Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre
Chapter 29
Streifen weißen Haares zogen sich durch ihre blonden Scheitel. Auf ihrem schmalen Gesicht wechselte fahle Blässe mit fliegender Röte. Die Pupillen in ihren Augen standen keinen Augenblick still. Ein Gefühl von Zärtlichkeit überkam mich. Ich küßte ihre beiden Hände.
»Es ist nicht leicht --,« sagte sie.
»Was denn, Mamachen?« fragte ich so sanft, als hätte ich eine Kranke vor mir.
»Weißt du noch, wie ich Ilse die Stiefel zuschnürte, als sie ein Kind war? Vor ihr auf den Knieen, -- nur damit sie sich nicht bücken sollte?« begann sie langsam, traumverloren. »Dann pflegte ich ihren Mann zu Tode, -- und nun läßt mir die Angst keine Ruhe, daß sie wieder in ihr Unglück rennt --« Sie ließ sich nicht beruhigen. Es war, als ob eine fixe Idee sie beherrschte.
Eines Abends schickte Ilse nach mir.
»Um Gottes willen -- rasch --,« rief sie mir schon vor der Haustür entgegen, »ich fürchte mich so!« Oben fand ich die Mutter im Bett zusammengekauert, die Augen starr ins Wesenlose gerichtet. »Hans -- Hans -- tu mir nichts!« wimmerte sie. »Du hast ja mein Versprechen --« Und dann streckte sie wie lauschend den Kopf vor. »Hier meine Hand darauf --« flüsterte sie ruhiger werdend, und ihre weißen Finger griffen in die leere Luft, um etwas zu umschließen, das niemand sah als sie.
Der Arzt erklärte ihren Zustand für Nervenüberreizung und verlangte die Trennung von Mutter und Tochter. Aber erst nach Wochen voller innerer und äußerer Qualen ließ sie sich überreden, ohne Ilse nach Montreux zu gehen. Ich hatte ihr versprechen müssen, die Schwester zu mir zu nehmen, und sie selbst überwachte noch ihre Übersiedlung in eine zufällig leere Wohnung neben uns.
* * * * *
Es war um die Weihnachtszeit; jene Zeit voller Geheimnisse und voller Freuden; jene Zeit, die ein Gott der Liebe wirklich geweiht zu haben scheint. Ich hatte dann immer alle Hände voll zu tun. In den Laden gehen und kaufen, das kann jeder, der einen vollen Beutel hat, auch im Alltag des Jahres. Aber den Wünschen derer, die man liebt, nachspüren, und sie mit eignen Händen zu erfüllen suchen, das kann nur, wer Festtagsstimmung hat.
Eine Götterburg baut' ich meinem Buben auf mit Wodan und Baldur, mit Loki im roten Feuerkleid und den Walküren in Schwanengewändern. Stets fehlte noch irgend was: ich mußte weit umherlaufen, um die Silberflügel für die Helme der Schlachtjungfrauen oder den goldenen Eber für Freyrs Wagen zu finden. Und ich war so müde, so schrecklich müde! Es war, als ob mein Körper täglich schwerer auf den Füßen lastete. Endlich war alles fertig. Ich lag erschöpft auf dem Sofa.
Wie schwach mir war und wie glühend heiß dabei! Mit einer letzten Kraftanstrengung schlich ich ins Schlafzimmer und legte mir den Fieberthermometer unter den Arm: 39½ -- Ich rief nach Berta und schickte zum Arzt. Dann wußte ich nichts mehr von mir.
Erst allmählich sah ich schattenhaft Gestalten um mein Bett -- Heinrich -- den Arzt -- die Pflegerin in der weißen Haube und -- die Mutter! Wie hatte man sie nur rufen können, die arme, kranke Frau?! Oder, -- eiskalt packte mich die Angst, -- sollte ich sterben müssen?! Ich durfte doch gar nicht! Ich mußte den Weihnachtsbaum putzen für mein Kind! Unaufhaltsam liefen mir die Tränen über die Wangen.
Ich genas. Auf dem Sofa lag ich jetzt wieder, und über meine Decke ließ Ottochen alle Götter und alle Walküren reiten.
»Wie kam es nur,« wandte ich mich zur Mutter, die, noch schmaler geworden, im Stuhl neben mir lehnte, »wie kam es nur, daß du so plötzlich hier warst? Heinrich gab mir sein Wort, daß er dir nichts von meiner Erkrankung geschrieben hat, -- und Ilse auch.«
Ein stilles Lächeln glitt über ihre Züge.
»Nein, niemand schrieb mir, -- aber ich sah, daß der Tod neben dir stand. Ihr mögt noch so sehr zerren wie an einer Kette, das Band zwischen Mutter und Kind ist stärker als Ihr.«
Am nächsten Tage reiste sie ab. Sie hatte den alten schwarzen Mantel an, den ich seit Jahren an ihr kannte, und auf ihrem dunkelgrauen Hut saß ein kleiner grünschillernder Käfer, -- ich weiß noch alles ganz genau. An der Tür zögerte sie und sah mich an, -- mit einem langen, langen Blick. Ich wollte mich aufrichten und sie noch einmal umarmen. Aber ich war viel zu schwach dazu.
Acht Tage später war sie tot.
Dreizehntes Kapitel
»Genosse Weber aus Frankfurt a. O. -- meine Frau.« Ich war gerade zur Türe eingetreten, als Heinrich mir seinen Gast vorstellte, einen kleinen lebhaften Menschen mit blanken, braunen Augen und kahlem Schädel. Verwundert sah ich von einem zum anderen: sie waren beide heiß und rot vor Erregung.
»Helfen Sie mir, Genossin Brandt,« sagte der Fremde und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Komisch, was für einen breiten, nach außen gebogenen Daumen er hat, wie bei der Spinnerin im Märchen, dachte ich zerstreut, während meine Augen gewohnheitsmäßig an seinen Händen hängen blieben.
»Weber bietet mir die Kandidatur seines Wahlkreises an,« erklärte Heinrich. Nun erst horchte ich auf.
»Und er zögert, sie anzunehmen. Bringt lauter Wenn und Aber vor. Und will Bedenkzeit. Als ob es jetzt noch was zu bedenken gäbe! Jeder von uns muß ins Geschirr, -- so oder so,« rief unser Gast, und seine Worte überstürzten sich vor Eifer. »Machen Sie kurzen Prozeß, -- schlagen Sie ein!«
»Schade, daß Sie mich nicht brauchen können, -- ich täte es besinnungslos,« antwortete ich und legte meine Hand in die seine, die er noch vergeblich meinem Mann entgegenstreckte. Weber hielt sie fest.
»Ein Weib -- ein Wort,« lachte er. »Sie sollen sehen, wie wir Sie brauchen können, -- zuerst müssen Sie uns den Kandidaten und dann den Wahlkreis erobern helfen!«
Aber mein Mann blieb fest, trotz allen Zuredens.
»In vierundzwanzig Stunden werden Sie meine Antwort haben...« sagte er.
Als Weber gegangen war, schalt er mich: »Du bist unüberlegt wie ein Kind! Glaubst du, daß das Archiv nicht sehr geschädigt wird, wenn ich für die Partei kandidiere, oder gar als Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion in den Reichstag komme?!«
Ich machte eine wegwerfende Bewegung: »Ach, -- das Archiv und immer das Archiv! Lindner wird sich über kurz oder lang entscheiden müssen, und wenn du erst eine ausgesprochen sozialistische Zeitschrift leitest, so wird das auf das Archiv nicht anders wirken, als wenn du Abgeordneter bist...«
Einen Augenblick lang schwieg ich und sah ihn erwartungsvoll an, aber er blieb am Schreibtisch sitzen mit gesenkten Augen und zusammengekniffenen Lippen, während seine Hand unruhig mit dem Bleistift spielte.
»Heinz --,« fuhr ich mit weicherer Stimme fort, »Heinz, das bist nicht du, den ich unschlüssig vor mir sehe! Alle Wetterzeichen deuten auf einen großen Kampf, und du könntest abseits bleiben, wenn man dich zu den Waffen ruft?! Du, den ich liebe um seiner Kühnheit willen, der all die tausend jämmerlichen Rücksichten des Alltagsmenschen nicht kennt --«
»Ich sage dir, wie schon einmal, daß ich an euch zu denken habe, an dich und das Kind,« unterbrach er mich, aber seine Stimme hatte keinen Ton dabei.
»Hat Romberg, der den Freien spielt und im Grunde nichts ist als ein Philister, so viel Macht über dich?!« antwortete ich heftig. »Soll auch für uns die Familie der Götze sein, dessen Unersättlichkeit wir das Beste opfern: unsere Freiheit, unsere Überzeugung, unser Menschentum?! Sie wäre wert, daß wir sie zerstörten, wie unsere Gegner es von uns behaupten, wenn dem so wäre!«
Heinrich erhob sich und reichte mir die Hand. Seine Augen glänzten wieder. »Du bist mein tapferer Kamerad,« sagte er, -- nichts weiter. Und ich stellte keine Frage mehr an ihn.
Am nächsten Morgen gingen wir in den Reichstag. Seit Wochen tobte hier der Kampf um den Zolltarif. Mit eiserner Konferenz hatte die sozialdemokratische Fraktion es bisher durchgesetzt, daß über jeden einzelnen Zollsatz beraten und namentlich abgestimmt wurde. Wenn sie die schließliche Annahme der Vorlage auch nicht verhindern konnte, -- sie hatte eine geschlossene Mehrheit gegen sich; von den bürgerlichen Parteien wagte es nur die kleine freisinnige Vereinigung unter Führung von Theodor Barth mit ihr zusammen gegen die drohende Verteuerung aller Lebensmittel Front zu machen --, so wollte sie wenigstens nichts versäumen, um ihre Folgen abzuschwächen, oder, -- das war die Hoffnung der Optimisten in ihrer Mitte, -- die Entscheidung so lange hinauszuschieben, bis die neu gewählten Volksvertreter sie zu fällen haben würden. Sie wußten genau: wenn sie mit dem Zolltarif als Agitationsmittel vor die Wählermassen treten könnten, so würde eine verstärkte Opposition in den Reichstag zurückkehren. Aber ihre politischen Gegner fürchteten diese Entwicklung der Dinge ebenso sehr, als die Sozialdemokraten sie wünschten. Schon hatten sie versucht, durch eine Umänderung der Geschäftsordnung die Verhandlungen zu beschleunigen, -- umsonst. Die Sozialdemokraten begegneten ihnen mit vier- und fünfstündigen Dauerreden, mit immer neuen Anträgen. Die Empörung stieg bis zur Siedehitze. Und jetzt, -- darüber war kein Zweifel, -- hatten die Vertreter der Rechten und des Zentrums nach langwierigen Beratungen ein Mittel gefunden, das den Einfluß der Opposition endgültig lahmlegen sollte.
In der langen grauen Wandelhalle, die der dunkle Novembertag noch öder, noch farbloser erscheinen ließ, warteten wir auf unsere Tribünenkarten. Abgeordnete eilten an uns vorüber, in schwarzen Röcken oder in Soutanen, schwere Mappen unter den Armen, mit müden, überwachten Gesichtern, oder sie gingen flüsternd zu zweien und blieben in den Ecken stehen, die Köpfe zueinandergeneigt, wie Verschwörer. Erhob sich ihre Stimme im Eifer des Gesprächs, so hallten abgerissene Worte durch den hohen Raum und schwebten wie verirrt in der Luft. Ein langsamer fester Schritt näherte sich uns: Ignaz Auer.
»Sie haben eine gute Nase, Genossin Brandt,« lachte er, indem er uns kräftig die Hände schüttelte; »heute platzt hier irgend eine Bombe. Und da müssen Sie dabei sein, was?!« Er führte uns in den Wandelgang, der den Sitzungssaal umschließt, und mit seinem weichen Teppich und seiner braunen Täfelung behaglich gewirkt hätte, wenn nicht ein unaufhörliches hastiges Hin und Her die Luft in ständiger nervöser Schwingung erhalten hätte. Wir setzten uns.
»Mir ist die Kandidatur für Frankfurt-Lebus angeboten worden. Was halten Sie davon?« wandte sich mein Mann an Auer. Der strich sich nachdenklich mit der breiten Hand den Bart, während ein leiser Spott seine Lippen kräuselte.
»Also wieder ein Akademiker! Was werden unsere Berliner sagen?! -- Übrigens,« fügte er lauter hinzu, »ich kenne den Wahlkreis: Äcker, nichts als Äcker, und Bauern- und Rittergüter, wenig Industrie, -- kurz, ein böser Winkel.«
»Aussichtslos?« fragte Heinrich.
»Aussichtslos? Nein!« antwortete Auer. »Nur erleben wir beide seine Eroberung nicht.« Ich biß mir ärgerlich die Lippen, -- ich hatte erwartet, daß er zureden würde.
Ein heller Glockenton klang durch das Haus. Die Sitzung war eröffnet. Wir stiegen zur Tribüne hinauf. Jeder Platz war besetzt. Gespannte Erwartung lag auf allen Zügen. Man zeigte einander flüsternd die Hauptführer im Kampf. Allmählich füllte sich unten der Saal. Das gelbgraue Licht, das von den farblosen Wänden und der tiefen Glasdecke ausstrahlte, ließ alle Gesichter gleichmäßig fahl erscheinen.
»Ein vornehmer Raum!« sagte eine Dame neben mir. Daß man so oft für vornehm hält, was nur kühl, nur leblos ist! Die Architekten öffentlicher Gebäude sollten den psychologischen Einfluß der Farben auf die Menschen studieren. Vielleicht würden dann manche Parlamentsverhandlungen und Gerichtsbeschlüsse anders ausfallen.
Hinter dem Rednerpult stand ein Abgeordneter, der mit einförmiger Langsamkeit über die Petitionen zu den Vieh- und Fleischzöllen berichtete. Niemand hörte auf ihn. In Gruppen standen die Mitglieder der Rechten und des Zentrums beieinander. Hier und da eilte einer von ihnen zur Tür, um bald darauf achselzuckend wiederzukommen. Irgend etwas sehnlich Erwartetes fehlte. Die Linke nur saß scheinbar ruhig auf ihren Plätzen, und auf dem Präsidentenstuhl lehnte Graf Ballestrem in erzwungener Gelassenheit den weißen Kopf an die hohe Lehne. Der Berichterstatter schloß. Graf Ballestrem erhob sich: »Wir treten nunmehr in die Beratung des Zolltarifs ein ...«
In diesem Augenblick stieg Herr von Kardorff, der greise Führer der Rechten, mit jugendlicher Elastizität die Stufen zur Estrade empor. Ein weißes Papier zitterte in seinen Händen. Die Stimme, mit der er scharf und hell seine Worte in den Saal hinausstieß, vibrierte:
»In wenigen Minuten wird dem Hause ein Antrag vorliegen, der dahin geht, in Paragraph 1 der Gesetzesvorlage die Enbloc-Annahme des Zolltarifs auszusprechen ...«
Ein Hohngelächter übertönte jedes weitere Wort. Die Linke sprang auf und umdrängte die Estrade.
»Eine Guillotinierung!« klang es aus dem schwarzen Menschenknäuel.
»Sie haben uns selbst auf diesen Weg gedrängt ...,« rief Kardorff. Er ballte die Faust um das weiße Papier, reckte die überschlanke Gestalt hoch auf und maß mit einem hochmütigen Blick die Gegner unter ihm.
Man wartete auf die Verteilung des Antrages. Eine lange, atemlose Pause. Endlich traten die Diener ein. Man riß ihnen die bedruckten Blätter aus der Hand. Dicht unter der Rednertribüne, auf der Kardorff noch immer aushielt -- gerade, starr, scheinbar gleichgültig --, warf einer der Sozialdemokraten in fanatischem Zorn das zusammengeballte Blatt zu Boden. Um den heftig gestikulierenden Bebel sammelte sich die Linke.
»Zur Geschäftsordnung!« rief Singers tiefe Stimme immer wieder dem Präsidenten zu.
Und dann sprach er. Aber durch den frenetischen Beifall der Linken und die empörten Zwischenrufe der Rechten und des Zentrums klangen nur abgerissene Sätze zu den Tribünen empor.
»... Dieser Antrag ist der Ausfluß des persönlichen Interesses, welches die Herren Gesetzgeber an der Zolltarifvorlage haben ... Sie fördern den Umsturz, Sie propagieren die Revolution, indem Sie die Interessen des Volkes mit Füßen treten... Neunhundert Positionen, von denen jede einzelne die wirtschaftliche Existenz Tausender bedroht, wollen Sie in einer Abstimmung zur Entscheidung bringen ... Sie fürchten sich, die Beute könnte Ihnen entgehen ... Sie sind die Schleppenträger der Agrarier und die Regierung ist ...«
»Ihr Zuhälter!« kreischte eine Stimme dazwischen.
Der Präsident erhob sich und schwang die Glocke. Aber das Wort saß fest; flüsternd ging es schon durch die Menschenreihen auf den Tribünen.
Noch einmal übertönte Singers Rede den Sturm im Saal: »Mehr denn je wird das Recht der Minorität, sich gegen Vergewaltigungen zu wehren, zur heiligen Pflicht, wo es sich darum handelt, dem Volke ein Gesetz zu ersparen, das es der Not ausliefert, während es Ihre Taschen füllt ...«
Seine Fraktionskollegen umringten den Redner; einen Augenblick lang lag die Hand Theodor Barths in der seinen.
»Das Wort zur Geschäftsordnung hat der Herr Abgeordnete von Kardorff.«
Schon hatte sich Singer seinem Platz wieder zugewandt. Wie er den Namen hörte, drehte er sich um und blieb zwischen den Seinen stehen, groß, schwer, breitschultrig. Über ihm auf einer der Stufen, die zur Estrade führten, stand Bebel, die dunkelglühenden Augen fest auf den Redner gerichtet, während seine Finger sich nervös bewegten, sich spreizten und wieder zusammenzogen, als prüften sie ihre Kraft.
Ruhig, mit der ganzen Selbstbeherrschung des alten Aristokraten, begann Kardorff zu sprechen: »Wir sind der Überzeugung, daß der vorliegende Antrag das einzige Mittel ist, um die Tarifvorlage, deren Erledigung wir für ein großes vaterländisches Interesse halten ...«
»Vaterländisch?!« fragte jemand ironisch; ein schallendes Gelächter antwortete.
Der Redner gab sich nicht die Mühe, den Lärm zu überschreien. Gleichgültig sah er über die Menge hinweg und wartete, bis der Präsident die Ruhe wieder hergestellt hatte. Dann sprach er weiter, ohne die Stimme zu erheben, ohne Pathos. Er gab sich nicht die Mühe, überzeugen zu wollen; in seiner ganzen Art lag eine souveräne Verachtung des Gegners.
»...Daß die Mehrheit wichtige Gesetzesvorlagen auch gegen den Willen der Minorität durchsetzt, ist eine grundlegende Forderung unseres konstitutionellen Lebens...«
Tosender Lärm unterbrach ihn. Aus dem dichtgedrängten Haufen, der sich allmählich immer näher zur Rednertribüne emporschob, erhoben sich geballte Fäuste. »Räuber!« -- »Taschendieb!« -- »Volksverräter! --«, wie Peitschenhiebe pfiff und sauste es durch die Luft. Die Mitglieder der Rechten erhoben sich und besetzten wie zum Schutz die andere Seite der Treppe. Kardorff sprach weiter. Sein Gesicht war um einen Schein blasser geworden, und seine schmalen Hände umklammerten krampfhaft das Pult. Hier stand nicht mehr der einzelne, der um einen momentanen Vorteil kämpft, -- in diesem Mann erhob sich vielmehr die alte Welt wider die neue und umgab seinen scharf geschnittenen Aristokratenkopf mit dem dunklen Glanz tragischer Größe.
Als wir gingen, stritt man sich noch immer in endlosen Reden über die Zulässigkeit des Antrags.
»Acht Tage läßt sich die Sache wohl noch hinziehen,« meinte einer unserer Reichstagsabgeordneten, den wir in der Wandelhalle trafen, »dann ist der Zolltarif angenommen. Ein Pyrrhussieg für die Rechte, -- der Nagel zum Sarg für die Nationalliberalen!«
»Und hundert Mandate für uns!« fügte ein anderer frohlockend hinzu; »das wird ein Wahlkampf werden, der seinesgleichen nicht hatte!«
In einem Kaffee der Potsdamerstraße erwartete uns Weber. Fragend sah er von einem zum anderen. Mein Mann reichte ihm die Hand.
»Hier haben Sie mich, wenn Sie noch mögen. Auer sagt, wir würden die Eroberung von Frankfurt-Lebus nicht erleben, -- das gab den Ausschlag. Die gebratenen Tauben, die in den Mund fliegen, schmecken mir nicht. Wir wollen uns zusammen ein Wild erjagen.«
Wir blieben noch lange beieinander. Weber erzählte von seinem eigenen Leben: wie er als armer Schustergeselle in die Welt hinausgewandert war, sich schließlich seßhaft gemacht hatte und anfing, sich emporzuarbeiten.
»Eine verbissene Zähigkeit gehört dazu, wenn's gelingen soll,« meinte er, »dieselbe Zähigkeit, die wir haben müssen, soll die Partei vom Flecke kommen. Nur ein paar solcher Genossen haben wir in Frankfurt, die seit Jahren den steinigen Boden beackern, unermüdlich, in täglicher Kleinarbeit, gegen den Haß und die Verfolgungssucht des ganzen bourgeoisen Klüngels, -- und doch sind wir ein gut Stück weitergekommen. Seit zwanzig Jahren schau ich mir die alte rote Fahne an, die seit dem ersten Lassalleschen Arbeiterverein eingerollt im Winkel steht. Der schönste Tag meines Lebens wär's, wenn ich sie einmal flattern sehen könnte!« Und mit dem breiten Schusterdaumen wischte er sich einen feuchten Tropfen aus dem Augenwinkel.
* * * * *
Mit jedem neuen Tage wurde der Kampf im Reichstage brutaler; selbst die politisch Gleichgültigen wurden aufgerüttelt und verfolgten ihn mit gespannter Aufmerksamkeit. Durch Nachtsitzungen versuchte die Mehrheit die Kraft der Minderheit zu erschöpfen, aber mit trotziger Ausdauer hielt sie stand, und schob die Entscheidung durch endlose Reden immer wieder auf Tage und Stunden hinaus. Der gegenseitige Haß zerriß in zügelloser Leidenschaft alle Bande äußerer Gesittung. Konservative Abgeordnete bezeichneten die Arbeiter Berlins, die in riesigen Versammlungen gegen den Umsturz der Geschäftsordnung durch den Antrag Kardorff protestierten, als »skrophulöses Gesindel«, und ihre Presse forderte von der Regierung: »der Bestie den Zaum anzulegen«. Die »Bestie« blieb ihre Antwort nicht schuldig. Die größten Säle der Millionenstadt konnten die Menge nicht fassen, die nichts mehr war, als ein Wille: nieder mit der Reaktion! und eine Hoffnung: der Rachefeldzug der nächsten Wahlen. Und mehr und mehr tauchten Menschen in den Versammlungen auf, die nicht zum Proletariat gehörten. Bewunderung für die wilde Energie der kleinen Schar Belagerter riß so manchen aus dem politischen Schlummer, und der Groll führte andere hierher; sie fühlten ihre liberalen Interessen durch ihre eigenen Vertreter im Reichstag -- die Bassermann, die Richter -- schmählich verraten. Zu früh vernarbte Wunden brachen auf: die Erinnerung an die Lex Heinze erwachte, durch die Kunst und Wissenschaft tödlich getroffen worden wären, wenn die Roten im Reichstag sie nicht so wütend verteidigt hätten; und die Rede des Kaisers klang lauter, als da sie gehalten wurde, in die Ohren derer, die sich bisher vom Getümmel der Schlacht scheu vor ihre Staffelei und ihren Schreibtisch zurückgezogen hatten. »Eine Kunst, die sich über die von mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr,« hatte er angesichts der vollendeten Standbilder in der Siegesallee erklärt, und die großen Eroberungen neuer künstlerischer Möglichkeiten, wie sie denen um Manet und van Gogh, um Liebermann und Klinger gelungen waren, als ein Niedersteigen in den Rinnstein bezeichnet. Jetzt rötete das Schamgefühl manchem die Wangen, der den Streich ruhig empfangen hatte. »Wahrlich, es gilt mehr als den Zolltarif,« sagte mir einer aus dem Kreise der Sezession, »es gilt die Verteidigung der ganzen modernen Entwicklung. Wenn es zu diesem Ende nichts anderes gibt, als den Stimmzettel, so werden auch wir uns seiner zu bedienen wissen.« Eine Revolte der Intellektuellen stand bevor, und im stillen hoffte ich wieder, daß sie zu einer Revolutionierung der Geister führen würde.
Aber auch die Gegner außerhalb des Reichstages rüsteten sich schon für die kommenden Wahlen. Was der Adel Preußens vor zwanzig Jahren noch für unmöglich gehalten hatte, das geschah. Junker und Fabrikant vereinigten sich, da der gemeinsame Feind drohte: die Sozialdemokratie. Und der Kaiser selbst wurde in diesem Kampf der erste Agitator: »Zerreißt das Tischtuch zwischen Euch und diesen Leuten, die Euch aufhetzen gegen Thron und Altar, um Euch zugleich auf das rücksichtsloseste auszubeuten und zu knechten --;« wie auf Windesflügeln durcheilten diese seine Worte, die er an eine Deputation von Arbeitern gerichtet hatte, das Reich, denn jeder Sozialdemokrat trug sie weiter. Und lauter, immer lauter wurde der Groll: »Wer anders beutet uns aus als die Zollwucherer, die uns das Fleisch vom Tisch nehmen und das Brot verteuern? Wer anders knechtet uns als die Stützen von Thron und Altar, die das Joch der Fronarbeit auf unsere Schultern laden?«
Während die Folgen der schweren Krankheit mir die agitatorische Tätigkeit noch unmöglich machten, stand mein Mann schon mitten im Wahlkampf. Er kam jedesmal hoffnungsvoller wieder, denn an der neuen Aufgabe wuchs seine Energie. Ich benutzte die Stunden der Alleinherrschaft über unseren Schreibtisch zur Abfassung einer Agitationsbroschüre, in der ich die politische Situation vom Standpunkt der Frau aus beleuchtete. Für den kommenden Wahlkampf sollte sie die Arbeiterinnen aufklären, anfeuern, mit Waffen versehen. Das Häuflein ihrer offiziellen Vertreterinnen hatte mich zwar hinausgeworfen, aber Hunderttausende gab es, zu denen ich sprechen konnte.
»Jetzt mache ich auch mit Lindner kurzen Prozeß,« sagte Heinrich eines Abends, als er eben von Frankfurt zurückkehrte. »Gehen wir aus dem Wahlkampf in der Stärke hervor, wie wir es hoffen dürfen, so treten die Aufgaben praktischer Politik mit zwingender Notwendigkeit an uns heran, und meine Zeitschrift hat einen Wirkungskreis ohnegleichen ...«
Lindner kam. Mit Wünschen und Hoffnungen und ohne Entschlossenheit, wie immer.
»Sie haben mich lange genug genarrt,« fuhr ihn Heinrich an; »im Vertrauen auf Sie habe ich gewartet und immer wieder gewartet. Nun aber verlange ich ein Ja oder Nein.«
Lindners schmale Gestalt sank förmlich in sich selbst zusammen. Halb verlegen, halb gekränkt versprach er eine rasche Entscheidung.
»Wie kannst du nur!« rief ich, als die Türe sich hinter ihm schloß. »Nun wird er ganz gewiß zurücktreten!«
»Und wenn schon!« lachte Heinrich fröhlich, »glaubst du, die Zeitschrift hinge von ihm allein ab?«