Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre
Chapter 28
»Nun so laß dir von mir gesagt sein, daß die Berichte über deine agitatorische Tätigkeit sie aufs äußerste empörten. Jenny Kleve kam eben aus Augsburg zurück --«
Ich biß mir heftig auf die Unterlippe. »Jenny Kleve! Allerdings eine gute Quelle! Und eine geeignete Vertreterin meiner Interessen!« spottete ich. »Bist du es nicht gewesen, die alles daran setzte, um zwischen ihr und ihren Geschwistern und Tante Klotilde nähere Beziehungen herzustellen?! Dein eigener Bruder warnte dich damals, dir kein Kuckucksei ins Nest zu legen!«
»Ich habe nur meine Pflicht getan,« erklärte die Mutter.
* * * * *
Tante Klotildens Erbschaft! Der Gedanke bohrte sich mir in Hirn und Herz. Mit einer Sicherheit, die nie auch nur den geringsten Zweifel aufkommen ließ, hatte ich stets auf sie gerechnet. Ich wußte: ihrem geliebten ältesten Bruder, meinem Vater, hatte sie versprochen, für mich sorgen zu wollen; er hatte mir noch kurz vor seinem Tode den Inhalt ihres Testamentes vorgelesen, und hinzugefügt: »Daß ich Deine und Deines Jungen Zukunft gesichert weiß, wird mir das Sterben erleichtern. Habe ich doch selbst gar nicht für Euch sorgen können!« Über manche schwere Stunde hatte die Erinnerung daran mir hinweggeholfen: Mag kommen, was will, mein Kind wird einmal nicht darben! Sollte sie ihr Wort brechen können?! Ein kalter Schauer erschütterte meinen Körper. Ich wußte, wie es tat, an die jämmerliche Notdurft des Lebens ständig denken zu müssen. Wie viele junge Menschen hatte ich aus der Flut des Lebens auftauchen sehen, von einem starken Talent emporgetragen, und nach ein paar Jahren hatte das Bleigewicht der Not sie niedergezwungen!
Mein Sohn sollte sich frei entwickeln können. Ich mußte mich selbst überzeugen, ob die Warnung meiner Mutter berechtigt war.
Mein Mann war böse, als ich davon sprach. »Du wirst dich doch nicht mit den Kleves auf eine Stufe stellen?!« rief er aus. »Unser Junge hat es nicht nötig, daß seine Mutter sich erniedrigt. Er wird stark genug sein, sich selbst durchzukämpfen.«
Ich war so erregt, daß all die verschwiegenen Qualen hervorstürzten wie ein entfesselter Wildbach: »Du freilich wirst nichts davon merken, wenn er sich grämt, gerade so, wie du nicht merkst, nicht merken willst, wie mich die Sorgen niederdrücken. Du schiltst, wenn ich nach deiner Ansicht nicht genau genug auf jeden Wurstzipfel achte, der in die Küche kommt, aber du fragst nicht danach, woher ich das Geld nehme, wenn du keins mehr hast und wir leben wollen!«
Und ich erzählte ihm, wie ich im vorigen Jahr den Verleger um Vorschuß hatte bitten müssen, wie ich mein bißchen Schmuck heimlich aufs Versatzamt getragen hatte. Er wurde ganz blaß, und sein Gesicht nahm jenen harten, kalten Ausdruck an, vor dem ich mich immer fürchtete. Tagelang gingen wir stumm nebeneinander her, während das gezwungene Zusammensein uns stets aufs neue reizte.
»Die Ehe ist doch eine gräßliche Einrichtung,« sagte Heinrich schließlich und reichte mir in versöhnlicher Stimmung die Hand.
Ich nickte eifrig und meinte lächelnd: »Wie stark muß die Liebe sein, um sie auszuhalten!«
»Die besten Freunde müssen einander unerträglich werden, wenn sie Tag und Nacht in denselben Käfig gesperrt sind,« ergänzte er.
»Ich glaube, es ist Zeit, daß wir für ein paar Wochen in Freiheit gesetzt werden,« wagte ich zögernd auszusprechen; -- ich erwartete jeden Tag die Antwort von Tante Klotilde auf meinen Brief, in dem ich sie gefragt hatte, ob es ihr recht wäre, wenn ich mit dem Kleinen nach Grainau käme. Ich würde mir eine eigene Wohnung nehmen, -- natürlich, -- und sie nur besuchen, wenn sie uns sehen wollte. Mein Mann runzelte zwar noch die Stirn, aber er meinte dann doch lachend: »Mach, daß du wegkommst, damit ich die Gattin los werde und die Geliebte wiederfinde.«
Die Antwort kam, -- eine kühle, glatte Ablehnung. »Die Welt ist groß,« schrieb sie, »Du brauchst Deine Sommerferien nicht gerade in Grainau zu verleben, wo die Situation für dich, -- ganz abgesehen von der meinen, auf die Du ja keine Rücksicht zu nehmen scheinst --, eine wenig gemütliche wäre. Die Bauern würden Dir fremd, wenn nicht feindlich gegenüberstehen. Seit der Dienstbotenbewegung, die Du mit soviel Lärm in Szene setztest, hast Du ihre Sympathie verloren. Deine ständigen Angriffe auf unseren allverehrten Kaiser« -- hier hörte ich die Stimme der Kleves, die nur in der Potsdamer Hofluft zu atmen vermochten -- »haben den vielleicht noch vorhandenen Rest vollends zerstört ... Ich bin eine alte, kranke Frau und brauche innere und äußere Ruhe. Im übrigen wird meine Liebe zu Dir durch die räumliche Entfernung eher erhalten, als beeinträchtigt werden ...«
Was nun? Gab es nichts mehr, das mir den Weg zu ihr bahnen könnte? »Gehen Sie ins Gebirge,« hatte der Arzt gesagt. Wenn ich nun doch reisen würde, -- mit dem Kleinen, -- irgend wohin nicht allzuweit von Grainau, wo der glückliche Zufall eine Begegnung ermöglichen könnte! Ich war überzeugt: sah sie mein Kind, ihr ganzes Herz würde gewonnen werden!
* * * * *
In Mittenwald, dicht unterm Berg, fand ich bei einem Bauern ein Giebelzimmerchen und die große, bunte Wiese, die ich meinem Liebling versprochen hatte. Den ganzen Tag spielte er dort mit dem kleinen Sohn des Hauses, dem Hansei, und seine weiße Stadthaut bräunte sich, und seine Muskeln wurden straff. Ich saß indessen auf der Altane und schrieb alle möglichen Artikel und freute mich, wenn das Honorar immer wieder eine Woche längeren Aufenthalt möglich machte. Von fernher glänzte und lockte die Zugspitze bis zu mir herüber. Ich sah sie bei Nacht im Mondschein, wenn die Sterne am dunkeln Himmel sich bewundernd um sie scharten. Ich sah sie bei Tage, wenn die Sonne sie inbrünstig küßte und ihr doch nichts zu rauben vermochte von ihrer jungfräulichen Reinheit. Ihr zu Füßen war das Stückchen Erde, das ich liebte, wie keins in der Welt. Wo ich mein Jugendglück fand und -- begrub. Ich verstand, daß es Menschen gibt, die vor Heimweh krank werden.
Auf unseren Spaziergängen suchte ich immer die Wege, auf denen ich dem weißen Berge näher kam, und erzählte dem aufhorchenden Kleinen von ihm als der verzauberten Prinzessin und ihrem grauen finsteren Wächter, dem Waxenstein. Dabei wurden mir wohl auch die Augen feucht. »Sei nich traurig, Mamachen,« tröstete mich mein Kind. »Ein großer Held wird kommen und die Prinzessin befreien!«
Einmal, als wir wieder zu dem stillen See aufwärts gingen, plauderte er lustig von den Kühen und den Blumen. Dann wurde er plötzlich still, ein grübelnder Zug trat in sein rundes Kindergesichtchen, und seine Wangen färbten sich dunkler.
»Der Hansei will Kutscher auf'n Stellwagen werden,« begann er unvermittelt; »ist das nicht dumm?!«
Ich nickte zerstreut. Er schwieg wieder.
Als wir uns aber im Walde lagerten, zog er meinen Kopf dicht an den seinen und flüsterte aufgeregt: »Ich muß dir ein großes Geheimnis sagen, -- dir ganz allein. Ich will ein Held werden und alle schlechten Leute totschlagen!«
Ich streichelte seinen Lockenkopf. »Das ist nicht leicht, mein Kind,« sagte ich ernst.
»Oh, ich weiß! Aber was man will, das kann man auch!« rief er mit einem hellen Jauchzen in der Stimme. Ich zog ihn zärtlich an mich. Hatte ich es nötig, um ihn zu bangen? Brauchte ich zu fürchten, daß seine Zukunft von der Gunst der harten Frau dort drüben abhängig werden könnte? Ich vergaß allmählich, weshalb ich hierher gekommen war. Ich sah nicht mehr erwartungsvoll die weiße Straße hinauf, wo ich vor Zeiten so oft mit der Tante gefahren war.
Es fiel von meiner Seele wie lauter dunkle Schleier. Die Sonne und die freie Bergluft berührten sie wieder. Zuweilen kam ich mir selbst wie verzaubert vor: als sei all mein Träumen, mein Hoffen und Sehnen aus mir herausgetreten und lebendig geworden in der Gestalt dieses Kindes.
An den Wiesenwegen standen überall Kruzifixe, Wahrzeichen jener Verneinung des Lebens, die uns gelehrt hat, Armut und Unglück nicht als unsre ärgsten Feinde, sondern als gottgewollt anzusehen.
»Ich kann einen angenagelten Gott nicht anbeten,« sagte mein Sohn.
Unser Aufenthalt ging zu Ende. Ich mußte zum Parteitag nach München. Aber ich konnte nicht fort, ohne drüben gewesen zu sein, wo auf dem Hügel die kleine weiße Kirche steht und der grüne Badersee im Walde träumt, mit dem Bilde der Zugspitze im Herzen. Wir fuhren nach Garmisch und wanderten über die Wiesen, an den braunen Heuschobern vorbei, dorthin, wo sich in leisen Wellenlinien das Tal erhebt, Hügel an Hügel von alten Baumriesen bekrönt und blühenden Büschen. Glänzend wie ein Silberstreifen schlängelt sich der Weg durch die Gründe, -- braune und rote Dächer tauchen auf, -- schon plätschert der Bergbach, der ganz, ganz oben in den Furchen und Spalten dem Felsen entspringt und vom Schnee sich nährt und vom Eis: Das war Grainau --. »Und nun, Bubi, paß auf: nun kommen die blauen und goldgelben Häuser mit den lustigen Heiligenbildern daran und den vielen, vielen Nelken auf den Altanen.«
»Wo denn, Mamachen?!«
Ich sah mit großen Augen um mich. Wo waren sie nur? Die Erinnerung malte mir wohl ihr Bild, aber die Zeit hatte ihre Farben verlöscht, und überall standen neue Häuser mit kalkweißen Wänden, -- ohne den heiligen Florian in den Nischen, -- blumenlos. Wie verschüchterte Bauernkinder vor den Städtern verkrochen sich die alten scheu in den Winkeln. Ich beschleunigte meine Schritte. Der Wald war derselbe geblieben, und zwischen den Buchenstämmen leuchtete schon der See. Dort wollt' ich stille Andacht halten! -- Mein Fuß stockte: ein großes Hotel erhob sich an seinem Ufer. In seine kristallklare Flut hatte man eine Nixe aus Bronze versenkt; auf den Kähnen drängten sich die Menschen um sie und starrten hinunter. Aber den Badersee sahen sie nicht. Der lag ganz still und sah zum Himmel empor in großer, großer Einsamkeit. Und hinter dunkeln Wolken versteckten sich die Berge, als schämten sie sich der Welt unter ihnen.
Ich kämpfte mit den Tränen. Meine Jugend hatte ich gesucht, -- war ich nicht statt dessen plötzlich uralt geworden? Ich mochte nichts mehr sehen, auch das Rosenhaus nicht. Aber mein Junge gab nicht nach.
Lange lagen wir auf dem Moose im Wald, den kleinen Rosensee uns zu Füßen, am jenseitigen Ufer das traute grünumrankte Haus. Hier hatte sich nichts verändert. Und all die Bilder von Glück und Leid, die dieser Rahmen einst umschloß, zogen an mir vorüber. Die Jahre zwischen damals und heut wären mir wie ein Traum erschienen, wenn nicht das Kind neben mir mich an die lebendige Gegenwart erinnert hätte. Ich stand auf und reckte den Körper. Der Abschied von diesem Haus, diesem See, diesem Wald war der erste Schritt in das neue Leben gewesen. Ich bereute ihn nicht. Dankbar sah ich noch einmal hinüber. Trotz alledem: dieser Erdenwinkel blieb mein.
Eine weißhaarige Frau, die den schweren Körper nur mühsam am Stock vorwärts bewegte, trat aus der Tür in den Garten. Uns entgegen auf dem schmalen Steg kam hastig ein hellgekleidetes Mädchen. Dicht vor mir blieb sie sekundenlang mit weit aufgerissenen Augen stehen. Es war Jenny Kleve. Dann sah ich noch, wie sie hinüberlief, mit erregten Gesten auf die alte Frau einsprach, und wie diese dem herbeigerufenen Diener eine Weisung erteilte. Ich lachte auf: jetzt hat sie Befehl gegeben, mich nicht vorzulassen, dachte ich; -- Jenny Kleve, auf diesen Triumph freust du dich umsonst!
* * * * *
In München erwartete uns Berta, mit der der Kleine nach Berlin zurückreisen sollte.
Hätte ich nur mit ihnen heimreisen können! All der Staub der Stadt, der meine Lunge erfüllt, der grau und schwer die Glut meines Herzens fast erstickt hatte, war vom Bergwind weggeweht worden. Mein Kind, -- mein Geliebter, -- waren sie nicht der Inhalt meines Lebens? Mein Geliebter, -- nicht mein Gatte, an dessen Seite nichts mich zwang als ein Stück Papier. »Die geläuterte Moral der Zukunft wird die Roheit unserer Gesittung nicht verstehen,« schrieb ich an Heinrich, »die die Beziehungen der Geschlechter, wie die zwischen Unternehmer und Arbeiter, zwischen Herrn und Diener, mittelst eines formulierten Vertrages regeln wollte, die die Frau nötigte, als Symbol des Auslöschens ihrer Persönlichkeit, den eigenen Namen mit dem des Mannes zu vertauschen. Liebe sollte immer ein Geheimnis sein, eins, um das nur die Allernächsten wissen. Die Ehe schreit es in alle Welt hinaus und erzählt zynisch jedem Gassenbuben: sieh, dieses Weib gehört jenem Mann!.. Ich sehne mich nach Dir. Mit tieferer, heißerer Sehnsucht, als da die Liebe mir nur ein Traum war. Ich möchte untertauchen bis auf den Grund ihres Ozeans, denn mir ist, ich wäre bisher nur auf der Oberfläche gefahren, und in der Tiefe warteten Schätze auf mich von unermeßbarem Wert. Aber wenn ich an unsere laute Straße denke, an die engen Zimmer, in die unsere große Liebe sich sperren ließ, um Magddienste zu tun, -- dann sinkt meine Sehnsucht in sich zurück, wie ein Springbrunnen, der eben in Milliarden Wassertropfen der Sonne entgegenflog und nun, da der Gärtner den Hahn abdreht, plötzlich verschwindet ...« --
»Du hast recht,« antwortete er, »tausendmal recht! Aber glauben kann ich Dir erst, wenn Du Deine Empfindung nicht nur aussprichst, sondern ihr folgst ... Komm, und wir wollen in irgend einem stillen Winkel, wo uns niemand kennt, Hochzeit feiern, wie einst ... Der Parteitag braucht Dich nicht. Dieser Augenblick jedoch ist vielleicht der einzige, der in uns beiden die Erinnerung an die Ehe auslöscht ...«
Aber ich ging nicht. Ich war unfrei. Nie hätte ich es mir eingestanden, und doch war es so: ich stand, wie die Mutter, noch unter dem kalten Gesetz der Pflicht. Ich durfte die Aufgabe nicht im Stiche lassen um meiner Wünsche willen! Am wenigsten jetzt, wo ihre Erfüllung mir widerstrebte.
* * * * *
Wie schön hatte ich es mir einst gedacht, wenn zu den Kongressen der Partei die Gesinnungsgenossen von Ost und West, von Nord und Süd zusammenkommen würden, ungleich nach Beruf und Alter und Geschlecht, und doch ein einiges Heer, von derselben Kraft durchdrungen, von demselben Willen beseelt, neue Kreuzfahrer, die auszogen, der Menschheit heiliges Land zu suchen. Und jetzt?
Schon im Hotel, wo die meisten Delegierten untergekommen waren, musterte man sich mißtrauisch, begrüßte sich kühl. Und Gruppen bildeten sich, die berieten, ob und wie man die Ansichten der anderen Gruppen überstimmen könne.
Dem Parteitag ging eine Frauenkonferenz voraus. Als ich in den Kreis der fünfundzwanzig Genossinnen trat, fühlte ich die abweisende Kälte, die mir entgegenströmte. Nur Ida Wiemer schüttelte mir herzhaft die Hand. »Was sagen Sie nur zu dieser Tagesordnung?!« flüsterte sie erregt.
Ich lachte spöttisch: »Sie wollen offenbar in anderthalb Tagen die ganze Frauenfrage lösen. Arbeiterinnenschutz, Kinderschutz, gesetzliche Regelung der Heimarbeit, politische Gleichberechtigung, -- ein imponierendes Programm! Es ist ja aber auch eine hübsche Zahl von Jasagern beisammen. Die schlucken die Resolutionen unbesehen.«
»Aber Krach gibt's auch,« antwortete Frau Wiemer. »Ihnen müßten die Ohren geklungen haben, so giftig ist die Bartels auf Sie.«
»Auf mich?! Ich habe ja gar nichts getan!« meinte ich verwundert.
»Aber die düsseldorfer Genossinnen haben einen Antrag auf Anstellung einer Parteisekretärin eingebracht. Man meint, Sie müßten dahinterstecken --«
Darum also die bösen Gesichter!
»Und dann: daß Sie als Einzige von uns morgen im Kindlkeller sprechen!«
Darum also die gekränkten Mienen!
Die arme Düsseldorferin wußte offenbar nicht, in was für ein Wespennest sie mit ihrem Antrag gestochen hatte, und konnte die Erregung, die er hervorrief, nicht begreifen. Ich kam ihr zu Hilfe und goß nur Öl ins Feuer. Alles fiel über uns her. Martha Bartels sah in dem Antrag ein Mißtrauensvotum gegen ihre Tätigkeit als Zentralvertrauensperson und spielte die persönlich Gekränkte, Luise Zehringer gab der offenbar allgemeinen Meinung, wonach ich mir auf diese hinterlistige Weise eine fette Pfründe schaffen wollte, drastischen Ausdruck, indem sie mit einem wütenden Blick auf mich erklärte:
»Die Genossinnen, die nur ab und zu von sich hören lassen, sonst aber praktisch gar nicht arbeiten, können wir für solche Stelle nicht brauchen. Die haben unser Vertrauen nicht.«
Dabei begann sie krampfhaft zu schluchzen und kreischte, wie ich es von ihr noch nie gehört hatte. Aller Klang und alle Weichheit waren aus ihrer Stimme verschwunden. Ob das das unausbleibliche Schicksal aller Agitatorinnen war?!
Die Bartels sekundierte ihr: »Uns können nur Frauen nützen, die Fleisch von unserem Fleische sind ... Keine akademisch gebildeten Damen, die nur mal, um sich zu zeigen, ab und zu in einer großen Versammlung einen Vortrag halten --.« Ich stand dicht vor ihr und sah ihr gerade ins Gesicht. »Solche Paradepferde können wir nicht brauchen,« schrie sie.
Mein Nachbar, ein belgischer Genosse, schüttelte verwundert den Kopf: »Es scheint, die ganze Konferenz richtet sich gegen Sie. Was haben Sie nur getan?!« fragte er.
»Ist's nicht Verbrechen genug, daß ich überhaupt da bin?!« antwortete ich bitter.
Als im weiteren Verlauf der Debatte die Frage des Arbeiterinnenschutzes besprochen wurde, nahm ich die Gelegenheit wahr, abermals die Forderungen einer umfassenden Mutterschaftsversicherung zu verteidigen. Ein paar Beifallsrufe wurden laut, die meisten der Frauen jedoch, ihr Leben lang gewohnt, sich unterjochen zu lassen, waren durch die Anwesenheit so anerkannter Parteiautoritäten, wie Wanda Orbin und Martha Bartels, viel zu verschüchtert, als daß sie ihnen hätten opponieren können. Kaum hatte ich geendet, als Wanda Orbin sich zum Worte meldete.
Sie sprach mit einer Leidenschaft, als gelte es, die höchsten Prinzipien des Sozialismus zu verteidigen, und mit einer Stimme, als hätte sie eine Riesenvolksversammlung vor sich: »Der Gedanke, welcher der Mutterschaftsversicherung zugrunde liegt,« sagte sie, »ist der Gedanke der menschlichen Solidarität in seiner weitesten Form. Die Verwirklichung dieses Prinzips aber steht in so schreiendem Gegensatz zu dem Wesen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, daß wir sie auf ihrem Boden nicht erreichen werden ... Sie kann erst zur Verwirklichung gelangen, wenn das Recht des lebenden Menschen über den toten Besitz zur Geltung gebracht sein wird, -- in einer sozialistischen Gesellschaft ...« Ihre Stimme überschlug sich, Schweißtropfen standen auf ihrer Stirn. Von allen Seiten klatschte man enthusiastisch.
»Bisher hat es nur als ein Kennzeichen der bürgerlichen Frauenbewegung gegolten, aus Opportunitätsgründen möglichst wenig zu fordern, um überhaupt etwas zu erreichen,« antwortete ich in ruhigem Gesprächston. »Wir verlangen im Gegenteil Alles, und nehmen nur als Abschlagszahlung, was davon stückweise errungen wird. Haben wir etwa jemals aufgehört, für den Achtstundentag zu agitieren, weil der Gegenwartsstaat ihn nicht gewähren wird? Mit noch größerem Recht können wir von ihm die Mutterschaftsversicherung fordern, denn ein gut Teil ihrer Ziele muß er im eigensten Interesse verwirklichen. Er braucht gesunde Mütter, arbeitsstarke Männer, kriegstüchtige Rekruten.«
Wanda Orbin erhob sich noch einmal. »Die Forderung der Mutterschaftsversicherung ist durchaus nicht so radikal sozialistisch, wie Frau Brandt meint ...,« rief sie. Ringsum klatschte man wieder. Weder sie noch ihre Zuhörerinnen hatten bemerkt, daß sie, um mir zu widersprechen, sich innerhalb weniger Minuten selbst widersprochen hatte.
Als ich ins Hotel zurückkam, müde und verärgert, trat mir überraschend mein Mann entgegen. Ich errötete dunkel. Er küßte mir nur die Hand.
»Ich wußte, daß du Kämpfe haben wirst,« sagte er, »und daß ein Freund dir fehlen könnte.« Mit tiefer Dankbarkeit sah ich ihm in die Augen.
Der Geist, der in der Frauenkonferenz umgegangen war, herrschte auf dem Parteitag.
»Wir brauchen die Akademiker nicht!« war die Parole, unter der er stand. »Wenigstens die nicht, die sich erlauben, eine andere Meinung zu haben als wir.«
Ein Antrag besonders war von symptomatischer Bedeutung; er verlangte nichts weniger, als daß die Mitglieder der Partei verpflichtet werden sollten, Kritiken über schriftliche oder mündliche Äußerungen von Parteigenossen nur in Parteiblättern, das heißt solchen Zeitungen und Zeitschriften, die der Parteikontrolle unterstehen, zu veröffentlichen. War es nicht ein grotesker Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien der Partei, daß solch ein Antrag auch nur ernsthaft diskutiert werden konnte? Daß es Sozialdemokraten gab, die die »Einheitlichkeit der Partei« dazu mißbrauchten, um die Meinungsfreiheit niederzuknütteln?
»Ich habe geglaubt, die Leute hätten sich in der Adresse geirrt,« sagte Vollmar und reckte sich zu seiner ganzen Riesengröße auf, sodaß er turmhoch und turmsicher über der brandenden Woge der Menge stand. »Das ist ein Antrag für die Zentrumspartei, für die Kirchenorgane mit dem Zensor obenan, wo nur eine Meinung gilt. Es genügt nicht, ihn zu bekämpfen, ihn niederzustimmen. Bis auf seine Wurzeln, gilt es, ihn zu verfolgen, sonst kehrt er in der und jener Form alljährlich wieder und überwuchert unser Erdreich. Es ist der ewige Geist der Kontrolle, der Geist der Kasernenhofdisziplin, dem er entspringt. Und gegen ihn müssen wir uns wenden. Nicht die freie Meinung unterdrücken, was eine Schwäche verraten würde, die nur dem Tode, das heißt der Versteinerung einer Bewegung vorangehen kann, sondern sie fördern, ist unsere Aufgabe. Sollte der Versuch unternommen werden, selbständige Menschen mundtot zu machen, so wäre der kein echter Sozialdemokrat, der es fertig bekäme, sich solcher Zensur zu unterwerfen. Es wäre wahrhaftig nicht der Mühe wert, die Fesseln der bürgerlichen Gesellschaft von sich zu werfen, um sie nur mit neuen zu vertauschen!«
Ich sah mich um im Saal. Es waren nur bestimmte Gruppen, die Beifall klatschten. Reihenweise saßen die Genossen an den langen Tafeln mit verschlossenen oder gleichgültigen Mienen. Unwillkürlich lief mir ein Schauer über den Rücken. Die »Diktatur des Proletariats«, -- wird sie die Freiheit sein?
»Sie würde ein rasches Ende nehmen, wenn sie etwas anderes wäre,« sagte einer unserer Genossen, als wir am Abend zusammen waren und ich die Frage ausgesprochen hatte.
Während der letzten Tage des Kongresses, deren Verhandlungen sich um die praktischen Fragen der Arbeiterversicherung und der Kommunalpolitik drehten, legten sich die Wogen der Erregung wieder. Und als August Bebel von den kommenden Reichstagswahlen sprach und seine braunen Jünglingsaugen unter dem grauen Haarschopf immer feuriger glänzten, je drastischer seine Darstellung der inneren und äußeren politischen Lage wurde, je weitgehendere Hoffnungen er für den Wahlkampf daran knüpfte, da jubelte alles ihm einmütig zu; jener zündende Funke der Begeisterung sprang von einem zum anderen, derselbe Funke, den eine Kriegserklärung für alle waffenfähigen Männer bedeuten mag. Sie werfen ihr Werkzeug beiseite, sie treten in Reih und Glied, und zum guten Kameraden wird der Nachbar, mit dem sie eben noch in kleinlichem Hader lebten.
Noch erging sich die bürgerliche Presse in langatmigen Betrachtungen über den »Bruderzwist« in der Partei, um Hoffnungen für ihre Sache daraus zu schöpfen, und schon standen wir in Reih und Glied dem gemeinsamen Feind gegenüber.
* * * * *
Am Tage unserer Rückkehr nach Berlin ging ich zur Mutter. Drei Monate hatte ich sie nicht gesehen. Ihre Briefe, die kurz und freudlos waren, ließen mich nichts Gutes ahnen. Sie wohnte mit Ilse in einer Pension am Lützow-Ufer. Als ich aus dem hellen Tageslicht in das dunkle Zimmer trat, -- die Häuser hier traf nie ein Sonnenstrahl, -- löste sie sich langsam, wie ein Schatten, aus dem tiefen Stuhl, in dem sie gesessen hatte. Ihre Hände nur leuchteten weiß und überschlank aus dem schwarzen Ärmel des Kleides. Sie war sehr verändert.