Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre
Chapter 11
Lautes Stimmengewirr schlug uns entgegen, als wir an jenem Abend über die gastliche Schwelle traten. Es verstummte jählings, sobald die Türe vor uns aufging. Sie haben eben von uns gesprochen, dachte ich unwillkürlich. Ich wurde vorgestellt und aufs Sofa gezogen. Auf dem Tisch davor stand eine blendende Petroleumlampe. Neben mir saß eine große, dicke Dame, die sich nicht anlehnen konnte, weil sie zu eng geschnürt war. Sie war selbstbewußt wie anerkannte Schönheiten, warf ihre braunen Augen siegessicher umher und behandelte mich sehr gnädig. Ein Herr mit einem schwarzen Vollbart, der wie gut gewichste Stiefel glänzte, rückte ihr mit seinem Stuhl immer näher und schlug sich bei jedem Witz, den er erzählte, schallend auf die Schenkel. Er versuchte, auch mich ins Gespräch zu ziehen. »Sie sind ja, Gott Lob, auch eine vorurteilslose Frau,« sagte er und zwinkerte vertraulich mit den Augen. Ich wandte mich ostentativ zur anderen Seite den Damen zu, die Frau Bebel an den Tisch führte. Aber die Unterhaltung blieb an den oberflächlichsten Phrasen kleben. Dazwischen hörte ich mit halbem Ohr das Gespräch der beiden neben mir. Seine Witze wurden immer eindeutiger, in irgend einer Friedrichsstraßen-Bar mochte er sie nicht anders erzählen. Endlich ging's zu Tisch; ich hatte den Ehrenplatz neben Bebel. Man sprach über die lieben Mitmenschen genau wie bei den »sauren Möpsen« schrecklichen Angedenkens, die ich in den verschiedenen Garnisonen meines Vaters hatte mitmachen müssen, und an Stelle von Regiments- und Manövergeschichten über interne Parteiaffären. Da ich nichts von ihnen verstand, konnte ich die Gesellschaft um so mehr beobachten; die Damen waren sehr erhitzt, und wenn der Nachbar eine Bemerkung machte, kicherten sie unaufhörlich. Die Hausfrau ging von einem zum anderen, um zum Essen zu nötigen. Ich fing an, mich zu amüsieren, -- nicht mit den Gästen, sondern über sie, -- und schämte mich doch wieder, daß meine Beobachtung so kleinlich an lauter Äußerlichkeiten kleben blieb. Ich wußte doch von vorn herein: hier waren keine Montmorencys. Aber so etwas wie eine Gesellschaft bei Madame Roland vor 89 hatte ich mir doch wohl vorgestellt.
Zwischen Fisch und Braten benutzte ich die Gelegenheit, um meines Nachbarn Ansicht über den bevorstehenden Frauenkongreß einzuholen. Eine Notiz in Wanda Orbins Zeitschrift hatte mir zu denken gegeben. »Die Genossinnen haben beschlossen, die Einladung zum Kongreß abzulehnen,« hieß es darin.
»Ich kann Ihnen nur raten, sie ruhig anzunehmen, ohne Rücksicht darauf, wie Frau Wanda sich stellt,« sagte Bebel und warf mit einer lebhaften Bewegung die widerspenstigen Haare aus der Stirn. »Ich befinde mich mit ihr stets in kleinen Konflikten wegen der ungeschickten Taktik und der oft recht gehässigen Art, mit der sie die bürgerliche Frauenbewegung bekämpft. Sie käme mit einer sachlichen, ruhigen Darstellung viel weiter. Haben Sie zum Beispiel gelesen, was sie über die Resolutionen schrieb, die hier in vier großen Versammlungen zwischen der zweiten und dritten Lesung des Bürgerlichen Gesetzbuchs zur Annahme gelangten?«
Ich nickte: »Mich hat überhaupt gewundert, daß von seiten der sozialdemokratischen Frauen so wenig geschah. Das Bürgerliche Gesetzbuch hätte zu einer großen Protestbewegung Anlaß genug gegeben!«
»Sicherlich!« bekräftigte er, »und statt den gegebenen Anlaß zu benutzen, lehnte Frau Wanda den Anschluß an den Protest der bürgerlichen Damen ab --, nicht etwa wegen dem, was darin steht, sondern wegen dem, was nicht darin steht! Mich amüsiert der Vorgang besonders deshalb, weil ich selbst den Resolutionen, die Frau Vanselow mir schickte, ihre letzte Form gegeben habe.«
»Sie scheinen mir mehr von der bürgerlichen Frauenbewegung zu halten, als ich, die ich aus ihr hervorging,« meinte ich lächelnd.
»Die Distanz verändert immer das Urteil,« antwortete er. »Ich mache mir aber keinerlei Illusionen, finde nur, daß es taktisch richtiger gewesen wäre, die Empörung der bürgerlichen Damen über die Haltung des Reichstags für uns auszunutzen, als sie so plump, wie Frau Wanda es tat, vor den Kopf zu stoßen. Die Frauen haben tatsächliche Fortschritte gemacht und sind mit ihren männlichen Parteigenossen, den Liberalen, nicht in einen Topf zu werfen.«
Ich erinnerte ihn an das erwachende Interesse, das sie seit dem Konfektionsarbeiterstreik für die Arbeiterinnenfrage an den Tag legten. »Auch auf dem Kongreß wird sie im Verhältnis zu früheren Zeiten einen breiten Raum einnehmen.«
»Ein Verdienst Glyzcinskis und Ihrer Zeitschrift --, das werden Sie sich hoffentlich nicht verhehlen,« warf er ein. »Im übrigen ist das natürlich die schwächste Seite der Damen und wird es bleiben. Sie können ihnen ja darüber tüchtig die Leviten lesen. Mit Ausnahme der christlich-sozialen Frauen jüngerer Richtung verstehen sie nicht einen Deut von ihr.«
Christlich-sozial, -- das war das Stichwort zur Verallgemeinerung des Gesprächs. Göhre hatte eben sein Pfarramt niedergelegt, Naumann plante eine Tageszeitung; die offene Trennung der Gruppe, die sich um ihn gebildet hatte, von der Stöckerpartei, war eine schon fast vollendete Tatsache. Man stritt mit steigender Lebhaftigkeit über ihre Ansichten, über die Bedeutung, die sie für die Sozialdemokratie haben könne.
»Nichts als ein Unterschlupf für die Möchtegern- und Kanndochnicht-Politiker; Offiziere ohne Armee, die mit den Jahren nach rechts abschwenken,« sagte der mit dem schwarzen Bart und zog ihn schmeichelnd durch kranke, blutleere Finger »Es wird unsere Sache sein, ihnen die Entwicklung zu uns zu ermöglichen,« hörte ich Heinrichs Stimme. »Sie sind immer ein Ideologe gewesen, lieber Brandt,« antwortete ihm eine andere, »sollten wir uns um eine Handvoll Intellektueller die Beine ablaufen, wo Millionen Arbeiter noch nicht die unseren sind?!« »Gerade um die Millionen zu gewinnen, brauchen wir eine solche Handvoll --,« entgegnete Heinrich.
»Dafür lassen Sie nur ruhig die Verhältnisse sorgen,« sagte Bebel lebhaft, »sie werden uns schneller, als ihr alle glaubt, die Massen zutreiben. Noch ein paar Jahre Flottenrummel, einige Reden von S. M..«
»Und wir werden glücklich ein Dutzend Mandate mehr haben --, oder meinst du wirklich, wir sprängen dann schon mit beiden Beinen in den Zukunftsstaat?!« Der mit gutmütigem Spott gesprochen und bisher fast immer geschwiegen hatte, war Ignaz Auer. Auf meine rasch entzündliche Begeisterung, die Bebels Worte ganz anders ergänzte, wirkten die seinen wie ein kalter Wasserstrahl. Anderen schien es ähnlich zu gehen, das Gespräch verlor seinen allgemeinen Charakter; man stand auf. Nach ein paar Höflichkeitsphrasen wurde der weibliche Teil der Gesellschaft in das Wohnzimmer genötigt; die Herren rückten mit ihren Zigarren um den Eßtisch zusammen, und durch die Tür klang ihre laute Unterhaltung. Bei uns drinnen sprach man von Fleischpreisen und Kochrezepten; keine der anwesenden Frauen schien in der Parteibewegung irgend eine aktive Rolle zu spielen. Fragen von allgemeinerem Interesse wurden nicht berührt. Nur die große, dicke Frau, deren Schönheit und Geist mir inzwischen irgendwer gepriesen hatte, stellte sich wie ein Inquisitor kerzengerade vor mich hin und fragte: »Wie denken Sie über Ibsen?« Die anderen richteten selten ein Wort an mich; im Hintergrund schienen sie über mich zu tuscheln, und ich fühlte ihre Blicke, die musternd auf mir ruhten.
Auf dem Heimweg konnte ich mir endlich Luft machen. »Das sind ja alles Philister --,« brach ich los, »vom Herrn Amtsrichter in Neu-Ruppin hätte ich nichts anderes erwartet.« Heinrich lachte.
»Glaubst du, die politischen Ideale könnten aus ihren Vertretern gewandte Salonhelden machen?«
»Das nicht. Aber freiere Menschen.«
»Darüber dürften Generationen vergehen. Die Gewohnheit ist wie eine Haut und läßt sich nicht auf einmal abziehen. Du mußt unsere Genossen bei der Arbeit kennen lernen, nicht beim Souper.«
* * * * *
Die erste Gelegenheit dazu bot sich bald. Adolf lud uns ein, der Sitzung der Gewerkschaftskommission beizuwohnen, in der die Vorschläge Dr. Quarcks erörtert werden sollten. In einem Lokal der Kommandantenstraße fand sie statt. Durch die enge Kneipe, wo es nach schlechtem Fett und süßlichem Schnaps roch, und den regenfeuchten dunkeln Garten, wo ein paar verkümmerte Kastanien zwischen haushohen Mauern einen endlosen Todeskampf führten, ging es in die große, hölzerne Veranda, deren spärliche Gasflammen die dichtgedrängte Menge unruhig beleuchteten. Gegen hundert verschiedene Berufe waren durch ihre Delegierten vertreten, fast lauter ernste, ältere Männer im Sonntagsrock, die Zigarre zwischen den Lippen, den Bierkrug vor sich; nur zwei Frauen unter ihnen: Martha Bartels und Ida Wiemer. Sie sahen uns kommen. Aber während Martha Bartels den leeren Stuhl neben sich hastig aus der Reihe schob und meinen Gruß frostig und fremd erwiderte, kam uns Ida Wiemer freundlich entgegen und zog uns an ihren Tisch. »Haben Sie die Bartels gesehen?« flüsterte sie mir zu. »Sie hat den Moralkoller, wie alle alten Jungfern.« Mühsam drängte sich Reinhard mit seinem steifen Bein durch die Reihen, um uns die Hand zu schütteln. »So kann ich Ihnen noch persönlich gratulieren,« sagte er herzlich, »und uns dazu, weil Sie nun ganz Genossin sind.«
Er war der Referent des Abends. Mit einer Schärfe, die mir die Wichtigkeit der Sache zu überschätzen schien, wandte er sich gegen die Vorschläge Quarcks. Erst allmählich hörte ich das Leitmotiv aus seiner Rede heraus: den Gewerkschaften die Beratung und Beschlußfassung sozialpolitischer Fragen überlassen, hieße den Frieden zwischen Gewerkschaft und Partei gefährden, hieße den Parteitagen, die sich bisher allein damit beschäftigt haben -- »den Bedürfnissen und Interessen der deutschen Arbeiterklasse vollständig entsprechend« --, Sonderorganisationen gegenüberstellen, in die der Einfluß bürgerlicher Sozialreformer einzudringen imstande sein würde. Die folgende Diskussion verschärfte noch den Eindruck, den ich gewonnen hatte.
Es fielen harte Worte, vor denen ich erschrak, weil sie mir eine Vorahnung dessen gaben, was mir bevorstehen mochte. »Ein Mensch, der in seiner bürgerlichen Existenz Fiasko gemacht hat, will uns, -- lauter alte erprobte Gewerkschafter, -- auf neue Wege führen,« sagte der eine unter dem Applaus der Anwesenden. »Erst soll er, wie jeder Arbeiter auch, in die Schule gehen, ehe er das Maul aufreißt.« -- »Eine Sozialpolitik, wie Quarck sie empfiehlt, ohne Parteipolitik, ist nichts als jene Politik bürgerlicher Reformer, zu denen er im Grunde noch gehört,« rief ein anderer. »Wenn er mit seiner bescheidenen Parteistellung nicht zufrieden ist, dann hätte er lieber gleich sagen sollen: für einen so großen Mann wie mich muß eine Extrawurst gebraten werden, statt seine Wünsche hinter die Forderung eines Zentral-Gewerkschaftsbureaus zu verstecken,« meinte ein dritter Redner, dem die verbissene Wut aus dem roten Gesicht leuchtete. Erhob sich die Debatte über persönliche Gehässigkeiten hinaus, so stand auf der einen Seite die geschlossene Phalanx derer, die mit leidenschaftlichem Eifer den Nachdruck auf die Gewinnung der politischen Macht durch die Gesamtheit der Partei gelegt wissen wollten und den Gewerkschaften den internen Kampf um bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse als alleinige Aufgabe zuwiesen, auf der anderen Seite die sehr Wenigen, aus deren Worten die Unzufriedenheit mit der praktischen Gegenwartspolitik der Partei leise herausklang, und die vom Einfluß der Gewerkschaften auf die soziale Gesetzgebung ein Wiederaufleben der Sozialreform erhofften. Ganz nebenbei erwähnte auch jemand, daß unsere Vereinsgesetzgebung den Gewerkschaften aus der Beschäftigung mit Sozialpolitik einen Strick drehen und die Organisierung der Frauen unmöglich machen könnte. Keiner ging weiter auf diese Bemerkung ein, auch die Frauen schwiegen, ich war zu schüchtern, um in diesem Kreis für mein Geschlecht eine Lanze zu brechen. Mir schien dieser Grund ausschlaggebend, um die Vorschläge unausführbar zu finden.
Ich fühlte mehr, als daß ich verstand: unter diesen Männern, die so eifrig debattierten, die alle so selbstverständlich nur ein Ziel im Auge hatten, das Wohl ihrer Klasse, schlummerten Gegensätze, die irgendwann und -wo an die Oberfläche würden treten müssen.
Wir gingen noch zusammen ins Kaffee: Reinhard, der Schwager, die beiden Frauen und wir. Martha Bartels hatte sich erst durch Reinhards langes Zureden dazu bewegen lassen. »Wir müssen doch unsere Enquete besprechen,« hörte ich ihn noch sagen, als sie sich uns näherte. Ida Wiemer stieß mich mit dem Ellbogen an und schob dann vertraulich ihren Arm in den meinen: »Sie wissen doch: Genossin Bartels verbreitet, daß Sie nur, um einen Mann zu finden, in die Partei kamen.«
Das gab meinem Herzen einen Stich: Martha Bartels war fast die einzige, die die Motive meines Schritts hätte richtig beurteilen müssen. Sie blieb steif und zurückhaltend und taute erst auf, als Adolf vorschlug, ein paar Frauenrechtlerinnen, die sich während des Streiks bewährt hatten, zur Arbeit heranzuziehen. »Niemals!« rief sie leidenschaftlich. »Wir werden ihnen doch nicht die Beziehungen zur Arbeiterschaft vermitteln, die sie nur für ihre Zwecke ausnutzen würden. Die Christlich-Sozialen vor allem gehen nur auf den Gimpelfang aus!« Es war, als ob ich Wanda Orbin sprechen hörte. Aber ich konnte nicht anders, als ihr recht geben. Halb mißbilligend, halb verwundert sah Frau Wiemer, die andrer Ansicht war, mich an, und beim Weggehen sagte sie mit einem gereizten Ton in der Stimme. »Sie stellen sich auf ihre Seite -- nach allem, was ich Ihnen von ihr erzählt habe?!« Die Reihe, zu staunen, war jetzt an mir: »Hier handelt es sich um die Sache, -- nicht um die Person!«
Auf der Heimfahrt fühlte ich mich plötzlich sehr unwohl. War es der Tabaksqualm, den ich nicht vertragen konnte, war es die feuchte Nachtluft, -- ich kam nur schwer die steilen vier Treppen hinauf und warf mich angekleidet aufs Bett. Heinrich zündete das Nachtlämpchen an. Es glühte auf dem Tisch wie ein verirrter Stern, -- und die meergrünen Wände waren wie ein milder Sommerabendhimmel, auf den das rote Glas der Lampe rosige Wölkchen malte. Heinrich nahm mir die Schildpattkämme aus den Haaren --, mein Kopf wurde freier; er zog mir Schuhe und Strümpfe aus und rieb meine eiskalten Füße zwischen seinen Händen, von denen wohlige Wärme mir durch den ganzen Körper strömte. »Ist dir jetzt besser, mein Schatz?« fragte er besorgt mit dem weichsten Ton seiner Stimme. Ich sah ihn dankbar an --, dabei blieb mein Blick über seine Schulter hinweg an einem Bilde haften; ich hatte es selbst dorthin gehängt, ich wollte es immer vor Augen haben, ich hatte verlegen gelächelt, als Heinrich wissen wollte, warum. Und jetzt -- in glückseligem Erschrecken preßte ich beide Hände aufs Herz --: glänzte nicht in den tiefen Dichteraugen des lockigen Ganymed von Watts ein Funken lebendigen Lebens? Ich sank in die Kissen zurück, Tränen strömten mir aus den Augen, -- war's möglich, daß ich vor der Erfüllung meiner tiefsten Sehnsucht stand?!
Am nächsten Morgen kam die Ärztin. Sie lachte über die Erregung, mit der ich sofort und ganz sichere Auskunft von ihr haben wollte, und sagte nichts anderes als: »Vielleicht!« Ich klammerte mich an dies Vielleicht, ich drehte es jeden Tag hundertmal hin und her, ob es sich nicht doch in ein Gewiß verwandeln könnte. Allerhand gespenstische Vorstellungen quälten mich: als hätte die Frau, die mir hatte Platz machen müssen, eine geheimnisvolle Macht über meinen Schoß, als könnten ihre Raubtierhände das Fünkchen Leben zerdrücken. Mein Mann wurde heftig und schalt meine Torheit, wenn ich von meinen Ängsten sprach. So war ich denn ganz allein mit ihnen. Hätte ich nur eine Freundin, -- oder eine Mutter --, dachte ich oft.
Um die Zeit kamen Mutter und Schwester aus Pirgallen zurück. »Ich muß Euch, ehe Hans wieder in Berlin ist, allein sprechen,« schrieb sie und kündigte ihren Besuch für denselben Tag an. Ich war nicht ganz ohne Furcht: sie hatte es doch wohl übel genommen, daß wir ihr Anerbieten, bei unserer Hochzeit zugegen zu sein, immer wieder abgelehnt hatten. Zuerst würde sie darum ein bißchen steif sein, aber dann --, sie würde doch fühlen müssen, wie es um mich stand! Mit ausgestreckten Händen ging ich ihr entgegen, -- ich sehnte mich nach einer Mutter! Aber sie übersah sie, -- vielleicht weil der Flur dunkel war. Und sie atmete rasch und war sehr rot, -- vielleicht weil die Treppe sie überanstrengt hatte. Sie sah sich gar nicht um in unserem Zimmer, -- und ich hatte es ihr zum Empfang mit lauter leuchtenden Herbstblumen geschmückt.
»Willst du nicht ablegen?« fragte ich zaghaft.
»Nein,« antwortete sie schroff und setzte sich auf den äußersten Rand des großen Lehnstuhls, der sonst selbst den Fremdesten zwang, sich behaglich in seine Polster zu lehnen. »Ich komme nur, um eins zu erfahren, das über unsere künftigen Beziehungen entscheidet --« die ruhige kühle Frau sprach so rasch, wie ich sie nie hatte sprechen hören. »Meinen brieflichen Fragen seid Ihr ausgewichen, mir ins Gesicht hinein könnt Ihr nicht lügen: seid Ihr kirchlich getraut?« Noch härter als das ihre klang jetzt mein »Nein«. Aus der Tiefe meines verletzten Gefühles kam es. Die Mutter hatte ich erwartet!! Sie sprang vom Stuhl, blaurot im Gesicht, mit zitternden Händen ihren Schirm umklammernd. »So ist eure Ehe ein Konkubinat, und du bist seine Mätresse,« schrie sie mit gellender Stimme. Ich fühlte, wie das Zimmer sich um mich zu drehen begann und ein krampfhafter Schmerz meinen Leib zusammenzog.
»So nehmen Sie doch Rücksicht auf Alix' Zustand --, schonen Sie ihr Kind!« rief Heinrich, mich fest umschlingend, da er sah, wie ich schwankte. Sie schien einen Augenblick Atem zu schöpfen, dann lachte sie schneidend: »Schonen?! Hat sie etwa ihre Eltern je geschont?!«
Ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich zu Bett. »Ist sie fort?!« flüsterte ich und sah angstvoll fragend auf den Geliebten. Er nickte.
»Für diesmal ist es nichts!« sagte die Ärztin ein paar Stunden später. In meinem Blick muß meine ganze Verzweiflung gelegen haben, denn sie streichelte mir die Wange wie einem kleinen Kinde und sagte tröstend: »Um so sicherer wird es das nächste Mal sein!«
* * * * *
Ich erholte mich rasch. Mit der Arbeit versuchte ich gegen den Schmerz zu kämpfen. Es schien fast, als sollte die Waffe, die so oft unüberwindlich zu machen vermag, an seiner Riesenkraft zuschanden werden. Nicht einen Augenblick durfte ich sie aus den Händen lassen, er hätte mich sonst wieder in seine Gewalt bekommen. Ich bereitete meine Kongreßrede vor und studierte alles, was über die Lage der Arbeiterinnen irgend erreichbar war; ich arbeitete mit den Kindern und frischte heimlich längst vergessene Schulkenntnisse auf, um ihnen helfen zu können, ich versuchte, der Köchin die alten Kochkünste beizubringen, die ich einst zu Hause gelernt hatte.
Wanda Orbin überraschte mich eines Morgens dabei. »Was, Sie können kochen?!« lachte sie. »Ich kann, -- ja,« antwortete ich, »aber ich sehe, daß die Ausführung meiner Kenntnisse teuer ist; ich werde meiner Köchin das Feld wieder räumen müssen --.« »Das wird für beide Teile das Beste sein. Ich hab's zwar auch jahrelang tun müssen, bin aber dafür nicht als Generalstochter aufgewachsen.« Ein leiser Spott lag in ihren Worten. »Sie werden überhaupt noch viel lernen müssen, Genossin Brandt!«
»Ich bin davon überzeugt und immer bereit dazu,« antwortete ich kühl.
»Dann wollen wir gleich damit anfangen. Ich fand ihren Namen auf dem Kongreßprogramm --, Sie müssen ihn zurückziehen!«
Überrascht sah ich auf. Sie hatte mit dem Ton einer Vorgesetzten gesprochen. »Warum?! Bebel hatte gegen meine Teilnahme nichts einzuwenden!«
»Bebel! Er sieht die Dinge aus der Vogelperspektive, vor allem die Frauenbewegung. Die Genossinnen haben beschlossen, die Aufforderung zu offizieller Beteiligung abzulehnen.«
»Ich weiß,« entgegnete ich; »im Frühjahr aber, zur Zeit, als ich das Referat übernahm, bestand dieser Beschluß noch nicht. Ich würde meinen Rücktritt, so kurz vor dem Kongreß, für einen Wortbruch halten, der um so weniger zu entschuldigen wäre, als ich selbstverständlich mein Thema auf Grund meiner politischen Überzeugung behandeln werde und es für dies Publikum sehr nützlich ist, auch diese ihm ganz fremde Seite kennen zu lernen. Zahlreiche Elemente, die der bürgerlichen Frauenbewegung in die Arme liefen -- die Lehrerinnen, die Handelsangestellten, die Beamtinnen --, gehören ihrer ganzen Lage nach zu uns. Wir können sie nur gewinnen, wenn wir ihnen bis ins feindliche Lager nachgehen --«
Frau Orbin unterbrach mich. »Sie irren. Diese Leute kommen für uns zunächst gar nicht in Betracht. Und wenn Sie wirklich durch Ihre Überredungskünste« -- sie schürzte wieder spöttisch die Lippen -- »zwei oder drei gewinnen würden, stünde der Nachteil, den Ihre Teilnahme an einer bürgerlichen Veranstaltung zur Folge hätte, gar nicht im Verhältnis zu diesem minimalen Gewinn.« Ich sah sie fragend an. Sie stand auf, ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder und blieb dann dicht vor mir stehen.
»Sie sind eben erst die Unsere geworden,« sagte sie mit einer Art mütterlicher Freundlichkeit, »Sie sind Aristokratin, -- Gründe genug, um Ihnen mißtrauisch zu begegnen, um Ihnen die Tätigkeit in der Partei, von der ich so viel erwarte, sehr zu erschweren. Und nun wollen Sie noch als einzige, -- gegen unseren Beschluß, -- an diesem einseitig feministischen Kongreß teilnehmen! Das verstehen die Genossinnen nicht. Und wenn Sie dabei mit Engelszungen den Sozialismus verkündigen würden, sie hören Sie nicht, -- sie sehen darin doch nichts anderes, als daß Sie eben noch zu jenen gehören. Ich habe gestern Ihretwegen einen schweren Kampf gehabt: die Genossinnen weigern sich unbedingt, Sie zur internen Arbeit zuzuziehen, wenn Sie nicht durch Unterwerfung unter unseren Beschluß Ihre Zugehörigkeit zu uns dokumentieren.« Sie zögerte und sah mich erwartungsvoll an. Als ich noch immer schwieg, legte sie mir beide Hände auf die Schultern und fuhr mit eindringlicher Stimme fort: »Sie sind in die Partei eingetreten, um für sie zu wirken; wollen Sie sich aus Rücksicht auf die alten Kolleginnen Ihre künftige Stellung erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen? Haben die Damen das um Sie verdient ...?« Sie machte abermals eine Pause. Ich erinnerte mich, wie Frau Vanselow in einen Seitenweg eingebogen war, um mich nicht grüßen zu müssen, wie Frau Schwabach mit hochmütig erhobenem Kopf an mir vorüberging. Aber hatte ich durch meinen Brief an Frau Morgenstern das Referat nicht erzwungen, -- konnte ich unter diesen Umständen daran denken, zurückzutreten? Vor allem aber: entsprach es meiner Überzeugung?
»Sie mögen in allem recht haben, -- nur in der Hauptsache nicht: in Ihrem Beschluß. Würde ich Ihnen nicht selbst als eine Heuchlerin, zum mindesten als ein Schwächling erscheinen, wenn ich mich ihm fügen wollte wider besseres Wissen und Gewissen?!« sagte ich. Auge in Auge standen wir uns gegenüber. Sie ballte die kleinen breiten Fäuste, aus ihrem Gesicht brannten hektische Flecke, ihre roten Haare umgaben es wie mit einem Feuerkranz. Ich dagegen erschien ganz ruhig, ganz kühl; ich wußte, daß kein Blutstropfen meine Wangen färbte; und wie um meine sie überragende Gestalt zu betonen, reckte ich mich gerade auf.