Jud Süß

Part 13

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Und dann, belebter, sprach sie von den Menschen der heiligen Geschichten. Ihr Aug, hingegeben, verströmend, hing an ihrem Vater, und kühnen Schrittes trat David ins Gemach, stolz blickend, mit der Schleuder, Simson stürmte vor, und rechts und links sanken die Philister, voll heiligen Zornes jagte Juda der Makkabäer die Heiden aus dem Tempel. Und alle waren sie er, flossen sie in eins mit ihm, borgten von ihm ihre Kraft, Schönheit, ihren Eifer und Sturm. Doch da mit einemmal stockte sie und wölkte sich. Sie sah Absalom, hängend mit dem reichen Haar im Geäst. Und sie griff, die Augen groß auf, die Schultern überschauert, nach der Hand des Vaters, hielt sich an ihr, der warmen, lebendigen, hielt sich sehr fest. Er erwiderte den Druck, aber er ahnte nicht, was sie bewegte.

Drei Tage lebte er so, schwerlos und gelöst vom Wirbel seines Alltags. Am dritten Tage plötzlich, er war allein im Zimmer und Nicklas Pfäffle stand vor ihm, fetten, unbewegten Gesichts, fiel die Außenwelt ihn an, das Zurückgelassene. Er sah seine Akten, auf Unterschrift wartend, getürmt, er sah die wirbelnde Welt, und sie wirbelte ohne ihn. Beamte, Geschäftsleute, alle jagten, hetzten, kribbelten hinauf, zielten hin, wo er stand, gefährdeten ihn, und er hatte seine Hand nicht im Getriebe, er saß hier fernab, kümmerte sich um nichts. Was alles konnte ihm entgleiten mittlerweile, was alles gegen ihn gewendet werden. Unbegreiflich, daß er so ruhig hier saß, unbegreiflich, daß er die Tage her an nichts gedacht hatte. Die Blumen sanken ihm zurück in ihre Stummheit, nichts mehr spürte er vom Hauch und Leben der Dinge, die Ziffern und Figuren der heiligen Wissenschaft waren ihm albernes Zeug. Vor ihm standen Rentabilitätsberechnungen, herzogliche, Reskripte, Intrigen der Landschaft, komplizierte Geschäfte, Leben, Macht. Mit halber Seele nur schaute er auf sein Kind, das ihm, verströmend, im Arm lag. Er riß sich los, und schon lag das Mädchen, das weiße Haus, die feierlich frohen Blumenterrassen wesenlos hinter ihm und die Kapsel sprang zu.

Wie er durch den Wald ging, mit Nicklas Pfäffle, rasch, dem Karrenweg zu, sah er plötzlich unter einem Baum am Rand einer Lichtung ein Mädchen, bräunlich kühnes Gesicht, starkblaue, große Augen seltsam unter dunklem Haar, die Hände hinterm Kopf verschränkt, hinstarren schräg hinauf durch die Stämme. Aber nicht in der Haltung einer Ruhenden, sondern angestrengt, gekrampft. Er ging gerade auf sie zu; sie war schön, sehr anders als die Mädchen im Lande, auf dem bräunlich kühnen Gesicht standen sonderbare, nicht alltäglich schwäbische Gedanken. Erst als er auf dem weichen Waldboden ganz nah an ihr war, sah sie ihn, sprang auf, starrte ihn an aus schreckgeweiteten Pupillen, schrie: „Der Teufel! Der Teufel geht durch den Wald!“ lief fort. Dem erstaunten Süß erklärte der gleichmütige, alleswissende Nicklas Pfäffle: „Die Magdalen Sibylle Weißenseein. Tochter des Prälaten. Pietistin.“

In der Kutsche überlegte Süß, es sei praktischer, nun er schon unterwegs sei, gewisse Geschäfte mit seinen Frankfurter Geldleuten persönlich zu erledigen. Allein dies war ein Vorwand, mit dem er sich selbst belog. Was not tat, war nicht persönliche Besprechung jener Affären in Frankfurt, was ihm not tat, was er ersehnte nach dem seltsamen und unsichern Hin und Her in dem Haus mit den Blumenterrassen, das war Bestätigung seiner selbst, seiner Macht, seines Erfolges, Widerhall, Sicherung. Er schickte nach seinem Sekretär, nach Dienerschaft. Fuhr groß und glänzend in Frankfurt ein.

Es standen staunend und erregt die Frankfurter Juden, steckten wackelnde Köpfe zusammen, schnalzten verwundert, bewundernd, hoben vielbeweglich die beredten Arme. Ei, der Josef Süß Oppenheimer! Ei, der württembergische Hoffaktor und Geheime Finanzienrat! Ei, was hatte er es weit gebracht! Sein Vater war Schauspieler gewesen, seine Mutter, die Sängerin, schön, elegant, nun ja, nun ja, aber eine leichte Person, keine Ehre für die Judenheit, sein Großvater, Reb Selmele, das Andenken des Gerechten zum Segen, ein braver Mann, Kantor, ein frommer, geachteter Mann, aber doch ein kleiner, armer Mann. Und nun der Josef Süß, so hoch, so glänzend, so mächtig, viel höher als sein Bruder, der Darmstädter, der Getaufte, der sich hat taufen lassen, um Baron zu werden. Ei, wie sichtbarlich hat der Herr ihn erhöht. Trotzdem er ein Jud ist, reißen die Gojim die Mützen vor ihm herunter und bücken sich bis zum Boden, und wenn er pfeift, kommen die Räte und Minister gerannt, als wäre er der Herzog selbst.

Süß schleckte gelüstig die Bewunderung. Er machte eine Spende, hoch zum Erstarren, für die Synagogenbedürfnisse, die Armen. Der Gemeindepfleger kam und der Rabbiner, Rabbi Jaakob Josua Falk, ein ernsthafter, kleiner, nachdenklicher Mann, welke Haut mit dicken Adern, tiefliegende Augen, sie bedankten sich, und der Rabbiner gab ihm Segenswünsche auf den Weg.

Und er stand vor seiner Mutter, und die schöne, alte, törichte Frau breitete ihre eitle Bewunderung unter seine Füße wie einen weichen Teppich. Er badete in dieser lauen, ungehemmt über ihn hinwellenden Bestätigung, aus hundert blanken Spiegeln strahlte alles Erreichte berauschend auf ihn zurück; seine heimlichsten Träume kramte er aus versteckten Winkeln vor diese willigste Hörerin, die selig lächelnd seine Hand tätschelte. Zäh entschlossen, von keiner Nachwallung des weißen Hauses beirrt, bis zum Rand gefüllt mit kühnen, unerhörten Entwürfen, kehrte er nach Stuttgart zurück.

* * * * *

Der Krieg war aus, Karl Alexander fuhr heim in seine Hauptstadt. Er war schlechtgelaunt. Der nächste Zweck zwar war erreicht worden, er hatte sein Land vor Ueberfall und Plünderung gewahrt. Auch waren alle Operationen kunstgerecht, methodisch vor sich gegangen, alle taktischen Fragen ausgezeichnet gelöst, er hatte gezeigt, daß er ein Faktor war, daß man mit ihm als Feldherrn wie als Besitzer einer ansehnlichen Armee rechnen mußte. Aber eigentlich waren das doch recht magere Resultate und weit entfernt von der Gloire, von der er geträumt. Verdrossen saß er in seiner Kutsche, das Uebel seines lahmenden Fußes hatte sich verstärkt, sein Asthma bedrängte ihn.

Eine Diligence kam entgegen, bog respektvoll aus vor der herzoglichen Kutsche, hielt. Unter den in Demut erlöschenden Gesichtern erkannte Karl Alexander ein mürrisches, unerregt grüßendes. Breit, blaß, platte Nase unter mächtiger Stirn, trübgraue Augen. Er erschrak leicht, es war ihm, als höre er die knarrige Stimme: „Das Erste sag ich Euch nicht.“ Jäh schnürte ihn unheimliche Gebundenheit. Er sah sich plötzlich schreiten in einem stummen, schattenhaften Tanz, der Rabbi vor ihm hielt seine rechte, Süß hinter ihm seine linke Hand. Schritt da ganz vorne, durch viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch der dicke, lustige Friedrich Karl, der Schönborn, der Würzburger Bischof? Wie schaurig possierlich er aussah. Und alles war trüb, nebelhaft, farblos. Tiefer verdrossen fuhr er weiter.

In Stuttgart hob sich von allen Seiten Aergerliches. Die Herzogin hatte ihn erfreut begrüßt; in der Nacht dann, in seinem Arm, hatte sie in ihrer leisen, leicht spöttischen Art gefragt, was er ihr alles Schönes in Versailles erbeutet habe; als Braut habe sie geträumt, er werde dem französischen Ludwig die Perücke herunterreißen und sie ihr als Trophäe bringen. Es war gewiß harmlose Neckerei gewesen, aber ihn hatte sie tief gewurmt.

Dann rückte mit seiner langweiligen, zähen, enervierenden Nörgelei und Reklamiererei der parlamentarische Ausschuß an. Verlangte in einer zweiten Audienz dringlich und unumwunden jetzt, nach erfolgtem Friedensschluß, Abrüstung. Blaurot lief der Herzog an, der Atem setzte ihm aus. Nur mühsam zwang er sich, die Deputation anzuhören, nicht mit Fäusten über sie herzufallen, sie nicht verhaften, nicht kreuzweis schließen zu lassen. Höchst unwirsch und ungnädig, unter Atemnot und Husten, Flüche und Beschimpfungen polternd, jagte er schließlich die Verängstigten, Entsetzten fort. Berief den Süß.

Der trug, wie stets, ein fertiges Projekt in der Tasche. Karl Alexander empfing ihn nach dem Bad, im Schlafrock, der Neuffer rieb ihm den lahmenden Fuß, der Schwarzbraune lief, mit Tüchern, Kämmen, Bürsten, ab und zu. Lächelnd, verbindlich setzte Süß den feinen, giftigen Plan auseinander. In einer so wichtigen Angelegenheit solle Seine Durchlaucht sich nicht begnügen, mit den elf Herren des parlamentarischen Ausschusses zu verhandeln. Der Ausschuß müsse aus den übrigen Abgeordneten verstärkt werden.

Was damit gewonnen sei, fragte der Herzog, die blauen, gewalttätigen Augen unverwandt auf dem glatten, lächelnden, gewandten Mund des Juden.

Es seien natürlich, fuhr Süß leichthin und fließend fort, bei solcher Ergänzung nur diejenigen Deputierten beizuziehen, deren treue und loyale Gesinnung gegen den Herzog feststehe.

Karl Alexander sah dem Juden aufmerksam auf die Lippen, dachte scharf nach, wandte die Worte des Süß hin und her. Begriff, daß auf diese Art die Opposition mühelos aus dem Parlament ausgeschaltet, die Landschaft in eine Vereinigung ohnmächtiger Hanswürste gewandelt werden könnte. Sprang auf, daß der Kammerdiener Neuffer, der ihm den lahmenden Fuß rieb, zurücktaumelte. „Er ist ein Genie, Süß!“ jubelte er los, stapfte, den einen Fuß bloß, im Zimmer herum, aufgewühlt. Der Schwarzbraune, in seinen Winkel zurückgewichen, folgte mit langsamen, rollenden Augen den Bewegungen seines Herrn. Dann, mit einem Ruck, blieb Karl Alexander stehen, zweifelnd, fragte bedenklich, wie denn die zuverlässigen Abgeordneten herauszufischen seien. Doch Süß, bescheiden-stolz lächelnd, erwiderte, der Herzog möge ihm das überlassen, ihn, sei ein einziger Aufrührer unter den beigezogenen Deputierten, mit Schimpf und Schande über die Grenze jagen.

Denselben Abend noch konferierte Süß mit Weißensee. Teilte ihm mit, der Herzog halte es für notwendig, in einer so wichtigen Affäre den Ausschuß zu verstärken; wer wohl nach des Prälaten Meinung von den Abgeordneten Verständnis für die großen Probleme und Sinn genug für die europäische Bedeutung Karl Alexanders habe, um mit Gewinn für den Fürsten und somit fürs Volk bei solcher Ergänzung beigezogen zu werden. Behutsam saß der andere, rühmte die Umsicht und Gewissenhaftigkeit des Herzogs, nannte nach langen Umschweifen, zögernd, vorsichtig, zwei, drei Namen. Bog sogleich wieder ab und sprach, verbindlich, von anderem, Belanglosem. Süß ging höflich darauf ein, meinte dann, gelegentlich, beiläufig, der Präsident des Hofkirchenrats scheine dem Herzog alt und ausgeschöpft, ob er, Weißensee, zeitlebens in Hirsau sitzen wolle, ein Berater von seinem diplomatischen Blick und seiner Erfahrung und Gelehrsamkeit wäre in Stuttgart hocherwünscht. Lüstern, sehr gelockt, schnupperte der Prälat, griff zu, lächelnd und betrübt über die eigene Schwäche und Verräterei, nannte seufzend, als Süß wieder auf den einzuberufenden Landtag zu sprechen kam, die geforderten Namen, verriet in den nicht genannten die Verfassung und wer ihr anhing. Ach, es war durchaus nicht die beste aller denkbaren Welten, wie gewisse _à la mode_-Philosophen wollten, es war eine schlecht eingerichtete, widerwärtige Welt. Nur der Einfältige konnte sich rein halten; wer klug war und kompliziert und nicht ganz abseits bleiben wollte vom fließenden Leben, der mußte unsauber und zum Verräter werden.

Ausgeschrieben wurde die Tagung. Ausgeschlossen wurden nach der Liste des Weißensee alle Abgeordneten der Opposition, ihre Proteste nicht beachtet. Herzogliche Kommissarien erschienen mit starkem militärischem Geleit in den einzelnen Städten, Aemtern, redigierten gewalthaberisch Wünsche, Vollmachten, bindende Aufträge der Bevölkerung an die Deputierten.

Unter solchen Auspizien trat der Landtag zusammen, der über die auf Jahrzehnte hinaus wichtigste Frage schwäbischer Politik, die Unterhaltung eines ansehnlichen stehenden Heeres, zu entscheiden hatte. Nicht im Landschaftshause in Stuttgart hielt dieses Rumpfparlament seine Sitzungen ab, der Herzog hatte verfügt, daß die Session der bequemeren Kommunikation mit seiner Person wegen in seinem Ludwigsburger Schloß unter seinen Augen stattzufinden habe. Die kleine Stadt quoll über von Soldaten, die Deputierten tagten bewacht von einem starken Militäraufgebot, immer gefährdet, von ihren Schützern beim kleinsten Wort der Opposition festgenommen zu werden. Der Herzog erschien nach einer nonchalanten Eröffnungsrede überhaupt nicht mehr; er nahm Parade ab, hielt kriegerische Uebungen in der Umgegend, während seine Minister lässig, gnädig den Deputierten auf schüchterne Fragen vage, hochmütige Antworten gaben.

Auf diese Manier wurden die ungeheuren Militärforderungen des Herzogs genehmigt, dazu Verdoppelung der Jahressteuer und der Dreißigste von allen Früchten. Geltung haben sollte dieser Steuermodus, solange die bedenklichen Zeiten dauerten und das Land es vermöge. Nicht schärfer wagten unter den Musketen der Soldaten die sonst so bedächtigen, vorsichtig um jedes Jota feilschenden Herren diese entscheidende Klausel zu präzisieren, und als sie in einer inoffiziellen Besprechung bescheiden die Frage aufwarfen, wer denn über die Bedenklichkeit der Lage und die Leistungsfähigkeit des Landes solle zu befinden haben, wurden Süß und Remchingen so grob, hochfahrend und drohend, daß die Deputierten mürb und erschrocken auf genauerer Festlegung dieses wichtigsten Punktes nicht bestanden. Niemals hatte, seit es eine Verfassung im Land gab, ein württembergischer Herzog vom Parlament solche Zugeständnisse erreicht wie Karl Alexander und sein Jude.

Zwei Wochen nach der Tagung wurde der Prälat von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, Präsident des Hofkirchenrats in Stuttgart.

* * * * *

Kurz nach diesem Sieg des Süß über das Parlament starb auf dem Familienschloß Winnenthal des Herzogs Bruder, Prinz Heinrich Friedrich. Seitdem Karl Alexander seine Geliebte gehabt und sie dann breitlachend, hochmütig, die Flennende, Aufgelöste, ihm wieder zugeschickt hatte, verzehrte sich der schwächliche Mann in Ohnmacht und grellen Rachephantasien. Er begann vorsichtig und ziemlich ziellos neue Zettelei mit der Landschaft, aber die Herren hielten ihn nicht für den rechten Mann und blieben reserviert. Er sah oft mit gequälten, gedrosselten Blicken auf das sanfte, dunkelblonde Geschöpf, dessen Dasein jetzt eine einzige traurige Bitte um Nachsicht war. Einmal legte er ihr die kraftlosen, schweißigen Hände um den schönen, vollen, gesunden Hals, drückte langsam zu, würgte, ließ erschrocken ab, streichelte sie: „Du kannst ja nichts dazu, du kannst ja nichts dazu.“ Er malte sich wilde, phantastische Racheszenen aus: wie er die Geliebte ersticht, den Leichnam vor sich quer übers Pferd nimmt, durchs Land jagt, das Volk groß zur Rache aufruft. Oder wie er den Bruder fängt, ihn zwingt, der Geliebten die Füße zu küssen, wie er dann beide tötet, die Frau feierlich wie eine Kaiserin bestatten läßt, den Bruder einscharren wie einen Hund. Und er selber thront, ein theatralischer Rachegott, über allem. Tun aber konnte er von all dem nichts, er konnte sich nur daran verzehren und sterben.

Karl Alexander, sowie er den Tod des Bruders erfuhr, sandte den Minister Forstner und den Kriegsrat Dilldey nach Schloß Winnenthal, die Verlassenschaft des Toten zu versiegeln und insbesondere seine Briefschaften zu beschlagnahmen. Er hatte gerade während der Tagung des Rumpfparlaments von neuerlichen Zetteleien seines Bruders mit der Landschaft gehört, er brannte darauf, Beweise, schwarz auf weiß, in die Hand zu kriegen wider gewisse Parlamentarier von der Opposition. Ei, wie wollte er sie packen, ei, wie wollte er sie zwiebeln, der Hydra den Kopf zertreten.

Seine Abgesandten fanden auf dem stillen Schloß spärliche, bestürzt schleichende Dienerschaft, und an der Leiche, starrend, apathisch das blonde Geschöpf. Dem Herzog brachten sie nichts zurück als belanglose Schreiberei.

Der schäumte. Er war gewiß, der parlamentarische Ausschuß, die Elf, hatten Konventikel gehabt mit dem Toten, Kabale gemacht, ihm die Regierung zuzuschanzen. Er wütete gegen die Abgesandten, die ihm nur Wertloses beigeschafft hatten. Wegpraktiziert hatten sie das Belastende, verbrannt. Verhunzt hatten sie, absichtlich zerschmissen und kaputt gemacht die gute Gelegenheit, das Spiel zu entdecken.

Süß schürte, hetzte. So ein Moment, die Verhaßten zu stürzen, kam nicht wieder. Er hakte ein bei dem alten, sinnlosen Verdacht des Herzogs. Waren es nicht die gleichen Männer, die Karl Alexander seinerzeit die Reversalien abgepreßt hatten, jene unseligen Religionsversicherungen, die sich dann in Stuttgart in der Reinschrift anders lasen als damals in Belgrad im Konzept? Die den Bogenwechsel vorgenommen hatten, ein Blatt eingeschmuggelt in die endgültige Fassung? Hochauf schäumen machte Süß den alten Argwohn des in allem Diplomatischen kindlichen Soldaten. Jene, die Herren, mochten Uebung haben im Verschwindenlassen eines Schriftstücks. War die jetzige erfolglose Suche nach den sicher vorhandenen Dokumenten des Hochverrats nicht recht eigentlich Beweis und Bestätigung ihrer damaligen Praktiken, Zeugnis des geheimen Einverständnisses mit dem meuterischen Parlament?

Karl Alexander war es müde – und Süß pries die Weisheit solchen Entschlusses – mit diesem zweigesichtigen Kabinett weiter zu regieren, das, wenn nicht aus Hochverrätern, im besten Fall aus schwerfälligen Schikanierern, Pedanten, Angsthasen, Kompromißlern, Linkshändern bestand. In Ungnaden entlassen wurden die Minister Forstner, Neuffer, Negendank, Hardenberg. Nur Bilfinger blieb. An den weit über Württemberg ragenden, festen, gelehrten Mann wagte sich der kluge Süß nicht, auch genierte er wenig, beschäftigte sich mehr mit seinen Studien, hielt sich in der Politik, wenn auch drohend und bedenklich, im Schatten. Und schließlich schätzte der Herzog die Unterhaltung des festungsbaukundigen Mannes zu sehr, als daß Süß hier viel hätte ausrichten können.

Aber mit in den großen Sturz geriet der Kammerdirektor Georgii, der das Wort geprägt hatte von der hebräischen Garde. Zu spät hatte der um Brot und Stellung besorgte Mann jenen unseligen Scherz bereut, zu spät sich an Süß anzubiedern versucht. Tief genoß der Jude seinen Triumph, als er diese ungelenken Annäherungsversuche wahrnahm. Er spielte mit dem plumpen, schwerfälligen Herrn, behandelte ihn jetzt mit besonderer Verbindlichkeit, daß der Aufatmende schon glaubte, Süß habe von jenem Hohnwort nichts gehört oder es vergessen. Schreckte ihn dann wieder durch eine Anspielung, eine undurchsichtige Drohung. Bis er endlich selber dem Kammerdirektor seinen Sturz mitteilte. Er hatte ihn zur Tafel geladen. Man saß, ein kleiner Kreis, unter dem Deckengemälde, dem vielfigurigen Triumph des Merkur, hatte von goldenem und silbernem Schüssel- und Tellerwerk raffinierte, gewürzte Speisen gegessen, aus den kostbaren Kelchen fremde, starke Weine getrunken. Nun saß man schwer, dampfte, verdaute. Da sagte der Jude leicht und verbindlich zu dem Kammerdirektor, er bedaure, daß Serenissimus seine erfahrenen Dienste so gar nicht mehr schätze; aber der Herzog möge eben die alte Garde partout nicht mehr leiden, nicht riechen könne er sie mehr. Und zur neuen gehöre der Kammerdirektor eben einmal nicht. Der schwere Herr sah ihn fassungslos an, stammelte etwas, starrte verloren vor sich hin, schlotternden Kopfes, schwankte bald fort. Er war arm, ein gerader, beschränkter Mensch, gebannt in Enge und Konvention, er hatte sieben Kinder und kein Geld. Nun war er also in Ungnade, schimpflich aus seinem Amt gejagt. Er ging heim, erhängte sich.

Ein großer Beamtenschub kam. Bisher waren viele biedere, gemütliche, schwäbische, langsame, gutartige Männer an hohen Stellen gesessen; jetzt rückten glatte, flinke Leute an, viele Ausländer, gewandt, vielwortig, in mancherlei komplizierten Geschäften zu Haus, die Kreaturen des Süß, die Scheffer, Thill, Lautz, Bühler, Mez, Hallwachs. An allen entscheidenden Stellen saßen sie, alle Zugänge zum Herzog hielten sie besetzt. Süß selber aber lehnte noch immer jedes Amt ab, er hatte nichts als den Titel Geheimer Rat und Oberhoffinanzdirektor, auch Schatullenverwalter Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin; aber er war, und alle Höfe wußten dies, der wahre Regent des Landes, er hielt auch ohne Siegelring seine Hand über dem Herzogtum.

* * * * *

Befreit auf atmete das Land, streckte sich in fröhlicher Erwartung. Aus der Krieg. Zurückkehren werden jetzt die Söhne, Männer, Liebsten. Geruhig, sicher wird jetzt das Leben fließen, nicht stoßweise, mit Lücken hier und Mangel dort und immer neuen Schikanen. Die jungen, festen Männer wird man wieder haben, ihre entbehrten Fäuste für die Arbeit, die Männer wieder fürs Regiment im Hauswesen, fürs Bett. Einteilen wird man sich sein Geschäft können, nicht ins Ungefähr wird man wirtschaften. Die Pferde wird man wieder haben, die lieben, kräftigen Rösser, sie werden abgerackert sein, aber man wird sie schon glatt und hoch bringen. Alle Aecker wird man bestellen wie früher, den Weingarten wird man nicht weiter verludern lassen, das Haus nicht verdrecken und verfallen. Die kleinen Bürger in den Städten werden ihr Auskommen haben wie vor dem Krieg, die Materialien für ihre Hantierung, Eßwaren reichlich und Wein. Nicht wird man vor Wagen, mit schönen Dingen hochbepackt, sich sagen müssen: Je, ist alles für die Soldaten! Selber im Land wird man haben, was man macht. Nach Westen alle Blicke, von wo die Truppen wieder herkommen, die Männer, die Pferde, die Zelte, Wagen, Troß, Proviant, das Entbehrte zurück, das Ersehnte, Mangelnde, Dung und Saft zurück. Nach Westen alle Blicke wie in Dürre nach aufziehenden Wolken.

Die fressende Enttäuschung, als der Landtag kläglich resignierte, als die Armee nicht aufgelöst wurde. Ins Feuer flogen, auf den Mist die Bilder des Herzogs, Belgrad, die siebenhundert Axtmänner. Verzweiflung brach aus, Rottierer hoben sich, drohender als bei Beginn des Krieges, aber rascher noch und energischer zur Ruhe gebracht. Mit Quartier belegt, denn Kasernen mangelten, alle Untertanen, auf je zwei Familien kam ein Soldat, überall im Land lagen sie bei Bürgern und Bauern. Spionierer gingen herum, wer murrte, verdächtig war, wurde mit doppelter Last beladen. Hatten die vielmögenden Herren des Parlaments so rasch gekuscht vor des Herzogs Truppen, so wurde der gemeine Mann doppelt eingeschreckt von den Garnisonen, von den fremden, katholischen Offizieren und ihrer Brutalität.

Ringsum die Länder, die freien Städte blühten auf jetzt im Frieden; im Herzogtum sah der Friede schlimmer her als der Krieg. Denn hatte Karl Alexander draußen Geld nur für sein Militär gebraucht, so mußte er es jetzt haben für die Truppen und seine Hofhaltung, die üppiger glänzte von Tag zu Tag.

Süß, es war ein Wunder, es war Zauberei, schaffte das Geld. Als hätte er eine Wünschelrute, spürte er jeden versteckten Fleck, es an den Tag zu scharren. Während des Krieges hatte er die Schraube erst angesetzt, jetzt, langsam, mit unheimlicher Ruhe und Fertigkeit, drehte er zu. Niedergehalten von dem würgenden Druck der Soldaten, schrie nicht das gequetschte Land, stöhnte gequält, blutete veratmend seinen Saft aus, seufzte gedrosselt, verging. Auflagen, immer neue, Stempel auf alles, auf Schuhe selbst und Stiefel. Giftige Witze flogen auf: nächstens werden auch die Menschen gestempelt, auf die flache Hand gebrannt oder auf die Fußsohlen, zu vier Groschen das Paar.