Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre
Chapter 25
In einsamer Herrlichkeit stand sie vor uns, im Bewußtsein ihrer Macht und Schöne, zeitlos, beziehungslos. Ihr Blick schweifte hinweg über die Menge, gleichgültig, ob sie ihr Opfer zündete oder die Linien ihres Körpers mit dem Zirkel maß. Sie herrschte, sie begeisterte und belebte, nicht weil sie vom Sockel stieg in den Dienst der Massen, sondern weil sie vollendet war in sich.
Droben in den Sälen hingen die Bilder aller derer, die die Menschen, denen sie dienten, gekreuzigt hatten: die Heiligen, die Madonnen, die Christuskinder. Sollte der Zweck des Daseins nicht doch der Olymp der Griechen und nicht der Himmel der Christen sein?
Ich strich mit der Hand über die Stirn. Es war etwas wach geworden in mir, das schlafen mußte.
Ein weiches Händchen nestelte sich in das meine: »Warum hat die Göttin keine Arme, Mamachen?«
»Zur Strafe, weil sie die Menschen nicht festhielt, die ihrem Tempel entliefen.«
Elftes Kapitel
Es war ein Sonntag, als wir Berlin wiedersahen. Mir schien, als wären wir Fremde. Wie klein, wie armselig war das alles: die Linden mit ihren kraftlosen Bäumen und stillosen Häusern, der Pariser Platz mit seiner bedrückenden Engigkeit. Und die neuen Stadtteile: eine gute Bürgersfrau, die sich herausgeputzt hat, und das bißchen echte Kultur, das sie besaß, darüber vollends verlor. Dazwischen die Feiertagsbummler: Der Kontrast zwischen ihrer kreischenden Lautheit in Tönen und Farben und dem matten Grau des Märztages tat Augen und Ohren weh.
»Ich möchte wissen, wo ich zu Hause bin,« seufzte ich und legte mich abends mit jenem Gefühl innerer Leerheit schlafen, das uns zuweilen überkommt, wenn wir eine Staatssoirée hinter uns haben. Mir träumte von einem riesigen Wasserfall. Noch im Halbschlaf am Morgen hörte ich sein Rollen und Rauschen, und je wacher ich wurde, desto stärker schwoll es an. Vom Potsdamer Platz herauf klang es; Straßenbahnen, Omnibusse, Lastwagen, eilende Menschenfüße waren die Instrumente dieses Konzertes; Berlin ging auf Arbeit. Da war kein Winkel ohne Leben.
Drüben in der Leipzigerstraße waren unter der Spitzhacke alte Mauern zusammengebrochen, und sieghaft erhob sich jetzt, von Riesengranitpfeilern getragen, ein mächtiges Warenhaus, wie selbst Paris es nicht kannte, aus dem märkischen Sand. Kein Basar, dessen Bau Gotik, Barock und Renaissance durcheinanderwirft, wie seine reklameschreienden Schaufenster die Waren, -- ein Stück neuer Kultur vielmehr, die die Schönheit der Zweckmäßigkeit erkannte und doch allen Zauber der Kunst über sie ausgoß. Die Menschen strömten aus und ein. Sie trugen von all jenen glänzenden Goldblumen und köstlichen Steinreliefs, die seine inneren Räume schmückten, von den farbenleuchtenden Onyxplatten und gemalten Holzdecken, von den Feuertropfen und Lichtgirlanden einen Schimmer von Schönheit mit sich nach Haus.
Jenseits des Platzes waren Baumriesen gestürzt, denn dem Verkehr mußte die Straße sich weiten, und an der Peripherie der Stadt standen reihenweise die Holzgerüste, wie gewaltige Pallisaden, -- Zeichen dafür, daß das alte Kleid ihrem Riesenleibe zu eng wurde.
Ein Emporkömmling ist sie, -- gewiß! Aber keiner, den das Glück aufwärts trug. Vielmehr einer, der sich durch die Kraft seiner Fäuste den Weg bahnte.
Wie die Menschen liefen und hasteten! Sie kannten jenes gemächliche Schlendern nicht, mit dem Lächeln der Behaglichkeit auf den Lippen und kokettierenden Blicken hin und her. Aller Züge schienen gespannt von nervöser Eile, von sorgender Angst, von lastenden Gedanken.
Klingendes Spiel, feste Schritte im Takt kündeten das Nahen von Soldaten. Der Verkehr stockte. Wo in Preußen die bewaffnete Macht erscheint, gehört ihr die Straße. Und hypnotisiert durch den Marsch, durch die Masse, durch wehende Federbüsche und blinkende Uniformen, drängte jung und alt ihr nach, ihr voran.
Die Alexander-Grenadiere bezogen heute ihre neue Kaserne: in nächster Nähe des Schlosses war sie errichtet worden, eine Zwingburg mit Mauern und Schießscharten; und vom Lustgarten aus führte der Kaiser selbst seine Garde dem neuen Heime zu, während die Polizei in weitem Bogen das gaffende Volk beiseitedrängte, damit der Herrscher allein blieb mit seinen Truppen. »Ihr seid die Leibwache eures Königs,« sagte er, »und wenn diese Stadt noch einmal wie Anno 48 sich wider ihn erheben wird, so seid ihr berufen, die Frechen und Unbotmäßigen mit der Spitze eurer Bajonette zu Paaren zu treiben.«
Fürwahr, wenn ich mich bis jetzt wie in einem Traum befunden hatte, nun wußte ich: wir waren in Berlin.
* * * * *
Wir gingen mittags zu Erdmanns. Sie waren erst kürzlich von einer langen Seereise zurückgekehrt, die der Arzt ihnen verordnet hatte, und schienen, nach den Briefen meiner Schwester zu schließen, befriedigt von ihrem Erfolg. Und nun standen sie mir gegenüber, so anders als ich sie verlassen hatte. Scharf und eckig traten die Backenknochen aus meines Schwagers Gesicht hervor, sein Anzug hing um ihn, als wäre sein Körper nichts als ein Knochengerüst. Nur sein Geist schien lebensvoller als je und sprühte Funken. Das Schwesterchen dagegen war ebenso still, wie sie blaß und schmal war. Wo war das runde Kindergesicht und die glänzenden Augen? Seltsam: auch aus ihren Haaren war der Goldschimmer verschwunden; es lag wie Asche auf ihnen. Die einstmals lauter Wärme ausströmte, hatte eine Atmosphäre abweisender Kühle um sich. Ihre Lippen glichen jetzt denen meiner Mutter: scharf, schmal, blutlos. Ich sah, daß sie sich mir nicht öffnen würden, und forschte in ihren Zügen; aber auch sie blieben verschlossen. Ob sie unglücklich war, weil sie kein Kind hatte? Erdmann spielte stundenlang mit meinem Buben, während sie ihn kaum mit einem Blick streifte. Wir sprachen von der Mutter, die den Winter in Italien verlebt hatte und Briefe schrieb wie ein junges Mädchen, das zum erstenmal in die Welt sieht.
»Sie ist glücklich, seitdem sie allein ist,« sagte Ilse. Ein flehender, gequälter Blick ihres Mannes traf sie.
»Was spielst du jetzt?« fragte ich, zum Flügel deutend, um das Gespräch abzulenken.
»Ich habe die Musik aufgegeben, sie macht mich nervös,« antwortete sie.
»Auch die Oper??«
»Die erst recht! Die offenen Mäuler und gespreizten Arme all der dicken Tenöre und Primadonnen zerstören jeden Rest von Illusion. Man kann sie bestenfalls ertragen, wenn man geschlossenen Auges zuhört. Aber da man immer den übrigen Pöbel um sich hat -- --«
Sie unterbrach sich und schürzte ein wenig spöttisch die Lippen: »Ach so, -- entschuldige! Ich vergaß, daß ich euer proletarisches Empfinden kränken könnte.«
Erdmann lachte. »Nun -- nun,« meinte er begütigend, »der Pöbel des Parketts dürfte doch auch in euren Augen mit dem Proletariat nicht identisch sein. Übrigens bin ich mit Ilse einer Meinung: der Zirkus und das Überbrettl sind für unsereins allein noch erträglich. Hohe Kunst auf der Bühne ist verletzend für Menschen von Kultur. Man sollte dafür Marionettentheater schaffen, oder sechsfache Schleier vor die Darsteller hängen, damit sie wie Schatten wirken.«
»Unvergleichliche Wirkungen müßten sich dadurch erzielen lassen,« sagte Ilse, etwas lebhafter werdend, »zum Beispiel mit herrlichen Sachen, wie diesen hier.« Sie wies auf das neuste Heft der Blätter für die Kunst, das dramatische Gedichte von Schülern Stefan Georges enthielt.
»Ich lese sie noch immer nicht,« entgegnete ich lächelnd; »weniger denn je kann ich heute die hochmütige Abkehr vom Leben vertragen, die das Kennzeichen all dieser Menschen ist. Sie berauschen sich am Klang der Sprache und bekommen, wenn es zu handeln gilt, zittrige Hände wie Absinthtrinker.«
Wir gerieten in eine Debatte, die sich immer schärfer zuspitzte. Ilse bekam heiße Wangen und mitten im Gespräch einen heftigen Hustenanfall, der mich angstvoll aufhorchen ließ. Erdmann sah in diesem Augenblick wie verstört drein. Und wie um gewaltsam den Eindruck abzuschütteln, beschloß er, uns durch den Tiergarten zum Hotel zurückzubegleiten.
»Ich bin zu müde --,« sagte Ilse.
»In der frischen Luft wirst du schon munter werden,« damit drängte er sie hinaus.
Wir begegneten vielen Menschen, die Erdmanns grüßten. Das stimmte ihn fröhlich. »Lauter Leute, die ich einrichte,« sagte er. »Wenn ich erst all den Berlin-W.-Protzen zu anständigem Wohnen verholfen haben werde, kann ich den ganzen Kram an den Nagel hängen und Pinsel und Palette wieder vorholen. Was, mein kleines Ilschen?!« Und zärtlich schob er seinen Arm in den ihren. Aber sie senkte den Kopf nur noch tiefer.
* * * * *
Als die Mutter zurückkehrte, äußerlich und innerlich verwandelt, frisch und strahlend, dabei mit gesteigertem Lebensdurst, der sich auf alles stürzte, was sich ihr bot, lag Erdmann fiebernd zu Bett.
»Er wird sich erholen, sobald es warm wird,« sagte sie zuerst, und erzählte voll freudigem Eifer von ihren schweizer Sommerplänen. Ein paar Tage später sah ich sie wieder: gerade, steif, mit zusammengekniffenen Lippen, wie damals, als der Vater noch lebte. Die Ärzte hatten sie aufgeklärt. Erdmann hatte die Schwindsucht, Ilse schien angesteckt.
Wir nahmen Abschied von Erdmanns. Sie sollten in ein heidelberger Sanatorium übersiedeln. Die seidene Decke, unter der er lag, bauschte sich kaum sichtbar über dem Körper; die mageren Finger führten eifrig den langen Bleistift über das Papier auf seinem Schoß. »Ich muß doch für Prinzessin Ilse Geld verdienen,« und ein leidenschaftlicher Blick traf die schöne junge Frau, die ihm mit gesenkten Lidern, ruhig und pflichttreu, die Arznei zum Munde führte.
Ich kämpfte mit den Tränen, als ich nach Hause kam. Nicht nur, weil meine Schwester in einem Augenblick, wo ich sie unglücklich wußte, mir fremd, fast feindselig gegenüberstand, sondern weil sie das Opfer einer Ehe war, von der ich sie vielleicht hätte zurückhalten können. Ich empfand ihre Kühle wie einen Vorwurf.
»Vor Kinderschmerzen hast du mich einst gehütet,« schienen ihre Augen zu klagen, »warum hast du mich vor dem schlimmsten nicht bewahrt?« Und wenn sie meinen Buben geflissentlich übersah, so wußte ich, was sie damit sagen wollte: »Du hast mich über ihm vergessen.«
* * * * *
Unser Einzug in die neue Wohnung, -- einem Gartenhaus der Uhlandstraße, -- war kein fröhlicher. All die tausenderlei Dinge, die mit ihm zusammenhingen, vom Auslösen der Möbel auf dem Speicher bis zu den Löhnen der Handwerker, hatte unser letztes Geld verschlungen.
»So mach dir doch nichts draus, -- quäle nicht dich und mich mit unnützen Sorgen,« rief Heinrich heftig, als ich ihm unsere Lage auseinandersetzte. Ich schwieg verletzt. Er war wie ein geistig Weitsichtiger, der das Nächste nicht sieht, dem immer nur das Ferne gegenwärtig ist. Der Plan seiner Zeitschrift beherrschte ihn völlig. So mußte ich mir selber helfen. Ich bat den Verleger meines Buches um mein Honorar. Er erfüllte meinen Wunsch ohne weiteres. Heinrich aber wunderte sich nicht einmal, wieso ich plötzlich Geld hatte. Für ihn schienen die pekuniären Seiten des Lebenskampfes nicht zu existieren, mir dagegen nahmen sie alle Schwungkraft und machten mich bis zur Grausamkeit bitter gegen ihn. Bat ihn jemand um ein Almosen oder um ein Darlehn, so gab er, was er in der Tasche hatte. Wagte ich einen leisen Vorwurf, so gruben sich seine Stirnfalten noch tiefer, und es kam immer häufiger vor, daß er mir mit einem: »Sieh lieber, daß deine Berta dich nicht betrügt!« antwortete. Dann erst war die Entzweiung eine vollkommene. Nichts schien mir ungerechter, als dieses Mädchen zu verdächtigen, das sich für uns aufopferte und nicht einmal eine Aufwärterin zu ihrer Hilfe zuließ. Daß sie allmählich in ihrem Aussehen und Benehmen zu einem »Fräulein« geworden war, schien mir im Interesse meines Jungen nur vorteilhaft, während Heinrich es als Folge meiner Verwöhnung ansah und behauptete, ich verdürbe nur das einst so schlichte Bauernmädchen.
Lange freilich währten unsere gegenseitigen Verstimmungen nie. Vor den klaren Augen unseres Kindes, denen nichts entging, schämten wir uns ihrer. Seine Jugend sollte nicht durch den Unfrieden seiner Eltern vergiftet werden, wie die meine.
»Nu lach doch wieder ein ganz kleines bißchen!« Damit kletterte er schmeichelnd auf seines Vaters Knie. »Nich wahr, Mamachen, du gibst dem Heinzpapa gleich einen dicken, runden Kuß!« Damit lief er zu mir und legte das weiche Bäckchen zärtlich an meine Wange.
Waren wir so versöhnt, so fühlten wir den Stachel nicht, der sich trotzdem immer tiefer in unsere Herzen bohrte.
* * * * *
Gleich nach unserer Ankunft hatte ich den Genossinnen meine Rückkehr mitgeteilt. Auch das war der Anlaß zu einer kleinen Auseinandersetzung zwischen uns gewesen.
»Willst du dich wirklich wieder in die unfruchtbare Arbeit stürzen?!« sagte mein Mann ärgerlich.
»Gewiß,« entgegnete ich mit jener Gereiztheit, die mich immer überkam, wenn ich meine persönliche Freiheit durch ihn gefährdet glaubte. »Ich sehe die Frauenbewegung mehr denn je als das Gebiet an, auf dem ich wirken muß.«
»Du wirst in unserer Zeitschrift genug für sie tun können, -- mehr als in eurem Kaffeekränzchen!«
Ich zuckte spöttisch die Achseln und meinte gedehnt: »Wenn ich darauf warten soll!« Im selben Moment aber bereute ich schon, ihn an seiner empfindlichsten Stelle verletzt zu haben. Es lag wahrhaftig nicht an ihm, wenn seine Idee noch nicht verwirklicht war.
Unsere Gesinnungsgenossen, mit Einschluß von Bernstein, der sie noch von London aus in Briefen an meinen Mann lebhaft begrüßt hatte, stimmten ihr rückhaltlos zu, aber es fand sich niemand, der auch nur einen Pfennig für sie gegeben oder sich sonst um ihre Ausführung bemüht hätte. Daß auch dies nur ein Symptom für die Uneinigkeit und Unklarheit des Revisionismus war, empfand jeder von uns. Eine Bewegung war vorhanden, aber es fehlte ihr die starke Hand eines Führers, der sie zusammenzufassen und ihr Richtung zu geben vermag. Wir erwarteten für die Sache wie für unseren Plan, der ja nur in ihren Diensten stehen sollte, von dem persönlichen Eingreifen Bernsteins nicht wenig.
An einem Maienabend des Jahres 1901, dessen Luft vom Brodem lebensschwangerer Erde so gesättigt war, daß er selbst mitten in der steinernen Öde der Stadt fühlbar wurde, drängten sich die Menschenmassen in einem engen Saal dicht zusammen; sie trugen in ihren Haaren und Kleidern den Duft des Frühlings mit herein, und der ganze Raum schien erfüllt von seinem Fieber. Es waren keine Arbeiter. Aber die intellektuelle Jugend war es. Besann sie sich endlich auf sich selbst? War sie im Begriff, Ideale aufzurichten, die einer großen Kraft und eines großen Kampfes würdig waren? Die sozialwissenschaftliche Studentenvereinigung Berlins hatte diese Versammlung einberufen und Eduard Bernstein zum Redner gewählt. Ihre berühmtesten Lehrer saßen unter ihnen, dazwischen die politischen Führer jener Linken, -- die Barth, die Naumann, die Gerlach, -- die, abgestoßen von allen anderen bürgerlichen Parteien, zwischen ihnen und der Sozialdemokratie die unfruchtbare Rolle des Puffers spielte. Sie alle hofften, -- bewußt oder unbewußt, -- daß dieser Abend irgendeine Quelle erschließen würde, an der sie nicht nur ihren Durst stillen könnten, sondern deren Wasser sich zum Strome weiten und alle ihre irrenden Schiffe zu tragen vermöchten.
»Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich?« lautete die Frage, auf die Bernstein die Antwort geben wollte. Er trat an das Rednerpult. Hinter den Brillengläsern sahen seine kurzsichtigen Augen mit einem verlegen-erstaunten Blick auf die Menge der Zuhörer. Dann sprach er. Mit einer Stimme, die brüchig klang. In abgehackten Sätzen. Ein Mann, der an die Enge der Studierstube gewohnt war, nicht an die Volksversammlung. Schon zog der Schatten der Enttäuschung über den hoffnungsfrohen Glanz auf den Gesichtern. Schüchtern und leise tauchte hie und da schon die Frage auf: »Was hat er eigentlich? -- Was will er?«
Daß der Sozialismus von spekulativem Idealismus erfüllt und darum nicht Wissenschaft sei, die im voraussetzungslosen Streben nach Erkenntnis bestehe; daß die Arbeiterbewegung vom Wollen eines bestimmten Zieles, vom Glauben an ein bestimmtes Zukunftsbild getragen sei und nicht vom Wissen, -- es war kaum möglich, aus der langen Rede etwas anderes herauszuhören, als diese wenigen, für den Ausgangspunkt einer neuen Bewegung viel zu negativen Gedanken.
Zuweilen schien es, als ob der Vortrag nichts wäre als das laut gewordene Grübeln eines Menschen über Dinge, die ihn selbst noch als Probleme quälen. Er war so mit sich beschäftigt, daß er nicht fühlte, jener elektrische Strom, der ihn zuerst mit den Zuhörern verband, sich mehr und mehr verflüchtigte, statt daß er ihn benutzt hätte, um die unerschütterten, befreienden Gedanken des Sozialismus diesen offenen Seelen einzuprägen, ihnen den Willen zur Tat zu vermitteln, nach dem ihre junge Kraft sich sehnte.
Wir hatten einen Künder neuer Wahrheit erwartet, und ein Zweifler war gekommen, dem des Pontius Pilatus Frage Geist und Gewissen bewegte.
Ein feiner durchdringender Regen rieselte hernieder, als wir den Saal verließen. Mich fröstelte. Ich wäre am liebsten still nach Hause gegangen.
»Nun?! In diesem zweieinhalbstündigen Redefluß sind Ihnen wohl alle Felle weggeschwommen?« sagte eine sarkastische Stimme neben mir. Ich sah in Rombergs lächelndes Gesicht und machte eine abwehrende Bewegung; mir war nicht zum Scherzen zumute. »Und nun rasch, kommen Sie beide mit, in irgend einen gemütlichen Winkel. Wir haben uns eine Welt zu erzählen;« damit versuchte er, einen Weg durch die Menge zu bahnen. Seine aufrichtige Freude über unser Wiedersehen tat mir in diesem Augenblick, in dem ich so viel verloren zu haben glaubte, doppelt wohl.
»Lassen wir's heute,« meinte mein Mann mißmutig, »wir würden nur Ihre gute Laune verderben.«
»Oder ich Ihre schlechte, da meine die dauerhaftere ist,« lachte Romberg.
Wir gingen zusammen in eins der zunächst gelegenen Restaurants, aber der »gemütliche Winkel«, den wir uns aussuchten, wurde rasch zum Kriegsschauplatz, denn eine ganze Gesellschaft Versammlungsbesucher fand sich allmählich ein, und jeder hatte das Bedürfnis seinem Herzen Luft zu machen. Es zeigte sich nun erst recht, wie unklar Bernstein gesprochen hatte: je nach der politischen oder philosophischen Richtung, der der einzelne zugehörte, gab er seinen Worten eine andere Deutung.
»Das Todesurteil des Marxismus!« triumphierte der Nationalsoziale.
»Nein,« antwortete scharf einer unserer radikalen Parteigenossen, »ein Todesurteil seiner selbst! Er hat als wissenschaftlicher Sozialist abgedankt.«
Und nun wurden aus seiner Rede einzelne Sätze herausgerissen, die der und jener sich notiert hatte, und betrachtet und zerpflückt. Als eine Rückkehr zum Utopismus wurde bezeichnet, daß er die »Wünschbarkeit einer sozialistischen Gesellschaftsordnung« für den Hebel der Agitation und die werbende Kraft der Partei erklärt hatte.
»Nur alte wundergläubige Weiber lockt man damit hinter dem Ofen hervor,« spottete einer; »auch das himmlische Jerusalem war 'wünschbar', und doch haben wir die Fahrt dahin aufgegeben, weil seine Existenz unbeweisbar blieb.«
»Vollends lächerlich,« fügte ein anderer hinzu, »ist die Behauptung, daß die Einsicht in die größere Gerechtigkeit sozialistischer Einrichtungen uns zu Sozialisten gemacht hat. Mag sein, daß Mitleid mit den Armen, Empörung gegen die Ungerechtigkeit manch einen zuerst in unsere Reihen trieb. Aber bloße Empfindungen verflüchtigen sich, wenn die Erkenntnis sie nicht auf realen Boden zwingt. Würde Bernstein wirklich die Frage nach der Wissenschaftlichkeit des Sozialismus verneinen können, so wäre er so viel wert, als das Christentum bisher gewesen ist.«
Romberg hatte zuerst ruhig zugehört.
»Jetzt zerzausen sie den armen Bernstein, weil er ihnen nicht die letzte Wahrheit gab!« sagte er nun, während aller Augen sich auf ihn richteten. »Die Wissenschaft ist doch nichts Fertiges, sondern ein ewiges Suchen! Er sucht, und beweist dadurch, daß er denkt. Wissenschaftlich abgedankt hat nicht er, sondern haben diejenigen seiner Gegner, die jeden Satz im Lehrgebäude des Sozialismus für ein unersetzliches Glied in der Kette der sozialistischen Beweisführung halten. Dieser Dogmatismus könnte die Bewegung töten, nicht aber der Revisionismus, auch wenn er sich noch so täppisch gebärdet.«
»Bernsteins Kritik vernichtet doch aber geradezu grundlegende Ideen des Marxismus?« wandte der Nationalsoziale ein.
»Und wenn schon?!« antwortete Romberg. »Der Bau des marxistischen Systems ist so genial, daß sich Mauern herausbrechen lassen, ohne ihn zu gefährden. Die Tatsache des Klassenkampfes schaffen Sie nicht aus der Welt, sie allein genügt, um die Naturnotwendigkeit des Sozialismus zu beweisen.« Er trank sein Glas leer und erhob sich mit einem hochmütigen Blick auf die verdutzten Gesichter der Tischgenossen. »Unser Schicksal ist unentrinnbar, -- damit muß man sich abfinden,« sagte er, »aber wünschbar -- weiß Gott! -- ist's für unsereinen nicht. Ich bin bloß froh, daß die berühmte 'lutte finale' sich erst auf meinem Grabe abspielen wird.«
Wir gingen zusammen.
»Ich danke Ihnen,« sagte ich, als wir draußen waren; der niederdrückende Eindruck der Rede Bernsteins war verwischt.
»Im Grunde habe ich ja auch nur für Sie gesprochen --,« es war der teilnehmende Blick eines Freundes, mit dem er mir bei den Worten in die Augen sah, -- »ich bin so gewohnt, Sie stark zu sehen, daß mir Ihr Kummer förmlich weh tat.«
Er begleitete uns bis nach Haus. Mein Mann weihte ihn in unsere Pläne ein.
»Und Sie sind einverstanden? Sie wollen am Ende gar mittun?!« wandte er sich an mich.
»Mit allen Kräften, -- gewiß!« antwortete ich. »Was können Sie dagegen haben, nach all den Gedanken, die Sie heute über den Sozialismus entwickelten.«
»Ich mag Sie mir nicht vorstellen, -- auf dem Drehschemel vor dem Redaktionspult, -- die Schmierereien anderer Leute korrigierend. Sie gehören ins achtzehnte Jahrhundert --«
»Gewiß! An die Seite der Madame Roland --!« unterbrach ich ihn rasch.
Nach und nach erwärmte er sich für unseren Gedanken. »Mit all dem Kleinbürgerlichen, Philiströsen in Ihrer Partei werden Sie gründlich abrechnen müssen,« meinte er im Laufe des Gesprächs, »weite Horizonte geben, die über den Misthaufen des Nachbarn hinausgehen.« Und er verbreitete sich über die Stellung der Partei zur auswärtigen Politik.
»Hier trennen sich unsere Wege, lieber Professor,« sagte mein Mann. »Sie werden kaum erwarten, daß ich als Sozialdemokrat auf diesem Gebiet Ihre Wandlungen mitmache.«
»Wandlungen?! Wieso?!« ereiferte sich Romberg. »Es entspricht der Konsequenz meiner Entwicklung, daß ich für den Kolonialbesitz Deutschlands eintrete und demzufolge für die Flottenvorlage agitiert habe. Traurig genug, daß ihr Sozialisten euch, scheint es, erst belehren lassen werdet, wenn ihr die Macht im Staate habt! Das ist, -- verzeihen Sie, liebe Freundin! -- der unglückselige feministisch-sentimentale Einschlag in der Sozialdemokratie, der sie für die notwendigen, großen, -- wenn Sie wollen -- grausamen Forderungen der Kultur blind und taub macht. Der Kampf um die Macht ist die Bedingung unserer Entwicklung. Die Frage, die uns die Weltgeschichte stellt, ist einfach die: soll uns die Erde gehören oder den Negern und den Chinesen? Die Antwort scheint mir nicht zweifelhaft.«
Ich sah empört zu ihm auf: »So sind Sie für das Chinaabenteuer mit all seinem Gefolge von Hunnentum und für die Kolonialkriege mit all ihrer Unmenschlichkeit?! Das heißt doch nicht, Forderungen der Kultur erfüllen, sondern die Kultur preisgeben, die wir haben!«
»Ich bin für die Erschließung Chinas, die für unseren Handel eine Notwendigkeit ist; ich bin für die Kolonialkriege, die den Boden gewinnen für unsere Volksvermehrung, aber daraus folgt doch nicht, daß ich die Greuel des Krieges verteidige. Ich nehme sie nur um der größeren Werte willen in den Kauf, wenn sie unvermeidlich sind ... Wir würden heute noch in Urwäldern wohnen, wenn wir mit den wilden Tieren Mitleid gehabt hätten.«