergießen, dann war alles verloren, dann hatten die Zauderer und Zager recht gehabt. Denn weiter als man die Verfassung verbogen hatte, ließ sie sich eben nicht mehr biegen; es ließ sich mit aller jesuitischen Kunst nichts weiter aus ihr heraustifteln. Blieb als einziges übrig, sie zu brechen, und das konnte man nicht allmählich, das konnte man nur in Einer Anspannung erreichen. Mißlang die im kleinsten, dann hatte die bloße Tatsache der Gewaltanwendung erwiesen, wie sehr man sich im Unrecht fühlte; das _Corpus evangelicorum_ wird über einen herfallen, die Schranken der Verfassung werden dann noch viel fester und enger gestellt werden. Setzte erst Kampf ein, dann hatte die Verfassungspartei zu viele und zu mächtige Anhänger im Reich. Die geglückte Ueberrumpelung nur wird man, schmunzelnd die einen, die anderen knirschend, anerkennen. Er war bisher, wenn die anderen brutal zufahren wollten, immer für das Leise, Langsame gewesen; in diesem Fall gab es nur Eines, das Laute, Zupackende, Entscheidende, das in Einem Schoße Flor oder Verderb trug.
Mit zwingender Logik, Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit setzte Süß dem Herzog dies noch einmal auseinander. Glühender dann und beredter führte er aus, wie jenseits aller praktischen Erwägungen die Idee verhunzt wäre, die herrliche Idee von der Göttlichkeit fürstlicher Macht, wenn sie erst zerzettelt und zerknabbert würde durch Streitereien und Prozeßkniffe und kleine Scharmützel mit Bürgergarden und ridikülem, miserablem Kleinkampf. Hier ging es in Wahrheit um alles oder nichts. Entweder kehrte das Herzogtum naturhaft in seinen Fürsten zurück, oder dieser Stoff war zu schlecht, als daß die große Idee sich in ihm auswirken könnte.
In drängendem, schwülem Zorn stand Karl Alexander. Der Jud hatte recht, wie immer, und gut hatte er das gesagt. Aber wie abgründig er in einen hineinschaute! Fort, fort mußte er, auf ewig ins Dunkel mußte er! Und was hatte er da gesagt: dieser Stoff war zu schlecht für die große Idee? Welcher Stoff? Es war ja selbstverständlich unmöglich, daß das Projekt mißlang; aber trotzdem: welcher Stoff war zu schlecht? Das Land? Oder – wagte er es, wagte er es wirklich, der Jud? – oder er, der Fürst? Natürlich wagte er es! Hinter seiner höflichen, servilen Fratze stak höhnisch, hänselnd der freche, achselzuckende, aufreizende Zweifel. Ueber den schamlos dreisten Rebellanten! Der war hundertmal schlimmer als die stiernackig blöden Meuterer vom Parlament! Das waren verbohrte Esel! Aber dieser Lächelnde, Höfliche war wissend, und seine feixenden, unverschämten Zweifel gingen vergiftend ins Innerste. Weg mußte er! Ins Nichts mußte er! Für ewig ins Dunkel mußte er!
„Haben Euer Durchlaucht jetzt das Losungswort bestimmt?“ fragte die unbewegte, sachliche Stimme des Juden.
„Ja,“ sagte Karl Alexander, kurz, barsch, militärisch. „Es heißt: Attempto!“
Ueberrascht sah, mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln Süß auf. „Attempto! Ich wag’s!“ das war ein frecher, ein kühner, ein fast genialer Witz. „Attempto! Ich wag’s!“ hatte Eberhard im Barte gesagt und als erster deutscher Fürst seinem Land eine Verfassung gegeben. „Attempto! Ich wag’s!“ war die große Inschrift auf dem Attribut dieses Fürsten, dem Zedernstamm, den er vom Kreuzzug mitgebracht. So hing sein Bild überall im Herzogtum. Mit diesem tapfern Wahlspruch hatte er den Großteil seiner Macht von sich abgetan und dem Volke zurückgegeben. Wenn einer im Land kein Wort Latein sprach, dieses „Attempto!“ verstand er; denn es war die Grundlage der Verfassung und aller bürgerlichen Freiheit. Und dieses gleiche „Attempto! Ich wag’s!“ wählte jetzt Karl Alexander als Losungswort, eben diese von seinem Ahn begründete Verfassung zu zerschlagen, die Macht wieder an sich zu reißen, an Stelle der ausgebildetsten Demokratie den nackten Absolutismus zu setzen. Donnerwetter! Dazu gehörte soviel Mut wie Geist. Dieser Karl Alexander war doch ein Kerl!
Gehoben, in drängendem, brustweitendem Lustgefühl ging Süß nach Hause. Er hatte diesen Mann dazu gemacht, hatte das Licht in ihm angezündet, hatte aus einem hitzigen, brünstigen, brutalen Stück Fleisch einen Fürsten geknetet. Oh, sein Weg war schon der rechte. Wie plump wäre es und simpel gewesen, ihm dazumal an die Gurgel zu springen. Jetzt hatte er sein Opfer herangemästet, hatte es erhöht, es ansehnlich und wert gemacht. Ein verhungertes Tier anzunehmen, weigerte sich der Priester wie der Gott. Das Opfer, dessen Blut er jetzt darbot, konnte bestehen.
Er ging in seinem Arbeitskabinett auf und nieder, angeregt, geschwellt, alle Kerzen brannten, auch in den anstoßenden Zimmern. Was hatte Rabbi Gabriel gesagt? An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm klingt. Mit allen Gedanken hatte er und Blut und Nerven die Tote gerufen; aber sie war nicht gekommen, nur in Dämmer und Nebel hat er sie ahnen dürfen. Jetzt wird er ihr ein Opferfest bereiten, zu dem sie heraufsteigen muß. Nicht nur leibhaft wird er ihr diesen Herzog opfern, auch seine Seele hat er so präpariert, daß sie just in dem Moment aus dem Körper sich lösen soll, wenn sie in ihrer Hoffart Blüte strotzt. Und die Seele des Hoffärtigen wird eingekörpert in Feuer; in Feuer zerzuckt sie, tausendfach zerrissen in jeder Sekunde, durch eine neue Ewigkeit. Steig auf, Naemi! Steig auf, Kind, mein Kind, mein bestes, mein reinstes, Lilie im Tal, steig herauf! Ein Scherbenmal eines zerschmissenen Königtums richte ich dir auf, einen Fürsten opfere ich dir, eine Seele einkörpere ich in ewig zerzuckendes Feuer! So ruf ich dich, Naemi, mein Kind! Steig herauf! Taube im Felsenriß, auf heimlichem Hang! Laß mich schauen deine Gestalt, laß mich deine Stimme hören! Denn deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.
Er hielt ein, rief sich zurück. Ei ja, dies mußte ja noch geschehen. Er wollte nicht, unter keinen Umständen wollte er, daß es scheinen könnte, er verquicke seine Sache gegen Karl Alexander mit irgendwelcher persönlichen Sicherung oder gar mit Vorteilen für sich. Vor anderen nicht und vor sich selber nicht durfte er leisesten solchen Verdacht aufkommen lassen. Sprang für das Land Profit dabei heraus, so war das nebensächlich, nicht zu erstreben, nicht zu vermeiden; für sich selber jedenfalls wollte er jeden Gewinn daraus im vorhinein zerstören. Er war jetzt da, um das Herz dieses Fürsten Karl Alexander von Württemberg fett und hoch zu züchten, und wenn es am fettesten strotzte und schwoll, zu zerdrücken. Für solche Opferung und Sühne war er da. Was dann kam, ach, wie fern das war und wie nichts!
Er befahl den Magister Schober zu sich. Der erschien, verschreckt, aus dem Schlaf gestört, in Angst, der Finanzdirektor möchte ihn in neue Nöte des Gewissens treiben. Unglücklich, in einem nachschleifenden Schlafrock, denn der Befehl des Süß hatte ihm keine Zeit gelassen, mit runden, furchtsamen Kinderaugen, stand er vor seinem Herrn. Süß war munter, vergnügt, gütig wie lange nicht. Er fragte nach den Gedichten des Magisters, wieso die Edition sich so lange verzögere, das Geld sei der Druckerei doch schon seit Wochen angewiesen. „Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“ fragte der Papagei Akiba. Der Magister stotterte etwas, er sitze schon über den Korrekturen, und in zwei, drei Wochen würden die Carmina säuberlich gedruckt sein. Süß, plötzlich abbiegend, legte ihm die Hand auf die Schulter, verzog pfiffig, schmunzelnd die Lippen, sagte vertraulich, jovial: „Er ist, Teufel noch eins! ein schlechter Protestant, Magister.“ Und da der Zitternde nur Unverständliches stammelte, fuhr er fort: „Ich mit meiner jüdischen, rechnerischen Moral hätte mir an Seiner Statt gesagt: Wenn ich den Juden verrat, dann verrat ich einen einzigen und dazu bloß einen Juden; aber wenn ich den Juden nicht verrat, dann verrat ich eine Million evangelischer Christen. Und dann wär ich hingegangen und hätte dem Sturm und dem Jäger oder sonst einem vom Elfer-Ausschuß die Geschichte haarklein erzählt. Ich muß sagen, Magister, Er ist von einer Treue und Diskretion, die schon zum Himmel stinkt.“
Jaakob Polykarp Schober stand schlottericht unter den hellen Kerzen, wagte nicht, den grausamen Schweiß wegzuwischen, der ihm über das fahle, dicke Kindergesicht troff, starrte aus runden, entgeisterten Augen den Juden an. „Jetzt hält Er mich wohl für verrückt?“ fragte der nach einer Weile, gutmütig. „Nein, Magister, ich bin durchaus nicht verrückt,“ sagte er, wieder nach einem Schweigen, trocken. „Oder zumindest nicht mehr als jeder andere.“
Es war totenstill in dem hellen Raum. Draußen tappte der Schritt der Nachtwache. Süß hatte sich gesetzt, krümmte sich, trotzdem die Zimmer überheizt waren, wie leicht frierend, schien den reglosen, in einer seltsam verknüllten, unbequemen Haltung stehenden Schober vergessen zu haben. Unversehens wieder begann er: „Ich will Ihm aus Seinem Dilemma heraushelfen. Geh Er hin zu den Herren vom Parlament, sag Er ihnen: die Zeit ist die Nacht zum Dienstag, die Losung: Attempto, und wenn die Herren Blutvergießen vermeiden wollen, dergestalt daß das ganze Projekt zusammenklappt wie eine Marionette nach zerschnittenem Draht, dann sollen sie den Montag abend eine Deputation nach Ludwigsburg schicken. Der Mameluck erwartet sie am Seiteneingang des linken Flügels und bringt sie zum Herzog.“
Dem Schober quollen, wie Süß das sachlich und geschäftsmäßig an ihn hinsagte, die Augen aus dem Kopf vor angestrengter Aufmerksamkeit, Unverstand und Erregung. „Bedingung ist,“ fuhr Süß mit der gleichen geschäftsmäßigen Kühle fort, „und diese Bedingung muß Er mir in die Hand schwören, daß niemals eine Menschenseele erfährt, daß ich Ihm das gesagt oder gar Ihn geschickt habe.“
„Exzellenz,“ stammelte endlich Schober, „ich versteh das nicht, ich versteh das durchaus nicht. Ich bin ja so selig, daß der Herr Sie erweckt hat und daß Sie den evangelischen Glauben salvieren wollen. Aber wenn das ketzerische Projekt zuschanden wird und man weiß nicht, daß Sie es haben kaputt gemacht, dann wird doch, mit Euer Gnaden Verlaub, die Landschaft zuerst Ihnen den Kriminalprozeß machen. Ich bin nicht stark _in politicis_, aber der Herzog wird Sie dann nicht können schützen.“
„Nein, der Herzog wird mich nicht schützen,“ sagte Süß trocken. „Laß Er’s gut sein, Magister,“ fügte er sanft, mild, väterlich fast hinzu. „Die Affäre ist zu kurios. Ein katholischer Herzog will ein evangelisches Land katholisch machen und ein Jud geht lieber an den lichten Galgen, eh daß er’s zuläßt. Daraus kann Er sich keinen Reim machen, und wenn Er noch so sehr ein Poet ist.“
Taumelig schlich, die Knie schwach und mit schleifendem Schlafrock, Jaakob Polykarp Schober nach dieser Unterredung über die dunklen Korridore des Hauses. Hin und her in seinem Zimmer trieb es ihn bis zum Morgen. Er sah nicht klar, es war alles voll Rauch und Nebel. Aber soviel war gewiß: Gott hatte ihn dennoch ersehen und auserlesen. Durch das Zimmer schleifte er, ruhelos, Saum und Quaste des Schlafrocks fegten den Boden. Die alte schwarzgraue Katze wachte auf, begleitete ihn. Sie war eine verwöhnte alte Katze und wollte, daß er sie in den Arm nehme oder ins Bett wie oft, und sie miaute. Aber er ging auf und ab und hörte sie nicht.
Der Jude, als der Magister ihn verlassen hatte, streckte sich, entblößte die starken Zähne. Vor dem Bild des Herzogs über seinem Schreibtisch, Karl Alexander hatte eigenhändig, mit sehr huldvoller Widmung, seine gewalttätigen Schriftzüge daruntergesetzt, verweilte er, sagte leise: „Adieu, Louis Quatorze! Fahr hin, deutscher Achill!“ Und noch einmal, wilder: „Fahr hin, deutscher Achill! Adieu, Louis Quatorze!“
Er dachte nicht mehr an das Kind. Es war ein Handel nur zwischen ihm und Karl Alexander, ohne das Kind. Er schwamm auf einem dunklen, violettroten Meer herz- und sinnausfüllenden Hasses. Wie es rauschte! Wie es in die Ohren ging und ins Innerste! Wie es wild und selig betäubend roch! Er hörte den Wutschrei des zu Tode getäuschten Fürsten, sah den blutigen Blick des Mannes, dem er das Erreichnis seines starken, ungestümen Lebens aus der Hand schlug, just wie er, eratmend, die Finger drum schließen wollte. Herrlich war es, das Knie auf die Brust des Feindes zu setzen, süß und herrlich war es, die Daumen auf die Gurgel des Feindes zu legen, wenn der Mund schnappte nach der lieben Gottesluft, zuzudrücken, fester, ganz langsam, das Auge höhnisch sieghaft in dem brechenden des andern. Das hieß leben! Das lohnte zu leben!
In sein wildes, süchtiges Geträume hinein glitt plötzlich leibhaft, lautlos und erschreckend ein Mensch. Otman, der Schwarzbraune. Er neigte sich, teilte mit, der Herzog habe dem General Remchingen die Ordre gegeben. – Welche Ordre? – Die Liste. – Ach so, die Liste der zu Verhaftenden, die Süß dem Herzog zusammengestellt hatte. Aber daß Karl Alexander ihm mitten in der Nacht so Belangloses melden ließ? Unwahrscheinlich. Sicher hatte der Schwarzbraune Wesentlicheres, Heimliches zu berichten. Aufmerksam sah Süß ihm in das verschlossene Gesicht. Da begann er auch schon, Namen aufzuzählen. Johann Georg Andreä, Johann Friedrich Bellon. Ei ja, die Verhaftungsliste, fein säuberlich alphabetisch geordnet. Aber was sollte das? Das weiß er doch, er hat doch selber die Liste aufgesetzt. Der Schwarzbraune zählte weiter her: Friedrich Ludwig Stöfflen, Johann Heinrich Sturm, Josef Süß Oppenheimer. Süß machte keine Bewegung. Auch der Schwarzbraune, die Liste geschlossen, sprach kein Wort mehr, neigte sich, ging.
Süß, allein, vergnügt fast, pfiff durch die Zähne, lächelte. Fein war das, diese Bestätigung noch zu haben. Er war im tiefsten amüsiert. Witzig, weiß Gott, war dieser Karl Alexander. Hätte er Remchingen wenigstens durch Spezialordre beauftragt, ihn zu verhaften. Aber so, ihn einfach generaliter einzufügen in die Liste, in die eigene Liste, die er selber aufgesetzt hat, das war – souverän witzig war das. Er sah die beiden, den Herzog und Remchingen, wie sie zusammensaßen, über die Liste sich beugten, wie der Herzog mit seiner klobigen, gewalttätigen Schrift hinschmierte: Josef Süß Oppenheimer, Finanzdirektor. Wie sie sich dann, der Fürst und sein General, in die Augen schauten, wortlos, arg schmunzelnd der Herzog, breit grinsend Remchingen. Guter Karl Alexander! Wohlaffektionierter, großherziger Fürst! Da sitzest du jetzt und amüsierst dich über deinen dummen Juden, der dir erst fein säuberlich die Krone aus dem Blauen herunterholt und den du hernach zum Lohn auf die Festung setzen wirst. Hoho! Zu spät aufgestanden, Durchlaucht! Dein Jud sitzt noch eine Spirale höher, hat dir schon die Schlinge um den Hals geworfen und amüsiert sich über dein ahnungsloses Amüsement. Du Fürst! Du großer Herr und Held! Du geiler, dummer Narr und Mädchenschänder und Metzger und Schuft!
Rastlos, in wellenden Gedanken, schritt er. Erinnerte sich, wie er einmal mit einem Hund gespielt, dem hungernden den Fraß immer wieder im letzten Augenblick weggerissen hatte, bis der Köter ihn scharf in die Hand biß. Er sah noch den heißen Haß, die rote, blutige Wut im Aug des gereizten und immer wieder betrogenen Tieres. Mit dir spiel ich ein wilderes Spiel, Karl Alexander. Dir reiß ich einen köstlicheren Happen weg. Streck dich in der Lust auf die Beute wie ein Tier zum Sprung! Schick aus deine Gieraugen! Schnapp, Fürst! Schnapp zu, mein Herr Herzog!
Zwei Tage noch, nicht einmal zwei Tage; nur mehr fünfundvierzig Stunden. Er lächelte tiefer, schritt einsam durch die kerzenhelle Flucht seiner Säle. Starr und weiß standen die Büsten des Solon, Homer, Aristoteles, des Moses und Salomon, unter den kleinen Pagoden ergingen sich bezopfte Chinesen, vielfigurig auf der Decke raste der Triumph des Merkur, aus den Vitrinen der kostbare Schmuck strahlte, und in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba krächzte: „_Bon jour, madame!_“ und „_Ma vie pour mon souverain!_“ Doch der einsame, ruhelos durch seine hellen Säle wandelnde Mann hörte nichts, sah nichts, war bis zum Rand gefüllt von seinen Gedanken, Bildern, Gesichten.
Der Mameluck, wie er um die gleiche Stunde ins Schloß zurückkam und sich im Schlafgemach des Herzogs auf seine Matte im Winkel streckte, hörte, wie Karl Alexander in schweren Träumen stöhnte, um sich schlug, gurgelte.
* * * * *
Es war schon spät am Abend, als Unser Lehrer Rabbi Gabriel Oppenheimer van Straaten in Hamburg im Hause seines Freundes Unseres Lehrers Rabbi Jonathan Eybeschütz eintraf. Das Haus war voll von Besuchern, Verehrern, Ratheischenden, und trotzdem die Schüler sie immer wieder bedeuteten, der Rabbi sei über den Büchern, in Meditation, es sei keine Aussicht, daß er sie empfange, wollten sie nicht weichen, erhofften sie noch immer wenigstens seinen Anblick. Viele waren von weither gekommen, ihn zu sehen, aus den früheren Gemeinden des Rabbi, Krakau, Metz, Prag, aber auch noch viel weiter her, aus der Provence, ja vom Schwarzen Meer. Denn der Name des Rabbi Jonathan Eybeschütz, Rabbiners von Hamburg, war in Demut verehrt über weites Land.
Aber auch verhaßt und angefeindet mit schärfster Waffe über weites Land. Ei, wie hatte Unser Lehrer Rabbi Jaakob Hirschel Emden, Rabbiner von Amsterdam, ihn verhöhnt, mit kältestem Spott zerfetzt, zerrupft, als Feind Israels, des Talmuds, der Rabbinen, des wahren Wortes ihn gebrandmarkt und verlacht. Rabbi Jonathan Eybeschütz: der Name riß die Judenheit auseinander; in allen Schulen und Bethäusern, auf allen Synoden war Kampf um diesen Namen, war Segen und Hymnus um ihn und Spott und Bannstrahl.