Jud Süß

Part 26

Chapter 263,765 wordsPublic domain

Nur Eine breitete ihre Bewunderung nicht so weich und willig vor ihn hin, wie er erwartet hatte: seine Mutter. Sie, sonst seine demütigste, seligste Anhängerin, schien dieses Mal eng, ängstlich, gehemmt. Wohl fand sie immer neu Lob und Preis, wie groß und herrlich und schlank und reich und edelmütig und elegant und gescheit und tief und mächtig er sei, wie begabt er sei an allen Gütern der Welt, an Geld und Gemüt und Schönheit der Gestalt und Edelsinn und Frauen. Aber sie ging nicht so auf in ihm wie sonst. Die törichten, großen Augen in dem schönen, weißen Gesicht wurden plötzlich wie in tiefster Angst erschreckt von ihm weggerissen; ihre Hände, die an ihrem gescheiten, eleganten, mächtigen Sohn herumstreichelten, hielten unvermittelt, ohne Anlaß, inne. Die schöne, heitere, gern plappernde, leichtlebige alte Dame hatte gegen ihre Art etwas Fahriges, Nervös-Verschrecktes, Gepreßtes.

Während sie so in dumpfer Luft unfrei zusammensaßen, trat Rabbi Gabriel in ihr Gespräch. Michaele fuhr mit einem kleinen Schrei hoch, hob wie flehend und in leichter Abwehr die Hände.

„Hast du sie ihm gegeben?“ fragte der Kabbalist. Michaele, fahl, die Augen weit auf, trat einen Schritt hinter sich. „Gib sie ihm jetzt!“ sagte der Rabbi, ohne die Stimme zu heben, doch so, daß Widerstand starb. Michaele, mit schlaffen Gliedern, gepreßt wimmernd, ging.

„Was soll das?“ fragte betreten und unmutig Süß. „Warum quält Ihr sie? Was wollt Ihr von ihr?“

„Du hast mir gesagt,“ erwiderte der Rabbi, „was du vor das Kind hinstellen willst als Sinn und Rechtfertigung. Ich nehme deine Rechtfertigung in die Hand und zeige sie dir, wie sie wirklich ist.“

Schleppend, wie gezogen, kam Michaele zurück. Brachte einen Pack Schriften, Briefe, wie es schien. Legte sie scheu vor den Erstaunten. „Muß ich bleiben?“ fragte sie mühsam, und ihre Stimme war ganz klein und voll Furcht. „Geh nur!“ sagte, fast gütig, der Rabbi.

Zögernd griff, nachdem sie eilig sich entfernt, Süß nach den Schriften, hielt sie in der Hand, unentschlossen, begann endlich zu lesen. Galante Briefe, leicht altmodisch, gleichgültiges Zeug. Er wunderte sich, verstand nicht. Was soll das? Sah schließlich Zusammenhänge, kombinierte rasch weiter, sah getroffen wie nach einer jähen, schlaghaften Erhellung von den Papieren auf, sah nach dem Rabbi. Der war nicht da, er war allein im Zimmer.

Auf sprang er, schritt, schleifte sich hin und her. Die Augen hell, wieder dunkel, wieder hell. Gehetzte Wolken, wieder Sonne, wieder Nacht überm Gesicht. Flatternde, ungereimte Armbewegungen, die Füße taumelig, wie trunken. Gelall, Wortfetzen, dann, während der ganze Körper sich straffte, ein klarer Satz. Und schon wieder zusammengefallen, schlaff, stammelnd, zerschlagen alle Gliedmaßen. Der beherrschte Mann wie ein Komödiant, der eine Rolle lernt, die ihn zu allen Sternen hochtreibt, in alle Schlünde hinunterstürzt. Bis er wie ein Sack zusammenfällt, sitzend, alle Arbeit tief innen wühlend, Gesicht und Glieder reglos. Eine lange, ewige Weile wie tot.

So also griff das ineinander. So waren auf einmal alle diese schattenden, düsteren Winkel hell. Man hatte ihn ja, der verfluchte, hexenmeisterische Rabbi und die Mutter, gemein, niederträchtig, infam betrogen, daß man ihm das so lange gehehlt und verheimlicht hatte. Es war ein arger Possen und echt jüdischer, tückischer Schelmenstreich, ihn so lange an diese schlechte, niedrige, gemeine, lächerliche und verachtete Gemeinschaft zu binden. Er hatte sich freilich, Gott sei Dank, vermöge seines Genies und seines eingeborenen adeligen Blutes doch nicht unterkriegen lassen. Sein Ingenium hatte strahlend floriert trotz allen gemeinen Hemmungen und Bindungen. Aber wie viele empörende, blutvergiftende Demütigungen, wie viele erniedrigende, krumme Schleich- und Umwege hätte er sich erspart, wie viele bizarre, alberne Kanten und Winkel wären glatt und gerade gewesen, hätte man ihn nicht verbrecherisch in diesem falschen und pöbelhaften Stand und Glauben belassen.

Aber wie das? Nur Ruhe! Nur keine Wallungen! Alles ruhig wägen und überdenken! Lag jetzt sein Weg wirklich so glatt und im Licht vor ihm?

Es war also nicht der kleine Kantor und Komödiant Issaschar Süß sein Vater. Es war klar und unumstößlich zu erweisen, daß Georg Eberhard von Heydersdorff sein Vater war, Baron und Feldmarschall. Er war nicht aus schlechtem Samen, seine Allüren, seine Tenue, sein Temperament war nicht willkürlich angenommen, war nicht erlernt und künstlich. Seine kavaliersmäßigen Neigungen, sein Aufstieg, sein herrenmäßiges, adeliges Gewese war selbstverständlich, brach notwendig durch alle Hemmungen; denn es kam aus dem Geblüt und innerster Natur. Er war Christ von Geburt und Kavalier.

Bastard? Jenun, das waren die Fähigsten und Besten, die in solchem wilden, von ungezügeltem Trieb bestimmten Bett gezeugt waren. Wo sich nicht erkältend und ernüchternd praktische Erwägung zwischen Blüte und Frucht gestellt hatte. Wenn nicht auf dem Thron selbst, so doch auf seinen höchsten Stufen saßen, überall in Europa, Bastarde. Es ehrte seinen Vater, daß er sich von keiner sauern Aristokratentochter, daß er sich von der schönen Jüdin den Sohn gebären ließ.

Heydersdorff sein Vater, Georg Eberhard von Heydersdorff. Ein schöner Name. Ein wilder Name. Ein blutiger, zerfetzter, unseliger Name. Er kannte Bilder dieses Mannes. In tapferer Schamlosigkeit hatte die Mutter das Bild in ihrem Zimmer hängen lassen, auch als der Mann diffamiert und in letzte Not gejagt war. Wie oft war er als Junge davorgestanden, vor dem Bild des prunkenden Generals, an seinem Namen hatte ihn die Mutter sprechen gelehrt, der umständliche Name Georg Eberhard von Heydersdorff war mit das erste gewesen, was das frühreife Kind fehlerlos hatte aussprechen können; die Mutter hatte ihm ein Zuckerlein in den Mund gesteckt, als er das erstemal damit zu Rande kam. Ah, von ihm also hatte er das kastanienbraune Haar, von ihm die herrenhaft schlanke Haltung, und die rote, stolze Uniform war es, was ihm vorschwebte, was ihn immer weiterlockte auf dem Weg, den er so märchenhaft hinaufgelangt war.

Georg Eberhard Heydersdorff: ein Schicksal, das in steilem Triumph hinaufführte und jäher hinab. Feldmarschall-Leutenant, hochverdient in den Türkenkriegen, Komtur des Deutsch-Ritterordens zu Heilbronn, Kommandant zu Heidelberg im französischen Krieg. Neid und Eifersucht schleppten ihn nach dem Fall der Festung vors Kriegsgericht. Er habe sie feig und voreilig übergeben, er hätte sie halten sollen bis zur Ankunft Ludwigs von Baden. Todesurteil. Der Kaiser begnadigt ihn. Doch wie! Der Knabe hatte Bilder gesehen, wie die Begnadigung vollzogen ward. Deutlich noch jetzt sieht er jede Einzelheit der fliegenden Blätter. Das rechte Neckarufer entlang hat der scheelsüchtige Markgraf die Truppen aufgestellt. Wie steif er sich hält auf seinem dürren Gaul. Das war also sein Vater, der da die Front des ganzen kaiserlichen Heeres entlanggeführt wird. Eine endlose Front; die Soldaten schlängeln sich das ganze Blatt hindurch in immer neuen Zeilen. Und sein Vater hockt auf dem Schinderkarren, schimpflich ausgestoßen aus dem Deutsch-Ritterorden, entsetzt all seiner Ehren, und der Heilbronner Scharfrichter und seine Knechte führen ihn.

Noch andere Stiche und Schnitte und fliegende Blätter hat er gesehen. Doch die sind ihm minder klar in der Erinnerung. Auf einem sieht er noch ganz deutlich, wie jemand einen Säbel zerbricht. Das ist offenbar, wie dem Feldmarschall vor dem Regiment, das seinen Namen führt, sein Todesurteil vorgelesen wird und die Verwandlung in Verbannung. Als treuloser Schelm wird er verbannt aus Oesterreich und Schwaben. Der Henker reißt ihm den Degen von der Seite, schlägt ihn dem Delinquenten dreimal ums Maul, zerbricht ihn. Laut wehklagend wird der Verbannte über den Neckar geführt, in einem Nachen.

Das weitere blieb Gerücht. Er soll zu den Kapuzinern geflohen sein nach Neckarsulm, als Kapuziner gestorben in Hildesheim. Die Mutter weiß wohl Näheres. Jedenfalls hat heute der Name nicht mehr schlechten Klang. Scheelsucht und Ungerechtigkeit soll das Urteil gefällt haben. Als Held gilt dem Volke Heydersdorff der Soldat, als Märtyrer Heydersdorff der Mönch.

Solcher Mann also ist sein Vater. Ein wilder Name, ein wildes Schicksal. Der Kabbalist mochte für sein Fatum allerlei herausdeuten aus dem sehr rastlosen Stern des Vaters. Waren da nicht bis ins kleinste geheime Relationen? Der Vater Kapuziner: und er ist hineinverwoben in das katholische Projekt Karl Alexanders. Der Vater Soldat: was Wunder, daß geheime Magie den Herzog, den Soldaten, und ihn aneinanderbindet.

Weg mit dem Geträume! Zugepackt! Was nun? Was wird nun sein? Was wird er jetzt tun?

Er wird vor den Herzog hintreten mit den Papieren, Legalisierung verlangen, Anerkennung seiner christlichen Geburt. Vielleicht wird er selber nach Wien fahren. Er wird die Nobilitierung mühelos durchdrücken, er wird dann in aller Form Landhofmeister werden, auch Präsident des Konseils. Dies also wird sein. Ja, und dann?

Ist er dann anderes, als er jetzt ist? Er wird es leichter haben, seine Hände in das katholische Projekt zu mischen. Der Fürstbischof von Würzburg wird sich nicht mehr vor ihm verschließen, die höhnischen Mäuler unter den Offizieren werden stumm bleiben. Er wird zum faktischen Besitz der Macht auch ihren Namen haben und ihren Schein. Ja, und dann?

Ist er dann mehr als jetzt? Er ist weniger. Ein Schock solcher Diplomaten gibt es im Reich, wie er dann einer sein wird. Das Singuläre, Einmalige, Besondere wird weg sein, das jetzt um ihn ist. Jetzt ist er der jüdische Minister. Das ist etwas. Man lacht, man höhnt; aber unter diesem Lachen steckt Staunen vermummt und Bewunderung. Daß ein Aristokrat Minister wird, was da weiter? Aber ein Jud, der so einsam hochklettert, das ist doch wohl mehr als ein Schock Aristokraten. Soll er das hinwerfen? Wofür? Wozu? Schließlich hätte er sich doch früher schon taufen lassen können. Hätte vielleicht sogar mehr erreicht, als wenn er jetzt als geborener Christ sich offenbarte. Christ sein, das war Einer unter vielen sein. Aber Juden gab es auf sechshundert Christen nur Einen. Jude sein, das hieß verachtet, verfolgt, erniedrigt sein, aber auch einmalig sein, immer bewußt, aller Augen auf sich zu haben, immer gezwungen, gespannt, gerafft zu sein, alle Sinne lebendig und auf der Hut.

Warum zeigte ihm der Rabbi diese Dokumente jetzt, so unvermittelt, wo er längst in der zweiten Hälfte seines Lebens stand? Gönnte man ihm den Triumph nicht, den er in der Affäre des Jecheskel Seligmann gehabt? Wollte man ihn arglistig um ein bestes Erbteil betrügen? Ihm schlau und verächtlich seine wertvollste Zugehörigkeit ablauern?

Der große Geschäftsmann sah sich in einen Handel verstrickt, wo man mit Ziffern und Kalkulationen nicht weiterkam, wo auch seine kluge Kunst, Menschen zu erraten, versagte. Was zum Teufel wollte dieser Rabbi damit, daß er ihm jetzt die Papiere vorlegte? Welche Absicht hatte er dabei? Wenn er, Süß, jetzt als Christ auftrat, was hatte Rabbi Gabriel damit gewonnen? Er konnte sich nicht losreißen von seinem Geschäftsprinzip, daß bei jeder Handlung der Mensch etwas gewinnen, den Partner um etwas prellen wolle.

Die polnischen Juden, wenn sie sich taufen ließen, der lausigste Dreckjude selbst, erhielten sie den Adel. Warum taten sie es nicht? Warum verschmähten sie, diese schlauen Geschäftsleute, so leichten Gewinn? Ließen sich totschlagen lieber, eh daß sie ihn nahmen? Frömmigkeit? Glaube? Ueberzeugung? Sollte doch etwas an diesen Worten sein? Und war es denkbar, daß solch ein dreckiger polnischer Jude das hatte, was sich hinter so tiefem und tönendem Schall verbarg? War es denkbar, daß solch ein Niedriger in seinem primitiven Gefühl weiser war, für ein dunkles Drüben besser vorbereitet, als er in seiner vielverschlungenen Klugheit? Er fühlte sich wie ein Kind unsicher und ohne Rat und Hilfe.

Heute war er der erste unter den deutschen Juden. Man hob die Kinder hoch an seiner Straße, flehte, aufgeregt und mit vielen dringlichen Gebärden, alles Heil des Himmels auf ihn herab. Er dachte, wie er in der Synagoge gestanden war, mitten in dem ergriffenen Schweigen der sonst so Lauten und Beweglichen, überrieselt von den milden, zitternden Segnungen des Rabbiners, und ein laues, süßes, schlaffes Gefühl überkam ihn. Es kostete Entschluß, man mußte die Zähne zusammenbeißen, auf dies alles zu verzichten. Wenn er einen Erfolg erzwungen hatte, gewiß, es war schön, ihn den höhnenden Gegnern paradierend in das verzerrte Gesicht zu werfen, es war schön, damit vor Frauen, vor Magdalen Sibylle zu strahlen, aber der satteste Triumph war es doch, ihn vor Isaak Landauer, in der Judengasse, vor der Mutter ihn auszubreiten. Hier konnte man behaglich, ohne Furcht vor hämischem Wort und Blick, an seinem Erfolg kauen, seinen letzten Saft auskosten, und wußte, im Grund freuten die anderen sich mit. Hier war man zu Hause, hier konnte man Miene, Geste, Wort lockern, ausspannen. Hier war man in Frieden und wohlgebettet.

Seine Mutter. Sie hat sich also, wie sagt man? vergangen. Seltsam, daß sie dadurch nicht um ein Haar anders für ihn wird. Der, den er für seinen Vater gehalten, der sanftmütige, höfliche, geschwinde, liebenswürdige, betuliche Sänger und Komödiant, den sollte er jetzt wohl verachten. Merkwürdig, daß er kein anderes Gefühl für ihn aufbringen konnte als Zärtlichkeit. Wie muß dieser Mann seine Mutter geliebt haben, daß er sie den Bastard nie entgelten ließ. Er hatte kein häßliches Wort gehört von ihm zu ihr. Und wie war auch zu ihm selber dieser Mann zeitlebens zart und einfühlsam und väterlich gewesen. Ihn in Gedanken anders als Vater zu nennen gelang nicht.

Und die edlen Regungen in der Affäre des Jecheskel Seligmann, das Opfer, das war also alles Selbstbetrug, Schwindel? Das hat er sich selber vorgespielt? Er bäumte hoch. Die Gehobenheit, die er damals verspürt, als er sich die Tat abgerungen, dies selige Schwimmen und Sichlösen und Aufgehen und Verströmen: das soll alles Lüge und Eitelkeit gewesen sein? Und das mit Edom, die Rache an Edom, das war nur Schwatz, schöne Rednerei, den Rabbi hinters Ohr zu hauen? Aber es hatte ihn doch gehoben, aus seinen Grenzen, über sich selber hinausgehoben! Er hatte es doch geglaubt, er hatte doch gewußt, daß es wahr war! Und das Kind? Wenn man ihm die Papiere nicht gewiesen hätte, dann wäre er also mit der Lüge vor das Kind getreten, hätte selber an die Lüge geglaubt und durch den eigenen auch das Kind zum Glauben an die Lüge verführt. Nein, nein, das war nicht möglich. So war es, daß, was er damals gespürt hatte, Repräsentant Judas gegen Edom, Schutz und Rächer, daß dies ehrlich war und unverfälscht. Das war schon seines Lebens Sinn und Hebel. Er war eben seiner Mutter Sohn, nicht seines Vaters.

Aber daß er sich nur in Glanz und Macht zu Hause fühlte? Das war zu Recht, das war von Erb und Bluts wegen, daß die Dinge sich ihm schmiegten! Daß Gold, Glanz, Macht ihm zufiel wie von selbst, ihm stand wie ein Kleid, sorglich für ihn gefertigt, das war seines Vaters rechtens überkommenes Erbteil. Darum zog es den Herzog zu ihm, daß er sein Herz vertrauend in seine Hand legte. Er war seines Vaters Sohn. Es war Recht und Pflicht, herauszutreten aus den Reihen der Niedrigen und Verachteten, groß zu stehen im Licht, die Hand zu legen auf seinen Namen, Erbe und Stellung.

Die Gedanken wirrten sich ihm. Was tun? Wohin sich bekennen? An goldenen Fäden zog die Macht; doch auch die Lockung, unter den Verachteten zu stehen, war so zäh wie mild. Reizvoll war es, jede Rüstung abzutun; aber auch in dem goldenen Panzer zu prangen, war Versuchung und starke Lust.

Mitten im Traum sah er sich, der zuweilen ihn anfiel. Sah sich schreiten in jenem gespenstischen Tanz, an einer Hand hielt ihn der Herzog, der Rabbi an der andern. Schritt da vorne nicht sein Vater, der Feldmarschall, abgerissen die Epauletten, im Takt klirrend mit dem zerbrochenen Degen, winkend mit den Urkunden seiner Abkunft? Aber der Mönch dort hinten, der Kapuziner, der ist doch auch wieder sein Vater! Sonderbar, daß man nicht erkennen kann, ob das der zerbrochene Degen ist oder der Rosenkranz, was ihm da herunterhängt. Aber wer dort vorne lächerlich im Kaftan hüpfend sich ihm zuneigt, mit dem strähnigen Bart, das ist Isaak Landauer. Nein, nicht Isaak Landauer ist es, sondern Jecheskel Seligmann. Er kommt sich zu bedanken, und er verbeugt sich albern, und er knickst tief und küßt ihm den Rock, und es sieht komisch und beklemmend aus, wie er immer wieder mit dem von der Folter zerrissenen Gesicht lächelt und dann wieder knicksend mit dem Kaftan den Boden schleift.

Mit Gewalt aus seiner Benommenheit und Dämmer reißt sich Süß. Er will jetzt seine Mutter sehen. Er will sich jetzt nicht entschließen; mit Ziffern und Kalküls kommt er hier nicht weiter. Und er hat jetzt diese Gedanken satt, und er will jetzt Ruhe haben vor diesen albernen Träumen, und er will jetzt das Gesicht seiner Mutter sehen.

Doch wie er geht, an der Schwelle des Zimmers, tritt ihm Rabbi Gabriel entgegen. Das massige Gesicht scheint minder steinern als sonst, weniger scharf über der platten Nase zacken die drei Falten, selbst sein Mißmut scheint gelöster, bewegter, menschlicher.

„Willst du mich anzeigen?“ fragt er höhnisch. „Es kann deiner Karriere nur nützen, wenn du mich einem Kirchengericht übergibst, weil ich einen gebürtigen Christen so lang im falschen Glauben hielt.“

Und da Süß einen ungestümen Schritt vorwärts tut: „Oder willst du mit deiner Mutter rechten? Sie schelten, weil sie dir so lange schwieg? Ihr danken, daß sie dir einen so kavaliersmäßigen Vater gab?“

Eine wilde, unsinnige Wut steigt in Süß hoch. Wie kommt dieser Mann dazu, so ohne weiteres anzunehmen, daß er nun in ein bequemes Christentum schlüpfen wird? Wie steht er höhnisch da mit seinen trüben grauen Augen, die gipfelhoch auf einen niederschauen, wie ein Hofmeister, der den dummen Zögling über einer albern armseligen Ausrede ertappt. Will er ihm jetzt etwa seine jüdische Geburt abstreiten, sein Opfer, sein großes Spüren als Schaum und Lüge abtun, ihn um sein bestes Erbteil prellen?

Seine Empörung gegen den Rabbi, so dumpf sie war, war ehrlich. Zum erstenmal, spürte er, war er ohne Rabulistik gegen ihn im Recht, zum erstenmal verhöhnte ihn jener ohne Grund. Ganz fort war die lähmende Enge, die sonst von dem Kabbalisten ausging, und plötzlich war der Entschluß da, der so lang gestaltlos im Dunkel sich versteckt hatte, sprang klar und sicher ins Licht, war da, selbstverständlich, unumstößlich.

Die Stimme frei, sachlich, sagte er: „Ich fahre nach Hirsau. Zu Naemi.“

Näher an Süß riß es den Ueberraschten. Heller das Gesicht, halb ungläubig, mit fast gutmütigem Scherz: „Als Rächer an Edom?“

Doch Süß blieb ruhig. Ohne Gereiztheit, zuversichtlich und fest sagte er: „Sie will mich sehen. Ich stelle mich ihr.“

Rabbi Gabriel nahm seine Hand. Sah sein Gesicht. Sah Unreines, Unwahres, Schutt. Sah darunter anderes. Sah unter Haut, Fleisch, Knochen zum erstenmal Licht.

„Sei es!“ sagte er, schon klang seine Stimme wieder mißlaunig wie sonst. „Komm mit zu dem Kind!“

Viertes Buch Der Herzog

Am Tiberiassee erging sich mit seinem Lieblingsschüler Chajjim Vital Calabrese der Meister der Kabbala, Rabbi Isaak Luria. Aus der Mirjamquelle tranken die Männer, fuhren hinaus auf den See. Der Meister sprach von seiner Lehre. Es schwebten die Geister über den Wassern, der Nachen stand still. Es war ein Wunder, daß er nicht sank; denn schwer vom Leben von Millionen war der Rabbi und sein Wort.

Zurück zum Quell der Mirjam kehrten die Männer. Und wieder tranken sie. Da änderte die Quelle plötzlich ihren Lauf. Einen Bogen in die Luft bildete sie, zwei senkrechte Strahlen, einen Querstrahl darüber. Hinein in den Bogen trat der Rabbi als dritter senkrechter Strahl. So ward aus ihm und dem Quell der Buchstab Schin, der Anfang des erhabensten Gottesnamens Schaddai. Und der Buchstab wuchs und wuchs und spannte sich über den See und spannte sich über die Welt. Als der Schüler Chajjim Vital zurückfand aus seiner Verwirrung, floß die Quelle wie früher, doch der Rabbi Isaak Luria war nicht mehr da.

Es war aber dieses Mittelglied des allerheiligsten Buchstabens das einzige, was er niedergeschrieben von seiner Lehre. Denn die Worte seiner Lehre fielen von seinen Lippen und waren wie Schnee. Er ist da, er ist weiß und leuchtet und kühlt; doch halten kann man ihn nicht. So fiel von seinem Mund die Lehre und man konnte sie nicht halten. Der Rabbi schrieb sie nicht nieder und duldete auch nicht, daß ein anderer sie schrieb. Weil das Geschriebene verwandelt ist und der Tod des Gesprochenen. So ist auch die Schrift nicht das Wort Gottes, sondern Maske und Verzerrung und ist, was Holz ist vor dem lebendigen Baum. Erst im Mund des Wissenden steht sie auf und lebt.

Allein nachdem der Rabbi verschwunden war, konnte sich der Schüler nicht enthalten, die Lehre aufs Papier zu zeichnen mit den geschwätzigen, lügnerischen Zeichen der Schrift. Und er schrieb das Buch vom Lebensbaum und er schrieb das Buch von den Verwandlungen der Seele.

Ach, wie weise war der Meister gewesen, daß er seine Erkenntnis nicht besudelt durch die Schrift, daß er die Lehre nicht verzerrt durch den üblen Zauber der Buchstaben. In seine Gesichte war Elia der Prophet getreten, Simon ben Jochai in seine Nächte. Die Sprache der Vögel war ihm erschlossen, der Bäume, der Flamme, des Steins. Die Seelen derer in den Gräbern konnte er sehen und die Seelen der Lebenden, wenn sie sich an den Sabbat-Abenden zum Paradies schwangen; auch konnte er von den Stirnen der Menschen ihre Seelen ablesen, sie an sich ziehen, mit ihnen sprechen, sie dann wieder zu ihren Eignern entlassen. Die Kabbala hatte sich ihm geweitet, durchsichtig war ihm der Leib der Dinge, er sah in Einem Körper, Geist und Seele; Luft, Wasser, Erde war voll von Stimmen und Gesichten, er sah das Weben Gottes in der Welt, die Engel kamen und hielten Zwiesprach mit ihm. Er wußte, daß überall Geheimnis war, aber ihm schlug das Geheimnis das Aug auf, schmiegte sich ihm wie ein folgsamer Hund. Wunder blühten an seinem Weg. Der Baum der Kabbala ging durch ihn durch, seine Wurzeln waren tief im Innern der Erde, seine Wipfel im Himmel fächelten das Gesicht Gottes.

Ach, aber wie wandelte sich in den Büchern des Schülers diese Weisheit. In wilder Unzucht keimte aus ihnen Narrheit und Erkenntnis. Falsche Propheten und Messiasse wuchsen aus den Buchstaben, Zauberei und Wirrwarr, Entrückung und Wunder und Hurerei und Machttaumel und Gottesversunkenheit entgoß sich aus ihnen in die Welt. Das fahle Antlitz des Simon ben Jochai schaute aus diesen Buchstaben, und im Gestrüpp seines silbernen Bartes lagen gesichert und entrückt Myriaden von Frommen und Heiligen, und es prunkten aus den Zeichen dieser Bücher nackt und frech die Brüste der Lilith, und an ihren Zitzen hingen taumelnd und lallend und mit schwindenden Sinnen die Kinder der Lust und der Macht.

Und dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria Aschkinasi:

„Es kann geschehen, daß in Einem Menschenleib nicht nur Eine Seele eine neue Wanderung erleidet, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich mit diesem Leib zu neuer Erdenwanderung einen. Mag sein, die eine ist Balsam, die andere Gift; mag sein, die eine war eines Tieres, die andere eines Priesters und Beflissenen. Nun sind sie in Eines gebannt, Einem Leib zugehörig wie rechte und linke Hand. Sie durchdringen sich, sie verbeißen sich ineinander, sie schwängern sich, sie fließen ineinander wie Wasser. Wie immer aber, sich zermalmend, sich aufbauend, stets ist solche Vereinigung Hilfe von einer Seele zur andern um der Sühnung der Schuld willen, um die sie die neue Wanderung erleidet.“