Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre
Chapter 13
Ich trat vor. Kirchenstille umfing mich. Ich sprach gegen jene landläufigen Vorwürfe, durch die die Gegner der Sozialdemokratie sie tödlich zu treffen glauben: Die Zerstörung der Familie, die Propagierung der freien Liebe, die Vernichtung der Religion, den blutigen Umsturz. Und ich zeigte, wie die wirtschaftliche Not es ist, die das Familienleben zerstört, wie aus derselben Not die käufliche Liebe wächst, die nichts gemein hat mit jener Freiheit der Liebe, die wir als die einzige Grundlage echten Familienglückes den Menschen erobern wollen; wie es die Kirche ist und der Staat, die die Religion Christi vernichtet haben, wie die blutige Revolution nicht von uns, sondern von denen vorbereiten wird, die mit Flinten und Säbeln drohen, die der wehrhaften Jugend befehlen, auch auf Vater und Mutter zu schießen, die den Ruf hungernder Arbeiter um ein paar Pfennige mehr Lohn, um ein paar Stunden weniger Arbeitszeit mit Gewehrsalven beantworten. Ich sah nichts mehr; zwischen mir und den Menschen da unten hingen dichte Schleier. Aber ich fühlte ihren heißen Atem, ich hörte mit gesteigerten Sinnen ihr Stöhnen, wenn ich ihr Elend malte, ihren Beifall, wenn ich von ihren Kämpfen sprach, ihren hoffnungsstarken Jubel, wenn ich der Zukunft gedachte, die unser sein wird.
Ich schwieg erschöpft, -- jetzt erst fühlte ich, wie der Kopf mir brannte und der Atem nach Luft rang. Hundert Hände streckten sich mir entgegen, als ich zitternd die Stufen hinabstieg. Die Masse umdrängte mich. Dank, -- Vertrauen, -- Liebe las ich in ihren Mienen. Ein paar Frauenrechtlerinnen gingen mit steif erhobenen Köpfen an mir vorbei. Ich lächelte. Wie hatte ich mich nur je über ihre Feindseligkeit grämen können?! Ich kam nur langsam vorwärts. Mit lauter Fragen und Bitten wurde ich aufgehalten: »Nicht wahr, Sie sprechen auch bei uns einmal?« -- »In unserem Kreis?« -- »In meiner Gewerkschaft?« Und immer wieder sagte ich freudig ja. Die hier glaubten an mich und erwarteten von mir, daß ich ihnen etwas sein könnte. Im dunkeln Saal war mein Herz wieder warm und hell geworden.
Wir gingen den weiten Weg durch die Nacht nach Haus. Am Kanalufer raschelten die gelben Blätter uns zu Füßen und tanzten wie goldige Schmetterlinge in der feuchten Herbstluft.
»Warum die Menschen trauern, wenn die Blätter fallen?« sagte ich. »Sie machen doch nur den jungen Trieben Platz!« Mein Liebster küßte mich. »Du, was denken die Leute?!« rief ich lachend und lief ihm davon. »Die Wahrheit!« sagte er, mich einholend, und preßte mir die Hände mit einem starken Griff zusammen. »Daß wir ein Liebespaar sind!«
Im Schlafzimmer droben riß ich die Kleider vom Leibe, in denen der Dunst des Saales noch hing. Das rosige Licht der Lampe umflutete mich; meine Augen suchten den kleinen Ganymed. Unwillkürlich faltete ich die Hände. Auch an diesen Frühling glaubte ich wieder.
Sechstes Kapitel
Goldener Herbst! Ein königlicher Verschwender bist du. Deiner Geliebten, der Sonne, gibst du in brennenden Farben zurück, was sie an Sommerglut der Erde geschenkt hat. Nichts ist dir zu gering, um es mit dem Glanz deiner Liebe zu überschütten. Auf die ödesten Mauern zaubert dein Blick jauchzende Melodien von Gelb und Rot. Aus dem armen Sand märkischen Bodens lockst du der Sonnenblumen tropische Pracht hervor und lehrst sie, ihr Strahlenangesicht deiner Geliebten anbetend zuzukehren. Unter deinem Hauch reifen die Früchte, und schwer von Segen neigen sich die Äste vor dir. Von entblätterten Blüten trägt dein Atem zarte Samenfäden über die Wiesen und schüttelt von den alten Eichen die Hoffnung kommender Jahre.
Tage, über die der Himmel leuchtet wie flüssiges Silber, läßt du in Nächten untergehen, die tief und dunkel sind, ein zukunftschwangeres Geheimnis.
Nicht wie die jungen Mädchen den Lenz begrüßen -- schämig errötend und demutsvoll -- empfing ich dich. Ich forderte von dir, erhobenen Hauptes, meinen Anteil an deinem Reichtum, Fürst des Jahres. Und, siehe, aus meinem Herzen wuchsen glutrote Blumen, meine Seele wurde zu deinem Saitenspiel, mein Schoß zum Tempel des Lebens -- -- --
Es kam über mich wie ein einziger großer Feiertag. Er duldete nichts Dunkles. Aus den Kammern vertrieb ich allen Staub der Vergangenheit, aus Kisten und Kasten alles, was moderte. Ich badete meine Augen, daß sie klar und hell wurden und die Welt ihnen in einem Glanz erschien, wie sie ihn nie vorher gesehen hatten. Wie der Herbstwind am Morgen die Nebel zerstreut, so flohen die Sorgen vor dem Sturm meiner Seligkeit. Ich ging der Sonne nach. Auch den verlorensten ihrer Strahlen fing ich auf und barg ihn in der Schatzkammer meiner Seele.
Sonnengesegnet sollte es sein, mein Kind!
Ich war nicht mehr Ich. Das geheimnisvoll neue Leben unter meinem Herzen hatte von mir Besitz ergriffen. Ich träumte nicht mehr meine engen Träume, die sich im Kreise um mich selbst bewegten, und lebte nicht mehr meiner kleinen Hoffnung, die ihren Bogen nur bis zum Friedhofstor des eigenen Daseins spannte. Wie Wandervögel flogen meine Träume weit über mein Gesichtsfeld hinaus, und die Brücke, die die Hoffnung baute, verband die Zeit mit der Ewigkeit.
Ich ward mir selbst zum Heiligtum. Ich pflegte meinen Körper wie der Gläubige den Schrein, der das Allerheiligste birgt. Und meiner Seele Eingang hüteten goldgepanzerte Wächter; die Schärfe ihres Schwertes traf jeden bösen Gedanken, ihren Speeren entging kein niedriges Gefühl. Denn mein Körper und meine Seele nährten das neue Leben. Kein Tropfen Giftes durfte in ihnen sein.
* * * * *
Ich wünschte mir einen Sohn. Einen, der ein Führer und Vorkämpfer werden könnte. Aber die Erfüllung dieses Wunsches schien mir fast zu viel des Glücks. Und so dachte ich auch der Tochter -- einer, die ein Vollmensch und darum ein echtes Weib sein sollte. Von nun an stand Watts Ganymed vor meinem Platz auf unserem großen Schreibtisch und neben ihm ein süßes, blondes Mädelchen nach einem Porträt von Gainsborough. Ich sah von einem zum anderen, und tief in mein Herz prägten sich die holden Kindergesichter. Mein Mann brachte mir täglich frische Blumen für sie. Einmal aber kam er nach Haus und stellte statt ihrer ein neues Bild mitten auf den Schreibtisch. Es war Meister Dürers furchtloser Ritter, der seelenruhig, im Schritt, den Kopf erhoben, das Auge gradaus gerichtet, an allen Schrecken des Daseins vorüberreitet.
»Laß kommen die Höll, mit mir zu streiten, ich will durch Tod und Teufel reiten --,« ist sein Wahlspruch. »Wenn's ein Bub wird,« sagte der Liebste, »so soll's so einer sein.«
»Du hast recht,« antwortete ich und drückte ihm zärtlich die Hand, »ich habe schon zu viel an das Kind und zu wenig an den Mann gedacht,« dabei wies ich lächelnd auf die Wolken weißen Linnens, die mich umgaben, und zeigte stolz die ersten winzigen Hemdchen, die daraus entstanden waren. Mein Mann hatte zuerst von dieser Arbeit nichts wissen wollen. »Du nimmst einer armen Näherin das Brot und hast selbst weit Besseres zu tun,« war seine Ansicht gewesen. Aber zum erstenmal hatte ich ihm widersprochen und meinen Willen durchgesetzt. Auf die Stoffe, die meines Kindes Körper berühren sollten, durften keine Kummertränen fallen; Mutterliebe mußte die Nadel führen, Mutterträume sich mit jedem Stich hinein verweben. Nun kam es freilich vor, daß ich im Übereifer stundenlang über der Arbeit saß und vernachlässigte, was ich sonst zu tun hatte. »Das muß anders werden, Heinz,« sagte ich laut und faltete die Leinwand zusammen. »Auch um des Kindes willen darf ich die Welt außerhalb unserer vier Wände nicht vergessen, die doch auch seine Welt sein wird. Schau, hier ist ein Brief von Wanda Orbin --,« ich reichte ihn meinem Mann hinüber, der sich an den Schreibtisch gesetzt hatte; »sie beklagt sich, weil ich zu wenig für die 'Freiheit' schreibe; hier sind eine Reihe Aufforderungen zu Vorträgen, -- ich war nahe daran, sie ablehnend zu beantworten --«
»Und hier,« unterbrach er mich, »habe ich Bücher, die deiner Besprechung harren. An den Artikel, den du mir für mein Archiv versprochen hast, will ich schon gar nicht erinnern --«
Ich stand auf und reckte mich mit einem Gefühl tiefen Wohlbefindens. »Du wirst ihn bekommen! Ich verstehe nicht recht, warum so viele Frauen jammern, wenn sie guter Hoffnung sind. Ich fühle Kraft für zwei!«
Und mit Feuereifer stürzte ich mich in die Arbeit, die ich nur stundenweise unterbrach, um frische Luft zu schöpfen.
* * * * *
Ich sollte mir täglich Bewegung machen und vermied den nahen Tiergarten, weil ich den Eltern zu begegnen fürchtete. Ich wußte: mein Herz würde sich schmerzhaft zusammenkrampfen, und ich wollte mich jetzt nicht grämen. So fuhren wir denn fast immer in den Grunewald und wanderten um die stillen Seen, die zwischen entlaubten Bäumen und schwarzen Kiefern dem Winter entgegenträumten, oder gingen auf den gepflegten Wegen der jungen Kolonie, all die vielen Villen betrachtend, die rascher als die Mietskasernen auf dem Kurfürstendamm aus der Erde wuchsen. Sie waren anders als die, die noch vor wenigen Jahren entstanden waren, -- heller, freundlicher. Die verlogenen Butzenscheibenerker und die altdeutschen Sprüche über den Türen verschwanden mehr und mehr. Die Zeit wurde selbstbewußter und schämte sich der erborgten Formen vergangener Jahrhunderte. Oft freilich sahen wir halb staunend, halb lachend Häuser, die aus lauter Originalitätssucht absurd geworden waren. Aber auch das war im Grunde nichts anderes, als der tolle Ausbruch überschäumender Jugendkraft, und wenn mein Mann spotten wollte, erinnerte ich an Goethes Wort: Es ist besser, daß ein junger Mensch auf eigenem Wege irre geht, als daß er auf fremdem recht wandelt.
Heute blieben wir in Schauen versunken vor einem Häuschen stehen, das aus dem Märchenbuch ins Leben versetzt zu sein schien: ein tiefes Dach hing schützend über den von rotem Weinlaub dicht umsponnenen Wänden, hinter kleinen blitzenden Fenstern hingen weiße Vorhänge, auf den braunen Holzaltanen blühten noch rote Geranien, und davor auf dem glatten Rasenteppich warf ein kleiner Knabe jauchzend den bunten Ball in die helle Herbstluft. »Wenn doch mein Kind wie dieses in Wald und Garten wachsen könnte,« dachte ich. »Solch ein Haus möcht' ich euch bauen, dir und dem Kinde,« sagte Heinrich im gleichen Augenblick. Ich lachte ein wenig gezwungen. »Wie sollte das möglich sein, wo unsere Mietwohnung für uns schon zu teuer ist!« »Wenn wir Zinsen statt Miete zu zahlen hätten --,« meinte er nachdenklich; »Hall hat in dieser Weise schon mancher Familie die Möglichkeit verschafft, im eigenen Häuschen und im Freien zu wohnen!« Wir gingen schweigsam weiter, nur hier und da fiel eine Bemerkung, die mir zeigte, das er denselben Gedanken weiter spann.
Am Wildgatter nach Hundekehle holte uns eine große Gesellschaft junger Radler ein; ihre blanken Räder blitzten, knapp und elegant schmiegten sich die Sportanzüge neuster Mode um die schlanken Gestalten. »Ist das nicht --,« rief ich unwillkürlich, und mein Herz klopfte rascher, aber schon wandte das reizende Mädchen, das dicht an mir vorbei geflogen kam, dunkelerrötend den Kopf zur Seite. »Ilse, -- kein Zweifel,« antwortete Heinrich. »Und sie grüßt mich nicht einmal!« Tränen verdunkelten mir den Blick. »Wollen wir umkehren?« frug mein Begleiter sanft und zog meinen Arm fest durch den seinen. »Nein,« entgegnete ich und versuchte zu lächeln; »sie kann ja nichts dafür, die Kleine! Sie darf mich nicht kennen.«
Unten vor dem Wirtshaus standen die Räder. Wir wollten gerade links einbiegen, den Weg nach Paulsborn, der für uns so reich war an Erinnerungen, als Ilse, nach einem Augenblick des Zögerns, quer über die Straße zu uns herüberlief. Sie umarmte mich stürmisch.
»Sei nicht böse, Schwester,« rief sie atemlos und zog mich tiefer in den Wald hinein. »Sie würden mich zu Hause verraten, wenn ich dich gegrüßt hätte.« Zärtlich streichelte ich ihr das erhitzte Gesicht und drückte ihr kleines Händchen, das immer noch so weich und zart war, so unfähig zuzupacken und festzuhalten.
»Die Eltern wollen nichts von mir wissen?« fragte ich zaghaft.
»Wir reden viel von dir, Mama und ich,« antwortete sie, »aber vor Papa dürfen wir deinen Namen nicht nennen. Trotzdem weiß ich, daß er sich bangt nach dir,« fügte sie rasch hinzu, als sie sah, wie ich erschüttert war. »Wir holen ihn manchmal vom Kasino ab; wenn wir über den Lützowplatz fahren, läßt er deine Fenster nicht aus den Augen.«
»Und Mama, sagst du, spricht von mir?!«
»Ja. Sie hatte zuerst des Morgens rote Augen, aber jetzt ist sie ruhig. Es quält sie nur, glaube ich, daß sie nicht weiß, ob -- ob --,« sie errötete, ein forschender Blick glitt über meine Gestalt.
Heiß strömte es mir zum Herzen, mein ganzes, reiches Glück überkam mich, und alles Erinnerungsweh verschwand vor ihm. »Grüße Mama,« sagte ich weich, »und sage ihr, daß ich guter Hoffnung bin.« Ihre Hand löste sich aus der meinen, ein Schatten schien über ihre Züge zu huschen, etwas Fremdes stand auf einmal unsichtbar zwischen uns. »Ich muß fort, -- sie suchen mich sonst, -- lebwohl -- --!« und schon war sie wieder jenseits der Straße.
»Verstehst du das?« fragte ich meinen Mann, der die ganze Zeit mit gerunzelter Stirn neben uns gestanden hatte, und sah ihr kopfschüttelnd nach. »Nein,« sagte er, »sie scheint mir aus Widersprüchen zusammengesetzt, deine Schwester.«
Auf dem Rückweg ertappten wir uns gegenseitig bei einem verstohlenen, sehnsüchtigen Blick nach dem weinumsponnenen Häuschen mit dem tiefen Dach darüber. Der Rasenplatz war leer. Ob der Kleine da oben hinter den zugezogenen weißen Vorhängen schlummern mochte? Und ich träumte, während wir heimwärts fuhren, offenen Auges einen gar süßen Traum.
Mein Herz war heut übervoll. Als ich abends bei den Knaben saß, um ihre Arbeiten zu beaufsichtigen, fühlte ich stärker als sonst, wie wenig ich sie eigentlich kannte. Sie waren nachmittags wie gewöhnlich im Zoologischen Garten gewesen. Es kam mir wie ein Unrecht vor, daß ich sie dort allein ließ; ich wußte nicht, was sie hörten und sahen, welchen Einflüssen sie inmitten der verdorbenen Großstadtjugend unterliegen mochten. Und doch, nicht möglich wäre es gewesen, so große Jungen auf Schritt und Tritt unter Aufsicht zu halten.
Ihr Verhältnis zueinander war kein brüderliches, sie klagten sich häufig gegenseitig bei mir an, -- das einzige Mittel, wodurch ich etwas von ihnen zu erfahren bekam. Hätte ich doch ihr volles Vertrauen besessen! Aber freilich: ich hatte kein Recht darauf; für sie stand ich nicht einmal an Stelle der Mutter, denn sie lebte noch. Je erfolgloser mein Bemühen gewesen war, ihnen näher zu kommen, desto unbegreiflicher war es mir, daß die Mutter sich hatte von ihnen trennen können. Ein Kind bedarf der Mutter, die es besser versteht, als es sich selbst verstehen kann. Tiefes Mitleid ergriff mich mit den beiden Buben, aber ein noch tieferes fast mit ihrer Mutter. Welch Schicksal mußte sie getroffen haben, daß sich ihr Herz so hatte verhärten können? Heinrich sprach nicht gern von ihr; und meinen Gedanken, ihr zu schreiben, um wenigstens in bezug auf die Erziehung der Kinder im Einvernehmen mit ihr zu handeln, hatte er schroff und ärgerlich als einen ganz törichten und zwecklosen zurückgewiesen. Ich hatte ihn trotzdem ausgeführt -- heimlich, um ihn nicht zu ärgern. Da wir aber im Überschwang unseres jungen Eheglücks einander gestattet hatten, unsere Briefe gegenseitig zu öffnen, so las er ihre Antwort: ein paar kühle hochmütige Zeilen, im Tone der Herrin gegenüber der Gouvernante. Heinrich war damals ernstlich böse geworden, und -- was mir am tiefsten in die Seele schnitt -- traurig dazu. »Ich kann alles vertragen,« hatte er gesagt, »nur eins nicht: daß du unehrlich bist mir gegenüber. Ich muß dir unbedingt vertrauen können, sonst ist unsere Ehe keine mehr.« Seitdem hatte ich die kaum begonnene Korrespondenz wieder abgebrochen, und die Brücke zum Herzen der Kinder, auf die ich gehofft hatte, blieb ungebaut. Und nun kam es plötzlich wie eine Erleuchtung über mich: ich wußte, womit ich sie würde gewinnen können.
»Erzähl uns was,« bettelte Wolfgang wie immer, wenn er aufatmend die Schulbücher zuschlug. »Gleich!« antwortete ich lächelnd, und ging hinaus, um mit dem Korb voll weißer Leinwand wiederzukommen.
»Was meint ihr wohl, was das ist?« fragte ich und hielt ein kleines Hemdchen hoch, sodaß das Licht der Lampe rosig hindurchschimmerte. Sie rissen erstaunt die Augen auf. »Eurem Brüderchen oder eurem Schwesterchen gehört es, das ihr bekommen werdet. Habt ihr die Eicheln gesehen, die von den Bäumen fallen? Wenn die Erde sie aufnimmt, und weich und warm einhüllt, damit der Winter ihnen nichts Böses tun kann, so wachsen im Frühling junge Bäumchen daraus ... Und ein Vogelei kennt ihr doch auch? Da ist zuerst gar nichts drin, wie eine weißliche Flüssigkeit. Wenn's aber eingebettet im Nestchen liegt, und die Henne es mit ihrem Leib bedeckt, dann entwickelt sich zuerst die gelbe Dotter und aus ihr ein winziger lebendiger Vogel. Sobald er groß genug ist, zerbricht er das Ei und ist da! Wir sind so sehr daran gewöhnt, daß wir uns des großen Wunders gar nicht mehr bewußt werden, -- eines Wunders, das viel unfaßlicher ist, als wenn der Storch die kleinen Kinder brächte, wie man es früher zu erzählen pflegte.« Ich machte eine Pause; meine Zuhörer rührten sich nicht, und ich hatte nicht den Mut aufzusehen. Wußte ich doch nicht, was für Blicken ich begegnen würde. »Euch ist vielleicht auch einmal das Märchen vom Storch zu Ohren gekommen,« fuhr ich leiser fort, »es ist dumm und albern! Die Wahrheit ist tausendmal schöner: wie die Eichel im Schoß der Erde, ruht der Menschensamen im Mutterleib, und wie das Vögelchen sich entwickelt, so entwickelt sich das Kind, nur daß die Menschenmutter das Ei unter dem Herzen trägt, bis es zerspringt und das junge Leben geboren wird.« Ich schwieg wieder; es war so still, daß ich hätte meinen können, ich wäre allein im Zimmer. »Weil ich euch lieb habe, euch beide --,« flüsterte ich und senkte den Kopf tief auf die Arbeit, die meine zitternden Hände hielten, -- »darum mag ich euch nicht belügen, darum will ich euch anvertrauen, was mein glückseliges Geheimnis ist: ich werde auch ein Kind bekommen!«
Eine beklemmende Stille; ich konnte die Nadel hören, wenn sie den Stoff durchstach. Endlich sah ich empor. Die Köpfe gesenkt, mit dunkelroten Wangen saßen die Knaben vor mir. Ein rascher scheuer Blick traf mich aus Wolfgangs hellen Augen, um seine Lippen zuckte es. Waren es verhaltene Tränen, oder war es am Ende gar -- Spott? Hans rutschte vom Stuhl auf die Erde und machte sich, abgewandt von mir, an seiner Dampfmaschine zu schaffen. Ich wußte nur zu gut, wie verdorbene Kinder das Geheimnis des Lebens ihren Schulkameraden zu erklären pflegen: mit lüsternen Augenzwinkern, mit der Freude am Schmutz. Hatten sie es so erfahren?! Mir stieg die Schamröte bis unter die Haarwurzeln. Oder hatten sie, während ich sprach, ihrer Mutter gedacht, hatten plötzlich empfunden, daß ich sie nicht so würde lieben können wie mein eigenes Kind? Ich seufzte tief auf. So war auch das vergebens gewesen; statt eine Schranke einzureißen, hatte ich eine neue errichtet. Ich begegnete ihnen von nun an mit doppelter Zärtlichkeit; ich suchte ihre Wünsche zu erfüllen, noch ehe sie laut wurden. Aber ihre Scheu überwand ich nicht.
Vor Heinrich ließ ich mir nicht merken, was in mir vorging. Er hätte mich mißverstehen, hätte glauben können, daß ich seine Bitte, die Kinder lieb zu haben, nicht zu erfüllen vermöchte, -- dachte ich. Auch war er den Kindern gegenüber oft so reizbar, daß ich Mühe hatte, ihn zu besänftigen. Das Verlangen, mit mir allein zu sein, äußerte er zuweilen in einer, wie mir schien, für die unschuldigen Buben empfindlichen Weise. Ich lenkte ein, -- ich deckte zu, -- ich versteckte mein eigenes Empfinden, das in derselben Sehnsucht gipfelte wie das seine. Wie viele warme Worte und heiße Blicke und zarte kleine Aufmerksamkeiten, die wie ein holder Frühlingsflor den Garten junger Ehe schmücken, wagten sich vor den fremden Augen der Kinder nicht ans Tageslicht. Auch über das Glück meiner Mutterhoffnung mußt' ich vor ihnen einen Schleier ziehen.
* * * * *
Wir lebten damals ganz still. Von geselligem Verkehr war selten die Rede. Wir scheuten noch immer unliebsame Begegnungen, und unsere Zurückhaltung, die mir als Hochmut ausgelegt wurde, steigerte nur unsere Isoliertheit. Es kam vor, daß wir im Theater zwischen lauter alten Bekannten saßen und uns doch wie auf einsamer Insel mitten im Meer befanden. Man musterte uns neugierig, man tuschelte über uns, man grüßte bestenfalls, und ich setzte dazu meine abweisendste Miene auf, um den Menschenhunger, der mich manchmal überfiel, nicht merken zu lassen.
Zuweilen besuchten uns die Mitarbeiter an meines Mannes Zeitschrift: Nationalökonomen, Juristen und Politiker aus aller Herren Länder, die er mit dem ihm eigenen redaktionellen Geschick unter einen Hut zu bringen gewußt hatte, und die, -- mochten sie sonst in ihren Ansichten noch so weit auseinander gehen, -- unter seiner Führung gemeinsam am selben Strange zogen.
»Ihr Mann ist ein wahres Redaktionsgenie!« sagte mir einmal einer von ihnen, nachdem er sich nach langer Debatte doch wieder unterworfen hatte, halb ärgerlich, halb bewundernd. »Meist erdrücken die Autoren den Redakteur, er nimmt dankbar, was 'bewährte Mitarbeiter' ihm bringen und ist eigentlich nur ihr Geschäftsführer. Ihr Mann aber zwingt uns in seinen Dienst wie ein Feldherr seine Soldaten. Wenn er will, so müssen wir alles andere stehen und liegen lassen, uns hinsetzen, die Feder ergreifen und den gewünschten Aufsatz schreiben.«
Ich freute mich jedesmal dieser Gäste; denn mochten sie von Rußland oder Frankreich, von England oder Italien kommen, -- eins war ihnen gemeinsam: Tatkraft und Hoffnungsfreudigkeit. Ganz richtig äußerte sich einer über diese innere Einheit, wenn er sagte: »Wir sind Leute mit der Devise 'Ja, also!', im Gegensatz zu der älteren Generation der kathedersozialistischen Nationalökonomen, die die Männer des 'Ja, aber!' gewesen sind.« Sie zogen die Konsequenzen ihrer wissenschaftlichen Erkenntnis und traten rückhaltlos auf Seite der Arbeiter in Fragen des Arbeiterschutzes. In ihnen sah ich starke Verbündete der Sozialdemokratie, und es schien mir kein Zweifel, daß die Logik der inneren Entwicklung und der äußeren Geschehnisse sie schließlich zu ihren offenen Parteigängern würde machen müssen.
Aber noch eine andere Tatsache unterstützte meinen Glauben an den Fortschritt sozialer Erkenntnis: die Gründung der nationalsozialen Partei.
Sie war eben in Frankfurt zur Welt gekommen und getauft worden; sie hatte im Rausch der Festesfreude freilich den Mund sehr vollgenommen, wie das nun einmal in solcher Situation deutsche Art zu sein pflegt: »Wir stehen als Erben vor der Türe der Sozialdemokratie,« hatte Göhre erklärt. »Wir stellen uns an die Spitze der Arbeiterbewegung, denn die Zeit der Sozialdemokratie ist um,« hatte Sohm ihm sekundiert. Aber solche rednerischen Entgleisungen, die unsere Parteipresse mit einem übertriebenen Pathos rügte, statt über sie zu lächeln, wogen leicht gegenüber dem Handeln dieser Männer und Frauen: sie anerkannten die Gegenwartsforderungen der Sozialdemokratie, sie stellten sich, bei aller Betonung nationaler Gesinnung, in bewußtem Gegensatz zur Regierung, die die sozialen Pastoren maßregeln ließ, -- zum Kaiser, der ihre Bestrebungen für sträflichen Unsinn erklärte.