Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Chapter 24

Chapter 243,565 wordsPublic domain

»Du aber nimmst teil daran, -- du hilfst mir, und ich sollte dir nicht helfen dürfen?! -- Hängt es am Ende damit zusammen, daß du dem Archiv innerlich untreu geworden bist?« drängte ich.

»Woher weißt du das?« fuhr er auf.

»Ich habe doch Augen im Kopf, -- ich sehe, wie oft du die Korrekturen ungeduldig zur Seite wirfst --«

»Du hast recht,« antwortete er, »ich hätte dich nur gern mit meinen Angelegenheiten verschont, so lange sie mir selbst so unklar sind. Als ich das Archiv ins Leben rief, war die Sozialpolitik ein unbebautes Ackerland. Jetzt, wo der Samen aufging, kann jeder Garben schneiden --«

»Ich verstehe,« unterbrach ich ihn lebhaft, »wir beide gehören zu denen, die Wege anlegen, aber nicht die Steine dafür karren können.«

»Wege anlegen --,« wiederholte er, »ganz richtig! Und dafür ist in der Partei jetzt die Zeit gekommen. Gräßlich, angesichts dieser Aufgabe die Hände gebunden zu haben! Dem Revisionismus fehlt es an einem geistigen Mittelpunkt, einem unabhängigen Organ, das an Stelle bloßer Verneinung die Ideen praktischer Politik in die Köpfe der Massen hämmert, das die geistigen Kräfte der Intellektuellen in den Dienst unserer Sache zieht. Die Lex Heinze hat sie aus dem Schlaf geweckt, -- auch hier müßte das Eisen geschmiedet werden, solange es warm ist.«

»Und wieso sind dir dafür die Hände gebunden?!« rief ich aus, von den Gedanken, die er aussprach, gepackt. »Der Plan muß ausgeführt werden!«

»Bei all deiner Klugheit bist du doch ein ganz dummes Katzel!« sagte er. »Oder wächst dir ein Kornfeld auf der flachen Hand?! Kein bürgerlicher Verleger würde ihn verwirklichen helfen, ein Parteiverlag erst recht nicht ...«

Ich dachte an den Amerikaner Garrison, der seine der Idee der Sklavenbefreiung gewidmete Zeitschrift selbst schrieb und druckte. Ob wir nicht diesem Beispiel folgen könnten? Mein Mann lachte mich aus. »Selbst wenn wir unsere ganze Arbeitskraft der Sache opfern würden, ohne pekuniäre Mittel hülfe das nichts. Ich sehe nur eine Möglichkeit, um zum Ziel zu gelangen --,« er brach ab, als habe er schon zuviel gesagt.

»Die wäre?«

»Der Verkauf des Archivs. Mit dem Erlös könnte man die Zeitung ins Leben rufen --«

»Warum versuchst du das nicht?!« Ich ärgerte mich, daß er nur einen Moment hatte zögern können. Er sah mich forschend an.

»Ist das Tapferkeit oder Leichtsinn, was aus dir spricht? -- Mit dem Verkauf des Archivs ist die Sicherheit unserer Existenz preisgegeben. Wir können bei dem neuen Unternehmen alles verlieren --«

»Darüber bin ich keinen Augenblick im Zweifel,« antwortete ich ernst. »Aber mir scheint, gegenüber der Größe der Aufgabe fallen persönliche Bedenken nicht ins Gewicht.«

Wir waren einig. Von nun an widmete mein Mann all seine freie Zeit der Verwirklichung seines Gedankens. Er trat mit deutschen Verlegern in Verkaufsverhandlungen, und wenn ich angesichts ihrer wiederholten Resultatlosigkeit oft nahe daran war, den Mut zu verlieren, so schien der seine mit jedem Mißlingen neu zu wachsen. Er wandte sich an die bekannteren Revisionisten, und wenn ihre zögernden Antworten mich deprimierten, so steigerten sie nur seine Energie. Und meine Liebe, die unter der grauen Asche der Alltäglichkeit nur noch leise geglimmt hatte, glühte auf, wie Waldfeuer im Sturm. Je stärker ich die Überlegenheit seines Willens empfand, desto mehr liebte ich ihn. Und gewohnt, mein eigenes Erleben zu betrachten wie der Forscher ein wissenschaftliches Experiment, aus dem er bestimmte allgemeine Schlüsse zieht, sah ich, daß eine der Theorien der modernen Frauenbewegung sich angesichts der Erfahrung wieder einmal als leere Konstruktion erwies.

»Das geistig entwickelte, seelisch differenzierte Weib ist die Voraussetzung und Bedingung tieferer und dauernder Beziehungen zwischen den Geschlechtern,« hatte meine alte Gegnerin, Helma Kurz, noch kürzlich in dem ihr eigenen geschwollenen Stil den Lesern ihrer Zeitschrift verkündet. Sie identifizierte Liebe und Freundschaft, weil sie -- das einsame alte Mädchen -- wie der Blinde von der Farbe sprach. Weibesliebe ist Hingabe an den Höherstehenden, gleichgültig ob das Herz, das sie empfindet, unter dem groben Hemd der Dienstmagd oder dem Talar der Doktorin beider Rechte schlägt. Darum wird die erotische Treue um so seltener sein, je stärker das Weib sich geistig und seelisch individualisiert.

* * * * *

Mit noch größerem Eifer als früher stürzte ich mich in meine Arbeit; nicht nur, weil der Augenblick schreckhaft näher rückte, in dem ich das Honorar dafür nicht mehr würde entbehren können, sondern mehr noch, weil das Buch vollendet sein mußte, ehe die neue Aufgabe -- die Zeitschrift meines Mannes -- an mich herantrat.

Archive, Arbeitsämter und Bibliotheken öffneten sich mir ohne Schwierigkeit. Vom Minister bis zum Portier verleugnet der Franzose die Kultur des achtzehnten Jahrhunderts nicht, auch wenn die Dame, die ihm begegnet, keine Marquise ist; jeder beeilt sich, ihr behilflich zu sein, ihr entgegenzukommen, kein spöttisches Lächeln, keine herunterhängenden Mundwinkel verraten der arbeitenden Frau, wie der Mann sie im Grunde wertet.

Je mehr ich mich aber in die Arbeit versenkte, desto höher türmten sich die Probleme der Frauenfrage um mich auf, -- die sozialen, die ethischen, die sexuellen entwickelten sich eines aus dem anderen, als kröche ein Drache aus dunkler Höhle hervor, ein Glied um das andere vorschiebend, langsam, endlos. Wenn ich mich morgens zum Fortgehen rüstete und mein Kind die runden Ärmchen um meinen Hals schlang und bat und schmeichelte: »Mamachen, bleib doch mal bei mir, -- Mamachen, bitte, bitte, erzähl' mir nur eine einzigste schöne Geschichte --,« dann erschien mir mein eigenes Leben wie jene unheimliche Höhle, und in mein eigenes Herz bohrte der Drache seinen Giftzahn. Wie gläubig hatte ich früher den alten Vorkämpferinnen der Frauenbewegung gelauscht, wenn sie von jenen Amerikanerinnen erzählten, die ihre Pflichten als Mütter, Hausfrauen und Berufsarbeiterinnen in so unvergleichliche Harmonie zueinander zu setzen vermochten. Ich erinnerte mich vor allem jener Advokatin, die neben ihrer großen Praxis sechs Kinder erzogen und einen großen Haushalt allein geleitet haben sollte.

»Infame Lügen alter Jungfern!« dachte ich grimmig. Und doch war ich selbst noch eine Bevorzugte. Kam ich nach Haus, so fand ich mein Kind in guter Obhut und unseren Tisch gedeckt.

Der Berta, die mit so viel Tränen durchgesetzt hatte, bei mir zu bleiben, verdankte ich die äußere Arbeitsmöglichkeit. Ich konnte ihr nicht dankbar genug sein.

Aber Millionen armer Frauen arbeiten in der Werkstatt und in der Fabrik, während die Straße ihrer Kinder Hüterin ist und sie gezwungen sind, nach der Hast der Arbeit noch die unzureichende Ernährung für sich und die Ihren selbst zu bereiten. So unschätzbar die wirtschaftliche Selbständigkeit des Weibes sein mag, sind die Opfer des Mutterherzens und des Kinderglücks nicht ein zu hoher Preis für sie? Ich fand aus der Wirrnis nicht heraus: auf der einen Seite diese Not, auf der anderen Seite die liebezerstörende pekuniäre Abhängigkeit des Weibes vom Mann.

Die deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten hatten um jene Zeit eine Untersuchung über die Arbeit verheirateter Frauen in der Industrie angestellt. Die Ergebnisse lagen mir vor: überall war es die bittere Notwendigkeit, die ihnen zwischen dem natürlichen Weibesberuf und dem Erwerb außerhalb des Hauses keine Wahl ließ. Und alles deutete darauf hin, daß ihre Zahl ständig zunehmen würde. Nichts schien mir im Augenblick so wichtig, als die Lösung dieser brennenden Frage. Es galt auf der einen Seite, dem Säugling die Mutter zurückzugeben, und auf der anderen, das Weib von der Last doppelter Pflichten zu befreien. Ich baute meinen alten Plan der Mutterschaftsversicherung aus, -- fest überzeugt, daß über kurz oder lang die Regierungen gezwungen sein würden, ihm näher zu treten. Aber selbst seine Verwirklichung würde die notwendige Arbeitsteilung zwischen Hausfrau und Berufsarbeiterin nicht herbeiführen.

»Laß einmal heut deine Nachmittagsarbeit,« sagte Heinrich eines Tages, als ich in meine Grübeleien versunken nach Hause kam. »Wir sind zur Einweihung eines Arbeiter-Restaurants geladen, -- France und Jaurès werden dort sein --«

»Du weißt, ich darf mich nicht ablenken lassen,« antwortete ich mißmutig.

»Diesmal ist aber die Sache interessant genug, um eine Ausnahme von der Regel zu entschuldigen,« meinte er. »Eine genossenschaftliche Gründung der Art liegt auf dem Wege zu unseren Zielen.« Ich horchte auf: irgend etwas, halb Unbewußtes, packte mich.

In einer engen Seitenstraße des Boulevard Montparnasse lag ein altes kleines Haus geduckt zwischen hohen Mietskasernen. In seinem neuen Anstrich, mit den Girlanden um die Türe und den Fähnchen an den Fenstern sah es lustig aus wie ein altes Männlein, das goldene Hochzeit feiert. Drinnen um die festlich gedeckten Tafeln herrschte eitel Fröhlichkeit.

»Daß wir es erreicht haben, -- endlich!« sagte glückstrahlend einer der Leiter. »Seit Jahren sammeln wir Sou um Sou, um die armen Arbeiter dieser Gegend von der Ausbeutung der Kneipenwirte zu befreien, und um den zahllosen arbeitenden Familienmüttern ein gutes und billiges Mittagsmahl zu verschaffen.«

Ich reichte dem Manne die Hand und drückte sie herzhaft; er sah mich verwundert an: er konnte nicht wissen, welch ein Geschenk er mir eben gegeben hatte.

Die breite Gestalt von Jaurès erschien in der Türe, hinter ihm die elegante eines vornehmen Graubarts, dessen geistfunkelnde Augen über die große schiefe Nase unter ihnen zu spotten schienen. »Anatole France,« stellte Jaurès ihn uns vor. Wir waren sofort in lebhaftem Gespräch.

»Ich mag nicht fehlen, wenn die sozialistische Arbeiterschaft irgendwo einen Fuß breit Boden gewinnt,« sagte er; »je mehr die Bourgeoisie an Idealismus verloren hat, desto unfruchtbarer ist sie für uns Intellektuelle. Wir müssen uns stets zu den Hoffenden und Werdenden halten, wenn wir nicht selbst absterben wollen.«

»Unsere deutschen Intellektuellen halten sich lieber zu denen, die zwar an Hoffnungen arm, aber an Gold und Juwelen um so reicher sind --,« antwortete ich.

Er lächelte ungläubig: »Wirklich?! In einem Lande, das sprichwörtlich reich an hungernden Dichtern und arm an Männern ist?!«

Dann wurde er zerstreut, zog ein Blatt Papier aus der Tasche, überflog es wieder und wieder und reichte es Jaurès: »Ich bin kein Redner und soll durchaus sprechen. Was meinen Sie, wenn ich das hier sage?« Dabei stieg die Röte der Verlegenheit in das gebräunte Gesicht des berühmten Mannes.

Wir setzten uns zu Tisch. Ich konnte nicht glauben, daß die vielen Menschen um uns herum mit den selbstverständlich guten Manieren, dem freimütigen Ton, der ohne weiteres jeden Abstand der Bildung und des Milieus ausglich, die Ärmsten der Armen waren. Ich sah es erst allmählich an den hohlen Wangen und sorgfältig vernähten Flicken auf den Kleidern. Und doch aßen und tranken sie, als ob sie alle Tage satt würden.

France sprach; stockend, schüchtern, aber mit einem so warmen Ton in der Stimme, daß er alle gefangen nahm. Und dann wußten sie auch von ihm: »Unser großer France,« flüsterte stolz einer dem anderen zu, und ein paar kleine Nähmädchen mit harten zerstochenen Fingern brachten ihm die Veilchensträußchen, die sie im Gürtel trugen.

Als ich am nächsten Tage wieder bei der Arbeit saß, war mein neuer Plan fix und fertig: »Haushaltungsgenossenschaften« nannte ich ihn. In den Arbeitervierteln der großen Städte sollte jede Mietskaserne mit einer Zentralküche versehen sein, die den Bewohnern ihre Mahlzeiten liefert. In den Häusern der Arbeiter-Baugenossenschaften müßte der Anfang damit gemacht werden; Kinderkrippen und Kinderhorte zum Tagesaufenthalt der Mutterlosen sollten sich anschließen; die genossenschaftliche Wirtschaft, der Einkauf im Großen müßte, so berechnete ich, die Kosten für die anzustellenden Arbeitskräfte aufbringen. Einsichtige Kommunen würden sich allmählich bereit finden, solche, für die physische und moralische Gesundheit der Bevölkerung überaus wichtige Häuser selbst zu bauen. Mit der Befreiung von der doppelten Arbeitslast der Hauswirtschaft und der außerhäuslichen Erwerbsarbeit würde einer der wichtigsten Teile der Frauenfrage ihrer Lösung entgegengeführt werden. Und was für die Arbeiterin galt, das galt ebenso für die geistig tätige Frau. Ich war so erfüllt von meiner Idee, daß ich vor freudigem Herzklopfen nächtelang schlaflos blieb. Mit dieser Sache konnte ich bis zum Erscheinen meines Buches nicht warten. Gerade jetzt, wo das Problem der Erwerbsarbeit verheirateter Frauen auf der Tagesordnung stand, mußte ich damit hervortreten.

Ich schrieb an Wanda Orbin und teilte ihr mit, daß ich an der Hand der neuesten Fabrikinspektorenberichte eine kurze Broschüre über die für die Arbeiterinnenbewegung so wichtige Frage der Beschäftigung verheirateter Frauen in der Industrie schreiben wolle und von ihr nur erfahren möchte, ob nicht etwa von anderer Seite ähnliches geplant würde. Irgendwelche Details gab ich ihr nicht.

Sie antwortete mir umgehend, daß sie selbst seit längerer Zeit mit der Bearbeitung der Frage beschäftigt sei. »Ich habe mich nunmehr entschlossen,« fuhr sie fort, »die einzelnen Teile meiner Arbeit als selbständige Broschüren erscheinen zu lassen, um sie weiteren Kreisen leichter zugänglich zu machen. Die erste enthält die grundsätzliche Auseinandersetzung der Frage der Fabrikarbeit verheirateter Frauen und des gesetzlichen Arbeitterinnenschutzes, das Manuskript liegt im wesentlichen bereits fertig vor... Sie werden mir kaum zumuten, auf die Veröffentlichung zu verzichten, weil an anderer Stelle die Behandlung derselben Frage beabsichtigt wird...«

Nein: ich dachte nicht daran, um so weniger, als es mir nichts genutzt haben würde. Ich wollte auch nicht mit Wanda Orbin in einen lächerlichen Konkurrenzkampf eintreten. Mochte ihre Schrift zuerst erscheinen, -- mir würde nachher genug zu sagen übrig bleiben.

Während der Monate, die wir noch in Paris verlebten, erschien sie jedoch nicht, und die verschiedenen Parteibuchhandlungen wußten nichts von ihr.

* * * * *

Schwer und grau hing der Winterhimmel über Paris. Zuweilen tanzten weiße Flocken in der Luft, und dann schien's, als ob es hell werden wollte; aber die schmutzige Straße verschlang sie. Die Obst- und Gemüseauslagen, die im Sonnenschein sonst so bunt und lockend den Vorübergehenden angelacht hatten, sahen welk und unappetitlich aus. Die kleinen Mädchen mit den schönfrisierten Köpfchen, die vor kurzem noch lachend und kokettierend mit spitzen Hacken klappernd über das Pflaster getrippelt waren, liefen jetzt fröstelnd ihres Wegs mit verfrorenen, mißmutigen Gesichtern.

Wer jetzt dicht am Kaminfeuer sitzen und träumen könnte! Aber nach wie vor ging ich dieselben Wege durch alte enge Gassen und saß mit eisigen Füßen in dunkeln Bureaus. Wußte ich noch, daß es Paris war, in dem ich lebte? Lebte?!! War das wirklich Leben?! Hatte nicht am Ende auch mich die schmutzige Taglöhnerstraße verschlungen? Mich, die ich licht und frei sein wollte? Wenn wir abends zuweilen aus unserem stillen Stadtwinkel zum rechten Seineufer hinübergingen, wo die Bogenlampen festlich zu strahlen beginnen, wo hinter glänzenden Spiegelscheiben Juwelen und Spitzen und märchenhaft schimmernde Gewänder prahlend ihre Schönheit entfalten und Equipagen und Automobile hin und wieder rollen, aus denen schöne Frauenköpfe nicken und lächeln wie seltene Treibhausblumen hinter ihrem Glashaus, -- nur zum Schmuck einer Nacht gezüchtet, -- dann fühlte ich im verborgensten Winkel meines Herzens einen stechenden Schmerz.

Am Eingang zum Opernhaus standen dicht gedrängt arme junge Mädels; sie warteten auf die eleganten Damen, die mit seidenbeschuhten Füßchen und langen Schleppen den Wagen entstiegen. Sie ließen sich von den Rädern mit Kot bespritzen, um vom Glanze des Lebens nur einen Schein zu erhaschen.

Wir hatten bei einigen Parteigenossen Besuch gemacht, -- auch bei Millerand, -- und waren mit einer Liebenswürdigkeit empfangen worden, als wären wir längst erwartete alte Freunde. Aber es blieb bei ein paar förmlichen Einladungen mit oberflächlichen allgemeinen Gesprächen. Während mein Mann einen unvereinbaren Gegensatz in dem Benehmen unserer Gastgeber empfand, fühlte ich mich plötzlich in die Umgebung meiner Jugend zurückversetzt und verstand sie.

Der Franzose ist ein geborener Aristokrat, er hat jene Kultur des Benehmens, jene Liebenswürdigkeit der Form, die zugleich eine unübersteigliche Mauer ist, hinter der sich das persönlich Menschliche verbirgt.

Wir gerieten auch in einen literarischen Salon, dessen Herrin tout Paris um sich zu versammeln verstand. Sie war von unverwüstlicher Schönheit, und ihre Küche war berühmt. Als wir nach Hause gingen, war mein Mann befriedigt und angeregt und ich schlechter Laune. »Hast du dich denn nicht amüsiert?« fragte er mich schließlich.

»Ganz und gar nicht,« antwortete ich, »und wenn ich nicht fürchten müßte, daß meine Ehrlichkeit mich in deinen Augen herabsetzt, --«

»Aber Alix,« lachte er und zog meinen Arm fester durch den seinen, »du weißt, daß du mich immer entzückst, wenn du du selber bist.«

»So will ich's drauf ankommen lassen und dir gestehen, daß ich die Rolle des unbeteiligten Zuschauers in jeder Gesellschaft, -- und wäre es die interessanteste, -- unerträglich finde. Es ist ja sicher lehrreich, zu erfahren, daß der Wert der Frau in Paris mit dem Wert ihrer Kosmetik und ihrer Toilette steigt und fällt, aber da ich auf dem Gebiet nicht konkurrieren kann --«

Heinrich lachte noch lauter. »Du liebe Eitelkeit, du,« war alles, was er sagte, während die Röte der Beschämung mir noch auf den Wangen brannte.

Ein andermal folgte ich der Einladung einer der führenden Frauenrechtlerinnen in die Redaktion ihrer Zeitung. Ich bewunderte schon lange die Energie, mit der sie die Frauen -- französische Frauen! -- zwang, die politischen Tagesereignisse zu verfolgen, und an der Seite der Zola und Jaurès an dem Kampf für Dreyfus teilgenommen hatte. Ich erwartete unwillkürlich eine typische Feministin: harte Züge, eckige Bewegungen, männliche Kleidung. Schon die Räume, die ich betrat, überraschten mich; sie hatten alle das Aussehen und das Parfüm eines eleganten Boudoirs. Ein paar Damen gingen vorüber, -- sie hätten ebenso beim five o'clock im Grand Hotel erscheinen können. Dann kam die Leiterin selbst. Wenn sie mir bei Maxim begegnet wäre, ich hätte mich nicht gewundert. Ihre Schönheit hatte trotz aller statuenhaften Kühle, -- oder vielleicht gerade deshalb, -- etwas Sieghaftes.

»Je radikalere Feministen wir sind, desto stärker müssen wir unser Weibsein betonen,« sagte sie im Lauf des Gesprächs. Ich stimmte ihr lebhaft zu und dachte an ihre deutschen Gesinnungsgenossinnen, die den Gegensatz zwischen der Weltdame und der Frauenrechtlerin nicht genug glaubten zeigen zu müssen.

»Sie vergessen nur eins,« fuhr ich fort. »Die Pflege der Schönheit kostet Zeit und Geld. Und die eigentlichen Trägerinnen der Frauenbewegung, die Frauen, die heute im Kampf ums Dasein stehen, haben keins von beiden.«

»Darum müssen wir es ihnen schaffen,« warf sie lebhaft ein und führte mich, um ihre eigene Tätigkeit nach dieser Richtung zu illustrieren, in den Setzersaal, wo lauter junge Mädchen beschäftigt waren. Unter den großen Schürzen lugten zierliche Kleider hervor, die hübschen Lockenköpfchen hätten höheren Töchtern gehören können. Ihre Augen folgten mit schwärmerischer Bewunderung der stolzen Gestalt ihres weiblichen Chefs, die sich, umgeben von Veilchenduft, mit einem leisen Wiegen in den Hüften durch ihre Reihen bewegte. Ich hörte später, sie sei eine grande amoureuse, eine von jenen, deren Herzen kalt bleiben, wenn ihre Sinne glühen. »Ihre Mittel sind unerschöpflich,« sagte man mir mit einem vielsagenden Lächeln. Mich interessierte dieser Typus, der mir in Deutschland nicht würde begegnen können. Ich versuchte, ihr näher zu treten. Doch auch sie blieb stets dieselbe: geistvoll, liebenswürdig, -- aber unnahbar.

* * * * *

Unser Pariser Aufenthalt neigte sich seinem Ende zu. Mein Buch war fast fertig. Es fing schon an, sich von mir loszulösen und vor mir zu stehen wie etwas Fremdes, nicht mehr zu mir Gehöriges, mit dem ich auch innerlich abgeschlossen hatte. Es war wie eine erstiegene Höhe, von der aus ich nun weiter gehen mußte. Meine Gedanken kreisten immer enger um die neue Aufgabe, die wir uns gestellt hatten. Meine Hoffnungen, genährt von der Liebe zu meinem Mann, der seine Lebensbestimmung glaubte gefunden zu haben, übertönten die leise warnenden Stimmen meines Inneren.

»Du kannst nur schaffen, wenn du dich selbst behauptest,« sagten sie.

»Du wirst die Sache zum Siege führen, wenn du dich selbst hingibst,« frohlockte die Hoffnung.

Ich glaubte ihr.

Heinrich fuhr voraus nach Berlin. Ich erinnerte mich während der letzten acht Tage, daß ich in Paris war. Mein Junge jubelte, weil er nun jeden Morgen mit »Mamachen« gehen durfte. Die Berta hatte auf ihren Spaziergängen mit ihm viel mehr gesehen als ich; der kleine Bub wurde mir zum Führer. Er kam sich dabei sehr wichtig vor. Zuerst zog er mich in atemloser Eile durch die Tuilerien hindurch zu »der Frau, die ein Soldat war«. Ich lächelte: war es doch meiner frühsten Kindheit Traum gewesen, das Vaterland zu befreien wie sie! Stolz und siegessicher, Frankreichs Fahne fest in der Hand, erhob sich ihr Standbild vor mir; sie war den Stimmen in ihrer Brust gefolgt, -- unbeirrt; aus dem Scheiterhaufen, der ihren Leib verzehrte, erhob sie sich nur noch größer.

»Die Jungfrau von Orleans, -- ist das ein Märchen?« fragte der Kleine, als ich ihm die Geschichte erzählt hatte, und sah mit nassen Augen zu der Reiterin empor.

»Nein, es ist Wahrheit,« antwortete ich.

»Warum verbrannten sie denn die bösen Menschen?« Auf seine glatte Kinderstirn gruben sich tiefe Falten des Zornes.

»Sie vertragen nur, was ihresgleichen ist,« sagte ich leise, wie zu mir selbst.

Unter der hohen Kuppel des Invalidendomes standen wir miteinander. Ein breiter Strom bläulichen Lichtes entsprang ihr und wogte tief unten um den roten Porphyr, der des großen Korsen Gebeine umschließt. Der Gang ringsum, die Kapellen zur Seite schienen im Dämmer zurückzutreten. Mit leiser Stimme erzählte ich von dem armen Knaben aus Ajaccio, der, seinem Sterne getreu, die Welt eroberte, der das Testament der Revolution vollzog, und der auf der Felseninsel im Weltmeer starb -- in Ketten.

»Auch weil -- weil --« das Kind neben mir suchte nach den Worten, deren Sinn er nicht verstanden hatte; »weil er zu groß war für die anderen,« ergänzte ich.

Am letzten Tage vor unserer Abreise kämpfte der erste Frühlingssonnenschein mit den schwarzgrauen Regenwolken; grüne Spitzchen lugten neugierig an Büschen und Bäumen aus braunen Hüllen hervor; die Kinder mit den langen gedrehten Locken bevölkerten wieder die Gärten.

Ich war stundenlang im Louvre gewesen. Ich hatte die Menschen, die Welt, die Jahrhunderte durch die Augen der Größten aller Zeiten gesehen und fühlte meinen Geist heller, mein Herz wärmer werden. In der Kunst kommt es nicht darauf an, wie die Welt ist, sondern wie die Augen sind, die sie betrachten. Nur der Künstler hat recht, dem sie immer Objekt bleibt, der im Häßlichen noch das Schöne, im Bösen das Menschliche findet.

Und nun, zum Abschied, nahm ich noch einmal den Kleinen mit mir.

»Zur Göttin der Griechen wollen wir,« sagte ich ihm, »die Odysseus und Achilles anbeteten.«

Die Leute drehten sich um, lächelnd, spottend, entrüstet, als sie mich mit dem Kind an der Hand durch die Säle gehen sahen, bis dahin, von wo der Venus von Milo weiße Gestalt uns entgegenleuchtete.

»Warum beten die Menschen nicht?« flüsterte mein Sohn, der die Mütze vom Köpfchen gezogen hatte.