Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Chapter 15

Chapter 153,626 wordsPublic domain

Aber die öffentlichen Ereignisse sorgten dafür, Gedanken und Interessen auf wichtigere Dinge zu lenken, und die Verstimmung zwischen mir und den Genossinnen in einmütige Kampflust gegen die Feinde, die unsere Sache von außen bedrohten, zu verwandeln.

Hatten die Parlamentsreden der Herren der Rechten, vom Geiste Stumms beherrscht, schon kriegerisch genug geklungen, so kündigten die kaiserlichen Worte auf dem brandenburger Provinzial-Landtag Kampf bis aufs Messer an: »Die Aufgabe, die uns allen aufgebürdet ist, die wir verpflichtet sind zu übernehmen, ist der Kampf gegen den Umsturz mit allen Mitteln... Ich werde mich freuen, in diesem Gefecht jedes Mannes Hand in der meinen zu sehen, er sei edel oder unfrei,« hieß es darin, und zum Schluß: »Wir werden nicht nachlassen, um unser Land von dieser Pest zu befreien, die nicht nur unser Volk durchseucht, sondern auch das Heiligste, was wir Deutsche kennen, die Stellung der Frau, zu erschüttern trachtet.«

Kein Zweifel: ein Gewitter stand bevor, das unsere Saaten bedrohte; dem Blitz, der die Situation grell beleuchtet hatte, folgte der Donner und der prasselnde Regen in Gestalt einer Vereinsgesetznovelle, die dem reaktionären preußischen Landtag zur Entscheidung vorlag und nichts anderes bedeutete, als eine Knebelung des Koalitionsrechts, eine Auslieferung unserer Organisationen an die Willkür der Polizei. Da war niemand unter uns, dem nicht das Herz stürmisch geschlagen hätte, -- vor Empörung über das drohende Unrecht, vor Freude über den aufgezwungenen Kampf. Es gab keinen kleinlichen Zank mehr; man drängte sich zur Arbeit und übernahm auch die geringfügigste mit dem Pflichtbewußtsein des Soldaten, der seinen Posten bezieht. Ich konnte der vorgeschrittenen Schwangerschaft wegen nur mit der Feder tätig sein, und Zorn und Begeisterung führte sie. Ich sah eine Zeit nahe bevorstehen, wo die besten Elemente des Bürgertums, wo vor allem die Vertreter der freien Wissenschaft, vor die Wahl gestellt zwischen der Reaktion und dem Proletariat, sich auf die Seite der Arbeiter stellen müßten.

»Du prophezeist trotz einem Bebel,« lachte mein Mann, wenn ich mich fortreißen ließ, alles zu sagen, was ich erträumte, und dann erinnerte er mich an jene anderen Kaiserreden, die den Dreizack des Meergottes für die deutsche Faust verlangten, und den Beifall derselben Männer fanden, auf die ich rechnete. Aber ich hörte nicht darauf, ich wollte nicht hören.

* * * * *

Die Fähigkeit, Dunkles zu sehen, war meinem inneren Auge mehr und mehr abhanden gekommen. Wo immer ich den Blick hinwandte: überall war es hell, überall strahlte die Welt voll Frühlingsahnen. Und als es draußen in den Gärten und auf den Plätzen wirklich zu blühen begann, da schien mir's, als wäre dies der erste Lenz, den ich erlebte. Ich saß in der Sonne auf dem Balkon und sah staunend, wie aus den braunen saftig glänzenden Knospen auf den Kastanienbäumen kleine zartgrüne Blätter leise ans Licht strebten. Ich ging am Arm des Geliebten durch den Tiergarten, den ein starker würziger Erdgeruch erfüllte, und stand vor dem Wunder still, das in Hunderten bunter Frühlingsblumen aus dem Rasenteppich emporwuchs. Und die Sonne schien so mild und warm, -- wenn sie meine Wange traf, war mir, als streichle sie mich. In der Nacht lag ich oft stundenlang wach; ich war nicht müde. Regte sich dann in meinem Schoß das junge Leben, so strömte es mir durch die Glieder wie Feuer.

Frühzeitig war alles zu seinem Empfang bereit. Oft, wenn niemand es merkte, schloß ich mich ein in dem hellen Zimmer, wo alles seiner wartete, und kniete vor dem kleinen Bettchen, und vergrub meine heißen Wangen in seinen kühlen Kissen.

Einmal, als ich mit Heinrich am Ufer entlang heimwärts ging, an der Bucht vorbei, wo die Weiden ihre grünen Schleier tief bis zum Wasser hinuntergleiten lassen, kam uns ein alter grauhaariger Mann entgegen. Ich hörte zuerst nur seinen schleppenden Schritt, denn die Abendsonne, die im Westen verglühte, blendete mich. Aber ich wußte: das war mein Vater. Meine Knie zitterten. Und schon war er vorbei. Er schien in Gedanken verloren und hatte uns wohl nicht erkannt. Ich wandte den Kopf nach ihm, -- da stand er wie angewurzelt und starrte mich an, so voll Zärtlichkeit --! Ich wäre ihm fast zu Füßen gestürzt, aber er machte eine rasche, abwehrende Bewegung und ging weiter. An dem Abend weinte ich. Und ich hatte doch mein Kind vor allem Kummer schützen wollen!

Wenige Tage später waren wir wieder zur gewöhnlichen Zeit fort gewesen. Mit geheimnisvollem Lächeln öffnete mir das Mädchen die Tür, als ich heimkam. Ins Kinderzimmer sollt' ich kommen, sagte sie. Da brannte die Lampe unter dem Rosenschleier und auf dem weißen Tisch lagen lauter spitzenbesetzte Hemdchen und Jäckchen, und kleine Schuhe und Steckkissen, und lange Tragekleidchen; durch die blauen Bänder, die sie zusammenhielten, waren Sträuße duftender Maiblumen gezogen. »Das gnädige Fräulein brachte alles selbst,« berichtete lächelnd das Mädchen und übergab mir einen Brief von Mama:

»Mein liebes Kind! Das alles schickt Dir Dein Vater. Er hat mir und Deiner Schwester erlaubt, zu Dir zu gehen, und Dir seine Grüße zu bringen. Schreibe mir, wann wir Dich besuchen können,« schrieb sie. Bald darauf kam sie selbst. Ich hatte vor Erregung eine böse Nacht gehabt und empfing sie auf dem Diwan liegend. Sie aber war so ruhig, so teilnahmsvoll, als läge höchstens eine Reise zwischen ihrem ersten Besuch und heute. Drohte eine verlegene Pause, so half das Geplauder Ilschens darüber hinweg, die mir von ihren ersten Ballfreuden und ihren Triumphen nicht genug erzählen konnte.

»Wie geht es dem Vater?« fragte ich schließlich zaghaft, da sie zu vermeiden schienen, seiner Erwähnung zu tun. »Er ist recht alt geworden,« antwortete Mama langsam. »Aber noch so rüstig,« fiel die Schwester ein, und berichtete zum Beweis dafür von den Diners und den Bällen, zu denen er sie begleitet hatte. Sie nannte Namen, die ich nicht kannte, und erwähnte Gesellschaftskreise, die er früher auf das peinlichste gemieden hatte: Tiergartensalons, in denen, wie er zu sagen pflegte, der jüngere Offizier nur als Mitgiftjäger, der alte nur als Tafeldekoration auftritt. Ich fühlte jetzt: er mußte sehr alt geworden sein.

Ehe sie gingen, bat ich Ilschen, nun aber recht oft zu mir zu kommen. Sie sah, statt zu antworten, ängstlich fragend auf Mama. »Allein darf sie euch nicht besuchen,« sagte diese mit dem alten harten Ton in der Stimme, während sich tiefe Falten um ihre Mundwinkel gruben. Als sie fort waren, trat ich auf den Balkon. Ich hatte das Bedürfnis, frische Luft zu schöpfen. Da fiel mein Blick auf die Straße: mit kleinen, hastigen Schritten ging der Vater vor unserer Haustür auf und ab, und als Ilse ihm entgegentrat, wandte er sich ihr mit einer raschen Bewegung zu, und ich sah, wie sie sprach und sprach, und wie er horchte, den Kopf ihr zugeneigt, als fürchte er, auch nur ein einzig Wort zu verlieren. An diesem Abend mußt' ich wieder weinen.

* * * * *

Der Sommer kam. Ich schleppte mich nur noch mühsam die hohen Treppen herauf und hinunter. Ich zählte nicht mehr nach Wochen, sondern nach Tagen. Meine Zimmer standen voll Junirosen.

Ich war noch einmal mit den Kindern in die Stadt gegangen, um zu besorgen, was ihnen für die Ferienreise zu ihrer Mutter noch fehlte. Als ich daheim die Sachen in den Koffer legte, dunkelte es mir plötzlich vor den Augen. Ein jäher Schmerz zog mir den Leib zusammen. Ich schlich ins Wohnzimmer und fiel meinem Mann, der erschrocken vom Schreibtisch aufgesprungen war, in die Arme. »Nun ist's so weit,« flüsterte ich und sah ihn glückselig an. Er schickte zu meiner Ärztin. Ich aber saß still im Lehnstuhl und spottete seiner Ängstlichkeit. Wie hätte ich mich auch nur einen Augenblick lang fürchten können! Wenn ich die Augen schloß, sah ich Großmamas gütiges Antlitz vor mir und hörte sie tröstend wiederholen, was sie mir früher so oft versichert hatte: Ein Kind gebären ist das leichteste von der Welt. Aber der Abend kam und die Nacht, -- ich wartete noch immer. Und am folgenden Tag war ich zu schwach, um vom Bett aufzustehen, und in der Nacht standen zwei Ärztinnen um mein Bett, und Heinrich wich nicht von mir. Ich allein spürte nichts von Angst; wenn ich vor Schmerzen stöhnte, so war mir's, als wäre ich's nicht.

Am Morgen des dritten Tages strahlte der Himmel in wolkenloser Pracht; von der Gedächtniskirche herüber klang tiefer Glockenton, und von allen Seiten antworteten ihm hellere Stimmen. »Es will ein Sonntagskind sein,« flüsterte ich lächelnd dem Liebsten zu, der neben mir saß, und an den ich mich klammerte, wenn es gar zu wehe tat.

»Und in der Johannisnacht geboren werden,« hörte ich wie von ferne sagen. Müde sank ich in die Kissen. Mir träumte von den Bergen, die zum Himmelszelt stolz ihre weißen Häupter heben, und von grünen Matten, die sich zart und weich zu Füßen grauer Felsen schmiegen. Und ich sah, wie alle Spitzen zu glühen begannen, als hätten sich die Sterne auf sie herniedergesenkt, und von allen Hügeln die Flammen loderten. Plötzlich aber war mir, als stünde ich selbst auf dem Scheiterhaufen, -- schon züngelte das Feuer an meinem nackten Körper empor, -- ich schrie laut auf -- --

War ich gestorben, -- und darum so seliger Ruhe voll?! Ich schlug die Augen auf. »Heinz!« kam es ganz, ganz leise von meinen Lippen. Ich tastete mit den Händen auf dem Bett, -- ich fühlte seinen Kopf, -- seine Schultern, -- warum bebten sie nur so?! Heiße Augen, die durch Tränen leuchteten, richteten sich auf mich. Von der anderen Seite öffnete sich die Türe, ein breiter Strom von Licht ergoß sich in das dunkel verhangene Zimmer, auf der Schwelle stand eine Frau, ein weißes Bündelchen auf den Armen. »Mein Kind --!« rief ich. »Unser Sohn!« antwortete Heinrich und legte ihn mir an die Brust. Ehrfürchtig berührten meine Lippen die von wirren Löckchen dunkel umrahmte Stirn. Und zwei große blaue Augen, in denen des Werdens tiefes Geheimnis noch zu schlafen schien, blickten mich an.

Siebentes Kapitel

Drei Monate später saß ich an unserem Schreibtisch, in einen Artikel vertieft, den ich Wanda Orbin versprochen hatte.

»Fast schien es, als sollte der Züricher Arbeiterschutz-Kongreß den Beweis erbringen, daß die Anhänger der verschiedensten politischen und religiösen Weltanschauungen auf dem Gebiete praktischer Sozialreform zu gemeinsamen Resultaten gelangen könnten. Die Fragen der Kinder- und der Sonntagsarbeit riefen keinerlei tiefere Differenzen hervor. Nur hie und da fiel ein Wort, das wie Wetterleuchten die Abgründe erhellte, die tatsächlich zwischen den Rednern auseinanderklafften. Aber erst die Frage der Frauenarbeit vollzog schließlich die Trennung der Geister. Schon in der vorbereitenden Sektion kam es zu hitzigen Debatten: auf der einen Seite standen die katholischen Sozialreformer Belgiens und Österreichs, unter ihnen Männer in langem Priesterrock und brauner Mönchskutte, auf der anderen die Führer der internationalen Sozialdemokratie, die Bebel und Liebknecht, die Vandervelde und Geier an ihrer Spitze. Und als wir uns am nächsten Morgen in dem hohen Saal der Tonhalle wieder versammelten -- einem Saal, der nur für Festesfreude geschaffen schien, -- und der blaue See und die weißen Berge durch die breiten Fenster zu uns hereinstrahlten, ein Bild glücklichen Friedens, da wußten wir: heute kommt es zur Schlacht. Die Tribünen waren überfüllt: die ganze studierende Jugend Zürichs drängte sich dort oben zusammen. Erwartungsvolle Erregung brannte auf ihren Wangen. Und unten sammelten sich die Delegierten um ihre Tische: die Luft schien zu vibrieren unter dem Einfluß all der klopfenden Pulse, all der kampfheißen Blicke. Der katholische Demokrat Carton de Wiart trat hinter das Rednerpult zur Verteidigung seines Antrags: Verbot der großindustriellen Frauenarbeit. Mit tiefem Glockenklang erfüllte seine schöne Stimme den Riesenraum und steigerte sich zum tragischen Pathos, wenn sie die zerstörenden Folgen der Frauenarbeit schilderte: 'Der Säugling verkommt in Hunger und Schmutz, die heranwachsenden Kinder werden ein Opfer der Straße; vom erloschenen Herdfeuer flieht der Mann und sucht Trost und Wärme im Trunk ...' Er malte nicht zu schwarz, und auch aus den Reihen der Gegner hätte ihm niemand widersprechen können. Aber während die tatsächlichen Zustände ihm und seinen Gesinnungsgenossen als eine beklagenswerte Verirrung der Menschheit erschienen, die durch ein gebieterisches 'Zurück!' von dem alten kleinbürgerlichen Familienleben wieder abgelöst werden könnten, sahen die Sozialdemokraten in ihnen eine notwendige Begleiterscheinung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die nur durch ein 'Vorwärts!' zum Sozialismus zu überwinden ist. 'Auch wir sind für die Verkürzung der Arbeitszeit, für gesetzlichen Mutterschutz, für Verbot der Frauenarbeit in gesundheitsschädlichen Betrieben,' erwiderte Frau Alix Brandt dem Redner; 'aber für ein Verbot der Frauenarbeit überhaupt sind wir nicht. Denn nicht jenes idyllische Bild glücklichen Familienlebens, das Herr de Wiart in so leuchtenden Farben malte, würde seine Folge sein, sondern eine noch größere Zerstörung der Familie, eine noch gefährlichere Untergrabung weiblicher Kraft. Weder Laune noch Neigung treibt die Frauen in Scharen in die Fabriken, sondern Not. Schließt ihnen deren Tore, und dieselbe Not wird sie in das Elend der Heimarbeit treiben, wo schrankenlos die Ausbeutung herrscht, wird sie demjenigen Frauenberuf zuführen, vor dem weder die christliche Sittlichkeit des Staates, noch die Ritterlichkeit der Männer das weibliche Geschlecht jemals gehütet haben: der Prostitution.' Und in einer Rede voll hinreißender Leidenschaft verteidigte Frau Wanda Orbin die Berufsarbeit der Frau als die Grundlage ihrer sozialen Befreiung: 'Die Arbeit ist ihre Menschwerdung. Was sie auf der einen Seite zerstört, baut sie auf der anderen wieder auf für die sittliche und geistige Einheit von Mann und Frau. Aus den Konflikten zwischen Beruf und Haus erwachsen dem Weibe zwar die größten Schmerzen, aber auch die größte Kraft. Nicht nur, weil ein Verbot der Frauenarbeit heute die Not steigern würde, wie meine Vorrednerin Ihnen auseinandersetzte, stimmen wir geschlossen gegen den Antrag Wiart, sondern weil wir Frauen die Arbeit wollen um unserer Selbstbefreiung willen, um einer künftigen Neugestaltung der Ehe und der Familie willen, die die ökonomische Unabhängigkeit des Weibes zur Voraussetzung hat.' Minutenlang umbrauste der Jubel aus dem Saal hinauf, von den Tribünen herab die Rednerin. Und als die Baronin Vogelsang, eine zarte, schlichte Frauengestalt, sie ablöste, -- mit niedergeschlagenen Augen und leise zitternden Händen, ungewohnt des öffentlichen Auftretens, -- erschien sie wie die Personifizierung jener fernen versunkenen Welt, die sie mit leisen, weichen Worten, mit einem Appell an das Gefühl wieder glaubte heraufbeschwören zu können: 'Um der Kinder willen, denen die Industrie die Mütter raubt, nehmen Sie den Antrag an --;' ihre erhobenen Blicke flehten und rührten manch einem ans Herz, so daß die rauhe Wahrheit, die der Verstand erkennt, hinter den weichen Schleiern, die die Empfindung webt, zu verschwinden drohte ...«

Ich legte die Feder aus der Hand und seufzte tief auf. Seit meines Kindes Geburt waren die Probleme der Frauenbefreiung für mich keine bloßen Theorien mehr. Sie schnitten in mein eigenes Fleisch, -- und ich war keine Industriearbeiterin, -- ich brauchte nicht von früh bis spät in der Fabrik zu schuften, fern meinem Liebling. Mir grauste, wenn ich daran dachte, daß so etwas möglich, ja notwendig sein konnte. Es gab Augenblicke, in denen meine Überzeugungen auf tönernen Füßen zu stehen schienen.

Schon die Reise nach Zürich war mir schwer genug geworden, obwohl ich mein Kind in bester Obhut zurückgelassen hatte. Meine Phantasie malte sich täglich neue Schrecken aus, die ihm zustoßen konnten. Und wie viele Stunden des Tages mußte ich jetzt fern von ihm sein! Wie oft sprang ich vom Schreibtisch auf und sah sehnsüchtig auf den sonnigen Platz hinunter, wo es, in seinen weißen Wagen gebettet, auf- und niedergefahren wurde. Wie viele Blicke aus seinen blauen Augen, wieviel krähendes Babylachen von seinem roten Mündchen gingen mir verloren! Und abends, und nachts: wie oft mußte ich, statt an seinem Bettchen zu sitzen, in Versammlungen sprechen, an Partei-Zusammenkünften teilnehmen.

Manche meiner Genossinnen kamen aus der Werkstatt und der Fabrik, auch sie hatten kleine Kinder zu Hause und kein Dienstmädchen, um sie zu hüten; -- meine Bewunderung für sie stieg und zugleich mein Verständnis für all die Bitterkeit, den Haß und das Mißtrauen, das sich in ihnen angesammelt hatte. Kann ein Weib der Welt, die den Kindern die Mutter entreißt, mit anderen Empfindungen gegenübertreten? Und doch hatte ich mich in Zürich mit aller Leidenschaft dafür eingesetzt, die weibliche Berufsarbeit -- auch die der Mütter -- zu erhalten? Ich zerriß den halbfertigen Artikel wieder und schrieb an Wanda Orbin ein paar entschuldigende Worte. Ich konnte nicht mehr über eine Frage sprechen, ich war außer stande, den Lesern fix und fertige Ansichten aufzutischen, seitdem sie mir zur persönlichen Angelegenheit geworden war, und ich ihr für mich selbst die Antwort noch schuldig bleiben mußte.

Mein Mann kam nach Hause. »Bist du schon fertig?« fragte er mit einem verwunderten Blick auf den Schreibtisch, dessen Aussehen keine Arbeit mehr verriet. Ich erklärte ihm die Situation, obwohl ich von vorn herein wußte, daß ihm das volle Verständnis dafür fehlen würde. Er hatte schon oft nachsichtig, wie über eine kindliche Torheit gelächelt, wenn ich den Konflikt berührte, in dem ich mich befand; er war sogar hie und da heftig geworden, hatte mich für sentimental, für überängstlich erklärt, wenn ich die Trennung von meinem Kinde, die meine Berufs- und Parteipflichten mir auferlegte, so schwer nahm. Auch heute schüttelte er den Kopf und unterdrückte sichtlich eine Antwort, weil er mich nicht verletzen wollte. »Ich glaube, wir haben Grenzpfähle berührt, die das Reich des Weibes von dem des Mannes trennen,« sagte ich nachdenklich. »Wir sind nicht imstande, wie Ihr, alle Probleme in kühler Objektivität zu lösen, -- wie eine mathematische Aufgabe.«

Gegen Abend besuchte uns Romberg. Wir waren rasch mitten in lebhaftester Debatte. Das Fernbleiben aller jungen sozialpolitischen Professoren vom Züricher Arbeiterschutz-Kongreß hatte wie eine gemeinsame Demonstration gewirkt und war mir um so peinlicher aufgefallen, als es im Gegensatz nicht nur zu meinen großen Hoffnungen, sondern auch im Gegensatz zu ihren eigenen Wünschen und Äußerungen gestanden hatte.

»Waren Sie nicht derjenige, der es stets bedauerte, daß Gelehrte und Arbeiter nicht einmal auf dem Gebiet der Sozialpolitik sich begegnen und miteinander beraten könnten?« fragte mein Mann. »Und nun bot sich Ihnen endlich die Gelegenheit, und Sie ergriffen sie nicht!« Romberg biß sich in die Lippen, wie immer, wenn er um eine Antwort verlegen war.

»Die Zeit war unglücklich gewählt,« meinte er schließlich zögernd.

»Warum sagen Sie nicht lieber gleich, was die linksliberale Presse zu ihrer Rechtfertigung feierlich erklärte,« rief ich empört, »daß die starke Beteiligung unserer Partei den Kongreß von vorn herein zu einem sozialdemokratischen gestempelt habe und preußische Professoren daher nicht hingehörten!«

Er unterbrach mich: »Sie wissen genau, daß der Vorwurf eines Mangels an Mut mich nicht treffen kann!« Ich dachte an das rote Buch und lenkte ein. Aber die gegenseitige Verstimmung wich erst allmählich dem Interesse am Gegenstand unseres Gesprächs.

»Die blutige Wanda hat, wie ich gelesen habe, in Zürich auch die Frauenfrage gelöst,« sagte Romberg mit einem sarkastischen Lächeln.

»Ich fürchte, jede 'Lösung' ist nur der Ausgangspunkt neuer Probleme,« erwiderte ich.

Romberg warf mir einen überraschten Blick zu: »Wie, -- auch Sie beginnen, an der Unfehlbarkeit Ihrer Päpste zu zweifeln?! Das wird ja immer besser: Schönlank putzt den alten Liebknecht herunter wie einen Schulbuben und weist ihm nach, daß die Verelendungstheorie angesichts der gestiegenen Lebenshaltung der Arbeiter zum alten Eisen geworfen werden muß wie das eherne Lohngesetz seligen Angedenkens; Bebel tritt für die Beteiligung an den Landtagswahlen ein, was ein Preisgeben eines mit aller Lungenkraft verteidigten Prinzipes ist, und Alix Brandt wird zur Antifeministin -- --«

»Wenn Ihre Zusammenstellung eine Berechtigung hat, so ist es die, daß meine Zweifel ebensowenig zum Antifeminismus führen, wie Schönlanks oder Bebels Negationen veralteter Anschauungen zum Antisozialismus.«

»Also auch hier nur eine Revision des Programmes?«

»Auf Grund der Revision der Erfahrungen, die wir durchgemacht haben, -- gewiß! Übrigens fehlt es ja der Frauenbewegung noch an jedem Programm, weil es ihren Problemen an der wissenschaftlichen Formulierung fehlt.«

»Das wäre eine Aufgabe, die Sie lösen müßten,« meinte Romberg lebhaft.

»Damit würdest du dir und anderen zur Klarheit verhelfen --,« fügte Heinrich rasch hinzu, »ein Buch über die Frauenfrage, das von einer Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse ausgehen müßte, das die wirtschaftliche, die soziale und die rechtliche Lage der Frauen zu behandeln hätte, ...«

»In Ihnen regt sich doch sofort der Redakteur,« unterbrach ihn Romberg. »Die vage angedeutete Idee ist unter Ihren Händen zur Disposition eines ganzen Werkes geworden.«

Das Herz klopfte mir vor Erregung. Der Gedanke an diese Arbeit packte mich gerade durch seine Selbstverständlichkeit. Ein zusammenfassendes, grundlegendes Werk der Art gab es noch nicht. Es fehlte nicht nur mir, es fehlte der ganzen Bewegung, die auch darum so unsicher hin- und hertastete.

»Ich habe, fürchte ich, die nötigen Vorkenntnisse nicht,« meinte ich schließlich zaghaft.

»Dafür haben Sie ja einen Nationalökonomen zum Mann,« antwortete Romberg.

Während des Abends, den wir im Theater verbrachten, dachte ich nur an den Plan der Arbeit, die ich entschlossen war auszuführen. Erst auf Rombergs wiederholtes: »Sehen Sie nur!« sah ich mich um. In der Reihe vor uns erschienen zwei seidenrauschende Damen mit goldroten Haaren, feuchtschimmernden Augen und unnatürlich glühenden Lippen. »Wird für diese in Ihrem Zukunftsstaat kein Platz sein?« flüsterte Romberg. »Ich hoffe nicht!« sagte ich. »Schade!« antwortete er lächelnd. In der Bewunderung für derlei Erscheinungen ist er wie ein Onkel aus der Provinz, dachte ich ärgerlich. Als wir aber nachher, seiner Gewohnheit gemäß, die die Nacht gern zum Tage machte, noch lange bei uns zusammensaßen, kam er auf die Begegnung zurück: »Können Sie sich wirklich eine Welt als wünschenswert vorstellen, in der alle Frauen Berufsphilister werden, wie es heut schon alle Männer sind; in der sie keine Zeit mehr haben, ihre Schönheit zu pflegen, kurz, in der alle duftenden Luxusgärten in Kartoffelfelder verwandelt werden?« --

»Ich würde solch eine Welt zerstören und nicht schaffen helfen! Aber Frauen, wie jene, auf die Sie anspielen, gehören nicht zu den duftenden Blumen, zu den an sich unnützen, aber unentbehrlichen Reizen des Lebens. Sie sind verdorbene Speisen für verdorbene Gaumen.«

»Sie mögen in dem Einzelfall recht haben; unumstößlich aber bleibt für mich das Eine: nicht die Berufsarbeiterin, nicht die, nach Ihren Begriffen freie, emanzipierte Frau wird der Kultur höchste Blüte sein, sondern die femme amante.« Er sah mich kampflustig an, er liebte den Widerspruch und erwartete ihn; der Typus einer Frauenrechtlerin stand für ihn ein für allemal fest, und er glaubte immer wieder, ihn in mir vor sich zu haben.

»Sie hoffen umsonst auf meine sittliche Empörung,« spottete ich, »meine Meinung stimmt fast überein mit der Ihren, nur daß ich die Existenz der femme amante leugne, solange nicht die wahrhaft freie Frau ihre Voraussetzung ist...«