Part 23
An den Süß attachierte er sich noch mehr als früher. Dies fiel auf. Denn in der nächsten Umgebung des Herzogs wußte man, daß der Jude nicht mehr so unmittelbar im Nabel der Macht saß wie vor Monaten. Auch hätte Weißensee bei der Vertrauensstellung, die er als Haupt des katholischen Projekts genoß, dieses Schwänzeln und Schmeicheln um den Finanzdirektor nicht not gehabt. Allein er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, ihn zu sprechen, ihn zu betasten, ja, er gab sich so vertraulich, daß der argwöhnische Süß glaubte, er wolle ihn ausholen, ihn stürzen und sich vor ihm mit jeder Vorsicht spickte. Dann wieder geschah es unvermutet, daß der Kirchenratsdirektor mit unziemlichem Gespöttel auf des Süß Judentum hinwies, was er bisher sorglich vermieden hatte. Er fragte ihn etwa nach der Bedeutung gewisser hebräischer Worte, und trotzdem Süß sehr ablehnend betonte, er habe sein bißchen Hebräisch längst vergessen, wiederholte er diese Frage mehrmals, und dies in größerer Gesellschaft.
Für einen Abend bat er plötzlich und sehr wichtig Bilfinger und Harpprecht zu sich, seine beiden alten Freunde. Die Herren kamen auch sogleich, fragten besorgt, hilfsbereit, was es denn sei. Aber es war nichts; Weißensee brauchte irgendeine durchsichtig leere Ausflucht. Die Herren, verblüfft, sahen sich an, sahen ihn an, erkannten seine Not, blieben. Da saßen sie nun, Schulkameraden, sehr umgetrieben alle drei, begabt von Natur alle drei und wohlgefüllt mit allem Wissen der Zeit, geachtete Namen, in starker Position. Da saßen sie und tranken, und die beiden breiten und behäbigen Männer waren einsilbig, während der schlanke, elegante Weißensee sehr vieles und Gleichgültig-Geistreiches sprach und fast ängstlich bemüht war, kein Schweigen aufkommen zu lassen. Unvermittelt fragte ihn Bilfinger, wie weit sein Bibelkommentar gediehen sei. Die Bücher der Andreas Adam Hochstetter, Christian Eberhard Weißmann, Johann Reinhard Hedinger über diese Materie seien doch eigentlich bestenfalls braver Durchschnitt, und man entbehre sehr des Freundes vorhabendes Werk. Weißensee mit einem fahlen und fahrigen Lächeln und einer leeren Handbewegung meinte, es wäre vielleicht besser gewesen, er hätte sich nie von Hirsau weggerührt und wäre zeitlebens über dieser Arbeit gesessen. „Ja,“ sagte Harpprecht und eigentlich war dies keine Antwort, „es ist eine schmutzige Zeit, alle Wege sind schmutzig, und es ist verflucht schwer, sich sauber zu halten.“
Die politische Stellung Weißensees wurde immer mehrdeutiger. Er vereinte Unvereinbares. Er saß im Elfer-Ausschuß des Parlaments, formulierte und stilisierte die Beschwerden der Demokraten gegen das Willkürregiment des Herzogs und war eben dieses Herzogs illegitimer Schwiegervater und Vertrauter. Er konferierte mit Süß, mit den Jesuiten, den Generälen und verfaßte schwungvolle Apologien der Konstitution und der evangelischen Freiheiten. Er hatte seine Töpfe auf allen Feuern, seine Schlingen in allen Wäldern. Der frühere Weißensee wäre selig gewesen, so vieler Komplotte, Intrigen, Konventikel, komplizierter Machinationen Hebel und Angel zu sein. Wäre selig aufgegangen in diesem atemlosen Betrieb, dieser zappelnd-wirbelnden, hunderthändig wichtigen Geschäftigkeit. Der Kirchenratsdirektor ließ wohl auch jetzt Aug und Hand in jeder Aktion, aber zum Staunen aller zog er sich plötzlich mitten im tollsten Getriebe zurück, erklärte, er müsse rasten, setzte sich nach Hirsau in sein verödetes Haus über seinen Bibelkommentar.
Er kam nicht voran damit. Verdrießlich sah er auf die dicken Kompendien der Weißmann, Hedinger, Hochstetter, die umständlich und wacker den gleichen Acker gepflügt hatten. Ach, noch lange werden die Studenten an dieser zähen Weisheit zu kauen haben. Ach, es wird noch gute Weile dauern, bis er diesen Riesenkörper wird mit Herz und Leben gefüllt haben.
Nein, es ging nicht voran mit dem Werk. Wohl brannte die Lampe tief in die Nacht über seinen Büchern; aber seine Augen sahen nicht die Buchstaben, nicht die krausen griechischen, nicht die festen deutschen, nicht die blockigen hebräischen. Sahen eine, die nicht da war; bräunliche, flaumige, männlich kühne Wangen, blaue, starke Augen in seltsamem Widerspiel zu dem dunklen Haar. Sahen sie im stillen Kreis der Lampe, verschlossen, mit kindhaft wichtigem Gesicht. Die Tage schlurfte er durch die Räume, wie waren sie weit und leer! schlurfte in Pantoffeln, ohne Perücke, vernachlässigt, schnupperte in die Winkel, strich mit der feinen, dürren Hand zärtlich über eine Tischdecke, die Lehne eines Sofas, abwesend, mit verrenktem Lächeln.
Dann ließ er den Magister Jaakob Polykarp Schober vor sich rufen. Der erschrak gewaltig. Sicher wird ihn der Kirchenratsdirektor wegen seines Glaubens zur Rede stellen, ihn der Sektiererei bezichtigen, vor Gericht schleppen, einkerkern, unstet und flüchtig über die Erde jagen. Jetzt, wo seine Tochter nicht mehr im Bibelkollegium sitzt, kann er ja alle Rücksicht fallen lassen. Dem pausbäckigen Mann brach der Schweiß aus, seine frommen Kinderaugen wurden sehr rund und ängstlich, er lief mit kurzen Schritten, bedrückt schnaufend, auf und ab. Aber sehr bald kriegte er seinen Schreck klein. Wenn Gott ihn zum Märtyrer bestimmt hat, so wird er solche Auserwählung dankbar auf sich nehmen. So trat er, wenngleich merklich schwitzend, so doch aufrecht und mannesmutig vor den Prälaten und hub sogleich an, streitbar von den drei Männern im Feuerofen zu sprechen. Doch Weißensee, zunächst erstaunt, unterbrach ihn bald, erklärte verbindlich, er habe ihn durchaus nicht in amtlicher Eigenschaft zu sich gebeten, er habe nur den alten Freund seiner Tochter wieder einmal sehen und sprechen wollen. Der Magister, sehr erleichtert, sprach einfältig, herzlich und ehrerbietig von Magdalen Sibylle, und wie der ganze Kreis diese fromme, edle und erlesene Schwester vermisse. Weißensee hörte gierig zu, der Magister machte sich im stillen Vorwürfe, daß er den aimablen Herrn für einen Wüterich und Holofernes habe ästimieren können, und taute mehr und mehr auf. Der Kirchenratsdirektor befriedete sich sichtlich an dem wohltuend schlichten Geschwätz, er kam öfters mit dem Magister zusammen, ja, die beiden machten gemeinsame Spaziergänge im Wald. Zaghaft begann schließlich Schober von seinen Versen zu sprechen, er rezitierte sein Poem: „Nahrungssorgen und Gottvertrauen“ und jenes andere von Jesus dem besten Rechenmeister. Als Weißensee freundlich zuhörte, als er gar etwas von Drucklegung verlauten ließ, gewann diese Leutseligkeit des großen und gelehrten Herrn den jungen Menschen ganz ohne Vorbehalt. So, daß er, dem schon lange das Herz fast bersten wollte, ihm sein Geheimnis von der Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem und dem argen Juden, ihrem Vater, anvertraute.
Aufhorchte da Weißensee. Abfiel seine Müdigkeit, Fahrigkeit. Tagelang streifte er mit dem über solche Ehre strahlenden Magister durch den Wald. Stand am Holzzaun, ließ sich jede Einzelheit wieder und wieder erzählen. Forschte nach dem Alten, dem Holländer, Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten. Kombinierte. Bekam zwar Naemi nicht zu sehen, setzte sich aber aus all der Mosaik die Wahrheit ziemlich getreu zusammen.
Lang in die Nacht hinein brannte auch jetzt seine Lampe. Aber nicht mehr schlurfte der Prälat mit unsicheren, vergreisten Schritten; federnd, jung ging er durch seine weiten, weißen Räume, seine regen Träume füllten sie mit Menschen und künftigen Begebenheiten. Tief und gekitzelt lächelten seine feinen und sehr beweglichen Lippen, und manchmal wohl sprach er, Akteur seiner Träume, vor sich hin: „_Voyons donc_, mein Herr Geheimer Finanzienrat!“ oder: „Ei, ei, wer war sich das vermutend, Exzellenz?“
Ja, wer war sich das vermutend! Man war ein alter Fuchs, man hatte das Leben und die Menschen von allen Seiten bewittert und beschnuppert. Man bildete sich ein, sich auf Menschengesichter zu verstehen. Und mußte wieder einmal erkennen, daß auf diesem großen Welttheater doch immer noch mehr Schminke und Maske ist, als selbst der ausgekochteste Zweifler supponiert. Wer hätte das geahnt? Er rief das Gesicht des Juden vor sich in sein einsames, nachtstilles Zimmer. Er schloß die Augen und spähte es aus, Zug um Zug, den gelüstigen, sehr roten Mund, die weißen, kalten, eleganten Wangen, das unbarmherzige, zufahrende Kinn, die lauersamen, raschen, fliegenden Augen, die glatte, unverträumte Stirn mit den Rechnerbuckeln über den Brauen. Wer hätte hinter diesem eiskalten, eisklaren Geschäfts- und Machtmenschen die sentimentalische Idylle im Wald von Hirsau gesucht! Ei, ei, mein Herr Finanzdirektor! Wie Sie vor mir gestanden waren an jenem üblen Abend in Ihrem Palais! Was für eine wache, mondäne, medisante Miene Sie hatten! Ei, ei, mein Herr Hebräer, ich hätte mich wohl sollen ein weniges mehr zusammennehmen. Ich war wohl ein wenig faselig und plapperig und habe mich nicht ganz _à la mode_ geführt an jenem Abend. Ich saß wohl sehr elend und vertan auf meinem Stuhl, dieweilen Sie rank und schlank und schneidig vor mir standen, und das Mark krümelte sich kurios in meinem Gebein. Nun ja, ich wäre wohl neugierig, wie sich Euer Exzellenz führen in einem ähnlichen Fall.
Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich von Weißensee hielt ein auf seinem Gang durchs Zimmer. Die Lampe brannte still durch den weiten Raum, plump surrte ein Nachtfalter, die vielen Bücher ringsum schauten stumm und gelassen, durch das offene Fenster drang stark der Hauch des nächtlichen Waldes. War das Rache, womit er sich da abgab? Waren das Rachepläne? _Fi donc_, er besudelte sich nicht mit so bürgerlich gemeinen Empfindungen. Er war nur – ja, was war er? neugierig, neugierig war er, wie der Jude sich halten wird. Ob er auch plötzlich so schlapp und alt sein wird und was überhaupt er tun wird. Ei ja, sehr sehenswert wird das sein, höchst lehrreich wird das sein, viel interessanter, als was es gemeinhin in den Romanen zu lesen, auf den Komödienbühnen zu sehen gibt.
„_Voyons donc_, Exzellenz! _Eh voilà_, mein Herr Geheimderat!“ sagte der feine, elegante Prälat vor sich hin, tief und gekitzelt lächelnd. Dann setzte er sich über seinen Bibelkommentar, sehr belebt; mit abschätzigen, spöttischen Augen glitt er über die wackeren Arbeiten der Hochstetter, Weißmann, Hedinger, der braven, umständlichen, gelehrten Männer, und flink und fröhlich ging ihm jetzt das Werk vonstatten.
* * * * *
Unterdes hatten die Sendlinge des Würzburger Bischofs still und zäh in Stuttgart weitergearbeitet. Hell im Licht standen jetzt neue Männer, Militärs zumeist, die sich wenig um den Süß kümmerten und bei äußerlich gutem Einvernehmen ihre Verachtung des Juden nicht verbargen. Da war der General Oberburggraf von Röder, ein ungeschlachter Mann, dann der Kommandant vom Asperg, Oberstleutnant von Bouwighausen, ferner ein Rudel lärmvoller und farbiger Offiziere, die jetzt immerzu wie ein Zaun um den Herzog waren, die Obersten Tornacka und Laubsky, der Rittmeister Buckow. Ein anderer Offizier sodann, der dem Süß besonders zuwider war, der Major von Röder, Vetter des Burggrafen, Kommandant der berittenen Stuttgarter Bürgergarde, des Stadtreiterkorps, ein knarrender Mann, niedere Stirn, harter Mund, rohe Tatzen, doppelt unförmig in den Handschuhen. Doch am meisten zu Haß und Ekel blieb dem Juden jener Dom Bartelemi Pancorbo, der kurpfälzische Geheimrat, Tabaksmanufaktur- und Kommerziengeneraldirektor, der Juwelenhändler, der jetzt wieder ins Licht rückte, die rechte Schulter wie stets kurios hochgezogen, immer in streng zeremoniöser, verschollener portugiesischer Hoftracht, über mächtiger Halskrause das blaurote, verdrückte, entfleischte Gesicht mit der Geiernase und dem gefärbten Knebelbart, hinter faltigem Lid nach dem Süß äugend mit länglichen, starren, schmalen Augen.
Diese alle, dazu die anderen alten Feinde, Remchingen, der Kammerdiener Neuffer, staken jetzt in dem katholischen Projekt. Süß, so klar und weit er das Ganze überschaute, viel klarer als die groben, großspurig törichten Offiziere, sah sich außerhalb dieses Planes. Er erfuhr wichtiges nebenher oder gar nicht; nur wenn man seinen finanztechnischen Rat unbedingt brauchte, teilte man ihm lustlos, von obenher, beiläufig das eine oder andere mit. Ja, einmal, wie er sich leise etwas weiter vortastete, schnauzte ihn der Herzog grob an, er solle solche Spioniererei ein für allemal lassen. Wenn es Zeit sei, mit dieser Katze durch den Bach zu fahren, werde man es ihm, vielleicht! sagen.
Karl Alexander, rascher als er erhofft und völlig wiederhergestellt, war groß tätig und gut gelaunt. Dazu kam, daß die von dem Würzburger erwirkte Versöhnung mit Marie Auguste die erwünschten Folgen gehabt hatte; die Herzogin war schwanger. Das Land hörte diese Botschaft mißvergnügt. Wäre der Herzog kinderlos gestorben, so wäre die protestantische Linie wieder ans Regiment gekommen; so aber sah man sich Rom und den Jesuiten aufs Unabsehbare ausgeliefert. Die angeordneten Bittgottesdienste für die Herzogin waren schlecht besucht; nur wer mußte, kam.
Aber der Herzog freute sich täppisch. Er sprach jedem von dem zu erwartenden Erben, breites Vergnügen über dem fleischigen, sanguinischen Gesicht, er machte derbe Witze, umgab Marie Auguste mit plumpen Rücksichten. Der war diese Schwangerschaft durchaus nicht gelegen gekommen. Sie fürchtete die Entstellung, sie fürchtete auch sonst Behinderung durch das Kind, sie hatte Angst und Ekel vor der Entbindung; überdies erschien ihr Mutterschaft an sich als etwas Genantes, Plebejisches, einer Aristokratin nicht Anstehendes. Sie dachte auch daran, die Schwangerschaft beseitigen zu lassen, ja, sie machte schon dem Doktor Wendelin Breyer Andeutungen solcher Art. Doch der Medikus verstand sie nicht oder wollte sie nicht verstehen. Mit weitläufigen, entschuldigenden Bewegungen sprach er mit seiner hohlen, angestrengten Stimme vom Glück der Mutterschaft, er bezog sich auf die Antike, erwähnte die Mutter der Gracchen und jene andere Heldenmutter, die ihren Sohn lieber auf dem Schild als ohne ihn zurückkehren sehen wollte. Seufzend, in Gedanken auch an die simpel generalsmäßige Einstellung des Herzogs, gab Marie Auguste es auf.
Gierig hingegen und angenehm übergruselt hörte sie zu, wie Süß gelegentlich von Lilith erzählte, der Dämonenkönigin. Diese, die langhaarige, geflügelte, Adams erste Frau, hatte Streit mit ihrem Gatten; denn er war ihr beim fleischlichen Verkehr nicht so zu Willen, wie sie es verlangte. Da sprach sie mit schwarzer Kunst den verbotenen Gottesnamen und flog nach Aegypten, dem Land alles bösen Zaubers. Seither, hassend Eva und jede gesunde Ehe, bedroht sie Wöchnerin und Säugling mit Fluch und argem Schaden. Doch es ereilten sie in Aegypten die drei Engel, die Gott ihr nachgesandt, Senoi, Sansenoi und Semangelof. Zuerst wollten sie sie ertränken; dann aber ließen sie sie frei, nachdem sie mit dem Eid der Dämonen hatte schwören müssen, keine Wöchnerin zu schädigen und keinen Säugling, die durch die Namen der drei Engel geschützt sind. Deshalb schützen die jüdischen Frauen ihr Wochenbett durch Amulette mit den Namen der drei Engel.
Gekitzelt, leise überschauert, fragte die Herzogin vertraulich den Juden, ob er ihr nicht ein solches Amulett beschaffen könne. Gewiß könne er das, versicherte er eifrig ergeben. Sie erzählte dann bei Gelegenheit ihrem Beichtvater davon, dem Pater Florian. Der verwarnte sie wild und dringlich. Aber sie beschloß dennoch, sich das Amulett geben zu lassen. Besser war besser, und nach Benützung konnte sie es ja beichten.
Im übrigen nahm sie ihre Schwangerschaft nach der ihr gemäßen Art in einer leichten, spöttischen Manier. Sie gab sich wie jemand, der, in leichtem Sommergewand in ein Gewitter geraten, die durchnäßten Kleider gegen Bauerntracht vertauscht und sich jetzt über solche Mummerei überlegen amüsiert.
So saß sie am Weihnachtsabend gebrechlich und ziervoll, ganz in weißen, hauchenen Spitzen, aus denen überzart in der Farbe alten, edlen Marmors der Eidechsenkopf unter dem strahlend schwarzen Haar spitzbübisch züngelte. Um sie her die kleine Assemblée der Vertrauten, die für den Christabend geladen waren. Der Herzog hatte den Süß ausschließen wollen. Aber Marie Auguste hatte mit ihrem amüsanten und galanten Hofjuden, seitdem er ihr jene Geschichte von dem Amulett gegen die Lilith erzählt hatte, ein besonderes, heimliches und wortloses Einverständnis und wollte ihn auch an diesem Abend nicht missen. Er empfand es gerade in der Isolierung dieser Zeit als Genugtuung, zugezogen zu werden. In ehrlicher Dankbarkeit verehrte er der Herzogin als Präsent eine sehr hübsche Gemme, in die ein gefatschter Säugling geschnitten war, und eine ziervolle chinesische Kinderklapper aus Porzellan und Elfenbein; äußerst fein geschnitzte bezopfte Männer kletterten den Stiel hinauf mit beweglichen Köpfen, und winzig kleine Pagoden läuteten und klapperten. Als drittes aber mit einem Lächeln voll Geheimnis und Verehrung überreichte er ihr ein kleines goldenes Etui; sie wußte, darin war das Amulett.
Doch die anderen, mißvergnügt, daß Süß noch immer so fest in Gunst stand, empfanden ihn gerade an diesem Abend als Eindringling und fielen mit plumpen, bösartigen Späßen über ihn her. Der Herzog, ein Wort Remchingens aufnehmend, mahnte Marie Auguste, sie solle sich nicht an dem Juden versehen, daß Württemberg keinen krummnäsigen Herzog bekomme. Marie Auguste lächelte nur. Heimlich streichelte sie das kleine Etui; heimlich, von den anderen ungesehen, nahm sie das Amulett heraus, betrachtete es: ein Pergamentstreifen, mit roten, blockigen hebräischen Buchstaben beschrieben; dazwischen schlangen sich, zackten sich beunruhigend krause Figuren, hockten komisch und bedrohlich primitive Vögel.
Süß hörte indes Sticheleien und grobe Attacken mit der gleichen aufmerksamen und gelassenen Verbindlichkeit an. Später dann wandte er sich an den Herzog und Weißensee, er habe gehört, wie der Herzog und der Herr Kirchenratsdirektor gelegentlich über den katholischen und den evangelischen Text des Weihnachtsevangeliums debattiert hätten, ob die evangelische Lesart: „und den Menschen ein Wohlgefallen“ oder die katholische: „den Menschen, die guten Willens sind“ die richtige sei. Er freute sich, als kleines Weihnachtsgeschenk einen Beitrag zur Lösung dieses Problems beibringen zu können. Einigermaßen verblüfft sahen die Herren ihn an, auch die anderen schwiegen und horchten skeptisch und spöttisch auf, während Süß höflich und gleichmütig fortfuhr: Seit dem Professor Baruch d’Espinosa, den der höchstselige pfälzische Kurfürst an seine Universität Heidelberg habe berufen wollen, hätten seine Glaubensgenossen sich eingehend mit dem wissenschaftlichen Studium auch des Neuen Testaments befaßt. Er habe nun wegen der besagten Textstelle an einen Geschäftsfreund nach Amsterdam geschrieben und folgende Auskunft erhalten. Im griechischen Text heiße es „eudokias“, was die Vulgata und die Katholiken richtig mit „_bonae voluntatis_, guten Willens“ übersetzten. Erasmus aber habe seine Bibel nach einem Manuskript gedruckt, in dem fälschlich „eudokia“, ohne s, stand, und danach habe Luther: „ein Wohlgefallen“ übersetzt. Erasmus wäre sicherlich auf den Fehler gekommen, wenn er nicht solche Eile gehabt hätte. Aber er hatte den Ehrgeiz, mit seinem Bibeldruck dem des Kardinals Ximenes zuvorzukommen. Darum also sei bei allem Respekt vor der Gelehrsamkeit des Herrn Kirchenratsdirektors das lutherische Weihnachtsevangelium hier nicht in Ordnung und Seine Durchlaucht hätten den rechten Text.
Süß brachte diese Erklärung bescheiden, höflich und sachlich vor. Was er sagte, war so einleuchtend, daß sogar von den Offizieren der eine oder andere es verstand; und Marie Auguste freute sich über die Gescheitheit ihres Hofjuden. Aber die anderen alle ärgerten sich, daß der Jude am Weihnachtsabend das Evangelium so sachkundig auseinanderblätterte, und Remchingen polterte, jetzt also schacherten die Juden nicht nur mit Wechseln und Juwelen, sondern auch mit dem Wort Gottes. Weißensee verbreitete sich über die Stellung der Frau im Alten und im Neuen Testament. Dies war ein Thema, in das er sich unter dem schmerzhaften Erkennen und Erleben der letzten Zeit auch in seinem Bibelkommentar wild verbissen hatte. Im Neuen Testament: die Madonna, im Alten: die tausend Weiber des Salomo. Er sprach glatt, elegant, geschmeidig, verbindlich, wie das seine Art war. Aber es klang irgend etwas Verstecktes, so Feindseliges durch, daß Magdalen Sibylle tief erblaßte und daß ihre Hand ganz kalt wurde.
Sie saß neben der ziervollen, launischen Marie Auguste schön und stattlich. Die Herzogin hielt ihre Hand, streichelte sie, es tat ihr wohl, mit ihrer kleinen, gepflegten, fleischigen Hand die große des Mädchens zu streicheln. Magdalen Sibylle rang von neuem und leidvoller um den Süß. Sie übersah nicht klar die politische Konstellation, aber sie sah, daß er sehr allein stand, sie sah lauter Feinde um ihn herum, er kam ihr vor wie ein schlanker, schmeidiger Panther unter plumpen, zottigen Bären. Und sie ahnte auch die seltsame Verstrickung zwischen ihm und dem Herzog und zwischen ihm und ihrem Vater.
Süß sagte leichthin, nach seinem Geschmack seien weder die Damen aus dem Alten, noch die aus dem Neuen Testament. Die einen seien ihm zu heroisch, die anderen zu sentimentalisch. Und seine Augen glitten mit beredtem Schmeicheln von der Herzogin, deren neugierig lüsternes Wohlwollen ihn angenehm überrieselte, zu Magdalen Sibylle, die ihm willkommen fester Grund und Bestätigung war, von der rotblonden, pompösen Madame de Castro, der klugen Rechnerin, die, merklich kühler, die Mariage immer noch nicht ganz aufgegeben hatte, zu den süßen Damen Götz, die, genau nach dem Vorbild der Mutter die Tochter, sich dem Herzog noch immer weigerten.
Remchingen beharrte bei dem Thema von dem Alten Testament. In dem plärrenden Wienerisch, das er, der im Augsburgischen Geborene, sich angewöhnt hatte, weil er es für aristokratisch hielt, meinte er, nach dem Gemauschel, das man zu Zeiten höre, müsse die Heilige Schrift im Urtext als recht ein ärgerliches und zuwideres Gequäke und Gegurgel klingen. „Glauben Sie, Exzellenz,“ fragte sehr höflich Süß zurück, „daß unser Herrgott mit Adam im Paradies wird wienerisch oder daß er mit ihm wird hebräisch parliert haben?“ Die Herzogin lachte, freute sich über ihres Juden feines Maulwerk, über Remchingens Abfuhr, streichelte verstohlen das Etui mit ihrem Amulett, ließ in ein Schweigen hinein die Glöckchen der Kinderklapper fein und zärtlich klingeln. Aber der Burggraf Röder erachtete es für nötig, dem Remchingen zu sekundieren. Er wandte sich an die Herzogin, es sei gut, daß Ihro Durchlaucht noch nicht so weit seien. Die Kinder, die heute nacht geboren würden, hätten nichts zu lachen. Und da war man denn endlich da, wo man schon lange hin wollte, und man sprach eingehend, umständlich und gewichtig, dieweil Süß zäh schwieg, von dem Eßlinger Kindermord. Die Offiziere vor allem hatte das Argument, daß das Mädchen in der Christnacht geboren war, durchaus überzeugt. Nur Herr von Riolles, der ein Freigeist war, meinte, wenn wirklich die Juden die in der Christnacht Geborenen gefährdeten, so hätte Jesus von Nazareth einfach eine andere Nacht sollen für seine Geburt wählen; dann wäre ihm das Kreuz, uns allen das Christentum erspart geblieben.