Part 39
Die Diplomaten und Militärs, die in Ludwigsburg vom Tod Karl Alexanders überrascht worden waren, blieben zunächst sehr still und abwartend. In der Person des verhafteten Süß hatten sie für alle Fälle einen Beweis ihrer staatstreuen Gesinnung. Schon nach wenigen Tagen war auch den Schwerfälligen klar, daß die Verfassungspartei selbstverständliche Siegerin bleiben mußte, und daß an Militärrevolte und katholisches Projekt nicht mehr zu denken war. Nur ganz wenige völlig Verbohrte unter Führung eines Prinzen Waldeck lehnten es ab, sich auf den Boden der Tatsachen zu stellen. Die anderen hatten nie an gewaltsamen Umsturz gedacht, alle ihre Maßnahmen waren natürlich immer im Rahmen der Verfassung und unter Voraussetzung parlamentarischer Billigung geplant gewesen. Es gab einen einzigen Verbrecher und Gewaltmenschen, Urheber alles Schlechten, Hebel allen Unheils, Ratgeber allen Uebels, der den guten Fürsten verleitet und alle seine edlen Pläne ins Gegenteil verkehrt hatte, Landverderber und Schelm und Schurken, einen einzigen, den Juden. Und wie rein und staatstreu man sich selber fühlte, erhellte daraus, daß man sotanen Juden nicht hatte entwischen lassen, daß man ihn sogleich gepackt hatte.
Nun war ja die Verhaftung des Süß eigentlich sehr einfach gewesen und nicht gerade sehr glorios und dem Prestige der Herren förderlich. Man mußte also die simple Manier, wie man in Ludwigsburg seiner habhaft geworden, ein weniges ausstaffieren und nobler und romantischer machen. Durch Stuttgart ließ man das Gerücht wispern, schon ward es lauter, war Gewißheit, Süß habe sich gleich nach dem Tode des Herzogs aus Ludwigsburg fortgestohlen, sich in die Hauptstadt in sein Haus geschlichen, sich dort verborgen gehalten, schließlich unter Mitnahme von Preziosen und belastenden Papieren ins Ausland zu fliehen versucht. Aber die braven Offiziere, voran der wackere Major Röder, der Biedermann und gute Protestant, den die ganze Stadt liebte und ehrte, hatten Aufenthalt und Flucht des Kujonen gerade noch rechtzeitig ausgespäht. Man erzählte genaue Einzelheiten. Süß habe sich durch die Weinberge geschlichen, sei auf der hintern Kriegsbergstraße schon eine gute Strecke weit entkommen. Da aber hatte der Major Röder seine besten Stadtreiter genommen – sogar die Namen wußte man, Guckenberger, Trefts, Weis, Mann, Meier, – und so zu sechsen seien sie ihm nachgebraust. Auf der Kornwestheimer Höhe hätten sie den Flüchtling eingeholt. Mit gespannter Pistole habe der wackere Röder ihm sein Halt! entgegengedonnert. Nichts habe dem Juden seine Unverschämtheit, sein Geschrei und seine Drohungen geholfen. Die wackeren Stadtreiter hätten seinen Wagen gewendet, und jetzt, jetzt gleich werden sie ihn über die Galgensteige durch das Ludwigsburgertor einbringen.
Eine festlich gröhlende Menge erwartete die Kutsche mit dem Häftling. Derbe Witze, frohe Erregung, Lausbuben hoch auf den Bäumen, auf den Vorsprüngen des Tors. In dem Wirtshaus zum Grünen Baum, hart am Tor, saß mit anderen wohlhabenden Bürgersöhnen der junge Langefaß, ein aufgeräumter, fetter Bursch, sehr blond, rotes Gesicht mit blauen, kleinen Augen. Der bewirtete seine Kumpane mit altem Uhlbacher, scherzte lärmend mit den Mädchen, es war eine lustige Gesellschaft, angeregt wie beim letzten Karneval. Als endlich unter gellendem Geschrei die Kutsche mit Süß das Tor passierte, von Röder und seinen Reitern eskortiert, stürzten sich etliche vom Tisch des jungen Langefaß auf den Wagen, rissen den Gefangenen heraus, stauchten ihn hin und her, pufften ihn, schlugen ihn, stießen ihn, zerrten ihn. Der junge Langefaß ließ derweilen den Major Röder hochleben, der nahm das Glas an, tat schmunzelnd Bescheid, während das Volk den Juden verprügelte. Süß benahm sich übrigens keineswegs geduckt und ängstlich, er hieb kräftig zurück, einem Knirps, der sich in seine Wade verbiß, gab er eine Maulschelle, daß der Junge unter die Beine der Nachdrängenden kollerte; auch erwiderte er kräftig die Flüche und Beschimpfungen seiner Angreifer. Es war keine fanatische, sondern eine sachliche, saftige Rauferei. Aber schließlich wäre der Jude, trotzdem es dem Volk eine im Grund harmlose Angelegenheit war, aus purem Gaudium totgeschlagen worden, wenn nicht Stadtgrenadiere dazu gekommen wären und ihn mit Hilfe der Stadtreiter dem Volk entrissen hätten. Erschöpft und atemlos hockte er im Wagen, zerrauft und zerrissen, voll Schmutz und Blut. Der junge Langefaß, der ein Spaßvogel war und deshalb bei den Frauen sehr beliebt, hatte witzigerweise die Perücke aufgehoben, die dem Juden bei dem Geraufe entfallen war, und trug sie zum allgemeinen Ergötzen auf seinem Stöckchen voraus. So fuhr unter Kreischen und Jubel Süß auf den Markt in das Herrenhaus.
Da dieser ihm entzogen war, fing sich der Pöbel unter Anleitung des jungen Herrn Langefaß die anderen Juden zusammen und trieb seine Kurzweil mit ihnen. Besonderen Spaß machte es, einem alten Juden, der sich verzweifelt wehrte, das grauweiße Haar und den Bart auszurupfen, wobei Langefaß unter dröhnendem Beifall etliches Witzige über Läuse von sich gab. Ein junges, zitterndes, nicht hübsches Mädchen, eine gewisse Jentel Hirsch, wurde unter vielem Gewieher nackt ausgezogen und nach Flöhen abgesucht. Alle Stuttgarter Juden, vom Greis zum Säugling, wurden auf solche Art von dem geschäftigen Pöbel zusammengefangen und unter einer riesigen Eskorte von Straßenjungen, unter Stein- und Kotwürfen, dem Stadtvogt überstellt. Zwei Prager Juden kamen just während dieser Vorgänge mit Eilpost an, um mit dem allvermögenden Finanzdirektor gewisse Bankgeschäfte zu regeln. Sie waren nicht sehr vertraut mit schwäbischer Politik, sie hatten insbesondere keine Ahnung, wieso das katholische Projekt mit ihren Landbank-Geschäften zusammenhing; sie wußten nur, daß Süß der mächtigste Jud Europas war und daß die Judenheit Württembergs besonderen Schutz genoß. So mehr waren sie erstaunt, als sie, kaum dem Postwagen entstiegen, gepackt, geschüttelt, geprügelt, in Verhaft gebracht wurden, und als sie hörten, in welchen jämmerlichen Zustand der großmächtige Finanzdirektor gestürzt war. Es kamen übrigens bei diesen Verfolgungen verschiedene Juden ums Leben, darunter drei Frankfurter Schutzjuden, weshalb die freie Reichsstadt bei der württembergischen Regierung energische Klage führte. Der Herzog-Administrator sagte denn auch: Pflicht! Autorität! Gerechtigkeit! und setzte drei von den Schuldigen für zwei Tage auf die Wache.
Ein rascher Poet brachte die Gefangennahme des Süß in eingängige Reime. Bald flog seine Dichtung durch Stuttgart und durchs ganze Land; insbesondere zwei Verse wurden allenthalben zitiert und prägten sich jung und alt fürs Leben ein: „Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder stirb entweder!“ Die Popularität des Majors Röder hatte überhaupt durch die umsichtige Art, wie er die Flucht des arglistigen und gottlosen hebräischen Landverderbers verhindert hatte, womöglich noch zugenommen, und wo er mit seinem harten Mund, seiner niederen Stirn, seiner knarrenden Stimme auftauchte, brachten ihm begeisterte Bürger Ovationen.
Am Tage, an dem Süß nach Stuttgart eingebracht wurde, versuchte man auch sein Palais in der Seestraße zu stürmen und zu plündern. Führerin bei diesem Unternehmen war die Sophie Fischerin, die Tochter des Expeditionsrats, frühere Mätresse des Süß. Die träge, schöne, üppige Person hatte sich seltsam verändert. Sie schrie, glühte, arbeitete sich ab, dicke, blonde Strähnen zottelten ihr, Schweiß troff ihr übers Gesicht. Die Häuser der anderen Juden waren schutzlos geblieben, und manches gute Stück Hausrat, auch Schmuck und bares Geld, kam bei diesem Anlaß unter die Leute. Das Haus des Süß hingegen war durch ein starkes Militäraufgebot geschützt, Nicklas Pfäffle hatte rechtzeitig Vorsorge getroffen. Noch ein anderer hatte sich kräftig und mit Erfolg um den Schutz des Hauses bemüht, Dom Bartelemi Pancorbo. Als Regierungskommissar erschien er mit Polizei und Militär und beschlagnahmte Haus und Habe. Geleitet von Nicklas Pfäffle schlurrte er langsam durch die weiten, glänzenden, sehr geordneten Räume, äugte aus entfleischtem, blaurotem Kopf in alle Winkel. Verächtlich ging er vorbei an edlen Teppichen, Möbeln, Bildern, Nippes. Gerade von den kostbaren Steinen, nach denen sein Herz und seine Finger hungerten, war nichts da. Behutsam und mißtrauisch forschte er Nicklas Pfäffle aus; unbewegt, phlegmatisch antwortete der blasse, fette Mensch. Der Portugiese wurde drohend, aber seine modrige Stimme glitt wirkungslos ab an dem Gleichmut des Sekretärs. Schließlich verhaftete man Nicklas Pfäffle, forschte ihn peinlich aus, durchschnüffelte seine Korrespondenz. Man fand nichts und mußte den langsamen, schweigsamen, unbewegten Burschen bald wieder freilassen.
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Süß wurde zunächst auf die Festung Hohenneuffen gebracht und dort nicht schlecht gehalten. Er wurde auf eigene Kosten reichlich und nach seinem Geschmack verpflegt, durfte Besuch empfangen, sich nach Belieben Garderobe und Hausrat bringen lassen. Er machte von diesen Freiheiten nicht übermäßigen Gebrauch. Er war gern und viel allein. Dann ging er wohl auf und ab, vergnügt, schmunzelnd fast, unmelodisch vor sich hinbrummend, den Kopf geruhsam listig hin und her wiegend wie ein alter Kaftanjude.
Ei, wie war es gut und lieblich, in Ruhe zu sein und zuzuschauen. Rings um ihn zappelten sie sich ab. Die einen zappelten sich ab, um ihn möglichst tief zu ducken und einzutauchen, er selber zappelte, um ihnen zu entwischen, wieder an die Luft zu kommen. Hoho! Mochten sie zupacken, mochten sie ihn fangen! Die Narren die! Sie wußten nicht, daß das gar nicht er selber war, der da zappelte, den sie haschen wollten. Daß das der alte Süß war, der törichte, unwissende Süß, der noch nicht gelernt und erkannt hatte. Der wirkliche Süß, der neue Süß, hoho! – er lachte in einem wilden, hohnvollen Behagen –, der war jenseits aller Lebenszappelei, den fing kein Herzog, kein Kaiser, kein Gericht.
So hatte es die Kommission nicht eben leicht, die konstituiert war, um die vielen arglistigen, gottlosen, landesverderblichen Gewalttaten und Streiche zu untersuchen, die Josef Süß Oppenheimer, Jud und gewester Finanzienrat, mit seinen Genossen verübt hatte. Es war eine gewichtige Untersuchungskommission. An ihrer Spitze stand der Geheimrat von Gaisberg, Bruder des Generals, ein im Grunde träger Mann, der allen Dingen mit einer gewissen jovialen Barschheit beizukommen suchte; Beisitzer waren der Geheimrat von Pflug, ein hagerer, bitterer, hochmütiger Herr, angefüllt von Haß und Ekel gegen die Juden, die Professoren Harpprecht und Schöpf, die Regierungsräte Faber, Dann, Renz, Jäger, strebsame, karrierebeflissene Beamte in mittleren Jahren; Sekretäre waren der Assessor Bardili und der Aktuarius Gabler. Es bestand für diese Kommission kein Zweifel, daß Süß eine ganze Reihe todeswürdiger Verbrechen begangen hatte. Aber es zeigte sich bald, daß man ihm streng juristisch wenig anhaben konnte. Die Hauptschwierigkeit, ihn nach den Gesetzen zu verurteilen, lag darin, daß er nicht vereidigter Beamter, ja nicht einmal Staatsuntertan war. Er hatte lediglich unter dem Titel eines Geheimen Finanzienrats völlig als Privatperson dem Herzog Ratschläge erteilt. Wenn die vereidigten Minister und Räte diese verderberischen Projekte ausführten, so waren sie die Hochverräter, nicht er. So verzettelte sich die Untersuchung in der Prüfung von tausend Einzelheiten, aus denen man die Möglichkeit der Verurteilung zu konstruieren suchte. Man verzögerte die Inquisition, schleppte sie endlos hin. Warum auch sollten die Richter Eile haben? Man fühlte sich so angenehm wichtig in dieser Untersuchungskommission. Alle Bekannten fragten einen: „Nun, was habt ihr wieder Neues aus dem Juden herausgekriegt?“ Es waren gewissermaßen die Augen des ganzen schwäbischen Kreises auf einen gerichtet. Dann war auch die Teilnahme an der Kommission mit sehr hohen Extrabezügen verbunden, die natürlich aus dem beschlagnahmten Vermögen des Angeklagten bezahlt wurden. Vor allem den strebsamen Beamten in mittleren Jahren kamen diese Sondereinnahmen sehr gelegen.
Die Herren verhörten Süß bald einzeln, bald in korporativen Sitzungen. Man inquirierte auf Münzverbrechen, Majestätsverbrechen, Hochverrat. Der biedere, streng rechtliche Professor Harpprecht, überzeugt, daß Süß ein Schuft, aber im Sinn des Gesetzes nicht schuldig sei, angewidert von dem Bestreben, den Juden haftbar zu machen für Verbrechen, für die andere rechtlich einzustehen hatten, zog sich bald zurück, beschränkte sich darauf, die Akten zu begutachten; sein Kollege, der Professor Schöpf, folgte ihm. Der Präsident der Kommission, der Geheimrat Gaisberg, kam allein zu Süß, haute ihm auf die Schulter, sagte in seiner barschen, jovialen Art: „Was macht Er uns und sich das Leben sauer, Jud? Daß Er auf dem Schinderkarren muß zur Hölle fahren, ist sicher. Nehm Er nicht zuviel Gepäck mit! Leg Er ein anständiges Geständnis ab!“ Süß lächelte, ging auf seinen Ton ein, meinte schließlich, höher als der Galgen sei, könnten sie ihn doch nicht hängen. Er spielte mit dem plumpen, gemütlichen Grobian, warf ihm Dinge hin, daß der schon glaubte, zupacken zu können, entzog sich ihm wieder, höflich lächelnd, ließ ihn mit langhängender Zunge stehen.
Auch die anderen versuchten, jeder für sich, ihr Glück an dem geschmeidigen Sünder. Sie besuchten ihn immer wieder, beschlichen ihn, redeten ihm gut zu, bedrohten ihn. Süß, aus seiner jenseitigen Sicherheit heraus, trieb ein fast sportliches Spiel mit ihnen, voll mildspöttischer, kopfwiegender Ueberlegenheit. Wie aus einem andern Erdteil, wie aus einem späteren Säkulum schaute er seinem Prozeß zu, amüsierte sich still über die Herren, ihre Besonderheiten, ihre Kniffe und Listen, ihn zu fangen. Die Armen! Wie sie sich abmühten, jagten, schwitzten! Wie sie schnüffelten, hetzten, besessen auf den Weg stierten, von dem sie glaubten, er führe hinauf. Karriere! Karriere! Und wie neugierig sie alle waren, und wie ganz fern und ohne einen Schimmer Lichtes sie ihn beschauten, wie ohne Gefühl sie ihn betasteten, ohne Witterung ihn berochen. Dabei war der eine oder andere guten Willens, gewann im Lauf der langen Untersuchung sogar ein gewisses Wohlwollen für den Mann, der sicher ein Spitzbub, aber mit seinem behenden Witz, seiner scharfen Geistigkeit etwas sehr Ungewohntes, Aufrüttelndes war. Mit fast zärtlichem Spott sah Süß, wie sogar die beiden Sekretäre kamen, jung, dumm, schlau, streberisch, ihr Glück und ihre Geschicklichkeit an ihm zu versuchen. Die Armen, Stumpfherzigen! Süß ließ sie an sich heraufklettern wie junge Hunde und streifte sie dann sanft und lässig wieder ab.
Alle waren diese Männer mäßig begabt. Mäßig begabt von Haus aus war auch der Geheimrat Johann Christoph Pflug, der Treiber und Hebel der Untersuchungskommission. Doch ihm schärfte Judenhaß den Witz, machte ihn spürsinnig. Wäre der ehemalige Süß in der Zelle gewesen, es hätte ihm die Seele zerfressen, wieviel tausend Nuancen der hagere, scharfe, bittere Herr erfand, ihn Ekel und Verachtung spüren zu lassen. Herr von Pflug atmete nur mit Ueberwindung den Dunstkreis des Juden, er fühlte leiblichen Widerwillen, Uebelkeit, wenn er die Zelle betrat. Aber er hielt es für seine Pflicht, diesen Verkommenen, diesen Schlechtesten der Menschen immer neu zu demütigen, seine Menschenwürde zu zerfetzen, in der Schmach dieses Halunken herumzustochern. Daß ihm dies nicht gelang, machte ihn elend, erschöpft verließ er die Zelle, um doch immer wiederzukommen. Süß schaute ihm höhnisch und mit Erbarmnis zu. Hätte der adelsstolze Herr erfahren, daß der verworfene Jud und Lump den Heydersdorff zum Vater hatte, den Feldmarschall und Baron, seine ganze Welt wäre zusammengestürzt.
Kein Advokat gab sich freiwillig dazu her, die Sache des Juden zu führen. Seine Verurteilung stand fest. Man gefährdete bei solchem Handel höchstens das eigene Weiterkommen. So mußte das Gericht dem Angeklagten einen Verteidiger stellen. Die Kommission dotierte dieses Amt sehr reich, immer aus dem konfiszierten Vermögen des Finanzdirektors, und betraute damit einen Mann aus den herrschenden Parlamentarierfamilien, den Hofgerichtsadvokaten Lizentiaten Michael Andreas Mögling. Der mußte sich also nach Stuttgart setzen und die Verteidigungsschrift abfassen, wofür er ungewöhnlich hohe Diäten bezog. Man legte ihm nahe, er solle sich nicht anstrengen, alle Welt wußte, daß diese Verteidigungsaktion eine leere Geste war. Aber der Lizentiat Mögling, ein treuherziger Blonder mit rosigem, rundem, freundlich fettem Knabengesicht war ein redlicher Mensch, er ließ sich nichts schenken, nahm seine Sache verflucht ernst, lief, schwitzte, schrieb. Die Herren des Inquisitionsgerichts lächelten, wenn sie ihn sahen, der Jude selber lächelte. Man erschwerte dem guten Menschen seine Arbeit sehr. Wichtige Aktenstücke wurden ihm vorenthalten, die Protokolle der einzelnen Verhöre ihm geradezu verweigert. Während man sonst den Süß kaum hinderte, ungestört Besuche zu empfangen, wurde der arme Lizentiat sehr schikaniert, wenn er mit seinem Klienten schriftlich oder mündlich kommunizieren wollte. Er aber ließ es sich nicht anfechten, sondern tat redlich, beflissen und ohne Talent seine Advokatenpflicht.
Süß war noch immer auf dem Hohenneuffen, gut gehalten. Um ihn herum waren die Herren des Inquisitionsgerichts, mästeten Leib und Seele und Geldbeutel an ihm. Er aber saß still und befriedet, in einer sonderbaren, wachen Rast, er saß wie in Watte, man konnte nicht heran an ihn.
Dies nagte vor allem an dem hageren, bitteren Herrn von Pflug. Man kam nicht weiter, die Untersuchung stockte, dieser Jud und Auswurf moquierte sich über einen. Er bat Herrn von Gaisberg, eine Plenarsitzung einzuberufen, er habe einen Antrag zu stellen. Die zehn Mitglieder der Kommission versammelten sich, sahen erwartungsvoll auf Herrn von Pflug. Der stand kantig schmal, geiernäsig, dünnlippig, mit trocken gierigen, harten Augen. Sagte, man habe bisher immer nur auf Majestätsverbrechen, Hochverrat, Münzfälschung inquiriert; es sei an der Zeit, die todeswürdigen Verbrechen zu untersuchen, die der Jud auf anderem Gebiet begangen habe. Das Reichskriminalgesetz bestrafe mit dem Tod den fleischlichen Umgang eines Juden mit einer Christin. Es sei aber männiglich bekannt, auf welch säuische Art der Inquisit christliche Jungfrauen defloriert, vornehme Damen und geringe Frauenspersonen profitiert habe. Es sei an der Reihe, die Untersuchung auch auf diesen Punkt auszudehnen.
Unbehaglich schwiegen die Herren. Das war eine kitzlige Sache. Wenn man hier hineinstocherte, wo endete das? Wen alles konnte man nicht kompromittieren, wenn man diese Affäre anschnitt? Es war ja sehr reizvoll, Vorhänge und Bettlaken zu lüpfen, am Wann und Wo und Wie und Vorn und Hinten sich zu erlustieren; schon malte sich auf den Gesichtern einzelner Herren eine leicht genierte Lüsternheit. Aber das ganze Römische Reich in diesen Sumpf schauen zu lassen, solche Courage wollte gut überlegt sein. Wer auch mochte wissen, wie viele Familien dahinein verstrickt waren, mit wem allem man sich im Lauf solcher Untersuchung verfeinden konnte. Es war eine kitzlige, eine sehr kitzlige Affäre.
Sehr ferne von solchen Erwägungen erwiderte endlich Johann Daniel Harpprecht, er sei nicht der Meinung, daß diese hohe Kommission genötigt sei, in diesen Dreck und Schweinerei ihre Nase zu stecken. Wohl sei es ein betrübtes Ding, daß so viele christliche Jungfern und Frauen sich dem Juden prostituiert hätten. Aber nur für die Fleischessünden des gewesten Finanzdirektors hätte gewiß weder der Herzog-Administrator noch das Kabinett noch das Parlament ein Sondergericht eingesetzt. Diese Vergehungen des Süß hätten Fürsten und Land nicht gefährdet. Auch sei jenes Kriminalgesetz, das auf die leibliche Vermischung von Jud und Christ den Tod setze, zwar nicht formaliter aufgehoben, aber seit zwei Jahrhunderten praktisch nicht angewandt und somit außer Schwang und Uebung. Ferners gebe er zu bedenken, daß nach solchem Gesetz nicht etwan allein der Jud, sondern auch die betroffenen Christinnen Strafe des Verbrennens leiden müßten. Man möge also, eh daß man in dieser Richtung prozediere, sich die Konsequenzen gut überlegen.
Mit kaltem Fanatismus entgegnete der Geheimrat Pflug, er brauche den weisen und strengen Herren nicht zu sagen, daß sie nicht bestellt seien, hier Politik zu treiben, sondern das strenge Recht zu suchen. Hier gelte es nicht staatsklug zu sein, sondern nur, ohne Ansehen der Person, gerecht.
Die anderen hatten mittlerweile das Für und Gegen weiter überdacht. Sie sahen sich an, erspähten prüfend heimliche Hintergedanken, geheimes Einverständnis einer im andern. Dehnte man die Untersuchung auf die Bettsünden des Juden aus, ei, den Ruf und das Schicksal wie vieler Frauen, wie vieler Familien würde man in die Hand kriegen. Man kannte Namen, es waren große, weitverzweigte Familien. Man konnte sich ja darauf beschränken zu inquirieren, konnte dann das weitere Prozedere dem Herzog-Administrator und dem Kabinett überlassen. Man brauchte ja auch nicht alles zu untersuchen, man hatte weite Vollmachten, konnte nach Belieben die hereinziehen, jene laufen lassen. Jedenfalls bedeutete solche Ausdehnung der Untersuchung für den einzelnen ungeheuren Zuwachs an Macht, Wichtigkeit, Einfluß. Man hing wie eine blitzschwangere Wolke über dem Land, konnte nach Gutdünken treffen und verschonen. Und wie viele Heimlichkeiten wird man zu hören kriegen, die man für den Augenblick gar nicht zu nutzen braucht, die man aber nach Gutdünken später verwerten kann. Wie ein spanisches Inquisitionsgericht war man mächtig und unheimlich, wie der verborgene Rat der Republik Venedig. Das zog an, das juckte, das lockte. Was wird man für verschlossene, vielsagende Gesichter machen können! Wie viele werden einen ängstlich demütig umschleichen, beklommen lauernd, ob man sie packen oder gnädig übersehen wird. Und wie viele pikante Details wird man erfahren, mit denen man einen Freund und Bruder, Frau oder Geliebte vertraulich erfreuen, später einem fröhlichen Zecherkreis Gaudium und Schall und Gelächter bieten kann. Ein leises Schmunzeln zog über das grob joviale Gesicht des Geheimrats Gaisberg, die jüngeren Herren ließen die Mienen schlaff werden und sich entspannen, senkten halb die Lider, blinzelten. Man beschloß nach dem Vorschlag des Herrn von Pflug.
Süß wurde zuerst in einer Plenarsitzung über diesen Punkt vernommen. Die Professoren Schöpf und Harpprecht waren ferngeblieben. Süß war beleibter geworden, weniger straff, der Rücken runder. Sein Gesicht schien breiter, seine braunen Augen waren weniger gewölbt, langsamer, milder. In die Stirne begannen sich über der Nasenwurzel Furchen einzuzacken. Seine Bewegungen waren sachter, es war eine milde und listige Ruhe um ihn.
Als man ihn fragte, ob er fleischlichen Umgang mit Christinnen gehabt habe, schaute er die Richter zunächst verwundert an. Das Gesetz, das solchen Verkehr mit dem Tode bestrafte, war ihm nicht gegenwärtig, so außer Uebung war es. Er hielt die Frage für höhnische Neugier, lediglich bestimmt, ihn auf irgendeine Art zu demütigen, wußte nicht, worauf man hinauswollte, schwieg. Der Geheimrat von Gaisberg drängte ungestüm weiter, er solle keine Faxen machen, sondern unverweilt die Menscher herzählen, mit denen er geschlafen habe. Der Jude sah die Herren aufmerksam an, glitt mit wägendem Blick von einem zum andern, sagte sachlich, ohne Spott, er vermöge durchaus nicht einzusehen, was das solle mit Hochverrat und Münzfälschung zu tun haben. Scharf fuhr ihn Herr von Pflug an, das sei ihre, der Richter, Sache, er möge seine jüdische Frechheit zähmen.