Part 12
Anderen Tages schon gab er Remchingen Ordre, die Vorschläge des Süß in strengste Praxis zu übersetzen. Die beiden Männer arbeiteten nun zusammen, der General die Faust, der Jude das Gehirn. Remchingen verhöhnte den Süß mit plumpen, unflätigen Späßen. Süß haßte und verachtete ihn, doch er ließ sich zu keinem Widerstand verlocken, empfing den Hohn und Schmutz des Soldaten in ein glattes, unempfindliches, verbindliches Lächeln. Nötigte durch seine unerhörte Sachlichkeit, Findigkeit, seine immer neuen Schliche und Tricks dem General knurrende, spöttische, widerwillige Bewunderung ab. Gemeinsam war den beiden Männern nur der unbedingte Ehrgeiz, dem Herzog zu gefallen, ihm Soldaten und Geld zu schaffen, gemeinsam auch die tiefe, selbstverständliche Ueberzeugung, das Volk gehöre dem Fürsten wie seine Hunde und seine Pferde; verbrecherische Frechheit sei es, mucke es nur im geringsten gegen ihn auf.
Wie durch Zauber war nun alles da, was früher weder Zureden noch Gewalt hatten schaffen können. Hatte die Werbetrommel bisher mit allem Gelärm nur ein paar tausend Freiwillige, und viel verrackertes Kruppzeug darunter, auf nicht sehr stattliche Beine gebracht, so barsten jetzt die Depots von Rekruten. In den Remonten tummelten sich die Pferde, die Kammern stapelten Uniformen, es bauchten sich von Geld und Wechseln die Kassen, Scheunen und Magazine boten keinen Raum mehr für das eindringende Getreide, den hoch sich schichtenden Proviant. Es quoll, strömte, junge, schäumende Flut nach der tristen Ebbe. Ueberall Nachschub, Reserven. Karl Alexander, triumphierend, schwoll an und rühmte vor aller Welt das Genie und die Geschicklichkeit seines Geheimen Finanzienrates.
Uebers Volk aber senkte es sich bleiern, luftraubend. Wohl hatte es früher schon eine Art Zwangsmusterung gegeben; aber nur für Aushauser, für Vagabunden, arbeitsscheue, junge Kerls, die den Gemeinden zur Last fielen. Jetzt wurde diese Rekrutierung auf die gesamte unverheiratete Jugend des Landes ausgedehnt. Wer sich loskaufen wollte, mußte eine ungeheure Summe bezahlen. Verheiratete waren befreit von der Rekrutierung; wer aber vor dem fünfundzwanzigsten Jahr heiraten wollte, mußte den fünften Teil seines Vermögens als Taxe erlegen. Die Pferde wurden gemustert, alle tauglichen requiriert, die Regierung zahlte mit langfristigen Anweisungen. Handel und Hantierung wurde mit schweren Kriegsabgaben belastet, die Steuern mit Härte eingetrieben.
Ei, wie verschwanden die Kränze und Bänder von den Bildern des Herzogs. Beste Jugend stak, fluchend, in der Montur. Mütter, Weiber, Bräute flennten. Verluderten in der Abwesenheit der Männer. Durch das Heiratsverbot mehrten sich die unehelichen Kinder; Abtreibung, Kindsmord nahm zu. Die Felder wurden schlechter bestellt, es mangelte an Menschen, die besten Pferde waren mit Gewalt weggetrieben. Teuerung drohte, Lebensmittel, Waren verschwanden. Laut fluchte es jetzt, empörte sich. Scharfe Erlasse verboten bei Leib- und Lebensstrafe jede respektlose Aeußerung gegen die herzoglichen Verordnungen, jede Turbierung und Unruhestiftung. Es wurden auch etwelche Raunzer und Nörgler festgenommen und prozessiert. Die gelle Empörung verstummte, aber die Flüche murrten weiter, wo man vor Lauschern sicher war. Stumpf stierten die Weiber nach Westen, wohin die Söhne, die Liebsten verschwunden waren, aufgegriffen, knirschend, in die alberne, verfluchte Uniform gepreßt. Ueber ihren schlecht bestellten Aeckern knurrten die Bauern: O die schönen, fetten, glatten Rösser! Jetzt werden sie zu Schindmähren gerackert vor diesen saudummen Kanonen!
Dem Süß rührte diese Stimmung nicht die Haut. In der Kurpfalz, als er dort das Stempelpapier eingeführt hatte, war er an Aufläufe vor seinem Haus, Beschimpfungen, Pasquille gewöhnt worden; das prallte ab von ihm wie Wasser von einer Teerjacke. Wer konnte an ihn heran? Er saß an der Macht, er war der nächste Ratgeber des Fürsten, keiner wußte ihn so zu behandeln wie er. Keiner verstand es wie er, mit unterwürfiger, demütiger Miene die bollernden Zornausbrüche des jähen, an soldatische Unterordnung gewöhnten Mannes hinzunehmen und sich, hinausgejagt, als wäre nichts geschehen, eine Stunde später von neuem zu präsentieren. Die Beamten des Herzogs hatten Weisung, sich in allen geldlichen Dingen unbedingt an seine, des Hoffaktors, Ratschläge zu halten, keine Finanzverordnung ging aus ohne sein Wissen und Willen. Und was wäre nicht mit Geld verquickt gewesen? Wer die Finanzen regierte, regierte das Land.
Mit geblähten Nüstern, wohlig, schnupperte Süß die Luft der Macht, in der er jetzt lebte. Seit seinen glücklichen Maßnahmen zur Auffüllung des Heeres war er der eigentliche Herrscher im Herzogtum. Er war sehr hoch, er war nah am Gipfel, es überrieselte den Rücken wie laues Wasser, sah man hinunter, wo es kribbelte und sich abzappelte, um heraufzuklimmen. Manchmal wohl, wenn sein Vorzimmer voll war von Wartenden, Aengstlichen, Bittstellern, ging er allein in seinem Arbeitskabinett auf und ab, die sehr roten Lippen in dem weißen Gesicht lächelnd offen, lauschte hinaus auf das Geflüster, das kaum hörbar hereindrang, dehnte die Brust, atmete, lächelte, schickte die ganze Antichambre wieder fort, ohne sie zu empfangen. Oh, es war süß, süß und herrlich war es, Macht zu haben unter den Menschen. Nicht ohne wohlig schauernden Kitzel spürte er den geduckten, ohnmächtigen Haß, der sein Gesicht servil grüßte, seinen Rücken bespie. Haß des Volkes ist gut, hatte Isaak Landauer gesagt, Haß bedeutet Macht, Haß bedeutet Kredit.
Ein Wort wurde ihm hinterbracht, das im Volk umging; der kleine, feiste, schweinsäugige Konditor Benz hatte es aufgebracht, der im Wirtshaus „Zum Blauen Bock“ mit anderen Kleinbürgern zu politisieren pflegte: Unterm vorigen Herzog hat eine Hur regiert, unterm jetzigen ein Jud. Süß ließ den Konditor vor sich kommen, der kleine, feiste Mann, schwitzend, mit feig ausweichenden Augen leugnete. Süß versammelte sein ganzes Hausgesind, und vor den Grinsenden, Sich-anstoßenden, die alle wußten, daß er das Wort geprägt hatte, mußte der kurzhalsige, schnaufende Mensch auf Ehr und Gewissen und bei seinem Heiland versichern, er wisse nichts davon und habe sich nie ein respektloses Wort über Seine Exzellenz erlaubt. Dann, dem lächelnden Süß die Hand küssend, nach rückwärts schreitend, konnte er sich entfernen. Süß aber klagte fromm dem Herzog, wie er um der treuen Dienste willen, die er ihm leiste, beim Volk in Verruf komme.
Er führte sein Haus auf fürstliche Art. Als Innenarchitekten hatte er einen Sizilianer berufen, den Meister Ubaldo Raineri, der vor allem durch Aufträge des französischen Hochadels bekannt und in Mode war. Seine Gemächer strotzten von prunkvollen Teppichen, Gobelins, von verschnörkelten, geschweiften Möbeln, von Stuck, von Lapislazuli und Gold, von Vasen und Büsten. Neben Homer, Solon und Aristoteles hatte der Architekt, war es Unschuld oder Hohn, die Büsten des Moses und des Salomo gestellt. Auf dem Deckengemälde des Speisesaals spreizte sich in vielfigurigem Fresko der Triumph des Merkur. Auf der Decke des Schlafzimmers aber ergötzte sich schlaff und schleierigen Auges Leda mit dem Schwan; von dem Prunkbett, das nackt, frech und mächtig zwischen zahlreichen Spiegeln stand, schwatzten, breit und grob lachend, die Bürger in den Wirtshäusern, wisperten gekitzelt die jungen Mädchen. Er war stolz darauf, als erster im westlichen Deutschland die von Paris kultivierte exotische Mode einzubürgern. Figuren von Chinesen, kleine, klingelnde Pagoden standen in seltsamem Widerspiel zwischen Moses und Solon, zwischen Homer, Salomon und Aristoteles. Das Erstaunen und die Freude der Damen aber war in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba, der _Bon jour, madame_ krächzte und Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben? und _Ma vie pour mon souverain_. Seine Tafel war erlesener als sonst eine im Land, er speiste nur von Gold und Silber, es war ein Wunder, woher er alle die fremden Fleischsorten, Muscheln, Früchte nahm, die, bisher in Schwaben nie gesehen, jeden Monat neue, auf seinen Tisch kamen. Mit schelen Blicken sah der Konditor Benz auf die Kuchen, süßen Pasteten, Kunstwerke aus Eis und Früchten, die der welsche Konfisier des Juden auf ziervolle, immer wechselnde Manier bereitete.
Die weinrote, silberknöpfige Livree des Juden war bald überall bekannt. Er hielt sich Sekretär, Bibliothekar, Läufer, Heiducken, Koch, Kellerer. Durch die Domestiken schritt mit fettem, blassem, phlegmatischem, unbeteiligtem Gesicht Nicklas Pfäffle, sah alles, ordnete, ergänzte. Der Kammerdiener des Süß hatte schwere Arbeit. Den Mercure galant mußte er auswendig wissen. Der Geheime Finanzienrat legte Wert darauf, der eleganteste Herr im Herzogtum zu heißen, seine Garderobe wurde alle zwei, drei Wochen ergänzt. Er hatte eine wilde Vorliebe für Schmuck. Der Solitär, den er am Finger trug, war berühmt, die Schnallen der Schuhe, auch die Handschuhe waren mit der Mode wechselnd steinbesetzt. In seinem Boudoir, wie in seinem prunkenden Schlafzimmer waren Vitrinen mit Schmuck aufgestellt, durch seine Beziehungen zu den Amsterdamer und zu gewissen italienischen Juwelieren immer anders und reizvoll aufgefüllt. Er pflegte aus diesen Kästen seine Besucherinnen, Damen des Hochadels ebenso wie Mädchen aus dem Volke, zu beschenken. Man höhnte, schimpfte grimmig darüber, verspottete ihn ins Gesicht, daß er solche Mittel brauche; aber er lächelte, er wußte, gegen diese Manier gab es keinen Widerstand, die Beschenkte blieb ihm, gierig, verhaftet. An die Herren aber pflegte er, dies war sein Lieblingshandel, scharf und hart feilschend, Juwelen zu verschachern. Es war herrlich, die kleinen Kostbarkeiten, so viele, durch seine Hände rieseln zu lassen, einen kleinen Stein gegen Haufen Goldes zu vertauschen, und wieder Haufen Goldes gegen einen kleinen Stein, spürend: soviel Macht lag in dem kleinen Stein.
Nicht groß, aber erlesen war sein Marstall. Er handelte gern um Pferde mit großen Herren bis hinauf nach Holland. Kaufte, verkaufte, tauschte. Die drei schönen Araber der Herzogin hatte er beschafft. Auch für den eigenen Gebrauch hielt er sich einen arabischen Schimmel, die Stute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische. Der Levantiner Daniele Foa hatte sie ihm verkauft, sie stammte aus den Ställen des Kalifen. Er liebte die Stute nicht eigentlich, aber er hielt sie gut; er wußte, wie prinzlich er auf dem nicht großen, nervösen, ziervollen Tier aussah. Selbst der Polterer Remchingen mußte dem Süß zugestehen, zu Pferde sehe er fast aus wie unsereins.
Der Zutritt zu Süß war schwerer zu erlangen als zum Herzog. Es kostete viele Briefe, Gelauf und Schererei, bis man eine Stunde zur Audienz bestimmt bekam, und dann oft schickte er den Wartenden wieder weg. Er war des Herzogs Bankier und hatte den Titel Geheimer Finanzienrat. Nichts sonst; nie stand unter einem politischen Akt seine Unterschrift. Die Verfassung verbot dem Juden jedes Staatsamt, und Süß war klug genug, sich vorläufig mit dem Besitz der Macht auch ohne ihre Titel zufrieden zu geben. Er wußte, kein Minister, auch der Herzog nicht, der fast immer bei der Armee weilte, er, er war der Regent des Herzogtums. Ihm warteten die Fremden von Stand auf, zu den kleinen Zirkeln, die er um sich versammelte – klüglich noch mied er es, größere Feste zu geben – drängte man sich eifriger als zu den Assembléen der Minister. Schon bildete sich eine Partei, die offen zu ihm hielt, darauf sah, ihn zu begleiten, wenn er ausritt, sein Genie und seine Geschicklichkeit, seine Verdienste um Herzog und Volk vor aller Welt rühmte, ihn wie ein Hofstaat umgab. Der Tübinger Jurist Johann Theodor von Scheffer, Regierungsrat, ausgezeichneter Kenner des Staatsrechts, war einer der ersten, die sich offen zu ihm bekannten, die Räte Bühler und Mez von der herzoglichen Kammer folgten, der Waisenhauspfleger Hallwachs, der Requettenmeister Knab, die Räte Crantz, Thill, von Grunweiler. Der Domänenpräsident von Lamprechts gar schickte seine beiden jungen Söhne in den Dienst des Finanzienrats, daß sie bei ihm Manier und höfische Sitte lernten wie Pagen. Die hebräische Garde taufte man diesen Hofstaat, der Kammerdirektor Georgii hatte das Wort erfunden, Süß vergaß es ihm nicht, und man machte sich mit vielen billigen Witzen lustig über die Judenzer. Bald aber zeigte es sich, daß diese Judenzer den Mantel nach der rechten Seite gehängt hatten. Immer klarer erwies es sich, daß das Haus in der Seegasse die eigentliche Residenz des Herzogtums war. Auch die mächtige Hakennase des Geheimrats von Schütz tauchte jetzt in den Sälen des Süß auf, der finstere, verzehrte Landschaftskonsulent Neuffer sog als grimmige Bestätigung menschlicher Niedertracht die Atmosphäre des Juden ein, und leicht, elegant, geschmeidig schnupperte sie der kluge, neugierige Weißensee.
Die Frauen, die an dem Palais an der Seestraße vorübergingen, schielten neugierig und gekitzelt durch die mächtigen Torflügel in die Vorhalle, wo massig in seiner weinroten, silberknöpfigen Livree der Huissier ragte. Ritt Süß auf seinem Araberschimmel glänzend durch die Straßen, so langten voll begehrlichen Grauens viele Frauenblicke nach ihm. Man wisperte wilde, unheimliche und lüsterne Geschichten von ihm, wie er in Frauenfleisch wühle, wüte, sich mit schwarzen Mitteln den Frauen ins Blut brenne, sie dem Teufel verschreibe. Der Herzog hielt mehr auf den Geschmack seines Juden als auf den seiner anderen Vertrauten, und Süß mußte dem Unersättlichen unter allen möglichen Vorwänden immer neue Weiber ins Lager schicken. Machte sich Remchingen lustig über die Orgien des Beschnittenen, medisierte er neidisch, er kapiere nicht, wie ein anständiges Christenmensch dem Hebräer ins Bett kriechen könne, er müsse heillose schwarze Magie brauchen, so lachte dröhnend der Herzog, ein wohlschaffenes Gesicht und stramme Schenkel seien die beste Magie. Auch betraute er den Süß, ihm die Weiber für Oper und Ballett auszuwählen, und manchmal lachte er, der Jud sei ein Lecker und habe ihm aus vielen Schüsseln vorgeschmaust. Es zog auch ein langer Zug von Frauen, jungen und reifen, blonden und schwarzen, schwäbischen und welschen, lauen und heißen durch das vielspiegelige Schlafzimmer unter der üppigen Leda des Deckengemäldes. Doch der Jude, so prahlerisch er sonst sich spreizte, versperrte sich zäh und verriet keinen seiner Erfolge, die schweren, die ihn stolz machten, so wenig wie die zahllosen sehr leichten. Unter den vielen lärmenden, protzenden Kavalieren war er der einzig Schweigende, und weder die joviale Zudringlichkeit Karl Alexanders noch die verbindlich schmeichelnde Neugier Weißensees, noch die grob spöttischen Anzapfungen Remchingens konnten seiner ausweichenden Liebenswürdigkeit die leiseste Andeutung entlocken. Wenn dennoch bei Hof, in den Schenken, unter den Soldaten viele saftige, ungewöhnliche, sicher nicht erfundene Details aus dem Bett des Juden begrinst, begeifert, belacht, bezotet wurden, so trugen des jene Frauen Schuld, die, stolz auf den gefährlichen, so anderen, von aller weiblichen Neugier umwitterten Mann, ihre unheimliche Heimlichkeit einer Freundin unter vielen Schweigensbeschwörungen, Kichern, Tränen in den Busen flüstern mußten.
Als der Jude sein Palais fertig installiert hatte, kam auf seine dringlich ergebene Einladung, begleitet von Remchingen, die Herzogin, sein Haus zu inspizieren. Preziös trug sie den kleinen, ziervollen Kopf von der Farbe alten, edlen Marmors durch die strahlenden Räume, äugte aus den langen, fließenden Eidechsenaugen auf die Chinoiserien, lächelte vor dem Papagei Akiba, der _Ma vie pour mon souverain_ krächzte, klingelte mit den kleinen, sehr gepflegten Fingern an den Miniaturpagoden, ließ sich von Süß einen merkwürdig geformten, nicht sehr wertvollen Giftring schenken, schritt mit kleinen, gleitenden Füßen an den tief sich neigenden weinroten Lakaien vorbei zu den Ställen und reichte der edlen Schimmelstute Assjadah ein Stück Zucker. Genoß befriedigt die hemmungslose Ergebenheit des Süß. Andere hatten kleine Mohren, einen Schwarzbraunen vielleicht, ihrethalb sogar einen Chineser; aber so einen Juden mit Haus und Papagei und solch einem feinen Schimmel, _santa madre di Loretto_, den konnte nicht einmal Versailles aufweisen.
Aber, schon in der Karosse, zwischen gaffendem, barhäuptigem Volk sagte sie über den Nacken des tief auf ihre Hand geneigten Finanzienrats mit ihrer langsamen, aufreizenden Stimme: „Alles fein, Jud, alles schön. Aber das Zimmer, wo die kleinen Christenkinder geschlachtet werden, hat Er mir doch nicht gezeigt.“ Und lachte ihr kleines, glockiges, amüsiertes Lachen und fuhr davon.
Süß aber stand barhaupt vor seinem Haus und das Volk gaffte und stieß sich an, und er achtete es nicht und schaute ihrer Karosse nach mit den wölbigen, fliegenden, beredten Augen, die sehr roten Lippen leicht offen in dem weißen Gesicht.
* * * * *
Mit dem zunehmenden Frühling verließ Rabbi Gabriel plötzlich, wie es seine Art war, das weiße, kleine Haus mit den Blumenterrassen. Er reiste, unscheinbar, ohne Diener, sein massiges, schweres Gesicht tauchte hier auf, dort; er zeigte nie Eile, hatte nirgendwo besondere Geschäfte; aber er blieb auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so zickzack seine Fahrt ging, immer weiter wie auf vorgezeichnetem Weg.
Tauchte in die Berge. Saß zwei Tage lang in einem Bauernhaus an einer kleinen Brücke über einen Wildbach, schaute zu, wie die geflößten Stämme das strudelnde Wasser hinabtrieben, sich stauten, überkreuzten, liegen blieben, in dem schwellenden Bach weiterschwammen. Hörte Nächte hindurch das endlose Geläute des Viehs, das auf die Almen getrieben wurde. Fuhr den langsamen Paß hinauf, der nach Süden führte. Wind kam von Mittag, es hatte geregnet, feuchte, schwere Luft ging, dunkelbläulich lagen die Berge. Er stieg aus, stapfte dem beschwerlich knarrenden Wagen voraus. Auf dem nassen, sonnglänzenden Weg schleppte eine große Schnecke ihr Gehäus; sorglich wich er, im letzten Augenblick, ihr aus. Eine Viertelstunde später zerknirschte sie sein Wagen.
Er überschritt, tief durch Schnee watend, die Paßhöhe. Freier wehte es, warm und wohlig ihm entgegen. Gesegnet breitete sich, hoch durchblüht, das Land. Er kam an einen weiten, sehr großen See. Verweilte. Hockte lange Stunden am Ufer, unbeweglich, schwer, wie besonnter Stein. Dunkelgrün standen satten Laubes die Orangenbäume, weiter unten klommen silbern und leicht Oliven die Uferhänge hinauf.
Unterdes fuhr Süß nach Hirsau. Seitdem der Oheim das Kind ins Land gebracht, seit seiner wortlos höhnischen Mahnung hatte er das Verkapselte niemals wieder so fest schließen können wie früher. Ein Hauch davon kroch über seine Papiere, wenn er rechnete, schlich sich in seine Nächte, wehte ihm in den Nacken, wenn er glanzvoll und angehaßt auf seiner weißen Stute Assjadah durch die Straßen ritt, daß das Tier unruhig wurde, leise bäumte, wieherte. Es kam vor, daß er, der sachliche Rechner, der die Dinge scharf und nüchtern und nackt in ihren Grenzen sah und bei ihrem Namen nannte, am lichten Tag überschreckt zusammenfuhr, atmete, die Schultern hochzog wie in Abwehr; ein Gesicht schaute ihm über die Schulter, im Dämmer, nebelhaft, und es war sein eigenes.
Längst trieb es ihn, nach Hirsau zu fahren in das weiße Haus mit den bunten, fröhlich feierlichen Terrassenbeeten. Was ihn, ohne daß er es sich gestand, immer wieder hemmte, war die Nähe Rabbi Gabriels, das Atemsperrende, Unbehagliche, Lastende seiner unausweichlichen, müden, fordernden, trübgrauen Augen.
Er gestand sich auch jetzt nicht ein, daß es die Abwesenheit des Alten war, die ihn nun auf einmal so rasch den Entschluß zur Fahrt hatte fassen lassen. Er fuhr zu Naemi, er fuhr, nur von Nicklas Pfäffle begleitet, er war so leicht und frei wie noch nie. Er fuhr zu seinem Kind, und er war schon bei seinem Kind, und alle seine Ziffern und Politik und Macht und Eitelkeit blieb lahm und staubig dahinter. Er sah den jungen Acker und er roch seinen Duft, und er rechnete nicht, wieviel dieses Feld bringen werde und wie man aus dem Umsatz dieses Getreides neue Steuern quetschen könne, sondern er sah nur die sanfte Farbe des jungen Korns und roch den wehenden Wind über dem Feld. Und er freute sich an den hohen, feierlichen Bäumen des Waldes ohne Berechnungen des Forstetats, ja er freute sich am Moos und, jungenhaft, an den Eichkätzchen, mit denen doch finanztechnisch gar nichts anzufangen ist. Und als er einen Bauernburschen sah, den Arm um die Hüften seines Mädchens, nickte er ihnen zu, und nur ganz ferne tauchte ein Gedanke auf an die raffinierte Steuerbelastung der jungen Ehen. Er fuhr zu seinem Kind, und sein Herz war schon bei seinem Kind. Wann endlich wird er den kleinen, weißglänzenden Würfel des Hauses sehen und die Blumenterrassen davor und sein Kind darin? Da, von der Landstraße ab, der Karrenweg. Er verläßt den Wagen, biegt, immer stärkeren Schrittes, in den Fußpfad ein. Hier der Zaun, er öffnet das versteckte Tor, jetzt die hohen Bäume, die Beete jetzt, und jetzt, atmend, hingegossen hängt das Kind an seinem Hals, vergehend.
Spricht nichts. Spricht eine lange, ewige Weile nichts. Hängt an ihm, verströmend, klammert sich, trinkt ihn mit ihren großen, erfüllten Augen in sich hinein. Süß steht und all das Gespannte, Aeugende, Lauersame fällt von ihm ab. Gelöst läßt er sich treiben in dem lauen, wohligen Fluß der Stunde.
Wie schön ist sein Kind! Sie ist ganz vollendet. Es ist kein Zug an ihr, keine leiseste Bewegung, kein Haar, kein Flackern in der Stimme, das er anders wünschte. Schön ist sein Kind vor den Frauen, zart ist sie und rein ist sie, reinglühend wie ein zartes Licht, ihn selber glüht sie rein. Er hat mit ihr seine zutunliche Freude an der alten, watschelnden, herzlich ergebenen Zofe Jantje, er, dem alles Gewächs und Getier kalte, erdstumme Dinge waren, lernt die einzelnen Blumen verstehen, als sprächen sie; sie haucht den Dingen von ihrem sanften Atem ein, und er spürt ihr Leben in den Dingen.
War der Rabbi da, so hatte er fast Scheu vor dem Mädchen, er stand zwischen ihnen wie eine Wand. Jetzt wagten sich Wünsche und Ziele an sie hervor, die bisher geschwiegen hatten wie geduckte Hunde. Warum versteckt er das Kind vor den Menschen? Eine Königin von Sabah, eine Königin Esther soll sie werden. Strahlen soll sie vor aller Welt, Fürsten sollen kämpfen um sie, sollen bei ihm betteln um sie, aus phantastischen Reichen sollen Prinzen kommen und Gold und Gewürz und alle Schätze Edoms vor ihre kindlichen Füße legen.
Aber da stand er mit Naemi in der Bibliothek. Tafeln waren da mit magischen Figuren und astrologische Tabellen, und plötzlich überkam es ihn, als seien die Augen des Alten irgendwo im Zimmer, als starrten sie auf ihn, trübgrau, mürrisch, lähmend traurig. Und die goldenen Träume, mit denen er eben noch das Kind behängt hatte, schienen ihm plötzlich Schleim und Ekel.
Doch da sprach Naemi. Mit ihrer kleinen, kindlichen Stimme sprach sie von dem Kabbalistischen Baum, dem Himmlischen Menschen, den heiligen Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens; ihre erfüllten Augen standen groß und fromm in dem sehr weißen Gesicht und die schwere, lähmende Luft war fort. Süß setzte nicht wie an seinem Schreibtisch mit amüsiertem Hohn den Zeichen der Kabbalah die höchst realen Ziffern seiner Hauptbücher entgegen, wehrte sich auch nicht mit stumpfem, gebundenem Trotz wie in der würgenden Gegenwart Rabbi Gabriels.