Jud Süß

Part 21

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Bei dem Meßwirt aber saß der Kaspar Dieterle. Er hatte es nicht mehr nötig, was zu verkaufen, um Schnaps zu kriegen. Immer saß ein dicker Haufe Menschen um ihn herum, bänglich und gekitzelt. Der früher als ein Lump und Aushauser von jeder Schwelle gejagt worden war, galt jetzt als wichtiger Mann und wurde groß hofiert. Immer buntere Einzelheiten erzählte er, längst glaubte er selber, daß ihm die argen Juden seine letzte Stütze tückisch geschlachtet hätten. Als stärksten Beweis führte er die Tatsache an, daß das Kind in der Christnacht sei geboren worden, und alle starrten verstrickt und grübelnd auf seinen Mund, wenn er, die wasserblauen Augen geheimnisvoll weit auf, dies vorbrachte. Denn das war ein bewiesenes Faktum und stand in vielen Büchern zu lesen, daß, wer in der Christnacht geboren ist, besonders gefährdet ist, von den Juden umgebracht zu werden.

Vor allem die Weiber hatten groß Mitleid mit dem Mann. War er doch Ursach und Warnung, ihre armen Kinder um so ängstlicher zu hüten. Sie steckten ihm Gebackenes und Gebratenes zu, Schinken und Schmalznudeln. Seine gedunsenen Wangen nahmen Farbe an, sein rötlicher Seehundsbart war ausgekämmt und weniger verfranst; nur seine fauligen, schwärzlichen Zähne blieben. Und eine Bäckerswitwe trug sich ernstlich mit dem Gedanken, den armen, verwaisten Mann, dem die Juden so übel mitgespielt, zu heiraten.

* * * * *

Der Leibarzt Doktor Wendelin Breyer untersuchte den Herzog. Ein dürrer, langer Mensch, ungeheuer beflissen, ängstlich und liebenswürdig, mit weiten, entschuldigenden Bewegungen, die hohle, angestrengte Stimme tief aus der Brust hervorgrabend. Er lächelte viel und furchtsam, bat unzählige Male um Pardon, suchte seine Mitteilungen durch kleine, schüchterne, unbehilfliche Scherze zu erhellen. Der Herzog war ein schwieriger Patient, den Kollegen Georg Burkhard Seeger hatte er mit dem flachen Degen halbtot geprügelt; auch zerschmiß er gerne Medizinflaschen an den Köpfen seiner Aerzte.

„Also dann?“ herrschte der Herzog den Arzt an. Der Doktor Wendelin Breyer suchte sich mit etlichen flatternden Bewegungen aus dem Bereich Karl Alexanders zu bringen. „Eine _Goutte militaire_!“ wimmerte er dann mit seiner angestrengten Stimme und meckerte ein wenig. „Eine ganz kleine, unbedeutende _Goutte militaire_.“ Da der Herzog finster schwieg, fügte er eilig hinzu: „Euer Durchlaucht mögen sich ja keine Melancholie und schwarze Gedanken darüber machen. Solche _Goutte militaire_ hat nichts gemein mit der bösen Lustseuche oder französischen Krankheit. Denn während letztgenannte Krankheit aus einem in der weiblichen Scheide präexistierenden Gift stammt, so der Teufel dort hineingebannt hat, ist Eurer Durchlaucht Indisposition nur als etwas Beiläufiges, gewissermaßen als ein leichter Schnupfen der Allerhöchsten Harnblase anzusprechen. Euer Durchlaucht werden mit Gottes Hilfe in etwa drei Monaten davon befreit sein. Ich erlaube mir noch submissest anzumerken, daß besagte kleine Indisposition bei allen großen Heerführern der Christenheit gang und gäbe ist. Nach den Chroniken haben auch die großen antikischen Generale Alexander und Julius Cäsar daran laboriert.“

Der Herzog winkte dem Arzt finster Entfernung, und der zog sich unter vielen weiten und entschuldigenden Bewegungen zurück.

Der Medikus fort, schnaubte Karl Alexander durch die Nase, hieb mit dem Marschallstab zornig eine kleine Porzellanfigur entzwei. In jüngeren Jahren hatte er zweimal diese schmutzige Krankheit gehabt, damals wußte er nicht, von wem. Diesmal wußte er es. Das Saumensch, das dreckige! So zier und lecker schaute sie von der Bühne her, so flink zappelten ihre Augen, so erfahren und angenehm züngelte sie, so appetitlich sah das ganze Frauenzimmer aus. Ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Und hatte den Dreck und Gift und Teufel im Leib. Metze, gottverfluchte! Aber er wird sie stäupen lassen, sie mit Ruten aus dem Land jagen.

Er begnügte sich dann, sie eine Fuhre Kot durch die Stadt fahren zu lassen, wie man es mit Weibspersonen hielt, die der Unzucht überführt waren. In grobem Kittel wurde die kleine, leicht fette, gelbe Napolitanerin durch die Straßen geführt, schwer schleppte sie an ihrer Fuhre Mist, ratlos und verhetzt schauten die lebendigen Augen, ein großer Zettel mit der Inschrift Metze hing ihr um den Hals. Die Bürger schnalzten bedauernd, das hätte man eher wissen sollen; der Most wäre, eh daß er sauer ward, einem gewiß sehr süffig eingegangen, da hätte man sich gern sein Schöpplein geholt. Die Frauen aber spien sie an und warfen sie mit Abfall. So wurde sie krank und ohne Geld aus der Stadt gejagt.

Es litten aber an der gleichen Krankheit wie der Herzog der General Remchingen und der Schwarzbraune.

Remchingen und Karl Alexander saßen zusammen und fluchten auf die Weiber. Mit grimmigen Späßen verfolgte der Herzog den Süß. Der hatte sie doch auch gehabt, als erster wahrscheinlich, und der war heil davongekommen. Weiß der Satan, durch was für schwarze, jüdische Kunst.

Aber semmelblond und in dicker Ratlosigkeit saß der Expeditionsrat Götz. Er war der einzige, der die Zusammenhänge überschaute. Er hatte die Krankheit überkommen von der Kellnerin im Blauen Bock. Er hatte sie an die Welsche weitervererbt, die er in großer Unschuld als seine liebe Herrin und Geliebte ästimierte. Bei anderer Lage der Dinge hätte er es für seine unbedingte Pflicht gehalten, alles gutzumachen, ja vielleicht sogar die Welsche zu ehelichen. So aber, wie man in der Hofgesellschaft respektvoll lächelnd von dem kleinen galanten Leiden des Herzogs flüsterte, wie er langsam begriff, wie er erkannte, daß er, der allerdemütigste und ehrerbietigste Untertan, seinem Souverän die lästige und schmutzige Affäre angehängt hatte, brach seine Welt zusammen. Daß er bei seiner Loyalität seinem Fürsten diesen schmutzigen Tort antun konnte, daß es möglich war, schuldlos in solche Schuld verstrickt zu werden, warf ihn um. Er beschloß zunächst, sich zu erschießen. Später indes sagte er sich, daß eigentlich die Napolitanerin an allem schuld sei; sie hatte ihn in diese üble Verstrickung mit seinem gottgewollten Herrn gebracht, und er sprach sich aller Schuld ledig, wälzte sie auf die Sängerin und sah mit grimmiger Befriedigung zu, wie sie ihre Fuhre Kot schleppte.

Nun liebte aber die Napolitanerin den unbehilflichen, semmelblonden Menschen wirklich. Sie verriet ihn nicht, trotzdem sie sich vielleicht dadurch hätte retten können. Während sie in Schimpf und großer Not durch die Straßen geführt wurde, dachte sie nur an ihn. Sie rührte die Lippen, das Volk glaubte, sie bete, aber sie sagte nur tonlos und ziemlich ohne Sinn jene Verse vor sich hin, die sie in der Komödie gesungen hatte: „Mein Herr! Mein Glück! Mein Himmel! / Sieh mich im Elend hie! / Laß mich nicht dem Mauren / In Benamegi!“ Alte Märchen spukten in ihr von dem Prinzen, der die Bettlerin zu seiner Prinzessin erhöht. Jetzt wird er, jetzt gleich hervortreten, und all dieses Gröbliche ist nur ein Alp und arger Traum. Erst als sie über die Grenze geschafft war, ohne daß er auch nur das leiseste Wort hatte hören lassen, brach sie zusammen.

Das Gerücht sickerte durch von der Erkrankung des Herzogs. In den Bibelkollegien flüsterte man, das sei die Strafe des Herrn, und man erinnerte an Nebukadnezar, der zu seinem bösen Ende Gras habe fressen müssen wie ein Ochs. Aber in der Hofgesellschaft errang diese kavaliersmäßige Erkrankung dem Herzog nur größeren Respekt. Der Tübinger Hofpoet überreichte ein Poem, in dem er sagte, daß man zuweilen die Siege im Reiche Amors mit kleinen Wunden bezahlen müsse, die aber nicht minder ehrenvoll seien als die des Schlachtfeldes. Amor schieße manchmal mit vergifteten Pfeilen. Und da er der Napolitanerin nicht vergessen hatte, daß sie damals in der Komödie seine Alexandriner nicht hatte sprechen wollen, versäumte er nicht, sie mit allerlei Geziefer und Gewürm zu vergleichen und anzudeuten, er sei sich von einer solchen welschen Verächterin der deutschen Musen von jeher alles erwartend gewesen. Zum Schluß rief er aus, wer den Türken und Franzen überwand, werde auch diese kleine Molestierung überwinden und Schwabens Alexander bald wieder Schwabens Paris sein.

Die Herzogin sah in der Erkrankung ihres Gatten Wink und Fügung. Noch immer stand an ihrem Wege der junge Lord Suffolk, mit seinem roten, primitiven, unbegrenzt verliebten Gesicht. Er hatte sich an seinem Hof und in seiner Herrschaft durch sein Fernbleiben unmöglich gemacht, er verehrte sie hartnäckig, stumm und verzweifelt, es war nur mehr eine Frage von Tagen, wann er ein Ende machen würde. Daß jetzt ihr Gatte nicht zu ihr kommen konnte, war dies nicht ein Wink? Und sie erbarmte sich des armen, treuen, zähen Menschen, lächelnd und amüsiert.

Aber der junge Engländer war offenbar ein Pechvogel und zu jedem Unstern vorbestimmt. Karl Alexander neigte gemeinhin durchaus nicht zur Eifersucht, er kam gar nicht auf den Gedanken, daß man ihn, ihn! hintergehen könnte. Aber sei es, daß er durch seine Erkrankung mißtrauisch geworden war, sei es, daß andere ihn aufgehetzt hatten, er drang unversehens in die Gemächer der Herzogin ein; gerade noch, daß der junge Lord, schlecht bekleidet und unwürdig, sich retten konnte. Der Herzog machte einen Höllenspektakel, zerschlug Spiegel und Parfüms, zerschliß mit seinem Degen kostbare Wäsche, nannte Marie Auguste mit pöbelhaften Namen, ja, er schlug sie in das ziervolle, kleine, eidechsenhafte Gesicht, das von der Farbe alten, edlen Marmors war. Die Herzogin erzählte weinend und empört Magdalen Sibyllen davon, sie beteuerte theatralisch ihre Unschuld, aber bald stahl sich in ihre Empörung ein kleines, amüsiertes Lächeln, sie machte spitzbübisch die lärmende Aufregung des Herzogs nach, divertierte sich an den merkwürdigen und gröblichen Schimpfworten, suchte sie ins Französische und ins Italienische zu übersetzen. Zuletzt meinte sie lächelnd, es sei seltsam; wenn etwa Riolles oder Remchingen zu ihr kämen, sie sei gewiß, die würden auch das vierundzwanzigstemal nicht erwischt werden; aber der arme, tapsige Junge natürlich gleich das erstemal, kaum zu Ende und nicht recht wissend, wie er es anstellen sollte.

Da es sich nicht schickte, daß der Souverän sich mit dem Lord schlage, sollte für alle Fälle, ob der Engländer nun schuldig oder nicht, Remchingen sich mit ihm duellieren. Remchingen brummelte vor sich hin, eigentlich habe er ja auch allen Grund dazu. Indes zeigte er, als es ernster wurde, keine sonderliche Eile. Schließlich reiste der Engländer ab, durchaus nicht heimlich, sondern umständlich und gemächlich, aber zweifelnd an Gott, sein simples, klares Weltbild in Scherben, zerfallen mit sich und den Menschen. Der kurze Genuß hatte ihn tief verstört, er konnte sich an nichts mehr recht erinnern, das einzige, was in seinem Gedächtnis haftete, war ein etwas beschädigter Strumpfgürtel der Herzogin, um den es sich eigentlich nicht gelohnt hätte, Leben, Ruf, Stellung in der Heimat zu gefährden.

Karl Alexander hatte eine Menge Indizien, aber keinen unbedingt handgreiflichen Beweis für die Untreue Marie Augustens. Unter sonstigen Umständen hätte er sich wohl bald beruhigt; jetzt machte ihn der Mißmut über seine Behinderung durch die Krankheit zänkisch und verbissen. Marie Auguste, der ständigen Beargwöhnung und Aufsicht bald überdrüssig, spielte zunächst die Genoveva, trumpfte aber bald groß auf, setzte den Grobheiten des Gatten eine bissige, aufreizende Ruhe und Ironie entgegen, drohte schließlich, sie werde zu ihrem Vater zurückkehren. Worauf Karl Alexander roh erwiderte, an diesem Tage werde er alle Glocken läuten lassen, Böller schießen und jedem Untertan Wein und Braten spendieren.

Dem alten, feinen Fürsten Thurn und Taxis kam das Zerwürfnis höchst ungelegen. Schön, seine Tochter hatte sich ein weniges mit einem englischen Herrn amüsiert. Warum soll man sich nicht mit einem Engländer amüsieren? Sie machen schlecht Konversation und sind hölzern von Figur, aber sie haben vor den Welschen Unverbrauchtheit, Gesundheit und vor allem Diskretion voraus. Wäre er eine Frau, er würde sich auch einen Engländer aussuchen. Darum braucht man doch keinen solchen Lärm zu machen und soviel Spanponaden. Aber freilich, sein Herr Schwiegersohn, Liebden, war ein Feldherr und als solcher gewöhnt, mit viel Geräusch aufzutreten. Auch verlangte man von einem Strategen Siege, aber keine Kinderstube. Seufzend schrieb er das seinem Freund, dem Fürstbischof von Würzburg, mit der Bitte, den kindischen Handel möglichst rasch einzurenken.

Dem klugen, schlauen, dicken Herrn kam diese Aufforderung sehr gelegen. Er hatte den Stettenfelser Handel nicht vergessen, die Niederlage der Kirche kratzte ihn sehr, er hielt den Grafen Fugger an seinem Hofe, er wartete nur auf einen Anlaß, sich unauffällig nach Stuttgart zu begeben und die Gewinnung des Landes für Rom persönlich auf glatteren, rascheren Weg zu bringen. So ließ sich die Eminenz nicht lange bitten, sondern hielt sehr bald mit den Geheimräten Fichtel und Raab in zahlreichen, stattlichen Kutschen behaglichen, fröhlichen und komfortablen Einzug in Stuttgart.

Fragte mit kleinem Schmunzeln den Herzog nach seinem Leiden, hörte mit Pläsier, daß es so gut wie geheilt sei, riet freundschaftlich, sich immerhin vorläufig noch mehr an den Kaffeetrank seines Rates Fichtel als an den Tokaier zu halten. Tätschelte onkelhaft die kleine, weiße, fleischige Hand der puppig schmollenden Herzogin. Hatte die Gatten bald so weit, daß sie sich ehrlich darauf freuten, bis sie nach völliger Wiederherstellung des Herzogs dem Land und sich und der Kirche einen Erben schenken könnten.

Der Fürstbischof drängte darauf, daß man ihn den famosen Geheimen Finanzienrat und Hausjuden etwas aus der Nähe besehen lasse. Karl Alexander tat das nicht gern. Er fürchtete sehr, man möchte ihm seinen unentbehrlichen Juden fortlocken. Aber er konnte schließlich dem Freunde den harmlosen Wunsch nicht auf die Dauer weigern. Süß erschien vor dem Fürstbischof, mit der geübten, grenzenlos demütigen Ergebung küßte er ihm den Ring, breitete geschickte Komplimente vor das große Weltorakel, den heimlichen Kaiser, Herz und Lenker aller Politik. Aber die Würzburger Eminenz war nicht so leicht zu fangen. Die beiden Füchse berochen sich anerkennend, und keiner traute dem andern. Glatt, harmlos, fröhlich, unverfänglich plauderte der schlaue, feiste Mann mit dem schlauen, schlanken, und keiner kam dem andern näher.

In unermüdlicher Arbeit förderten der Fürstbischof und seine beiden Räte ihre Projekte. Unablässig hetzten sie an dem Herzog, an Remchingen. Offene und heimliche Konferenzen mit Weißensee, mit den verschiedenen Ordensgeistlichen, die gegen die Verfassung, im geheimen angeknirscht, in Weil der Stadt, überall im Herzogtum sich eingenistet hatten. Als der Fürstbischof das Herzogtum vergnügt verließ, hatte er Stettenfels reichlich wettgemacht, für seine Pläne Großes erreicht, zu Größerem den Grund gelegt. Die Schloßkapelle in Ludwigsburg wurde jetzt für den katholischen Gottesdienst eingerichtet, die katholische Hofgeistlichkeit umfassend organisiert, Ordensleute offiziell ins Land gerufen. Katholische Feldgeistliche lasen öffentlich Messe, nahmen Kindstaufen vor. Es war ferner ein katholisches Militärreglement bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, vorbereitet war eine außerordentlich feine und knifflige juristische Interpretation der Religionsreversalien, die die parlamentarischen Freiheiten illusorisch machte. Vorbereitet war endlich die förmliche Gleichstellung der katholischen Religion mit der lutherischen. Solches Simultaneum hatte vor dreißig Jahren in der Kurpfalz zur Unterdrückung des Protestantismus geführt.

In geläufigem, elegantem Latein berichtete der Geheimrat Fichtel froh und fromm an Remchingens Bruder, Kämmerer am päpstlichen Hof zu Rom, was alles durch die Stuttgarter Visite des Fürstbischofs erreicht worden. Er kam dann auf den Anlaß der Reise zu sprechen, die Erkrankung des Herzogs, und schloß: „So siehst du, hochzuverehrender Herr und Bruder, daß sich die göttliche Vorsehung oft seltsamer Mittel bedient, um die alleinseligmachende Kirche zu fördern und den rechten Glauben zu verbreiten.“

* * * * *

Den Süß nagte und zwickte es. Das Verfahren seiner Nobilitierung gestaltete sich umständlicher und langwieriger, als er erwartet hatte. Der Kaiser war den Wiener Oppenheimers sehr große Beträge schuldig. Immanuel Oppenheimer drängte, der Kaiser konnte nicht zahlen. Kein Wunder, daß die Wiener Kanzlei Ausflüchte machte, ehe sie einen Oppenheimer baronisierte. Zudem hetzte der Agent des württembergischen Parlaments. Madame de Castro blieb kühl, und Süß konnte die kluge, rechnerische Frau nicht dazu bringen, sich zu resolvieren.

Auch die Projekte des Würzburger Bischofs verdarben dem Süß die Laune. Er hatte sehr wohl gemerkt, daß es ihm nicht gelungen war, das Vertrauen der Eminenz zu gewinnen, und daß man ihn in dem gewaltigen Plan, der recht eigentlich als Eckpfeiler der schwäbischen Politik des nächsten Jahrzehnts gedacht war, nicht drin haben wollte. Wohl ließ man ihn den einen oder andern Entwurf sehen, es fanden auch Zusammenkünfte bei ihm statt. Aber Remchingen lachte seine, des Süß Vorschläge, grob aus, und es lag zutage, daß die katholischen Herren sich des Weißensee als ersten Vertrauensmannes zu bedienen gedachten. Süß fühlte sich auch auf diesem Gebiete nicht so sachkundig und sattelfest wie sonst. Er mengte sich nicht gern in Ekklesiastika, die Fragen, die man so wichtig agierte, kamen ihm läppisch und erwachsener Männer unwürdig vor. Sein klarer, sachlicher Sinn erkannte scharf, daß dahinter höchst reale Dinge lagen, Beseitigung der Verfassung und des Parlaments, Militärautokratie des Herzogs; er verstand es nicht, warum man auch unter eingeweihten Politikern peinlich darauf hielt, sich auf so weitschweifige, skurrile und umwegige Andeutungen zu beschränken. Seine Mittel und Wege waren viel geradliniger, rascher und unmittelbarer, er konnte sich in die sehr weichen, langsamen, einschläfernden Methoden der Jesuiten nicht einfinden. Er sah staunend, daß die Herren auch im engsten Kreise es peinlich vermieden, die Dinge beim Namen zu nennen, daß sie, und wenn sie nur zu zweien waren, sanft und fromm alle möglichen demütigen und moralischen Umschreibungen anwandten, und wenn er oder Remchingen scharf und sachlich einem Ding sein rechtes Wort gaben, milde und mißbilligende Blicke in die Runde schickten.

So fühlte sich also der Jude leicht angezweifelt und brauchte Bestätigungen.

Er erreichte es bei Karl Alexander, daß der ihn beauftragte, ein besonders kostbares Geschenk Magdalen Sibyllen in seinem Namen persönlich zu überbringen. Er ließ sich den Tag vorher bei der Demoiselle melden, er erschien in großem Aufzug, mit Pagen und Läufern und Gepräng. Magdalen Sibylle hätte den Herzog beleidigt, wenn sie den auf solche Art Angekündigten brüskierte. Sie empfing ihn.

Magdalen Sibylle wohnte jetzt in einem Schlößchen vor der Stadt. Goldene Amoretten ließen Bänder von den Decken flattern, auf den kostbaren Gobelins ritten vornehme Jagdgesellschaften, glänzende Spiegel dehnten die prunkvollen Gemächer, die erfüllt waren von allem Zierat einer großen Dame. Zwei Kutschen, ein Schlitten, Portechaisen, Reitpferde warteten. Im Vorsaal spreizte sich, mit wertvollen Steinen übersät, aus Gold und Silber ein Pfau, Symbol des Reichtums. Ueberflüssige Dienerschaft gähnte vornehm und müßig auf den Korridoren. Karl Alexander hatte eine offene Hand für seine Herzdame; auch der König von Polen konnte seine Mätresse nicht besser in Prunk und Schimmer setzen.

Magdalen Sibylle hielt sich inmitten dieser Pracht mit gefrorener Ruhe. Sie fuhr aus, sie empfing Gäste, sie lachte und machte Konversation, alles maskenhaft starr. Der Glanz hing und stand leblos um sie herum; das Schlößchen war wie das Gehäuse einer pomphaft aufgebahrten Toten.

Mit starrer Höflichkeit empfing sie den Süß. Mächtiges, violettbraunes Kleid aus Brokat, lange, streng anliegende Aermel, kleiner Ausschnitt. Die bräunlichen Wangen, die blauen Augen zu artiger Gemessenheit gezwungen wie etwa vor dem Baden-Durlachischen Geschäftsträger, mit dessen Hof man gespannt war, die schwarzen Haare unter der Perücke zeremoniös versteckt. Süß suchte ihrer Kälte zunächst durch ausschweifende, muntere Liebenswürdigkeit und hemmungslose Galanterie beizukommen. Sie hatte nur verächtlich knappe Antworten, war aus ihrer gepanzerten Frostigkeit nicht herauszulocken. Da versuchte er es anders, reizte sie zum Angriff, dankte ihr überschwenglich, daß sie sich resolviert habe, ihn zu empfangen. Sie erwiderte, sie habe es auf Ordre Seiner Durchlaucht getan. Schwieg ein kleines, konnte sich nicht enthalten, hinzuzufügen, nachdem sie so vieles hingenommen, könne sie auch das noch über sich ergehen lassen.

Jetzt war Süß in seiner Strömung. Hinnehmen! Ueber sich ergehen lassen! Des Herzogs von Württemberg Herzdame zu sein, welch Unglück! Die Töchter des ganzen schwäbischen Adels sehnten sich danach. Ein Prunkschloß, hundert Lakaien, Jagden, Assembléen befehlen können nach Belieben, arme Demoiselle, ach, wie schlecht es ihr erging!

Magdalen Sibylle nahm die Maske ab. Er wollte also den Kampf, er glaubte offenbar, sie habe schon vergessen, sich eingelebt, er könne da wieder ansetzen, wo er einhielt, bevor er sie, der schachernde, teuflische Jude, dem Herzog verkauft. Sie stand brüsk auf, ließ das kleine modische, asiatische Hündchen, ein Geschenk Karl Alexanders, unsanft, daß es bläffte, zur Erde gleiten, funkelte ihn an: Er solle nicht simulieren. Er wisse sehr genau, worum es gehe, was er ihr getan habe. „Sie sind ja schuld an allem!“ rief sie, und in ihre bräunlichen, männlich kühnen Wangen stieg Blut, und der feine Flaum darauf belebte sich.

Süß sah den festen, glatten Hals, die Kehle sich heben, sich senken. Er hatte sie, wo er sie wollte. Sie solle sich nicht unterschätzen, meinte er mit seiner geschmeidigen, streichelnden, aufreizenden Stimme. Sie sei Seiner Durchlaucht schon von selbst ins Blut gegangen, da habe es seiner Nachhilfe nicht bedurft. Aber gesetzt den Fall, er sei wirklich die Ursache, und er schaute sie dreist lächelnd, einverständnisvoll auf und ab, was er ihr dann Böses getan habe. Sie wollten doch hier nicht nach dem Diktionär der Bürgermoral reden, sondern sachlich, als Leute von Welt. Ernstlich also, was er ihr Leides getan habe?

Sie atmete stark, machte raschere Bewegungen, als das feierlich stolze Kleid eigentlich erlaubte, ihre eingeborene Heftigkeit brach durch. Was er ihr getan habe? Versteller er und arger Jud! Gewandelt in Falschheit und Schminke alles, was sie redet, was sie tut! Erstickt den lebendigen Odem Gottes in ihr! „Wenn die Worte der Schrift,“ rief sie, „wenn die heiligen Worte keine Farbe haben und keinen Sinn mehr: Sie sind schuld daran, Sie haben sie tot und fahl gemacht! Sie!“

Aber das war es doch nicht, was sie sagen wollte. Warum log sie denn und warf ihm nicht nackt und wahr seinen Gefühlsschacher und seine ganze klägliche Niedrigkeit ins Gesicht? Warum, um Gottes willen, log sie denn?

Und da hatte er auch schon das Unredliche ihrer Worte erkannt. Sie solle so nicht reden, sagte er, zu ihm solle sie so nicht reden. Das seien doch nur Ausflüchte, Selbstbetrug. Das Bibelkollegium von Hirsau und der Odem Gottes und Gesichte und Träume, das sei doch alles Schminke und Mummenschanz, gut für Schwächliche und Männer ohne Atem und ohne Schenkel und Bresthafte und häßliche Jungfern. Er sah sie auf und ab mit seinen frechen, dringlichen, abschätzigen Augen. „Wer gewachsen ist wie Sie,“ rief er, „wer Ihre Augen hat, Demoiselle, und, wenn Sie es auch verstecken, Ihr Haar, der hat Gott nicht nötig. Seien Sie doch ehrlich! Belügen Sie sich nicht selber! Die Heiligkeit war ein Vorwand, solange Sie warteten.“