Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Chapter 38

Chapter 383,538 wordsPublic domain

In Warwick, einem Städtchen am Avon, das von den dicken Türmen einer uralten Burg überragt wird, fand eines jener historischen Festspiele statt, an denen sich alljährlich in den verschiedenen Gegenden Englands die ganze Bevölkerung beteiligt. Ich fuhr hin und sah im Park des Schlosses die Darstellung jenes glanzumflossenen Teiles der englischen Geschichte, von der seine Mauern noch erzählen. Auf der weiten, von mächtigen Bäumen zu beiden Seiten abgeschlossenen Rasenfläche, mit dem Fluß in der Mitte, der zwischen blühenden Rosenbüschen und hängenden Weiden lautlos vorüberzieht, und dem Hintergrund einer sanft verschwimmenden Hügellandschaft zogen Jahrhunderte vorüber. Und zuletzt vereinigten sich noch einmal zweitausend Menschen zu Fuß und zu Pferde in den Rüstungen und Gewändern aller Zeiten. Nun kommt die Schlußapotheose, dachte ich, mit der Büste des Königs und einem »Rule Britannia« aus allen Kehlen. Ich erhob mich, um zu gehen.

Aber da sah ich, wie die Ritter und Edeldamen, die Fürsten und Könige langsam und leise hinter Bäumen und Büschen verschwanden. Nur einer blieb zurück, allein, weltbeherrschend, als wäre die jahrhundertelange Entwicklung nur notwendig gewesen, um diesen einen hervorzubringen, der größer ist als alle: William Shakespeare.

* * * * *

Der Wille zur Macht, -- die höchstmögliche Entwicklung der Persönlichkeit als Ziel des einzelnen, -- der Übermensch als Ziel der Menschheit --: zu einem einzigen vollen Akkord vereinigten sich plötzlich die Klänge, die mir diesmal in England entgegengetönt hatten. Mein Herz schlug zum Zerspringen wie das eines Gefangenen, dem die Ketten vom Fuße gelöst werden und die Pforten sich öffnen zur freien Wanderschaft. Er sieht nichts wieder als die alte vertraute Welt seiner Jugend, und doch erscheint sie ihm wie ein Wunder so neu. Ein halbes Kind war ich gewesen, als ich aus Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft den ersten Ruf persönlicher Befreiung vernahm: »Das Leben sagt: Folge mir nicht nach; sondern dir! sondern dir!« -- Galt nicht derselbe Ruf heute der Menschheit?

* * * * *

Am letzten Tage meines londoner Aufenthalts traf ich auf der Straße eine Kapitänin der Heilsarmee, die mich herzlich begrüßte.

»Sie kennen mich wohl nicht mehr?« fragte sie lächelnd; »aber der Nacht in Whitechapel vor elf Jahren erinnern Sie sich gewiß.«

Im Augenblick sah ich das Weib wieder vor mir, die, von den Gefährten ihres Jammers umringt, im Schmutz der Gasse geboren hatte. Ich streckte meiner einstigen Führerin erschüttert die Hand entgegen.

»Sie würden mir heute, nach all den Reformen des Grafschaftsrats, nichts Ähnliches zeigen können,« sagte ich.

»Man hat aufgeräumt, -- gewiß,« antwortete sie ruhig, »und an Stelle mancher elenden Häuser neue gebaut, aber das Elend ist immer dasselbe. Die einen sterben, andere wandern zu ...«

»Entsetzlich!« rief ich aus. »Wie können Sie das nur ertragen?! Erscheint Ihnen nicht Ihre ganze Arbeit hoffnungslos?!«

Sie lächelte freundlich: »Ich habe viele Seelen gewonnen, denen für allen Erdenjammer der Himmel offen steht.«

Noch nie war mir der Christenglaube so grausam erschienen als in diesem Augenblick. Wie eine Zyklopenmauer richtete er sich auf zwischen den Menschen und ihrer Erlösung. Ich verabschiedete mich rasch. Den vollen Akkord, den ich eben noch vernommen hatte, durchtönte eine schrille Dissonanz. Ich war der schaffende Künstler nicht, der die einheitliche Lösung hätte finden können. Als ich aber dann heimwärts fuhr, beherrschte mich nicht mehr jene niederdrückende Empfindung, mit leeren Händen zu kommen.

* * * * *

Mein Mann empfing mich mit wehmütiger Zärtlichkeit, sodaß ich ihm angstvoll forschend ins Auge sah. »Es ist nichts, Kind, nichts!« wehrte er in nervöser Erregung ab. »Ich bin nur abgespannt, -- nur müde.« Aber allmählich erfuhr ich doch, was geschehen war: eine Gruppe von Parteigenossen seines Wahlkreises forderte von ihm die Niederlegung seines Mandats, weil -- ich mich an der Englandreise beteiligt hatte, und ein außerordentlicher Kreistag sollte darüber entscheiden.

Glühende Sommerhitze brütete über der Mark; an den Bäumen in den Straßen hingen die Blätter schon gelb und tot; kein Lüftchen rührte sich, und doch umgaben dichte Staubwolken den Wagen, der uns von Gusow nach Platkow führte. In dem kleinen Saal herrschte unerträgliche Schwüle. Er war schon gefüllt, als wir kamen: von lauter schweigenden Menschen mit harten Zügen und finsteren Blicken. Unsere alten Kampfgefährten rührten kaum an die Mütze bei unserem Eintritt. Einen Augenblick lang umklammerte ich den Arm meines Mannes, -- außer ihm hatte ich hier keinen Freund mehr. Die Anklage wurde verlesen. Es war die Sprache des »Vorwärts«, den sie führte. »Das hat Berlin diktiert!« rief Heinrich. Die Falten auf der Stirn unserer Richter vertieften sich.

Mein Mann antwortete zuerst. Er erinnerte daran, wie häufig schon hervorragende Parteigenossen sich mit politischen Gegnern zu gemeinsamer Arbeit vereinigt hätten, wie es auch an Beispielen für das harmlosere Zusammensein zu geselligen Zwecken nicht gefehlt habe. Und als einer wütend dazwischen schrie: »Die Monarchentoaste!« erklärte er, daß die Teilnahme an dieser Form internationaler Höflichkeit um so weniger als eine Verleugnung der republikanischen Gesinnung angesehen werden könne, nachdem wir uns den viel ernsteren Treueiden der Landtagsabgeordneten unterwerfen müßten. Als er geendet hatte, hoben sich ein paar Hände zu schüchternem Applaus; die Mehrzahl der Genossen aber verharrte weiter in finsterem Schweigen. Die nach ihm sprachen, hatten ihre Reden alle auf einen Ton gestimmt: daß die Partei durch uns geschädigt worden sei.

»Für uns jibt's nur ein rechts und links,« rief der Maurer Merten; »die Akademiker, die nich Fleisch sind von unserem Fleisch, die zieht's eben immer wieder zu den Bourgeois. Ich aber sage Euch, Jenossen« -- dabei hieb er mit der breiten Faust auf den Tisch -- »sowas dürfen wir uns nich länger gefallen lassen, am wenigsten von unserem Abgeordneten. Was wäre verloren, wenn die Jenossin Brandt nich nach England jefahren wäre?! Es wäre ooch noch so! Nu aber, wo sie hinfuhr, sehen wir, daß sie kein proletarisches Bewußtsein hat; daß sie den Klassenkampf in Harmonieduselei verwandeln möchte und statt gegen die Gegner neben uns zu stehen mit ihnen bei Schampagner un Braten techtelmechtelt ...«

»Bravo, Bravo« -- klang es von allen Seiten, während mein Mann wütend vom Stuhl sprang und ein »Unverschämt!« zwischen den Zähnen hervorstieß. Mich packte ein jäher Schreck, als habe sich plötzlich vor mir die Erde gespalten: standen wir allein auf der einen Seite und jenseits die selbsterwählten Gefährten?!

»Die Genossin Brandt hat das Wort,« hörte ich wie von weit her sagen. Ich sammelte mich rasch. Aller Augen sah ich auf mich gerichtet.

»Mein Vorredner,« begann ich, »hat einen konsequenten Standpunkt vertreten, er hätte nur hinzufügen müssen, warum bei uns zum Verbrechen gestempelt wird, was anderen kein Härchen krümmte: wir sind des Revisionismus verdächtig. Das Schauspiel, das Sie hier aufführen, wäre noch kläglicher, als es so wie so schon ist, wenn nicht im Hintergrund tiefere Differenzen schliefen. Sie stehen auf dem Boden des Klassenkampfes, -- wir auch; Sie hassen die kapitalistische Wirtschaftsordnung, -- wir auch. Aber ihrer selbst unbewußt, führen Sie den Klassenkampf im Sinne des Krieges; Sie wollen den Gegner niederzwingen, Sie wollen sein Land erobern. Sie, die Sie seit Jahrtausenden die Lastträger der Menschheit sind, würden es schon als gerecht empfinden, wenn nur die Rollen der Unterdrücker und Unterdrückten vertauscht würden. Sie sehen in jedem Vertreter der herrschenden Gesellschaft einen Feind, weil Sie ihm als die Abhängigen, Unfreien gegenüberstehen, weil Sie ihm schon das bloße Sattsein neiden müssen. Wir können Ihren von der Bitterkeit des eigenen Herzens genährten Haß nicht mitfühlen, denn nicht persönliches Leiden machte uns zu Ihren Genossen. Uns ist das Ziel des Kampfes nicht die veränderte Herrschaft von Menschen über Menschen, sondern die uneingeschränkte Herrschaft der Menschheit über die Natur. Die Erde wollen wir erobern, um gleiche Entwicklungsbedingungen für alle zu schaffen, nicht Feindesland, das Unterworfene beackern sollen ...«

Ein unwilliges Gemurmel erhob sich. Im Saal fing es an zu dämmern. Ich unterschied nur noch die Zunächstsitzenden. Sonst war alles eine schwarze Masse, aus der nur hie und da ein kahler, breiter Schädel, ein weißer Bart, der glühende Punkt einer Zigarre herausleuchtete.

»Die Diktatur des Proletariats!« klang es mit tiefer Stimme drohend aus dem dunkelsten Winkel.

Die Jakobiner! antwortete es in meinem Innern. Ich fühlte, die Luft war geladen mit Sprengstoff gegen mich.

Den Faden meiner Rede hatte ich verloren, und unsicher und leise fuhr ich fort: »Ich habe Schulter an Schulter mit Ihnen gekämpft, -- was bedeutet das gegenüber der Tatsache, daß ich mit politischen Gegnern auf demselben Schiff nach England fuhr! Wir haben zusammen diesen Wahlkreis erobert, und in jener Nacht, da die alte rote Fahne als Zeichen des Sieges über uns flatterte, hat uns ein starkes Gefühl, wie ich glaubte, auf immer verbunden, -- aber was bedeutet das gegenüber dem Verbrechen der Kaisertoaste! Der Zweck der Reise war nichts anderes, als was im Interesse des Sozialismus gelegen ist, -- was bedeutet das gegenüber der Sünde, mit Nichtsozialisten an einem Tische gesessen zu haben! Dafür ist's nicht genug, daß unsere Presse mich beschimpfte, wie kein bürgerliches Blatt jemals zuvor, -- nein, es muß auch noch ein Exempel statuiert werden: der Genosse Brandt muß fallen! ... Nicht um unsertwillen, denn nicht wir sind die Unterlegenen, wenn Sie den vorliegenden Antrag annehmen, sondern im Interesse der Partei erwarte ich von Ihnen seine Ablehnung. Leisten Sie ihm Folge, so enthüllen Sie eine schwärende Wunde, und das in einem Augenblick, wo die bürgerliche Welt gierig darauf wartet, uns bei einer Schwäche ertappen zu können ...«

Keine Hand rührte sich. Die Petroleumlampe, die von einem roten Papierschirm umgeben, von der Decke herabhing, flammte auf und warf ein unsicher flackerndes Licht über heiße Gesichter.

Mein Mann sprach noch einmal, -- kalt, zornig. »Ich verlange nicht nur, daß Sie den Antrag ablehnen, sondern daß Sie ihn zurückziehen,« sagte er.

Der Geruch der qualmenden Lampe machte mich schwindeln. Während der Pause, die die Genossen zur internen Beratung anberaumt hatten, verließen wir den Saal. Draußen empfing uns die stille, mondhelle Nacht. Das Armenhaus gegenüber warf einen breiten, schwarzen Schatten auf den Sand.

»Der Antrag, den Genossen Brandt zur Niederlegung seines Mandats zu veranlassen, ist zurückgezogen,« erklärte der Vorsitzende, als wir wieder eintraten.

Die Versammlung ging ruhig auseinander. Wir verabschiedeten uns mit einem förmlichen Gruß. Auf unserem Wege nach der Station geleitete uns niemand.

Kaum waren wir ein paar Tage lang in unsere Arbeit wieder vertieft, als ich erfuhr, daß die Berliner Parteileitung mich aus der offiziellen Rednerliste der Partei gestrichen habe. Ich legte Protest ein und verlangte, gehört zu werden.

Man lud mich vor. Rings um den Saal saßen die Männer, in der Mitte an einer langen Tafel die Frauen, Wanda Orbin an ihrer Spitze. Sie waren meine Ankläger gewesen. Martha Bartels war der Staatsanwalt. Sie zählte alle meine Sünden auf, von einer Agitationsreise an, die ich vor vier Jahren hatte absagen müssen, bis zur Englandfahrt. Aber auch meine Verteidigung war eine Anklage: ich verschwieg nichts. Mitten in meiner Rede erhob sich Wanda Orbin ungestüm von ihrem Platz; ich sah, wie ein Zittern ihren Körper durchlief, wie der Zorn ihre Züge verzerrte. Im nächsten Augenblick stand sie vor mir und erhob die Faust, -- einer der zunächst sitzenden Genossen sprang dazwischen.

»So diskutieren wir nicht!« rief er empört.

Der Beschluß, meinen Namen von der Rednerliste zu entfernen, wurde aufgehoben. Das Verhalten Wanda Orbins mochte die Genossen stutzig gemacht haben. Trotzdem war mein Sieg nur ein scheinbarer; in seinen Folgen blieb der Beschluß bestehen.

Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich meiner. Jeder Kampf um Ideen wirkt erfrischend, selbst wenn er mit den schärfsten Waffen geführt wird. Aber was ich erlebte, war so eng, so klein, hinterließ einen so arm, mit einem so bitteren Geschmack auf der Zunge. Nicht Gewitterschwüle war's, die lastend auf mir ruhte und die Hoffnung auf Blitz und Wolkenbruch weckt, sondern feuchtwarmer Nebel, ganz dichter, undurchdringlicher. Und er umschlang mit seinen langen Armen, die sich nicht greifen, noch weniger zurückstoßen lassen, die ganze Partei.

* * * * *

Unter dem Zeichen der siegreichen russischen Revolution hatte der Jenaer Parteitag gestanden, eine tiefe Erregung, die nach Taten schrie, hatte sich aller bemächtigt; die Resolution zum Massenstreik hatte angesichts dieser Stimmung, so vorsichtig sie gefaßt war, wie eine Fanfare geklungen. Und nun war der Rausch vorüber; die Ernüchterung allein blieb. In kleinlichem Hader, in gegenseitigen Vorwürfen machte sie sich Luft.

Mit steigendem Mißbehagen empfanden die Nur-Politiker den leisen Hohn, mit dem die Gewerkschafter ihnen begegneten. Sie hatten von jeher dem Theoretisieren über den Massenstreik skeptisch gegenübergestanden, und auf ihrem Kongreß in Köln sprachen sie sich rückhaltlos aus; von der Unfruchtbarkeit der Partei, von dem stagnierenden Sumpf der gegenwärtigen Situation, von der kläglichen Lage, in die wir durch die wirkungslos verpuffte Landtagswahldemonstration gekommen seien, von dem Mißverhältnis zwischen Worten und Taten war viel die Rede. Nicht ohne berechtigten Stolz wiesen sie darauf hin, daß die anderthalb Millionen gewerkschaftlich Organisierter eine stärkere Macht repräsentierten als die viermalhunderttausend Mitglieder der sozialdemokratischen Wahlvereine.

»Ich habe die Möglichkeit einer Spaltung der Partei immer weit von mir gewiesen,« sagte einer der gewerkschaftlichen Führer; »aber wenn die Dinge sich weiter entwickeln wie jetzt, dann reißt uns, weiß Gott, die Geduld! Die Radikalen, die, wenn man den Firnis abkratzt, nichts sind als gewöhnliche Spießer, bilden sich ein, wir tanzen nach ihrer Pfeife, bloß weil sie so laut ist. Sie sollen sich wundern!«

Auf dem Parteitag zu Mannheim kam es zu einem Duell zwischen Bebel und Legien. Keiner war unbestrittener Sieger, Wunden trugen beide davon, die sogenannte Einigungsresolution war nichts als ein Pflaster. Und die schweren Nebelschwaden senkten sich tiefer.

Plötzlich aber erhob sich ein Sturm, den kein Wetterkundiger vorausgesehen hatte: die Regierung forderte einen Nachtragsetat für den Krieg gegen die Hereros, der im Verhältnis zu den Millionen, die die Reichstagsmehrheit bisher für die Kolonien bewilligt hatte, eine Lappalie war. Von den Rednern des Zentrums und der Sozialdemokratie wurde dabei die ganze Kolonialpolitik mit ihren Gewaltmaßregeln, ihren Grausamkeiten aufgerollt, und zu allgemeiner Überraschung wurde der Kredit für Südwest-Afrika abgelehnt. Das erschien der Regierung als der geeignete Moment, dem Volke durch die Tat zu beweisen, daß der Konstitutionalismus in Deutschland nur auf dem Papiere steht: nicht der Kanzler und die Minister danken ab, wenn die Volksvertreter sie desavouieren, sondern die Volksvertreter werden mit einem Fußtritt hinausgeworfen, wenn sie das persönliche Regiment nicht jasagend anerkennen.

Wir erfuhren die Nachricht der Reichstagsauflösung, als wir mit Romberg im Kaffee des Kaiserhofs saßen. Und hier, wo eine Anzahl der politischen Berichterstatter größerer Zeitungen zu verkehren pflegten, rief sie einen Aufruhr hervor, wie ihn Berlin sonst nicht kannte.

»Eine unglaubliche Dummheit der Regierung!« rief der eine stirnrunzelnd, der andere frohlockend.

»Nun geht's in den Kampf --« Ich mußte an mich halten, um es nicht jubelnd herauszustoßen. Ich sah wieder entwölkten Himmel, weiten Horizont.

»Wenn die Partei sich selbst zerfleischt, so ist noch immer die Regierung zugesprungen, um die Wunden zu heilen,« sagte mein Mann. Romberg zuckte die Achseln:

»Die Kolonialfrage als Wahlparole?! Ich fürchte, Sie täuschen sich über ihre Bedeutung.«

* * * * *

Der Winter war ungewöhnlich hart damals. Gerade die Not, die ihn zum Gefolge hat, macht ihn zu unserem Agitator, dachte ich. Alle unsere Gegner, an ihrer Spitze der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie und der Flottenverein, rüsteten sich bis an die Zähne wider uns. Ich war überzeugt: das steigere nur unsere Kampflust und festige unsere Einigkeit wieder. Fürst Bülow selbst trat auf das Schlachtfeld und rief die staatserhaltenden Kräfte gegen die Sozialdemokratie auf. Dieses Eingreifen des höchsten Staatsbeamten wird selbst unsere lauen Anhänger zu hellem Zorn entflammen, -- dessen war ich gewiß.

Und der Kampf begann. Über knirschenden Schnee flog der Schlitten, der mich von einem Dorf zum anderen trug. Oft bestieg ich ihn, glühheiß von der eben gehaltenen Rede, und die Luft, die mir den Atem am Munde gefrieren ließ, schien mir eine Wohltat. In den niedrigen Sälen fanden sich die Menschen ein wie sonst, aber der Sturm, der in den Schornsteinen heulte, der Schnee, der in dichten Flocken gegen die Fenster flog, trieb ihnen kühle Schauer über den Rücken.

Je näher der Tag der Entscheidung rückte, desto fieberhafter arbeiteten wir. Den Husten, der mir des Nachts den Körper erschütterte, suchte ich zu ersticken, meine Stimme, die versagen wollte, zwang ich unter meinen Willen. Wir glaubten an den Sieg. Und in Augenblicken selbstvergessener Hoffnung, wo die bösen Geister der Sorge vor unserer Zuversicht die Flucht ergriffen, wo alle Furcht sich verkroch wie Schakale vor der aufgehenden Sonne, da fühlte ich, wie mein Herz heiß wurde und der Aberglaube Gewalt über mich bekam: von der Entscheidung hängt auch unsere Zukunft ab.

* * * * *

Wieder, wie vor vier Jahren, saßen wir am Abend der Wahl im Gewerkschaftshaus zu Frankfurt. Und wieder hatte die Gärtnersfrau den Korb voll roter Nelken neben sich, und die Fahne lehnte eingerollt an der Wand. Aber die Genossen, die sich allmählich hereindrängten, machten ernste Gesichter, und die Boten, die kamen, brachten lauter Hiobsposten. Kein Ort, ohne einen Rückgang unserer Stimmen! Dazwischen die Depeschen aus anderen Kreisen: Verlust um Verlust. Noch ehe die letzten Nachrichten gekommen waren, leerte sich die Straße unter unseren Fenstern, und aus dem Saal schlich sich leise einer nach dem anderen. Es schlug Mitternacht, -- die Nelken welkten schon im Korbe. Wir waren nur noch ein Häuflein in dem großen öden Raum, -- wir wollten uns nichts ersparen: die Schlacht war endgültig verloren.

Wenige Tage später -- in der Nacht nach den Stichwahlen -- gingen wir durch die Straßen Berlins: da kamen sie in langen Zügen, unsere Überwinder -- kein Polizeisäbel, kein Schutzmannskordon hielt sie auf. Vor dem Königsschloß sammelten sie sich in schwarzen Massen. »Heil dir im Siegerkranz --« brausend stiegen die Töne durch die klare Winterluft zu dem hellen Fenster empor, an dem der sich zeigte, der heute in Wahrheit der Sieger war: der Kaiser.

Siebzehntes Kapitel

Vor einem halben Menschenalter war's. Ich stand allein auf Bergesspitze im Gewittersturm. Dicht über mir hingen die Wolken, aus denen das Wasser brausend in die Tiefe schoß, unter mir ballten sie sich zusammen und verdeckten jeden Ausblick auf stille Dörfer und freundliche Heimstätten. Der Donner rollte; die Berge antworteten ihm, -- ein Gelächter der Riesen über das kleine Menschengeschlecht. Jeder Blitz öffnete die Wolkenwand; das Himmelsgewölbe dahinter stand in Flammen.

Ich aber konnte nicht vor, -- nicht zurück. Ich mußte mich dem Wetter preisgeben, -- und ich fürchtete mich -- --

* * * * *

Wir lagen nächtelang wach. Jeder tat, als schliefe er, aus Schonung für den anderen. Unsere Arbeit lähmte Hoffnungslosigkeit. Wir lächelten, als wären wir froh, um dem anderen nicht wehe zu tun.

»Ilse meldet sich an --,« sagte Heinrich, als er eines Morgens die Post durchsah.

»Jetzt?!« rief ich erschrocken. Sie kam schon am nächsten Tage, hatte einen seltsam verängstigten Zug im Gesicht und ein erzwungen leichtsinniges Lächeln um die Lippen.

»Ich muß einmal wieder Großstadtluft atmen,« meinte sie; »die Stille bei uns ist oft schaurig.«

Mir schien, als zittere sie dabei. Von nun an war der Telegraphenbote unser häufigster Gast. Zuerst glaubte ich, ihres Mannes besorgte, sehnsüchtige Liebe käme in diesem Depeschenwechsel zum Ausdruck. Warum hatte sie denn nur jedesmal rote Augen, wenn ein Telegramm gekommen war?

Da, eines Morgens, stürmte einer in unser Zimmer, die Haare zerzaust, die Augen rot unterlaufen, -- der Gatte meiner Schwester. Vor seinen Verfolgern sollten wir ihn schützen, schrie er verzweifelt und barg den dunkeln Kopf in Ilsens Schoß, die mit erloschenem Blick auf ihn niedersah, die kleinen schwachen Hände auf seinem Haar. Noch am selben Tage kam er ins Irrenhaus. Er war tobsüchtig. Dann brach auch Ilse zusammen; aber sie weinte nicht, sie sprach nicht über ihr Schicksal, sie war nur wie erstarrt. Auch als sich herausstellte, daß ein großer Teil ihres Vermögens am Sanatorium ihres Mannes verloren gegangen war, zuckte sie nur die Achseln.

Um so furchtbarer traf es uns. Bisher wäre der Verlust des Geldes, mit dem sie sich an der Neuen Gesellschaft beteiligt hatte, keine ernste Frage für sie gewesen. Jetzt war sie es. Hatte ich vor ihrem Kommen geglaubt, zusammenzubrechen, jetzt kam mir die Kraft zurück, eine des Fiebers.

»Wir müssen aushalten, Heinz, wir müssen!« sagte ich, und wenn eine seiner vielen Bemühungen, Hilfe zu schaffen, wieder vergeblich gewesen war, so trieb ich ihn zu immer neuen Versuchen an. Und hie und da glückten sie. Für ein paar Monate konnten wir weiter schaffen, konnten leben. Aber jedesmal, wenn wir Hoffnung schöpften, erschien sicherlich irgendein Hetzartikel in der Parteipresse gegen uns, oder in den Wahlvereinen wurden wir von radikalen Genossen einer neuen Ketzerei beschuldigt, oder der alte Vorwurf des Geschäftssozialismus wurde laut. Wir spürten das alles an der Abnahme der Abonnenten.

Wie kann ich Geld schaffen, -- wie?! Die Frage beherrschte meine Gedanken immer mehr. Ein »freier« Schriftsteller war ich, -- einer von den Tausenden, die ausziehen, ihre Feder zu führen wie ein Schwert. Aber die Not heftet sich an ihre Füße, zuerst ein Zwerg, und dann ein Riese, der sie in seine Dienste zwingt.

»Lieber sterben!« stöhnte ich.

Doch dann sah ich mein Kind, -- wie es blaß war, welch forschende Augen es auf mich richtete! Ich riß es in meine Arme:

»Unter jedes Joch beuge ich meinen Nacken für dich,« dachte ich verzweifelt.

Ich beschloß, Vorträge zu halten gegen Entree. Das war nichts Erniedrigendes. Jeder Dozent an der Universität bekommt ein Honorar für die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die er den Hörern vermittelt. Trotzdem widerstrebte es mir. Ein Gefühl grenzenloser Scham trieb mir den Angstschweiß jedesmal auf die Stirn, wenn ich die Rednertribüne betrat. Ich hatte immer einen vollen Saal. Ich »zog«, -- ich war eine Sensation. Wie ein gezähmter Löwe im Zirkus. Gegen ein paar Mark Eintritt konnte sich nun die beste Gesellschaft, ohne sich etwas zu vergeben, die berüchtigte Sozialdemokratin ansehen, -- mit dem Opernglas sogar. Meine Zuhörer trugen rauschende Kleider und viele Brillanten an den weißen Händen, mit denen sie Beifall klatschten, um zu erzwingen, daß ich mich vor ihnen verbeugte.

»Unglaublich von einer Genossin, in diesem goldstrotzenden Saal zu reden und sich von diesem Publikum bezahlen zu lassen --,« sagte eine Besucherin, als ich gerade an ihr vorüber ins Freie trat. Ich preßte die Lippen zusammen, um nicht heftig aufzufahren --.