Jud Süß

Part 14

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Auch unter Eberhard Ludwig und der Gräveniz waren Aemter und Stellen verschachert worden. Süß raffinierte das System, setzte eine eigene Behörde dafür ein, das Gratialamt, jede freiwerdende Stelle kunstgerecht an den Meistbietenden zu versteigern, neue Aemter, Titel, zu solchem Behuf zu schaffen. Gekauft werden mußte jeder Posten, vom Expeditionsrat bis herunter zum Schultheiß und Dorfrichter, ja bis zum Badmeister und besoldeten Abdecker. Nicht alte Tradition, nicht noch so erwiesene Befähigung gaben den Landeskindern Anspruch auf ein Amt; wer kein Geld hatte, mochte zusehen, sich auf andere Art oder im Ausland fortzubringen. In Preußen machte der Stuttgarter Christoph Matthäus Heidegger rasche Karriere, in Württemberg hatte es ihm nichts genützt, daß seine Väter ein Jahrhundert hindurch Richter gewesen waren. Dem mittellosen Friedrich Christoph Koppenhöfer konnte selbst der warme Fürspruch Bilfingers nicht zu einer Professur in Tübingen verhelfen; in Sankt Petersburg, bei den Hyperboreern, mußte sich der ausgezeichnete schwäbische Physiker Ansehen und Würden erlehren. Dafür saßen jetzt aus allen Winkeln der Welt gewandte Geschäftsleute in den herzoglichen Aemtern. Wie sollte man Sachkunde finden, fördernde Verwaltung bei Beamten, die ihren Posten teuer bezahlt hatten, die keine andere Legitimation hatten als solche Zahlung, kein anderes Ziel kannten als wucherische Verzinsung des angelegten Kapitals.

Aber die ergiebigste kommerzielle Affäre, eine Quetsche, die nie versagen konnte, blieb die Justiz. Die Methode des Süß war von genialer Simplizität. Das Recht wurde nach den Prinzipien kaufmännischer Rentabilität verwaltet. Wer Geld hatte, konnte es kaufen und, was er wollte, mit Brief und Siegel legalisieren. Wer kein Geld hatte, dem nützte das bestverbriefte Recht nichts.

Sehr geschickt verwertete Süß jenes Reskript, mit dem Karl Alexander seine Regierung angetreten hatte. Die Grävenizschen Beamten waren darin vor Gericht gefordert, Landeskommissionen eingesetzt worden zur Bestrafung von Bestechung und Unterschleif; das Volk hatte diese Verordnung bejubelt, das erhabene Antlitz der Themis leuchte daraus, dichtete der Hofpoet. Süß machte mit wenigen meisterlichen Strichen aus diesem Antlitz ein anderes, wulstbackiges, frech blinzelndes: Gott Mammons. Ein Fiskalatsamt wurde eingesetzt zum Vollzug der herzoglichen Ordre. Spionierer reisten im Land herum, fanden sich freiwillig, spürten die reichen und vermöglichen Leute auf, die ohne Schutz standen, nicht versippt waren mit Herren am Hof oder vom Parlament. Dann hängte man ihnen einen Prozeß an, sie hätten ihr Vermögen unrechtmäßig erworben, schlug durch Drohungen, Erpressungen, falsche Zeugen auch den Redlichsten so lange weich, bis er, die Untersuchung los zu sein, die geforderte Summe zahlte. Selbst gegen längst Verstorbene wurden Prozesse instruiert, wenn sie nur Vermögen hinterlassen hatten.

Ueber die Grenzen hinaus Aufsehen erregte der Fall des Kammerrats und Hauptzollers Wolff. Dem eigenbrötlerischen, rechthaberischen Mann wurde grundlos der Prozeß gemacht. Der Expeditionsrat Hallwachs, eine Kreatur des Süß, schlug ihm einen Vergleich vor, Wolff bequemte sich nicht, bestand auf seinem Recht. Das Verfahren ging weiter, es wurde ihm seine Bissinger Mühle genommen. Als ihm die Pfändung seines Weinbergs angesagt wurde, sprang der sanguinische Mann dem herzoglichen Beamten, der ihm die Verfügung überbrachte, an die Gurgel. Jetzt wurde seinem Sohn der bereits erteilte Heiratskonsens wieder entzogen, der junge Mann zum Militär gepreßt. Der entschlossene, gereizte Mann beugte sich nicht, drang bis zum Herzog vor, hielt bei währendem Konferenzrat eine wilde Anklagerede gegen das Fiskalatsamt, wurde mühsam von den Schweizern entfernt. Karl Alexander, stark beeindruckt, forderte die Akten ein, ließ sich aber dann von dem Hofkanzler Scheffer beschwatzen, es sei alles in Ordnung und Fug, Wolff sei ein Radaubruder und Querulant. Nun wurde der Kriminalprozeß gegen ihn verschärft, Gefängnis gegen ihn verfügt. Er floh ins Ausland, verkam. Seine hinterlassenen Güter beschlagnahmte das Fiskalatsamt.

Sechseinhalb Tonnen Goldes quetschte innerhalb eines Jahres diese Justizbehörde in die herzoglichen Kassen. Einundeinviertel Tonnen davon berechneten die Kassiere des Süß als Spesen und Provision, über eine halbe Tonne außerdem behielt Süß zurück, sie verrechnend für gelieferte Preziosen.

In Stuttgart, trotzdem Süß noch immer kein offizielles Staatsamt innehatte, wußte man längst, daß nicht vom Schloß aus regiert wurde, auch nicht von der Residenz in Ludwigsburg, auch nicht vom Landschaftshaus. Alle diese verfluchten, kniffligen Reskripte, die so harmlos, ja wohltätig aussahen, und die einem hernach um den Hals hingen wie Mühlsteine, daß man keine Luft kriegte und schnappte, gingen aus von dem Haus an der Seegasse. Jetzt ballte man Fäuste vor diesem Haus, knurrte Verwünschungen, spie aus, ein Kühner klebte wohl einmal ein Pasquill an, aber alles nur nächtlich, heimlich, spähend nach allen Seiten. Denn der Jude hatte überall seine Leibhusaren und Spione, und wer sich gegen ihn verging, konnte unversehens auf dem Neuffen sitzen oder in den Kasematten von Hohenasperg, kreuzweis geschlossen und in ewiger Nacht.

Im Blauen Bock aber saßen politisierend, raunzend die Kleinbürger, unter ihnen der Konditor Benz. Er hütete sich wohl, sich ein zweites Mal das Maul zu verbrennen. Aber jetzt war es ja einfach, jetzt brauchte man nur zu sagen: „Ja, ja, unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“ und jeder ergänzte von selber: „Unterm jetzigen ein Jud.“ Und Murren hob sich und die Gesichter waren verzerrt von Gift und Ohnmacht, und der Konditor Benz saß und die Schweinsaugen glitzerten über den fetten, schwitzenden Backen.

Es ächzte das Land, wand sich unter dem würgenden Druck. Korn wuchs, Wein wuchs, Gewerbefleiß rührte sich, schuf. Der Herzog lag darauf mit seinem Hof und seinen Soldaten, das Land trug ihn. Zweihundert Städte, zwölfhundert Dörfer, sie seufzten, bluteten. Der Herzog sog an ihnen, sog durch den Juden. Und das Land trug ihn und den Juden.

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In den Brüdergemeinden, Konventikeln, Bibelkollegien der Pietisten sammelten sich die Mühseligen und Beladenen. Sie krochen zu Gott wie getretene Hunde, leckten ihm die Füße. Ueberall im Herzogtum, trotz der scharfen Erlasse und Strafen, traten Erweckte und Erleuchtete auf. In Bietigheim pries der Prädikant Ludwig Bronnquell, ein Jünger Swedenborgs und der Beata Sturmin, der schon als Helfer in Groß-Bottwar wegen seiner Ideen über das Tausendjährige Reich und die Bekehrung der Juden einen Verweis vom Konsistorium bekommen hatte, den Süß als willkommene Geißel. Wenn man einen Hund den ganzen Tag schlage, predigte er, so gehe er durch und suche einen andern Herrn. Die gemeinen Leute seien solcher Hund. Der Herzog schlägt auf sie hinein, die Soldaten schlagen auf sie hinein, die Amtmänner, die Offiziere schlagen auf sie hinein, der vornehmste Stock aber sei der Jude Süß. Das stehen sie nicht aus, gehen also durch und suchen einen andern Herrn: Christum. Der Prädikant wurde zwar entlassen und irrte in dickem Elend in Deutschland herum. Aber seine Lehrmeinung blieb, und in ihren Versammlungen dankten die Pietisten Gott für den Juden, für die Peitsche, mit der er sie zu sich trieb.

Die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein war in Hirsau zurückgeblieben, als ihr Vater nach Stuttgart übersiedelte. Seitdem sie im Wald den Teufel gesehen hatte, konnte sie nicht mehr los von diesem Gesicht. Sie fühlte sich berufen, mit dem Teufel zu kämpfen, ihn zu Gott herüberzuziehen. Sehnsucht, aus Kitzel und Grauen gemischt, trieb sie immer wieder in den Wald, aber sie begegnete dem Teufel kein zweites Mal.

Seltsam war, daß sie von dieser Begegnung den Brüdern und Schwestern im Bibelkollegium nicht sprechen konnte. Selbst der Beata Sturmin, der Führerin, der Erweckten, der Blinden, Heiligen, hielt sie dieses Gesicht geheim. Es war ihr vorbehalten, ihre Aufgabe, ihr Beruf, mit dem Teufel zu kämpfen. Seine Augen wurden noch fressender, gewölbter, feuriger in ihrem Erinnern, sein Mund stand noch röter, lüsterner, gefährlicher in dem sehr weißen Gesicht. Luzifer war schön, dies war seine stärkste Kraft und Lockung. Ihn an der Hand zu nehmen, nicht loszulassen, zu Gott zu führen, das mußte ein Triumph sein, in dem man verging. Man mußte die Augen schließen, so wohlig war es, sich solchen Sieg auszumalen.

Die armen Brüder und Schwestern indes im Bibelkollegium sprachen von den kleinen Sendlingen des Beelzebub, von dem Herzog und dem Juden. Magdalen Sibylle hörte fast mitleidig zu. Ein Jud, ein katholischer Herzog, was waren das für winzige, harmlose Teufelchen gegen den wahren und wahrhaftigen Satan, den sie geschaut hatte, den sie zu bestehen haben wird.

Auch der Magister Jaakob Polykarp Schober hatte sein Geheimnis. Den Brüdern und Schwestern des Kollegiums sogar, die schlicht vor sich hinlebten und keine scharfen Beobachter waren, fiel der heilige Glanz auf, den das sanfte, etwas pausbäckige Gesicht des jungen Menschen aussonnte, wenn man die frommen Lieder vom Himmlischen Jerusalem sang. Er sah dann vor dem weißen Haus mit den Blumenterrassen das Mädchen im Zelt, sich dehnend und verträumt, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes Gesicht unter blauschwarzem Haar. Er war noch mehrmals schüchtern und in Herzensangst über den Zaun gedrungen, er hatte auch ein zweites Mal das Mädchen gesehen, aber das war an einem kahlen, widrigen Herbsttag gewesen, sie war dunkel gekleidet, und ihr Bild verfahlte vor jenem ersten, viel seltsameren, prall besonnten. Dann später einmal hatte ihn die Stuttgarter Brüdergemeinde veranlaßt, sich um die herzogliche Bibliothekarstelle zu bewerben, aber das war daran gescheitert, daß er das Geld nicht hatte, das von dem Gratialamt für die Stelle gefordert wurde. Und er war im Grund sehr froh darüber, denn so konnte er in Hirsau bleiben und um den Wald und das weiße Haus herumträumen.

Es stellte sich aber zwischen ihm und Magdalen Sibylle im Kollegium eine merkwürdige innigere Verbindung her. Die Brüder und Schwestern seufzten demütig und dankbar von den schweren, seligen Zeiten der Not und der Erweckung, von dem grauslichen Juden, den der Herr über das Herzogtum gesandt hatte, und der Magister sah das himmlische Mädchen und Magdalen Sibylle sah den Luzifer, und ihre Träume woben über alle und gingen durch ihre einfältigen Gesänge und verschlangen alle miteinander und erfüllten den kahlen, nüchternen, niederen Raum.

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Die Schimmelstute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische, gewöhnte sich rasch an die milde schwäbische Luft; aber sie mochte die Schwaben nicht, ihre Hände nicht, ihr Enges, Muffiges, Unweites, Verquertes nicht. Sie war in Yemen geboren, mit einer Tributzahlung in die Ställe des Kalifen gekommen, von einem Untersäckelmeister an den Levantiner Daniele Foa verhandelt worden, der wieder hatte sie an seinen Geschäftsfreund, den Süß, verkauft. Süß pflegte das Tier sorglich, denn es war sein Eigentum, und er machte gute Figur darauf. Aber er liebte es nicht. Er wußte damals noch nicht, daß in allem Lebendigen etwas von ihm selber war, er ahnte es dumpf und unbehaglich, wenn Rabbi Gabriel zu ihm sprach, es rann ihm lieblich durchs Blut, wenn er bei Naemi war. Aber waren diese kurzen Stunden vorbei, versank es ihm, und er wußte es nicht.

Doch die Schimmelstute Assjadah wußte es. Sie kannte den Schritt ihres Herrn, seine Hand, seinen Schenkel, seinen Dunst. Sie dachte, während sie unter ihm leicht und ziervoll hinschritt: Er mag mich nicht. Aber er ist schön zu tragen. Man spürt ihn gar nicht. Er ist wie ein Stück von mir selber. Er hebt und senkt sich mit meinem Atem und meinen Muskeln. Wenn mich die anderen ansehen, ist mir eng, und ich gehöre nicht zu ihnen. Aber er ist ein Stück von mir. Sein Aug ist weit, und ich möchte rennen und fliegen, wenn er mich ansieht. Wenn seine Hand an meine Haut klopft, bin ich sicherer und voll Ruhe und Kraft. Ich gehöre zu ihm, und ich bin in meinem rechten Land, wenn ich bei ihm bin. Und sie reckte den Kopf hoch auf und sie wieherte hell und triumphierend den aufhorchenden Bürgern zu: Aufgepaßt! Er kommt! Er!

Denn Süß trug jetzt seine Macht offen und in aller Sonne vor sich her und zeigte kokett und prahlerisch seine Meisterschaft in den Künsten des Hofs und der Gesellschaft. Nur Eine von den Vergnügungen des Kavaliers haßte er: die modische Treibjagd. Es schien ihm unsäglich albern und widerwärtig, Tiere auf einen Haufen zu treiben und dann die wehrlosen, hin und her gescheuchten niederzuschießen. Sah er die hochgeschichteten Kadaver, so stieg ihm Uebelkeit den Magen hinauf, er konnte sich, so sehr er den groben Spott des Hofes scheute, nicht überwinden, von dem Aas der erlegten Tiere zu essen. Die Tötung der Ochsen, Kälber, Schafe, Schweine überließ man den Metzgern; es war ein ehrbarer, nützlicher Beruf, immerhin drängte man sich nicht des Pläsiers wegen dazu und hielt diejenigen, die ihn ausübten, nicht für Kavaliere. Der Jude begriff durchaus nicht, daß die Tötung eines Kalbes kleinbürgerliches Metier, die zusammengetriebener Rehe ritterliches Vergnügen war.

Sonst aber hielt er darauf, das Zentrum der höfischen Veranstaltungen zu sein. Kein Fremder von Stand kam nach Stuttgart, der nicht dem allmächtigen Günstling seine Aufwartung gemacht hätte. Er vermehrte seine Dienerschaft, daß seine Leibhusaren in ihrer weinroten Livree schier eine kleine Kompagnie bildeten. Die Minister und hohen Beamten hielt er in knechtischer Unterwürfigkeit. Sie fürchteten ihn fast mehr als den Herzog; pfiff er, so kamen sie in vollem Sprung daher. Beim leisesten Widerspruch drohte er mit Kreuzweisschließenlassen, Auspeitschen, Untermgalgenbegraben.

Süß wirbelte, und es wirbelte um ihn. Geschäfte, Politik, fürstliche Geselligkeit, Frauen. Er befahl zur Audienz, und keiner weigerte sich ihm. Er konnte, wollte er es, von einer Liebenswürdigkeit sein, vor der jede Schranke niederbrach.

Den Herzog hatte Süß durchaus in seiner Gewalt. Karl Alexander fühlte sich geheimnisvoll gebunden an diesen Mann, der als erster an seinen Aufstieg geglaubt und auf diese schwanke Basis so vertrauend sein ganzes Leben gestellt hatte. Der ihm wie durch Zauberei alle Hindernisse aus dem Weg schaffte, an denen er und seine Räte sich vergebens abzappelten. Voll ehrlicher Bewunderung, und ein ganz leises Grauen war ihr beigemischt, sah er, wie dieser Jude aus dem Nichts beibrachte, was man von ihm verlangte: Geld, Weiber, Soldaten. Und blind folgte er jedem Rat seines Finanzdirektors.

Süß hatte von frühester Jugend an ein grenzenloses Zutrauen zu sich selbst. Dennoch hatte er jetzt wohl auf Augenblicke ein gelähmtes, starres Staunen, welche Aufgabe er auf sich genommen und wie spielerisch er sie bewältigte. Wohl hatten auch bisher die großen Geldmänner seines Stammes gewaltige Entschlüsse zu fassen gehabt, die gefüllte Schale der Macht in den Händen getragen. Aber sie hatten sich im Schatten gehalten oder waren wie sein Bruder Christen geworden. Er stand, der Jude, vor ganz Europa einsam auf seinem gefährlichen Gipfel und lächelte und war elegant und selbstverständlich, und auch der späherischste Blick konnte ihm kein leises Zucken nachspotten.

Um sein Haus so fürstlich zu führen, um den Herzog ganz und immer in der Hand zu halten, brauchte er Geld, Geld in phantastischen Mengen und immer in Fluß und zu seiner Verfügung. Er hatte bei den Wiener Oppenheimers, den kaiserlichen Bankiers, seinen Verwandten, gelernt, mit großen Ziffern zu operieren. Doch jetzt lief die Administration des gesamten Herzogtums durch seine Hand, das Vermögen von zweihundert Städten und zwölfhundert Dörfern stand ihm für seine Transaktionen zur Verfügung. Bei seiner fieberhaften Betriebsamkeit warf er es dahin, dorthin, ließ es rollen in rasendem Umlauf. Er hatte Beziehungen zu allen Geldmännern Europas, durch seine zahllosen, zumeist jüdischen Hintermänner floß das schwäbische Geld die kompliziertesten Kanäle, pflanzte Plantagen in Niederländisch-Indien, kaufte Pferde in der Berberei, jagte Elefanten und schwarze Sklaven an der afrikanischen Küste. Sein Grundsatz war, sein erstrebtes Ziel, ein rasender, taumelnder Umsatz. Nicht großer Gewinn im einzelnen, aber riesiger Gewinn dadurch, daß man von allem ein winziges Bruchteil in der Hand behielt. So mühte er sich, seine Hand in allen Gelddingen Deutschlands zu haben, er kontrollierte Industrie und Kommerz in allen Ecken und Winkeln Europas und ein ansehnlicher Teil des gesamten deutschen Vermögens lief durch seine Kassen.

Seine privaten Einkünfte waren überreich. Wer am württembergischen Hof etwas erreichen wollte, bemühte sich um ihn mit Douceurs und Präsenten. Der Herzog, von Remchingen darauf aufmerksam gemacht, lachte: „Laß den Kujonen profitieren. Von jedem Profit, den er hat, profitier ich das Doppelte.“ Sein Handel mit edlen Pferden dehnte sich weit, vor allem aber wuchs sein Kommerz mit edlen Steinen. Von je hatte er Juwelen fanatisiert geliebt; doch bisher war ihm bei jeder größeren Affäre ein Portugiese in die Quer gekommen, ein gewisser Dom Bartelemi Pancorbo, ein langer, stiller, unheimlicher Mensch, der überall, wo wirklich edler Schmuck zu erlauern war, unversehens wie durch magische Mittel verständigt auf dem Platz war, mit seinem eingedrückten, entfleischten Totengesicht und immer in verschollener, schlecht sitzender, schlotternder portugiesischer Hoftracht. Am kurpfälzischen Hof hatte er hohe Titel und Würden inne, durch seine diplomatischen Beziehungen beherrschte er den Amsterdamer Markt und von da aus den ganzen deutschen Juwelenhandel. Jetzt nützte Süß seinen politischen Einfluß, den verhaßten Konkurrenten auszuschalten. Der Jude führte den Kampf wild und mit Leidenschaft; kalt, zäh, lauernd wich der andere, der hagere, unheimliche Portugiese, und nur Schritt um Schritt. Ganz tot zu machen war er nicht, sein Schatten fiel immer wieder über die Geschäfte des Süß, aber es war doch an dem, daß man die besten und seltensten Steine jetzt zuerst dem Juden anbot, und daß gewisse ganz erlesene Kostbarkeiten nur durch ihn zu erlangen waren.

War dies ein spielerischer Handel, der neben großen Gewinnen auch dicke Verluste brachte, so wußte Süß aus vielen anderen Quellen sich stetigen und sicheren Zufluß zu sichern. Er wußte es etwa einzurichten, daß in ständiger Wiederkehr, wenn die herzogliche Kasse größere Zahlungen zu leisten hatte, Besoldung der Beamten, der Truppen, kein Bargeld da war. Dann schoß er aus seinen Kassen das fehlende vor und behielt als Entgelt vom Gulden einen Groschen zurück. Bürger und Bauer sahen in dieser klar durchschaubaren Finanzoperation die Quelle ihres ganzen Unheils, und kein Mangel, keine Armut drückte so sehr wie dieser fehlende Judengroschen.

Auch die Münze hatte er gepachtet. Aber er verschmähte es, an mindergewichtigem Geld zu verdienen. Zu einem so plumpen und subalternen Manöver hatte er damals greifen müssen, als er noch ganz verkannt und gering war, beim Darmstädter Münzakkord, als ihm kein anderes Mittel übrigblieb. Jetzt war es großzügiger, an dem erhöhten Umsatz des guten Geldes zu profitieren. So war das Geld, das er prägte, das beste unter allen deutschen Scheidemünzen, das gangbarste und gesuchteste. Vor allem aber juckte es ihn, durch die Solidität seiner Münzgebarung seine Feinde mundtot zu machen. Er wußte, hier würden seine Gegner zuerst einsetzen, hier konnte er über den kleinsten Fehltritt stolpern; wurde er andererseits hier reell befunden, so mußte sein Kredit ungeheuer steigen. Gespannt wartete er auf eine Anklage, suchte sie zu beschleunigen. Der plumpe Remchingen, von anderen in solchen primitiven Finanzanschauungen bestärkt, konnte sich denn auch den zunehmenden Reichtum des Süß nicht anders erklären als mit der konventionellen Annahme, der Jude präge Schwindelgeld. Er hetzte den Herzog auf, bis der endlich eine Untersuchung anordnete. Und Süß, bescheiden-stolz lächelnd, wies die Briefe der Agenten vor, seine Stücke fielen zu schwer aus, es sei zu wenig Gewinn dabei, und sonnte sich in seiner Unantastbarkeit.

Er war beteiligt auch an vielerlei andern Akkorden und Pachtungen. Ueberall hatte er Warenniederlagen und Verkaufsstapel, und ein fürstliches Patent befreite ihn von Zoll und Akzise; auch zwangen die fürstlichen Beamten, Stadt- und Amtsvögte den Untertanen zu seinem privaten Nutzen Frondienste und Fronfuhren ab. Er ließ sich Lotterien privilegieren und kitzelte durch Glückshäfen und Spielkasinos das Geld aus allen Taschen.

So spannte er ein Netz von Unternehmungen, vielfältig verästelt, übers Land. Er dehnte sich und badete in der Macht. Aber manchmal war es ihm, als sei es nicht er, von dem der ganze glänzende Wirbel ausgehe. Dann hob er wohl die Schultern, überfrostet, wie in Abwehr. Jäh schnürte ihn eine unheimliche Gebundenheit. Die Dinge um ihn verfahlten; er sah sich schreiten in einer stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten ihre Pas, verneigten sich. Schritt da drüben in der Kette, durch viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch Isaak Landauer? Wie schaurig possierlich er aussah mit seinem Kaftan und den Schläfenlöckchen in dem ernsthaften, schweigenden, gezirkelten Schreiten, Neigen, Sichwinden.

Aber das trübe, nebelhafte Bild quälte ihn nur für kurze Augenblicke. Dann tauchte es hinunter vor dem Tag, der um ihn war, nebelte ins Nichts, zerweste. Und es blieb das Gold, das man wiegen und zählen, das Frauenfleisch, das man tasten, streicheln, packen, haben konnte. Es war da und blieb. Glanz, Macht, Wirbel, Leben.

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In Urach war eine Leinwandkompanie, die der Familie Schertlin gehörte. Die Schertlin hatten unter Herzog Eberhard Ludwig klein angefangen, jetzt waren sie weit im Land verzweigt. Ihr Geschäft blühte, sie hatten eine Niederlassung in Maulbronn, betrieben in Stuttgart eine Seidenmanufaktur. Kräftig, glücklich und geschickt hatte seinerzeit, als die Fabrik noch klein und unbedeutend war, der Seniorchef der Familie, Christoph Adam Schertlin, ihre Umwandlung in eine Aktiengesellschaft durchgesetzt und der Gräfin Gräveniz Anteilscheine weit unterm Wert überlassen. Auf diese simple Manier war die mächtige Favoritin für das Unternehmen interessiert worden, sie verschaffte der Gesellschaft Privilegien und Aufträge. Dann später, als die Gräfin in Ungnade war und ihr in Württemberg liegendes Vermögen liquidieren mußte, konnte Christoph Adam Schertlin ihre Aktien durch gewisse Unterhandlungen mit Isaak Landauer billig zurückerwerben. Jetzt hatte er sich vom Kommerz zurückgezogen, das herzogliche Gebiet verlassen, in der freien Reichsstadt Eßlingen ein Patrizierhaus gekauft und neu eingerichtet. Dort saß er nun, stattlich, reich, Ratsherr, hoch angesehen.