Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Chapter 36

Chapter 363,524 wordsPublic domain

Nun war es nicht mein Mann, nun war ich es, die zuerst wieder von unserer Zeitschrift sprach. Und was ich so lange entbehrt hatte, geschah: Heinrichs verdüsterte Züge erleuchteten sich wie von innen heraus. Jetzt endlich kamen die Stunden innerer Gemeinschaft zurück, und im Überschwang der Freude glaubte ich das Mittel wieder gefunden, das auch die klaffenden Wunden unserer Ehe schließen würde. In gemeinsamer Arbeit, mit demselben großen Ziel vor Augen würden wir enger, unauflöslicher zusammenwachsen.

Ein Umstand half uns, mit etwas größerer Zuversicht an die Arbeit zu gehen. Meine Schwester, eine der sechs Erben der verstorbenen Tante, hatte, empört über die mir widerfahrene Ungerechtigkeit, versucht, die Annullierung des letzten Testaments, das meine Enterbung aussprach, durchzusetzen. Und als die Verwandten einmütig erklärt hatten, den letzten Willen der Toten respektieren zu müssen, tat sie allein, was sie von den anderen verlangt hatte, und verzichtete in Anerkennung meines Anspruchs auf den sechsten Teil ihres Erbes zu meinen Gunsten. Es war zunächst nur wenig, was ich bekam, -- der größte Teil des Vermögens lag in Grundstücken fest, -- aber für uns, die wir von Anfang an mit einer so geringen Summe rechnen mußten, daß kaum ein anderer daraufhin den Mut gehabt hätte, eine Zeitschrift zu gründen, war es eine willkommene Hilfe. Nur ganz flüchtig dachte ich daran, die paar tausend Mark für meinen Jungen festlegen zu wollen, -- ich errötete dabei über mich selbst. Drüben, im Osten, opferten sie ihr Leben ihrer Sache, und ich könnte mit dem lumpigen Gelde knausern!

* * * * *

Es war ein frohes Arbeiten damals. Wir fanden Mitarbeiter im eigenen Lager, die unsere Ideen teilten, wir fanden aber auch Künstler und Schriftsteller, die nicht abgestempelte Genossen waren und mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, einmal zum Volk zu sprechen. Und zuerst leuchteten uns überall die aus den schwarzen Schornsteinen glutrot aufsteigenden Flammen der Neuen Gesellschaft entgegen.

Daß innerhalb der Parteiorganisationen schon gegen uns gehetzt, vor einem Abonnement unserer Zeitschrift gewarnt wurde, daß uns die Genossen wieder als »Geschäftssozialisten« öffentlich an den Pranger stellten, -- dafür hatten wir nur ein Achselzucken. Sie glaubten, wir wollten wühlen, kritisieren; sie würden sich bald eines Besseren belehren lassen, denn wir dachten nur daran, aufzubauen. Am Himmel der Zeit stiegen Sturmwolken auf, und wer wetterkundig war, der sah dahinter erfrischte Luft, zu neuem Segen durchtränkte Erde.

Der Strom der russischen Revolution, der drüben alles mit sich riß, schien zuerst an Deutschland vorüberzubrausen, als wäre die Grenze ein Felsengebirge. Allmählich aber begannen seine Fluten Tunnel zu bohren, und die deutsche Reaktion warf angstvoll Wälle auf. In den Einzelstaaten kam es zu Wahlrechtsverschlechterungen, und die Angriffe auf das allgemeine Reichstagswahlrecht wurden lauter. Unter dem Deckmantel der scheinbar harmlosen Schulvorlage ging der preußische Landtag darauf aus, mit den Seelen der Kinder die Zukunft dem Fortschritt zu entwinden. Doch das Proletariat lernte von den russischen Freiheitskämpfern. Zum erstenmal in Deutschland eroberten sich die Arbeiter die Straße zu gewaltigen Massendemonstrationen. In Leipzig, in Dresden, in Chemnitz durchzogen Tausende und Abertausende, dem Polizeiaufgebot trotzend, die Stadt. Und wenn sie auch der Hartnäckigkeit der Regierung nichts abzutrotzen vermochten, sie fühlten sich nicht geschlagen, denn die Siege jenseits der Grenzen stärkten immer wieder ihren Mut: in dunkeln Massen, dicht gedrängt, mit einem Schweigen, das mehr als drohende Rufe von finsterer Entschlossenheit zeugte, war die wiener Partei vor dem Parlament aufmarschiert, während in ganz Österreich die Arbeit ruhte, und eroberte im gleichen Augenblick eine Wahlreform, die vor wenigen Wochen noch von der Regierung abgelehnt worden war. Und angesichts der blutgetränkten Straßen Petersburgs, der rauchenden Trümmer baltischer Schlösser versprach der russische Zar dem Volke die Verfassung.

Jetzt galt es auch in Preußen, gegen die Hochburg der Reaktion Sturm zu laufen: gegen den Landtag. Wir schürten in unserer Zeitschrift mit allen Mitteln den Brand.

»Trotz aller Anerkennung des stark pulsierenden Lebens, das in den Spalten der Neuen Gesellschaft herrscht,« schrieb mir Romberg damals, »bleibt Ihre Schornsteinzeitung mir unsympathisch, -- jetzt vollends, wo ich mit aufrichtiger Trauer sehe, daß Sie jene Vornehmheit preisgeben, deren Aufrechterhaltung durch alle Fährnisse proletarischer Versuchung mir bisher so bewundernswert erschien. Den ganzen giftigen Zorn der Renegaten schütten Sie über Ihre eigenen Klassengenossen, die Junker, aus.«

»Über Ihren Geschmack streite ich nicht mit Ihnen,« antwortete ich, »er führt uns, fürchte ich, weit voneinander. Aber mir die Preisgabe der Vornehmheit vorzuwerfen, dazu haben Sie kein Recht. Gerade weil ich Aristokratin war und blieb, weiß ich zu scheiden zwischen dem Adligen und dem Junker. Die Hutten und Berlichingen, die Mirabeau und Lafayette, die Struve und Krapotkin, -- das waren Aristokraten, das heißt freie Herren, keine Fürstenknechte, keine Sklaven des Herkommens. Ich bin stolz, zu ihnen zu gehören und werde, wie sie, bis zum letzten Atemzug gegen die Junker, das heißt die Dienstmannen, kämpfen.«

Im Abgeordnetenhause erklärte Graf Roon: »Wenn jemals die Regierung daran denken sollte, uns in Preußen die geheime Wahl zuzumuten, so würden wir zur schärfsten Opposition übergehen.«

»Auf das nachdrücklichste lege ich dagegen Verwahrung ein, daß das allgemeine geheime Wahlrecht als Wahlrecht der Zukunft hingestellt wird,« sekundierte ihm Herr von Manteuffel. Hüben und drüben schlossen sich die Reihen der Kämpfer. Sollte die Schlacht schon bevorstehen?

In den Köpfen der Parteigenossen spukte diese Frage, der die andere auf dem Fuße folgte: wie bereiten wir uns vor? Das Mittel immer wiederholter Arbeitseinstellungen hatte sich in Rußland als das eindrucksvollste erwiesen. Es wurde nun auch in der deutschen Partei erörtert. Es trennte die Geister nach einem Schema, auf das die Bezeichnung Revisionisten und Radikale nicht mehr passen wollte. Mein Temperament riß mich rückhaltlos auf die Seite derer, die den Massenstreik verteidigten; mein Mann stand im entgegengesetzten Lager, wo die Gewerkschafter sich vereinigt hatten. Auch die Ansichten unserer Mitarbeiter gingen auseinander.

»Glauben Sie, es läßt sich beschließen, übermorgen nachmittag um vier in den Massenstreik einzutreten?« höhnte Reinhard. »Revolutionen sind keine Paraden, die vorher einexerziert werden.«

»Aber die Truppen müssen dafür vorbereitet sein wie für die Kriege,« entgegnete einer unserer Mitarbeiter; »wir müssen den Gedanken in die Köpfe hämmern, damit er zur rechten Zeit zur Tat reift.«

»Von unseren drei Millionen Wählern sind nur viermalhunderttausend politisch organisiert, und von zwölf Millionen Arbeitern nur anderthalb Millionen gewerkschaftlich!« rief Reinhard aus. »Mir scheint, wir müssen zuerst die Köpfe _haben_, ehe wir daran denken können, eine Idee in sie hineinzuhämmern.«

Das Feuer meiner Begeisterung verflog angesichts des neu entfachten theoretischen Streites, der bei uns Deutschen so oft an Stelle des Handelns tritt. Die Demonstrationen gegen den preußischen Landtag beschränkten sich auf ein paar große Versammlungen, denen erst das Aufgebot von Polizei und Militär Bedeutung verlieh. Die Schulvorlage wurde angenommen. Graf Bülows Politik der Ablenkung des Volksinteresses bewährte sich wieder einmal: die Blicke aller derer, die nicht zu unseren Kerntruppen gehörten, richteten sich wie hypnotisiert auf die internationalen Verwickelungen. Von der feindseligen Verstimmung sprach der Reichskanzler, als die neue Flottenvorlage dem Reichstag zuging: »Deutschland muß stark genug sein, sich im Notfall allein behaupten zu können!«

Von dem Ernst der Zeit, von der Notwendigkeit, eine stets schlagbereite Armee zu haben, sprach der Kaiser. So wurde gegen die revolutionäre die patriotische Stimmung ausgespielt.

* * * * *

Wir hatten gearbeitet, den Blick krampfhaft vorwärts gerichtet, besinnungslos. Wir hatten unser Programm erfüllt, waren jeder tieferen Volksregung nachgegangen; es hatte an aufrichtiger Anerkennung nicht gefehlt, und trotz allen lauten und leisen Wühlens gegen uns war in kurzer Zeit ein Stamm von Lesern gewonnen worden. Aber die Kosten der Zeitschrift überstiegen bei weitem die Einnahmen. Wir konnten nicht länger die Augen davor verschließen, daß unsere Mittel auf einen winzigen Rest zusammengeschmolzen waren.

»Drei Jahre müssen Sie aushalten können, dann haben Sie sich durchgesetzt,« sagte uns ein treuer Genosse, der zugleich ein guter Geschäftsmann war.

»Drei Jahre!« wiederholte ich in Gedanken. »Wo wir kein Vierteljahr mehr gesichert sind!«

»Wir dürfen die Flinte nicht ins Korn werfen, heute weniger als je,« erklärte mein Mann; »denn jetzt schädigen wir dadurch die Sache.«

Die Furcht flüsterte mir zu: »Gib auf, solang es noch Zeit ist.«

»Heinrich ertrüge es nicht,« antwortete die Stimme meines Herzens.

* * * * *

Um jene Zeit kam meine Schwester nach Berlin zurück. Sie war in einem Sanatorium gewesen und hatte dann eine lange Seereise gemacht.

»Nun bin ich heil und gesund,« damit trat sie wieder vor mich hin, »und jetzt komme ich zu dir und will arbeiten.« Mit ungläubigem Lächeln sah ich sie an. »Meinst du etwa, ich hielte auf die Dauer solch zweckloses Leben aus?« schmollte sie, weil ich sie nicht ernst nehmen wollte.

»Im Sanatorium war einer mein Tischnachbar, der ein heimlicher Genosse ist,« fuhr sie zu plaudern fort. »Er holte nach, was du zu tun versäumtest; gab mir Bücher und Zeitungen und klärte mich auf. Ich bin überzeugte Sozialdemokratin.«

»Aber Ilse!« lachte ich. »Du?! Die Ästhetin?! Du mit deinem Grauen vor dem Pöbel?!«

Nun wurde sie wirklich böse. »Ist es so unwahrscheinlich, daß man sich entwickelt? -- Bist du vielleicht als Genossin auf die Welt gekommen?! -- Ich bildete mir ein, dir mit dieser Nachricht eine besondere Freude zu machen, und nun glaubst du mir nicht! Aber ich werde dir beweisen, wie ernst ich es meine: noch heute will ich mich dem Vertrauensmann meines Wahlkreises vorstellen, ich werde sogar Flugblätter austragen, wenn er mich brauchen kann.«

Ich war noch ganz benommen von der erstaunlichen Wandlung meiner Schwester, als Heinrich sie begrüßte. Er fand sich rascher in die veränderte Situation.

»Da hätten wir ja eine neue Mitarbeiterin,« sagte er lebhaft.

»Ja, -- ob ich aber schreiben kann?!« meinte sie zögernd.

»Sind nicht alle ihre Briefe druckreifes Manuskript?« wandte er sich an mich. »Und prädestiniert sie nicht ihre ganze Vergangenheit, gerade das wichtige, noch so sehr vernachlässigte Gebiet der künstlerischen Volkserziehung zu dem ihren zu machen?«

Alles Fremde, das seit Jahren zwischen uns gestanden hatte, war jetzt vergessen. Die kleine Ilse war wieder mein Kind, wie einst, da sie nichts so gerne hörte wie meine Geschichten, mit nichts spielen mochte als mit den Spielen, die ich erfand. Ich streckte ihr beide Hände entgegen:

»Du brauchst keine Flugblätter auszutragen, um zu beweisen, daß du zu uns gehörst. In der Partei ist viel Raum für Kräfte wie die deinen.«

Am Abend sah ich an Heinrichs grüblerischem Gesichtsausdruck, daß irgendein Gedanke ihn beschäftigte. Er ging schweigsam im Zimmer auf und nieder. Endlich blieb er vor mir stehen: »Was meinst du, wenn wir Ilse aufforderten, sich an der Neuen Gesellschaft mit einem Kapital zu beteiligen?«

Ich hob die Hände, als gelte es einer Gefahr zu begegnen.

»Um Gottes willen nicht!« rief ich aus.

»Du scheinst deiner Schwester wenig zuzutrauen,« entgegnete er stirnrunzelnd. »Daß wir alles aufs Spiel setzen, ist dir selbstverständlich; daß Ilse einen Bruchteil ihres Vermögens opfern soll, kommt dir unmöglich vor. Und doch könnte das ihr geben, was ihr fehlt: einen ernsten Lebensinhalt, einen Antrieb zur Arbeit, die mehr ist als Laune und Spielerei.«

Ich widersprach auf das heftigste: »Was wir tun und lassen, ist unsere Sache, aber die Verantwortung für Ilse dürfen wir nicht auf uns nehmen. Niemals ertrüg' ich's, sie in unseren Ruin hineinzuziehen!«

Heinrich brauste auf. »Wie kannst du von Ruin sprechen, wo uns nichts fehlt als die Mittel, noch einige Zeit auszuhalten, -- wo wir in zwei, drei Jahren über das schlimmste hinaus sein werden! Hast du so gar keinen Glauben an die eigene Sache?«

»Ich habe ihn, Heinz, ich hab ihn gewiß --,« meine Hände preßten sich flehend ineinander, »-- aber lieber will ich mir die Finger blutig schreiben, lieber will ich von Ort zu Ort gehen, um die Mittel für die Neue Gesellschaft zusammenzubringen, als daß ich mich an Ilse wende.«

Mit gerunzelten Brauen sah Heinrich mich an. »Ich finde deinen Standpunkt kleinlich, -- deiner und deiner Schwester unwürdig. Sie wird sich freuen, mit einem Teil ihres Überflusses etwas Nützliches leisten zu können.«

Aber ich ließ mich nicht überzeugen. »Laß uns wenigstens noch versuchen, ob sich nicht auf anderem Wege Hilfe schaffen läßt,« bat ich. Heinrich schwieg, sichtlich verletzt.

Alle Schritte, die er in den nächsten Wochen unternahm, waren umsonst. Immer näher rückte die Zeit, die uns vor die letzte Entscheidung stellte. Mich schauderte im Gedanken daran.

Als ich ihn eines Abends wieder von einer vergeblichen Reise zurückkehren sah, -- so müde, so gebrochen, da hielt es mich nicht länger: »Geh zu Ilse,« sagte ich.

* * * * *

War es der Leichtsinn der Jugend, war es die Überzeugungskraft der Reife, die Ilse ohne einen Augenblick des Überlegens dem Vorschlag Heinrichs entsprechend handeln ließ? Wie kam es nur, daß in dem Augenblick, wo sie sich nicht nur im Denken, sondern auch im Handeln mit mir vereinte, ein kalter Reif auf die kaum wieder entfaltete Blume meiner Schwesterliebe fiel? Irgendeine Fessel, die die freie Bewegung meiner Glieder hemmte, wurde schmerzhaft angezogen.

Eine Unrast der Arbeit packte mich, die mich jede ruhige Stunde als Unterlassungssünde empfanden ließ. Selbst in den Augenblicken, wo die Sache, der ich diente, mich ganz zu packen schien, fiel mir ein, daß ich arbeiten mußte, um das Geld meiner Schwester nicht zu verlieren. Daß die Arbeitsgemeinschaft mit meinem Mann unsere Liebe zueinander festigen sollte, -- daran dachte ich kaum mehr. Kam mir in heißen Nächten nach gehetzten Tagen die Erinnerung daran, so grauste mich's. Ich saß meinem Mann gegenüber, tagaus, tagein, über Manuskripte und Korrekturen gebeugt. Ich hatte keine Gedanken mehr, mich für den Geliebten zu schmücken, keine Zeit mehr für das süße Spiel der Liebe, für Suchen und Finden, Zurückstoßen und Wiedererobern. Nur für mein Kind stahl ich mir morgens und abends noch eine Stunde; aus der Frische seines Denkens und Fühlens floß mir der Tropfen Lebensfreude, den ich brauchte, um weiter schaffen zu können.

Meinen kleinen Haushalt überließ ich nun schon lange der Berta. Zuweilen wunderte ich mich wohl, daß er bei seiner Einfachheit so kostspielig war. Aber jede Spur von Mißtrauen lag mir fern. Opferte die Berta uns nicht ihre ganze Arbeitskraft? War sie es nicht, die unter Hinweis auf die entstehenden Kosten jede fremde Hilfe ablehnte und alles allein besorgte?

Eines Tages sah ich ein goldenes Armband auf ihrem Nähtisch liegen. »Mein Onkel hat es mir zum Geburtstag geschenkt,« sagte sie.

Bald darauf brachte die Portierfrau, als sie abwesend war, ein Paket für »Fräulein Berta«, die Uhrkette sei darin, die sie sich durch sie habe besorgen lassen, fügte sie erklärend hinzu. Ich wurde stutzig und ließ mich in ein Gespräch mit ihr ein.

»Auch das Armband hat mein Mann besorgt,« schwatzte sie, »es kostete nur sechzig Mark. Und Fräulein Berta kann sich wohl mal was selber gönnen, nachdem sie immer das viele Geld nach Hause schickt.«

Nach Hause?! dachte ich verblüfft, ihr Vater war doch, wie sie oft genug erzählt hatte, in behäbiger Lage. Nun verfolgte ich erst aufmerksam ihr Tun und Lassen. Im Lauf einer Woche hatte ich alle Beweise in der Hand: seit Jahren war ich von ihr betrogen worden. Im ersten Gefühl der Empörung wollte ich ihre Unterschlagungen zur Anzeige bringen. Aber dann schämte ich mich. War ich nicht die Schuldige gewesen? Ich, die ich dem einfachen Bauernmädchen eine Freiheit gelassen, eine Selbständigkeit aufgebürdet hatte, der sie geistig und moralisch nicht gewachsen war; ich, die ich sie aus Dankbarkeit mit Geschenken überhäuft hatte, die ihre Eitelkeit, ihre Habsucht erwecken mußten? Sie war für die Lebenssphäre, in die sie zurücktreten mußte, bei mir und durch mich verdorben worden.

Ich entließ sie; ich bekannte meinem Mann meine Schuld. Von nun an mußte ich mich um die täglichen Sorgen des Haushalts kümmern, mußte vor allem die Zeit erübrigen, um mit meinem Buben ins Freie zu gehen. Ich war viel zu ängstlich, um ihn sich selbst zu überlassen. Wie müde fühlte ich mich, wenn ich abends schlafen ging! Wie zerschlagen, wenn ich morgens erwachte! Wie lange noch würde ich aushalten können?!

Und mehr denn je verlangte unsere Arbeit die ganze Nervenkraft, die volle Anspannung des Willens. Ein neuer Parteiskandal forderte gebieterisch unsere Stellungnahme. Die Auseinandersetzungen über den Massenstreik hatten in einem Teil unserer Tagespresse wieder die Formen persönlichen Gezänks, gegenseitiger Verdächtigungen angenommen. Zur Empörung der radikalen Berliner vertrat das Zentralorgan der Partei den Standpunkt der Gewerkschaften, und obwohl der Jenaer Parteitag eine wenigstens äußere Verständigung zwischen beiden Richtungen herbeiführte und auch die Preßfehde zu schlichten schien, ließ sich Groll und Mißtrauen nicht durch Resolutionen beseitigen. Trotz aller gegenseitigen Versicherungen blieb die Mehrheit der Vorwärts-Redaktion, die ihre Ansichten weder dem Votum der Masse unterwerfen, noch sich zu einem Inquisitions-Tribunal hergeben wollte, des Revisionismus verdächtig. Kaum war der Parteitag vorüber, als der Parteivorstand mit den Berlinern in Verhandlungen eintrat, deren Resultat die Entlassung und der Ersatz eines oder mehrerer Redakteure und die Neugestaltung der Mitarbeiterschaft über den Kopf der Redaktion hinweg sein sollte. Hinter verschlossenen Türen, mit strengstem Schweigegebot für die Teilnehmer und -- unter Ausschluß der Angeklagten ging das alles vor sich. Ein Fehmgericht nach demselben Prinzip wie das, dem ich einmal seitens der Frauen unterworfen worden war. Wo war hier die Gleichheit, wo die Brüderlichkeit?! Als die Redaktion trotz aller Vorsichtsmaßregeln von den Vorgängen erfuhr und der Parteivorstand ihren Protest gegen ein allen Grundsätzen der Demokratie hohnsprechendes Verhalten schroff zurückwies, handelte sie, wie organisierte Arbeiter handeln, wenn der Unternehmer ihre Kameraden ohne sie zu hören mit Aussperrung bedroht: sie erklärte sich in ihrer Mehrheit solidarisch, reichte ihre Entlassung ein und begründete ihre Handlungsweise vor der Öffentlichkeit. Mit gezückten Schwertern standen einander nun wieder zwei Richtungen in der Partei gegenüber. Aber die Masse vertrat nicht die Prinzipien der Demokratie, sondern die der Despotie.

»Wie können wir noch mit freier Stirn unsere Ideale gegenüber der Willkürherrschaft monarchischen Absolutismus verteidigen,« schrieben wir in der Neuen Gesellschaft, »wie können wir die Selbstherrlichkeit des Unternehmertums, seinen rücksichtslosen Herrenstandpunkt gegenüber dem Arbeiter angreifen, wenn der Gegner uns mit den eigenen Waffen zu schlagen vermag? Wie können wir an den endlichen Sieg unserer Sache glauben und uns unterfangen, andere davon überzeugen zu wollen, wenn die Ansichten einzelner, -- hier des Parteivorstands, ganz besonders die Bebels, -- zum Kredo erhoben werden und jeder Andersgläubige der Ketzerei beschuldigt wird, -- ungehört, wie bei den Hexenprozessen? ... Die Redakteure haben ihre Schuldigkeit getan, tun wir die unsere! ...«

Wie der Stein, der in den Teich geworfen wird, nicht nur weite und immer weitere Kreise zieht, sondern auch den Grund aufwühlt, sodaß dieser plötzlich in das klare Wasser schwarz und schlammig emporsteigt, so war es hier. Man hatte vergessen, den Grund zu säubern und auszumauern, ehe der frische Quell des Sozialismus hineingeleitet wurde. Die Moral der bürgerlichen Gesellschaft, die ihr das Christentum mit Feuer und Schwert und Verfolgung eingeimpft hatte, beherrschte alles menschliche Denken und Fühlen.

»Besser unrecht leiden, als unrecht tun,« predigten salbungsvoll unsere Parteiblätter; also sich beugen, sich der Macht unterwerfen, Demut und Unterwürfigkeit für der Tugenden größte erklären, -- konnte, durfte das die Ethik des Sozialismus bleiben?

Ich empfand das alles nur dumpf, wie einen Traum; ich hatte keine Zeit, Gedanken zu formen; ich hatte auch keine Kraft.

Sonderbar, wie elend ich mich fühlte. Als stünde mir eine große Krankheit bevor. Ich ballte die Hände, sodaß die Nägel mich in der Handfläche schmerzten: ich durfte nicht krank werden. Oft wenn ich mit meinem Sohn durch die Straßen ging, überfiel mich ein Schwindel. Dann lehnte ich mich an irgend eine Mauer, und er blieb vor mir stehen, die großen ernsten Augen ängstlich auf mich gerichtet. Und wenn ich abends mit irgend einer notwendigen Näharbeit bei ihm war, und er mir mit all dem überzeugten Pathos des Kindes vorlas, -- Märchen und Gedichte, die feierlichsten am liebsten, -- dann brauste es mir vor den Ohren, sodaß ich kaum seine Stimme noch hörte. Was war das nur?

Meinem Mann verschwieg ich meinen Zustand. Mein Junge war mein Vertrauter und mein Verbündeter zugleich. Er hatte mir versprechen müssen, dem Vater nichts zu sagen.

»Papachen hat soviel Ärger, er soll sich nicht auch noch um mich Sorge machen!« -- Und dies erste Zeichen eines freundschaftlichen Vertrauens seiner Mutter hatte ihn sichtlich reifer gemacht.

Aber dann kam ein grauer Tag; der Regen klatschte unaufhörlich an die Scheiben; um meinen Kopf lag es wie ein Band von Eisen. Plötzlich aber mußte ich vom Stuhle springen, auf dem ich zusammengekauert gesessen hatte; ein Gedanke traf mich, blendend wie ein Blitz. Wie hatte ich nur so lange fragen können, was mir fehlte: ich war guter Hoffnung. »Guter« Hoffnung?! Sehnsüchtig hatte ich mir oft noch ein Kind gewünscht, hatte, wenn ich meinen Buben ansah, es fast als ein Naturgebot empfunden, mehr seinesgleichen zu gebären. Und jetzt? Wie anders fühlte ich mich, als da ich ihn unter dem Herzen trug: schwach, schwermütig, arbeitsunfähig. Und ich mußte doch arbeiten!

Seit wir in dem letzten Parteikampf so energisch die Rechte der Minderheit vertreten hatten, regnete es Angriffe auf das »parteischädigende Treiben der Neuen Gesellschaft«. Auf wessen Tisch die rotleuchtende Flammenschrift unseres Blattes entdeckt wurde, der erschien schon verdächtig.

Wenn meine Schwester kam, wurde mir heiß und kalt. Etwas wie Schuldbewußtsein machte mich ihr gegenüber immer scheuer. Wir mußten uns durchsetzen, -- um jeden Preis! -- Und ich biß die Zähne zusammen und trug schweigend meine Qual, bis ich nicht mehr konnte.

Meine Ärztin machte ein ernstes Gesicht: »Sie müssen sich vollkommen ruhig halten, sich vor jeder Aufregung hüten,« sagte sie mit scharfer Betonung.

Ich verzog den Mund zu einem Lächeln und ging heim, als schleppte ich eine Zentnerlast mit mir. Und wenn ich mich in irgend einen Erdenwinkel hätte verkriechen können, sie würde weiter drückend auf mir liegen. Wen einmal die Sorge umstrickt, den hält sie fest.

Eine krankhafte Angst bemächtigte sich meiner. Ich fürchtete mich vor dem keimenden Leben in mir wie vor einem Mörder. Ich malte mir in dunkeln Nachtstunden den Augenblick schreckhaft aus, wo der Ruin vor der Türe stand.