Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre
Chapter 37
Und dann brach ich zusammen. Ehe das Kind in meinem Schoß Leben gewesen war, starb es. Während der langen dunkeln Stunden, die ich nun regungslos auf dem Rücken lag, richtete das Ungeborene zwei starre Augen auf mich, anklagend, richtend. Und ich beweinte es, als hätte es schon in meinen Armen gelegen.
Als ich wieder aufstehen durfte, nahm ich aus meiner Großmutter Zeichenmappe ein kleines, in zarten Farben gemaltes Bild: ein Köpfchen mit weißen Rosen bekränzt, -- ihr jüngstes Kind, das gestorben war, ehe seine Lippen das erste »Mutter« zu lallen vermochten. Ich stellte es auf den Schreibtisch vor mich hin. Es sollte mich zu jeder Stunde daran erinnern, daß mein Kind zum Opfer gefallen war.
Ich erholte mich schwer. Mir fehlte der Wille zur Kraft.
Eines Abends saß ich mit meinem Sohne zusammen unter der grünumschirmten Lampe. Er war in das Buch vertieft, das aufgeschlagen vor ihm auf dem Tische lag.
»Das mußt du hören, Mama,« rief er aus; seine Augen glänzten vor Entzücken.
»Nun geht in grauer Frühe Der scharfe Märzenwind, Und meiner Qual und Mühe Ein neuer Tag beginnt ...«
las er. In den Stuhl zurückgelehnt, hörte ich ihm zu.
»Kein Dräuen soll mir beugen Den Hochgemuten Sinn; Ausduldend will ich zeugen, Von welchem Stamm ich bin..«
Ich richtete mich auf. »Ausduldend will ich zeugen, von welchem Stamm ich bin,« wiederholte ich leise, nahm meines Kindes Kopf zwischen beide Hände und küßte ihn auf die Stirn. Es war ein Gelöbnis.
Sechzehntes Kapitel
»Wie die Hasen auf der Treibjagd werden die Revolutionäre von den Soldaten zusammengeschossen,« -- »fünfzehntausend Gefallene bedecken Straßen und Barrikaden --,« so meldete der Telegraph aus Moskau; »die Regierung hat uns betrogen! Der Zar hat sein Versprechen gebrochen! Die Knute der Kosaken herrscht wieder über uns,« -- so klangen die Verzweiflungsschreie der Freiheitskämpfer über die Grenze. Und schwer und dumpf grüßten die Glocken das Jahr 1906.
Auf den eroberten Gebieten des Absolutismus halten unsere russischen Brüder ihre Siegeszeichen aufgepflanzt, und an ihnen waren die üppigen Ranken unserer Hoffnung wuchernd emporgewachsen. Jetzt lagen sie am Boden. Die Soldaten der Reaktion traten darauf.
* * * * *
Und doch bedurften wir in dem Kampf, den wir führten, der Siegeszuversicht. Ein rocher de bronce war Preußen noch immer, dem er galt, denn als die Frage der Abänderung des Dreiklassenwahlrechts im Landtag endlich zur Besprechung kam, da erklärte die Regierung: das Reichstagswahlrecht ist unannehmbar, und fügte der Absage durch den Mund des Ministers von Bethmann Hollweg die versteckte Drohung hinzu: »das Gefühl der Unlust besteht ja auch im Reiche, wo wir noch dieses angeblich ideale Wahlrecht besitzen.« Noch! -- Wir hatten achtzig Abgeordnete im Parlament, und doch würde Preußens Reaktion sie mit einer Handbewegung beiseite schieben. Es klang wie ein Hohn unserer Ohnmacht, wenn der Kanzler die Machtmittel des Staats für ausreichend erklärte, um »Pöbelexzesse zu verhindern.« Er hatte recht. Es kam zu keinen Exzessen.
* * * * *
Die Einführung des Zolltarifs stand vor der Türe. Mit neuen Steuern und Abgaben drohte eine Reichsfinanzreform. Im Hintergrund lauerte das Raubtier des Kriegs, und die Diplomaten, die mondelang in Algeciras beisammensaßen, um es in Ketten zu legen, schienen es statt dessen groß zu füttern. Für neue Kriegsschiffe agitierten die Regierungsparteien und malten den Weltbrand glutrot auf die leere Leinwand der Zukunft. Aber das Volk hörte gleichgültig zu, als ginge es das alles nichts an. Wo es im Laufe der letzten Jahre bei Nachwahlen zum Reichstag um sein Verdikt gefragt worden war, hatte es Junkern und Junkergenossen das Feld überlassen.
»Mir ist eine kleine Schar überzeugter Genossen lieber, als eine große Menge unsicherer Mitläufer,« hatte Bebel wiederholt gesagt. Das sollte ein Trost sein und war bei Licht besehen nur die Konstatierung einer Tatsache, denn der Zuzug aus bürgerlichen Kreisen hatte sich verlaufen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, -- das war der Trunk gewesen, an dem sich deutsche Träumer von jeher berauscht hatten. Diesmal war er von der Sozialdemokratie kredenzt worden. Als sie aber erwachten und die Welt noch immer nicht ihren Dichteridealen entsprach, und die Genossen die Ritter vom heiligen Gral nicht waren, die sie in ihnen gesehen hatten, da versanken sie wieder in politische Gleichgültigkeit.
In die Maienpracht junger Hoffnungen war der Reif der Enttäuschung gefallen. Es schien fast, als ob alle Knospen daran sterben sollten.
An jenem »roten Sonntag«, der in ganz Preußen der Demonstration gegen das Dreiklassenwahlrecht gewidmet war, sprach ich in einem kleinen Fabrikort Brandenburgs. Es war ein trüber Abend; der Saal lag abseits zwischen hohen Mauern in einem feuchten Grunde. Mein Appell an die Begeisterung, an die Widerstandskraft verhallte wirkungslos. Und es war nicht nur meine Schuld, daß das Feuer nicht brennen wollte. Regenschauer hatten das Holz naß gemacht, so daß es nur knisterte. Wir protestierten gemeinsam gegen die preußische und gegen die russische Reaktion, aber mir schien, als stünde hinter diesem Protest nicht der Wille zur Tat, sondern ein resigniertes Gefühl der Ohnmacht.
* * * * *
Die Neue Gesellschaft führte die Sprache der Kraft. War sie nicht mehr die der Massen, daß sie sie nicht hören wollten?
Frühling und Sommer zogen an unseren Fenstern vorbei. Wir saßen gebückt am Schreibtisch und wagten nicht, einander in das Antlitz zu schauen. Zuweilen war mir wie einem, der in eine Hütte mit blinden Scheiben gesperrt ist und nichts sieht als den Staub und die Dürftigkeit der nächsten Nähe. Dann durstete ich so sehr nach Luft und Sonne, daß ich jeden Hauch, der durch die Türe drang, jeden Strahl, der sich hinein verirrte, wie einen Boten der Erlösung begrüßte.
Meine Schwester hatte sich verlobt.
»Jetzt erst weiß ich, was Liebe ist,« hatte sie mir mit glühenden Wangen und heißen Augen zugeflüstert. Das Leben war ihr viel schuldig geblieben, darum glaubte ich freudig daran, und ihr Glück ließ mich ihr gegenüber freier atmen, darum unterdrückte ich jeden Zweifel. Sie führte uns ihren Verlobten zu, einen jungen Arzt, hinter dessen auffallender Schweigsamkeit ich den Menschen zu sehen mich zwang, den sie lieben konnte. Sie heirateten bald. Auf den Höhen der Schwäbischen Alb übernahm er die Leitung eines Sanatoriums. Sie schrieb Briefe, die ein einziger Jubel waren, und sandte Bilder mit Bergen und Wäldern und weiten Blicken über friedliche Täler. Aber es fiel auf meine Seele nur wie ein Sonnenstrahl aus dem Gewölk, das sich danach nur noch dichter und dunkler zusammenzog.
* * * * *
Um jene Zeit erging von einem aus den Anhängern der verschiedensten Parteien bestehenden englischen Komitee, dem unter anderen auch eine große Zahl englischer Parlamentsmitglieder angehörte, an die Zeitungen aller deutschen Parteien die Einladung zu einem Besuch nach England. Angesichts der gewissenlosen Hetze und der Kriegstreiberei höfisch-militärischer Kreise und ihrer Werkzeuge in der Presse sollte diese Veranstaltung dazu dienen, die wahre Gesinnung des englischen Volkes kennen zu lernen und die freundschaftlichen Beziehungen der beiden Länder wieder fördern zu helfen. Keir Hardie, der Führer der englischen Arbeiterpartei, hatte die Einladung mit unterzeichnet. Auch bei der Redaktion der Neuen Gesellschaft lief sie ein, von einem Brief meines alten Freundes Stead begleitet, der die Hoffnung aussprach, wir würden ihr Folge leisten.
England! Wieviel Erinnerungen wurden in mir wach! Es war mir das Sprungbrett des neuen Lebens gewesen. Vielleicht, daß es mich nun aus seinem Labyrinth wieder ins Freie zu führen vermöchte! Meine Hoffnung sah einen Weg aus der Not und der Enge heraus, -- und wenn's nur ein flüchtiges Aufatmen wäre in freier Luft! Mein Mann legte die Einladung beiseite wie etwas selbstverständlich Abgetanes.
»Meinst du nicht, daß ich sie annehmen könnte, -- in unserem Namen,« fragte ich zögernd. »Ich möchte fort, -- hinaus, ein einziges Mal nur!« --
Er sah verwundert von der Arbeit auf. »Wenn dir soviel daran liegt, bedarf es gar nicht der tragischen Gebärde!« antwortete er ruhig.
Nun erschien mir mein Wunsch doch im Lichte sträflicher Vergnügungssucht. Ich mußte mich und ihn beruhigen, der nicht anders denken mochte: »Ich werde Berichte schreiben, -- neue Beziehungen anknüpfen. Vielleicht verschaffe ich mir sogar bei der Gelegenheit die Korrespondenz für ein englisches Blatt.«
Der Gedanke besonders elektristerte mich: das wäre doch eine Sicherheit, wenn die Neue Gesellschaft zusammenbräche.
Kurz vor meiner Abreise besuchte uns Reinhard. »Ich lese Ihren Namen unter denen der Journalisten, die nach England fahren,« begann er erregt.
»Gewiß,« entgegnete ich, »und was haben Sie dagegen? Keine der berühmten bindenden Parteitagsresolutionen hindert mich daran!«
»Aber Ihr Gefühl müßte es tun,« brach er los; wollen Sie sich denn gewaltsam jeden Vertrauens berauben?! Kein Genosse wird es begreifen, daß Sie mit einer Reihe unserer ärgsten Gegner gemeinsame Sache machen!«
»Schlimm genug, wenn dem wirklich so sein sollte!« rief ich aus. »Haben wir nicht auf dem Heimarbeiterschutzkongreß mit Gegnern zusammen gearbeitet, tun wir es nicht dauernd im Parlament? Und mir sollte es verdacht werden, wenn ich mich an einer Reise beteilige, deren Zweck durchaus im Interesse der Partei liegt? Wir Mitreisenden sollen uns doch nicht untereinander verbrüdern; uns wird nichts als die Gelegenheit geboten, es mit aufrichtigen Friedensfreunden in England zu tun.«
»Das mag alles so sein, wie Sie sagen,« antwortete er, »trotzdem dürfen Sie -- gerade Sie, deren Stellung doch schon schwierig genug ist -- nicht als einzelne der Empfindung der Massen entgegenhandeln.«
Ich warf den Kopf zurück. Jetzt erst wußte ich, daß diese Reise nicht nur meine persönliche Angelegenheit war. »Ich verstehe Ihre gute Absicht,« sagte ich, »aber wenn etwas mich in meinem Vorhaben noch bestärken könnte, so sind es die Gründe, durch die Sie mich davon abbringen wollen. Nichts ist mir von jeher so verächtlich gewesen wie Lakaiengesinnung, gleichgültig ob sie vor dem einzelnen oder vor der Masse zum Ausdruck kommt --«.
»Ich mute Ihnen doch nicht Lakaiengesinnung zu!« unterbrach er mich heftig.
»Was ist es anderes, wenn Sie verlangen, ich sollte mich der Empfindung der Masse beugen, nicht weil sie die rechte, sondern weil sie die herrschende ist?! Wir kommen nie vom Fleck, wenn wir unsere bessere Einsicht nicht zur Geltung bringen; wir erziehen dadurch im Volk nur einen noch beschränkteren, noch despotischeren Herrscher, als unsere Fürsten es sind.«
»Im Grunde bin ich ja Ihrer Meinung,« lenkte er ein; »es handelt sich doch in diesem Fall nur um eine kleine Konzession, für die Sie größere Werte eintauschen werden.«
Ich lachte spöttisch auf: »Meinen Sie?! Man wird mir nicht mehr vertrauen und mich nicht weniger verleumden, wenn ich auf die Reise verzichte. Aber man wird wissen, daß ich kein Zeug zum Demagogen habe, wenn ich auf meinen Entschluß beharre, -- auch jetzt, wo mir die Folgen klar sind.«
Reinhard verabschiedete sich kühl und fremd. Er war einer der Besten und Selbständigsten unter den Genossen. »Ich fürchte, wir haben ihn verloren,« sagte mein Mann. Ich unterdrückte einen schweren Seufzer.
* * * * *
Mitte Juni reisten wir ab. Schon im Zuge, der uns nach Bremerhaven führte, freute ich mich der Gegenwart Theodor Barths; -- ein freier Mensch und ein Gentleman, also einer der Seltenen, mit denen sich über alle trennenden Schranken der Politik verkehren läßt. Auf dem Schiff fanden sich die übrigen Reisegefährten ein: neunundvierzig Journalisten, unter denen ich die einzige Frau war. Ich empfand, wie meine Anwesenheit sie beunruhigte. Sollten sie mich als Dame oder als Sozialdemokratin behandeln? Sie entschlossen sich in der Mehrzahl, ihrer politischen Gesinnung auch auf dem neutralen Boden unseres Dampfers unverfälschten Ausdruck zu geben. Offenbar störte es sie nur, daß ich ihnen durch mein Benehmen keinen besseren Anlaß dazu bot.
Ich kümmerte mich wenig um sie; mit durstigen Zügen atmete ich die frische Salzluft ein, und mit jeder Meile, die wir uns von der Küste entfernten, fiel mehr und mehr von mir ab, was lastend und quälend mein Herz bedrückte. Ich stand lange am Zwischendeck, wo sie beieinander hockten, all die Männer, Frauen und Kinder, die das Vaterland ausgestoßen hatte. In dem Antlitz der meisten blitzte etwas wie Zukunsfshoffnung auf. Fast dünkte es mich beneidenswert: das alte Leben hinter sich zu lassen und nur mit dem leichten Bündel unter dem Arm einem neuen entgegen zu gehen.
In London hatte Beerbohm Tree in seinem Theater für die deutschen Gäste den ersten Empfang bereitet. Ich ging nicht hin; unsere heimische Bühnenkunst hat uns den Geschmack für ein Komödiantentum verdorben, das vielleicht vor fünfzig Jahren auch bei uns noch das herrschende war. Ich erwartete statt dessen Stratfords Besuch.
»Wissen Sie noch, wie wir damals voneinander gingen?« fragte er nach der ersten Begrüßung.
Ich nickte lächelnd: »Ein Mann, wie Sie, gehört der Sache des Sozialismus, sagte ich Ihnen.«
»Wären nur nicht der Fesseln so viele, antwortete ich, und Sie riefen mir zu: 'wir werden sie beide zerbrechen müssen' -- nun haben wir sie zerbrochen!«
Überrascht sah ich ihn an.
»Ich kandidiere als Vertreter der Arbeiterpartei für das Parlament,« fügte er mit einem Aufleuchten in den hellen Augen hinzu.
Ich drückte ihm die Hand.
Er schien einen Ausdruck größerer Freude erwartet zu haben. »Haben Sie das Kettenbrechen bereut?!« fragte er zweifelnd.
»Nein, lieber Freund,« antwortete ich mit starker Betonung, »nein! Ich erinnerte mich nur der wunden Hände, die es kostet.«
Am nächsten Morgen sprach ich John Burns auf der Themseterrasse des Parlaments. Mir schien, als sei es gestern gewesen, daß er mir auf den Marmortisch die Situation der deutschen Sozialdemokratie aufgezeichnet hatte.
»Habe ich nicht recht behalten?« fragte er im Laufe des Gesprächs.
»Nicht ganz,« entgegnete ich; »der Druck von außen preßt uns zwar zusammen, aber er hindert nicht nur die Wirkung über seinen Ring hinaus, er trägt auch dazu bei, daß wir unsere Kräfte im gegenseitigen Kleinkrieg verzetteln.«
»Sie übertreiben,« meinte er leichthin. »Jeder Kampf ist Leben und weckt Leben! Sie sind wie der Akteur auf der Bühne, der das Ganze nicht übersehen kann, während wir, die Zuschauer, von fern mit unserem Opernglas Handlung und Szenerien begreifen. Der deutsche Revisionismus siegt nicht nur, -- er hat schon gesiegt.«
Ich lächelte ein wenig von oben herab zu seinen apodiktischen Sätzen und lenkte die Unterhaltung auf sein eigenes Wirken.
»Ich bin nach wie vor Sozialist, gerade weil mich keine Arbeit schreckt, wenn es gilt, meiner Überzeugung auch nur einen Fuß breit Boden zu gewinnen,« sagte er, »ich scheue nichts, wenn der Preis dafür mehr Macht ist. Wer immer nur zuschaut und schimpft und kritisiert und dazwischen moralische Bomben wirft, ist in meinen Augen Anarchist.«
Einer der deutschen Englandfahrer näherte sich in respektvoller Haltung. Unser langes Gespräch setzte ihn offenbar in Erstaunen. Er wartete darauf, vorgestellt zu werden. Und erst jetzt fiel mir ein: der John Burns von heute war ja Minister!
Der Gastfreundschaft, mit der uns die Engländer empfingen, entzog ich mich von da an nur selten. Ich hatte meine leise Freude an den verblüfften Gesichtern meiner Reisegefährten, die allmählich einsahen, daß im Lande alter Kultur nur die Erziehung, nicht aber die politische Stellung des Einzelnen gesellschaftliche Unterschiede herbeiführt, und ich merkte erst jetzt, wo ich einmal wieder als Gleiche von Gleichen behandelt wurde, wieviel ich entbehrt hatte.
Eines Vormittags besichtigten wir den Tower. Schon als ich aus dem Hotel trat, war mir aufgefallen, daß die photographischen Kameras der englischen Reporter sich plötzlich auf mich richteten.
Auf dem Wege kam Bernard Shaw mir entgegen und reichte mir mit einem sarkastischen: »Da haben Sie wieder einmal ein unverfälschtes Zeugnis der deutschen Sozialdemokratie,« ein englisches Morgenblatt.
Es enthielt ein Telegramm aus Berlin: »Der 'Vorwärts' beschuldigt Frau Alix Brandt, die einzige Vertreterin der sozialdemokratischen Presse bei der Englandreise deutscher Journalisten, des Parteiverrats und kündigt ihr an, daß sie ihres unbotmäßigen Verhaltens wegen zur Rechenschaft gezogen werden würde.«
Ich ballte das Blatt Papier heftig zusammen und schleuderte es zu Boden. »Das glaube ich nicht,« stieß ich zornig hervor.
Shaw lachte: »Und doch ist nichts gewisser, weil nichts folgerichtiger ist! Die deutsche Partei ist von nichts freier als von -- Freiheit. Sie ist die konservativste, die respektabelste, die moralischste und die bürgerlichste Partei Europas. Sie ist keine rohe Partei der Tat, sondern eine Kanzel, von der herab Männer mit alten Ideen eindrucksvolle Moralpredigten halten. Mit Millionen von Stimmen zu ihrer Verfügung, widersteht sie den Lockungen des Ehrgeizes und denen realer Vorteile, die ein öffentliches Amt mit sich bringt, und bezeichnet denjenigen, der sich von den Freuden tugendhafter Entrüstung zu den Arbeiten praktischer Verwaltung wendet oder auch nur an einer allgemeinen Veranstaltung in öffentlichem Interesse teilnimmt, als einen Abtrünnigen und Verräter. Freiheit vom Dogmenglauben ist eines der Grundprinzipien des echten Sozialismus, -- die Deutschen sind dogmatischer als die Kirchenväter. Der Wille zur Macht ist ein anderes, -- die Deutschen machen den Willen zur Phrase daraus. Die Herrschaft des Geistes ist ein letztes, im Gegensatz zur Herrschaft des Kapitals, -- die Deutschen stellen das auf den Kopf und verlangen die Unterwerfung unter die Herrschaft der Masse.«
Ich hatte seinen raschen Redefluß, den der Zorn diktierte, nicht unterbrochen. Ich hörte den gleichen Ton heraus wie bei den Worten von Burns, und in mir begann eine Saite, die schon lange leise tönte, lebhaft mitzuschwingen.
Noch am selben Abend bekam ich einen Brief von Keir Hardie.
»... Ich bin ganz außerstande, zu begreifen, welches der Grund sein konnte, Ihre Teilnahme an der Englandreise zu verurteilen,« hieß es darin. »Es ist für uns Sozialisten in England eine selbstverständliche Gewohnheit, gelegentlich mit Nichtsozialisten zusammenzugehen, wenn es im Interesse der Förderung einer großen und guten Sache gelegen ist. Unsere Erfahrung hat uns bewiesen, daß der Sozialismus dadurch nur gestärkt werden kann. Ich will damit nicht behaupten, daß unsere deutschen Genossen unserem Beispiel unbedingt folgen müßten, aber im vorliegenden Fall bleibt ihre Haltung Ihnen gegenüber mir vollständig unverständlich ...«
Ich stand nun plötzlich im Mittelpunkt des Interesses und wurde von Interviewern belagert, die von der ganzen Sache keine andere Auffassung hatten, als daß die große deutsche Arbeiterpartei sich dadurch dem Gelächter der Welt ausgesetzt habe. Und ich gab ihnen stets die gleiche Antwort: »Die Sozialdemokratie, der ich stolz bin anzugehören, hat mit den Quertreibereien einzelner von preußischem Polizeigeist durchseuchter Genossen nichts zu tun.« Als aber mein Mann mir die Zeitungen schickte, -- nicht nur den 'Vorwärts', sondern eine ganze Anzahl anderer Parteiblätter, -- da schämte ich mich und ging den Interviewern so weit als möglich aus dem Wege, um nicht reden zu müssen. Und doch war es weniger die beleidigende Form der Angriffe, die mich verletzte, als die Gehässigkeit, die dabei zum Ausdruck kam. Wie stark mußte sie sein, um alle Klugheit, alle Rücksicht auf das Ansehen der Partei beiseite zu schieben? Oder gab es etwas Lächerlicheres, als meine Reise, -- gleichgültig, ob man sie verurteilte oder nicht, -- zu einem Parteiskandal aufzubauschen? Nur eine tiefe, innere Krankheit konnte solche Symptome zeitigen. Ich kämpfte noch mit mir, ob es nicht meiner unwürdig wäre, mich gegen Ausbrüche der Pöbelgesinnung zu verteidigen, als ich die Antwort erhielt, die mein Mann der Parteipresse hatte zugehen lassen. Das waren Rutenstreiche, -- es blieb mir nichts zu sagen übrig. Seltsam nur, daß die Ritterlichkeit, mit der er für mich eintrat, eine alte Wunde aufs neue bluten machte, statt sie zu schließen.
Der Schatten, der sich mir über Englands schöne Sommertage breitete, wich nicht mehr.
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Ich hatte immer gegen Massen-Museumsführungen, gegen Gesellschaftsreisen und dergleichen eine ausgesprochene Abneigung gehabt. Wem Kunst und Natur mehr sein soll als ein Gesprächsthema, der muß ihnen Auge in Auge still und allein gegenüberstehen. Und wer vor den Heiligtümern der Menschheit seine Andacht verrichten will, der kann es nur in Gegenwart derer, die seine Nächsten sind.
Wir traten zusammen an Shakespeares Grab, -- es war wie ein Sakrileg. Wir kamen in sein Geburtshaus und in die blumenumrankte, strohgedeckte Hütte seiner Liebsten, -- aber Shakespeares Geist floh vor uns.
Wir kamen nach Cambridge, jener alten Universität, die sich den Typus der mittelalterlichen Klosterstadt noch erhalten hat. Wer ihre Säulenhallen um alte Gärten allein betreten könnte, dem müßten die Bäume in den Weisen derer rauschen und flüstern, die hier dichteten: eines Marlowe, Milton, Byron. Und wer sich still an einen alten Pfeiler lehnen und in die dämmernden Bogengänge blicken dürfte, dem würde aus dunkel geschnitzten Pforten Erasmus von Rotterdam entgegentreten, und Cromwell, und Newton.
Wir sahen nur freundliche Professoren und Photographen und hörten Reden und Tellergeklapper.
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Als die Mehrzahl der Geladenen England wieder verlassen hatte, sprach ich meinen Freund Stead, der als Reisemarschall der Gäste unaufhörlich in Anspruch genommen gewesen war, zum erstenmal allein.
»Ihnen geht es gut,« sagte er, als wir einander in seinem Heim gegenüber saßen.
»Woher wissen Sie das?« fragte ich mit einem bitteren Gefühl im Herzen.
»Sollten Sie etwa noch den alten Glücksbegriffen huldigen?« fragte er dagegen.
»Jeder hat seine persönlichen,« antwortete ich ausweichend.
»Und sollte nur einen haben, aus dem sich alle anderen entwickeln: leistungsfähig zu sein,« ergänzte er. War ich schon so alt, daß er mir solch einen Glücksbegriff zumutete, der mir nur mit äußerster Selbstverleugnung Hand in Hand zu gehen schien?
»Sie mißverstehen mich,« meinte er. »Ich begreife darunter die stärkste Selbstbehauptung: die Entwicklung aller Fähigkeiten zum äußersten Maß ihrer Leistungskraft ...« Wir wurden unterbrochen; es war gut so, denn um so stärker prägten sich mir seine Worte ein.
Nun blieb mir noch übrig, ehe ich heimfuhr, zu erreichen, was ich mir vorgenommen hatte. Ich verhandelte mit verschiedenen Redaktionen wegen der Übernahme einer deutschen Korrespondenz. In den Briefen meines Mannes spürte ich immer deutlicher den schweren Atem der Sorgen. Um irgend eine ihrer Lasten erleichtert, mußte ich nach Hause kommen. Aber so oft ich auch durch die glutheißen Straßen Londons von einem Bureau zum anderen ging, meine Abreise immer wieder aufschiebend, weil eine neue leise Hoffnung mich festhielt, das Ergebnis blieb ein negatives. Inzwischen war auch die bürgerliche Presse Deutschlands meiner Reise wegen über mich hergefallen, -- die vereinzelten Stimmen der Verteidigung waren im Chor der Schreier verhallt, -- das mochte die höflich ablehnende Haltung mit verursachen. Ich mußte mich entschließen, mit leeren Händen zurückzukehren. Nur einer Einladung wollte ich noch Folge leisten.