Part 16
Schon wollten die Fanfaren einsetzen, das herzogliche Paar zu begrüßen, schon erschien Süß an der Türe des Empfangssaals, schon rangierte man sich im Saal, als der Herzog im Vestibül verzog. Er hatte an Seite seines Kirchenratspräsidenten ein Mädchen gesehen, groß und schön von Wuchs, im Gewand einer Florentiner Gärtnerin; wie sie, den Mantel abnehmend, sich den riesigen, bebänderten Strohhut zurechtsetzend, auf einen Augenblick die Maske abnahm, sah er männlich kühne, bräunliche Wangen, starkblaue Augen in seltsamem Widerspiel zu dunkeln, dichten Brauen. Er fühlte sich gepackt wie seit Jahren nicht mehr beim Anblick einer Frau, die Beine wurden ihm schwach, ein hohles Gefühl kroch ihm den Magen herauf. Die Herzogin, leicht lächelnd, schickte die flinken Augen von Karl Alexander zu dem Mädchen, das die Larve sogleich wieder vorgenommen hatte. „Ich denke, Euer Liebden, wir sollten hineingehen,“ sagte sie. Da kam auch schon Süß, schlank und elegant in sarazenischem Kostüm, sie einzuholen. „Wer ist die Dame?“ fragte Karl Alexander. „Die Demoiselle Tochter des Weißensee, supponier ich,“ antwortete der Jude, „die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein.“ Dann betraten die Herrschaften den Saal, tief in die Knie sanken, sich neigend, die Gäste, Fanfaren klangen.
Da die Herzogin Komödie sehr liebte, begann Süß den Abend mit der Aufführung einer kleinen italienischen Oper „Der Wüstling wider Willen“. Die neue Sängerin trat bei diesem Anlaß zum erstenmal auf, Graziella Vitali, eine Napolitanerin, ein kleines, lebendiges Ding, leicht fett, gelbes, hübsches, etwas derbes Gesicht mit zappelnden Augen. Süß hatte sich von ihrer Wirkung auf den Herzog viel versprochen, so was war sonst Karl Alexanders Schlag und Pläsier. Daraufhin hatte Süß auch der Sängerin große Aussichten gemacht, und als sie nach der Komödie dem Herzog präsentiert wurde, strich sie höchst beflissen um ihn herum, bot sich vor aller Augen mit Gesten, Blicken ihm an, nur darauf wartend, daß er sich mit ihr in ein verschlossenes Kabinett zurückziehe. Aber Karl Alexander hatte nur zerstreutes, beiläufiges Interesse für sie, er sagte was wie: Auf später, auf später! Es war offensichtlich, daß ihm für heute eine andere im Sinn lag. Die Napolitanerin hatte alle Mühe, ihre strahlende, beflissene Maske zu wahren, und als sie dann den Süß allein zu sprechen kriegte, sprang sie ihm fast ins Gesicht.
Magdalen Sibylle hat auch während der Komödie die Maske kaum abgenommen. Hinter ihr, unter dem großen Strohhut, versteckt sie das nervöse, zuckende Gesicht. Sie hat sich gern zwingen lassen, mit dem Vater hierherzukommen; aber jetzt versagt sie. Sie hat die Kraft nicht, den Teufel zu bestehen. Wäre sie nie in diesen Saal gegangen. Sie ist ganz zerrissen und zerstört von der Aufgabe. Wäre sie in Hirsau geblieben. Wäre sie dem Teufel nicht begegnet. Jetzt nagt und kaut sie an dem Bissen und kann ihn nicht hinunterschlucken und ist krank daran. Es war Eitelkeit und Vermessenheit, den Teufel mit ihren armen Händen zu Gott hinüberzuziehen. Seit sie erkannt hat, daß der Jud der Teufel ist, hat sie eine nagende Ratte in der Brust. Wie hat sie zu Gott geschrien. Aber Gott schwieg. Die Bücher der Demut, Erkenntnis, Versenkung sind Papier. Sie starrt in die Luft, sie will in Gott untertauchen; aber die Luft bleibt leer, kein Gesicht erscheint, es trägt sie nicht, alles ist schlaff und kahl und dumm und tot. Im Swedenborg stehen Worte und sie klingen nicht und sie packen sie nicht, sie läuft zur Beata Sturmin, der Heiligen, Blinden, aber sie kann ihr nichts mehr sagen, die Heilige ist ein armes, krankes, altjüngferliches Geschöpf, kahle, säuerliche Luft ist um sie her.
Sie hat den Juden seit damals nicht wieder gesehen. Er hat mehrmals nach ihrem Befinden fragen lassen, ihr Blumen geschickt, auch einmal den Vater besucht, aber sie hat ihn gemieden. Einmal nur hat sie ihn gesehen, auf dem Schloßplatz, reitend auf seiner Schimmelstute Assjadah, sehr glänzend. Fluch, Haß, Neid prallte gegen den schlanken Rücken des Reiters, aber er prallte ab daran, Luzifer schaute nicht um. Sie sah ihm nach, ohnmächtiger als das fluchende Volk. Die hatten wenigstens Worte, ihr schrumpften Herz, Zunge, Schultern unter ihrer Ohnmacht.
Sie hatte lange geschwankt, ehe sie zu der Assemblée gegangen war. Nun war ihr der Abend eine Enttäuschung und arge Verstörung. Süß kümmerte sich nicht um sie, er hatte kaum ein kaltes Wort glatt höflicher Begrüßung an sie gerichtet. Sie konnte nicht wissen, daß dies kluge Berechnung war, sie sah nur, Luzifer hatte kein Aug für sie. Sie nahm die Larve ab von dem bräunlich kühnen, bewegend verstörten, zuckenden Gesicht: Luzifer hatte kein Aug für sie. Dies schlug sie tiefer als eine Niederlage.
Aber ein anderer sah jetzt zum zweitenmal das bräunliche, bewegte Antlitz, sah es lange kennerisch, genießerisch, sah es auf und ab, die starkblauen, dringlichen Augen, ihr seltsames Widerspiel zu dem dunklen Haar. Kotz Donner, diese Weißenseein! So was gab es also; so was war eine Schwäbin, eine Untertanin. War eine Schwäbin besonderer Art. Das hätte Karl Alexander nie gedacht, daß dem Weißensee, dem Fuchs, so ein feines Gewächs im Haus heraufblühe. Er war auf das Fest gegangen mit der vagen, ziellosen Gier nach was Neuem. Er hatte Arbeit hinter sich, war ausgeruht, fühlte sich frisch. Das war was anderes, Neues. Jetzt hatte die Soirée ein Ziel. Die welsche Komödiantin, von der Süß ihm vorgeschwärmt, machte ihm nur neuen Appetit auf die feste, junge, besondere Schwäbin.
Bald nach der Oper tafelt man. Das Souper ist weitläufig und voll Pracht. Die Masken werden abgenommen, die erhitzten Gesichter schauen aus den Kostümen fremdartig und vertraut und reizen doppelt. Gewürzte Speisen, starke, fremde Weine, kräftige Trinksprüche. Aus einem Wunderwerk von Pastete springt ein Kinderquartett heraus, Paris und die drei Göttinnen, aber Paris reicht keiner von ihnen, er reicht der Herzogin den Apfel. Der Geheimrat Fichtel, dick und kugelig in seinem türkischen Kostüm, bringt einen Toast aus, in ganz pfiffigen Alexandrinern, voll von feinen, boshaften Spitzen gegen die Landschaft, und die katholischen Offiziere huldigen lärmend dem Herzog.
Gnomen tanzen herein, plündern die Schmuckvitrinen, überreichen possierlich den Frauen die glitzernden Geschenke, die Süß ihnen bestimmt hat. Dom Bartelemi schaute scharf zu, wie sie Stein um Stein, Kettlein um Kettlein, Spänglein um Spänglein verteilten. Der ungeheuer lange Mensch, die rechte Schulter kurios hochgezogen, das blaurote, entfleischte Gesicht auf dürrem Hals aus der zeremoniösen Krause der altertümlichen Portugiesertracht reckend, schickte hinter faltigem Lid die länglichen, starren, schmalen Augen auf unablässige Wanderschaft. Tief in den Höhlen lagen sie, lauerten sie aus dem zerdrückten Totenkopf. Der kurpfälzische Geheimrat, auch Tabakmanufaktur- und Kommerzien-Generaldirektor ließ sich von den Damen die einzelnen Geschenke weisen, wertete sie sachkundig. Mit tiefem Unbehagen hörte Süß die hohle, kalte, langsame Stimme, die seine Offerten so oft unterboten, ihm so manchen Handel gehindert, ihn so lange klein und unscheinbar gemacht hatte. Angewidert sah er und kalt überschauert die ausgeglühte Leidenschaft, mit der Dom Bartelemi die flirrenden Steine durch seine langen, dürren, blauroten Hände rieseln ließ. Sie schauten sich an, sie beschielten sich, zwei stoßgierige Raubvögel, alt, kahl, ungeheuer erfahren der eine, der andere kleiner, jünger, spielerisch wilder.
„Feine Steine, gute Steine,“ sagte Dom Bartelemi. „Aber ein Dreck gegen den Solitär. Laßt mich Euren Solitär anschauen,“ sagte er zu Süß. Und, den Solitär zärtlich zwischen den Spinnenfingern, bellte er mit seiner kellerigen Stimme durch die aufhorchenden Gäste: „Was verlangt Ihr für den Stein, Herr Finanzdirektor?“ „Ich verkauf ihn nicht,“ sagte Süß. „Ich biete Euch die pfälzische Tabakmanufaktur,“ drängte der Portugiese. „Ich verkauf ihn nicht,“ wiederholte heftig der Jude. Zögernd gab Dom Bartelemi den Stein zurück, und die Herzogin erklärte: „Nun steckt sich mein Jud die pfälzische Tabakmanufaktur an den Finger.“
Aber da schickte der welsche Konfisier das Dessert herein. Es war ein herrliches Kunstwerk, und der Konditor Benz hätte eine Woche nicht schlafen können vor Neid, wenn er es gesehen hätte. Es stellte aus Kuchen und Gefrorenem Festungen dar, die Karl Alexander erobert hatte, und ein ganz besonders bewundertes Schaustück bildete den Triumph des Merkur nach, der oben auf der Decke posaunte.
Nach Tafel, während der Ball beginnt, sitzt das Herzogspaar mit den bevorzugtesten der Gäste im Wintergarten. Marie Auguste medisiert mit Herrn von Riolles, der in seinem weiten Kimono mit dem kahlen, beweglichen, gelüstigen Gesicht unter den Pflanzen wie ein maskierter Affe wirkt. Dom Bartelemi klopft und kratzt an Stuck, Marmor, Lapislazuli herum, steht vor den Schmuckvitrinen. Aber der Geheimrat Fichtel sitzt vor seinem Kaffee und führt mit seinem Freund Weißensee ein hintergründiges, umwegiges diplomatisches Gespräch. Und Remchingen läßt seinen Unmut über die Herzogin an Süß aus und überschüttet den Gelassenen, Höflichen mit plump unflätigen Späßen.
Abseits sitzt der Herzog mit Magdalen Sibylle. Gleich nach Tafel, er hat stark getrunken, hat er dem Süß einen Wink gegeben, er solle ihm sein Schlafzimmer und das Kabinett überlassen und die Magdalen Sibylle auf irgendeine Manier dorthin bringen. Den Süß, wie er das hörte, stach es fein und ganz spitz, er sah das Mädchen, wie sie ihn im Wald das erstemal erblickte und schrie und davonlief, und später in seinem Arbeitszimmer, wie sie umfiel und bräunlich-fahl und ohnmächtig und sehr jung dalag; eigentlich gehörte die Magdalen Sibylle ganz ihm, man brauchte keine scharfen Augen zu haben und sah, daß das Mädel ein einziger Drang zu ihm war, und er hatte, wie jetzt Karl Alexander von ihr sprach, eine rasende Begier nach ihr. Aber er war so gewohnt, daß erst das Geschäft und der Herzog kam und Weiber und Geilheit und Sentiment erst hinterher, daß er sogleich mit dem üblichen hemmungslos ergebenen Blick sagte, er freue sich, Seiner Hoheit dienen zu dürfen. Er mache Seine Durchlaucht bloß submissest darauf aufmerksam, daß die Demoiselle, soviel er wisse, eine Erweckte sei, somit schwer traktabel und leicht Zustände kriegend; auch sei seines Bedünkens dieses Faß noch nicht angestochen. „Hat Er’s probiert?“ lachte schallend der Herzog, und nochmals: „Hat Er’s probiert?“ Und gerade nach so was jücke es ihn heut, und daß sie eine Pietistin sei, würze den Braten doppelt. Und er nickte dem Weißensee, der nicht fern mit Fichtel und Schütz Konversation machte, jovial und gnädig zu.
Wie er jetzt mit ihr im Wintergarten saß, begann er also, sie um ihre Pietisterei zu hänseln. Er sei zwar ein Katholik und ganz gemeiner Ketzer, aber sein Hofkirchenrat, der doch darin kompetent sein müsse, ihr Herr Vater voran, sei gar nicht einverstanden mit den schwärmerischen Lehrmeinungen; er habe erst gestern ein Reskript unterzeichnen müssen, das einer gewissen Frau von Molk die Abhaltung sektiererischer Zusammenkünfte bei schwerer Strafe verbiete. Wie er die Beata Sturmin gesehen habe, die Heilige, das Haupt der ganzen Bewegung, habe er sich gedacht, so viel sei sicher, daß der Umgang mit Engeln eine Frau nicht just reizvoll mache; jetzt, da er sie kenne, die Magdalen Sibylle, vermeine er, daß der Verkehr mit Gott und den Engeln doch viel für sich habe. Ob sie ihn nicht ein weniges unterweisen wolle. Magdalen Sibylle hörte dem platten Gewitzel gequält zu. Sie hatte Furcht vor Karl Alexander, vor seinem erhitzten Gesicht, seinen gefräßigen Augen. Seine Frivolitäten reizten sie nicht, sie fühlte sich leer von Gott, sonst wäre sie ob solcher Lästerung wohl aufgewallt und hätte nicht gebangt, auch diesem wütigen Nebukadnezar ihre zornige Verachtung ins Gesicht zu glühen. Jetzt fühlte sie nur Widerwillen, sie war so müd und traurig, und Gott blieb im Dunkel sitzen, Gott würdigte sie keiner Antwort, Gott verwarf sie.
Sie hörte wieder die laute, polternde Stimme Karl Alexanders. Sie solle nicht glauben, er verstehe gar nichts von ihren Dingen. In Venedig habe er sich viel mit Geistersehern abgegeben, und wenn er auch keinen Swedenborg gelesen habe, so kenne er doch auch in Deutschland einen Magus, der in die Zukunft schauen könne und erstaunlich gute Relation mit unserm Herrgott habe. Es sei freilich ein alter Jud, Magdalen Sibylle sei ihm lieber, und wenn er fürderhin eine Auskunft vom lieben Gott brauche, rechne er darauf, daß er sich an sie wenden dürfe. Dabei nahm er ihr die Larve ab, und seine gefräßigen und gewalttätigen Augen drangen zügellos auf sie ein.
Es war furchtbar heiß im Wintergarten, die fremdartigen Bäume und Gewächse bewegten sich im Schein der Kerzen wie Menschen, Musik schwamm erregend herein, Magdalen Sibylle hatte rasende Kopfschmerzen, die Augen und die Worte des Herzogs zerrten an ihr wie etwas Scharfes, Schneidendes. Sie sah, wie die Worte herauskamen aus seinem üppigen, geilen und bedrohlichen Mund, auf sie zukamen, sie stachen, zwickten, an der Haut ihrer Seele rissen. Sie fühlte sich gespannt zum Zerreißen, gleich wird sie etwas Wildes, Unsinniges tun; da, im letzten Augenblick, erlöst sie ein Page der Herzogin, bringt ihr den Auftrag, Ihrer Durchlaucht aufzuwarten.
Marie Auguste saß in einem größeren Kreis. Süß war um sie, Herr von Riolles, der Geheimrat Schütz, dann der junge Aktuarius Götz, blond, dumm, frisch, aus einer der angesehensten Familien, im Schäferkostüm, mit seiner Mutter, der Geheimrätin Götz, und seiner Schwester Elisabeth Salomea. Die beiden Damen, Mutter und Tochter, sahen sich lächerlich ähnlich, sie sahen aus wie Schwestern, beide blaßfarbig, zart und langgliedrig, sehr hübsch, mit hellem, reichem Haar und großen, schwärmerischen, törichten Augen. Sie saßen, flachsblond und lieblich, in nicht sehr originellen, etwas aus der Mode gekommenen Schäferinnenkostümen, und himmelten mit ihren hellen, naiven Stimmen, ihren liebenswerten, unklugen Augen die Herzogin an. Eben schritt träg und statiös die Sophie Fischerin zurück in den Wintergarten, die schöne, üppige Mätresse des Süß, und Marie Auguste konnte sich nicht enthalten, ihren Hausjuden ein weniges mit ihr aufzuziehen. Der hatte nämlich, offenbar als Entgelt für die Tochter, die Ernennung des Vaters, des Kammerfiskals Fischer, zum Expeditionsrat durchgesetzt. Süß stand in seinem sarazenischen Kostüm männlich rank und elegant vor den Damen; gewandt und unverlegen spöttelte er zurück, gewiß, die Jungfer Fischerin sei ihm eine liebe und willkommene Hausdame gewesen; aber nachdem Seine Durchlaucht geruht hätten, ihren Vater in ein so angesehenes Amt zu erheben, könne er ihre Dienste doch wohl nicht mehr in Anspruch nehmen; die Tochter eines so hohen Beamten, das schicke sich doch nicht. Er lächelte und schloß frech-gleichgültig, er werde sie also morgen aus seinem Hause entlassen. Die kleine Gesellschaft war erstaunt über die zynische Offenheit, mit der er seine Mätresse so elegant höhnend entlohnte und entließ. Die Herzogin amüsierte sich, auch Herrn von Schütz gefiel diese weltmännische Art offensichtlich, der junge, dumme Aktuarius Götz wußte nicht recht, was er machen solle, er legte großes Gewicht auf korrekte Form, er wußte nicht, solle er dem Juden beipflichten oder ihm zu Leib, er entschied sich schließlich für ein stummes, martialisches Gesicht. Die zarten und süßen Damen Götz aber, Mutter wie Tochter, bestaunten die überlegene Eleganz, mit der dieser Kavalier eine Amour beendete, und schauten voll Bewunderung und zärtlichen Interesses zu ihm auf.
In diesen Kreis trat jetzt Magdalen Sibylle. Die Herzogin hatte bemerkt, wie sehr sich Karl Alexander mit ihr beschäftigte, auch ihr gefiel das Mädchen mit dem bräunlich kühnen, bewegten Antlitz und dem seltsamen Widerspiel der blauen Augen zu dem dunklen Haar. Neugierig wollte sie näher beschauen, was an ihr Attraktives sei. Sie reichte ihr wohlwollend die Hand zum Kuß, betrachtete sie lässig und ungeniert. Magdalen Sibylle hatte einen kleinen, scheuen Seitenblick hinüber zu Süß. Der hatte sich, wie sie kam, tief verneigt, jetzt stand er ernst und förmlich. Sie war wie erlöst, daß sie den Herzog nicht mehr hören mußte, sie spürte das Wohlwollen, das von der Herzogin zu ihr herüberging, aber die gleichgültige Förmlichkeit im Gesicht des Süß verwirrte sie von neuem. Sie saß stumm, während die anderen weiter leicht und belanglos konversierten, und plötzlich löste sich Furcht, Spannung, Enttäuschung, Empörung, Erwartung in ein ungehemmtes Schluchzen, das sie vor die Herzogin hinwarf. Betretenheit und leichtes Schmunzeln bei den anderen, Marie Auguste streichelte mit der kleinen, zierlichen, fleischigen Hand die große, kalte des Mädchens. Süß aber nützte geschickt die Gelegenheit, sagte, er werde sorgen, daß sie sich beruhige, führte die Befangene, Geschüttelte fort. Es feixte der Chinese Riolles, es lächelte der Spanier Schütz, der Phantasieschäfer Aktuarius Götz fand wieder keinen anderen Ausweg als eine kriegerische Miene. Aber die Herzogin, unbefangen weiterschwatzend, suchte mit den Augen ihren Gemahl und konstatierte befriedigt, wie er, da Süß das Mädchen in seiner Nähe vorbeiführte, ihm zublinzelte.
Das Zimmer, in das der Jude Magdalen Sibylle führte, war kühl, wenn man aus den von Kerzen, Wein und Menschen überheißen Sälen kam. Es war das Zimmer vor dem Schlafgemach, durch eine Portière sah man das Prunkbett mit den goldenen Amoretten. Hierher hatte man aus den übrigen Räumen allerlei Dinge zusammengestellt, die dort dem Maskenfest im Weg gestanden wären, Zerbrechliches, Porzellan, Chinoiserien, das Bauer mit dem Papagei Akiba. Der Lärm des Festes klang hier nur sehr leise, nach den menschenvollen Sälen wirkte das kleine Zimmer mit seiner frischeren Luft, seiner Leere, Stille, Kühle wohlig sänftigend.
Magdalen Sibylle saß auf einem niedrigen Diwan, ruhiger atmend, gelöster die Haltung. Sie sah groß aus, wie sie so dasaß, warm und gelockert von all der Wirrung und Erregung, und Süß, der geschmeidig und verbindlich vor ihr stand, begehrte sie sehr. Es traf sich schlecht und ungeschickt, daß jetzt der andere kommen wird, der wahrscheinlich gar nicht zu schmecken verstand, was Köstliches ihm da zufiel.
Das Mädchen schaute langsam mit seinen großen, erfüllten Augen den Mann an. Süß hielt es für angebracht, den Blick mit jener hemmungslosen Hingabe zu erwidern, in der er geübt war, und solcher Hingabe im besonderen Fall etwas Väterlichkeit beizumischen. Armer Luzifer! dachte Magdalen Sibylle. Er ist ein sehr Verirrter und Unglücklicher. Es hat keinen Sinn, zu eifern und ihm mit wilder und empörter Beschwörung zu Leib zu rücken. Ich werde ihn ganz sacht an der Hand nehmen und ihm mit sänftlichen Worten zureden, bis er zu Gott zurückfindet. Wie konnte ich zweifeln, ob ich die Kraft haben werde zu meiner Sendung. Er wartet ja nur darauf, daß jemand komme und ihn mit Gott versöhne.
„Ich bin untröstlich, Demoiselle,“ sagte mittlerweile mit seiner dunklen, streichelnden Stimme der Jude, „daß Ihnen immer in meiner Gegenwart ein Akzident unterläuft. Das erstemal, als ich das Glück hatte, Sie zu sehen, im Wald von Hirsau, unter den Bäumen, liefen Sie vor mir davon. Als Sie mir dann mit Ihrem Herrn Vater die Ehre Ihrer Aufwartung machten, wurde Ihnen in meinem Hause nicht wohl. Heute, wo ich glaubte, nach meinen bescheidenen Kräften alles getan zu haben, meine Gäste in guten Humor zu setzen, sehe ich zu meinem schmerzhaftesten Bedauern, daß ich es wieder nicht getroffen habe. Ist meine Visage wirklich so abominabel und widerwärtig, Demoiselle? Oder sind es vielleicht doch nur fatale Zufälle?“ Und er neigte sich zu ihr, die groß und gerötet auf dem Diwan saß.
„Simulieren Sie nicht länger, Herr Finanzdirektor,“ sagte sie plötzlich mit einem tapferen Anlauf und sah ihn groß, fromm und dringlich an. „Ich weiß sehr gut, daß Sie Luzifer sind, Sohn des Belial, und Sie wissen, daß ich gesandt und gekommen bin, mit Ihnen zu ringen und Sie Gott zu unterwerfen.“
Süß hatte viel Uebung mit Weibern, er war an Ueberraschungen gewöhnt, er verlor nie seine Fassung und zeigte sich nie perplex. Aber diese Anrede kam ihm völlig unerwartet, verschlug ihm die Sprache, er wußte, zum erstenmal, keine Antwort. Es schickte sich glücklich für ihn, daß Magdalen Sibylle offenbar auch gar keine Antwort erwartete, sondern nach einer Atempause weitersprach. Sie begreife es sehr wohl, daß er glaube, Gott, sein Widersacher, werde ihn zurückstoßen; es sei gewiß auch ein ungeheurer Entschluß, von tausendjährigem Trotz zu lassen. Aber wenn dieser Trotz und arge Verstocktheit erst abfalle, dann sei die Seele wie befreit von bösem Schorf und bade in Gott wie in liebem, lauem, sichtigem Wasser. Dergleichen redete sie mehr und dringlich und streckte ihm im Eifer die Hand hin.
Süß hatte sich mit der ihm eigenen Flinkheit auf das pietistische Diktionär eingestellt, er ergriff ihre Hand, begann eine rasch präparierte Antwort, und sie waren beide auf dem besten Wege, als plötzlich der Herzog im Zimmer stand. Mit weiteren Pupillen, erschreckt, hilfesuchend, starrte Magdalen Sibylle auf Süß, gepreßt, hörbar atmend. Aber der Jude sagte verbindlich, er müsse zurück zu seinen Gästen, und auf einmal war sie allein mit dem Herzog, und der Papagei gellte: _Ma vie pour mon souverain_, und im Nebenraum in hellerem, nacktem Licht stand das freche, prunkende Bett. Karl Alexander sagte mit heiserer, unfreier Stimme etwas Scherzendes, Belangloses. Sie sah sein rotes Gesicht, das leicht schwitzte, sie sah seine Augen, die sich verdunkelten und verwilderten, roch seinen trunkenen, erhitzten Dunst. Sie ging mit mühsamen Schritten zur Tür, lallte eine Entschuldigung, wollte Süß nach, zurück zu den Gästen. Aber die Tür war verschlossen. Karl Alexander lachte ein belegtes Lachen, schnallte umständlich den kostbaren antikischen Brustpanzer ab, schweigend, daß nur ihr Atem hörbar war. Kam mit grauenhafter Freundlichkeit auf sie zu, nahm ihre Hand in die seine, die seltsam war, der Rücken schmal, lang, knochig, behaart, das Innere fleischig, fett, kurz. Sie wich zurück, er faßte sie fester, dünstend, erhitzt fauchend. Sie bekam ihre Kraft zurück, wehrte sich wild, doch ohne Aussicht, gegen den schweren, starken, erregten Mann. Fetzen ferner Musik kamen herein, sie schrie, erregt und krächzend flatterte der Papagei.
Draußen der Maskenball entlöste sich immer mehr den Zügeln gemessener Form. Aus allen schattigeren Winkeln Gekreisch, Gegröhl, gekitzelte, halbe Schreie. Anerkennend meinte Herr von Riolles zu Herrn von Schütz, selbst am Hofe der polnischen Majestät hebe die Freude die Schwingen nicht höher.