Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Chapter 31

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Der Zauberwald und die Felsen, die finsteren Schloßtürme und der weiße Marmorbrunnen verschmolzen mit den schwebenden Gestalten, dem Sonnenglanz und dem Mondlicht zum reinen Rhythmus bewegter Kunst.

Die lärmende Straße draußen zerstörte den Traum. Mit schmerzhafter Klarheit empfand ich die gähnende Kluft zwischen all der ästhetischen Kultur, die um uns her zu blühen begann, und dem Leben, dem Denken und Wünschen der Millionen, die erst anfingen, um die Befriedigung ursprünglichster Triebe zu kämpfen. Rombergs Gedanken begegneten den meinen.

»Fühlen Sie nicht selbst, wie weltenfern Sie denen stehen, deren ganzes Bedürfen in etwas mehr Zeit, etwas mehr Brot gipfelt?« sagte er. »Sie müssen Ihre Sinne, Ihre Nerven, an deren subtiler Verfeinerung Generationen arbeiteten, gewaltsam abstumpfen, um ihr Sprachrohr werden zu können.«

Meine ganze Freudigkeit kehrte mir wieder.

»Wie eng Sie denken!« lachte ich. »Nicht abstumpfen, steigern muß ich meine Empfänglichkeit, damit ich immer weiß, wie groß das Entbehren ist und wie ungeheuer der Gewinn unseres Kampfes.«

»Machen Sie sich denn gar nicht klar, daß, wenn die Masse erreichen sollte, was Sie heute haben, Sie und Ihresgleichen ihr wieder um tausend Jahre voran sind?!« sagte Romberg. »So wird die Kluft bleiben, -- immer bleiben, und die Gleichheit ist eine Chimäre.«

»Ich fordere auch nur die Gleichheit der Lebensbedingungen; wie der Baum aus diesem Boden wächst, darüber entscheidet seine eigene Kraft,« antwortete ich.

Wir brachen ein Gespräch ab, das uns nur voneinander entfernen mußte. Aber einen Gedanken hatte es wachgerufen, der sich von nun an nicht mehr einschläfern ließ. Wenn er mich quälte und ich ihn abschütteln wollte, so bohrte er sich nur noch tiefer in Hirn und Herz. Hörbarer, als da die Völker wanderten, um sich neuen Heimatboden zu erobern, dröhnte die Erde unter den Tritten der Millionen, die sich in Bewegung gesetzt hatten, um dem Elend zu entfliehen. Aber ihrem Wollen fehlte die einheitliche Formel. Im Dreigestirn der Revolutionsideale lag sie nicht. Und was Marx ihnen gegeben hatte, das waren wissenschaftliche Erklärungen über die Art, das Tempo und das Ziel der Bewegung gewesen, die nur so lange über den Mangel hinwegtäuschen konnten, als sie unerschüttert waren.

Ein Ereignis bestärkte mich in meiner Idee. Mitten im Wahlkampf, der all unsere Kräfte auf ein Ziel, -- die Niederwerfung des Gegners, -- hätte konzentrieren müssen, entspann sich ein wüster Krieg zwischen den Parteigenossen selbst. Er wäre unmöglich gewesen, wenn nicht jenes Fehlen der inneren Einheit gegenseitiges Mißtrauen zur Folge haben mußte. Was der eine ruhigen Gewissens tat oder ließ, das erschien dem anderen als ein Verstoß gegen die Partei.

Ein halbes Dutzend Parteigenossen, -- ich gehörte zu ihnen, -- hatten seit Jahr und Tag an einer bürgerlichen Wochenschrift mitgearbeitet, die eine Tribüne war, auf der alle Richtungen ungehindert zu Worte kamen. Die literarischen und künstlerischen Kritiken, die ich darin veröffentlicht hatte, -- Augenblicksarbeiten, denen ich gar kein längeres als ein Augenblicksinteresse beimaß, -- hatten oft weniger dem Bedürfnis nach Aussprache, als dem Erwerbszwang ihr Entstehen zu verdanken. Die Parteipresse stand mir nur selten zur Verfügung, und um so seltener, je mehr ich des Revisionismus verdächtig war. In ähnlicher Lage wie ich waren die meisten derer, die mit mir 'gesündigt' hatten. Zwei von ihnen standen als Reichstagskandidaten im heftigsten Feuer der Wahlkampagne. Aber das hinderte einige radikale Wortführer nicht, uns in breitester Öffentlichkeit als Schleppenträger der gegnerischen Presse zu verdächtigen.

Kaum hatte ich den betreffenden Artikel gelesen, als ich schon am Schreibtisch saß, um uns dagegen zu verteidigen. Die Ansicht, daß wir jede Tribüne benützen müssen, von der aus wir gehört werden können, hatte sich in mir seit der Zeit, wo ich sie, von Wanda Orbin beeinflußt, angesichts des Frauenkongresses verleugnet hatte, nur befestigt. Unsere Presse, unsere Versammlungsreden erreichten immer nur dieselben Kreise, und abseits standen Hunderttausende, die uns nur aus den Darstellungen der Gegner kennen lernten. Ich legte meine Erklärung den Mitbetroffenen vor. Sie sollte in derselben Zeitung erscheinen, die uns angegriffen hatte. Ich wurde daran verhindert; man wünschte die Ausdehnung des Zwists zu vermeiden, indem man die öffentliche Antwort, wie ich sie beabsichtigt hatte, in eine Zuschrift an den Parteivorstand verwandelte. Dieser aber sah sich nicht mehr imstande, auf eine interne Auseinandersetzung einzugehen, -- die ganze Presse hatte sich schon der Sache bemächtigt, unsere politischen Gegner schlachteten sie gegen uns aus --, er veröffentlichte seine Entscheidung: kein Parteigenosse darf an einer Zeitschrift mitarbeiten, die die Sozialdemokratie in hämischer oder gehässiger Weise kritisiert. Die ganze Provinzpresse druckte natürlich die lapidaren Sätze des Vorstands ab. Wir waren gebrandmarkt vor den Genossen, in deren Mitte wir wirken sollten; den Gegnern waren die Waffen in die Hand geliefert, um uns vor ihnen zu diskreditieren. Darüber verging uns das Lachen, das im Grunde die richtigste Antwort gewesen wäre. Wir sahen in der Entscheidung, die es jedem Parteiführer an die Hand gab, mißliebige Blätter auf den Index zu setzen, einen weiteren Schritt zum Papismus, wir empörten uns, daß gerade diejenigen, die in der Partei in Amt und Brot waren, den freien Schriftstellern, die dem Verdienst nachgehen mußten, die Zugehörigkeit zur Partei unmöglich zu machen suchten, und eine ihrer Grundlagen schien uns in dem Angriff auf die Freiheit der Meinungsäußerung verletzt. Wir Überläufer aus der Bourgeoisie, die im Kampf gegen alle Autoritäten, -- die der Familie, der Bildung, der Religion, des Staats --, den Weg zur Sozialdemokratie gefunden hatten, wären die letzten gewesen, eine neue Autorität, -- die des Parteivorstands, -- anzuerkennen. Und mein Mann, der seine Frondeurnatur am wenigsten verleugnen konnte, wurde unser Wortführer gegen ihn: in einem geharnischten Artikel verteidigte er die Freiheit der Meinungsäußerung. Nun erst entbrannte der Kampf, der seit dem Münchener Parteitag schon im stillen die Geister erhitzt hatte, auf der ganzen Linie, -- mit all jener Bitterkeit, die entsteht, wenn Freunde zu Feinden werden.

Im stillen fürchteten wir, was unsere politischen Gegner hofften: daß die Wahlen dadurch zu unserem Nachteil beeinflußt werden könnten.

* * * * *

Am ersten Mai, dem Weltfeiertag der Arbeit, sollte ich in Frankfurt a. O. die Festrede halten. Mir war im Augenblick wenig festlich zumute: mit so viel Hoffnungsfreudigkeit hatte ich die Agitation begonnen, -- sollte sie vergebens gewesen sein?! Sollte ich am Ende an ihrer Erfolglosigkeit mitschuldig sein, weil ich -- es klang wie der dumme Witz eines Possenreißers -- in einer bürgerliche Zeitschrift über Halbes Theaterstücke und Laura Marholms Frauenbücher geschrieben hatte?! Aber schon als der Zug die letzte berliner Bahnhofshalle verließ und statt der hohen grauen Häuser sich draußen Laube an Laube reihte, von dem ersten jungen Grün überhaucht, mit bunten Fähnchen lustig bewimpelt, und Menschen in Festtagskleidern auf der Chaussee zwischen den jungen Birken, die grüßend die grünen Schleier ihrer Äste bewegten, den Versammlungen entgegeneilten, in denen ihres Frühlingsglaubens Auferstehungsbotschaft gepredigt werden sollte, verschwanden all meine törichten kleinlichen Ängste. Was hatten die dogmatischen Zänkereien der Priester mit der Religion der Massen zu tun?

Zwei kleine Mädchen empfingen mich am Bahnhof, mit blauen Bändern in den Zöpfchen und frisch gewaschenen weißen Kleidern, die sich um sie bauschten, so daß sie aussahen wie Riesenglockenblumen. Sie führten mich hinunter in die Stadt über den Platz mit seinen geharkten Wegen, seinen artigen Rasenfleckchen und den kleinen dürftigen Beeten darauf, an Häusern vorüber mit nüchternen Fassaden und ablehnend verhangenen Fensterscheiben. Die Glocke der Elektrischen wirkte hier wie erschreckender Lärm. Als wir aber um die Ecke bogen, wo die Kastanien über das holprige Pflaster schon breite Schatten warfen, da schien das Leben der träumenden Stadt erwacht: in Trupps zu vieren und fünfen, mit weißen und braunen und gelben Kinderwägelchen dazwischen, die Männer im Sonntagsrock, die Frauen mit nickenden Blumen auf hellen Hüten, so zogen sie durch die Straße. Und an jeder Gassenmündung gesellten sich andere hinzu, und wo die Gärten größer und die Häuser kleiner wurden, kamen Landleute mit Stulpenstiefeln, Mädchen mit Kopftüchern über die Feldwege. Alles grüßte einander mit dem Blick frohen Erkennens. Weit hinunter bis zu dem silbernen Band der Oder dehnten sich, von alten Weiden umrahmt, üppige Wiesen; in goldgelben Flecken, wie auf die Erde gebanntes Sonnenlicht, glänzten Butterblumen daraus hervor. Von der anderen Seite des Wegs, wo der Boden sich hob, nickten über Weißdornhecken rosig blühende Bäume; darüber klang der langgezogene Sehnsuchtston der Stare, das Kwiwitt der Rotkehlchen, das vielstimmige Zwitschern buntgefiederter Meisen.

Nun hatten sich die Wandernden zu einem Zuge zusammengeschoben, und eins war ich mit ihnen. Aus dem Garten, durch dessen laubumwundene Pforte wir zogen, tönte Musik. Auf der Bühne der Festhalle, die wir betraten, warteten schon die Sänger. Ich stieg die Stufen hinauf. »... Ein Sohn des Volkes will ich sein und bleiben...« sang der Chor. Durch die hohen weit geöffneten Fenster strömte die Sonne in breiten Wogen; ihre Strahlen trugen den Duft des Frühlings mit herein und berührten all die braunen und blonden Scheitel der andächtig lauschenden Menge.

Dicht unter der Bühne hatten sich die Kinder zusammengeschart, die kleinsten in ihren bunten Kleidchen, wie ein Beet farbenfroher Sommerblumen, am weitesten nach vorn. Ein kecker kleiner Kerl war bis auf die Rampe geklettert, ein strohblondes Mädchen schmiegte sich schüchtern an sein Knie, und die beiden Augenpaare -- ein schwarzes und ein blaues -- hingen an mir wie eine große verwunderte Frage.

Sehr feierlich war mir zumute, als stünde ich, ein geweihter Priester, zum erstenmal auf der Kanzel. Aber es war nicht die Religion der Liebe, die ich predigte, -- jener Liebe, die den Haß der Welt in sich trägt, es war nicht die ewige Seligkeit, die ich verkündigte, -- jene Seligkeit, in die nur Eingang findet, wer zu kriechen und den Kopf zu bücken gelernt hat. Was als unklare Empfindung in den Herzen unserer Väter lebte, die die Sonne anbeteten, deren Feste Sonnwendfeiern waren, die dem steigenden Licht im Lenz die Neugeborenen weihten, -- das ist die Grundlage unserer Religion. Nicht wer am nachhaltigsten seine Sinne abtötet, sondern wessen Augen am klarsten sind, wessen Ohr am feinhörigsten ist, um alle Schönheit der Welt in sich aufzunehmen, der ist der Heiligste unter uns. Und ein Anrecht auf unser Himmelreich gewinnt nicht, wer leidet und duldet, sondern wer handelt und genießt. Dulden und leiden kann jeder, aber nur der Sohn einer reifen Kultur vermag zu genießen, nur der Wissende handelt.

»Wenn sich die Arbeiter der ganzen Welt Jahr um Jahr in der Forderung des Achtstundentages zu diesem Frühlingsfest vereinigen, so tun sie es, weil sie wissen, daß sie damit ihre Menschwerdung fordern. Zeit ist die Voraussetzung für Wissen und Genuß ...«

Halb enttäuscht, halb erwartungsvoll sahen die Frageaugen der Kinder noch immer zu mir empor. Mit demselben Ausdruck bettelte mein eigen Kind um eine Geschichte, wenn wir im Walde gingen, wo die Bäume und die Blumen ihm noch stumm waren. Auch diese Kleinen hier sollten nicht vergebens warten: von den Bettelkindern erzählt' ich ihnen, die auszogen, ihre verlorenen Königskronen wiederzufinden ...

Draußen im Garten kamen sie dann alle und dankten mir. Die Kinder hatten die Fäustchen voll Wiesenblumen und legten sie mir in den Schoß. Die Alten luden mich an ihren Tisch. Sie wußten nicht, daß ich ihnen zu danken hatte. Ich war wieder stark und froh, ich hatte in ihnen die Erde berührt, die kraftspendende.

* * * * *

Der Tag der Entscheidung rückte näher. Immer leidenschaftlicher wurden die Angriffe unserer Gegner in ihrer Presse, in ihren Flugblättern. Mit dem alten Märchen vom gewaltsamen Teilen suchten sie den Bauern, der an seiner Scholle hängt, den kleinen Handwerker, der sich an den kläglichen Rest seiner Selbständigkeit klammert, in ihre Gefolgschaft zu fesseln. Mit der Autorität des Kaisers stützten sie ihre Angriffe auf die sozialistischen Agitatoren.

»Zerreißt das Tischtuch zwischen Euch und jenen Leuten,« -- dieses kaiserliche Wort machten sie zu ihrem Schlachtruf. Weite Kreise des Volkes, denen der Thron noch so heilig war wie der Altar, scharte er unter ihre Fahnen, aber größere noch, empört über die Stellungnahme des Staatsoberhaupts im Kampf der Parteien, trieb er zu uns herüber. Hochauf loderte der Zorn in unseren Reihen. Was sich in Jahren angesammelt hatte an bitterer Enttäuschung und stillem Groll, das brach flammend hervor. Zu Regimentern, die wider den Gegner aufmarschierten, wurden die vielstelligen Zahlen, die Milliarden, die Armee und Flotte, China und Afrika verschlungen hatten; als Raubritter und Ausbeuter wurde gestempelt, wer je dazu ja gesagt hatte. Malten sie drüben mit blutigen Farben das Bild der Revolution und rissen dadurch den Gleichgültigen aus dem verschlafenen Winkel seines Daseins, so beschworen sie hüben alle Gespenster der Not und des Hungers herauf und schreckten mit ihnen die Stumpfen aus ihrem Arbeitsleben. Der ehrliche Kampf mit offenem Visier auf freiem Felde wurde zum Guerillakrieg mit heimtückischen Listen und nächtlichen Überfällen. Und durch die feindlichen Lager hin und her auf leisen Sohlen schlich die Verleumdung; wen das Schwert nicht niederstreckte, den vergiftete sie.

Ich hatte dem Gegner gegenüber gerecht bleiben, mich als einzelne behaupten wollen, gegenüber der Suggestion der Masse. Aber je länger ich im Kampfe stand, desto schwerer wurde es, ihrer Gewalt zu widerstehen. War ich nicht auch nur ein Soldat im Heere, dessen Füße von selbst im Takt der anderen marschieren, der die gleichen Waffen trägt, und, vom Rausch des Krieges überwältigt, einen persönlichen Feind in jedem Glied des gegnerischen Heerbannes sieht?

* * * * *

Der Gegenkandidat meines Mannes war ein alter Reaktionär, den der Bund der Landwirte auf seinen Schild erhoben hatte. Der Zolltarif galt ihm als ein »gigantisches Werk«; die Arbeitslosenversicherung, die in diesem Jahre wirtschaftlicher Depression für uns eine immer dringendere Forderung geworden war, erklärte er für »unmoralisch«; dem gesetzlichen Arbeiterschutz, dessen Ausbau auf dem Wege zu unseren Zielen lag, müsse, so sagte er, ein »Stopp« entgegengerufen werden, und wider den Großkapitalismus, dessen Entwicklung eine Voraussetzung des Sozialismus war, galt es, den Mittelstand mobil zu machen. Als der typische Konservative war er der willkommenste Gegner, weil sich hier, klar voneinander geschieden, zwei Weltanschauungen gegenüberstanden. Zwischen ihnen schwankten, als das Zünglein an der Wage, die Liberalen des Kreises hin und her. Sie wollten nicht glauben, daß wir ein gut Stück Weges zusammengehen konnten und es einer Verleugnung aller liberalen Grundsätze gleichkam, wenn sie den Konservativen Gefolgschaft leisten wollten.

Meinen Mann sah ich immer seltener. Trafen wir uns zu Hause, so schrieben wir zusammen Flugblätter und Artikel, wobei er mit der ruhigen Sachlichkeit seiner Beweisführung die Gegner zu entwaffnen und ich mit dem Feuer, das mich durchglühte, Anhänger zu werben versuchte. Hie und da trafen wir uns in Versammlungen, dann hörte ich, daß er sprach, wie er schrieb: er wandte sich an den Verstand, er suchte zu überzeugen, wo ich an das Gefühl appellierte. Er hatte die Sprache des Dozenten, nicht die des Agitators. Wen er dem Sozialismus gewann, der wurde zum Bekenner. Was ich entzündete, mochte nur zu oft nichts als ein Feuerwerk sein.

In den letzten Tagen fuhren wir von Ort zu Ort. Schon blühten Pfingstrosen in den Gärten, und von Flieder und Hollunder dufteten die Lauben. Über den staubigen Chausseen brütete die Sommersonne. Die Menschen in den engen Sälen atmeten rasch und schwer wie im Fieber. In den Dörfern gab's Schlägereien. War einer als Genosse bekannt, so spieen die Bauern vor ihm aus, und seinem Weibe gingen die Nachbarinnen aus dem Wege. Die Kinder aber in der Schule ließ der Lehrer mit besonderer Vorliebe patriotische Lieder singen. Säle, die uns zur Verfügung gestanden hatten, wurden uns genommen; breitspurig, ein Herr der Situation, stand der Gendarm vor der Türe, wenn wir den Eingang erzwingen wollten. Kamen wir auf freiem Felde zusammen, der Sonne und dem Regen trotzend, so löste er die Versammlung auf, hatten wir irgendwo einen Raum für sie gefunden, so erklärte er ihn für feuergefährlich, kam ich als Rednerin in irgend ein abgelegenes Nest, so hieß es: »Frauenspersonen dürfen nicht sprechen.« Aber die Genossen waren immer wieder erfinderischer als er. So fuhren wir einmal in ein kleines Dorf, das weltverlassen zwischen zwei blauen Seen in der Niederung liegt. Nur arme Schiffer wohnten hier und kleine Bauern, die elender lebten als der Fabrikarbeiter in der Stadt. Einer von ihnen hatte seine ganze arme Kate ausgeräumt, um die Versammlung zu ermöglichen. Das Hausgerät stand auf dem Hof, die Sonne enthüllte unbarmherzig all seine Armseligkeit. Die leeren Stuben faßten trotzdem die Menge nicht, das Gärtchen stand noch voll von ihnen. Selbst auf den Gemüsebeeten trampelten schwere Stiefel, aber als ich ein Wort des Bedauerns äußerte, sagte des Schiffers Frau mit glänzenden Augen: »Wenn's auch mit Erbsen nischt is dies Jahr, wenn's man mit die Stimmen für den Sozi wat sein wird!«

* * * * *

Am Vorabend der Entscheidung kamen wir in Frankfurt an. Im Hauptquartier der Partei herrschte fieberhaftes Leben: hier meldeten sich Radfahrer, um zum morgigen Dienst ihre Marschorder in Empfang zu nehmen, blutjunge Leute unter ihnen, die sich mit um so größerem Enthusiasmus in den Dienst der Sache gestellt hatten, als sie selbst noch nicht wählen durften; dort stellten sich Frauen zur Verfügung, um die Säumigen an die Urnen zu holen, und in später Nachtstunde kamen andere hungrig, heiß und verstaubt von der letzten Verteilung der Wahlflugblätter zurück. Als die Stadt schlief, huschten die Unermüdlichen noch durch die Straßen, und am Morgen leuchtete in weißen und roten Lettern ein »Wählt Brandt!« an den Zäunen und auf dem Trottoir.

Wir gingen durch die Wahllokale. Vormittags stellten sich allmählich die Bürger ein, ruhigen Schrittes, ohne sonderliche Erregung; mit dem Zwölfuhrglockenschlag wurde es auf den Straßen lebendig, und durch die Türen schoben sich die Arbeiter, beschmutzt, verstaubt, wie die Fabrik und der Bau sie entlassen hatte. Die Bezirksleiter notierten jeden, der sich meldete, strichen an, wer noch fehlte, gaben Weisung an die ihrer Aufgabe wartenden Frauen. Und die suchten dann die Säumigen in den Wohnungen, auf den Arbeitsstätten. Nachmittags lag wieder sommerliche Stille über der Stadt. Dann aber, als der Himmel sich schon mit rosigen Wolken überzog, hallte das Pflaster wider von raschen Tritten. Sie kamen in Scharen: die jungen, rüstigen voran, und zuletzt, von Frauen, von Kindern geführt, Alte, Kranke und Krüppel. Der Zettel in ihrer Hand, das war ihr einziges, freies Mannesrecht, damit waren sie an diesem einen Tage die Gestalter ihres Geschicks.

Es dämmerte. In den Wahllokalen saßen unter spärlichen Gasflammen, vor rauchenden Petroleumlampen die Zähler. Wenn wir eintraten, bedurfte es keiner erklärenden Worte, die leersten Gesichter waren sprechend geworden: Furcht und Hoffnung, Zorn und Siegeszuversicht drückte sich in ihnen aus.

Schon brannten die Laternen in den Straßen. Im Hause, wo die Partei ihr Bureau aufgeschlagen hatte, waren alle Fenster erleuchtet. Im Saal oben war es noch leer; nur der Vorstand des Wahlvereins harrte vor dem Tisch mit dem großen Tintenfaß und den unbeschriebenen weißen Blättern der kommenden Dinge. Sie grüßten uns kopfnickend, sie waren blaß und schweigsam vor Erregung. Über Webers Stirn standen helle Schweißtropfen, seine blanken Augen waren verschleiert. Wir setzten uns. Nach und nach füllte sich der Raum. Lauter Schweigende. Die Minuten schlichen wie ebenso viele Stunden. Endlich der erste Radler! Gleich darauf der zweite, der dritte, der vierte -- die Wahlbezirke der Stadt.

»Schlecht steht's!« knirschte der eine und warf den Zettel auf den Tisch.

»Der Westen Frankfurts --,« sagte Weber, »immerhin: zum erstenmal Stimmen für den Sozi! -- Das Zentrum, -- na, besser hätt's sein dürfen! -- Und die Vorstadt, pfui Teufel, das sind die Eisenbahner, die auf Kommando wählten! -- Aber hier --,« sein Gesicht strahlte -- »das reißt die ganze Stadt heraus!«

»Hurra!« rief einer und schwenkte die alte Soldatenmütze zum offenen Fenster hinaus.

»Bravo!« antwortete es vielstimmig von unten.

Wieder verrannen Viertelstunden. Schon waren alle Plätze an den langen Tischen besetzt.

»Warum dauert das nur so lang --,« seufzte ich.

»Die Radler aus dem Oderbruch können noch nicht hier sein --,« sagte Weber, der wieder und wieder nach der Uhr sah.

»Telegramme!« schrie jemand. Der Postbote drängte sich durch die Reihen.

Mit bebenden Fingern riß Weber sie auf: »Berlin erobert! -- Ganz Sachsen unser --!«

Ein Jubelruf, der sich wieder bis auf die Straße weiterpflanzte, aber rasch verklang. Das Schweigen war eine einzige Frage. »Und wir?!« -- Jetzt aber tönte von unten ein donnerndes »Hoch!« Wir stürzten zum Fenster: über das Pflaster sprangen Lichter in langer Kette, Räder blitzten auf --, die Treppen stürmte es empor: atemlos, blaurot, mit zitternden Knien standen sie vor uns, die Männer aus dem Oderbruch. Sie waren keines Wortes mächtig, aber die Tränen, die hellen Freudentränen tropften ihnen über die Wangen. Mit einer fast feierlichen Gebärde breitete Weber die Botschaften vor uns aus. Hunderte von Stimmen hatten wir gewonnen. Dicht unter den Augen der Gegner, auf Gutshöfen, in Dörfern hatten die Landleute für uns gestimmt. Stumm streckte ich dem Maurer Merten die Hand entgegen. Er hielt sie lange zwischen seinen harten Fingern.

Jetzt standen die Menschen schon Kopf an Kopf. Noch fehlten die entferntesten Bezirke, -- Buckow, Fürstenwalde. »Entschieden ist noch nichts,« murmelte Weber angstvoll.

Wieder ein Lärm auf der Straße. »Die Oderzeitung bringt ein Extrablatt!« schrieen sie zu uns empor. In weitem Bogen flog es von der Tür über die Köpfe hinweg auf unseren Tisch: »Depeschen aus Süddeutschland -- München, Nürnberg, Bayreuth, Stuttgart, Darmstadt -- alles unser!«

Und nun löste ein Depeschenbote den anderen ab; jede Siegesnachricht steigerte die elektrische Spannung, selbst die Nachtluft draußen schien erfüllt von ihr.

Zu elf dumpfen Schlägen holte die Uhr auf der Marienkirche aus.

»Im Haus der Oderzeitung löschen sie die Lampen,« -- rief ein junger Bursche, und brach sich mit Ellbogenstößen freie Bahn in den Saal. Die Gesichter ringsum erhellten sich.

Eine Gärtnersfrau, der ausdauerndsten eine im Heranholen säumiger Wähler, nahm aus ihrem bis dahin sorgfältig gehüteten Korb einen großen Strauß roter Nelken und stellte ihn vor uns auf den Tisch. -- »Ist's nicht zu früh?!« -- Ein Brausen lag in der Luft, -- war's nicht das pochende Blut in meinen Schläfen? Oder waren's die vielen Stimmen vor dem Haus?

»Die ganze Straße steht schwarz voll Menschen,« flüsterte ein baumlanger Arbeiter neben mir in scheuer Angst. Es war heiß, -- glühend heiß im Saal, und doch schien mir, als müßten alle frieren wie ich.

Da -- »Fürstenwalde!« und wie ein Echo: »Buckow!« Weber war weiß im Gesicht, -- sekundenlang bohrten sich seine Augen in das Papier. Wir hielten den Atem an, -- dann stieß er mit rauher Stimme ein einziges Wort hervor: »Gesiegt!«