Jud Süß

Part 20

Chapter 203,660 wordsPublic domain

äußerte er, und die Allongeperücken der Zuhörer nickten nachdenklich Zustimmung. Der Held oben auf der Bühne handelte indes nach seiner Maxime, er hatte ein immer wüsteres Gewese mit den Frauen, in jeder Szene entführte er, stach er Liebhaber tot, ließ er Frauen sitzen. Nur die Herzogin, die sehr edel war, tat ihm den Willen nicht, sondern gab es ihm immer wieder und das gründlich, wie es sich eben für eine so hohe Dame schickt. Marie Auguste machte das sehr stolz; doch Herr von Riolles, der unter den Zuschauern das schärfste Aug für so etwas hatte, merkte, daß sie heimlich lächelte über die geschraubte und gespreizte Sprödigkeit, die sie spielte. Kaum abgetreten, stieß sie denn auch lächelnd den Expeditionsrat Götz in die Seite: „Den hab ich fein abfahren lassen, nicht?“ Der Expeditionsrat verneigte sich mehrmals tief und respektvoll. Er war eigentlich bereits tot. Denn er war einer von den Nebenbuhlern des Helden und gleich zu Beginn des Stückes abgestochen worden. Er hatte aber dem Komödianten die Sache verflucht sauer gemacht, denn er wollte, wie sich das für einen jungen schwäbischen Herrn aus so gutem Hause geziemt, durchaus nicht so ohne weiteres fallen, er zeigte alle seine Fechtkünste, hätte um ein Haar den Komödianten schwer verletzt und mußte schließlich, sonst wäre das Stück nie zu Ende gegangen, fast mit Gewalt zur Bühne hinausgeschleift werden.

Und die Komödie ging weiter. Der Held hatte durchaus kein Glück mit der Herzogin. Er wollte sie entführen. Aber die kleine gelbe Napolitanerin, die er in wildem Gebirg hatte sitzen lassen, war zwar den Mauren, die dort streiften, in die Hände gefallen, doch sie war wieder befreit worden, und infolge einer besonders kunstvollen Verwicklung des Dichters muß nun der Held in der Dunkelheit, ohne sie zu erkennen, wieder sie entführen an Stelle der Herzogin. Er bringt sie in die Berge, dort merkt er den Irrtum, schäumt, beschließt, die Unselige an die Mauren zu verkaufen. Doch die kleine gelbe Napolitanerin, hingeworfen, jammert und fleht zu ihm. Dies war die schönste Szene des Stückes, der große spanische Meister hatte all seine Kraft daran gesetzt, und selbst unter der Verschmutzung und Vernüchterung der langen Wanderschaft waren noch Reste ihrer Schönheit geblieben. Die Napolitanerin also kniete vor dem geschminkten, hochmütig und gelangweilt sich spreizenden Komödianten zwischen Oellampen und drei braunen, primitiv geschnittenen Versatzstücken, die wildes Gebirg darstellten, und sie sprach: „Du schworst dich mir zum Gatten. So es dich verdrießt, gern lös ich dich des Eids. Sperr mich für alle Zeit ins Kloster! Oder mache mich, soll ich denn Sklavin sein, zu deiner Magd! Nie will ich dir anderes als Glück erflehn. Bist du im Krieg, in deinem Zelt will ich dir kochen, dir die Kleider säubern. Oder führe mich zu deiner Liebsten, gib mich ihr als Magd! Wenn ich sie kämme und du stehst dabei, will ich nicht klagen, sie am Haar nicht zerren, und sprichst du sanfte Worte dann zu ihr, zärtliche, kosende, wie ehmals zu mir, will ich die Lippen pressen, will ganz stumm dies schlimmste Weiberschicksal auf mich nehmen: ihr Sklavin sein, die der Geliebte liebt. Doch nicht verkaufen! Nicht den Mauren mich verkaufen!“

Sie war aber durchaus nicht mehr die kleine, gelbe, fette, verderbte Napolitanerin, während sie dies sprach, sondern die Verse trugen sie, und sie war eine arme, preisgegebene, mißbrauchte und klagende Kreatur. Es wurde ganz still im Saal, man hörte einen Tropfen von einer Oellampe auf die Bühne niederfallen, und in ihren Leuchtern an den Wänden sangen die Kerzen.

Die blonden, zarten, feinen Damen Götz waren sehr gerührt, ja, die Tochter schluchzte ganz laut, aber sie hütete sich, zu weinen, denn dann hätte sie eine rote Nase bekommen, und das stand ihr nicht. Doch Madame de Castro, die Portugiesin, die Süß heiraten wollte und die ihren Vorsatz ausgeführt hatte und nach Stuttgart gekommen war, war eine praktische Dame und suchte aus allem, was sie sah, hörte und erlebte, Nutzanwendungen für sich selber zu ziehen, und sie dachte Praktisches und überlegte: „Ja, so sind die Männer. Sie versprechen alles, ehe sie einen haben, und nach der ersten Nacht werden sie brutal. Wenn ich ihn heirate, werde ich auf alle Fälle mein Vermögen sicherstellen, und was er mir auszusetzen hat, so hoch veranschlagen, daß ich bei allen Eventualitäten auf meine Rechnung komme. Ueberhaupt werde ich mir das Für und Wider noch reiflich überlegen.“

„Man muß die Weiber in Kandare halten,“ sinnierte der Herzog, „das ist richtig. Aber der da oben treibt es doch zu toll. Ich würde ihn stäupen lassen. Die Welsche ist sehr gut. Sie hat mir gleich gefallen. Merkwürdig, daß ich sie noch nicht ins Bett kommandiert habe. Daran ist die Magdalen Sibylle schuld. Ich bin ein Esel, über der einen so den Blick für die anderen zu verlieren. Aber das werd ich heute nacht noch nachholen.“

Remchingen fraß mit seinen stieren Augen an der Komödiantin. Er hatte sie gehabt, aber da er sie schlecht entlohnt hatte, denn er war filzig, hielt sie ihn kurz. „Ich werde noch ein paar Dukaten springen lassen müssen,“ seufzte er. „Ich werde mich an dem Juden schadlos halten. Er muß mich an den neuen Stiefellieferungen beteiligen. Dieser verfluchte Jud ist eigentlich an allem schuld. Er verwöhnt einem die Weiber, daß sie einem nicht auf eins, zwei parieren und soviel verlangen für etwas, das sie nichts kostet.“

Aber ganz hinten in der Ecke war der Schwarzbraune. Er stand aufrecht und sah über die Perücken hinweg, und er hob sich noch auf die Zehen, um nichts zu verlieren. Mit seinen großen Tieraugen schlang er die Aufgelöste, Hingegossene. Und er konnte einen dunklen, heisern Kehllaut nicht unterdrücken, als die Schauspielerin endete: „Mein süßer Herr! Mein Glück! Mein Himmel! Kehr zurück in dich! Du selber werde wieder! Finde dich! Noch ist die Reu Verdienst und nicht Verbrechen. Denn tätst du’s nicht, sieh, Himmel, Mond und Sterne, Menschen und Tiere, Berg und Wald und Baum, die Elemente selbst verweigerten den Dienst dir, stünden auf, empört ob solchen Frevels, wider dich. Hör mich! Steh ab! Sennor Gomez Arias! Sieh mich im Elend hie! Verkauf mich nicht dem Mauren nach Benamegi!“ Dieses Letzte sang sie mit einer kleinen, stillen, rührenden Stimme. Remchingen und andere bezogen ihre Bewegtheit in irgendwelchem vagen Zusammenhang auf sich selber; niemand ahnte, daß die Komödiantin, während sie sprach, an den ungelenken, semmelblonden Expeditionsrat Götz dachte.

Doch dann trat Süß auf. Er war der Maurenfürst, an den der schurkische Spanier die Napolitanerin verkaufte. „Natürlich,“ sagte Remchingen zu seinem Nachbar, „wo es was zu kaufen gibt, ist der Jud da.“ Aber Süß benahm sich sehr edel und ritterlich. Trotzdem er sie heiß liebte, rührte er die Frau, die er als Sklavin gekauft hatte, nicht an. Er äußerte:

„Schlecht gilt die Liebe mir / die nicht durch innern Wert, Die sich durch Zwang erwirbt / was glühend sie begehrt.“

Wobei er, über und über von Edelsteinen strotzend, in den seidenen maurischen Hosen, die allerdings mit flandrischen Spitzen geziert waren, sehr glänzend aussah.

Der Braunschwarze freute sich, daß der Moslem auf der Bühne sich so nobel aufführte. Der Herzog lachte: „In Wirklichkeit würde mein Jud nicht so lange Faxen machen.“ Aber Dom Bartelemi Pancorbo dachte: „Da deklamiert er und macht groß Gemauschel um das Weib, was alles er für sie gäbe. Wenn ich sie wäre, ich würde den Solitär verlangen. Aber da würde er sich drücken.“ Und er reckte den dürren Hals mit dem blauroten, entfleischten Kopf und blinzelte aus tiefen Höhlen nach dem Stein.

* * * * *

In der Schertlinschen Manufaktur in Urach war ein gewisser Kaspar Dieterle beschäftigt gewesen, ein vierzigjähriger Mensch, gedunsenes Gesicht, wasserblaue Augen, rötlicher Seehundsbart, kein Hinterkopf. Als die Manufaktur an die Sozietät Foa-Oppenheimer überging, wurde der Mann als Webmeister beibehalten. Er führte sich unterwürfig und geduckt, schimpfte aber im geheimen um so unflätiger gegen die jüdische Sauwirtschaft. Zettelte gelegentlich kleine Meutereien, machte, selber höchst servil, die anderen aufsässig. War dabei roh und gemein gegen die ihm Unterstellten. Wurde schließlich, als seine zweideutige Haltung aufkam, entlassen.

Er konnte sich nicht entschließen, außer Landes Arbeit zu suchen. Verkam mehr und mehr. Brachte sich sehr elend durch einen erbärmlichen Hausierhandel fort und durch gelegentlichen Schmuggel verbotener, nicht gestempelter Waren. Wurde mehrmals ins Gefängnis gesperrt, einmal auch gestäupt.

Er hatte eine kleine, verwaiste Base zu sich genommen, die ihm zusammen mit dem alten Hund den Hausierkarren schob und sonst behilflich war; fünfzehnjährig, ein verschmutztes Kind, klein, breit, scheu, frech, lauersam, verbockt, diebisch, dabei auf eine primitive Art kokett. Er hielt die Kleine schlecht, prügelte sie grausam, daß sie zuweilen lahm und blutig liegen blieb. Aber als die Behörde einschreiten, ihm das Kind wegnehmen wollte, hielt sie zu ihm, leugnete alle Mißhandlungen, ließ sich nicht von ihm trennen. Es war so, daß der Mann das verwahrloste, struppige, kleine Geschöpf durchaus als sein Weib hielt. Sie war ihm verbunden, sie liebte ihn auf eine gewisse Art, seine Roheit und sein verfranster Seehundsbart waren ihr Zeichen hoher Männlichkeit, sie liebte ihn, wenn er zärtlich zu ihr war und wenn er sie schlug. Sie wurde ihm allmählich immer unentbehrlicher, er begnügte sich, auf Messen und Märkten zu gröhlen, mit knauserigen Kunden und solchen, die nichts kauften, Händel anzufangen, zu saufen, ihrer beider Unterhalt lag schließlich allein auf ihren Schultern.

Als sie sah, wie sie ihm nötig war, und ihre Macht über ihn spürte, begann sie widerborstig zu werden, ihn zu verhöhnen, vor allem reizte sie es, wenn er betrunken war, ein gefährliches Spiel mit ihm zu treiben. Immer öfter kam es, daß er sie prügelte, bis sie besinnungslos liegenblieb. Ein paarmal lief sie fort; aber sie kehrte doch immer zu ihm zurück, schließlich war er der einzige Mensch, über den sie eine gewisse Macht hatte und der an ihr hing.

Auf solche Manier strolchte das seltsame Paar auf den Landstraßen herum, stahl, hausierte, lumpte sich mehr als kläglich durch. Der Kaspar Dieterle konnte gräßlich fluchen, unflätiger als sonst jemand im Land. Dies imponierte dem Mädchen ungeheuer und schien ihr besonders kraftvoll und männlich. Am schönsten war er, wenn er auf die Juden fluchte. Kaskaden von Gift und Dreck wälzten sich dann unter dem rötlichen Schnurrbart vor, das fahle Gesicht wulstete sich um die wasserblauen Augen, und das Mädchen hörte begeistert zu. Manchmal auch, in guter Laune, um die Kleine zu belohnen, mimte er einen Juden, ging krumm, mauschelte, versuchte sich, unter dem kreischenden Jubel des Kindes, den Schnurrbart als Schläfenlöckchen um die Ohren zu hängen. Ein Festtag aber war es, wenn er auf Märkten und Messen mit Juden zusammenstieß. Auf herzoglichem Gebiet zwar nahmen gewöhnlich, wenn auch widerstrebend, unter dem Einfluß des Süß die Polizeidiener die Juden in Schutz. Aber in den freien Städten konnte er die Hilflosen fest zwacken und ihnen alle sauren Possen spielen, die sein armes Hirn auszukochen imstande war.

Nun hatten sie auf die Ostermesse in Eßlingen große Hoffnungen gesetzt. Dort aber war ein Jud Jecheskel Seligmann erschienen, früher Schutzjude der Gräveniz, jetzt mit Stillschweigen in Freudenthal, einem ehemaligen Grävenizschen Besitz, geduldet. Der handelte mit Erzeugnissen der Manufakturen Süß-Foa und machte, da er eine viel größere Auswahl hatte als der andere, dem primitiven Kram des Kaspar Dieterle unbesiegliche Konkurrenz. Jecheskel Seligmann Freudenthal war ein älterer, dürrer, krummer, häßlicher Mensch. Kaspar Dieterle fand tausend Gründe, ihn zu verspotten, er beschmierte ihm die Bank seiner Meßbude mit Schweinefett, das dann an seinem Kaftan hängenblieb, er hetzte die Kinder auf ihn, er ließ ihn springen und Hepp-Hepp machen, und er hatte die Lacher auf seiner Seite. Der Jude ließ sich alles gefallen, er sah häßlich, dürr und erschöpft aus und hatte, kam er dann endlich unter seinen Waren zu Atem, ein japsendes, verzerrtes Lächeln. Die Leute hatten zwar an den Späßen des Kaspar Dieterle ihre Freude und verlachten den Juden weidlich mit, aber sie kauften doch bei ihm, da trotz der Sonderabgaben seine Waren billiger und mannigfaltiger waren als der arme Plunder des anderen. Kaspar Dieterle hatte eine dumpfe, unsinnige Wut auf den Jecheskel Seligmann, er beschloß, ihn des Nachts halbtot zu schinden und zu treten, aber er hatte nicht genug Geld, um noch das Nachtquartier bei dem Meß- und Judenwirt zu bezahlen, wo der andere wohnte, und er mußte vor Torschluß die Stadt verlassen.

Das Paar übernachtete in einem dünnen Wald. Sie waren, der Mann wie das Mädchen, erbittert und grimmigster Laune. Dazu setzte Regen ein, sie froren und waren hungrig. Er hatte ihr versprochen, auf der Eßlinger Messe eine Korallenkette für sie zu kaufen, sie hatte die kleine Einnahme, die sie gehabt, auch zu solchem Zweck zurückgelegt, aber er hatte ihr das Geld entrissen und Schnaps dafür gekauft. Jetzt verlangte sie, er solle sie wenigstens davon trinken lassen. Er höhnte sie, schimpfte, sie lausiges Hurenbalg sei schuld, daß man nicht mehr verdient habe. Sie schimpfte zurück, sie werde ihn anzeigen, er habe sie genotzüchtigt, auch sonst geraubt und gestohlen, der Galgen sei ihm sicher. Er schlug zu, sie schrie und schimpfte weiter, der Hund kläffte, er schlug heftiger, sie biß ihn. Er, da sie nicht abließ und sich trotz aller Schläge nur wilder in ihn verbiß, haute sie schließlich wuchtig mit der Schnapsflasche vor die Stirn. Sie fiel um, streckte sich, blieb liegen. Oefters schon war das geschehen, so ließ er sie liegen, schnaubte befriedigt. Leckte aus der zersplitterten Schnapsflasche. Hüllte sich in etliches Tuch, schlief wie ein Klotz, wüst schnarchend. Aber der Regen drang durch und weckte ihn bald wieder. Er rülpste, sie solle zu ihm rücken, ihm eine andere Decke geben, ihn wärmen. Da sie nicht antwortete, stieß er nach ihr, fluchte. Wie sie sich noch immer nicht rührte, stand er froststarrend auf, trat sie. Entzündete endlich, seufzend, rülpsend, umständlich, nach vielen vergeblichen Versuchen die blinde, zerschlagene Laterne. Leuchtete die Reglose auf und ab. Sah sie, Kiefer herunter, Augen groß auf, naß, starr.

Er stand lange im Regen, in dem dünnen Wald, frierend, blöde, ohne Sinn, allein mit der Toten und dem leise winselnden Hund. Die Laterne hatte sogleich der Wind gelöscht, es war dunkel und frostig. Aus dem Baum, an dem er lehnte, tropfte es auf ihn herab, es rann ihm den armen, platten Hinterkopf herunter in den Nacken, sein rötlichblonder Seehundsbart tropfte gleichmäßig. So stand er lange und begriff durchaus nicht, wie und warum die Babett, das einzige Wesen, an dem ihm lag, jetzt tot war. Schließlich begann er ein widriges und furchtsames Heulen, der Hund fiel ein, er hob den Fuß, nach ihm zu treten, unterließ es.

Nach einer Weile kniete er neben die Leiche; entkleidete, nicht ohne Mühe, den starren, häßlichen, schmutzigen Körper, machte überall Schnitte in die Haut, mit stumpfer, nicht zu rascher Geschäftsmäßigkeit. Er verwandte hierzu den Scherben der Schnapsflasche, trotzdem er es mit einem Messer leichter hätte tun können. Er lud dann, es regnete noch immer, die Nackte, Verstümmelte auf den Karren, umstapelte sie hoch mit Decken und Kram, zog mit dem Hund den Karren wieder in die Stadt. Kam dort mit dem frühesten Morgen an, als das Tor geöffnet wurde. Der Torwache sagte er, er habe noch einen Handel mit dem Juden Seligmann. Man ließ ihn passieren.

Er zog seinen Karren in die Herberge, wo der Jude Jecheskel Seligmann Freudenthal wohnte. Alles wie getrieben, mit einer seltsamen, gleichmütigen Zielbewußtheit. Im Hof der Herberge stellte er seinen Karren ein. Veräußerte um ein Spottgeld auch sein Notwendigstes. Soff. Lief dazwischen immer wieder nach seinem Karren. Bis er endlich, während nur die jungen Schweine zuschauten, die Leiche in dem Unrathaufen notdürftig begraben konnte. Es regnete noch immer. Dann ging er wieder in das Schankzimmer. Soff. Zog die Kleider seiner kleinen Base heraus. Erzählte eine Geschichte. Langsam, verworren, in Stücken. Ja, man habe doch gehört, wie gestern er und die Babett mit dem Juden Jecheskel Seligmann Freudenthal ihre Händel gehabt hätten. Aber der Jud habe dem Kind doch eine Korallenkette versprochen. Sie hätte zu ihm zurückgewollt. Er, der Kaspar, habe sie gehalten. Geprügelt. Nachts, vielleicht hatte der Jude ihr was eingegeben, sei sie dann auf einmal doch weg gewesen. Manchmal müsse der Mensch auch schlafen; da könne er dann den andern nicht halten, ja. Und jetzt habe er unter den Waren des Juden draußen ein Bündel Kleider gefunden, seien die Kleider der Babett. Müßt das Kind jetzt wohl nackend herumlaufen, nur mit dem Korallenkettlein. Ja, und jetzt sei den Juden ihr Osterfest.

Dies erzählte der Kaspar Dieterle, während er seine letzte notwendige Habe versoff. Er erzählte es mehrmals, und immer mehr Leute hörten zu. Und immer gekitzelter hörten sie zu, und immer gebannter und entsetzter starrten sie auf den Mund des Menschen, wo unter dem ausgefransten rötlichen Schnurrbart schnapsstinkend, aus den fauligen, schwärzlichen Zähnen weinerlich und tückisch die grausige Geschichte hervorkroch.

Und dann fand man auf dem Unrathaufen die zerschnittene Leiche, die Schweine fraßen schon daran. Fledermausflügelig, mit phantastischen Greueln ausgeschmückt, flog der Bericht von der Untat durch die Stadt. Zusammen liefen die Leute, alles Tagewerk in Haus und auf der Straße hörte auf, die Tore wurden geschlossen, der Rat zusammenberufen. Greuel über Greuel! Ein unschuldiges Christenkind scheußlich gemartert von den Juden, ihm das Blut abgezapft für die Osterkuchen, die verstümmelte Leiche den Schweinen vorgeworfen. Soweit war es gekommen durch die Judenwirtschaft des württembergischen Herzogs, daß so schwarze Mordtat arrivieren konnte in der freien Reichsstadt Eßlingen zur Schmach und Schande des ganzen schwäbischen Kreises.

Tosende Erregung in der ganzen Stadt. Seit vierzig, nein, seit genau dreiundvierzig Jahren hat man keinen so grauenvollen Kriminalfall mehr erlebt im Römischen Reich. Fast schon wußte man nur mehr aus Büchern davon. In dieser Gegend war seit dem Ravensburger Kindermord nichts mehr dergleichen arriviert. Oh, wie klug waren die Väter gewesen, daß sie die Juden ausgeschafft aus dem Eßlinger Bannkreis! Seit dem Salomo von Hechingen, dem Arzt, hatte man nicht mehr zugelassen, daß einer von ihnen mit seinem Schelmenatem die ehrsame Luft der guten Stadt verstinke. Stolz und stark konnte man, als der Kaiser die Judensteuer einverlangte, erwidern, seit zwei Jahrhunderten sei keiner mehr in diesen Mauern gesessen. Jetzt hat der Herzog, der Ketzer, der Herodes, die Schelme und schwarzen Mordbuben ins Land gezogen, die den unschuldigen Christenkindern auflauern und ihnen das Blut abzapfen. Aengstlich verwarnen die Mütter ihre Kinder. Immer schrecklichere Einzelheiten gehen um. Was heut dem fremden Kind geschehen ist, kann morgen dem eigenen geschehen. Auf lange hinaus werden die verschreckten Würmer vor jedem Fremden davonlaufen und gräßlich von Blut und Messern und wilden Bärten träumen.

Der Jude Jecheskel Seligmann Freudenthal ging indes in der Vorstadt herum, seine Geschäfte besorgen. Er wurde verhaftet, wie er gerade demütig und beharrlich von einem säumigen Schuldner Geld eintreiben wollte. Er hatte durchaus keine Ahnung, worum es ging, und beteuerte immerzu, er habe gestern weder dem Kaspar Dieterle noch sonstwem zurückgeschimpft, er habe überhaupt nicht den Mund aufgetan. Denn dies war ein beliebtes Mittel dem jüdischen Konkurrenten gegenüber, daß man ihn durch Wort und Tat zu einer Erwiderung reizte und ihn dann einsperren ließ unter der Anklage, er habe durch freche Beschimpfung Christen um ihres Glaubens willen verunglimpft. Aber die Büttel schlugen ihn übers Maul, faßten ihn hart an, fesselten ihn. Draußen wurde der dürre, zitternde, entsetzte Mann von einer Menge Volkes empfangen, er sah hundert erhobene Arme, tobende Mäuler, Kot und Steine flogen gegen ihn, er wurde zu Boden gerissen, getreten, bespien, Haar und Bart wurden ihm gerauft. Er suchte immerzu auf seine Bedränger einzureden; japsend noch unter den Mißhandlungen, während ihm Speichel und Blut aus den Mundwinkeln rann, beteuerte er, er habe kein Schimpfwort, überhaupt kein Wort geredet. Erst aus dem Gezeter einer Frau, die ihn immerzu mit einer Spindel in die Weichen stach, erkannte er jäh die Beschuldigung, verlor die Sinne. Ohnmächtig wurde er in den Turm gebracht.

Aber unter den Ratsherren war eine große, grimmige, höhnische Freude. Die Herzoglichen, die Judenzer, sind schuld an der scheußlichen Moritat. Wie wird man es ihnen vorreiben, wie wird man es ihnen zu schlucken geben! Endlich jetzt kann man dem Herzog und seinem Juden eins versetzen. Hat man nicht ständig Händel mit ihnen und Schikanen? Während einem die herzoglichen Wildsäue und Hirsche und all das Viehzeug die Felder verderben, klagt der freche Ketzer, die Eßlinger Bürger wilderten – ja, wie sonst sollen sie sich helfen? – und nimmt sie hoch. Und queruliert er nicht ständig, die Eßlinger Straßen seien schlecht wider den Vertrag? Ho, ihr hochmögenden Herren! was ist ein Loch in der Straße gegen einen so grauslichen Mord? Auch über die Neckar-Regulierung ist nicht mit ihm eins zu werden. Hat er nicht sogar die Einkünfte des Eßlinger Spitals aus dem Württembergischen gepfändet? Und sein Jud erst, der freche Malefizer und Schelm! Da hat etwan die Stadt, pro forma natürlich nur und um gewisse Erleichterungen zu erzwingen, den Schirmvertrag mit dem Herzog aufgehoben. Tut da dieser lausige Saujud nicht gleich, als nähme er die Geschichte ernst? Läßt einfach, als gäbe es wirklich keinen Schirmvertrag, die Eßlinger ganz wie andere Fremde behandeln! Schikaniert auf Schritt und Tritt ihren Handel und Wandel. Jedem einzelnen der Ratsherren hat er mehrere tausend Taler gehindert. Aber wart nur, Herr Jud! Jetzt wird man’s dir heimzahlen! An deinem schwarzen und verruchten Glaubensgenossen wird man es dir heimzahlen. In spanische Stiefel schnüren wird man ihn, das Blut aus den Nägeln herausquetschen, ihn mit glühenden Zangen zwicken. Jetzt schon freuen sich unter den Ratsherren die Anwohner des Marktes darauf, wie man ihn dort solenn verbrennen wird, und versprechen den Verwandten und Befreundeten Fensterplätze. Nur schade, daß man es bei einer einzigen Hinrichtungsart bewenden lassen muß. Man sollte ihn können zugleich hängen und rädern und vierteilen und verbrennen.

Der Aelteste unter den Ratsherren war Christoph Adam Schertlin, der seinerzeit die Uracher Manufaktur begründet hatte, und der, auf Altenteil in seinem Eßlinger Patrizierhaus, sein Werk langsam und unrettbar hatte versinken, dem Juden in die Hände gleiten, seine Söhne hatte verkommen und verlottern sehen. Er war hoch in den Siebzig. Dies war eine wilde und unvermittelte Freude vor seinem Grab. Tief aus der Brust holte er malmende Worte gegen die jüdische Verruchtheit, spie sie vor den Rat, einem ach! Unsichtbaren ins Gesicht. Hoch trug er den großen, verwitternden Kopf, starken Schrittes ging er durch die Straßen; heftig, als rennte er ihn dem Feind in den Leib, stieß er den Rohrstock gegen den Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch nicht zitternder Hand.