Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Chapter 23

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An der Ampezzostraße, südlich von Cortina, liegt ein kleines Dorf, Pezzié genannt. Zwischen seinen braunen, ärmlichen Hütten ragte ein einzelnes Bauernhaus mit weißgetünchten Mauern und großen Altanen stattlich hervor. Über ein Vierteljahr wohnten wir dort in tiefster Stille und Zurückgezogenheit. Im Lärchenwald hinter dem Hause spielte mein Junge mit den braunen Bauernkindern, auf der Altane, angesichts des weiten blühenden Tals und des gewaltigen schneebedeckten Felsenmassives der Tofana, fing ich wieder an zu arbeiten. Wenn mir in den vergangenen Wochen die Aufgabe eingefallen war, die ich mir mit meinem Buch gestellt hatte, so war sie mir wie ein unübersteigbarer Berg erschienen. Jetzt, da ich sie aufs neue in Angriff nahm, war mir's, als habe all die Zeit hindurch eine fremde Kraft unter der Schwelle meines Bewußtseins weiter an ihr gearbeitet.

Oder sollten Gedanken wie Samen sein, die einmal in den Boden des Geistes gestreut, sich aus eigener Macht weiter entwickeln? Die vielen Zahlen, die ich in meinen Büchern vor mir hatte -- Ergebnisse der Volks- und Berufszählungen europäischer und außereuropäischer Länder, Lohn- und Arbeitsstatistiken --, wurden merkwürdig lebendig, als zuckten in ihnen die Leiden der Millionen. Immer deutlicher sah ich das Bild, das ich zu malen hatte: den Zug der Frauen, wie er durch glutheiße Wüsten und rauhe Steppen dahinschleicht, jede einzelne in ihm gebeugt unter den Lasten, die sie zu tragen hat: der Hacke und dem Spaten, der Sichel und der Spindel, dem einen Kinde auf dem Rücken, dem anderen unter dem qualvoll klopfenden Herzen. Was mich zuerst nur wie ein Instinkt in die Reihen der kämpfenden Arbeiterschaft geführt hatte, das wurde mir jetzt zur bewußten Erkenntnis: die Berufsarbeit der Frau, die ihre Entstehung der Umwandlung der Produktionsweise durch die Maschine zu verdanken hat, ist immer mehr zu einem notwendigen Bestandteil dieser Produktionsweise geworden. Aber indem sie sich ausdehnt, untergräbt sie zu gleicher Zeit die alte Form der Familie, erschüttert die Begriffe der Sittlichkeit, auf denen der Moralkodex der bürgerlichen Gesellschaft beruht, und gefährdet die Existenz des Menschengeschlechtes, deren Bedingung gesunde Mütter sind. Es bleibt der Menschheit schließlich nur die Wahl: entweder sich selbst oder die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufzugeben. Diese Konsequenz zu scharfumrissenen Ausdruck zu bringen, sodaß niemand ihr aus dem Wege zu gehen vermöchte, -- das war mein Wunsch.

Das Fieber der Arbeit, das alle Pulse schneller schlagen läßt, das über jede Müdigkeit hinwegtäuscht, das die Gedanken des Tages in den Traum der Nacht verflicht, hatte mich ergriffen. Und zugleich jener gesunde Egoismus des Schaffenden, der ihn für seine Umgebung blind und taub macht, nur damit das Werk wachsen kann. Dankbar überließ ich der Berta, dem meraner Kindermädchen, die sich mit solcher Klugheit in jede Lage zu schicken schien, die Sorge um unseren kleinen Haushalt. Daß sie für uns kochte und wusch und nähte und eifersüchtig jede andere Hilfe abwehrte, war mir nur ein Beweis für ihre Tüchtigkeit; und daß der Kleine mit solcher Liebe an ihr hing, machte sie mir vollends unentbehrlich.

Wenn ich mit meinem Mann spazieren ging, so sprach ich von nichts anderem als von meiner Arbeit, von all den Ideen, all den Plänen, die sie in mir auslöste. Und er hörte mir nicht nur ruhig zu, er ging voller Anteilnahme auf meine Interessen ein und half mir durch seine Fachkenntnisse.

Daß auch er ein selbständiges Leben hatte, daß auch in ihm vieles bohrte und gärte, das nach Ausdruck verlangte, daß er um so einsamer wurde, je mehr ich mich in die Arbeit verlor, -- von alledem wußte ich nichts.

Zuweilen stiegen am Horizont drohend die Sorgenwolken empor: was das Grunewaldhaus uns übrig gelassen hatte, war bald verzehrt, die Einnahmen aus dem Archiv blieben unzulänglich, mein Buch, auf dessen Erfolg ich rechnete, war noch lange nicht vollendet; wie würden wir auskommen?! Mit aller Anstrengung vertrieb ich die bösen Gedanken, ich arbeitete noch ununterbrochener, um mir selbst keine Zeit zu lassen, ihnen nachzuhängen.

* * * * *

Eines Morgens bekam Heinrich einen Brief, den er mir stumm herüberreichte: Ob er während der nächsten Monate für ein uns nahestehendes Blatt die Pariser Korrespondenz übernehmen könne? Ihr bisheriger Leiter sei erkrankt und habe einen längeren Urlaub angetreten.

Es überlief mich heiß und kalt. Wie der Name Rom auf die Deutschen des Mittelalters, so wirkt der Name Paris auf die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts. Aus ihren dunklen Wäldern, ihren finsteren Burgen und engen Städten sehnten sich unsere Vorfahren nach dem lachenden Himmel Italiens; und aus dem Ernst unseres strengen Alltagslebens verlangt alles, was jung ist in uns, nach dem Glanz, nach dem Leichtsinn von Paris. Aber ich bemühte mich, ruhig zu scheinen und meiner stürmisch aufwogenden Freude Herr zu werden.

»Was sagst du dazu?« fragte mein Mann. »Wir würden uns rasch entschließen müssen. Mit dem internationalen Sozialistenkongreß, der in zehn Tagen zusammentritt, müßte meine Tätigkeit anfangen.«

»Und dein Archiv?!« warf ich ein. »Du kannst es doch nicht monatelang von Frankreich aus redigieren!«

»Ach, -- das Archiv..!« meinte er mit einem halb wegwerfenden, halb ärgerlichen Ton, der mich erstaunt aufsehen ließ. Das Archiv war seine Schöpfung, sein liebstes Geisteskind.

»Das Archiv könnte ich von überall her leiten! In Paris aber scheint mir jetzt der rechte Ort, um den Sozialismus in seiner neusten Phase zu studieren, in Paris, wo ein Millerand Minister ist, wo die Intellektuellen, -- unter ihnen ein Zola, ein France, ein Steinlen, -- mit Jaurès Arm in Arm gehen!.. Wenn du also nichts dagegen hast, so nehme ich den Antrag an.«

* * * * *

Paris! Die untergehende Septembersonne umgab die schwarz hingestreckte Stadt mit rotglühender Glorie. Mir war, als klänge im Räderrollen unseres Zugs ein rhythmisches Jauchzen, als könne die fauchende Riesenschlange es nicht erwarten, sich in die lodernde Glut zu stürzen.

Am Morgen nach unserer Ankunft wanderten wir durch die Straßen. Es war die vollkommenste Überraschung, die mich mehr und mehr verstummen ließ. Ich hatte etwas Lautes, Buntes erwartet, etwas, das übereinstimmt mit dem Begriff »Paris«, den wir uns draußen gebildet haben. Und nun sah ich Häuserzeilen in gleichmäßig feiner zurückhaltender Architektur, hohe Fenster mit schmalen Gittern davor, sah Mauern, über die der Efeu kroch, und Baumriesen, die aus alten verschwiegenen Höfen geheimnisvoll herüberrauschten.

Ich sah, wie sich die vielen Alleen plötzlich in weite, weite Gärten verloren, unter deren Büschen graue Statuen träumten, und unter runden Lorbeerbäumen stille Bassins goldig glitzernd von den vielen kleinen Fischen darin. An altertümlichen Kirchen kamen wir vorbei mit runden und viereckigen dicken Türmen, oder dem mystischen Maßwerk keuscher Gotik über alten Portalen.

Zur Madeleine schritten wir die breite Steintreppe empor und traten aus der heidnischen Pracht ihrer Säulenhalle in das Dämmerdunkel ihres Inneren. Eine wunderschöne Nonne kniete regungslos am Eingang, die Sammelbüchse vorgestreckt in schmalen weißen Händen. Und als wir uns wieder zum Gehen wandten, schweifte der Blick über die zu unseren Füßen sich dehnende Straße und die majestätische Größe der Place de la Concorde, wo Menschen und Wagen sich verloren wie Spielzeug, bis weithin zur Kuppel des Invalidendoms. Er hütete, was sterblich war an dem korsischen Riesen, der die Welt formte nach seinem Willen, und der, ein Lebender, noch heute die Stadt Paris erfüllt.

Durch Alleen breiter Kastanienbäume, deren dunkle große Blätter schwarze Schatten auf die hellen Wege warfen, gingen wir langsam hinauf, wo der Triumphbogen des Etoile sich, von weichen Morgennebeln umspielt, mit den Wolken zu verschmelzen schien. Und in den Gärten der Tuilerien verloren wir uns. Zarte Kinder mit künstlich geringelten Locken spielten auf feinen Plätzen, alte Herren, mit dem roten Bändchen im Knopfloch, fütterten die Vögel, von einer Schar Zuschauer umgeben, deren Interesse fast wie Andacht war. Von den Bäumen tanzten leise die gelben Blätter; eine träumerisch süße Luft, die Geräusche und Farben dämpfte, spielte zärtlich um den grauen Königspalast des Louvre und streichelte sanft die Gesichter der Vorübergehenden, als wollte sie sie trösten, weil es schon Herbst geworden war. Und selbst die Bettler auf der Brücke, und die schmutzigen Savoyardenknaben, die ihre Ware feil boten, und die alten Buchhändler, die ihre stockfleckigen Schartäken auf den Quaimauern aufbauten, lächelten leise. Der Fluß aber wälzte sich lautlos vorüber; seine Wasser schimmerten in gebrochenen Farben wie müde Opale.

»Eine vornehme Frau ist Paris,« sagte ich nachdenklich, als wir von unserem ersten Ausgang zurückgekehrt waren, »eine vornehme Frau, deren schöne Züge die Wehmut des Alterns umflort ...«

Am Abend verließen wir wieder das Hotel. Jetzt brauste die Weltstadt: rauschende Kleider, rollende Wagen, girrendes Lachen, wüstes Geschrei --, zu einem einzigen Ton verschmolz das alles. Zwischen den Bäumen der Boulevards strahlten die Laternen wie endlose Lichterketten, breit quoll das Licht aus den Cafés über wippende Federhüte und spiegelnde Zylinder. Nur auf dem riesigen Concordienplatz wirkten die Bogenlampen wie Brillanten auf dem dunkelgrauen Samt der Nacht.

Da plötzlich leuchtete jenseits zwischen den Bäumen ein Wunder auf: ein schimmerndes Tor aus Juwelen erbaut, eine Märchenstadt dahinter, deren Mauern Kristall, deren Türme Feuerbrände waren; die Weltausstellung. Wir folgten dem wimmelnden Menschenstrom, dessen Rauschen sich aus allen Sprachen der Welt zusammensetzte. Es war ein einziger Traum aus Tausendundeine Nacht. Ein Turm, aus strahlenden Goldfäden gewoben, trug auf seiner diamantenen Spitze die schwarze Kuppel des Himmels. In tiefdunkle Teiche ergossen sich Kaskaden von Licht. Der stille Fluß spiegelte Paläste wieder, die allen Glanz der Welt an seinen Ufern vereinigt hatten. Die Brücken spannten sich über ihn wie lauter glückverheißende Regenbogen. Und wer sie überschritt, den empfing jenseits ein Lachen, ein Singen, ein Jubeln, -- als gäbe es nirgends Tränen mehr. Ein Taumel erfaßte die Menschen: von den Terrassen herunter, -- aus den weit geöffneten Türen bunter Häuser lockte die Freude in sehnsüchtigen Geigentönen, in wilden Trompetenstößen. Dort tanzte Loie Fuller, die lebendig gewordene Flamme: wenn sie sich aufwärts schwang, züngelten die Schleier über ihrem Haupte, wenn sie sich neigte, leuchtete sekundenlang ihr schneeweißer Busen. Drüben trippelte auf Stöckelschuhen Sada Yacco, die Japanerin; aus ihren geschlitzten Augen sprühten Blitze fanatisierter Kunst, auf ihren Gewändern leuchteten Blumen der Hölle und Vögel des Paradieses. Und unter dem bunten Zeltdach ringelten sich Schlangen um den halbnackten Leib der Indierin, züngelten zärtlich um ihre braune Haut, während ihre kleinen Füße, von goldenen Ringen umklirrt, sich im Takte bewegten und ihre Arme sich ausstreckten -- eine einzige Gebärde verlangender Lust ...

* * * * *

Mitten im Gewühl trafen wir Geier, der zum Sozialistenkongreß nach Paris gekommen war. »Ein Riesenvarieté, -- nichts weiter,« brummte er, »im Grunde widerwärtig.« Ich erwachte wie aus einem Traum: die Gesichter der Tänzerinnen erschienen mir plötzlich fratzenhaft; wo die Schminke sich verwischte, grinste hinter dem Lächeln der Freude die rohe Sucht nach Gewinn. Und der lichtgewobene Turm, der den Himmel trug, war aus Eisen; Menschlein kletterten selbstbewußt bis in seine Spitze, und hoheitsvoll wich die Sternenkuppel weit, weit zurück vor ihnen. Kulissen aus Gips und Leinwand waren die Paläste, Glas die Juwelen im Portal.

»Man soll einen Mondsüchtigen nicht anreden,« sagte ich. »Schon glaubt ich mich wirklich auf dem Wege zur Erfüllung einer Sehnsucht, die mit mir geboren zu sein scheint --«

»Und die wäre?« fragte Heinrich. Ich zögerte; ich wußte, wie falsch ich verstanden werden könnte.

»Bacchantische Lust zu sehen, überströmende, jauchzende Lebenswonne, -- die dabei eines Gottes würdig wäre. Immer ist Freude so etwas Armseliges, -- Mutloses.«

»Dann sind Sie jedenfalls in Paris am rechten Ort. Übrigens hätte ich Ihrer norddeutschen Prinzessinnenwürde nicht so exotische Phantasien zugetraut,« spottete Geier. »Aber immerhin, -- ich, als alter Pariser, kann Ihnen vielleicht heute noch dienen.«

Wir verließen die Ausstellung, überquerten den Platz bis zur Rue Royal.

»Maxim« stand in großen Buchstaben über der Tür des Restaurants, in das wir eintraten. Auf den hohen Stühlen vor dem Schenktisch der Bar saßen elegante Männer mit müden, gelangweilten Gesichtern. Aus dem Saal dahinter klang gedämpfte Musik. Die Frauen unter seinen Spiegelwänden an den kleinen, blumengeschmückten Tischen flüsterten nur hie und da miteinander. Sie waren alle schön und jung. Hellblond und üppig die eine im weißen Seidenkleid, Perlen in den rosigen Ohren, rieselnde Perlen um den runden Hals und einen matten Perlenglanz in den großen hellen Augen. Statuenhaft die andere neben ihr, die prachtvolle Gestalt eng in roten Samt gehüllt, die schmalen Finger von Brillantringen bedeckt, die nachtschwarzen Haare in glatten Scheiteln um die Schläfen. Und rothaarige, hinter deren durchsichtiger Haut blaue Adern klopften, brünette, mit dem bräunlich warmen Ton der Südländerin, reihten sich ihnen an, eine schneeweiße dazwischen, mit rosigem Antlitz, als wäre die Pompadour aus dem langweiligen Jenseits in ihr geliebtes Paris zurückgekehrt. Zuweilen standen sie auf und schritten langsam auf und nieder; ihre Kleider raschelten, als ob schillernde Salamander durch dichtes Blattwerk schlüpften, das aufreizende gleichmäßige Klipp-klapp der hohen Absätze ihrer Seidenschuhe tönte dazwischen, in ihren Juwelen brachen sich hundertfarbig die Lichter, Wolken betäubenden Duftes zogen hinter ihnen her. Sie waren wie exotische Blumen aus fremden Urwäldern.

Die Musik ging in Walzermelodien über. Und durch die offenen Türen kamen allmählich die Herren aus der Bar, -- alte und junge Greise. Nüchtern, lustlos, wie der Trainer ein Rennpferd, musterten sie die Frauen. Sie erwachten erst zum Leben, als der Sekt in den Gläsern vor ihnen perlte. Ihre Blicke wurden zu lüsternem Greifen, ihr Lachen wurde gemein. Sie erschienen wie rohe Barbaren gefangenen Königinnen gegenüber. Und jetzt begannen die Geigen zu jauchzen, rascher und rascher füllten sich die Gläser und leerten sich wieder, die Paare schwangen sich in rasendem Tanz; -- dort senkte ein Graubart die zittrigen Kniee vor einer jungen Schönen und trank aus ihrem weißseidenen Schuh.

»Nun?!« fragend wandte sich Geier mir zu. Ich zuckte die Achseln: »Nennen Sie das bacchantische Lust?! Wenn Männer sich erst betrinken müssen, um für Frauenschönheit zu entflammen, und Frauen nur durch den Rausch, der ihre Augen und ihre Sinne umnebelt, den Ekel vor diesen Männern zu überwinden vermögen?!«

Wir gingen. Über die Boulevards schob und drängte sich die Menge: Fremde, mit gespannten Zügen, überall ungeheuerliche Enthüllungen der Sünde erwartend, kleine bescheidene Provinzfrauen mit einem dirnenhaften Funkeln in den Augen, Kinder, blaß und übernächtig, immer noch Blumen verkaufend, den alten wissenden Blick halb neidisch auf die geschminkten Kokotten gerichtet, die wie Götzenbilder sich durch die dunkeln Massen bewegten.

War Paris nicht doch ihresgleichen?

* * * * *

Als wir am nächsten Morgen den Sitzungssaal des Internationalen Kongresses betraten, blieb ich schon an der Tür erschrocken stehen: das tobte und schrie, pfiff und trampelte, als sollte ein Sensationsstück zu Fall gebracht werden. Vandervelde, der belgische Volksführer, stand auf der Rednertribüne, aber weder seine Autorität, noch der sonore Klang seiner schönen Stimme, noch die beschwörenden Gesten seiner aristokratischen Hände wurden Herr über die entfesselte Leidenschaft der Menge. Drohende Fäuste reckten sich zu ihm empor: »À bas les ministériels!« tönte es im Takt von der einen Seite, wo sich um Jules Guesde, den französischen Liebknecht, die Anhänger scharten. Wer es nicht vorher wußte, erfuhr es angesichts dieser Versammlung: nur um eine Kardinalfrage des Sozialismus konnte ein so wüster Kampf entbrennen. Die Vertreter des alten revolutionären Gedankens behaupteten standhaft ihre Intransigenz: »Die Befreiung der Arbeiter kann _nur_ ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein, jedes Paktieren mit der bürgerlichen Gesellschaft ist ein Verrat an der Sache des Proletariats.« Von diesen lapidaren, jedem Arbeitergehirn leicht einzuprägenden Sätzen aus, verurteilten sie notwendigerweise den Eintritt des Sozialisten Millerand in das Ministerium und forderten vom Kongreß eine offizielle Anerkennung ihres Standpunktes. Wider Vandervelde, der die Vermittlungsresolution der Deutschen verteidigt hatte, erhob sich der Italiener Ferri; die schönheitstrunkenen Romanen jubelten schon seiner bloßen Erscheinung zu, und als er mit all den klassischen Worten der Revolution jonglierte, wie ein geschickter Taschenspieler mit glänzenden Kristallkugeln, und den Revisionismus von der Landtagswahlbeteiligung der Deutschen bis zum Ministerialismus der Franzosen als einen Abfall brandmarkte, dankte ihm brausender Beifall. Die graziösen Französinnen auf den Zuschauertribünen, denen der Kongreß dieselben Nervenreize bot wie eine Première, schlugen begeistert die weißbehandschuhten Händchen aneinander, und des Redners dunkler Blick grüßte dankend die seidenrauschenden Vertreterinnen des Kapitalismus, gegen den er eben zum Kampf gerufen hatte.

Dann kam Jaurès, der das moderne republikanische Frankreich in der Dreyfusaffäre gegen Klerikalismus und Militarismus verteidigt hatte, -- eine untersetzte Gestalt, mit dem breiten blonden Kopf eines Germanen. Er wird es schwer haben, dachte ich angesichts dieser Versammlung, die ihre Redner ästethisch zu werten scheint. Aber schon der erste Laut seiner Stimme zog die Menge in seinen Bann: sie war wie das Meer; selbst wenn sie ruhig schien, war Sturm in ihr, und wenn sie anschwoll, schlug sie donnernd gegen die Mauern, wie die Wogen gegen den Fels. Ich war nicht imstande auf die Worte zu achten, ich hörte nur den Klang, jenen musikalischen Tonfall der Sprache, der die Wesensart des ganzen Volkes enthüllt, eines Volkes, das durch logische Schlüsse wissenschaftlicher Deduktionen niemals überzeugt zu werden vermag, wenn nicht der Künstler in ihm durch die Schönheit der Form, durch das Pathos des Ausdrucks gepackt wird, eines Volkes, von dem ich plötzlich begriff, daß es die Bastille stürmen und Napoleon Bonaparte zu seinem Kaiser krönen konnte.

Ich war noch wie benommen, als wir abends den Saal verließen. An der Tür begrüßten uns unsere Landsleute. »Eine unglaubliche Gesellschaft!« schimpfte der eine. »Für nichts ist gesorgt: nicht mal Bleistift und Papier gibt's auf den Tischen.« -- »Und keine Möglichkeit, die Anträge rechtzeitig drucken zu lassen,« fügte ein zweiter hinzu, -- »man weiß nich mal, wo man essen jehn soll,« brummte ein dritter.

Jetzt fühlte ich mich wieder in Deutschland.

Wir unterhielten uns, als wir zusammensaßen, über die deutsche Resolution. »Sie ist aus Wenn und Aber zusammengesetzt, und einem Fall Millerand ist zwar die Tür geschlossen, aber das Fenster geöffnet,« -- räsonierten die Vertreter des sechsten berliner Wahlkreises, für die der Eintritt eines Sozialisten in ein bürgerliches Ministerium keine taktische, sondern eine prinzipielle Frage war. »'Die Eroberung der Regierungsgewalt kann nicht stückweise erfolgen,'« las stirnrunzelnd einer der Wortführer des Revisionismus; »das ist ein Satz, den wir unmöglich unterschreiben können, denn in parlamentarisch regierten Staaten kann und wird sie nicht anders als allmählich vor sich gehen.«

Am Morgen darauf stimmten die Deutschen trotzdem geschlossen für die Resolution, um die Einigkeit der Partei zu dokumentieren, und sicherten ihr dadurch ihre Annahme. Ich war froh, daß ich kein Mandat besaß, denn die vielgerühmte Disziplin unserer Genossen mißfiel mir, die die persönliche Ansicht dem Willen der Mehrheit unterwarf; die individualistische Haltung der Franzosen schien mir ein Beweis größerer innerer Stärke zu sein. Ich äußerte meine Ansicht, als wir mit unseren näheren Bekannten nachts vor einem Boulevardcafé zusammensaßen, und stieß auf heftigen Widerspruch. »Unsere Disziplin hat uns groß gemacht,« hieß es von allen Seiten. »Numerisch groß, -- gewiß,« antwortete ich, »ob aber entsprechend einflußreich?! In England, wo die Partei so zerrissen ist wie hier, durchdringt die sozialistische Idee alle Kreise, gehören Sozialisten allen öffentlichen Körperschaften an, in Frankreich stützt sich die Republik auf Sozialisten, und ein einziger sozialistischer Minister ist imstande, in Monaten mehr Reformen auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes durchzuführen, als seine Vorgänger während Jahrzehnten --«

»Und in Deutschland übernahm unsere Reichstagsfraktion im Kampf gegen die Lex Heinze die Führung und rettete Wissenschaft und Kunst vor unerhörter Knebelung,« unterbrach mich einer der Anwesenden lebhaft; »es geht langsam bei uns, aber es geht, und selbst die Resolution, deren Annahme durch uns Sie so verurteilen, ist ein Zeichen des Fortschrittes. Sie hat dem falschen Radikalismus eine seiner Spitzen abgebrochen indem sie der politischen Taktik freie Hand ließ.«

»Dazu, scheint mir, werden die Verhältnisse Radikale und Revisionisten stets ohne weiteres zwingen. Die Preisgabe persönlicher Überzeugung war überflüssig,« antwortete ich.

»So halten Sie es für besser, wenn man um verschiedener Ansichten willen wie verzankte Kinder nach rechts und links auseinander läuft?!«

»Es scheint mir jedenfalls richtiger, als klaffende Gegensätze mit den morschen Brettern gegenseitiger Konzessionen überbrücken zu wollen.«

Eine augenblickliche Stille trat ein; man sah erwartungsvoll auf Geier, der eben hinzugetreten war.

»Politik besteht aus Konzessionen,« erklärte er und strich gleichmütig die Asche von seiner Zigarre; »aber davon versteht ihr Weiber nichts. Für das Geschäft seid ihr entweder zu gut oder zu schlecht, darum laßt die Finger davon. Übrigens: -- Ich habe eine Nachricht in der Tasche, die den Wünschen der Genossin Brandt entgegenkommt: Euer neuer Prophet, Bernstein, wird Deutschland in persona beglücken dürfen.«

Von allen Seiten mit Fragen nach dem Wie und Warum bestürmt, fuhr Geier mit einem spöttischen Blick auf mich in seinem Berichte fort: »Die deutsche Regierung hofft auf eine Spaltung der Partei. Es ist Bülows, des neuen Reichskanzlers, erste Heldentat, wenn er das Ausweisungsdekret gegen Bernstein nicht mehr wiederholt. Viel Glück zu diesem Zuwachs, Ihr lieben Reichsdeutschen!« Damit erhob er sich, flüchtig grüßend.

Wir gingen schweigsam nach Haus, mein Mann und ich, in unsere kleine möblierte Wohnung, die wir nach langem Suchen endlich gefunden hatten. Ich fühlte auf diesem Heimweg deutlicher als je, daß wir allmählich auch innerlich nebeneinander und nicht miteinander gingen. In der Nacht hörte ich, wie unruhig er sich hin und her warf, und sah im Laternenlicht, das matt durch die Fensterscheiben drang, wie zerquält seine Züge waren. Er litt, -- und ich wußte nicht warum; ich, die ich ihm am nächsten stand, hatte ihn allein gelassen! Das Herz krampfte sich mir zusammen. Waren nicht jene Frauen wirklich die besseren gewesen, die nichts hatten sein wollen, als ein allzeit offenes Gefäß für die Schmerzen und die Kämpfe des Gatten? Vielleicht waren sie die tiefste Bedingung seiner Kraft.

»Heinz,« flüsterte ich zaghaft und griff nach seiner Hand, »warum sprichst du nicht mit mir? -- Irgend etwas lastet auf dir --.«

Er lächelte mich an. »Gutes Kind, -- beunruhige dich doch nicht! Du hast mit dir selbst genug zu tun und mit deiner Arbeit.«