Jud Süß

Part 25

Chapter 253,616 wordsPublic domain

Er geht, den Kopf gesenkt, die schlemmerischen Lippen aneinanderreibend, die Arme sehr straff, auf und ab. Er ist, Teufel noch eins! nicht der Mann, Opfer zu bringen. Er schenkt ringsumher, er verstreut rings um sich, weil er generös ist und ein großer Herr und Kavalier. Aber Opfer? Ihm hat auch noch niemand Opfer gebracht, im Leben geht es hart auf hart und Keil auf Klotz, und wer Bangen hat und weichmütig ist, muß unten bleiben und sich auf den Kopf speien lassen. Er hat kein Bangen, vor murrender Populace nicht und vor frechen großen Herren nicht und vor keinem Parlament und keinem eventuellen Herrgott nicht. Dennoch: in diesem einen Fall ein Opfer zu bringen, es wäre ein kitzelnd wollüstiger Schmerz, man könnte dann vor das Kind hintreten, blitzblank, und auch ein Aug, das nur Blumen gewohnt ist und lichten Himmel, könnte kein winziges Staubkorn an einem finden.

Aber was alles schwämme hinunter, wenn er das Opfer brächte! Es war sinnlos, es war, nahm man es politisch, barer Widersinn, den Jecheskel Seligmann zu salvieren, nur um ein paar krause Gedanken des Kindes wegzujagen. Die Mariage mit der Portugiesin schwämme hin, die Nobilitierung schwämme hin, ein gut Stück Grund und Boden, darauf er stand, schwämme hin. Nein, nein! Und wenn es auch vielleicht Zeichen und Wink war, er wird sich nicht soweit nachgeben, er wird nicht um eine kindische Laune soviel blutig Erkämpftes einfach hinschmeißen.

Im Grund wußte er, daß er es tun wird. Im Grund wußte er es von dem ersten Augenblick an, da er Rabbi Gabriel sah. Während er sich bejammerte und sich sentimental streichelte, welche Opfer man von ihm postuliere, war in seinem heimlichsten Winkel ein großes Aufatmen. Und er hatte harte Mühe, gewisse nebelhafte Vorstellungen, die immer wieder in ihm heraufdrängten, nicht allzu greifbare Bilder werden zu lassen: wie er nun doch fortan der ganzen Judenheit imponieren wird, wie er überall in Europa als erster der Juden im römischen Reich wird erhöht und gepriesen werden, wie er das Einmalige und Unausdenkliche wird zu Rand bringen, als einzelner Jude einer ganzen christlichen Stadt einen verfallenen Menschen zu entreißen.

Und während dies eitel und schwellend in ihm hochdrängte, hatte er Mühe, sich selber die schwere Größe so opfermütigen Entschlusses vorzuspielen.

Andern Tages ging er zum Herzog. Er machte weniger Umschweife als sonst, war weniger servil, forderte dringlicher. Er betonte, es vertrage sich nicht mit der Dignité des Herzogs, daß er den Eßlingern seinen Juden so ohne weiteres überlasse; auch seine, des Süß, Autorität leide unter den kontinuierlichen Hohn- und Stichelreden der insolenten Eßlinger. Karl Alexander fuhr ihn barsch an, er solle ihn in Frieden lassen mit seinen blöden Judengeschichten, er habe genug Scherereien davon mit seinem Parlament, er sei als Judenzer im ganzen Reich verschrien, und jetzt solle er sein freches Maul halten. Doch Süß, gegen seine Gewohnheit, bestand auf seinem Thema, er ließ durchaus nicht locker, er häufte, trotzdem der Herzog ihn erneut anschrie, die Argumente. Er verlangte, daß zumindest Johann Daniel Harpprecht, der erste Jurist des Landes, gutachtlich gehört werde über die Kompetenz des Eßlinger Gerichts, wenn anders er, Süß, seine mühevollen und gefährlichen Arbeiten für den Herzog fortführen solle. Denn würde weiter seine Autorität durch die Eßlinger in gleichem Maße geschwächt, so müsse er submissest um Enthebung von seinen Funktionen bitten. Karl Alexander, hochrot und schnaufend, brüllte ihn an, er solle sich scheren.

Süß entfernte sich vergnügt und lächelnd. Er wußte, dies war Phrase; morgen wird der Herzog tun, als ob nichts gewesen wäre. Karl Alexander konnte ihn nicht entbehren, mußte ihm willfahren, mußte ihm den Gefallen tun. Er teilte also tags darauf dem Rabbi Gabriel mit, daß er die Befreiung des Jecheskel Seligmann so gut wie erwirkt habe, spreizte sich, prahlte, welch ungeheure Last er dafür auf sich nehme. Während er dies weitläufig prunkend dem steinern schweigenden Kabbalisten auseinandersetzte, polterte unwirsch, von der Parade kommend, in großer Uniform mit Stern und Band der Herzog ins Kabinett. War es Zufall, daß er hier mit dem Magus zusammenstieß? Hatte er von seiner Gegenwart gehört und wollte es machen wie damals in Wildbad? Jedenfalls war er nun da und füllte das Kabinett mit Lärm und Prunk und Getöse. Ei, wie habe er sich kostbar, schrie er mit gemachter Lustigkeit dem Magus zu. Oder ob er es überhaupt verweigere, Unbeschnittenen das Horoskop zu stellen? Süß vermittelte, beschwichtigte. Es handle sich um das Horoskop von wegen der Frauen, er habe ja dem Oheim mehrmals dringlich geschrieben. Er hatte zwar nur einmal geschrieben, und da nur tastend, leise andeutend; doch Rabbi Gabriel wußte, worum es ging. Allein er schwieg. Sah dem drängenden, langsam sich verdüsternden Herzog ins Gesicht und schwieg. Schließlich setzte Karl Alexander von neuem an und fragte, immer mit gemacht überlegener Scherzhaftigkeit, ob etwa seine Frauengeschichten zusammenhingen mit dem fatalen Ausgang, den der Magus bei ihrem Zusammentreffen vorausgesagt, oder recte, vorausverschwiegen. Der Herzog erwartete keine Antwort auf diese Frage, auch Süß vermutete, der Oheim werde ausweichen. Aber Rabbi Gabriel, immer die Steinaugen auf dem Herzog, erwiderte ein mürrisches, quarrendes, unzweideutiges: „Ja.“ Karl Alexander, auf so runden Bescheid nicht gefaßt, langte nach dem Herzen, atmete schwer, Schweigen lag dick und beklemmend auf dem Zimmer. Schließlich sagte Karl Alexander noch mit mattem Scherz, sieh da, nun habe er ja Bescheid, brach ab und sprach von anderem. Warf dem Süß hin: Ja, weshalb er gekommen sei: er habe also dem Harpprecht ein Gutachten aufgetragen wegen seines lumpigen Eßlinger Juden. Sein Kreuz und lauter Schweinerei habe man mit ihm! Verlangte nach seiner Kutsche, entfernte sich mißlaunig, nach einem schlechten, verärgerten Witz über die Büste des Moses.

Der Herzog gegangen, trumpfte Süß groß auf. Nun habe er also den Juden Jecheskel Seligmann Freudenthal glücklich los aus den Händen Edoms. Was bisher niemals geglückt sei im römischen Reich, habe er, Süß, jetzt erreicht. Ob der Oheim immer noch sein Leben und große Mühe für so eitel und Haschen nach Wind ansehe?

Widerwillig nur entgegnete der Rabbi dem sich Blähenden: Des Süß Leben sei kein Leben. Sei vor sich selber und der eigenen Leere fliehende Zappelei.

Gekränkt und fast kindlich schmollend schwieg Süß zuerst. Holte, den Blick des Rabbi meidend, stumm vor dem Stummen auf und ab gehend, aus allen Winkeln Argumente zusammen. Ei, hatte er nicht eben erst einen edelmütigen Entschluß gefaßt und mit so gewaltigen Opfern durchgesetzt? Sein reiches, fruchtvolles Leben leere Zappelei? Angesichts der frommen Tat, die er soeben getan, sagte man ihm das? Ja, war nicht solche Tat allein Sinns genug für ein Leben? Und wenn diese Tat, dieses Erreichnis nur eine Perle in einer Kette wäre? Wenn sein ganzes Leben von diesem Punkt aus zu erklären, nichts als Aufopferung, Auswirkung einer frommen, jenseitigen Idee wäre?

Er hielt inne in seinem Gang durchs Zimmer, kittete sich sofort fester an diesen Gedanken. Es gefiel ihm, dem Mann des Augenblicks, dem großen Komödianten seiner selbst, sein Leben sentimentalisch von diesem Punkt aus zu sehen. Es reizte ihn, seine leer wirbelnden Tage als die erhebende Vita eines großen Frommen zu kommentieren. Sein Leben sinnlos, gar verächtlich, von jemandem mit einer vagen Handbewegung wegzuschieben? Dies empörte seine Eitelkeit. Starkwillig entriß er sich dem lähmenden Ring, in den Rabbi Gabriels Gegenwart ihn band. Er zwang sich selber, an einen tiefen, schicksalhaften, frommen Sinn seines Lebens zu glauben, in seinem Aufstieg Lehre und Gleichnis zu sehen. Eifrig schritt er hin und her, flüsternd und geheimnisvoll mit seiner geübten Stimme auf den schweigenden Hörer einredend. Mit seiner ganzen fließenden, flutenden, ebbenden, advokatischen Beredsamkeit, mit der Beflissenheit, mit der er um eine große Staatsaktion warb, brannte er vor dem Rabbi ein brillantes Feuer frommer Eitelkeit ab.

Wenn er nur hätte Karriere machen wollen, ei, warum dann sei er Jude geblieben? Warum dann habe er sich nicht taufen lassen wie sein Bruder? Nein, der Oheim tue ihm groß Unrecht, wenn er sein Leben so gar gering und verächtlich ansehe. Durchaus nicht aus bloßer Lust am Gold oder an der Macht stehe er hier, auf so hoher, umneideter und gefährlicher Stelle.

Er klammerte sich an die Idee, sie schmeichelte ihm, er suggerierte sie sich, um sie dem andern suggerieren zu können. Er flüsterte sie dem Kabbalisten zu als großes Geheimnis, er spielte, vor sich fast mehr als vor dem andern, Schicksal, Ueberzeugtheit, Sendung. Wie? Wenn er nun ausersehen wäre, Israel zu rächen an Edom? Das kann doch nicht blinder Zufall sein, daß er dasteht wie Josef, den Pharao erhöht hat. Wenn er jetzt so hoch ist und sehr in Glanz, daß die, welche sonst Israel anspucken und mit Füßen treten und sich den Aermel wischen, wenn sie an einen Juden gestreift sind, den Rücken rund machen müssen vor ihm und seinen Staub lecken: ist das nicht Rache? Heut liegt er, der Jud, über dem Land und saugt von seinem Blut und wird fett von seinem Mark. Und wenn einer von den Seinen bedrängt ist, hält er die Hand über ihn, und Edom schleicht sich fort, den Schwanz gekniffen wie ein geprügelter Hund. Ist das nicht Kern und Sinn und Rückgrat für ein Leben?

Aber Rabbi Gabriel schwieg, und wie er den Schweigenden sah, wurden auch seine fliegenden Worte immer lahmer, und schließlich fielen sie ganz zu Boden. Er verstummte und stand da wie ein Schuljunge, der sein Pensum schlecht gelernt hat und nicht zu Ende weiß, und seine Worte waren wie schlechte, übelriechende Schminke, rasch eintrocknend und abblätternd.

Der Kabbalist erwiderte nicht auf die lange, feurige und empfindliche Rede des Süß. Er stand auf und sagte: „Bevor du dich dem Kind zeigst, fahr nach Frankfurt zu deiner Mutter.“

Damit ging er. Süß blieb in dumpfer Wut. Nun hatte er das Opfer gebracht, nun hatte er sich die Tat abgerungen. Was noch wollte der Alte von ihm? Was noch sollte er tun? Warum schwieg er seine Tat an mit seinem hochmütigen und klein machenden Schweigen? Und was war das mit Frankfurt? Ei, gewiß wird er nach Frankfurt gehen, zu seiner Mutter. Die Frankfurter werden mehr Verstand haben für das, was er getan. Seine Mutter wird ihm andächtig zuhören. Und die Frankfurter Juden, der weise, kleine Rabbi Jaakob Josua Falk und der Vorsteher und alle, wie wird er sich tragen lassen von ihrem Raunen, Segnen, Rühmen und Bewundern. Schweigt Rabbi Gabriel, so werden zehntausend andere Münder so lauter reden und Zeugnis ablegen für ihn und seine Tat.

* * * * *

In der Bibliothek des Professors Johann Daniel Harpprecht, über Akten und Urkunden, lächelte der Hausherr seinem Freunde, dem Geheimrat Bilfinger, mit verstehender und gütiger Abwehr zu. In das geräumige, solid möblierte Zimmer schrägte die Sonne eine Lichtsäule aus Myriaden Staubflöckchen.

Die beiden gewichtigen Männer hatten ernsthaft die württembergischen Dinge durchgesprochen, insonderheit das umständlich und mit großem Eifer vorgetragene, von Weißensee verfaßte Anliegen des landschaftlichen Ausschusses, sich unter keinen Umständen in den Eßlinger Judenhandel zu mengen. „Sieht Er, Herr Bruder,“ sagte Harpprecht und legte dem Freund die Hand auf die schwere Schulter, „es wäre mir auch wärmer ums Herz, könnte ich den Juden Jecheskel in der Patsche sitzen lassen und dem Süß eins auswischen; auch dem Weißensee gönnte ich den Triumph. Und wenn ich denk, was wir zahlen müssen als Kompensation für die Auslieferung dieses Stinkjuden, und was für Emolumenta und wohlverdiente Ansprüche wir den konfiszierten Eßlinger Krämern dafür müssen in ihren gierigen Schlund schmeißen, und wie wir dafür nichts anderes haben, als daß wir im ganzen Reich als Judenzer werden verlästert und verlacht werden, Herr Bruder, ich brauch Ihm nicht zu sagen, wie es mir gallenbitter hochsteigt, wenn ich das denk. Aber der Herzog hat von mir ein juristisches Judizium verlangt, kein politisches. Und wenn’s mich noch so fest verdrießt, und wenn ich dem Juden noch so gern möchte alle Kompendien und Kommentare um seine insolente Fratze schlagen: zuständig ist der Jecheskel zu uns; und wenn es Recht und Gesetz gelten soll, dann zählen alle die kleinen Formalia nicht, die man mit Rabulisterei ins _contrarium_ kann kommentieren. Als Jurist muß ich judizieren: der Jecheskel muß ausgeliefert werden an die herzoglichen Gerichte.“

Bilfinger senkte den massigen Nacken. Gewußt hatte er das, gewußt hatten das alle; gewußt hatte es sicher auch der Herzog, und wie er ein Gutachten von Harpprecht gefordert hatte, war die Affäre eigentlich schon entschieden. Aber schön wäre es doch gewesen, wenn der Harpprecht anders judiziert hätte. Der Herzog hätte die Auslieferung wahrscheinlich doch verlangt, aber der Jud hätte einen derben Stoß gekriegt. „So steht er fest oben,“ grollte er, „und lacht, wie wir uns müssen abzappeln, ihm den Gefallen zu tun.“

Aber er machte weiter keinen Versuch; er wußte, der Jurist wird sich eher die Finger abhacken, eh daß er in ein Judizium ein Wort hineinsetzt, das Recht um Fadenbreite zu krümmen. Er verabschiedete sich von dem Freund, verdüstert und ohne Hoffnung, aber mit festem, gutem Händedruck.

Allein geblieben, war Harpprecht nicht disponiert, sich sogleich wieder an die Arbeit zu setzen. Er schenkte sich das Glas neu voll, schaute in die schräge Lichtsäule aus tanzenden Stäubchen. Dachte. Er war gewohnt, die Dinge aus großer Höhe zu beschauen. Er reihte den Fall ein. Er sah über die Grenzen des Herzogtums hinaus. Er sah die Affäre des kleinen Handelsjuden als Welle im Fluß europäischen Werdens und Geschehens.

Denn der kleine Hausierjude, gefoltert, willkürlich um Mord verklagt, und Süß, der allmächtige, umneidete Finanzdirektor, wichtiger Faktor in den Kalküls der europäischen Höfe, schaukelten auf einer Welle. Wie sonderbar das Los dieser beiden sich ineinanderschlang. Wäre Süß nicht hoch und in Glanz, hätten die Eßlinger den armen Teufel sicherlich laufen lassen. Wäre Süß nicht hoch und in Glanz, könnte er den armen Teufel nicht erlösen. Was band den Finanzdirektor an den Hausierjuden? Das gemeinsame Blut? Dummes Zeug! Der gemeinsame Glaube? Schwatz! Nichts war gemeinsam zwischen den beiden, nur eines: der Haß, der anbrandete gegen den großen Juden wie gegen den kleinen.

Nachdenklich blätterte Harpprecht in den Chroniken und historischen Urkunden der Gabelkhover, Magnus Hessenthaler, Johann Ulrich Pregizer, in den Verordnungen, Reskripten, Landtagsabschieden, die vor ihm gestapelt lagen. Darin war verzeichnet, wie man es bisher mit den Juden im Land gehalten hatte, das war die Gesetzgebung der schwäbischen Herzöge und Stände, die Juden anlangend, war der schwäbischen Juden Geschichte und Recht.

Seit Urzeiten saßen sie da. Immer wieder waren sie verklagt worden um Mord, Brunnenvergiftung, Hostienschändung und vor allem um ihren unleidlichen, volksverderblichen Wucher. Immer wieder hatte man sie totgeschlagen und ihre Forderungen null und nichtig erklärt, in Calw, in Weil der Stadt, in Bulach, Tübingen, Kirchheim, Horb, Nagold, Oehringen, Cannstatt, Stuttgart. Aber immer wieder hatte man sie zurückgerufen. Man solle allenthalb im Reich ihr Gut nehmen, stand da in einer kaiserlichen Urkunde, und dazu ihr Leben und sie töten, bis auf eine geringe Anzahl, so verschont bleiben solle, um ihr Gedächtnis zu erhalten. Ein andermal, in einem Gutachten des Konsistoriums, hieß es, nächst dem Teufel hätten die Christen keine größeren Feinde als die Juden. In einem Vertrag zwischen dem deutschen König und dem Grafen Ulrich dem Vielgeliebten waren Maßregeln getroffen wegen der vielfältigen Klagen über die Jüdischheit, die nach ihrer gewöhnlichen Härtigkeit geistliche und weltliche Reichsuntertanen durch ihren Wucher unziemlich und unleidentlich beschwere und sich auch in anderweg so grob und unordentlich halte, daß dadurch Uneinigkeit, Krieg und Mißhelligkeit entstehe. Und im Testament des Grafen Eberhard im Bart wurden die Juden gescholten als Gott dem Allmächtigen, der Natur und der christlichen Ordnung gehässig, verschmäht und widerwärtig, als nagende Würmer, dem gemeinen armen Mann und Untertanen verderblich und unleidentlich, und sie wurden Gott dem Allmächtigen zu Ehren und des gemeinen Nutzens wegen hart und scharf des Landes verwiesen.

Warum aber, wenn man so urteilte, ließ man oder rief man gar sie immer wieder ins Herzogtum? Warum schützten sie Eberhard der Greiner, Graf Ulrich? Warum, wenn Eberhard im Bart, die Herzöge Ulrich, Christoph, Ludwig sie austrieben, riefen sie Friedrich der Erste, Eberhard Ludwig wieder ins Land? Es war zu billig, sie ein vermaledeites, von Gott verworfenes Volk zu nennen. Warum konnte man nicht gleichgültig vor ihnen bleiben wie vor anderen Fremden, den eingewanderten französischen Emigranten etwa? Warum stießen sie ab oder zogen an oder waren gar widerlich und reizvoll in Einem?

Johann Daniel Harpprecht hob den Kopf von den Papieren. In den tanzenden Stäubchen der schrägen Sonnensäule formte sich ihm das Bild des Herzogs und das Bild des Juden, eines im anderen, eines ins andere rätselhaft übergleitend. Beide waren Ein Unglück. Gegen den Herzog gab es ein Bollwerk: die Verfassung; aber es war löcherig und frommte nicht. Gegen die Juden gab es Gesetze, Reskripte; aber sie nützten nichts. Die nagenden Würmer, so stand in den Gutachten, Verboten. Das Land verkam, Armut, Elend, Verbitterung, Verlotterung, Verzweiflung riß ein. Die nagenden Würmer saßen im Land, fraßen in seinem Mark. Nagten, wurden fett. Obenauf, sich ineinanderringelnd, der Herzog und der Jud, sich spreizend in frecher, gemästeter Nacktheit, schillernd, üppig.

Dem festen, geraden, sachlichen Mann knäuelten sich die Gedanken. Hier war so schwer fester Boden zu gewinnen; diese Juden und alles, was mit ihnen zusammenhing, waren beunruhigend und voller Rätsel. Sie austreiben nützte nichts, man rief sie doch immer wieder zurück; ja selbst das primitive Mittel, sie totzuschlagen, brachte keine Lösung. Das Rätsel quälte doch weiter, hinterher; und dann plötzlich, von wo man sie nie vermutete, tauchten sie neu auf.

Du siehst einen Hausierjuden, er geht herum, wackelnd, häßlich, schmutzig, lauersam, geduckt, hinterhältig, krumm an Seel und Leib, du hast ein ekles Gefühl vor ihm, hütest dich, an seinen dreckigen Kaftan zu streifen; aber auf einmal schlägt in seinem Gesicht eine uralte, weisere Welt das Aug auf und schaut dich mild und verwirrend an, und der lausige Saujud, eben noch zu schlecht, als daß du ihn mit deinem guten Stiefel hättest in den Kot treten mögen, hebt sich wie eine Wolke, schwebt über dir, hoch, lächelnd, unerreichbar weit.

Es war widerwärtig und unbehaglich, zu denken, daß so ein schmutziger Trödeljude sollte aus dem Samen Abrahams sein. Es war ärgerlich und beunruhigend, daß ein Weltweiser wie Benediktus d’Espinosa dem verfluchten Stamm angehörte. Es war, als hätte an diesem Stamm die Natur beispielsmäßig wollen demonstrieren, wie bis zu den Sternen hoch ein Mensch sich heben, wie tief in Schlamm er einsinken kann.

Nagende Würmer. Nagende, schädliche Würmer. Der Professor Johann Daniel Harpprecht zwang sich zurück zu seinen Urkunden, aber sieh da! der vernünftige, ruhige Mann hatte Gesichte wie ein Schwärmer. Die Buchstaben selber wurden zu Würmern, kriechend, ekel sich streckend, feucht, klebrig, schleimig, mit Köpfen des Herzogs und des Süß. Nagende Würmer, nagende Würmer. Er verzog den Mund, spie aus.

Rettete seine Gedanken in das Bereich, wo Wallungen und Gesichte am leichtesten konnten gehemmt werden, in sein eigenstes Bereich, ins Staatswirtschaftliche. Was die Juden am Leben erhielt, war die wirtschaftliche Notwendigkeit. Umschichtete sich die Welt. Früher war eines Mannes Wert bestimmt von Stand und Geburt, jetzt war er bestimmt durch das Geld. Als man die Verachteten und Gehaßten zu den monopolisierten Verwaltern des Geldes gemacht, hatte man selber ihnen das Seil zugeworfen, an dem sie hochkletterten. Jetzt war das Getriebe des Geldes das lebendige Blut des Staates und der Gesellschaft, und die Juden waren dieses Getriebes wichtigstes Rad, waren der ganzen komplizierten Maschinerie Angelpunkt und erster Hebel. Nahm man sie heraus, so brach Gesellschaft ein und Staat. Der Herzog, Zeichen und Symbol der alten Ordnung, des Standes und der Geburt, und der Jude, Zeichen und Symbol der neuen Ordnung, des Geldes, reichten einer dem andern die Hand, waren verknüpft miteinander, lagen auf dem Volk, einträchtig, sogen sein Mark, einer für den andern.

Nagende Würmer, nagende Würmer. Aufseufzend kehrte Harpprecht zurück zu seiner Arbeit. Zurück wandelte sich unter seinem festen Willen das ekle Geringel in klare, trockene Buchstaben, und sachlich, sorglich, gewissenhaft, umständlich schrieb er sein Gutachten.

* * * * *

Die Eßlinger, nach hartem Feilschen und gegen fette Kompensationen, übergaben den Juden Jecheskel Seligmann den herzoglichen Gerichten, nach außen gewaltig schimpfend, in der Seele heilfroh. Die württembergischen Gerichte ließen ihn schon nach wenigen Tagen ledig. Zerbrochen, fahrig, irr und verstört von dem Schreck, der Todesangst, der Folter, kehrte Jecheskel nach Freudenthal zurück, auf den Rest seiner Tage von dem Ausgestandenen bis ins Mark zerwest. Oft fiel ihn nervöses Zucken an, schütterte ihn, riß ihm die Schultern, die Arme lächerlich zappelnd hin und her, zerrte sein Gesicht; oft auch, unversehens wimmerte er, heulte leise, tierhaft. Andere Juden sorgten für ihn, schafften ihn außer Landes, nach Amsterdam.

Ehe er Deutschland verließ, schrieb er dem Finanzdirektor, ob er bei ihm vorsprechen dürfe, ihm zu danken. Süß überlegte, schwankte. Es wäre Triumph gewesen, den Stuttgartern die Beute vorzuführen, die er den Eßlingern entrissen. Aber andernteils sah diese Beute doch gar zu schäbig und gerupft aus, die Stuttgarter hätten, wenn nicht laut geschimpft, zumindest grobe Witze gemacht, und dann wagte er nicht, den Herzog, den der ganze Handel arg verdroß, durch Aufführung des Jecheskel weiter zu reizen. Großmütig verzichtete er also darauf, persönlich den Dank des Befreiten entgegenzunehmen. Gestand sich aber, wie dies in letzter Zeit seine Art war, die wahren Gründe nicht ein, sondern spreizte sich vor sich selber, wie es sich nun erweise, daß er nicht um Dank, sondern nur aus reinen und edlen Motiven die Tat getan habe.

Um so fetter mästete er in Frankfurt seine Eitelkeit. Ei, wie drängten sich in den Gassen des Ghettos die Juden, ihn zu sehen, gurgelten Bewunderung, flehten allen Segen Gottes auf ihn herab, hoben ihre Kinder hoch, daß sie mit ihren fremdartigen, schönen, länglichen Augen sein seliges und beglückendes Bild einfingen. Wie über einen Teppich schritt er über hemmungslose Bewunderung und gute Wünsche. Ei, was für einen Retter und großen Frommen hat da der Herr, gelobt sein Name, Israel in seiner großen Not geschickt. Und in der Synagoge stand er, wurde aufgerufen zur Vorlesung der Schrift, und während das Gesumme, das den menschenvollen Raum immer füllte, so stumm ward, daß das ergriffene Schweigen der aus wildester Furcht Erlösten die Mauern fast sprengte, ließ mit seiner zittrigen Stimme der welke Rabbiner die schönen, milden, alten Segnungen wie aus edler Schale laues, wohlriechendes Wasser auf ihn niederrieseln.