Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre
Chapter 22
Die Luft im Saal war immer schwerer geworden. Oder war es nur die gesteigerte Reizbarkeit der Nerven, die sie so empfand? Irgendeine Entladung mußte kommen. Mit Naturnotwendigkeit schien jeder Redner die Gegensätze ins Absurde steigern, den Gegner bis zur Lächerlichkeit herabsetzen zu müssen. Die Zuhörer wurden unruhiger. Man ging ab und zu, man unterhielt sich.
Da betrat Auer die Tribüne. Mit dem leisen Spott der Überlegenheit um die Lippen sah er über die Menge hinweg. Dann kam die Abrechnung. Unwillkürlich senkten sich alle Köpfe vor diesem gewaltigen Ausbruch eines feuerbergenden Kraters. Eine öffentliche Anklage war es, und am Pranger standen alle, die den befreienden Streik der Gedanken in ein lähmendes Gezänk um Personen verwandelt hatten. Und eine Verteidigung war es, -- eine Verteidigung des Mannes, den dieselbe Partei, um deretwillen er aus dem Vaterland verbannt worden war, des Verrats bezichtigte; -- aber auch eine Verteidigung seiner selbst, des in der jahrzehntelangen Parteiarbeit aufgeriebenen Kämpfers. Seine breiten Hände, -- bestimmt, einen Hammer zu führen oder ein Schwert, -- umklammerten, zuweilen krampfhaft zuckend, den Rand des Rednerpults. Sie waren am Schreibtisch, in der eingeschlossenen Bureauluft weiß geworden. Das stolze Germanenhaupt, dem ein Ritterhelm gebührte, sank leise nach vorn. Die Sorgen der Partei lasteten schwer auf ihm. Das Antlitz, das auf den Bergen seiner Heimat, der Sonne am nächsten, braun und rot sich hätte färben müssen, war grau und fahl. Durchwachte Nächte sprachen aus seinen Augen.
Gereizte Zurufe unterbrachen ihn, -- zu wuchtig fielen seine Schläge. Und seine Stimme, durch hunderte von Reden, hunderte von Agitationsreisen abgenutzt, drohte zu versagen. Noch eine die Luft durchschneidende Bewegung mit der Hand, als wolle er ausstreichen, was sich doch unauslöschlich seiner Erinnerung eingeprägt hatte, noch ein Witz, den er in die Masse warf, wie der Tierbändiger einen Knochen zwischen die Tiger, und der Strom seiner Rede erreichte in ruhigem Fluß sein Ziel.
Die Resolution Bebel wurde angenommen, nur ein kleines Häuflein Unentwegter, die noch immer ihr »Kreuzige!« schrieen, stimmte dagegen.
»... Auch auf diesem Parteitag hat es sich gezeigt, daß die Partei über ihre Grundsätze und ihre Taktik einheitlich denkt und auch fernerhin in voller Einmütigkeit handeln wird ...,« sagte Singer zum Schluß. Die Arbeitermarseillaise brauste durch den Ballhof. Hörte niemand die Dissonanz? Es waren nicht die Geister der Vergangenheit, die Prinzessinnen, die Kurfürsten und die Könige, die sie hervorriefen. Es war der Geist der Zukunft.
* * * * *
Müde und erschöpft reisten wir heimwärts. Es dämmerte, als wir vom Bahnhof zum Grunewald fuhren. Wie herrlich die Stille war in den breiten Alleen! Wie erfrischend der Duft der Kiefern den heißen Kopf umstrich! Statt der vielen Menschenstimmen nur ein abendlich-süßes Vogelgezwitscher! Wer doch im Walde bleiben könnte! --
Mit jenem feinen Taktgefühl, das auf dem Baume alter Kultur eine der köstlichsten Früchte ist, hatte meine Mutter, kurz ehe wir ankamen, das Haus verlassen. So konnten wir uns ungeteilt am Wiedersehen mit unserem Jungen freuen. Mir schien, als wären wir Wochen statt Tage weg gewesen: war er nicht viel größer und viel klüger geworden? Und wie entzückend ringelten sich die blonden Löckchen um den breiten Schädel! In übersprudelndem Eifer mußte er alles erzählen, alles zeigen. Seinen Bauernhof packte er vor mir aus, nahm die Bäume und rief: »Nu laufen sie zu dem lieben, duten Mamachen!« »Aber Bäume laufen doch nicht!« meinte ich. Darauf nickte er altklug mit dem Köpfchen und sagte: »Doch, Mama; in der Elektrischen, da laufen die Bäume.« Und als er zur Feier des Tages mit uns zu Abend gegessen hatte, rutschte er geschickt von seinem hohen Stühlchen, stellte sich breitbeinig vor uns hin und rief: »Ich bin satt!« Das erste »Ich«! -- Lachend schloß ich ihn in die Arme: Nun war mein Kind ein Mensch geworden. Alle Probleme der Welt verschwanden mir wieder angesichts dieses Wunders.
Am nächsten Morgen saß ich am Schreibtisch und rechnete. Die Angst trieb mir Schweißtropfen auf die Stirn: schon das nächste Vierteljahr würden wir die Zinsen nicht zahlen können. Wie hatte ich als Mädchen gezittert, wenn die Rechnungen kamen, die der Mutter Tränen erpreßten! Es war das reine Kinderspiel gewesen im Vergleich mit meiner Situation. »Mach dir doch keine Sorgen, ehe das Unglück da ist,« sagte mein Mann ärgerlich, als er sah, wie verstört ich war.
Ich wurde krank. Die alten unausbleiblichen Schmerzen, die jede Erregung zur Folge hatte, stellten sich mit erschreckender Heftigkeit wieder ein. Und abends, wenn ich todmüde in die Kissen sank, klopfte mir das Herz bis zum Halse herauf. Ich war genötigt, ein paar Versammlungen abzusagen. Ich war froh darüber: in einem Zustand geistiger und körperlicher Erschlaffung verbrachte ich meine Tage.
»Wir haben einen Käufer!« mit der Botschaft überraschte mich mein Mann eines Morgens. Ich zweifelte noch. Aber bald darauf kam er selbst, und in wenigen Tagen war der Kauf abgeschlossen.
»Siehst du nun ein, wie töricht es war, sich zu fürchten?« sagte Heinrich. Beschämt senkte ich den Kopf. »Ich will in Zukunft mutiger sein,« versicherte ich.
Schon im Januar sollten wir das Haus verlassen. Dann wollen wir von vorne anfangen, dachte ich, und begann eifrig nach einer bescheidenen Wohnung zu suchen.
Bin ich erst in Ruhe, so werde ich auch gesund werden, sagte ich zu mir selbst, wenn die Schmerzen nicht weichen wollten und das Herz mich nicht schlafen ließ.
* * * * *
Eines Abends nahm ich wieder an einer Sitzung der Genossinnen teil. Wie die Befreiung von den persönlichen Sorgen mich aus der Erstarrung aufgerüttelt hatte, so elektrisierten mich jetzt die politischen Vorgänge wieder. Das Zuchthausgesetz war endgültig begraben worden, aber trotz aller gegenteiligen Versicherungen drohte eine neue gewaltige Flottenvermehrung.
»Unter den Waffen schweigen die Musen,« erklärte ich, als wir die Aufgaben besprachen, die der kommende Winter uns stellte, und einige der Frauen den Arbeiterinnen-Bildungsverein und seine Veranstaltungen in den Vordergrund schieben wollten. »Wir müssen unsere Kräfte konzentrieren: auf die beschlossene Agitation für den Arbeiterinnen-Schutz und auf den Kampf gegen die neue Volksausbeutung.«
»Wenn wir so sicher wie stets auf Genossin Brandts wertvolle Unterstützung rechnen können, wird der Sieg uns nicht fehlen,« spottete Martha Bartels und berichtete dann, wie ich durch die kürzlich »angeblich« wegen Krankheit erfolgten Absagen die Sache geschädigt hätte.
»Unsichere Kantonisten können wir nicht brauchen,« sagte Frau Resch, die seit ihrer Delegation nach Hannover sehr selbstbewußt geworden war.
Während ich antwortete, drückte ich die Hand krampfhaft in die Seite, wo die Schmerzen wühlten, und suchte, tiefatmend, die wilden Schläge meines Herzens zu beruhigen. Aber trotz meiner Verteidigung, setzte der Zank sich fort. Und plötzlich war mir, als drehe sich das Zimmer um mich --, ohnmächtig brach ich zusammen. Als ich zu mir kam, übersah ich mit einem einzigen Blick die Situation: Ida Wiemer hielt mich umschlungen, auf ihren Zügen lag ein Schimmer aufrichtiger Teilnahme; aber steif und unbeweglich saßen alle anderen um den Tisch, die Augen auf mich gerichtet, voll Hohn und Spott, voll Kälte und Mißtrauen. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ich preßte die Zähne zusammen und erhob mich. In dem Augenblick kam mein Mann. Der Kellner hatte mich fallen sehen und ihn, der im Restaurant auf mich wartete, benachrichtigt. Auf seinen Arm gestützt, verließ ich das Zimmer. Niemand erhob sich. Niemand sagte mir Lebewohl.
Wir fuhren noch in der Nacht zum Arzt. Er machte ein bedenkliches Gesicht. »Ein paar Monate im Süden, und Sie können genesen,« sagte er. Ich empfand seinen Bescheid wie eine Erlösung. Fort, -- weit fort, wo ich Ruhe finden, wo ich wieder zu mir selber kommen würde!
Wir entschieden uns für Meran. Der Überschuß, der uns vom Kaufpreis des Hauses bleiben würde, ermöglichte die Reise. Mein Kind nahm ich mit. Und eine große Kiste mit Büchern und Manuskripten. »Nun werde ich ungestört meine 'Frauenfrage' vollenden können,« sagte ich hoffnungsvoll.
»Wenn der Arzt dir das Arbeiten erlaubt,« meinte mein Mann und sah dabei traurig drein. »Ich werde ihn nicht erst fragen,« lachte ich; »Arbeit ist für mich die beste Medizin.«
* * * * *
Silvester 1899 kamen Erdmanns mit der Mutter zu uns. Als es Mitternacht schlug, rissen wir alle die Fenster auf und riefen ein schallendes »Prost Jahrhundert!« in die sternhelle Nacht hinaus. Da war keiner, dem das Vergangene nicht wie ein Alp von der Seele gefallen wäre. Und unsere Hoffnungen waren riesenstark. Nur die Mutter sah sorgenvoll von einem zum anderen: zu Erdmann, dessen eingesunkene Brust nach jedem lauten Wort trockener Husten erschütterte, zu Ilse, deren Blicke halb ängstlich, halb verschüchtert an ihrem Gatten hingen, zu uns, von deren Kämpfen sie manches ahnen mochte.
Schatten gingen um. Ich mußte sie bannen. Aus dem Bettchen droben, wo es mit heißen Wangen schlief, nahm ich mein Kind und trug es hinunter. Im Licht der Lampen schlug es die strahlenden Augen auf. Ich hatte es jubelnd emporheben wollen, nun aber drückte ich es zärtlich ans Herz und flüsterte leise, ganz leise, damit die anderen nichts hörten: »Dein ist das Jahrhundert.«
Wenige Tage später schloß sich die Pforte des grauen Hauses hinter uns. Die Wipfel der Kiefern bewegten sich leise über dem Dach. Schwarz standen ihre Stämme vor den blumenlosen Fenstern. In jubelnder Vorfreude auf die Reise warf mein Junge keinen einzigen Blick zurück. So wollte auch ich nur vorwärts sehen.
Zehntes Kapitel
Ein eisiger Wind pfiff aus dem Passeier Tal über Meran; die Schneeflocken fielen so dicht, daß es aussah wie lauter weiße Schleier, die der Winter, mißgünstig, einen nach dem anderen der Natur vor das schöne Antlitz zog. Und ich war mit der ganzen Sonnensehnsucht des Deutschen, der jenseits des Brenners zu jeder Jahreszeit blauen Himmel und blühende Bäume erwartet, gen Süden gefahren!
»Du hast mir das Sommerland versprochen, -- ich will ins Sommerland --,« weinte mein Bübchen, als es am ersten Morgen aus dem Fenster unseres kleinen Zimmers in die weiße Welt hinaussah. Während ich ihn durch lauter Hoffnungen zu beruhigen suchte, fröstelte auch mich.
Das Sanatorium »Iduna«, das westlich von Meran einsam zwischen Wiesen und Obstbäumen lag, war uns empfohlen worden. »Es nimmt nur eine beschränkte Anzahl von Patienten auf, bewahrt daher den Charakter eines behaglichen Privathauses,« hieß es im Prospekt. In Wirklichkeit war's ein altes Landhaus, das, wie so viele seinesgleichen im Süden, mit dünnen Wänden und zugigen Fenstern den Winter zu ignorieren schien. Ein paar eiserne Ofen strahlten stundenweise rotglühende Hitze aus, um dann wieder kalt, schwarz und feindselig dazustehen, als freuten sie sich des grausamen Spiels mit den armen Bewohnern.
Ich hatte nicht schlafen können: der Wind rüttelte an den Fenstern, mein Sohn warf sich unruhig in dem ungewohnten großen Bett hin und her, und ein hohler Husten, nur von stöhnenden Seufzern unterbrochen, klang aus dem Zimmer unter uns unaufhörlich zu mir empor. Müde und abgespannt ging ich zum Frühstück in den Eßsaal, -- einer verglasten Veranda, durch deren breite Fenster der Winter von allen Seiten hereinsah. In der Mitte stand der lange schmale weißgedeckte Tisch, darauf in nüchterner Regelmäßigkeit Reihen weißer Teller und Tassen. Eine Frau saß daran in schwarzem Kleid mit vergrämten Zügen, neben ihr im Rollstuhl ihr blasser Mann, finstere, gerade Falten auf der Stirne, -- einer jener Kranken, die hoffnungsloses Leiden böse gemacht hat, -- ihm gegenüber am äußersten Ende der Tafel ein schmalbrüstiger Jüngling, dessen Antlitz nur noch mit der Haut bespannt schien, -- einer fahlen, graugelben --. Ich zögerte an der Schwelle, mir grauste vor dem Bilde, in dem alle Farben des Lebens erloschen waren.
Da sprang mein Kind an mir vorbei, im feuerroten Kleidchen, mit frischen Wangen und glänzenden Augen. Und der ganze Raum war erhellt. Ein freundliches Lächeln spielte um die blutleeren Lippen des Jünglings; die Falten auf der Stirn des Gelähmten glätteten sich, nur die Frau im schwarzen Kleid wandte wie verletzt den Kopf zur Seite.
Ich wäre am liebsten wieder fortgezogen. Aber ich war viel zu müde, viel zu apathisch dazu. Der Arzt, ein gütiger alter Mann mit weichen Frauenhänden, versprach mir ein anderes Zimmer mit einem Balkon nach Süden. »Das unter Ihnen,« sagte er, »der Herr reist ab --,« dabei verschleierten sich seine hellen Augen. Dann gab er mir Verhaltungsmaßregeln. »Meine wichtigste Verordnung ist: ein Kindermädchen. Sie müssen Ruhe haben, -- Tag und Nacht, der Bub dagegen soll sich tüchtig Bewegung machen,« begann er.
Ruhe, -- schon das Wort war wie einlullendes Streicheln. Am nächsten Tage brachte er mir ein hübsches, brünettes Landmädchen, das mir gefiel; sie zog mit dem Kleinen, der sich an die lustige Gefährtin rasch gewöhnte, in das Zimmer nebenan. Nun erst fühlte ich, wie krank ich war: den ganzen Tag lag ich still, und bewegungslos wie mein Körper waren Gedanke und Gefühl. Auch meine Umgebung störte mich nicht mehr; -- wenn ich nur mein Bett hatte und meinen Liegestuhl.
»Nun wird er bald abreisen,« sagte der Arzt eines Tages und drückte mit der Spitze des Zeigefingers in den Augenwinkel, als sei ihm ein Staubkörnchen hineingeflogen.
»Dann soll ich hinunter?« fragte ich und dachte entsetzt an die Mühe des Umräumens. »Ja,« meinte er, »denn nun es täglich wärmer wird, müssen Sie in der Sonne liegen.« »In der Sonne?!« Ich lächelte ungläubig. Seit einer Woche hatte der Schnee sich in Regen verwandelt.
Die Nacht darauf kam ich nicht zur Ruhe. Ich warf mich im Bett hin und her, und plötzlich wußte ich, was mir fehlte: der regelmäßige Husten unter mir war verstummt; die Stille lastete auf mir, die unheimliche Stille. Bald danach war mir, als gingen Gespenster um: das huschte im Haus auf leichten Sohlen, das wisperte und flüsterte, -- knarrend öffnete sich unten eine Tür. Ich erhob mich und trat ans Fenster: ein Leiterwagen stand im Garten; Männer waren darin, die sich durch Gebärden mit denen im Hause zu verständigen schienen; und auf einmal schwebte etwas in der Luft dicht unter mir, etwas Schwarzes, Großes, -- der Regen klatschte darauf, -- eintönig. Schon wollt' ich schreien, -- da geriet das Schwarze in den Lichtkreis der nächsten Laterne: es war ein Sarg.
Ich schwankte ins Bett zurück und verkroch mich zitternd unter der Decke. So war er »abgereist«! --
Ich sah wieder die Glasveranda vor mir im Schneelicht, mit den Menschen, deren Körper im Sterben lagen, oder deren Seelen schon gestorben waren. Und das Badhaus fiel mir ein mit den dunkeln Holzwannen, in denen das Wasser aussah, als wäre es Schlamm. Willenlos war ich hineingestiegen, hatte mir Gesundheit holen wollen, wo Krankheit in allen Ritzen und Fugen lauernd saß. Und mein Kind hatte ich die Pestluft atmen lassen!
Noch in der Nacht fing ich an zu packen. Früh fuhr ich nach Meran und drüber hinaus nach Obermais, so hoch und so weit als möglich. Dort fand ich neben alten efeuumsponnenen Schlössern ein freundliches Haus zwischen Nußbäumen und Weinreben.
Am selben Abend zogen wir ein.
Es war, als ob der Winter uns nicht hätte folgen können. Die Berge entschleierten sich. Der Schnee, der eben erst wie ein Leichentuch die Erde verhüllt hatte, blitzte jetzt im Sonnenlicht wie eine Hochzeitskrone auf ihren Häuptern. Errötend entfalteten sich an den Mandelbäumchen die ersten Blüten. Ich lag auf der Veranda und ließ mich wie sie von der Sonne durchglühen und fühlte, daß auch mir die Lebensfarbe in die Wangen stieg. Täglich brachte mir mein Söhnchen frische Wiesenblumen.
»Ich werde dich führen, Mamachen, wenn du nicht mehr Auau hast,« schwatzte er, »zu den so vielen Vergißmeinnicht, und zu den Musikmännern auch, wo die Damen und Herren sind.« Ich lachte ihn an: wirklich, die Sehnsucht nach dem Leben regte sich wieder in mir. Liegen sollt' ich, immer liegen, sagte der Arzt, weil mein Herz noch nicht ruhig genug war. »Dann müßt' ich liegen bis ich neunzig Jahr alt bin,« antwortete ich ihm, »denn daß mein Herz so gegen alle Vorsicht klopft, ist nur ein Beweis, daß ich lebe.«
Einmal wachte ich auf nach erquickendem Schlaf, streckte und reckte mich und blinzelte in die Sonne. Mir war so wohl, -- so wohl! Warum nur?! Und in mir antwortete es ganz deutlich: weil du frei bist. Ich sah mich erschrocken um, als könnte irgend jemand dies tiefe Geheimnis, daß ich kaum mir selbst gestand, erkundet haben. Ich war frei -- wirklich frei; ich konnte tun, was ich wollte, ohne vorher all jene bohrenden Fragen erst beantworten zu müssen: stört es den Anderen? Verletzt es ihn? Beeinträchtigt es seine Ruhe, seine Wünsche, seine Liebe? Jetzt, zum Beispiel, konnte ich aus dem Bette steigen und lustig einen Walzer trällern, -- läge Heinrich neben mir, ich würde mich aus Rücksicht auf seinen Schlaf ganz, ganz still verhalten. Und dann konnt' ich gemächlich im Wasser planschen, mich ankleiden, mir die Haare ordnen, ohne jene quälende Scham des Häßlichen, des Unästethischen, -- die einzig berechtigte zwischen zwei Menschen, die einander lieb haben, und die einzig notwendige, wenn sie ihrer Liebe den Zauber des ersten Rausches erhalten wollen. Die Ehe der meisten ist ein Erwachen aus ihm, mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge. Sie wissen nicht, daß die Liebe eine zarte, kostbare Blume ist, die sorgsamer Pflege bedarf. Sie pflanzen sie in den Küchengarten und wundern sich dann, wenn sie eingeht.
Ich war frei -- wirklich frei. Und ich konnte hingehen, wohin ich wollte! Ganz erstaunlich kam mir das vor, -- gerade, als ob die Welt mir auf einmal ihre Tore aufschlösse. In den ersten Jahren meiner Ehe hatte Heinrich mich auf jedem Weg begleitet, -- aus zärtlichster Liebe, nicht etwa aus Mißtrauen oder aus Eifersucht. Und ich hatte keinen anderen Weg machen können, als der ihm recht war. Zuweilen war ich heimlich die Hintertreppe hinuntergestiegen, nicht, weil ich ein Geheimnis vor ihm gehabt hätte, sondern nur um einmal ohne innere Hemmung in den Straßen herumlaufen zu können. Allmählich hatte unsere verschiedenartige Tätigkeit dem steten Zusammensein ein Ende gemacht; aber selbstverständlich blieb, daß ich ihm erzählte, wo ich gewesen war, was ich getan hatte. Und da ich ihn nicht unzufrieden machen, nicht ärgern wollte, so stand ich doch stets in seinem Bann. Wenn ich einmal seiner Empfindung zuwider gehandelt hatte, so kam es vor, daß ich -- log.
Kaum, daß der Gedanke daran in mein Bewußtsein trat, als ich ihn auch schon, dunkel errötend, zurückweisen wollte. Aber je mehr ich mich mühte, desto klarer stand er vor mir. Ich mußte ihm Auge in Auge sehn: »Es kam vor, daß ich meinen Mann belog.« Nicht, weil ich ihn hintergehen, sondern weil ich ihn nicht ärgern, nicht erregen wollte. Aus Liebe also! Oder aus Furcht?! So lernen die Frauen lügen, weil sie des Mannes Besitztum sind, weil die Ehe ihre Persönlichkeit auslöscht wie ihren Namen. Wie vielen, die gerade gewachsen waren, hat sie das Rückgrat zerbrochen! Und sie verlieren nach ein paar Jahren der Ehe ihre Physiognomie, -- sind farblos, zermürbt.
Ein brennendes Verlangen nach Menschen überkam mich. Wie war ich doch mein Leben lang an den bunten Schwarm um mich gewöhnt gewesen! In den letzten Jahren hatte er sich mehr und mehr verflüchtigt. Den alten Freunden war ich gestorben, seit ich Sozialdemokratin geworden war; neue hatte ich unter den Genossen nicht gefunden, und von den Künstlern, von den Gelehrten, die unsere Räume einmal betraten, kamen nur wenige wieder. Romberg war im Grunde unser einziger Verkehr gewesen. Und der wohnte nicht in Berlin.
Woher kam das alles? War ich weniger anziehend als die Frauen, die »ein Haus ausmachten«? Waren sie geistreicher als ich? Ich schürzte spöttisch die Lippen. Stießen sich die Sittenstrengen noch immer an der Geschichte meiner Eheschließung? Sie machten sich doch sonst nichts daraus, mit Frauen zu verkehren, die »eine Vergangenheit« hatten, die Gegenwart geblieben war! Nein, in alledem lag die Ursache nicht. Bei meinem Manne, schien mir, war sie zu suchen. Er war ein Menschenschwärmer gewesen, leicht geneigt, zu bewundern und zu verehren und sich den anderen gegenüber gering zu achten. Um so schmerzhafter hatte jede, auch die leiseste Enttäuschung ihn getroffen, und je häufiger sie sich wiederholte, desto scheuer zog er sich zurück, desto mißtrauischer wurde er. Und für jenen leichten Verkehr, der wie mit Libellenflügeln nur die Oberfläche des Lebensstromes streift, war er zu schwerblütig. Er hatte nie getanzt; -- seltsam, daß mir das erst heute einfiel. Er hatte nie gelernt, eine Gesellschaftsmaske zu tragen. Darum fühlten sich immer nur die Menschen, die er aufrichtig gern hatte, wohl bei uns. Die anderen stieß er ab.
Draußen lachte der Frühlingstag. Zwischen blühenden Bäumen und Beeten von Hyazinthen spielte die Musik fröhliche Weisen, die Passer sprang dazu in entfesselter Wildheit über Stock und Stein. Ich ging mit meinem Buben an der Hand zwischen der Menschenmenge hin und her. Ich freute mich, als wäre ich zwanzig Jahr, über die bewundernden Blicke, die uns folgten. Täglich wollt' ich von nun an hinuntergehen, Sonnenschein trinken und Lebenslust. Ich traf Bekannte und geriet durch sie in einen Kreis fröhlicher Weltbummler. Wie gut das tat, einmal wieder unterzutauchen in Glanz und Freude! Einmal wieder lachen zu können aus Herzensgrund! Bewundernde Blicke zu fühlen! Man brachte mir täglich Blumen, -- jene großen glühenden Rosen von Meran, deren Duft nicht an Gärten erinnert, sondern an berauschende Essenzen des Morgenlandes. Ich ließ mir gefallen, daß man mir huldigte; ich spielte mit heißen Gedanken, wie ein Kind mit rotleuchtenden Giftblumen. Eines Abends, während bunte Lichterkränze sich an den alten Bäumen vor dem Kurhaus von Ast zu Ast schwangen und die Geigen der Zigeunerkapelle in die laue Nacht hinein seufzten und lockten, ließ ich mich in den Kursaal führen, um den Tanzenden zuzuschauen. Süße Walzermelodien umschmeichelten meine Sinne. Der Rausch des Tanzes ergriff mich. Willenlos überließ ich mich ihm. Erst als der letzte Ton verklagen war, kam ich zu mir und erschrak. Leichtsinn und Genuß, die Zaubergeister, drohten mich in ihre Gewalt zu bekommen. Das durfte nicht sein!
»Meran fängt an, schwül zu werden,« schrieb ich am nächsten Morgen an meinen Mann; »so sehr die weiche Luft meiner Gesundheit nützte, so sehr schädigt sie meine Arbeitskraft. Und ich wünsche jetzt nichts mehr, als mich Hals über Kopf in meine Arbeit zu stürzen. Darum möchte ich fort. Der Arzt verordnet mir Höhenluft; ich selbst fühle, daß ich etwas Starkes, Herbes atmen müßte. Wollen wir nicht miteinander irgend ein stilles Plätzchen suchen? Wir waren lange genug getrennt..«
Statt aller Antwort kam er selbst. »Ich habe gewartet, bis du mich rufen würdest --, es ist mir schwer genug geworden,« flüsterte er zärtlich, »nun aber wirst du mich nicht mehr los.« Dunkel errötend barg ich den Kopf an seiner Brust.
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