Jud Süß

Part 22

Chapter 223,732 wordsPublic domain

Sie wehrte sich, sie schlug zurück. „Sie haben mir stehlen können, was ich hatte,“ sagte sie. „Aber es wird Ihrer teuflischen Kunst nicht glücken, es hinterher zu besudeln. Reden Sie! Reden Sie alle Ihre armen Ruchlosigkeiten und Frivolitäten. Sie werden mir meinen Gott doch nicht zum Traum einer mannstollen Närrin hinunterschwatzen.“ Sie rief sich die erfüllten Stunden über dem Swedenborg zurück, das einfältig fromme Licht der Brüdergemeinde, die Gesichte von einst bekamen wieder Farbe, sie zwang sich zurück in den gläubigen Dunst der blinden Heiligen, sie zwang das Vergangene, wieder da zu sein, auf eine Minute war sie wie früher schlicht und ohne Zweifel, war ihr Gott lebendig. „Wenn er mich auch verschmäht,“ rief sie, und der andere war erstaunt über das fromme Blühen in ihrer Stimme, „Gott lebt!“ Und noch einmal: „Gott lebt!“ rief sie, und er war ihr in Wahrheit auferstanden.

Doch ach! auf eine Minute nur. Der Jude schwieg, genoß ihr Eifern und ihr Glühen. Dann mit glatter Hand wischte er es weg. „Wenn das so ist,“ sagte er leichthin, „warum flohen Sie dann vor mir, damals, im Wald von Hirsau? Warum dann half Ihnen Ihr Gott nicht gegen den Herzog? Ich glaube nicht viel; aber das glaube ich, daß man nicht Macht haben kann über eine Frau, die des Gottes voll ist. Wenn die Beata Sturmin schön wäre, niemand würde sich an sie heranwagen, kein General nicht und kein Herzog nicht. Aber wenn sie schön wäre,“ lächelte er, „dann hätte sie eben nicht Gott.“ Und während ihr Gesicht erlosch, und während sie ihrem entflatternden Gott nachstarrte, trat er näher an sie, und jetzt sagte er ihr, was sie gefürchtet hatte, aber er sprach es nicht triumphierend, er sprach es gutmütig, mit seiner streichelndsten Stimme: „Ich will Ihnen etwas sagen, Magdalen Sibylle. Ich will Ihnen sagen, warum Sie damals im Wald vor mir geflohen sind. Weil Sie mich liebten. Und alles, was Sie seither getan und gefühlt haben, Haß und Verzweiflung und Gegenschlag und Starrheit und Klage, das alles haben Sie nur deshalb getan und gespürt. Und ich will Ihnen weiter sagen: auch ich habe seither keinen Tag gehabt, an dem ich Ihr Gesicht nicht sah und spürte.“

Magdalen Sibylle hatte geglaubt, sie werde vergehen, sowie er das Wort sprechen wird. Nun zog er sie nackt aus, nun nannte er alle ihre erhabenen Gefühle, ihren heiligen Eifer, den Satan zu Gott hinüberzuziehen, alles nannte er bei seinem rechten, kleinen und lächerlichen Namen. Es war ja alles auch so einfach auf seine simple und alberne Formel zu bringen: sie war eben ein kleines, dummes, schwäbisches Landmädel, das sich in den erstbesten Kavalier vergaffte, der ihr unvermutet über den Weg lief, und ihre Erweckung und Gottesminne war nichts als ganz ordinäre, armselige Geilheit. Aber merkwürdigerweise verging sie durchaus nicht, als er ihr das auf den Kopf zusagte. Sie bäumte vielmehr hoch, sie stand auf wider ihn, und auf einmal konnte sie reden, und in geraden, unverkünstelten, zornigen Worten schalt sie ihn: Ja, sie habe vielleicht ihr Gefühl verkleidet und maskiert, aber er habe das Niedrigste, Schäbigste, Jüdisch-Ekelste getan, was ein Mensch tun könne, habe sein Gefühl verschachert.

Er leckte aus ihren Worten nur den Honig, nach dem seine Eitelkeit gelüstig war, sah nur mit gesättigtem Stolz, wie ganz er sie erfüllte. Und er wollte sie wieder gläubig haben, um noch glänzender vor ihr zu paradieren. Mit geübter Sophistik, er war ja längst vorbereitet, entfaltete er denn auch sogleich das Argument, das sie schlagen, das sie ihm fangen mußte. Schmeichlerisch und gewandt breitete er es vor sie hin: Wie sie ihm unrecht tue! Ja, er wisse, er hätte damals leicht ihr Gefühl in seine Hand bekommen können, so daß sie sich ihm willig gegeben hätte. Doch er sei kein Freund der billigen Mittel. Mit seiner Macht und seinem Glanz auf das schwäbische Landmädel Eindruck zu machen, das sei ihm zu wohlfeil vorgekommen. So sei es ihm wie ein Wink gewesen, wie der Herzog nach ihr verlangt habe. Jetzt habe sie die Macht gekostet, jetzt stünden sie gleich zu gleich und er kämpfe mit ehrlicher Waffe. Und er freute sich, wie fein und glänzend er den Handel zu seinem Vorteil gedreht hatte.

Im tiefsten wußte Magdalen Sibylle, daß es Phrasen waren, galante Ausreden. Aber seine Worte gingen ihr lieblich ein, sie hatte solange gekämpft, sie ließ sich gerne so wohlig belügen. Er indes berauschte sich an seiner Rede, steigerte sich weiter. Er sah nicht oder befahl sich nicht zu sehen den Zwiespalt zwischen dem geraden, natürlich gewachsenen, durch seine Schlichtheit schönen Landmädchen und dem höfisch zeremoniösen, überfeinen Prunk an ihr. Nicht mehr sah er, daß mit dem unter der Perücke versteckten dunklen Haar ihr ein Wesentliches genommen war, daß der braunviolette Brokat das lebendige, atmende Mädchen zu einer Puppe weitete und schnürte, daß der schlanke Lauf ihrer Glieder, das unschuldige, unbeherrschte Feuer ihrer Augen, jetzt, artig gezügelt und eingeteilt, sie als gleiche unter die anderen herunterzog. Er wollte sie sehen, wie er sie brauchte, sich vor ihr zu spreizen, sein eigenes Denkmal auf ihrem Sockel zu postieren. Er sprach: „Wer gewachsen ist wie Sie, wer den Kopf wirft wie Sie, der ist nicht geboren, um Gott im Bibelkollegium von Hirsau fromme Lieder zu singen.“ Er stand hinter seinem Stuhl, die Ellbogen auf der Lehne, beugte er sich vor zu ihr, sprach zu ihr, nicht laut, mit seiner dringlichen, eingängigen Stimme, die gewölbten Augen heiß auf ihr: „Haben Sie es nicht gespürt jetzt, was es heißt Macht haben? Versuchen Sie es doch, kehren Sie doch zurück in Ihr Bibelkollegium! Trocknen Sie Birnen in Ihrer Freizeit, stricken Sie Strümpfe! Versuchen Sie es doch! Sie können es nicht mehr!“ schloß er triumphierend. „Sie haben geschmeckt jetzt, was Ihre Bestimmung ist.“

Sie war aufgestanden, atmend, in halber Abwehr die Hand gehoben. Das Hündchen hatte sich ängstlich in einen Winkel verkrochen. Sich sträubend, ungläubig, doch, nun er schwieg, gierig nach mehr, erregt stand sie ihm gegenüber in der anderen Ecke des kleinen mit Zierat überfüllten Gemachs, von dem sie in dem mächtigen Prunkgewand einen großen Teil einnahm. Schlank, geschmeidig, unhörbar auf dem weichen Teppich kam er ihr nach und nahe.

„Lassen Sie doch Ihre naiven Träume hinter sich, Magdalen Sibylle! Die waren gut für den Wald von Hirsau. Jetzt ist das Schloß von Ludwigsburg Ihre Wirklichkeit. Schauen Sie sie an! Packen Sie sie fest! Es ist eine gute, schöne Wirklichkeit. Ich bin stolz, daß ich sie Ihnen wies.“

Er war jetzt ganz nahe an ihr, daß sie sich wie flüchtend in die Ecke drücken mußte. „Magdalen Sibylle!“ beteuerte er, und er glaubte es beinahe selbst, während er sprach; sie jedenfalls, das sah er, von Anfang an geneigt, sich überzeugen zu lassen, war bracher Acker für solche Saat. „Magdalen Sibylle! Ich habe Sie, weiß Gott, nicht darum dem Herzog überlassen, einen Stein mehr im Brett zu haben. Ihretwillen hab ich es getan. Sie auf den Weg zu bringen. Wir haben nämlich Einen Weg, Magdalen Sibylle, Sie und ich: er heißt Macht.“

Und während sie ihm, das letzte Mißtrauen in die fernsten Winkel gescheucht, zuschaute, ängstlich und bewundernd wie einem Seiltänzer, spielte er sich ihr vor. Seiner Mutter zu imponieren, die von Anfang an ihn glaubte, ah, das war leicht, das war keine Aufgabe. Aber diese hier, die Mißtrauische, sich Sträubende, zu sich herüberzuziehen, das lockte, das war, geglückt, Triumph, die ersehnte notwendige Bestätigung. Wie wohl auf erleuchteter Bühne ein großer Komödiant, gereizt durch ein kaltes, ungestimmtes Publikum, immer mehr von sich hergibt, gerade diese Widerspenstigen hinzureißen, so steigerte er sich immer höher, schwelgend an seinem eigenen Wesen, unvorsichtig geheime Wünsche preisgebend und Erkenntnisse und Urteile, die besser verschlossen geblieben wären. Auf und nieder ging er, sich berauschend an der eigenen Rede, immer glänzender den Spiegel reibend, in dem er sein Bild sah, ein eitler Schauspieler seiner selbst.

Stumm, aufgewühlt, hörte sie, wie er sprach: „So, endlich, stehen wir gleich zu gleich, Magdalen Sibylle. Sie und ich, jeder die Hand am Hebel der Macht. Nicht dieser Herzog hat ein Recht auf Sie. Wer ist er denn, dieser Herzog?“

Der erhitzte Mann redete sich in eine Geringschätzung hinein, die er sich selber sonst nie eingestand und vor deren Enthüllung später dem Ernüchterten bangte.

„Dieser Herzog! Glaubt, ein Land mit dem Exerzierreglement regieren zu können. Hat keine Ahnung von den Zusammenhängen. Kein eigenes Aug, kein eigenes Gehirn, kaum ein eigenes Herz. Mißt den Genuß nach der Zahl der Weiber, nach der Zahl der Bouteillen. Hält das wüste Gegröhl seines Remchingen für dionysische Lust. Es ist ein Zufall, es ist gutes Glück, daß er auf Sie gefallen ist. Er sieht ja nichts, er begreift ja nichts von Ihrem Reiz. Ich hab den Anspruch, ich! Ich hab Sie hingebracht, wo Sie jetzt stehen, ich hab Sie gesehen vom ersten Tag an, ich weiß um Sie. Ich bin hinaufgeklettert, selber, Jud und verachtet und gering, Griff um Griff, Schritt vor Schritt, daß ich jetzt vor diesen schwäbischen Tölpeln stehe wie meine Stute Assjadah vor ihren dicken Ackergäulen. Und so hab ich Sie höhergestellt als die anderen braven, wackeren, hausbackenen schwäbischen Fräuleins. So steh ich vor Ihnen, der Gleiche vor der Gleichen. So sag ich Ihnen meinen Anspruch und verlange Sie. Wären Sie unbewußt und dumpf in mein Bett geglitten, wie Sie aus dem Wald von Hirsau kamen, solcher Sieg wäre mir zu leicht gewesen und wie Betrug. Jetzt, erfahren, wissend, wer ich bin, wer Sie sind, sollen Sie sich entscheiden. Jetzt sollen Sie mir sagen: ich gehöre zu dir, ich komme.“

In tiefer Verwirrung stand sie, schwieg sie. Doch er, klug seinen Eindruck nicht scheuchend, kehrte plötzlich aus seiner Erhitzung in kalten Konversationston zurück. Und eh daß sie wieder recht zu sich selbst kam, hatte er schon, sich neigend, ihr zeremoniös die Hand küssend, die Zerrissene, Verwirrte allein gelassen.

Leicht, heiter kehrte er mit seinem Gefolge in die Stadt zurück. Er hatte die Bestätigung, die er brauchte. Fühlte sich hoch und sicher über denen, die ihn gefährdeten. Ho! Soll es ihm doch einer nachtun, der plumpe Remchingen, der dicke Fürstbischof. Die anderen hatten die Geburt, er hatte die Frau vor ihnen voraus. Das andere war müheloser einzuholen. Er war der Stärkere.

Und die Stute Assjadah fühlte ihn auf ihrem Rücken leichter, beschwingter jetzt, da er zurückritt, als da er kam. Es war eine Lust, ihn zu tragen, und sie wieherte hell seinen Ruhm in die Stadt.

* * * * *

Der Eßlinger Kindermord erregte weithin im Reich das größte Aufsehen und Geschrei. Immer schauerlichere Einzelheiten wurden erzählt, wie der Jude dem Mädchen martervoll das Blut abgezapft und in seine Osterkuchen gebacken, um so Macht zu erringen über alle Christen, mit denen er zu tun habe. Alle die alten Historien wurden wieder lebendig, die Legende von dem heiligen Simon Martyr von Trier, dem Kind, so die Juden auf die gleiche Weise abgeschlachtet, und von dem Knaben Ludwig Etterlein in Ravensburg. Immer strahlender hob sich das Bild des toten Mädchens, was für eine süße, englische, kleine Jungfer sie gewesen. In den Schenken sangen die vagierenden Musikanten die Moritat, Zeitungen und fliegende Blätter erzählten sie in wilden Versen und blutrünstigen Holzschnitten.

Schon regte es sich im Volk, sich tätlich an den Juden zu rächen. Rottete sich zusammen an den Toren des Ghettos, wer sich zu zeigen wagte, wurde mit Steinwurf, Kot und unflätigem Schimpfwort empfangen. Der Handel stockte, der christliche Schuldner trat mit Hohn vor den jüdischen Gläubiger, raufte ihm den Bart, bespie ihn. Die Gerichte zogen die Prozesse in die Länge, versagten. Im Bayrischen, in der Gegend von Rosenheim, an der großen Handelsstraße von Wien nach dem Westen, hatte ein Getreidewucherer, dem Juden das Geschäft gehindert, zusammen mit einem entlaufenen Schreiber eine Bande organisiert, den jüdischen Handelsleuten aufzulauern und ihre Transporte zu plündern. Die kurfürstliche Regierung schaute untätig und wohlgefällig zu. Erst scharfe schwäbische Reklamationen und energische Vorstellungen der Wiener Kanzlei machten dem Unfug ein Ende.

Auch an den Höfen und in den Kabinetten verfolgte man den Eßlinger Handel mit größtem Interesse. Man sah, wie schwach und lückenhaft der Indizienbeweis aufgebaut war, man schmunzelte, auf welch primitive Manier die Reichsstadt dem württembergischen Herzog und seinem Finanzdirektor mit dem toten Kind zu Leibe wollte. Fand aber schadenfroh gerade diese Naivität sehr geschickt. Das Hauptstück des Beweises blieb die glückliche Spekulation auf den Volksglauben, daß in der Christnacht Geborene von den Juden besonders gefährdet seien, und daß eben das ermordete Kind in der heiligen Nacht geboren war.

Doch gegen die Juden zog es herauf, schwere, atemschnürende, lehmfarbene Wolken. Geduckt in ihre Winkel krochen die Verängsteten, stierten auf das gestaltlos Nahende. Ai! Ai! Immer wenn einer von ihnen gepackt wurde um so tückisch dumme Beschuldigung, wurden gemetzelt Tausende, verbrannt, gehängt Tausende, hin und her gehetzt über die Erde Zehntausende. Vergraust hockten sie in ihren Winkeln, es legte sich um sie eine Stille, entsetzlich, mordschwanger, unausweichlich, mit keinem Namen zu nennen, nicht zu tasten, als wiche die Luft aus ihren Straßen, daß sie vergebens um Atem japsten. Das Furchtbarste war die erste Woche. Dies Warten, dies schreckhafte, gelähmte Hocken und Nichtwissen: wer, wo, wie. Die Angesehensten liefen zu den Behörden. Sonst, wenn man sie brauchte, wurden sie umschmeichelt; jetzt wurden sie nicht vorgelassen. Dies Achselzucken in den Vorzimmern, diese Augen- und Herzensweide an ihrer Angst, dieser lauersame Hohn, dies Preisgeben, dieses Handzurückziehen von den Schutzlosen. Ai! diese Behörden, die sich das teure Geld zahlen lassen für ihre Schutzbriefe und keine Zeit haben für die Fährnis und hohe Not ihrer Juden. Ai! diese zwei kahlen und lässigen Stadtsoldaten am Tor des Ghettos, wie sollen die schützen vor einer Horde von tausend Räubern und Mördern! Ai! man sieht deutlich, wie die Aemter und Ratsherren die Augen und die Ohren zumachen und die Hände auf den Rücken legen, daß das Gesindel ungehindert kann herfallen über die Wehrlosen! Ai die grausige Not! Soll helfen der allgewaltige Gott, gelobt sein Name! Ai du armes Israel! Ai die schutzlosen, zerrissenen Zelte Jaakobs!

Schwarzgeflügelt, geierschnäbelig, herzlähmend flog die Nachricht durch alle jüdischen Gemeinden, von Polen bis ins Elsaß, von Mantua bis Amsterdam. Sitzt einer gefangen im Schwäbischen, in Eßlingen, der bösen Stadt, Brutstätte der Bosheit und Niedertracht. Sagen die Gojim, er habe geschlachtet eines von ihren Kindern. Rüstet sich Edom, will herfallen über uns, heute, morgen, wer weiß. Höre Israel!

Fahl und grau wurden die Männer da und vergaßen ihre Geschäfte, verschreckt, mit ratlosen, törichten Augen flatterten in die Winkel ihre schönen, geschmückten Frauen und sahen gläubig auf die Männer, bereit, blind zu befolgen, was sie rieten. Den Atem an hielt die ganze Judenheit des römischen Reichs und weit hinaus über die Grenzen. In ihren Betsälen sammelten sie sich, schlugen die Brüste sich, bekannten ihre Sünden, fasteten den Montag, den Donnerstag und wieder den Montag vom Abend zum Abend. Aßen nicht, tranken nicht, rührten keine Frau an. Standen eng gepreßt in ihren übelgelüfteten Betsälen, eingehüllt in ihre Gebetmäntel und in ihre Totengewänder, den Leib fanatisch schaukelnd und werfend. Schrien zu Gott, schrien zu Adonai Elohim, schrien mit gellen, verzweifelten Stimmen, die an die gellen, mißtönigen Widderhörner erinnerten, die sie am Neujahrsfest bliesen. Sie zählten auf ihre Sünden, sie schrien: „Nicht unsertwillen, o Herr, begnade uns, nicht unsertwillen! Sondern um der Verdienste der Erzväter willen.“ Sie zählten auf die endlosen Namenslisten der Vorfahren, getötet für die Heiligung des göttlichen Namens, die Gemarterten von den Syrern, die Gefolterten von den Römern, die Geschlachteten, Gewürgten, Verbannten von den Christen, die Märtyrer von den polnischen Gemeinden bis zu den Gemeinden von Trier, Speyer, Worms. Sie standen weiß eingehüllt in ihre Leichenlaken, den Kopf bestreut mit Asche, sie standen den ganzen Tag, alle Glieder ekstatisch geschüttelt bis zur Erschöpfung, sie schacherten und zeterten mit Gott, wenn der Tag graute, und wenn der Tag trüb wurde und sich neigte, standen sie noch und schrien mit ihren häßlichen, ausgeschrienen Stimmen: „Gedenke des Bundes mit Abraham und der Opferung Isaaks!“ Aber auf hundert Umwegen mündeten alle Gebete immer wieder in den wilden, gellenden Chor des Bekenntnisses: „Eins und einzig ist Adonai Elohim, eins und einzig ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“

Aber durch Gitter getrennt, den Männern unsichtbar, waren die Frauen. Verschüchtert, ängstlich, mit großen Augen, wie Vögel aufgereiht auf einem Stab im Käfig, saßen sie, plapperten sie leis und fromm und töricht aus ihren Andachtsbüchern, die, in rabbinischen Lettern, in einem Mischmasch von Deutsch und Hebräisch die biblischen Geschichten und andere fromme Legenden erzählten.

In allen Tempeln und Betsälen von Mantua bis Amsterdam, von Polen bis ins Elsaß standen die Männer so, fasteten, beteten. Zu gleicher Stunde, wenn der Tag kam und wenn er sich neigte, stand die ganze Judenheit, gewendet gegen Osten, gegen Zion, die Gebetriemen an Herz und Hirn, gehüllt in Leichenlaken, stand und bekannte: „Nichts ist uns geblieben, nur das Buch,“ stand und schrie: „Eins und einzig ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“

Doch wie die ersten Tage des großen Schreckens vorbei waren, zeigte sich, daß die Reichsstadt Eßlingen den Prozeß des Juden Jecheskel Seligmann Freudenthal in die Länge zog. Sei es aus politischen Gründen, vielleicht wollte man bei Gelegenheit in konkretem Fall den Prozeß gegen das herzogliche Kabinett ausspielen, sei es aus bloßer Lust an längerer, zögernder Quälerei, sei es, daß man hoffte, noch irgendein kräftigeres Indizium beizubringen, Monate vergingen und der Jude lag noch immer im Turm, seine Sache war über Vorverhandlungen und den ersten Grad der Folter nicht hinausgediehen.

Die Juden aber, an jede Art von Verfolgung durch die Jahrtausende gewöhnt, aus der ersten lähmenden Angst sich aufraffend, liefen, rannten, bohrten in jede Ecke Schlupfwinkel, sich zu verkriechen, wenn der Graus losbrach. Besiegeln und bestätigen ließen sie ihre Schutzbriefe, Bewaffnete und Stadtknechte mieteten sie zu ihrer Verteidigung, auf allen Straßen liefen ihre Kuriere, gemeinsam den Schutz zu organisieren, an allen Höfen, in allen Ratsstuben arbeiteten ihre Agenten, die Gutgesinnten zu Maßnahmen zu bewegen; in Wechseln und Kreditbriefen ging ein Großteil ihres Kapitals ins Ausland, in Sicherheit.

Doch über allem, was sie dachten und handelten, lag die lehmfarbene Wolke. Der heranziehende Graus zerstückelte ihren Schlaf, machte ihre Speisen zu faden, schmacklosen Brocken, ihren Wein schal, nahm ihren Gewürzen den Duft, lähmte ihre flinken, heftigen, eifernden, liebevollen Dispute über den Talmud, daß sie mitten im Wort versanken und verstummten, blutwitternd vor sich stierten. Ja, hinein sogar hing die lehmfarbene Wolke, tief hinein in ihre stolzen, triumphierenden Sabbate, die sonst, träumend vom Glanz des versunkenen Reichs und des künftigen Messias, ihrer Bettler ärmster prinzlich feierte.

Man hatte jede Sicherung getroffen, aber das war wie Stroh, wie das Tannenreiser- und Palmendach ihrer Laubhütten. Die Wolke war da und das half nicht gegen die Wolke. Und wenn sie ihren Alltag trieben, ihre Feste feierten, aus jedem Winkel sprang die schnürende Angst sie an.

Der Rabbiner von Frankfurt, Rabbi Jaakob Josua Falk, saß über der Schrift. Und ob er es gleich nicht wollte, rollten seine mageren, gerunzelten Hände jenes Kapitel auf im fünften Buch Mose, die grausigste Verfluchung, die je ein Menschenhirn erdacht. Jene Verfluchung, die der Jude angstvoll zu überschlagen pflegt, über die der Vorbeter bei der alljährlichen Verlesung der Schrift scheu und eilig und mit halber Stimme hinweggleitet, sie nicht zu berufen. Aber die Augen des alten Rabbi blieben kleben an den drohenden, klotzigen Buchstaben, und er las:

„Senden wird Adonai gegen dich das Unglück, die Zerrüttung und das Verderben in allem Geschäft deiner Hand, das du unternimmst. Ein Weib wirst du dir verloben und ein anderer liegt bei ihr, ein Haus wirst du dir bauen und du wohnst nicht darin. Adonai wird dich geschlagen hingeben deinem Feinde; auf Einem Wege wirst du ihm entgegenziehen und auf sieben Wegen wirst du vor ihm fliehen. Und er wird zum Haupte und du wirst zum Schwanze sein. Und er wird dich bedrängen und dich einengen, daß du aufissest deine Leibesfrucht, das Fleisch deiner Söhne und Töchter, die Adonai dir gegeben, in der Drängnis und Enge, in die dein Feind dich engen wird. Die Frau, die unter dir die weichlichste ist und sehr verzärtelt, deren Fußballen es nicht versucht, auf die Erde zu treten vor Verzärtelung und Weichlichkeit, deren Auge wird feindselig schauen auf den Mann ihres Schoßes und auf ihren Sohn und ihre Tochter. Wegen des Säuglings, den sie geboren zwischen ihren Füßen, daß jene nicht ihr zuvor ihn aufäßen aus Mangel an allem, im geheimen, in der Drängnis und Enge, in die dein Feind dich engen wird in allen deinen Toren. Und Adonai wird dich zerstreuen unter alle Völker; und du wirst nicht rasten unter diesen Völkern und es wird keine Ruhestatt sein für den Ballen deines Fußes. Und Adonai wird dir daselbst geben ein zitterndes Herz, ein bängliches Aug und ein schwächliches Geblüt; und du wirst Angst haben Nacht und Tag und nicht trauen deinem Leben. Am Morgen wirst du sprechen: Wer gäbe Abend! und am Abend wirst du sprechen: Wer gäbe Morgen! vor Bangigkeit deines Herzens, die du bangen wirst, und vor dem Gesicht deiner Augen, das du sehen wirst.“

So las der alte Mann und sein Herz war voll von grauer Furcht, und er schlug seinen Gebetmantel über den Kopf, die großen, drohenden Buchstaben nicht länger zu sehen, und er weinte und stöhnte. Seine Frau, die nicht wagte, ihn beim Studium zu stören, stand erschreckt an der Tür und hörte, wie er stöhnte, und sie zitterte, und ihr altes Herz schlug vor Angst bis hinauf in ihren dürren Hals. Aber sie wagte nicht, ihn zu stören.

Rabbi Jaakob Josua Falk aber weinte aus seinen eingesunkenen, müden, betagten Augen, und sein Gebetmantel war ganz naß von Tränen.

* * * * *

Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich Weißensee, von Weißensee jetzt, hatte sich sehr verändert seit jener Nacht, da Magdalen Sibylle dem Herzog zugefallen war. Wohl gab es noch immer keine politische Affäre im Reich, und im schwäbischen Kreis im besonderen, darein er nicht seine gelüstig schnuppernde Nase, seine feinen, spielerischen Finger gesteckt hätte. Aber seine Flinkheit hatte jetzt etwas Fahriges, seltsam Lebloses, Mechanisches. Es kam vor, daß der gewandte, welt- und redekundige Mann mitten im Gespräch absprang, von Abseitigem zu reden begann. Oder daß er mitten im Wort einhielt, mit dem Kopf wackelte, mummelte, ganz schwieg. Dann wieder erschien etwa der peinlich nach der letzten Mode Gekleidete ohne Kniegürtel oder machte sonst einen unbegreiflichen Toilettefehler. Sehr merkwürdig war sein Benehmen zu den Frauen. Er sprach und bewegte sich vor ihnen mit größter Courtoisie, aber es konnte geschehen, daß er ihnen in aller Verbindlichkeit etwas dermaßen Zotiges sagte, daß selbst der General Remchingen darüber stutzte. Auch wollte man wissen, daß er, von dem früher nie dergleichen bekannt war, jetzt galante Liaisons unterhielt. Sonderbarerweise bevorzugte er solche Damen, die nach allgemeiner Meinung durch die Hände des Süß gegangen waren.