Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Chapter 10

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Ich war schon wieder abgereist, als mir in Innsbruck berliner Zeitungen in die Hände fielen. Sie brachten mit mehr oder weniger hämischen Randbemerkungen die Mitteilung von Heinrichs Scheidung und meiner Verlobung. Und gleich darauf kam ein Brief des Vaters: »Was zu erwarten war, ist geschehen: alle Zeitungen beschäftigen sich mit Dir und ziehen meinen guten Namen in die Skandalgeschichte meiner Tochter. Sie sagen, daß Du Dich nun ganz der Sozialdemokratie in die Arme geworfen hast ... Du nahmst die Gewohnheit an, bei Deinen Handlungen nie an Deine Eltern, nie an Deine Schwester zu denken. Trotzdem bleibst Du unser Kind, und wir tragen an Dir mit, gleichgültig welches die Bürde ist, die Du uns auferlegst. Wenn eine Tochter frank und frei erklärt, sie gehöre zur Sozialdemokratie, so bleibt an den Eltern etwas hängen. Ich bin alt und gebrechlich, meine Tage sind gezählt, aber ich bin notwendig für Deine Mutter und Deine Schwester. Unehre jedoch ertrage ich nicht; wenn man mich ehrengerichtlich belangt, wegen Deiner Beziehungen zu einer staatsvernichtenden Partei, so mag man mich begraben. Daß die Sozialdemokratie es jetzt freudig ausbeutet, wenn die adlige Tochter eines allgemein bekannten Generals sich zu ihr bekennt, das begreife ich, es ist ihr Vorteil. Wer ein einziges Mal diese gemein aussehenden Leute im Reichstage gesehen hat und sich vergegenwärtigt, daß diese Rotte unheimlicher Kreaturen von den Pfennigen der Arbeiter sich mästet, die um so reichlicher fließen, je mehr alles in den Schmutz getreten wird, was uns heilig ist, der muß am Rande der Verzweiflung stehen, wenn er die eigene Tochter unter ihnen weiß ...« Ich antwortete nicht. Wie viel besser wäre der offene Bruch gewesen, als daß ich, vom Verstande unkontrollierten Gefühlen hingegeben, eine Brücke über Unüberbrückbares zu schlagen versucht hatte. Ich hatte nicht wehe tun wollen --, litten die Eltern jetzt nicht mehr, wo sie mich von schleichender Vergiftung befallen glaubten, als wenn ich ihnen ganz gestorben wäre?

Am Morgen meines Geburtstages erwartete ich den Geliebten. Stille Wehmut dämpfte die Freude, mit der ich Heinrich empfing. Vor lauter Glück bemerkte er meine Stimmung nicht. »Ich bringe dir ein schönes Geburtstagsgeschenk,« rief er, mich zärtlich umarmend. »Herr Charles Hall, der Deutschamerikaner, von dessen sozialpolitischen Interessen ich dir oft erzählte, hat sich bereit erklärt, meine Zeitschrift zu unterstützen. Siehst du, nun hab' ich auch das durchgesetzt: die bürgerliche Grundlage unserer gut bürgerlichen Ehe! -- Dürfen wir nun nicht Hochzeit feiern?!« fügte er leiser hinzu. Ich schüttelte den Kopf und hing mich fest an seinen Arm: »Laß mich erst wieder froh werden, mein Heinz!«

* * * * *

An einem regenfeuchten Julitag kamen wir nach St. Jodok, einem kleinen Bergnest, das die Brennerbahn fauchend umkreist. »Morgen fruh scheint d' Sunn,« versicherte der Führer, mit dem wir über unsere Pläne verhandelten, und so beschlossen wir, noch am Nachmittag zur Geraerhütte zu gehen. Es war ein einförmig düsterer Weg durch die Wiesen des Valser Tales mit ihren zahllosen braunen Heuschobern, auf die der Nebel tief hinunterhing, und dann die Anhöhe hinan auf steinigem Pfad, von schwarzgrauen Bergen umgeben, deren Gipfel sich in den Wolken verloren. Und in der Nacht tobte der Wind um die Holzhütte, und der Regen klatschte an die kleinen Fenster, daß ich mich fröstelnd in die Decken hüllte und eine undurchdringliche Finsternis noch vor mir zu haben meinte, als der Führer morgens an die Türe pochte. »Schön wird's,« sagte er mit unerschütterlicher Sicherheit. Wir traten hinaus, dicht vermummt, wie zu einer Winterreise. Fast wäre ich schwindelnd zurückgewichen vor dem Bilde, das die flackernde Laterne unsicher beleuchtete: wie auf einer Insel im Wolkenmeer standen wir. Unten im Tal lagen die Nebel dicht geballt, nur hie und da streckte es sich aus ihnen hervor wie lange schwarze Arme, die, kaum daß sie unsere Höhe erreichten, verschwanden wie Gespenster beim Glockenschlag. Wir stiegen aufwärts, Schritt vor Schritt, lange Serpentinen bis zum Alpeiner Ferner. Frischgefallener Schnee deckte ihn wie ein Leichentuch, nur hie und da glänzte das Eis hervor in tiefen, dunkelgrünen Spalten, -- geheimnisvoll lockende Gräber. Kein Leben ringsum; selbst der Sturm war verstummt, unhörbar versanken unsere Füße im Schnee. Mich grauste. War es nicht das Reich des Todes, das wir betreten hatten?

Da begann der Himmel über uns sich rosig zu färben; noch einmal sah ich hinab in das Nebelmeer der Tiefe, dann stieg ich, so rasch meine Füße mich tragen konnten, um die Höhe zu erreichen, wenn die Sonne kam.

Und sie war da. Glühend in junger Liebe, als küsse sie die Erde zum erstenmal. In der heißen Umarmung ihrer Strahlen ward die keusche Braut zum Weibe, das sich dem Geliebten schrankenlos hingibt. Sie warf die dunkeln Schleier von sich, in die sie sich eben noch scheu gehüllt hatte, und auch die letzten weißen duftigen Hüllen zerriß sie. In ihrer prangenden Schöne stand sie vor ihm, die schimmernde weiße Stirn stolz gen Himmel gehoben, den schneeigen Busen rosig überhaucht von dem Gruß dessen, der sie erlöste.

Wir standen ganz still und schauten uns an und lasen einander die Gedanken von den stummen Lippen. Auf dem Weg durch die Nacht und empor bis hierher, hatten wir die Vergangenheit noch einmal durchlebt, zusammengedrängt in wenige Stunden. Nun aber war es vorüber. Der Gipfel war unser. Und über das Schneefeld hinab, der Sonne zu, lag eingebettet in grüne Matten ein kleines, helles Haus. Mit dem Bergstock, dessen Spitze rote Alpenrosen schmückten und weiße Edelweißsterne, wies ich hinab. »Dort will ich Hochzeit halten,« flüstere ich. Da hob mich der Liebste jubelnd hoch empor, und miteinander sausten wir über den Schnee in die Tiefe.

»Arg verliabt san's,« brummte der Führer gutmütig, als wir aufatmend unten standen.

Zitherspiel und Gesang empfing uns in der Dominikushütte. Ein paar junge Männer, Studenten mit blondem Kraushaar und blitzenden Augen, saßen um den Tisch, und ihre Stimmen füllten den Raum mit lauter Frohsinn. Seil, Steigeisen und Eispickel lagen neben ihnen; die verstaubten Stiefel und die braunen Gesichter bewiesen: sie waren echte Höheneroberer. Solche Söhne will ich haben --, zog es mir durch den Sinn, als spräche es aus unbekannter Tiefe meines Wesens.

Feierlich, mit Millionen goldenen Sternen am Himmel, senkte sich die Nacht in das Tal. Von Wiesen und Wäldern ein starker Duft füllte unsre braune Kammer. Und leise Winde, die von den Gipfeln kamen und noch keinen Staub getragen hatten, flüsterten in den Fichten vor dem Fenster. Da bin ich sein Weib geworden ...

Fünftes Kapitel

Warme Augustsonne flutete durch alle Zimmer und brütete unten in gewitterschwangerer Hitze auf den jungen Anlagen des Lützowplatzes. Unruhig wanderte ich von einem Raum in den anderen, rückte auf dem mächtigen Doppelschreibtisch, den wir uns zu gemeinsamer Arbeit hatten machen lassen, die Bilder der beiden Buben, die nun meine Stiefsöhne waren, noch ein wenig in den Vordergrund, ging in ihr Zimmer mit dem blumengeschmückten Balkon, von dem aus der Blick geradeaus weit über die dichtbelaubten Bäume am Kanal schweifen konnte und rechts die Straße hinauf bis in die grüne Tiefe des Tiergartens, strich mechanisch die Bettdecken glatt und steckte den Kanarienvögeln, mit denen ich die Kinder überraschen wollte, ein paar Kuchenkrümel zu, die ich nebenan vom reichbesetzten Vespertisch geholt hatte. Immer wieder zog ich die Uhr: gleich mußten sie kommen, schon eine Stunde fast war Heinrich fort, um sie am Anhalter Bahnhof in Empfang zu nehmen. Ich lief durch unser Schlafzimmer mit seinen hellen Möbeln und meergrünen Vorhängen auf die breite Loggia hinaus: von hier würde ich sie zuerst entdecken, wenn sie vom Lützowufer auf den Platz einbiegen würden. Ich musterte erwartungsvoll alle Menschen. Von der luftigen Höhe meines vierten Stockes glichen sie aufgezogenen Puppen, wie sie die Händler um Weihnachten auf dem Asphalt laufen lassen. Und der Herkules auf der Kanalbrücke sah wie ein Knabe aus, der mit seinem Pudel spielt.

Wehte dort nicht jemand grüßend mit einem weißen Tuch? Richtig: es war der kleine, schwarze Hans, der dem Vater und dem Bruder voranlief. Ich hatte doch rechtes Herzklopfen. »Du wirst sie lieb haben, meine Kinder,« hatte Heinrich gesagt, ehe er ging. Und mein »Ja« war aus vollem Herzen gekommen. Nun aber war mir bang. Sie waren bei ihrer Mutter gewesen --, würden sie der jungen Frau ihres Vaters nun nicht wie einer Feindin begegnen? Würde all meine Liebe, die ich ihnen entgegenbrachte, weil sie Heinrichs Söhne waren, ihr Mißtrauen besiegen können?

Sie stürmten die Treppe hinauf. »Fein, daß du jetzt die Mama bist!« rief Wölfchen. Hans sah mich nur groß an und kramte in seinem Rucksack nach einem halbverwelkten Alpenrosensträußchen, das er mir mitgebracht hatte. »Ihr müßt recht brav sein, damit Ihr so eine gute Mama verdient,« sagte Heinrich. Ich warf ihm einen flehenden Blick zu. Er sollte mich nicht loben, -- jetzt, da sie von der eigenen Mutter kamen. Aber ich hatte ihnen wohl tiefere Empfindungen angedichtet, als sie besaßen. Sie waren vergnügt, selbst Hans wurde gesprächig; und als ich sie zu Bett brachte, waren sie ganz von selbst zärtlich zu mir geworden.

»Ich danke dir, Alix,« sagte Heinrich mit warmer Betonung. »Noch hast du zum Dank keine Ursache,« antwortete ich. Mir war seltsam beklommen zumute.

Als wir schlafen gingen, öffnete ich gedankenlos die Tür zum Zimmer der Kinder, -- es hatte mir in den acht Tagen seit unserem Einzug als Ankleideraum gedient --, erschrocken fuhr ich zurück: »Bist du's, Mutter?« rief eine schlaftrunkene Stimme. Ganz leise zog ich die Türe wieder ins Schloß; auf Zehenspitzen schlich ich ins Bett. »Liebste -- Einzigste!« flüsterte Heinrich und zog mich in seine Arme. Noch waren wir in den Flitterwochen unserer jungen Ehe, und uns war, als ob jeder Tag und jede Nacht uns einander aufs neue schenkte. Heute aber wehrte ich dem Geliebten mit einem ängstlichen Blick auf die Tür, -- kaum daß ich seinen Kuß zu erwidern wagte. Wir waren nicht mehr allein. Zehnjährige Knaben sind hellhörig.

Am nächsten Morgen ging ich mit ihnen in die Stadt. Ich hatte mich überzeugt, daß sie ganz neu eingekleidet werden mußten, auch die Schulbücher galt es anzuschaffen. In recht gedrückter Stimmung kam ich nach Hause; die Einkäufe hatten ein großes Loch in mein Portemonnaie gerissen. Siebenzig Mark, -- das war der ganze Rest meiner Erbschaft; auf unsere Reisen, auf die Wohnungseinrichtung war sie draufgegangen; Heinrich hatte schließlich auch noch den ganzen Haushalt der geschiedenen Frau mitgegeben, und es war nun nötig geworden, alles Fehlende zu ersetzen. Gewiß: ich hätte weniger ausgeben können --; ich hatte an nichts anderes gedacht, als unserer Liebe ein Heim zu schaffen, das ihrer würdig war. Glückselig hatten wir in den Tag hineingelebt; nun erst schien das Alltagsleben anzufangen, ganz nüchtern, ganz prosaisch, mit seinen täglichen kleinen Forderungen und seinen persönlichen Sorgen, in deren Schwüle der Altruismus so leicht verdorrt und der Egoismus üppig emporwuchert. Mir sank der Mut: wie würde Heinrich, der, wie es schien, an die Unerschöpflichkeit meiner Kasse ebenso fest geglaubt hatte wie ich, die unerwartete Nachricht aufnehmen? Ich war bei Tisch, -- dem ersten Mittag zu Hause, wir hatten bis dahin wie lustige Studenten stets irgendwo draußen gegessen, -- nicht gerade redselig. Gut, daß die Buben so viel zu erzählen wußten!

Als wir uns am Schreibtisch allein gegenübersaßen, Korrekturen und Manuskripte vor uns, bekannte ich Heinrich meine Entdeckung. Er sah mich ganz entgeistert an. »Aber das ist doch nicht möglich!« sagte er schließlich und strich sich mit der Hand über die heiße Stirn. »Du hast dich bestehlen und betrügen lassen --«, fuhr er dann los mit einem Ausdruck und einer Stimme, die ihn mir vollkommen fremd erscheinen ließen. Entsetzt starrte ich ihn an: so hatte mein Vater ausgesehen, wenn ich vor dem Ausbruch seines Zorns verängstigt aus dem Zimmer entfloh. Mir stürzten die Tränen aus den Augen. »Und nun weinst du auch noch, -- als ob damit geholfen wäre --« rief Heinrich aufgeregt. Ich drückte mein Taschentuch vor die Augen, stand auf und riegelte geräuschvoll die Schlafzimmertür hinter mir zu. Ich hörte, wie er die Entreetür krachend ins Schloß warf. Es war die erste, ernste Differenz in unserer Ehe. Aber schon als ich ihn mit langen Schritten unten über den Lützowplatz gehen sah, war mein Kummer verflogen. Ich hätte ihn, ohne Rücksicht auf die Verwunderung der Menschen, zurückgerufen, wenn meine Stimme ihn erreicht haben würde. Nun stand ich weit hinausgelehnt auf der Loggia und winkte mit dem Tuch, das noch feucht von meinen Tränen war. Mitten auf dem Platz stand eine alte Frau mit einem Korb voll Rosen. Seine Schritte verlangsamten sich, als er in ihre Nähe kam. Zögernd ging er an ihr vorüber. Dann aber drehte er um, ganz rasch, als habe er etwas sehr Wichtiges vergessen; ich sah, wie er der alten Frau alle Rosen aus dem Korbe nahm, und den Weg hastig zurückging, den er gekommen war. In diesem Augenblick hob er den Kopf und sah mich. Er winkte mit der Hand voll Blumen. Ich lief die Treppe hinab, ihm entgegen. Wir sanken einander in die Arme. »Verzeih mir, Geliebte, verzeih!« flüsterte er. »Was sollte ich dir zu verzeihen haben ...!«

Noch am Abend fuhr er nach Frankfurt, um Hall um einen Vorschuß zu bitten; vierundzwanzig Stunden später depeschierte er: »Anstandslos bewilligt. Sei ohne Sorgen.«

* * * * *

»Nun müssen wir doch wohl ein paar Besuche machen,« meinte Heinrich seufzend, ein paar Tage später, »bei meinem Bruder, bei August, bei dem Alten --«

Wir gingen zuerst zum »Vorwärts« in die Beuthstraße, in dessen Redaktion mein Schwager tätig war, Dunkle, schmierige Steintreppen führten hinauf. Nur spärlich drang das Tageslicht in die Redaktionsräume, vor deren Fenstern ein großes Fabrikgebäude mit dem Rattern seiner Maschinen und den grauen Gestalten, die sich eilig hin- und herbewegten, als ständiges Menetekel für die Vertreter der Arbeiterschaft drüben aufgerichtet schien. Zwischen Haufen von Büchern und Zeitungen saß mein Schwager, blaß und abgespannt.

Er war immer überarbeitet, denn zu seiner redaktionellen Tätigkeit lastete er sich stets noch tausend andere Dinge auf.

»Du interessierst dich ja für die Konfektionsarbeiter,« wandte er sich an mich, »Reinhard und ich bereiten eine Enquete vor. Man muß die Öffentlichkeit immer wieder mit der Nase auf die Dinge stoßen. Berlepsch ist abgesägt, die Konfektionäre haben ihr Wort gebrochen, ohne daß ein Hahn darnach krähte, jetzt gilt's wieder Spektakel machen, sonst ist's ganz und gar aus mit der Sozialreform.« Ich sicherte ihm freudig meine Hilfe zu. Und mit jener nervösen Unruhe, die stets das Zeichen geistiger Überreiztheit ist, schnitt er in der nächsten halben Stunde ein Dutzend anderer Gesprächsthemen an, um schließlich von seinem Bruder bei der Frage des Vorwärtskonflikts festgehalten zu werden, der gerade die Gemüter in der Partei erhitzte und die Gegner sehr beschäftigte, die überall hoffnungsvoll Unfrieden witterten.

»Ihr habt unrecht von Anfang bis zu Ende,« erklärte Heinrich kategorisch. »Zuerst in der Ironisierung der Quarckschen Vorschläge und dann in der unwürdigen Behandlung des alten Liebknecht.« »Was verstehst du davon?« brummte Adolf.

»Erlaube: von Sozialpolitik verstehe ich ebenso viel wie du. Und Quarcks Vorschläge liefen darauf hinaus, den Gewerkschaften eine intensivere Beschäftigung mit sozialpolitischen Fragen ans Herz zu legen. Darin hat er recht. Sie sind wichtiger, als leichtsinnig begonnene Streiks.«

»Die Regierung würde auf unsere schönsten sozialpolitischen Kongresse pfeifen, und die Folge wäre nur eine Verwischung des Klassencharakters der Bewegung« -- Adolf redete sich in steigende Erregung hinein; jede Unterhaltung schien sich in der Familie Brandt zum Streit auszuwachsen; -- »selbst einen verlorenen Streik, der sie trotz alledem stärkt, weil er die Erbitterung steigert, ziehe ich einem Liebäugeln mit bürgerlicher Sozialreformerei vor. Und was den Alten betrifft --, ich möchte sehen, was du tätest, wenn du mit ihm in der Redaktion säßest!« -- »Mich zanken -- höchst wahrscheinlich! Aber nicht vor der Öffentlichkeit!« Ich hielt den Augenblick für kritisch und stand auf. »Übrigens habe ich noch was für dich, Schwägerin,« sagte Adolf und begann seine sämtlichen mit Papieren vollgestopften Taschen vor uns auszuleeren. Endlich fand sich der Zeitungsausschnitt, den er suchte.

Ich las: »Zur Palastrevolution im Vorwärts -- cherchez la femme! Wir erhalten von authentischer Seite folgende interessante Aufklärung über die tieferen Beweggründe der Empörung der Vorwärtsredaktion gegen ihren Chef, Wilhelm Liebknecht. Frau von Glyzcinski, alias Fräulein Alix von Kleve, heiratete kürzlich Dr. Brandt, einen der Vorwärtsredakteure. Ihr brennender Ehrgeiz, der das Ziel verfolgt, das Zentralorgan der Partei in die Hand zu bekommen, ist es, der die Intrige anzettelte. Eine Dynastie Brandt dürfte die Dynastie Liebknecht nunmehr ablösen.« »Verlogenes Pack!« knirschte Heinrich. Adolf lachte. »Beruhige dich,« sagte er zu ihm, »wir bringen heute schon eine Berichtigung --« »Und wir gehen sofort zu Liebknechts, um der Geschichte die Spitze abzubrechen.«

Adolf hielt uns noch einmal zurück: »Ich rate euch dringend, den Besuch zu unterlassen. Der Alte kümmert sich freilich um keinerlei Geklatsch, aber Frau Natalie erzählt in allen Parteikaffeekränzchen Räubergeschichten über euch, die sie von deiner geschiedenen Frau gehört haben will. Sie ist euch noch feindseliger gesinnt als Leo.« »Leo?!« wiederholte Heinrich überrascht. So hieß jener Freund, auf dessen enthusiastische Schilderung hin er die Bekanntschaft Rosaliens gesucht hatte. »Das weißt du nicht?!« staunte Adolf. »Jedem, der es hören oder nicht hören will, zählt er haarklein deine Sünden auf: daß du Rosalie gezwungen habest, nach England zu gehen, um hier -- na, sagen wir: ungestört zu sein, daß du sie selbst im Wochenbett nicht geschont, sondern ihr die Einwilligung zur Scheidung durch unaufhörliche Quälerei erpreßt hättest und sie, kaum daß sie aufstehen konnte, mit dem Säugling aus dem Hause getrieben hast.« Heinrich war außer sich. Einer seiner besten Freunde war Leo gewesen, und er verurteilte ihn, ohne ihn gehört zu haben!

Wir gingen schweigsam nach Hause. Auf dem Lützowplatz sah ich Frau Vanselow uns entgegenkommen. Sie bemerkte uns, stutzte und bog hastig in einen Nebenweg ein. Heinrich sah mich forschend an und zog, wie zum Schutz, meinen Arm durch den seinen. »Mach dir nichts draus, Schatz. Es ist alles Gesindel! Du stehst zu hoch, als daß es dich verletzen könnte.« -- »Und dich?!« fragte ich und zwang mich zum Lächeln. Er biß sich die Lippen und schwieg.

Fast immer, wenn ich ausging, hatte ich ähnliche Begegnungen: Kein Zweifel, meine alten Gefährtinnen aus der bürgerlichen Frauenbewegung wollten mich nicht mehr kennen. Frau Schwabach ging mit hoch erhobenem Kopf vorüber, wenn sie mich sah, und ich erfuhr aus den Zeitungen von den Vorbereitungen zum internationalen Frauenkongreß, den einzuberufen ich im Frühjahr noch mit beschlossen hatte. Man lud mich zu keiner Sitzung mehr ein, es fehlte nur noch, daß man mir das Referat über die Arbeiterinnenfrage fort genommen hätte, das mir seit Monaten übertragen worden war. Ich schrieb an Frau Morgenstern, um sie daran zu erinnern. Sie antwortete in sichtlicher Verlegenheit: »Wir glaubten nicht, daß Sie noch Wert darauf legten, geschieht es dennoch, so können wir Sie natürlich nicht hindern.«

Nach all diesen Erfahrungen sah ich dem Besuch bei Bebels nicht ohne Herzklopfen entgegen, obwohl wir zu unserer Hochzeit ein Glückwunschschreiben erhalten hatten. Vielleicht war das nichts als eine Höflichkeit gewesen; ich fing an, mißtrauisch zu werden, und etwas wie Verbitterung bemächtigte sich meiner. Um so freudiger war ich überrascht, als die gute Frau Julie uns herzlich willkommen hieß. Vor Rührung und Dankbarkeit wäre ich ihr fast um den Hals gefallen. Und wenn ich in Bebel bisher den Vorkämpfer des Sozialismus bewundert hatte, -- von dem Augenblick an, wo er mir mit einem freundlichen: »Nun sind Sie ganz die unsere« kräftig die Hand schüttelte, verehrte ich ihn um seiner Menschlichkeit willen.

Ich beklagte mich über die Behandlung durch die vielen anderen, -- selbst durch Parteigenossen. »Sie wundern sich noch, daß Ihre Geschichte so viel Staub aufgewirbelt hat?!« sagte Bebel. »Da kennen Sie unsere männlichen und weiblichen Philister schlecht! In der Theorie läßt man sich allerlei bieten, aber in der Praxis -- nein, das geht doch nicht! Wo bliebe da die Moral!! Meine Frau und ich haben schon schwer für Sie kämpfen müssen --«

»So laß doch, August, -- das erzählt man doch nicht!« wehrte Frau Julie errötend ab, während ich ihr dankbar die mütterlich-weiche Hand drückte.

»Warum denn nicht?« meinte er. »Es ist besser, Brandts sind orientiert, als daß sie täglich aufs neue unangenehm überrascht werden.«

»Ich hörte, daß Leo sich sehr feindselig benimmt?« fragte Heinrich.

»Und ob! Aber auch mit Singer habe ich mich schon herumgestritten, so daß er mich schließlich fragte, ob ich ihn für einen Philister hielte, was ich bejahte. Daß Frau Liebknecht gegen Sie beide Partei ergreift, war bei ihren Anschauungen gar nicht anders zu erwarten. Bei den Frauen müssen Sie sowieso darauf gefaßt sein, daß sie von einem wahren horror ergriffen sind. Im Mittelalter hätten sie Sie als Hexe verbrannt, heute werden Sie von hundert Mäulern begeifert und auf hundert Federn gespießt.«

»Und da läßt sich gar nichts machen?« Meinem Mann schwollen die Adern an den Schläfen. »Warten Sie's ab, daß ist der einzige Rat, den ich geben kann. In vier Wochen stürzen sich die Raubtiere auf irgendeinen anderen armen Piepmatz, der so vermessen ist, fliegen zu wollen.«

Frau Julie fragte nach meinen Eltern. Ich erzählte freimütig, was wir durchgemacht hatten. »Arme, junge Frau -- arme junge Frau,« wiederholte sie immer wieder und streichelte mir die Wange.

»Mach unsere Genossin nicht noch weicher, als sie ist,« sagte er -- »Sie müßten statt dessen in Drachenblut baden! Aber eins wird Sie trösten: die Arbeit in der Partei. Damit werden Sie schließlich auch die bösesten Zungen zum Schweigen bringen.«

Wir schieden wie Freunde. Ich fühlte mich neu gekräftigt und voll Hoffnung. Als wir ein paar Tage später zu Bebels geladen wurden, sah ich diesem Ereignis mit erwartungsvoller Freude entgegen. Eine Gesellschaft freier Geister, die die höchsten Ideale der Menschheit vertreten -- meine Sehnsucht, seit ich denken konnte --, würde sich bei ihnen zusammenfinden: unsere Gefährten auf dem Weg in die Zukunft.