Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Chapter 27

Chapter 273,563 wordsPublic domain

»Wir erkennen an, daß in diesen beiden Fällen ein Irrtum vorlag,« schrieb Martha Bartels, »aber es stehen noch so viele andere fest, wo Sie sich als unzuverlässig erwiesen haben, daß die Genossinnen an ihrem einstimmigen Beschluß, Ihre Mitarbeit abzulehnen, festhalten.«

Ich ging zum Parteivorstand, um die Einsetzung eines Schiedsgerichts zu fordern. »Liebe Genossin,« sagte Auer, mir gutmütig die breite Hand auf die Schulter legend, »tun Sie das nicht! Lehren Sie mich unsere Weiber kennen! Jedes Schiedsgericht wird Ihnen recht geben, -- natürlich! Aber, glauben Sie, daß damit geholfen ist?! Schon am nächsten Tag werden die Klatschmäuler, denen Sie nun einmal ein Dorn im Auge sind, neue, noch schlimmere Sünden über Sie zu verbreiten wissen, und das modernisierte Gerichtsverfahren der heiligen Fehme wird alle demokratischen Schiedssprüche umstoßen. Überlassen Sie der Wanda die Weiber! Für Ihren Tätigkeitsdrang ist in der Partei noch Raum genug.«

Ich fügte mich seiner Ansicht. Ob aus Einsicht, aus Müdigkeit, aus Ekel? Ich weiß es nicht mehr. Auers Hand umspannte die meine schmerzhaft fest.

»Wollen Sie von mir alten Kerl noch einen Rat auf den Weg nehmen?« fragte er. »Wer auf hoher Warte steht, dem sollten die leid tun, die sich von unten im Schweiße ihres Angesichts abmühen, mit Steinen zu werfen. Er sollte immer über sie hinwegsehen. Dann hören sie von selber auf und besinnen sich, daß ein Weg da ist, auf dem auch sie aufwärtssteigen könnten ... Wer die Distanz nicht wahren kann, ist kein Politiker.«

»Die Distanz, -- das bedeutet Fernsein, Kühle,« antwortete ich mit einem leisen Seufzer, »-- ich liebe die Menschen; ich möchte von ihnen geliebt sein.«

»Sie lieben die Menschen, -- diese Menschen?! Sie scherzen!« Er reckte sich zu seiner ganzen Größe. »Wir würden sie erhalten, wenn wir sie lieben würden. Aber wir wollen sie überwinden -- mit dem gewaltigen Erziehungsmittel einer neuen Gesellschaftsordnung --, also hassen wir sie.«

Ich schüttelte den Kopf. War das eine hohe Warte? Würde ich sie je erreichen, -- erreichen wollen?!

Zwölftes Kapitel

Probleme werden nicht durch Resolutionen aus der Welt geschafft. Auch der beste Wille der Streitenden, -- und es gab Augenblicke, wo selbst Eduard Bernstein die Schwäche dieses »guten Willens« hatte und Hervorragende unter seinen Anhängern den »Revisionismus« als eine neue Richtung innerhalb der Partei abschworen, -- vermag das Streitobjekt nicht aus der Welt zu schaffen. Einmal ausgesprochene Gedanken lösen sich gleichsam von dem, der sie dachte, ab und haben ein selbständiges Leben.

Die Beschlüsse des Parteitags von Hannover hatten nichts zur Folge, als einen Waffenstillstand. Bernsteins Rede im sozialwissenschaftlichen Studentenverein eröffnete den Kampf von neuem. In Artikeln, Reden und Broschüren wurde er mit steigender Erbitterung geführt. Und die aufreizenden Zurufe der Zuschauer, die vom nächsten Tage die Spaltung der Sozialdemokratie erwarteten und erhofften, erhitzte die Kämpfenden noch mehr. Die wachsende Leidenschaft tötete jede Objektivität. Keiner gestand dem anderen die Ehrlichkeit der Gesinnung zu. Hinter jeder Äußerung eines Revisionisten entdeckte der orthodoxe Marxist Parteiverrat, in jeder Verteidigung des radikalen Standpunktes sah der Revisionist dogmatische Verbohrtheit und bewußtes Demagogentum. Er überhörte geflissentlich die Lehren der Psychologie und der Geschichte, aus denen er hätte folgern können, daß die Verteidigung der Tradition, der grundlegenden Dogmen des Sozialismus notwendig zu demselben Haß, derselben Verfolgung der Angreifer führen muß, wie einst die des Heidentums gegen die Christen, der römischen Kirche gegen die Reformation.

Aber ein noch merkwürdigeres Zeichen dafür, wie wenig bloße Erkenntnisse des Verstandes die ursprüngliche, nur auf die Einflüsse des Gefühls reagierende Natur des Menschen zu ändern vermögen, war die Haltung der Radikalen. Sie verleugneten in ihrem Zorn eine der Grundlagen ihrer eigenen Anschauung: die materialistische Geschichtsauffassung. Es war die befreiendste Lehre, die Marx hinterließ, zu der sich allmählich, bewußt oder unbewußt, auch Nichtsozialisten bekannten: daß, da »alles fließt«, auch die Theorien sich entwickeln müssen, entsprechend den Wandlungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. In diesem Sinne war der Revisionismus marxistisch und der Radikalismus reaktionär.

Die ernsten Kämpfe zwischen den beiden Richtungen spielten sich zwischen den geistigen Führern ab, von denen die einen die Masse der Arbeiterschaft hinter sich hatten, die anderen noch Offiziere waren ohne Armee. In dem harten Schädel der Proletarier saß jeder Buchstabe des sozialistischen Apostolikums noch fest; wurde der Kampf daher in die Volksversammlungen getragen, so äußerte er sich in wüstem Geschimpfe gegen die Neuerer, die dem Armen das Beste zu erschüttern drohten, was ihnen der Sozialismus gegeben hatte: ihren Glauben. Es kam aber noch ein anderes hinzu: der Respekt vor der Wissenschaft, zu dem der Sozialismus sie verpflichtete, ging Hand in Hand mit einem glühenden Verlangen nach Wissen. Bildungsschulen, wissenschaftliche Vorträge und Kurse kamen diesem Verlangen entgegen und pfropften auf den lebensschwachen Baum der Volksschule ein Reis, unter dessen Früchten Dilettantismus und Bildungsdünkel am besten gediehen. Wozu ernste Denker Jahrzehnte brauchen, das glaubte der Proletarier in ein paar Abendstunden erreichen zu können. Daß er es glaubte, war nicht seine Schuld: die Naivität seiner Jugend unterstützte die Partei, die ihm in Wort und Schrift nichts mehr einprägte als die Überzeugung von der Dummheit seiner Gegner. Als Gegner aber erschienen ihm auch die Revisionisten. Zu seinem gefühlsmäßigen Haß gegen die Unruhstifter trat die hochmütige Verachtung der Akademiker hinzu.

* * * * *

Einmal, -- ich war gerade von einer Agitationsreise zurückgekehrt, -- beklagte ich mich darüber, als Reinhard gerade bei uns war.

»Ich habe Sie sonst für so verständig gehalten,« sagte er; »daß Sie nun auch so nervös, so empfindlich geworden sind! -- Ich kann Ihnen versichern: mir selbst kommt der Krakehl zum Halse heraus! Er macht unsere Leute kopfscheu; von jedem Gegner wird er uns aufs Butterbrot geschmiert. Außerdem haben wir doch jetzt, ein Jahr vor den Reichstagswahlen und angesichts der Zolltarif-Vorlage Besseres zu tun, als uns über die Verelendungstheorie die Köpfe blutig zu schlagen.«

»Sind wir etwa daran schuld?!« fuhr Heinrich auf. »Oder nicht viel mehr die Großinquisitoren der 'Neuen Zeit', die seit Jahr und Tag ihre Spürhunde auf uns hetzen?! Die jungen Leute, die noch nichts geleistet haben, als ihnen nachzubeten, gestatten, gegen alte verdiente Genossen, -- einen Jaurès, einen Auer, einen Vollmar, -- wie gegen Schwachköpfe oder Verräter vom Leder zu ziehen?!«

»Die Propheten aus dem Osten nicht zu vergessen, die desgleichen tun --,« unterbrach ihn Reinhard mit einem sarkastischen Lächeln.

»Die gehören in dieselbe Kategorie, nur daß ihre, -- na, sagen wir parlamentarisch: Unbescheidenheit noch größer ist. Vom Kothurn ihrer Unentwegtheit herab führen sie das große Wort, und ihr Ziel ist offensichtlich der Bannfluch, d. h. der Ausschluß aller derer aus der Partei, die eine selbständige Meinung haben.«

»Wenn man Sie so schimpfen hört, lieber Brandt, könnte man die Schicksalsfügung segnen, die Sie bisher verhinderte, Ihre Zeitschrift ins Leben zu rufen,« sagte Reinhard. »Wenn Sie all Ihre Wut noch in Druckerschwärze verwandeln würden!!«

»Sie irren sehr, wenn Sie glauben, ich werde mein Blatt zum Kampfplatz für Theoretiker machen,« entgegnete Heinrich ruhig. »Mir würde es in erster Linie darauf ankommen, praktische Politik zu treiben. Daß das auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens notwendig ist, daß es endlich an der Zeit wird, den ruhenden Koloß der Partei in Bewegung zu setzen und Tagesarbeit verrichten zu lassen, -- das scheint mir das wichtigste Ergebnis der gegenwärtigen Bewegung.«

Reinhard stand auf, stampfte ärgerlich mit der Krücke auf den Boden und sagte: »Als ob das alles eine blitzblanke neue Erfindung wäre! Was war es denn, was wir lange vor Bernstein in den Parlamenten, in den Kommunen, in den Gewerkschaften und Genossenschaften getrieben haben?! Der ganze Unterschied zwischen den Revisionisten und den Radikalen ist, daß die einen in der Arbeiterschutzgesetzgebung, in der Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung, in der allmählichen Demokratisierung des Staats nichts als Erziehungsmittel für das Proletariat erblicken, und die anderen Sozialisierungen der Gesellschaft, Voraussetzungen des Sozialismus. Dem Arbeiter aber ist's wirklich einerlei, wie die Dinge heißen, die er bekommt, wenn er sie nur überhaupt kriegen kann. Und darum --« er ging erregt im Zimmer auf und nieder -- »begreife ich die ganzen Skandale nicht und fühle es meinen Genossen nach, wenn sie euch Akademiker mißtrauisch betrachten. Wir sind ja auf dem besten Wege, -- was werft ihr Steine in unseren Teich?! Sehen Sie sich z. B. mal die Tagesordnung unseres Stuttgarter Gewerkschaftskongresses an! Sie waren ja dabei, als man sich wütend an die Gurgeln fuhr, weil der eine die sozialpolitische Tätigkeit der Gewerkschaften forderte, der andere sie für schädlich hielt. Und ich selbst, -- Sie besinnen sich! -- war der radikalsten einer. An meiner eigenen Entwicklung mögen Sie die Entwicklung der ganzen Bewegung messen. In aller Stille ist viel Wasser die Spree hinuntergelaufen, und jetzt sind wir mitten drin in der Sozialpolitik. Oder betrachten Sie unsere Haltung in der inneren Politik: denken Sie an die Budgetbewilligung der Badener im vorigen Jahr, -- Bebel hat sie freilich hinterher heruntergeputzt, -- oder an die Zustimmung unserer bayrischen Landtagsfraktion zur Wahlreform, -- Bebel wird sie natürlich darum auch noch unter die Lupe des Prinzips nehmen --. Und, vor allem!, erinnern Sie sich, wie selbst die ärgsten berliner Revolutionäre mit dem dreifachen R jetzt stramm und einig zur Landtagswahl aufmarschieren. Von dem Augenblick an, wo der Parlamentarismus den Charakter des Kräutchens Rührmichnichtan für uns verloren hatte, sind wir folgerichtig weitergegangen.«

Ich hatte ihm mit wachsendem Interesse zugehört. »Und was wollen Sie mit alledem beweisen?« fragte ich.

»Daß der ganze Stank und Zank überflüssig ist. -- Sowohl vom Standpunkt eurer Angst um Versumpfung und Verknöcherung der Partei, wie vom Standpunkt all der radikalen Kassandras männlichen und weiblichen Geschlechts, die um unser sozialistisches Seelenheil zittern. Wahrhaftig: wenn wir mit der Bourgeoisie paktieren, so doch nur, um für uns das Schäfchen ins Trockne zu bringen!«

»Ich folgere aus Ihren Beweisführungen etwas ganz anderes,« rief ich aus. »Da die Praxis wieder einmal der Theorie vorausgeeilt ist, so muß die Theorie sich ihr anpassen, sonst kommt der Moment, wo das Band zwischen beiden zerreißt. Die Lehre von der planmäßigen Demokratisierung und Sozialisierung der kapitalistischen Gesellschaft muß an Stelle des Dogmas von der alleinseligmachenden Revolution treten --«

»Aber das ist doch genau dasselbe!« polterte Reinhard. »Selbst der dümmste Radikale denkt doch nicht im Schlaf daran, daß er die Hände nur in den Schoß zu legen und auf die gebratene Taube der politischen Macht zu warten braucht, die ihm ins Maul fliegen wird! Jeder Rekrut in unserer Armee sieht alle Tage, wie sie sich jede Handbreit politischer Macht schrittweise erobern muß. Ebenso wächst ihr Einfluß nur nach und nach, und das berühmte Endziel kann nichts anderes sein als die letzte Krönung des Gebäudes.«

Mein Mann lächelte: »Ich sage ja: Sie sind Revisionist.«

»Zum Donnerwetter, nein! -- Ich bin Sozialdemokrat!« -- Reinhards Augen glänzten -- »Und ihr seid Rabulisten.«

Beim Abschied nahm sein Gesicht wieder den alten, gutmütig-freundlichen Ausdruck an.

»Nichts für ungut, Genossen!« brummte er mit einem leichten Anflug von Verlegenheit; dann reichte er meinem Mann die Hand. »Sie können auf mich rechnen. Wenn Ihr Blatt praktische Politik treiben wird, -- in bewußtem Gegensatz zu unseren Zeitschriften von rechts und links, die sich um des Kaisers Bart raufen, -- so wird es befreiend wirken und seines Erfolges bei unseren Genossen sicher sein.«

Als er gegangen war, reichte mir mein Mann einen Brief von Romberg.

»... Ihre Pläne sind mir immer wieder durch den Kopf gegangen,« schrieb er, »und der Gedanke, das 'Archiv' selbst zu erwerben, ließ mich nicht los. Trotzdem bin ich zu dem Entschluß gelangt, meine persönlichen Wünsche nicht nur zu unterdrücken, sondern Ihnen überdies den dringenden Rat zu geben, die Verkaufsidee überhaupt fallen zu lassen. Sie wissen selbst, daß das neue Unternehmen, dem Sie Ihren Brotgeber, das Archiv, opfern wollen, in bezug auf seinen materiellen Erfolg ein ganz unsicheres ist. Stünden Sie allein, so könnten Sie meinetwegen den Husarenritt unternehmen, aber Sie haben Familie, -- verübeln Sie es meiner aufrichtigen Freundschaft nicht, wenn mich die Sorge um sie in diesem Zusammenhang von ihr sprechen läßt. Ich weiß: Frau Alix zieht in diesem Augenblick zürnend die Brauen zusammen; sie ist ja noch fanatischer, noch leichtsinniger wie Sie. Seien Sie darum doppelt klug für beide und erhalten Sie sich das Archiv. Es kann einmal die Rolle der Planke spielen, die Sie vor dem Ertrinken rettet ...«

Ich warf den Brief heftig auf den Tisch. »Daß Romberg solch bourgeoise Anschauungen hat!« rief ich aus. »Als ob wir beide nicht im Notfall schwimmen könnten!« Heinrich zog mich zärtlich in die Arme.

»Daß du so denkst, weiß ich,« sagte er, »trotzdem werde ich handeln wie ein Bourgeois!« Ich wollte auffahren. »So höre doch erst zu, ehe du schimpfst!« meinte er lächelnd. »Besinnst du dich auf Lindner, den jungen Dichter, den wir auf dem Pariser Kongreß getroffen haben?« Ich nickte. »Er tauchte vor kurzem hier auf und besuchte mich, während du weg warst: ein sympathischer Mensch, dessen Schüchternheit alle seine guten Absichten im Keime erstickt. Er möchte in der Partei wirken; aber auf der einen Seite fürchtet er als Akademiker das Mißtrauen der Genossen, auf der an deren Seite stößt ihn die Pöbelgesinnung zurück, die ihm vielfach schon begegnete. Er schüttete mir sein Herz aus; dabei erfuhr ich, daß er der einzige Sohn reicher Leute ist. Ich sprach ihm von unserem Plan, er war sofort Feuer und Flamme dafür.«

»Und gibt die Mittel?!« unterbrach ich Heinrich erregt.

»Wenn die Eltern, von denen er noch abhängig ist, sie ihm bewilligen ...«

Endlich dem Ziele nah! war der einzige Gedanke, der mich beherrschte; winzig erschienen ihm gegenüber die noch vorhandenen Hindernisse.

Einige Tage später kam Lindner zu uns: ein lang aufgeschossener blonder Mensch, mit kurzsichtig zwinkernden blaßblauen Äuglein und schlaffen, feuchten Händen. Er gefiel mir nicht. Aber ich unterdrückte rasch diese erste instinktmäßige Empfindung.

»Ich möchte den Arbeitern die Kunst nahe bringen,« sagte er im Verlauf unseres schwerfällig sich hinschleppenden Gesprächs.

»Die Freien Volksbühnen erfüllen, wie mir scheint, Ihren Wunsch. Sie haben Tausende von Mitgliedern aus Arbeiterkreisen und leisten Vorzügliches,« antwortete ich.

»So meinte ich es nicht, nein --,« und die Stimme unseres Gastes, die noch den Timbre der Knabenstimme hatte, obwohl er längst über die Entwicklungsjahre hinaus war, wurde lebhafter; »ich dachte, es müßte möglich sein, das Künstlertum im Proletariat zu erwecken, eine neue Kunst -- die Kunst der Zukunft -- entstehen zu lassen. Ich würde das als meine Aufgabe ansehen.«

Ich musterte ihn genauer: er war gar nicht dumm, er hatte sogar einen originellen Zug.

»Ich glaube nicht recht daran,« sagte ich dann langsam. »Daß die Talente sich durchsetzen, gehört zu den Fabeln der Menschheit. Der harte Kampf ums Dasein erstickt die meisten ihrer Keime. Und die davon doch zur Blüte gelangen, verkümmern schließlich im Dilettantismus. Vielleicht würden die von Ihnen erhofften Talente statt freier Künstler Hörige des Proletariats, wie die Talente, auf die wir vor zehn Jahren hofften, Hörige des Kapitalismus geworden sind..«

Mein Junge kam herein und erfüllte das Zimmer im Augenblick mit seiner strahlenden Frische. Wie eine Pflanze, die im Dunkel gestanden hat mit blassen saftlosen Trieben, wirkte Lindner jetzt auf mich. Er tat mir leid, und ich wurde darum weicher. Er erzählte von seinen Eltern. Sie hatten große Hoffnungen auf ihn gesetzt, und daß er sie immer wieder enttäuschte, machte ihn selbst mutlos. Aber jetzt, -- jetzt würde er um seine Überzeugung, -- um seine Zukunft mit ihnen kämpfen!

Er gewann Vertrauen zu mir. Und wenn er meine instinktive Abneigung immer wieder hervorrief, so überwand das Mitleid mit dieser armen Greisenseele eines Jünglings sie eben so oft. Seine Besuche waren oft recht unbequem. Wie die meisten Menschen, für die die Arbeit nur eine Nebenbeschäftigung ist, hatte er keinen Respekt vor der Zeit. Er fühlte nicht, daß er störte, und wenn man es ihm andeutete, so war er gekränkt. Nur wenn er mit Ottochen spielen konnte, merkte er nicht, daß ich ihn hatte los werden wollen. Er liebte die kleinen Kinder und ließ sich von meinem fünfjährigen Wildfang mit einer Gutmütigkeit tyrannisieren, die rührend war. Oft hörte ich durch die Türe die hellen Kommandotöne meines Jungen.

Mein Bub'! Daß ich nur heimlich, wie aus dem Hinterhalt, sein Geplauder belauschen durfte! Daß ich mir die Stunden für ihn stehlen mußte! Ich war abermals einem falschen feministischen Lehrsatz auf der Spur. Nicht der Säugling bedarf der Mutter am meisten. All die vielen, mechanischen Dienste, die der kleine Körper fordert, versteht eine geschulte Pflegerin besser als sie. Erst der erwachende Geist braucht die Augen der Mutter, die jede seiner Regungen sieht, und ihre Sorgfalt, die allein weiß, welche seiner vielen Triebe beschnitten, welche gestützt, welche der Sonne und dem Wetter ausgesetzt werden können. Und Millionen Frauen dürfen es nicht! Nie erschien mir unsere Gesellschaftsordnung widersinniger: sie zwingt den Staat, Gefängnisse zu bauen für die Verbrecher und Fürsorgeerziehungsanstalten für die verwahrloste Jugend, der sie die Mütter genommen hat.

Sollten wir wirklich darauf warten müssen, bis sich in hundert und aberhundert Jahren der Prozeß der Sozialisierung der Gesellschaft abgespielt hat? War unsere wirtschaftliche und technische Entwicklung nicht heute schon so weit vorgeschritten, um durch eine sozialistische Organisation in Verbindung mit der allgemeinen Arbeitspflicht, die Herabsetzung der Arbeitszeit auf das geringste Tagesmaß zu ermöglichen und den Kindern nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater zurückzugeben? In dem leidenschaftlichen Zorn, der mich gegen die Hüter der bestehenden Ordnung erfüllte, konnte ich nicht anders, als sie für Heuchler oder für Dummköpfe zu erklären. Die Frauen galt es, wider sie zu empören! Mutterliebe ist das stärkste Gefühl in der Welt, stärker als die Leidenschaft der Geschlechter, stärker als der Hunger. Einmal von den Fesseln befreit, in die die Tradition sie zwängte, muß sie zum Motor werden, der die Gesellschaft aus den Angeln hebt.

Ich wandte mich in meinen Reden immer mehr an die Frauen. Ich peitschte ihre Empfindung auf; ich erklärte sie für die Schuldigen, wenn ihre Kinder hungerten an Leib und Geist, wenn sie verkamen, wenn die Maschine ihre Jugend zerfraß, wenn sie im Zuchthaus endeten. Der Zolltarif mit seiner Verteuerung aller Lebensmittel, der zu gleicher Zeit die Reichstagsdebatten beherrschte, die Fleischteuerung, die eine Folge der Schließung der Grenzen war, -- kurz, die ganze agrarische Reichspolitik, in die die Regierung eingeschwenkt war, boten mir die Handhabe, um an die nächsten Interessen der Frauen anzuknüpfen, an jene Frage, die je nach der Bedeutung, die sie für die Glieder des Volkes hat, ein Gradmesser der Menscheitskultur sein kann: wie sättige ich meine Kinder?

Von einer meiner Versammlungen war ich fast stimmlos zurückgekehrt.

»Sie dürfen weder in Rauch noch in Staub sprechen,« sagte der Arzt wie schon einmal vor Jahren.

Ich lachte ihm ins Gesicht, ließ mir den Hals ein paarmal einpinseln und fuhr nach Schlesien. Mit äußerster Anstrengung gelang es mir, noch zwei Reden zu halten. Dann versagte die Stimme ganz.

Jetzt erklärte der Arzt, daß ich sobald als möglich fort müsse: »In gute reine Luft, am besten ins Gebirge.« Ich schüttelte den Kopf. Wie konnte ich an eine Sommerreise denken?!

»Die Gesundheit geht allem anderen voraus,« sagte mein Mann, »heute noch kannst du packen und morgen in den Alpen sein.«

Die Frage, ob solch eine Reise möglich wäre, schien ihn keinen Augenblick zu beunruhigen.

»Ich kann den Kleinen nicht wochenlang allein lassen --,« wandte ich ein.

»Natürlich: Ottochen nimmst du mit,« antwortete Heinrich ohne Besinnen, »auch diesem Stadtpflänzchen wird das Landleben gut tun.«

* * * * *

Um jene Zeit war mein Schwager Erdmann gestorben. Meine Mutter kam mit Ilse nach Berlin zurück. Ich erschrak, als ich sie sah. Jetzt erst war sie wirklich alt geworden, unauslöschlich hatten sich die Falten der Verbitterung um ihre Mundwinkel eingegraben. Zwischen ihre fest aufeinandergepreßten Lippen kam kein Laut der Klage. Aber wenn Ilse neben ihr stand in all ihrer strahlenden Jugend, mit den Augen, die sehnsüchtig die Sonne suchten nach all dem monatelangen Leid, dann fühlte ich die ganze Qual dieses Zusammenlebens.

Sie kamen häufig allein zu mir, und ich mußte immer wieder zwischen ihnen vermitteln. Endlich faßte ich den Mut, der Mutter ehrlich meine Meinung zu sagen:

»Warum läßt du sie nicht frei? -- Viele in ihrem Alter stehen allein in der Welt. Wozu quälst du dich selbst und sie?«

Die Mutter wurde hochrot im Gesicht. »Da sieht man, wohin eure religionslose Moral euch führt!« rief sie. »Nicht genug, daß du im Lande umherziehst und die Frauen gegen Kirche und Staat aufhetzst, wie mir mein Bruder erzählt, du respektierst nicht einmal mehr die selbstverständlichsten Gebote der Mutter- und der Kindespflicht.«

»Nein,« antwortete ich erregt. »Eine Pflicht, die kein Gebot des Herzens ist, eine Pflicht, die sich wie ein antiker Schicksalsspruch durchsetzen will, auch wenn die Menschen dabei zugrunde gehen, erkenne ich nie und nimmer an. -- Was Onkel Walter erzählt, sollte dir übrigens nichts Neues sein: du weißt, daß ich Sozialdemokratin bin. Daß meine Agitation ihm jetzt, wo sie sich gegen seine speziellen agrarischen Interessen richtet, besonders antipathisch ist, scheint mir auch nur selbstverständlich.«

»Und ich hatte gehofft, daß die Mutter in dir dich allmählich von diesen Abwegen zurückführen würde --«

»Die Mutter in mir treibt mich vorwärts!« unterbrach ich sie.

»Lehrt sie dich auch jede Familienrücksicht über Bord werfen? Nicht daran denken, wie du alle kompromittierst, die unseren Namen tragen? Wie mein Bruder sich sogar gezwungen sieht, ein Mandat für den nächsten Reichstag nicht mehr anzunehmen?!« Ihr Zorn fing an, mich zu entwaffnen.

»Liebe Mutter, das alles wollen wir, denke ich, nicht wieder aufrühren,« sagte ich ruhig. »Die Verwandten haben sich längst in aller Form von mir losgesagt, und wenn es für mich Familienrücksicht gibt, so ist es allein die auf mein Kind.«

»Gerade an diesem Kind wirst du für all das Unglück, das du über uns gebracht hast, büßen müssen!« rief die Mutter mit funkelnden Augen.

Ich war von dem drohenden Ton ihrer Stimme betroffen. »Was meinst du damit?!« frug ich.

»Solltest du für Otto etwa nicht auf Klotildens Erbe hoffen?« entgegnete sie. »Hat sie dich seit deiner Heirat jemals eingeladen?!«

»Ich stehe dauernd in brieflichem Verkehr mit ihr. Sie hat mir erst kürzlich über meine 'Frauenfrage' Worte wärmster Anerkennung geschrieben. Und daß sie mich nicht bei sich sehen kann, begreife ich vollkommen. Ich würde ihre Freunde vertreiben, an denen sie hängt,« antwortete ich ausweichend.