DE Prosa

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Eine gewitterschwüle Juninacht. In der Kabine unten hatte ich es nicht ausgehalten. Die eingeschlossene Luft legte sich zentnerschwer auf Kopf und Brust, und das melancholisch eintönige Anschlagen der Wellen an die Fenster preßte mir das Herz zusammen, als ob das Unglück selbs...

Chapters

39. Chapter 39

Sobald ich sprach, erschrak ich vor der Stimme, die nicht mehr die meine war. Im letzten Wahlkampf hatte sie ihren Klang verloren, war heiser und rauh geworden. Und ich hatte si...

18. Chapter 18

Sein Anwalt schrieb in seinem Auftrag nach Wien. Die Antwort war keine rückhaltlos zustimmende: jede Verbindung, so wünschte die Mutter, sollte zwischen den Söhnen und dem Vater...

30. Chapter 30

Drei Tage später war der Vertrag abgeschlossen, die Zeitschrift gesichert. Lindner schien umgewandelt; die Aufgabe, die er vor sich sah, wirkte auf ihn wie Morphium auf Hysteris...

17. Chapter 17

Mit jener rücksichtslosen Leidenschaft, die stets das Produkt der Angst um die Gefährdung der Grundlagen des Lebens und Wirkens ist, bekämpfte die Masse der Arbeiterschaft, an i...

13. Chapter 13

Ich trat vor. Kirchenstille umfing mich. Ich sprach gegen jene landläufigen Vorwürfe, durch die die Gegner der Sozialdemokratie sie tödlich zu treffen glauben: Die Zerstörung de...

28. Chapter 28

Ich biß mir heftig auf die Unterlippe. »Jenny Kleve! Allerdings eine gute Quelle! Und eine geeignete Vertreterin meiner Interessen!« spottete ich. »Bist du es nicht gewesen, die...

34. Chapter 34

Ich stammelte in heller Angst tausend Liebesworte, ich schmiegte mich an ihn, als ob ihm aus meiner Lebenswärme Lebensmut zuströmen könnte. Aber er blieb ernst und fest und wußt...

5. Chapter 5

»Unsere Ärmsten schämen sich, -- das ist vielleicht der letzte Rest Menschlichkeit in ihnen,« meinte er; »seit Wochen mache ich fast nichts anderes als Besuche bei den Heimarbei...

15. Chapter 15

Aber die öffentlichen Ereignisse sorgten dafür, Gedanken und Interessen auf wichtigere Dinge zu lenken, und die Verstimmung zwischen mir und den Genossinnen in einmütige Kampflu...

22. Chapter 22

Die Luft im Saal war immer schwerer geworden. Oder war es nur die gesteigerte Reizbarkeit der Nerven, die sie so empfand? Irgendeine Entladung mußte kommen. Mit Naturnotwendigke...

6. Chapter 6

In einem halbdunkeln verräucherten Kaffee spät am Abend trafen wir uns wieder. Brandt erwartete mich mit Dr. Geier, seinem Schwager, dem Führer der österreichischen Sozialdemokr...

7. Chapter 7

Endlich konnt' ich gehen. Und mein bunter, lustiger Weihnachtsbaum funkelte und sprühte, ein Fanal der Freude, ein Sonnwendfeuer, ein Gruß an das steigende Licht. Der Jubel der...

9. Chapter 9

Im brixener Gasthof zum Elefanten machten wir Rast. Nur das riesige Bild des Rüsseltiers, dem er seinen Namen verdankt, erinnerte noch an die Zeit, wo Kaiser und Könige auf der...

29. Chapter 29

Streifen weißen Haares zogen sich durch ihre blonden Scheitel. Auf ihrem schmalen Gesicht wechselte fahle Blässe mit fliegender Röte. Die Pupillen in ihren Augen standen keinen...

25. Chapter 25

In einsamer Herrlichkeit stand sie vor uns, im Bewußtsein ihrer Macht und Schöne, zeitlos, beziehungslos. Ihr Blick schweifte hinweg über die Menge, gleichgültig, ob sie ihr Opf...

4. Chapter 4

Die Stimmung war keine rosige, in der ich Eltern und Schwester empfing, und auch sie schienen erregt und niedergeschlagen: Mama hatte die Lippen fest zusammengekniffen, so daß s...

33. Chapter 33

Während Berta mich bei dem Kranken vertrat, las ich die Berichte. Ich erschrak, als ich sah, daß Heinrich entgegen seiner Absicht, durch den Artikel eines sächsischen Parteiblat...

20. Chapter 20

»Du bist erstaunt?« lächelte sie. »Du wirst es noch selbst erfahren, wie die Pflicht für andere zu leben uns Frauen fast bis zur Selbstvernichtung treiben kann.« Ich fand keine...

41. Chapter 41

Ich hob abwehrend beide Hände. »Nein, nein, nein!« rief ich aus und stand auf, um mit raschen Schritten im Takt meines Herzschlages auf und ab zu gehen. »Vom Christentum bin ich...

31. Chapter 31

Die lärmende Straße draußen zerstörte den Traum. Mit schmerzhafter Klarheit empfand ich die gähnende Kluft zwischen all der ästhetischen Kultur, die um uns her zu blühen begann,...

8. Chapter 8

Für die Kriegserklärung, die ich heute abzugeben hatte, war es die rechte Vorbereitung: kein weiches Gefühl konnte mich überwältigen, eiserne Entschlossenheit beherrschte mich....

24. Chapter 24

»Du aber nimmst teil daran, -- du hilfst mir, und ich sollte dir nicht helfen dürfen?! -- Hängt es am Ende damit zusammen, daß du dem Archiv innerlich untreu geworden bist?« drä...

27. Chapter 27

»Wir erkennen an, daß in diesen beiden Fällen ein Irrtum vorlag,« schrieb Martha Bartels, »aber es stehen noch so viele andere fest, wo Sie sich als unzuverlässig erwiesen haben...

14. Chapter 14

Ein Ereignis trat ein, das vollends zwischen rechts und links wie Scheidewasser wirken sollte: der Hafenarbeiterstreik in Hamburg. Hatte wenige Jahre vorher die Cholera die Auge...

38. Chapter 38

In Warwick, einem Städtchen am Avon, das von den dicken Türmen einer uralten Burg überragt wird, fand eines jener historischen Festspiele statt, an denen sich alljährlich in den...

19. Chapter 19

Wir redeten miteinander. Seine Augen bohrten sich forschend in meine Züge. »Du kannst ruhig, -- ganz ruhig sein, lieber Papa. Ich bin vollkommen glücklich --,« versicherte ich....

36. Chapter 36

Nun war es nicht mein Mann, nun war ich es, die zuerst wieder von unserer Zeitschrift sprach. Und was ich so lange entbehrt hatte, geschah: Heinrichs verdüsterte Züge erleuchtet...

11. Chapter 11

Lautes Stimmengewirr schlug uns entgegen, als wir an jenem Abend über die gastliche Schwelle traten. Es verstummte jählings, sobald die Türe vor uns aufging. Sie haben eben von...

26. Chapter 26

Eine lebhafte Debatte über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kolonien und der »offenen Tür« Chinas entspann sich zwischen meinem Mann und Romberg. Ich hörte kaum zu; der Ge...

2. Chapter 2

Gleich nach der Schlußsitzung des Kongresses wechselte ich mein Domizil. Freunde von Stratford -- ein liberaler Parlamentarier und seine schöne elegante Frau -- hatten mich in i...

37. Chapter 37

Und dann brach ich zusammen. Ehe das Kind in meinem Schoß Leben gewesen war, starb es. Während der langen dunkeln Stunden, die ich nun regungslos auf dem Rücken lag, richtete da...

16. Chapter 16

Als Romberg uns verlassen hatte, zog mein Liebster mich in seine Arme und flüsterte mir ins Ohr: »Hätte ich nicht meinem dummen Katzel widersprechen müssen, das die femme amante...

10. Chapter 10

Ich war schon wieder abgereist, als mir in Innsbruck berliner Zeitungen in die Hände fielen. Sie brachten mit mehr oder weniger hämischen Randbemerkungen die Mitteilung von Hein...

23. Chapter 23

An der Ampezzostraße, südlich von Cortina, liegt ein kleines Dorf, Pezzié genannt. Zwischen seinen braunen, ärmlichen Hütten ragte ein einzelnes Bauernhaus mit weißgetünchten Ma...

21. Chapter 21

Meine Mutter erfuhr durch die Zeitungen von den Vorgängen in Berlin. »Immer wieder zerstörst Du durch die Maßlosigkeit Deiner Forderungen ihren nützlichen Kern und machst Dir un...

3. Chapter 3

Es fing an zu dämmern. Die Straßen schrumpften zusammen, während die Menschenmassen unheimlich anschwollen. In ihrer Kleidung schienen die Farben mehr und mehr zu erlöschen, und...

35. Chapter 35

Damals hatten sie sich vor mir gefürchtet, als ich in ihrem Kreise der Sozialdemokratie Erwähnung tat, heute stimmten die meisten von ihnen in ihren wesentlichen Gegenwartsforde...

40. Chapter 40

Wie groß und wie braun, und wie stark und wie froh er war! Sonderbar, daß irgend etwas dabei mich schmerzte. Er küßte und herzte mich immer wieder, -- aber nicht mit dem Bedürfn...

1. Chapter 1

Eine gewitterschwüle Juninacht. In der Kabine unten hatte ich es nicht ausgehalten. Die eingeschlossene Luft legte sich zentnerschwer auf Kopf und Brust, und das melancholisch e...

12. Chapter 12

»Noch nicht das Abc der Demokratie scheinen Sie gelernt zu haben!« rief sie aus. »Auers Worte kann ich Ihnen entgegenhalten, mit denen er in Frankfurt vor zwei Jahren seinen auf...

32. Chapter 32

Einen Augenblick war es noch still. Einem alten Mann, den ich nicht kannte, und der bis zu mir vorgedrängt worden war, drückte ich krampfhaft die Hand. Dann brach es los wie Gew...

42. Chapter 42

»So wollen wir streng parlamentarisch verfahren,« sagte mein Nachbar sichtlich belustigt; »wir sind die letzten Gäste, beherrschen also im Moment die Situation. Silentium, meine...