Jud Süß

Part 15

Chapter 153,509 wordsPublic domain

Die Geschäfte der Stuttgarter, Uracher, Maulbronner Manufaktur leitete jetzt Johann Ulrich Schertlin, ein fester, kundiger, zupackender Mann, mit der erste unter den schwäbischen Industriellen. Er hatte sich eine Französin zur Frau genommen, aus der Emigrantenkolonie Pinache im Oberamt Maulbronn, die zu Ende des vorigen Jahrhunderts die vertriebenen Waldenser angelegt hatten, eine schöne, fremdartige Frau, kurzer, roter Mund in weißem Gesicht, hochmütige, längliche Augen unter rötlichblondem, leuchtendem Haar. Freunde, Verwandte konnten mit ihr nichts Rechtes anfangen. Sie war ein Staatsweib, das war nicht zu leugnen, aber sie war verdammt stolz, sie antwortete karg und kurz, meist schwieg sie gelangweilt, auch sprach sie, obwohl in Deutschland geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur stockend. Aber Johann Ulrich Schertlin konnte sich das leisten, er saß dick in Geld und Würden, er hatte ein Haus in Stuttgart, eines in Urach, abgesehen von den Manufakturen. Er stellte, Teufel noch eins, seinem Hauswesen vor, wen er für gut hielt. Und er wandelte stattlich hin mit der Frau, die er liebte, und sein Haus und Tagewerk gedieh.

Nun hatte aber Süß einen Geschäftsfreund, einen gewissen Daniele Foa in Venedig, der ihm aus der Levante Kapital, Pferde, Juwelen, Stoffe und Wein vermittelte. Auch die Schimmelstute Assjadah hatte er beigebracht. Diesen Daniele Foa kannte Süß schon von der Pfalz her, wo ihm seine Unterstützung in dem Kampf gegen Dom Bartelemi Pancorbo sehr wertvoll gewesen war. Der Levantiner, ein großzügiger, gerissener Geschäftsmann, hatte den Rhein hinauf, hinunter einen ausgedehnten Handel mit Textilien in Gang gesetzt und benützte den Einfluß des Süß, jetzt ins Schwäbische hinüberzugreifen. Er erhielt Freiheiten und Gerechtsame, stieß aber hart auf die Konkurrenz der Schertlinschen Manufakturen, die überall in diesen Gegenden ausgezeichnet eingeführt waren. Süß, der dem Levantiner gern gefällig sein wollte, machte sich mit gewohnter, kalter Umsicht daran, diese Konkurrenz rücksichtslos niederzutreten. Die Fabriken der Schertlin wurden schikaniert, ihre Privilegien ins Wertlose kommentiert, ihre Verträge mit dem Kammergut gekündigt, Akzise und Steuern so erhöht, daß sie nicht weiter konkurrieren konnten. Dagegen errichtete der Finanzdirektor als Strohmann des Daniele Foa auf eigenen Namen eine Manufaktur, und die Zollbehörden wagten es nicht, dem Allmächtigen die Gebühren in der gewaltigen vorgeschriebenen Höhe zu berechnen, es wurden von seinen Sendungen nur ganz geringe oder gar keine Abgaben erhoben.

Auch die Schertlin persönlich begann man zu bedrängen. Einem hängte unter nichtigem Vorwand das Fiskalatsamt einen Prozeß an, aus dem er sich nicht herauswinden konnte, zwei jüngere Schertlin wurden, trotzdem sie hohen Loskauf boten, zur Armee eingezogen. An den alten Christoph Adam freilich, der in dem freien Eßlingen saß, konnte man nicht heran, und auch an Johann Ulrich wagte man sich vorläufig noch nicht. Aber die Hand des Juden lag schwerer auf dieser Familie als auf den anderen, und Johann Ulrich würgte an dem Kummer über den Niedergang seines Geschäfts, an der Schmach, zwei junge Schertlin zur Armee gepreßt zu sehen, an dem Gram, seine schöne Frau nicht in den fürstlichen Glanz setzen zu können, den er für sie träumte.

Da bekam endlich Süß eine Schlinge in die Hand, den Johann Ulrich zu fangen. Der eine junge Schertlin, der Soldat, hatte Urlaub erhalten nach Eßlingen zu seinem Großvater und kam von dort nicht zurück. Verhandlungen zwischen dem Herzog und der Stadt über die Auslieferung von Deserteuren schwebten, waren aber noch nicht abgeschlossen. Auf Betreiben des alten Ratsherrn weigerte sich die Stadt, den jungen Menschen herauszugeben. Da fingen die Leibhusaren des Süß einen Brief Johann Ulrichs auf, in dem er den Alten bestärkte in der Ablehnung, den Deserteur den herzoglichen Kommissarien zu überlassen. Dies war Kriegsverbrechen, Hochverrat.

Süß, alle Trümpfe in der Hand, ging langsam, sänftlich vor. Zunächst wurde Johann Ulrich aufgefordert, sich herzoglichen Kriegs-Inquisitoren zu stellen. Da der stolze Mann knirschend fernblieb, wurde er aufgehoben, auf den Hohentwiel gebracht. Man munkelte, ein Militärgericht werde ihn aburteilen, lebenslänglich Kugeln zu schleifen.

In dem verödeten Haus saß blaß die Französin. Das neugierige Mitleid der Verwandten und Befreundeten hörte sie schweigend, die kurzen, roten Lippen fest verkniffen. Als man es müde ward, die Hochmütige zu trösten, die einem ja doch nicht den Gefallen tat, zu jammern, und sie allein ließ, erschien bei ihr der Rat Bühler vom Fiskalatsamt, ein weitläufig Verschwägerter der Schertlin. Die hatten als vor einer Süßischen Kreatur immer vor ihm ausgespuckt. Jetzt kam er wichtig, fraß seine Genugtuung, spielte den Großmäuligen, protzig Mitleidigen, fand die Waldenserin in ihrem starren, hochmütigen Kummer sehr apart, riet ihr, sie solle den Süß aufsuchen. Der werde verleumdet, er sei im Geschäft hart auf hart, das sei natürlich, aber rachsüchtig sei er nicht.

Ob die Waldenserin ihren Mann liebte, wußte niemand, und sie selbst nicht. Aber wie sein Prozeß immer näher kam, ging sie zu Süß.

Sie war aus gutem Haus, in ihrer Familie lebte die Tradition französischen Hoflebens, Glanz und herrenhaftes Gehabe. Sie sah die Säle des Juden, die weinroten Lakaien, die Pagen. Die Teppiche, Statuen, Chinoiserien. Das war anders als die solide Behäbigkeit der Schertlin. Das war die Fülle, der Ueberfluß, jenes Ueberflüssige, das das Leben aus einem Gezwungenen, zu Tragenden zu etwas Leichtem, Herrlichem, Liebens- und Sehnenswertem machte. Süß war guten Humors und die Frau gefiel ihm. Er traktierte sie ganz als große Dame, sprach, da er sah, es war ihr lieber, nur Französisch, streichelte sie mit mondänen Komplimenten, redete mit keinem Wort von ihrer Bedrängnis. Das war ihre Luft; wäre sie nicht als Supplikantin gekommen, sie wäre ihm wie von selbst zugefallen. So aber, wie er plötzlich mit zynischer Galanterie eine Brücke schlug von ihrem Anliegen zu seiner Begierde, stand sie eine kleine Weile reglos, totenhaft fahl. Dann warf sie ihm ins Gesicht, sie schäme sich, daß sie nicht eh bedacht habe, sie habe mit einem Juden zu tun. Worauf er sich glatt und ohne eine Miene zu ändern, lächelnd und tief verneigte: „Dann also nicht!“ sie höflich zur Tür geleitete und ihr Abschied nehmend die Hand küßte.

Er entließ Johann Ulrich aus seiner Haft, begnügte sich, die Affäre durch das Fiskalatsamt regeln zu lassen. Johann Ulrich kam mit einer Geldbuße davon, die allerdings so hoch war, daß sein Handel daran für immer erlahmen mußte.

In der Waldenserin brannte die Begegnung mit Süß weiter. Bisher hatte sie nicht gewußt, ob sie ihren Mann liebte oder nicht. Jetzt wußte sie, daß sie ihn verachtete. Er hatte die Pflicht zum Erfolg. Er war sie nicht wert, wenn er keinen Erfolg hatte. Sie verachtete ihn, weil er nicht Glanz und Ueberfluß und weinrote Lakaien und Chinoiserien vor sie hinbreiten konnte wie jener, weil er sich von jenem hatte besiegen lassen, weil sie seinethalb so kläglich vor jenem gestanden war. Sie verachtete ihn, weil sie seinethalb die Galanterie des Süß zurückgewiesen hatte. Der war Welt, zu dem gehörte sie, Johann Ulrich war Bürgerpöbel. Sie sprach von alledem zu Johann Ulrich kein Wort, nicht einmal von ihrem Besuch bei dem Juden. Er tobte gegen den Süß, schrie, vermaß sich blutrünstigster Heimzahlung. Aber es war hohles Gepolter. Sie sah ihn aus ihren länglichen Augen mit kalter, hochmütiger Gleichgültigkeit an, und er wußte so gut wie sie, daß er zerknickt und ohne Kraft war und nie etwas tun werde.

Er verkam mehr und mehr. Die Manufaktur in Urach wurde versteigert, versteigert die Filialen in Stuttgart und Maulbronn. Der Levantiner erwarb sie. Man bot, Hohn und Almosen, ihm eine Verwalterstelle in seinen früheren Fabriken. Vielleicht hätte er akzeptiert, hätte nicht die Frau, den Süß hinter dem Angebot witternd, scharf und kurz abgelehnt. Auch die anderen Schertlin gerieten mit in den Sturz. Verkauft die Häuser in Urach und Stuttgart, verkauft die Weinberge und Felder. Nur der alte Christoph Adam hielt sich, in Eßlingen. Er trug den großen, verwitternden Kopf noch höher, stieß noch heftiger mit dem Rohrstock gegen den Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch nicht zitternder Hand.

Johann Ulrich wie viele andere, die bei währendem Regiment des Süß von Haus und Geld gekommen waren, traf Vorbereitungen, sich einem Auswandererzug anzuschließen, der nach Pennsylvanien wollte. Die Waldenserin widersetzte sich. Es gab einen kurzen, wilden Kampf. Er schlug sie, aber er blieb im Land. Er machte einen Kramladen auf in Urach. Verlotterte mehr und mehr, saß in den Kneipen, besoff sich, fluchte gotteslästerlich gegen den Herzog und die höllische hebräische Wirtschaft. Aber während man sonst jede solche Unmutsäußerung schwer strafte, ließ man ihn ruhig gewähren. Auch sein Kramladen wurde vom Amt in jeder Weise unterstützt. Die Behörden mußten von einflußreicher Stelle einen Wink bekommen haben.

Die Waldenserin ging herum, in ihrem ärmlichen Kleid so stolz wie früher. Hochmütige Blicke warf sie mit den länglichen Augen. Wollte eine Kundschaft sich in einen breiteren Diskurs einlassen, antwortete sie karg und kurz. Meist schwieg sie gelangweilt. Auch sprach sie, obwohl in Deutschland geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur stockend.

* * * * *

Durch die prunkenden Säle des Süß schleifte Isaak Landauer seinen Kaftan, aufdringlich am Aermel trug er das württembergische Judenzeichen, das niemand von ihm verlangte, das _S_ mit dem Horn. Die glänzenden Spiegel warfen zwischen Lapislazuli und Gold sein Bild zurück, den klugen, fleischlosen Kopf mit den Schläfenlöckchen, dem schütteren, rotblond verfärbten Bart. Der Finanzdirektor zeigte ihm sein Haus. Der Mann im Kaftan stand vor den Vasen, Gobelins, klingelnden Pagoden, sah mit aufreizend spöttischem Lächeln hinauf zu dem Triumph des Merkur, klopfte mit der dürren, kalten Hand die Schimmelstute Assjadah, schritt durch die beiden Pagen, die Söhne des Domänenpräsidenten Lamprechts, die in Haltung am Eingang zu den Privatgemächern standen. Prüfte mit den Fingern die kostbaren Stoffe der Möbel, nannte mit stupender Sachkenntnis die Preise. Stand kopfschüttelnd vor den Büsten des Moses, Homer, Salomo, Aristoteles, äußerte: „So hat Moses, unser Lehrer, sein Tage nicht ausgesehen.“ Aber aus dem Bauer krächzte der Papagei Akiba: „Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“

Süß hatte Isaak Landauer lang erwartet. Er hatte für diesen Besuch sein Palais sorglicher vorbereitet als für den Besuch manches Fürsten. Er lauerte auf eine Bewegung der Ueberraschung, staunenden Anerkennens; dem Mann im Kaftan, gerade dem zu imponieren, verspürte er eine aufreizende, quälende Gier. Aber Isaak Landauer wiegte nur den Kopf, rieb die fröstelnden Hände, lächelte, sagte: „Wozu, Reb Josef Süß?“

Durch das Kabinett ging neugierig die Sophie Fischerin, die Tochter des Kammerfiskals Fischer, die der Finanzdirektor seit zwei Wochen als seine erklärte Mätresse im Haus hielt, ein großes, stattliches Mädchen, weiß, üppig, rotblond, sehr schön, leicht ordinär. Als Süß sie wegen der Störung anfuhr, warf sie einen lässigen Vorwand hin, beschaute, die Lippen geschürzt, den Isaak Landauer, entfernte sich.

„Wozu, Reb Josef Süß?“ wiederholte Isaak Landauer. „Wozu gleich dreißig Diener? Könnt Ihr besser essen, besser schlafen, wenn Ihr habt dreißig Diener statt drei? Ich begreife, daß Ihr Euch die Schickse haltet, ich begreife, daß Ihr ein schönes Zimmer zum Essen wollt, ein gutes, breites Bett. Aber wozu den Papagei? Was braucht ein Jud einen Papagei?“

Süß schwieg, bis unters Haar erfüllt von zehrendem Aerger. Dies war nicht Einfältigkeit, dies war Hohn, klarer, offensichtlicher Hohn. Was kein Minister sich erkühnte, der Mensch im Kaftan tat es mit der schlichtesten Selbstverständlichkeit: machte sich ihm ins Gesicht hinein lustig über ihn. Und er war machtlos gegen ihn, er brauchte ihn, er konnte nur schweigen. Sicherlich wird er auch wieder von den altmodischen Geschichten anfangen, die für die Gegenwart ganz ohne Sinn und Bezug sind, dem Ravensburger Kindermordprozeß und solcher Narretei. Und er, Süß, mußte das alles anhören. Es war unmöglich, Geschäfte zu machen ohne Isaak Landauer. Ach wenn man diesen kompromittierenden Burschen beiseite drängen könnte! Aber man mußte froh sein, wenn er einen an sich heran ließ. Es gab vorläufig keinen Weg um ihn herum.

Man sprach von den Affären, die zu erledigen waren, belauerte sich, schacherte scharf. Eigentlich war Süß überall der Gebende; aber er mußte viel mehr sprechen als der andere und kam sich trotz allen Großgetues wie in der Verteidigung vor. Im Blick Isaak Landauers hielt keine noch so kunstvoll gepinselte Tünche stand, er drang sofort dahinter, alles Scheinwesen zerfiel vor ihm; mit kopfwackelndem Unglauben räumte er das schimmernde Beiwerk weg und nahm in seine fröstelnden Hände das Herz der Süßischen Dinge, die Ziffer. Je größer Süß sich spreizte, so leidiger füllte ihn Aerger und Unbehagen. Er gestand es sich nicht ein, aber der andere hatte ihn am Seil, der Mann im Kaftan ließ ihn tanzen.

Die Geschäfte beendet und signiert, kam Isaak Landauer diesmal nicht auf den Ravensburger Kindermord zu sprechen, sondern auf eine andere jüdische Historie aus den württembergischen Läuften. Das war die Sache mit dem großen Judenkünstler Abraham Calorno aus Italien – es mochte jetzt gut ein Jahrhundert her sein, unter Herzog Friedrich I. – und seinem Generalkonsul Maggino Gabrieli. Der Herzog hatte diese welschen Juden mit großen Versprechungen ins Land gezogen. Er war von dem aimablen Wesen, der Gelehrsamkeit, dem finanztechnischen Geschick des großen Judenkünstlers wie verhext, er hatte grenzenloses Zutrauen zu ihm, wies alle Beschwerden der Pfaffen und der Landschaft barsch und ungnädig zurück, ja, er verbannte der Juden wegen den Oberpfaffen Osiander aus dem Herzogtum, und Abraham Calorno und die Seinen saßen groß und prächtig in Stuttgart. Aber schließlich endete die Geschichte doch mit Graus und Schrecken, etliche wurden martervoll hingerichtet, der Rest nackt und bloß aus dem Land gejagt, Juden auf lange Zeit nicht mehr ins Herzogtum gelassen. „Nagende Würmer haben sie uns geschimpft,“ sagte Isaak Landauer. „Nun ja, nagen sie selber etwa nicht? Was lebt, nagt. Einer nagt am andern. Jetzt seid Ihr dran, Reb Josef Süß. Nagt, nagt, solang sie Euch dalassen!“ Und er lachte sein kleines, gurgelndes Lachen.

Als der Mann im Kaftan den unmutig zuhörenden Finanzdirektor endlich verließ, schritt er im Vorzimmer durch das spöttische und grimmige Getuschel Wartender. Unter der Tür begegnete er neuen Besuchern: dem Präsidenten des Kirchenrats, Weißensee, und seiner Tochter. Magdalen Sibylle, wie sie Isaak Landauer sah, hielt ihn für den Süß. So hatte sie sich, schmuddelig und mit Kaftan und Schläfenlöckchen, nach gelegentlichen Judenbildern den kleinen, widerlichen Sendling Beelzebubs ausgemalt.

Dem Prälaten Weißensee hatte Süß, wie er als Präsident des Kirchenrats ihm einen Dankbesuch machte, beiläufig und sehr höflich gesagt, er habe gehört, der Herr Präsident habe eine so aimable Demoiselle Tochter. Es sei nicht wünschenswert, daß der Flor der schwäbischen Damen fern von der Residenz blühe; Ludwigsburg und Stuttgart seien nicht reich genug, daß sie eine Dame der Art entbehren könnten, wie man ihm die Demoiselle Weißenseein schildere. Weißensee schnupperte verbindlich, freute sich an dem ehrenvollen Interesse Seiner Exzellenz. Es war ihm dann leichter gelungen, als er erwartet hatte, seine Tochter zu vermögen, daß sie mit ihm nach Stuttgart gehe, dem Süß aufzuwarten. Sie vermutete in der Aufforderung des Vaters Berufung und Schickung. Wo sonst sollte sie ihre Sendung erfüllen, wo eher dem Teufel wieder begegnen können als bei seinen kleinen Sendlingen, bei dem Herzog und dem Juden? So fuhr sie mit ihrem Vater in die Residenz, wach und in Bereitschaft.

Als sie erfuhr, daß Isaak Landauer nicht der Jude sei, spürte sie leise Enttäuschung und saß in stärker gespannter Erwartung. Sie wurden vor den andern vorgelassen. An dem Lakaien in Haltung vorbei schritt sie vor dem Vater in das Kabinett, sah den Süß, erkannte, daß er der Teufel war, schwankte, sank um. Die Sinne zurück, hatte sie eine dunkle, samtene Stimme im Ohr: „Ich bin desolat, daß der Demoiselle Tochter der Akzident zustößt just wie sie das erstemal meine Schwelle passiert.“ Ihr Vater erwiderte etwas. Ein Riechfläschchen wurde ihr unter die Nase gehalten. Jetzt nicht die Augen aufmachen, jetzt nicht gezwungen sein, ihn zu sprechen, ihm ins Aug zu schauen. Wie sie endlich wohl oder übel lebendig werden mußte, sah sie Beelzebubs Augen, die fliegenden, heißen, gewölbten, um ihre Brust, ihre Hüften gleiten, und sie schämte sich wild und gekitzelt.

Süß hatte das Mädchen in ihrer Schlaffheit auf und ab gesehen, er sah, daß sie schön war, ungebraucht, voll Saft. Ihre Ohnmacht, der ungeheure Eindruck, der offensichtlich von ihm zu ihr ging, war ihm nach der ungemütlichen Unterhaltung mit Isaak Landauer Labsal und große Bestätigung. Wie sie lag und atmete! Wie bräunlichblaß und männlich kühn das Gesicht geschnitten war, wie erregend der Schwung der starken Brauen. Während Lakaien nach Essenzen liefen, nach einem Arzt, überlegte er, ob er es wagen solle, ihr das Mieder zu öffnen. Mit Weißensee, dem alten, servilen Höfling, brauchte man nicht viel Umstände zu machen.

Aber da schlug sie die Augen auf, starkblau in seltsamem Widerspiel zu dem dunklen Haar. Er richtete sie vollends hoch, glitt mit Blick und Tonfall und sanfter Berührung streichelnd, ergeben, galant, demütig um sie herum, brauchte alle geölte Kunst seiner langen Uebung. Ueber das holperichte Gestammel des Mädchens, das die verwirrten Augen aus dem bräunlich fahlen Gesicht drohend halb, halb gezogen auf ihn hielt, breitete er seine gewandte Konversation. Stellte Sänfte, Wagen, Arzt zur Verfügung. Hielt den sich verabschiedenden Präsidenten mit keinem Wort zurück. Geleitete selbst durch die ehrfurchtsvoll grüßende Antichambre Magdalen Sibylle stützend vors Haus an den Wagen. Während sie die Eingangshalle durchschritten, kreuzte sie die Sophie Fischerin. Faul schleifte das blonde, üppige Geschöpf durch den Raum, äugte neugierig, schief, gehässig nach Magdalen Sibylle.

* * * * *

Vor dem Haus in der Seegasse gaffendes Volk. Nacht, trübes Gemisch von Regen und Schnee, Windstöße, die Kleider unbehaglich um die Glieder peitschend. Die Leute stehen gepreßt, harren aus, schauen zu, wie die Karossen vorfahren, leuchtend, lärmend durch die Nacht, zur Redoute des Süß.

Pechpfannen flackern am Eingang. Alle Fenster strahlend. Weit auf das Tor, weinrot ragend der Huissier mit seinem Stab, drei Lakaien zum Oeffnen der Wagentüren.

In rascher Folge die Kutschen. Es ist keiner der öffentlichen Bälle, an denen Süß verdienen will, wo er durch Listen kontrollieren läßt, wer von Hof, Beamtenschaft, Volk fehlt. Hat er durch seine öffentlichen Feste der Haupt- und Residenzstadt Stuttgart einen rauschenderen Karneval aufgezwungen als je zuvor, sie genötigt, bei diesen Redouten auf einen Sitz für seine Tasche mehr Geld zu verbrauchen und zu verbrausen als sonst in Wochen, so sollte dieser intime Maskenball lediglich der privaten Schaustellung seiner Größe und seines Glanzes dienen. Nur die ersten Herren, nur die schönsten Damen aus der Umgebung des Herzogs waren zu diesem Fest geladen.

Hinter den Leibhusaren des Süß, hinter den städtischen Bütteln reckt sich das Volk die Hälse aus, unter den Mänteln der Aussteigenden etwas von den Kostümen der Gäste zu erspähen. Anlangen die Minister, die Generäle, der Hof. Sehr hager und die Hakennase doppelt mächtig über der spanischen Halskrause seines Grandenmantels der Geheimrat Schütz. Aber Remchingen, hochrot und massig, schwitzt schon in der Kutsche im dicken, pelzigen Rock seines Bojarenmantels. Seine Laune wird noch knurriger, wie er im Tor mit Herrn von Riolles zusammentrifft, einem jener vagierenden Kavaliere, die, an allen Höfen zu Haus, den Klatsch der internationalen Hocharistokratie durch Europa tragen, Verwalter und Makler des mondänen Rufs der großen Gesellschaft. Ein paar Weiber pruschen heraus, selbst die Polizeisoldaten müssen grinsen, wie sie den mageren, kleinen, zappeligen Herrn sehen, der einen Chinesen darstellt, doch ohne auf die Allongeperücke zu verzichten. Er sieht auch gar zu possierlich aus, wie er zwerghaft, mit dem lasterhaften, vergreisten Knabengesicht neben dem wuchtigen Remchingen einhertrippelt. Der General klirrt massig und imposant neben dem kleinen, geckigen Welschen; aber er weiß, die Herzogin wird, sei es aus Lust an Abwechslung, sei es um ihn wütig zu machen, heute wie immer in den letzten Tagen den albern schwatzenden Franzosen ihm vorziehen.

Zu Fuß drängt sich der Landschaftskonsulent Neuffer durch das Volk, undefinierbar von Tracht, düster und scharlachfarben; Gemurr und Schimpfworte folgen ihm; er ist neben Weißensee der einzige Parlamentarier, der geladen ist. Ihn überholt die vornehme, sorglich alles Auffällige meidende Karosse des alten Fürsten Thurn und Taxis. Der Fürst ist gestern zu Besuch aus Regensburg eingetroffen; sein magerer, eleganter Windhundschädel hebt sich aus dem weinroten Kostüm eines genuesischen Nobile, er freut sich darauf, diese Tracht, in der er besonders schlank erscheint, zum erstenmal vorzuführen. Aber er hat offenbar Pech mit diesem verdammten Juden. Hat damals in dem Schlößchen Monbijou der blaßgelbe Salon seinen blaßgelben Rock geschlagen, so hat jetzt diese hebräische Bestie ihre ganzen Domestiken in Weinrot gesteckt, so daß man ihn, den Fürsten, für einen Lakaien halten muß, daß jedenfalls sein weinrotes Kostüm um allen Effekt gebracht ist. Doch neben dem verärgerten Fürsten watschelt klein, dick und unscheinbar der Geheimrat Fichtel, mit Briefen des Würzburger Bischofs auf zwei Tage in Stuttgart; er steckt kugelig in Pumphosen und türkischem Rock, vergnügt unter dem Fez schaut sein schlauer Kopf, jovial winkt er mit der kleinen, fleischigen Hand dem über die Katholiken raunenden Volk zu.

Eine wackelige, dunkle Kutsche fuhr vor, ein einziger Diener hintenauf in einer ganz alten, ausgestorbenen Tracht; ein langer Herr stieg heraus, merkwürdig lautlos, blaurotes, entfleischtes Gesicht, glitt durch verstummendes Volk ins Portal, der kurpfälzische Geheimrat Dom Bartelemi Pancorbo; der Herzog selbst hatte den widerwilligen Süß veranlaßt, den jetzt auf lange in Stuttgart weilenden Juwelenhändler einzuladen. Dom Bartelemi Pancorbo erschien wie stets, den eingedrückten Totenkopf herausgereckt aus schlotternder, schlecht sitzender, verschollener Hoftracht, er brauchte weiter kein Kostüm.

Pünktlich zur festgesetzten Stunde fuhr die herzogliche Karosse vor. Karl Alexander entstieg ihr, heute nur leicht hinkend, als antiker Held mächtig und imposant: Marie Auguste aber, die Taille dünnstielig aus dem üppigen pfauenblauen Reifrock herauswachsend, den Eidechsenkopf zierlich züngelnd, war die Göttin Minerva. Sie trug eine Perücke diesmal, einen artigen Goldhelm darauf, um die Brust schmiegte sich die Andeutung einer feinen, goldenen Rüstung; ein Page trug ihr den Schild nach, ein anderer die Eule.