Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre
Chapter 14
Ein Ereignis trat ein, das vollends zwischen rechts und links wie Scheidewasser wirken sollte: der Hafenarbeiterstreik in Hamburg. Hatte wenige Jahre vorher die Cholera die Augen der ganzen Welt auf die gräßlichen Elendsquartiere der reichen Kaufmannsstadt gerichtet, so zeigte sich jetzt, daß selbst ihr Schrecken nicht imstande gewesen war, die Brutstätten des Todes aus der Welt zu schaffen. Noch hausten zwanzig Prozent ihrer Bewohner dicht zusammengedrängt in winzigen Räumen und engen Gassen, -- zu fünft in einem Zimmer, zu neun in zweien! Und zu diesen gehörten vor allem die Hafenarbeiter, die bei schwerer Arbeit, die sie oft Tag und Nacht nicht los ließ, nicht genug verdienten, um sich auch nur in Frieden ausruhen und frische Arbeitskräfte sammeln zu können. Der Eindruck der Tatsachen, die der Streik enthüllte, war ein ungeheurer, und die Haltung der Hamburger Reeder, die sich allen Einigungsversuchen der Arbeiterorganisationen widersetzten und einen Kampf um ein paar Groschen mehr Lohn zu einem Kampf um ihre Macht erweiterten, empörte jeden, der vorurteilslos zu denken vermochte. In höherem Maße als zur Zeit des Konfektionsarbeiterstreiks nahm die Öffentlichkeit Partei für die Arbeiter, geführt von den jungen sozialpolitischen Professoren und der nationalsozialen Partei. Das waren, so schien mir, Symptome für das Erwachen eines Geistes, der nicht mehr zu bannen sein würde. Und die Haltung der Gegner bekräftigte meine Auffassung: Kleine Nadelstiche, wie die Ausweisungen englischer Arbeiterführer, die, um Frieden zu stiften, nach Hamburg gekommen waren, -- schroffe Erklärungen der Reichsregierung gegen die Streikenden, -- von ihr unwidersprochene Aussprüche, wie die des alten Reaktionärs Kardorff im Reichstag: »Ich freue mich, daß man von den bedenklichen Wegen des Erlasses von 1890 jetzt abgekommen ist,« -- Wünsche eines Stumm und seiner Gesinnungsgenossen, die zur Bekämpfung staatsgefährlicher Umtriebe eine Änderung der Vereinsgesetze forderten, -- waren das alles nicht Zeichen der Angst und der Schwäche? Und war nicht die Wandlung, die der Kaiser seit seinen sozialpolitischen Erlassen durchgemacht hatte, ein unbewußtes Eingeständnis schwindenden Einflusses? Erfüllt von seinem Gottesgnadentum, durchtränkt von der Vorstellung, die Tradition und Erziehung den Fürsten unauslöschlich einprägt: daß das Volk ihnen gegenüber im Verhältnis des Kindes zum Vater steht, hatte er ein sozialer Kaiser sein wollen, indem er der Arbeiterschaft als Geschenk brachte, was ihm gut schien für sie. Als sie es ihm nicht dankte, als sie Rechte forderte, statt Gnaden zu erbitten, sie sogar mit Gewalt ertrotzen wollte, -- da wurde der in seiner Autorität verletzte Fürst zum zürnenden, strafenden Vater. Und derselbe Kaiser, der 1890 für die Schaffung von Schiedsgerichten eintrat, stellte sich 1896 auf die Seite der Hamburger Reeder und forderte die Vereinigung aller Arbeitgeber gegen die Arbeiter.
Um diese Zeit besuchte uns mein alter Freund Professor Tondern, der ein stiller Gelehrter irgendwo an einer Provinzuniversität geworden war, und den ich für unsere Sache fast schon aufgegeben hatte. Er war zur Zeit des Streiks in Hamburg gewesen, und mein Mann hatte ihn für das Archiv zu einer Arbeit darüber aufgefordert. Statt aller Antwort kam er selbst, ganz erfüllt von dem Erlebten.
»Da bilden wir uns nun wer weiß wie viel auf unsere Bildung, unsere alte Kultur ein,« sagte er, »und müssen angesichts solcher Kämpfe beschämt eingestehen, daß wir mit all dem lumpigen Rüstzeug ihren Forderungen gegenüber jämmerlich Schiffbruch leiden würden, während die in Elend und Unwissenheit Aufgewachsenen sich wie Helden bewähren. Sie hätten nur sehen sollen, wie tapfer die Frauen, vom kleinen Mädchen bis zum steinalten Mütterchen, ihren Vätern und Söhnen zur Seite standen. Da steckt ungebrochene Jugendkraft --« Er brach seufzend ab.
»Zeugt die arbeiterfreundliche Haltung gewisser bürgerlicher Kreise nicht auch dafür?« fragte ich.
Er schüttelte heftig den Kopf, daß die dünn gewordenen roten Haarsträhnen flogen. »Immer noch die alte Optimistin!« murmelte er. »Zu einem guten Teil haben Sie freilich recht --« fügte er dann laut hinzu. »Der Streik hat die Verschlafenen aufgerüttelt, hat die sozialpolitischen Probleme wieder in den Fluß der Diskussion gebracht, hat die brennende Feindschaft, die der Generalstab des Kapitals, das heißt das Kapital in seiner bedrohten politischen Machtsphäre gegen die freie Wissenschaft empfindet, zu hellen Flammen werden lassen, -- und das kann dem echten, dem kritischen wissenschaftlichen Geist nur heilsam sein.«
»Diese Feindschaft muß aber auch mehr und mehr zu uns herübertreiben,« entgegnete ich.
»Zur Sozialdemokratie? Nein! Erinnern Sie sich unserer Haltung nach der frankfurter Tagung der Ethischen Gesellschaft? -- Seitdem hat sich für uns nichts verändert. Wir sind sogar nur noch fester an die Staatskrippe, und damit an den Dienst der kapitalistischen Gesellschaft geschmiedet, weil unsere Kinder inzwischen größer und anspruchsvoller wurden. Eine Ausnahme, wie Sie, bestätigt nur die Regel. Marx hat keine größere Wahrheit ausgesprochen als die, daß die gesellschaftliche Umwandlung nur das Werk der Arbeiterklasse sein kann.«
Er stand auf. »Ich muß eilen, -- meine Frau wartet auf mich,« sagte er hastig, und strich sich gleich darauf mit einer verlegen ungeschickten Bewegung den roten Bart. Ich verstand. Es war gewissermaßen nur ein Geschäftsbesuch gewesen. Mit Damenbesuchen wurde ich nicht verwöhnt! Er schüttelte meinem Mann die Hand: »Sie bekommen den Aufsatz in spätestens vierzehn Tagen.« Dann wandte er sich abschiednehmend zu mir: »Sie dürfen mir auch die Hand geben. Meine Stellung zu Alix Brandt ist genau dieselbe geblieben wie zu Alix von Glyzcinski.«
Kurze Zeit darauf meldete sich einer der geistvollsten Archiv-Mitarbeiter, Professor Romberg, bei uns an. Ich sah ihm mit gespannter Erwartung entgegen, denn ihm war ein Buch vorausgegangen, das ihn wie ein Herold mit Fanfarenstößen angekündigt hatte. Ein schmaler roter Band war es nur, aber das Wort »Sozialismus« prangte in goldenen Lettern darauf, und sein Inhalt war nichts anderes als eine Verteidigung der Lehren von Karl Marx, als eine Anerkennung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Das Katheder eines wohlbestallten ordentlichen preußischen Universitätsprofessors hatte sich der Verfasser wohl auf immer verscherzt, aber eine Zuhörerschaft hatte er sich erobert, aus der für die Sache des Sozialismus eine große Gefolgschaft werden mußte.
Mein Mann lächelte über meinen Enthusiasmus, er spielte sogar ein wenig den Eifersüchtigen, als ich zum Empfang dieses Gastes ganz besondere Vorkehrungen traf, den Tisch mit buntem Herbstlaub schmückte und eine Flasche Wein besorgen ließ, -- zum erstenmal seit unserer Hochzeitsfeier.
Als er eintrat, hatte ich jene seltsame Empfindung, die ich als Kind besonders häufig gehabt hatte: daß mir derselbe Mann in derselben Situation schon einmal begegnet war; selbst die gleichgültige Begrüßungsphrase und der Ton seiner Stimme dabei war mir bekannt, ehe er sie aussprach. Im ersten Augenblick war ich verwirrt und überließ Heinrich die Unterhaltung, dann musterte ich den Gast, und dabei verwischte sich das Gefühl langen Bekanntseins wieder, ähnlich wie ein Traum uns um so gewisser entgleitet, je mehr wir über ihn nachdenken. Diesen großen, tiefbrünetten Mann mit den lebhaften braunen Augen und der hochgewölbten Stirn hatte ich gewiß noch nie gesehen. War es Sympathie, die ich für ihn empfand? Der dunkle Bart beschattete dicke Lippen, die von stark entwickelter Sinnlichkeit zeugten, die großen Hände mit den breiten Fingerkuppen und den abgebrochenen Nägeln widersprachen der vornehmen Eleganz seiner schlanken Gestalt. Aber diese Mischung von Roheit und alter Kultur prädestinierte ihn vielleicht gerade für die Rolle eines Führers der öffentlichen Meinung, die er, unserer Ansicht nach, zu spielen bestimmt war.
In einer Rede, die von Geist und Wissen sprühte, setzte er meinem Mann die Ideen auseinander, die er in einer Abhandlung für das Archiv zusammenfassen wollte. »Wir müssen der Sozialpolitik die Krücken nehmen, die Ethiker, Christlichsoziale und neuerdings Rassenhygieniker ihr glaubten geben zu müssen, um sie dem von ihnen willkürlich gesteckten Ziele entgegenhumpeln zu lassen. Sie kann und muß auf eigenen Füßen gehen, eigene Ziele verfolgen. Ich verlange die Autonomie des sozialpolitischen Ideals, das nicht nur nicht ethisch, nicht religiös, nicht rassenhygienisch, sondern diesen Idealen direkt entgegengesetzt sein kann.«
»Das sei Ihnen in bezug auf das religiöse Ideal zugegeben,« warf mein Mann ein, »aber das ethische, das rassenhygienische?! Die 'Befreiung des gesamten Menschengeschlechts, das unter den heutigen Zuständen leidet', ist doch wohl ein ethisches Postulat!«
Romberg bewegte lebhaft abwehrend die Hände: »Bleiben Sie mir mit der Zukunftsmusik des Erfurter Programms vom Leibe! Sie könnten ebenso gut die 'Versöhnung der Klassengegensätze', die die Ethiker unter den Nationalökonomen der Sozialpolitik als Aufgabe zuschieben, predigen. Nein: wir stehen im Klassenkampf, wir müssen in diesem Kampf Partei ergreifen, und zwar nicht für die Schwachen nach christlicher Auffassung, sondern für das höchst entwickelte Wirtschaftssystem, für die den wirtschaftlichen Fortschritt repräsentierende Klasse, das heißt auf Kosten der anderen.«
»Mit anderen Worten: für das Proletariat?« fragte ich. Er wandte sich mir zu.
»Gewiß: für das Proletariat, soweit seine Ideale sich mit dem Ideal der Sozialpolitik decken: der wirtschaftlichen Vollkommenheit, und,« -- er betonte scharf den letzten Satz, -- »soweit sie sich dauernd mit ihm decken werden. Denn es ist einerseits in dauerndem Fluß begriffen und ist andererseits kein absoluter Endzweck, sondern nur ein Mittel zur Verwirklichung höherer Zwecke. Das wirtschaftliche Leben ist die Schranke, in der unser ganzes Dasein, auch in seinen höchsten Äußerungen, eingeschlossen ist. Wir müssen sie erweitern, so rasch als möglich, ohne Rücksicht auf die Bedenken empfindsamer Seelen, um zu Licht und Luft zu gelangen.«
»Und mit diesen Ansichten können Sie es verantworten, außerhalb unserer Partei zu stehen!« rief ich aus. Er schien erstaunt.
»Alles, was ich sagte, was ich schrieb, beweist doch, daß ich es verantworten kann!« meinte er langsam. »Oder glauben Sie, ich würde mehr erreichen, wenn ich mich in Ihr Heer einreihen, Ihre Uniform anziehen würde, wenn ich jede meiner Ideen, ehe ich sie auszusprechen mich getraute, dem Votum Ihres Parteitages unterwerfe?!«
»Ich verstehe Sie nicht!« antwortete ich. »Wie reimt sich Ihre Abneigung gegen die Partei mit diesem Buch zusammen,« -- ich hielt ihm den roten Band entgegen, -- »mit Ihrer Verteidigung des Klassenkampfes, mit Ihrer Prophezeiung der dauernden, der notwendigen Einheit der Bewegung?«
»Ich muß Ihre Frage mit einer Frage beantworten: Ist die Zugehörigkeit zur Bewegung abhängig von der namentlichen Einschreibung in einen Wahlverein? Ist es für meine Stellung wichtiger, wie ich mich nenne, als was ich leiste?! Die Frage des Eintritts in die Partei kann für unsereinen nur individuell gelöst werden. Ich zum Beispiel würde in dem Augenblick flügellahm werden, wo ich in _der_ Gesellschaft aushalten müßte.«
»Für einen Augenblick vielleicht, aber in dem Moment, wo Sie sich durchsetzen, wo Sie Einfluß gewinnen würden, hätten Sie die Kraft Ihrer Flügel in doppeltem Maße wieder --,« mischte sich mein Mann ins Gespräch.
»Sie überschätzen mich, lieber Freund. Über gewisse Dinge komme ich nicht hinweg. Sie wissen, mein 'Sozialismus' hat einen ungeahnten Erfolg; ich brauche mich in meiner Schriftstellereitelkeit wahrhaftig nicht gekränkt zu fühlen. Aber die Behandlung, die mir -- mir, der ich den Sozialismus verteidige! -- von einem Teil Ihrer Presse zuteil geworden ist, hat mir die ganze Gesellschaft auf lange verekelt!«
Der Gegensatz zwischen dem Enthusiasmus, der ihn wenige Minuten vorher erfüllt hatte, und der morosen Stimmung, die jetzt aus Wort und Ton und Haltung sprach, war so verblüffend, daß wir verstummten. Aber Romberg forderte uns zur Antwort heraus:
»Sie mißbilligen meinen Standpunkt?« Fragend sah er von einem zum anderen.
»Ganz und gar!« antwortete ich heftig. »Glauben Sie, daß wir um der schönen Augen der Parteigenossen willen Sozialdemokraten geworden sind, -- oder der Partei entrüstet den Rücken kehren würden, weil ein paar Nasen uns nicht gefallen?! Wir dienen der Sache, nicht den Personen.«
»Eine so reinliche Scheidung zwischen der Sache und den Personen läßt sich in Wirklichkeit nicht durchführen,« sagte er, sichtlich verletzt. »Es kann sehr wohl der Fall eintreten, daß eine Sache durch eine bestimmte Personengruppierung rettungslos verloren geht, und ich bin der Meinung, daß in Ihrer Partei Leute den Ton angeben, die Ihre Sache diskreditieren.«
»Wenn Sie dieser Ansicht sind, müßten Sie erst recht in die Partei eintreten, um die Sache, die doch auch die Ihre ist, vor solchen Einflüssen zu retten!«
Er biß sich auf die Lippen und schwieg sekundenlang. Dann ließ er sich, wie ermüdet, in den Lehnstuhl fallen und sagte langsam: »Sie mögen recht haben, -- auf Grund Ihrer Individualität. Ich würde einfach zugrunde gehen, wenn ich mit dem Gesindel, das Ihre Partei groß gefuttert hat, auf gleich und gleich verkehren müßte. Übrigens,« er lächelte ein wenig, »Sie sind ja erst seit vorgestern 'Genossin', -- wir wollen unser Gespräch in zehn Jahren zu Ende führen! Und Sie, mein lieber Brandt, sind doch auch nur im Nebenberuf 'Genosse'. Wenn Sie Ihrer Frau beistimmen, warum treten Sie nicht in die politische Arena?«
Mein Mann ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder, ehe er antwortete. »Ich habe nicht Ihre Begabung, die Sie zum Agitator stempelt. Und ich bin nicht unabhängig wie Sie, was, meiner Ansicht nach, eine wichtige Voraussetzung ist, wenn man in der Partei Wertvolles leisten will. Das Archiv ist mein Brotgeber. Es könnte seine wertvollsten Mitarbeiter verlieren, wenn sein Redakteur politisch hervorträte. Sonst, -- lieber heute als morgen würde ich ein tätiger Parteigenosse sein!«
Ich hatte Heinrich noch nie so sprechen hören; eine tiefe Unbefriedigung enthüllte sich mir, eine Seite seines Wesens, die sich selbst dem durchdringenden Blick meiner Liebe bisher versteckt hatte. Ich konnte den Gedanken daran nicht los werden und vergaß fast unseres Besuchers darüber.
Beim Abschied reichte ich ihm die Hand. Ein unbehagliches Gefühl überkam mich: die seine lag, so groß sie war, schwach und leblos in der meinen. Menschen ohne Händedruck waren mir immer unsympathisch gewesen. Und doch zog dieser Mann mich an.
»Wollen wir nach all dem Ernst nun nicht Berlin ein wenig genießen?« fragte er. »Wir armen Provinzler müssen uns mit Großstadtluft auf Monate versorgen, wenn wir einmal von unserer Kette loskommen.« Wir verabredeten allerlei, und er ging.
»Nun?!« fragte Heinrich, als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte.
»Ein interessanter Mensch, ob ein Kämpfer?!« antwortete ich nachdenklich. »Aber was interessiert mich dies Problem, wo mein eigner Mann mir eins aufgegeben hat!«
Er zuckte lachend die Achseln: »Kümmere dich nicht darum, Schatz, es ist doch zunächst unlösbar.« »Du würdest wirklich gern politisch tätig sein?« drängte ich unbeirrt. »Wäre es dir willkommen?« fragte er statt der Antwort. Mir stieg das Blut in die Wangen. Ich sah den Geliebten an der Stelle, die ich Romberg zugedacht hatte; ich sah uns beide Schulter an Schulter im Kampfe stehen. »O wie schön wäre das!« flüsterte ich.
Die nächsten Tage nahm uns Romberg sehr in Anspruch. Er war von einer fast kindlichen Genußfähigkeit, dabei voller Interesse für Kunst und Literatur, in allem das Gegenspiel des typischen deutschen Professors.
* * * * *
Berlin war damals reich an neuem Leben für den, der es zu finden verstand. Denn die Oberfläche trug noch immer das Stigma geschmackloser Alltäglichkeit. Mein Instinkt war doppelt wach; meine Sinne schienen geschärft für alles Werden, und meine Hoffnung umschlang mit üppigen Ranken jede neue Erscheinung.
Wir sahen Gerhart Hauptmanns »Versunkene Glocke«, die zum erstenmal zur Aufführung kam. Alles stritt um des schönen Märchens eigentlichen Inhalt und riß ihm im Streit grausam die Schmetterlingsflügel aus. Den einen erschien es als das tragische Bekenntnis eigener Schwäche: denn die im Tal gegossene, für die Höhe bestimmte Glocke Meister Heinrichs stürzte vom Berge hinab in die Tiefe, und als er selbst emporstieg, um droben ein neues Wunderwerk zu schaffen, zog sie ihn nach sich ins Grab. Den anderen war es nichts als ein Zeichen geistiger Reaktion: der Dichter der 'Weber' floh vor dem wirklichen Leben. Ich aber hörte darin das immer wiederkehrende Leitmotiv der Sehnsucht, das den Glockengießer emporzog, auch als er an seiner Schwäche sterben mußte, ich sah die Sonnenpilger, die den Marmortempel suchten, dessen Baumeister zugrunde ging, dem aber Kräftigere als er Hammer und Kelle aus den toten Händen nahmen.
Und dieselbe Sehnsucht, die der Hoffnung Schwester ist, die aus unserer nüchternen, auf praktisch-greifbare Ziele gerichteten Zeit hinwegverlangt in reichere, blühendere Gefilde, wo die arme gehetzte Seele nicht mehr zu dursten und zu frieren braucht, schien einer jungen noch unbekannten Künstlerschaft die Hand zu führen. Wir sahen Gläser, deren zart schimmernde Blumenkelche in Märchenfarben strahlten, und Teppiche, auf denen die ganze Fülle des Frühlings ausgestreut erschien. Wir kamen in eine Ausstellung, die eine Welt fremder Wunder enthielt, deren Schöpfer ein noch Unbekannter war. Staunend stand ich vor dem schönsten, das sie bot: einem Fenster voll leuchtender Glut, mit den Gestalten Tristans und Isoldens. In ihren Augen, in ihrer Gebärde steigerte sich die Sehnsucht zum Verlangen; die Farben waren eine Hymne des Lebens: das Rot jauchzte, das Blau verging in zärtlichen Melodien, wie ein mystischer Orgelton stand das Violett dazwischen.
Achselzuckend ging die Masse an alledem vorüber. Auch die beiden Männer, die mich begleiteten, waren mehr erstaunt als betroffen. Ob wohl nur eine, die schwanger war, die verborgenen Lebenskeime dieser Zeit zu schauen vermochte? Ich sog mit allen Sinnen ein, was der Menschenknospe in meinem Schoß zur Nahrung dienen konnte.
»Seit ich Sie kenne, begreife ich nicht, wie Sie Genossin werden konnten,« sagte Romberg beim Abschied, »mit Ihrem starken Kulturbedürfnis, ihrem Schönheitsdurst!«
»Für mich war das nur ein Motiv mehr, um es zu werden,« antwortete ich. »Auch den Seelenhunger der Massen nach höheren Lebenswerten möchte ich stillen helfen.«
»Sie haben kaum einen --,« meinte er wegwerfend.
»Dann ist meine Aufgabe doppelt groß: ich muß sie hungrig machen -- --«
* * * * *
Mein Zustand hinderte mich zunächst nicht an der Parteitätigkeit. Ich hielt Versammlungen ab, solang es ging, obwohl die schlechte Luft sich mir immer schwerer auf den Kopf legte; ich besuchte die Sitzungen der Frauenorganisation regelmäßig trotz der ekelerregenden Düfte der Lokale, in denen sie stattfanden. Wenn die Polizei, die uns ständig auf den Fersen war, gewußt hätte, wie wenig welterschütternd die Fragen waren, über die wir debattierten, sie würde uns ruhig unserem Schicksal überlassen haben. Seitdem Wanda Orbin nicht mehr in Berlin war, schien zwar auch den Nur-Ja-Sagerinnen der Mund geöffnet zu sein, aber was sie vorbrachten, das drehte sich meist um die kleinlichsten Dinge. Derselbe Zank, derselbe Neid, der mir die bürgerliche Frauenbewegung vergällt hatte, fand sich auch hier, nur daß er sich in gröberen Formen äußerte. Ich wäre bitter enttäuscht gewesen, wenn ich nicht allmählich Einblicke gewonnen hätte, die mir die Dinge in anderem Licht erscheinen ließen.
Ich lernte das Leben dieser Frauen kennen. Da war eine, die tagaus, tagein in dieselbe elende Zwischenmeisterwerkstatt ging, um, wenn sie todmüde heimkam, von dem betrunkenen Mann mit Schlägen oder zudringlichen Zärtlichkeiten empfangen zu werden; -- sollte sie nicht verbittert sein? Da war eine andere, die, obwohl sie einen braven Gatten hatte, auf ihre alten Tage in die Fabrik zurückgekehrt war, weil sie nur auf diese Weise ihrem kranken Sohn den Besuch eines Sanatoriums ermöglichen konnte; -- sollte sie die glücklicheren Mütter nicht beneiden, die die Gesundheit ihrer Kinder nicht so schwer erkaufen mußten? Und ein verblühtes Mädchen war zwischen uns, die ihrer gelähmten Mutter ihre ganze Jugend hatte opfern müssen, -- war's nicht begreiflich, daß etwas wie Haß in ihren Augen aufblitzte, wenn ich sprach?
Einmal besuchte ich die kleine dicke Frau Wengs; sie war vor drei Tagen ihres siebenten Kindes genesen, und ich fand sie schon wieder hinter dem Waschfaß. War es erstaunlich, daß sie reizbar war? All diese Frauen standen in harter Arbeitsfron; war es nicht viel merkwürdiger, daß sie sich dabei die Kraft, den Opfermut, die Begeisterungsfähigkeit erhalten hatten, die es ihnen möglich machte, ihre spärliche Freizeit, ihre ihnen so bitter nötige Nachtruhe dem Dienst der Partei zu widmen? Sie leisteten das äußerste, was sie leisten konnten; es war nicht ihre Schuld, daß es trotzdem so wenig war.
Ich grübelte lange nach, wie hier zu helfen wäre. Mein alter Plan eines Zentralausschusses für Frauenarbeit tauchte wieder auf. Wenn man mit Hilfe der Partei solch einen Mittelpunkt schaffen, die begabtesten der Frauen dabei beschäftigen, von ihrer Erwerbsarbeit dadurch befreien könnte? Frau Wengs war nach dem Parteitag zur »Vertrauensperson für ganz Deutschland« gewählt worden. War es nicht wie ein Hohn auf die Frauenbewegung, daß sie, die kaum Zeit hatte, eine Zeitung zu lesen, für die das Schreiben eines Briefes eine fast unüberwindliche Aufgabe war, an ihrer Spitze stehen sollte? Man hatte mir freilich erzählt, Wanda Orbin habe ihre Wahl unterstützt, um die Leitung um so sicherer in der eigenen Hand zu behalten, Wanda Orbin, die uns so fern war, deren unzureichende Kenntnis der Verhältnisse schon daraus hervorging, daß sie ihre Zeitschrift in einem Tone schrieb, der einen hohen Grad von Wissen bei dem Leser voraussetzte. Ja, wenn sie in Berlin wäre, wenn sie offiziell die Führung in die Hände bekäme, wenn die Gestaltung der 'Freiheit' dem Einfluß der Genossinnen zugänglich gemacht werden könnte! Schon damit, so schien mir, wäre viel geholfen. Ich schrieb ihr in diesem Sinne, ich fragte sie, ob sie kommen würde, wenn man die Anstellung einer weiblichen Parteisekretärin durchgesetzt hätte. Sie antwortete ausweichend: es fessele sie vieles, vor allem die Erziehung ihrer Söhne in Stuttgart. Ich gab die Sache noch nicht verloren. Ich legte meinen Plan der Schaffung eines Sekretariats für die Frauenbewegung den Genossinnen vor, ich entwickelte ihn in einem längeren Artikel in der 'Freiheit' und hütete mich zunächst, Wanda Orbins Namen zu nennen, da ich wußte, daß auch sie Gegnerinnen hatte. Die Wirkung war verblüffend: die Frauen gerieten in eine Aufregung, die in keinem Verhältnis zur Sache zu stehen schien. Man fand es ungeheuerlich, daß ich, die ich noch nichts, aber auch rein gar nichts geleistet hätte, mir herausgenommen habe, an der Arbeiterinnenbewegung Kritik zu üben; man bekämpfte meinen Plan durch Wort und Schrift, als bedeute er eine Gefahr für die Partei. Bei der Abstimmung erhob sich keine Hand für ihn. Ich erfuhr erst allmählich die wahre Ursache dieser wütenden Gegnerschaft: die Frauen hatten angenommen, daß ich für mich selbst eine einträgliche Stellung schaffen wolle. Und Wanda Orbin hatte sie offenbar in diesem Glauben gelassen. Es gab Momente, in denen diese Erfahrung mir wehe tat, -- trotz aller Mühe, überall nur das Gute zu sehen. Und die Entrüstung meines Mannes, der jeden Nadelstich, der mich traf, wie einen Dolchstoß empfand, trug nicht dazu bei, mich zu beruhigen.