Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre
Chapter 32
Einen Augenblick war es noch still. Einem alten Mann, den ich nicht kannte, und der bis zu mir vorgedrängt worden war, drückte ich krampfhaft die Hand. Dann brach es los wie Gewittersturm. Das schrie, das jauchzte, das schluchzte --, alte Männer fielen einander um den Hals, Frauen verbargen die Gesichter an den Schultern der Nächsten. Und draußen zerriß ein einziger Jubelruf die Stille der Nacht. Sie riefen nach ihrem Gewählten.
Auf die Fensterbrüstung trat er. »Nicht mir dieses Hoch, Parteigenossen --,« und seine tiefe Stimme klang voll und warm und die Luft selbst schien sie weiter und weiter zu tragen, »-- Euch vielmehr, die ihr den Sieg erkämpftet, und unserer großen Sache vor allem, die die Siegesgewißheit in sich trägt! Ein Hoch der Sozialdemokratie, ein dreifaches Hoch!« Und wieder brauste es, als schlügen orkangepeitschte Wellen an Felsenriffe.
Inzwischen war Weber still beiseite gegangen. Nun kam er zurück. Er trug die alte Fahne, von grauen Tüchern umwunden. Dicht vor dem Fenster nahm er langsam die Hülle ab, hob die schwere Stange hinaus, und das rote Tuch rollte auseinander und wehte, aufglühend, wo das Licht es traf, wie entfachte Flammen über die stumme Menge.
»Genossin Brandt! -- -- Alix Brandt!« -- Riefen sie mich?! -- Man schob mich zum Fenster, -- man hob mich empor, -- ich sah keine Menschen, ich sah nur ein wogendes Meer, -- ohne Anfang, ohne Ende. Und ich streckte die Arme weit aus --
Vierzehntes Kapitel
Alle Vorbereitungen für das Erscheinen der Gesellschaft waren getroffen. Es sollte eine Zeitschrift großen Stiles werden. Hervorragende Parteigenossen des In- und Auslandes hatten uns ihre Mitarbeit zugesagt. Eine junge Künstlerin, von der Idee, die uns leitete, gepackt, hatte den Umschlag gezeichnet: schwarze Fabriken, aus deren Essen die Feuerflammen der kommenden Zeit emporschlagen. Es gab Leute, die angesichts der schönen Ausstattung, des niedrigen Preises und der hohen Honorare, die wir festgesetzt hatten, bedenklich die Köpfe schüttelten. Aber der Dreimillionen-Sieg der Partei hatte den Glauben an unsere Sache, den wir von jeher besessen hatten, nur noch gestärkt. Jetzt war wirklich die Zeit gekommen, wo die Sozialdemokratie eine Macht im Staate zu werden begann, wo sie vor der Aufgabe stand, selbständig praktische Politik zu treiben. Breite Schichten der Arbeiterschaft, die erstarkten Gewerkschaften an der Spitze, verlangten danach, und die Masse der Mitläufer, die unseren Sieg hatte vergrößern helfen, war zweifellos nicht durch die ferne Aussicht auf den Zukunftsstaat zu uns gekommen, sondern durch die Hoffnung auf Reformen der Gegenwart.
Eines Morgens kam Heinrich verärgert aus dem Bureau: »Der Lindner läuft umher wie die Jungfrau von Orleans: 'und mich, die all dies Herrliche vollendet, mich freut es nicht, das allgemeine Glück'. Sollten die Schwarzseher ihn schon beeinflußt haben?! Das könnte mir passen!«
Wir hörten eine Woche lang nichts von ihm. Dann kam ein Brief; -- während mein Mann ihn überflog, veränderten sich seine Züge: »Hier hast du den Wisch,« rief er wütend und warf die Türe hinter sich ins Schloß.
»Da ich mich überzeugt habe, daß ein gedeihliches Zusammenarbeiten zwischen uns nicht erreichbar sein wird, trete ich von unserem Vertrag zurück --,« las ich.
Das ist doch nicht möglich, -- das kann doch nicht sein, fuhr es mir durch den Kopf; wie kann er sein Wort brechen, jetzt, in diesem Augenblick, wo er weiß, das damit alles steht und fällt!
Heinrich war beim Rechtsanwalt gewesen. »Nichts zu machen,« knirschte er, als er nach Hause kam, »mein Anstand, oder sagen wir lieber meine Dummheit, die mich hinderten, den Vertrag notariell zu machen, ermöglichen diesen erbärmlichen Rückzug.«
Was nun?! Heinrichs trotzige Energie hatte auf diese Frage nur eine Antwort: »Erst recht!«
Ich fühlte mich im ersten Augenblick wie gelähmt und war geneigt, im Rücktritt Lindners etwas zu sehen, das einem Wink des Schicksals oder einem Gottesurteil gleichkam. Aber die Ereignisse innerhalb der Partei zerstreuten den Nebel, der meinen Blick vorübergehend verdunkeln wollte.
Überall hatten nach den Wahlen Siegesfeiern stattgefunden. Hunderte von Rednern hatten das »Unser die Welt!« in die überfüllten Säle hinausgeschmettert und ein vieltausendstimmiges Echo gefunden. Dann aber war der Rausch verflogen, und jenes erwartungsvolle Schweigen war eingetreten, das jedem großen Ereignis zu folgen pflegt. Man konnte sich nicht vorstellen, daß nun der Alltag wieder da ist, -- genau so wie vorher; es mußte irgend etwas folgen, das dem Ungeheueren entsprach, das wir erlebt hatten! Doch es geschah nichts. Nur der Sommer war gekommen mit seiner Blumenpracht, -- wie immer. Ein unbestimmtes Gefühl der Enttäuschung erkältete die eben noch glühenden Herzen. Die durch den Kampf aufgepeitschten Nerven erschlafften plötzlich; eine nörgelnde Empfindung der Unzufriedenheit entstand; kaum einer war, der sich ihr entziehen konnte, und wer am leidenschaftlichsten um den Sieg gerungen hatte, den packte sie mit doppelter Gewalt.
Einige der führenden Geister in der Partei waren sich bewußt, daß die nervöse ungeduldige Frage der Massen nach dem Preise des siegreichen Kampfes Antwort heischte. Aber sie empfanden nicht, daß die Antworten, die sie gaben, angesichts der Größe der Erwartungen wie eine Verhöhnung wirken mußten. Kautsky, der Theoretiker des Radikalismus, versuchte ihr als der Vorsichtigere aus dem Wege zu gehen, indem er sich nur mit den Wahrscheinlichkeiten der künftigen Haltung unserer Gegner beschäftigte, und im übrigen die Gemüter durch den Hinweis auf »die alte, bewährte Taktik der Partei« zu beruhigen suchte. Eduard Bernstein dagegen, der Revisionist, hatte in dem Bestreben, zu momentanen praktischen Resultaten zu gelangen, acht Tage nach dem Siege auf die Frage: was folgt aus dem Ergebnis der Reichstagswahlen? keine andere Antwort als die: ein sozialdemokratischer Vizepräsident im Reichstag! Was in ruhigen Zeiten vielleicht zu einer Erörterung innerhalb der Fraktion geführt hätte, das wurde jetzt das Signal zum Aufruhr.
Wie, darum haben wir monatelang unsere Haut zu Markte getragen, darum haben drei Millionen Deutsche einundachtzig Sozialdemokraten in den Reichstag geschickt, damit einem von ihnen die Gelegenheit geboten wird, vor dem Kaiser zu katzbuckeln, -- dem Kaiser, dessen Faust wir von Essen und Breslau her noch auf unserer Wange brennen fühlen?! So tönte es von allen Seiten.
Vergebens, daß Vollmar von München aus versuchte, der kühlen Vernunft zu ihrem Rechte zu verhelfen, indem er die tatsächlichen Vorteile der Vertretung der Partei im Präsidium hervorhob und die Haltlosigkeit der prinzipiellen Gegnerschaft zu dem »Hofgang« dadurch illustrierte, daß die Parteigenossen in den Einzelstaaten es mit ihrer republikanischen Gesinnung vereinigen müssen, dem jeweiligen Landesherrn Treue zu schwören, der Eid aber doch bedeutungsvoller sei, als ein offizieller Besuch im Kaiserschloß, -- bis nach Norddeutschland drang seine Stimme nicht. Zu tief empfanden Alle die unbewußte Verhöhnung ihrer Hoffnungen und ihres Glaubens in Bernsteins Antwort auf die Frage, die sie bewegte. Und auch ich konnte mich dem niederdrückenden Eindruck nicht entziehen.
Die Empörung über Bernstein verdichtete sich zur allgemeinen Wut auf die Revisionisten, die sie ihrerseits mit einem Ungeschick, das sich nur aus ihrer Temperamentlosigkeit erklären ließ, schüren halfen.
»Wir müssen die liberalen Parteien ersetzen --,« erklärte der eine; die aufgeregten Massen lasen daraus: wir müssen unsere sozialdemokratischen Grundsätze in die Tasche stecken.
»Ein proletarischer Klassenkämpfer sein, das heißt nicht auf die bürgerliche Gesellschaft unterschiedslos drauflos prügeln --,« sagte ein anderer; die Arbeiter ergänzten: wir sollen mit ihr liebäugeln.
Sie hatten unrecht -- zweifellos --, wie jeder unrecht hat, den die Leidenschaft nicht nur dem Ziel entgegen vorwärts reißt, sondern blind und taub macht für alles, was rechts und links geschieht. Aber weit größer war das Unrecht derer, die imstande gewesen waren, an dem Siegesfeuer, dessen himmelauflodernde Flammen die Begeisterung der Kämpfer entfacht hatten, ihr armseliges Süppchen zu kochen und es den Andächtigen, deren Glauben noch glühender brannte als das Feuer, als sättigende Speise darzureichen.
Ein mächtiger Helfer erwuchs ihrem Zorn, einer, der noch immer wundergläubig gewesen war, wie sie; einer, den, wie sie, der Sieg trunken gemacht hatte: August Bebel. In einer Erklärung, die dem Pronunziamento des Nachfolgers Christi auf dem apostolischen Stuhle gleichkam, verurteilte er Bernstein und die Seinen und drohte überdies mit der Entscheidung des nächsten Parteitages. Nun erst, nachdem der Führer gesprochen, entbrannte der Bruderkrieg in vollem Umfang. Was Bebel nur hatte ahnen lassen, das sprachen andere aus: fort aus der Partei, wer uns den Sieg verekelt.
Ich fürchtete das Schlimmste. Meine persönlichen Besorgnisse verschwanden wie Tautropfen im Meer. Jetzt galt es, den Bedrohten einen Mittelpunkt schaffen, der zum Ausgang einer starken, jungen Bewegung werden könnte. Aus tiefster Überzeugung wiederholte ich Heinrichs: »Erst recht!«
* * * * *
Der Verkauf des Archivs war der erste Schritt zu unserem Ziel. Heinrich wandte sich an einen der größten Verleger, der seine Bereitwilligkeit aussprach, das Archiv zu übernehmen, wenn der alte Herausgeber ihm erhalten bliebe. Er bot ein Redaktionshonorar dafür, das uns zeitlebens der Sorgen enthoben hätte. Wir besannen uns keinen Augenblick, seine Vorschläge zurückzuweisen.
»Nun bliebe noch Romberg,« sagte ich zögernd; ich wußte, seit jener ersten Anfrage war eine leise Entfremdung zwischen den beiden Männern eingetreten.
»Damit er mich wieder behandelt, wie der hochmögende Vormund,« brauste Heinrich auf.
Noch am selben Abend schrieb ich an Romberg. Wenige Tage später war er in Berlin. Ich setzte ihm die Lage auseinander.
»Ich appelliere lediglich an Ihr Interesse für die Zeitschrift,« sagte ich, »die heute eine der angesehendsten ihrer Art ist. Es lag Ihnen daran, sie in die Hand zu bekommen; -- Sie sprachen seinerzeit davon, als von einem Ersatz der ordentlichen Professur.«
Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Wenn ich nun aber statt meines persönlichen Interesses, das sich nicht verändert hat, meine Freundschaft entscheiden ließe?!« rief er aus. »Mir scheint, ich müßte Sie vor einem Unglück bewahren!«
»Das lassen Sie meine Sorge sein,« antwortete ich herb. Er schwieg verletzt, und als gleich darauf mein Mann eintrat, stellte er sich auf einen ausschließlich geschäftlichen Standpunkt und verhandelte nur mit ihm.
Kurze Zeit darnach war die Angelegenheit entschieden: Mit zwei anderen Herren übernahm Romberg das Archiv.
Ich hatte im Augenblick meine ganze Zuversicht wiedergewonnen und lud ihn ein, den Abschluß fröhlich mit uns zu feiern. Aber er war schon abgereist.
»Dann geben wir uns allein ein Fest,« meinte mein Mann; »wir haben Ursache genug dazu als selbständige Inhaber der Neuen Gesellschaft!« Doch es schien, als sollte es nicht sein. Zuerst verschlang die Arbeit unsere Zeit, und dann kam die Stimmung nicht wieder.
* * * * *
Der Hader in der Partei nahm immer bösartigere Dimensionen an. Was Bebel an Erklärungen und Artikeln veröffentlichte, das klang so maßlos, daß die Vizepräsidentenfrage und die Mitarbeit der Parteigenossen an bürgerlichen Blättern unmöglich die einzige Ursache seines Vorgehens sein konnte. Er mußte irgendwo Parteiverrat wittern, wenn er alle politische Klugheit so völlig zu vergessen vermochte und den Gegnern die bittere Pille der Wahlniederlage durch den Kampf in den eigenen Reihen versüßte.
»Die Zeit des Vertuschens und Komödienspiels ist vorbei --,« rief er; »jetzt heißt es Farbe bekennen, jetzt gibt's kein Ausweichen mehr --,« was hieß das anders, als daß Elemente in der Partei vorhanden waren, die nicht hinein gehörten, die entfernt werden mußten?
»Die Masse der Parteigenossen halte die Augen auf!« mahnte er; was bedeutete das anders, als daß sich Verräter in ihrer Mitte befanden? Aber während Bebels Zorn vom Feuer der Leidenschaft noch immer verklärt erschien, sekundierten ihm die Zionswächter des Radikalismus mit der Kälte systematischer Verfolgungssucht. Und nun erwachte im Proletariat, auf dessen rohe Instinkte sie spekulierten, der Pöbel. Er warf sich keifend auf alles, was nicht mit ihm lärmte.
Wir, die wir dem Revisionismus eine selbständige Zeitschrift schaffen wollten, standen, das zeigte sich bald, mit auf der ersten Seite der Liste der Konskribierten. Noch ehe die erste Nummer unseres Blattes erschienen war, wurde es als ein kapitalistisches Unternehmen gebrandmarkt; von Mund zu Mund ging der Klatsch, daß wir einen reichen Gönner gefunden hätten, der es wie einen Sprengstoff in die Partei werfen wollte, und in einer der wild erregten Versammlungen, die dem Parteitag vorangingen, fiel zum erstenmal das verächtliche Wort, das wohlgefällig weitergetragen wurde: »Geschäftssozialisten.«
Es traf mich wie ein Keulenschlag. Eben erst hatten wir eine gesicherte Existenz von uns gewiesen, -- und nun dies Wort!!
Ich brütete stumm vor mich hin. Ich ging nicht auf die Straße, denn ich fühlte mich wie beschmutzt.
Was ich erlebte, war nur ein Teil dessen, was allen begegnete, die unter dem Namen Revisionisten zusammengefaßt wurden. Das zahnlose alte Weib, der Klatsch, ging um mit den ewig beweglichen Lippen und den dürren Fingern, die in jeder Gosse gierig wühlen. Als Mandatsjäger wurde der eine verdächtigt, als lügnerischer Verleumder Bebels der andere. Und wessen wir bisher fälschlich beschuldigt worden waren, -- eine geschlossene Gruppe zu sein, -- das machte die Verfolgung aus uns. Den Kopf umnebelt von den giftigen Dünsten, die rings um uns aufstiegen, erschien uns der Haß der Personen, die uns bekämpften, als das Primäre; kaum einer war, der noch wußte, daß es der Gegensatz der Anschauungen war, der ihn zeugte, und niemand gab zu, daß Bebel recht hatte, wenn er an kleinen Symptomen die ganze Richtung erkannte, -- die Richtung, die seinen tiefgewurzelten Prophetenglauben, aus dem er die ganze Schwungkraft seiner Lebensarbeit sog, erschüttern mußte, wenn sie zur allgemeinen Anerkennung kam.
Wie sich sein Zorn und derer um ihn auf die Einzelnen entlud, die im Augenblick als die Sünder erschienen, so entlud sich der unsere auf einen Mann, der seit Jahren das Feuer schürte, das uns verbrennen sollte, der, ohne sich jemals in das Gewühl der Volksversammlung zu wagen, von der Abgeschiedenheit seiner Studierstube aus Jeden verfolgte, der kein Buchstabengläubiger des Marxismus war. Seine glänzende journalistische Fähigkeit hatte ihm seine Stellung geschaffen; die fanatische Rücksichtslosigkeit, mit der er seine Gegner verfolgte, hatte sie erhalten helfen. Niemand wagte, sich ihm entgegenzustellen. Selbst seine Gesinnungsfreunde fürchteten ihn, denn er haßte heute, was er gestern noch liebte.
»Er ist das böse Prinzip der Partei,« hieß es in unserem Kreise, während tatsächlich nur der konservative Radikalismus mit all seiner Unduldsamkeit, all seinem Dogmenglauben in ihm Fleisch geworden war.
»Wenn wir die Partei von ihm befreien können, so haben wir sie gerettet,« erklärten unsere Freunde.
Meinen Mann packte der Gedanke wie keinen. Noch immer hatte seine überschäumende Willenskraft sich an Aufgaben erproben wollen, die niemand sonst übernahm. Er hörte um so weniger auf die warnenden Stimmen, die sich erhoben, als ich ihn in seinem Vorhaben nur bestärkte. Die Partei aus der inneren Zerrüttung erretten, in der sie sich befand, sie einer neuen gesicherten Einheit entgegenführen, -- keine Aufgabe wäre mir im Augenblick größer erschienen.
* * * * *
Es war am Abend vor unserer Abreise nach Dresden, wo der Parteitag stattfand.
»Es wird ein Kampf bis aufs Messer,« sagte Heinrich; »aber was auch kommen mag, mich soll's nicht kränken, wenn ich nur deiner sicher bin!«
Ich legte beide Arme um seinen Hals: »Du kannst es, Heinz! Noch niemals liebte ich dich so wie heut!« Und zärtlich schmiegte ich meinen Kopf an seine Schulter, während mein Auge in demütiger Liebe an dem seinen hing.
»Ihr törichten Frauen wollt in den Männern immer nur Helden sehen,« meinte er. Seine Lippen brannten auf meinem Mund. Wir vergaßen der Ehe, wie in allen glücklichen Stunden unseres Lebens; -- der Ehe, die alle Geheimnisse schamlos ihrer Schleier beraubt, so daß die Liebe, die nur von Sehnsucht lebt, sterben muß.
Gegen Morgen weckte mich ein Schrei. Ich fuhr entsetzt aus dem Schlaf.
»So bleib doch, Liebste,« flüsterte Heinrich traumbefangen. Aber schon war ich im Nebenzimmer am Bett meines Kindes. Seine Wangen glühten, verständnislos irrten seine Augen an mir vorbei. Und wieder löste sich ein Schmerzensruf von seinen trockenen Lippen. Ich wickelte den zuckenden Körper in nasse Tücher und schickte die Berta zum Arzt. Jetzt erst erwachte mein Mann und erschien an der Türe.
»Papachen,« sagte der Kleine und verzog den Mund mühsam zu einem Lächeln.
»Was ist denn nur?!« rief Heinrich mit gerunzelter Stirn und ungeduldiger Stimme; »komm doch ins Bett, -- du erkältest dich ja!«
Ich lief ins Schlafzimmer zurück, um mir einen Mantel zu holen.
»Du siehst doch, -- Ottochen ist krank,« flüsterte ich ihm im Vorübergehen zu.
»Krank!« wiederholte er laut und trat näher. »Nicht wahr, mein Junge, dir fehlt nichts, -- du träumtest nur schlecht, -- du siehst ja rund und rosig aus, wie's liebe Leben!«
Mit einem ängstlich fragenden Blick sah der Kleine von einem zum anderen.
»Gewiß, Papa, gewiß,« sagte er dann mit stockender Stimme, »jetzt ist schon alles wieder gut.« Aber seine tränenumflorten Augen, die flehend zu mir aufsahen, sein heißes Händchen, das krampfhaft meine Finger umschloß, strafte seine Worte Lügen. Ich drängte Heinrich hinaus. Wo nur die Berta blieb? Warum der Arzt nicht kam? -- Im Wohnzimmer schlug die Uhr sieben.
»Es ist die höchste Zeit, daß du dich anziehst, Alix,« rief Heinrich. Wir hatten uns mit unseren Freunden für den Achtuhrzug verabredet. Ich wechselte rasch die Kompresse auf der brennenden Stirn meines Kindes und ging ins Schlafzimmer.
»Selbstverständlich bleibe ich hier,« sagte ich, die Stimme dämpfend.
»Das wäre noch schöner!« antwortete er heftig. »Wegen eines Schnupfens, den der Junge im schlimmsten Fall kriegen wird, willst du in diesem Augenblick mich und die Sache im Stiche lassen!«
Ich fühlte, wie das Blut mir siedendheiß in das Antlitz schoß: »So sprich doch wenigstens leise --«
Aber Heinrich wollte nicht hören: »Du weißt, was auf dem Spiele steht, -- du kommst mit,« schrie er mich an, und seine Hand umkrallte meinen Arm.
»Und wenn die ganze Partei darüber zugrunde ginge, -- ich bleibe hier,« zischte ich, außer mir vor Empörung.
»Mama, -- Mama!« rief eine süße weinende Stimme. Der Kleine stand auf der Schwelle, mit angstvoll aufgerissenen Augen, wie im Schwindel auf den bloßen Füßchen hin und her schwankend. Auf meinen Armen trug ich ihn ins Bett zurück und riegelte die Tür hinter uns zu. Nach kurzer Zeit hörte ich Heinrich das Haus verlassen. Ich fühlte keinen Schmerz, -- nur eine ungeheure Leere in meinem Herzen. Darüber nachzugrübeln, war ich nicht imstande: in wilden Fieberphantasien wälzte sich mein Kind auf seinem Lager.
Kaum in Dresden angekommen, telegraphierte mir mein Mann: »Verzeih. Wie geht es?« Mußte ich ihm nicht jetzt, wo er so schweren Stunden entgegenging, die Wahrheit schonend verschweigen?! Aber warum diese Rücksicht?! War er doch mehr als schonungslos, war grausam gewesen! Nie würde ich ihm das verzeihen können!
»Otto schwere Blinddarmentzündung,« antwortete ich kurz, dem Ergebnis der ärztlichen Untersuchung entsprechend.
Zwei Tage vergingen und zwei Nächte. Noch immer stieg das Fieber; der kleine Körper krümmte sich vor Schmerzen. Die Schreie der Angst wurden schwächer; an ihre Stelle trat ein Wimmern -- jammervoll, ununterbrochen. Ich wich nicht von dem kleinen Bett. Wenn ich die Hand auf das heiße Köpfchen des Kranken legte, schien er für Augenblicke ruhiger, wenn ich mich ganz dicht an ihn schmiegte, verlor sein Blick den Ausdruck tiefen Entsetzens. Einmal glaubte ich schon beglückt, er schliefe. Da riß er sich ungestüm aus meinen Armen, richtete sich hoch auf, starrte mich verständnislos an und schrie: »Mama, -- Mama, -- warum bist du so weit, -- so weit weg, -- ich sehe dich gar nicht mehr --« und in verzweifeltem Schluchzen bebten seine Schultern. Das Herz krampfte sich mir zusammen, -- und doch hatte ich noch Kraft genug ihm beruhigend zuzulächeln, während ich den kleinen Körper wieder in nasse Tücher hüllte. Er wurde still, er schloß die Augen, er atmete regelmäßiger. Aber in meinen Ohren dröhnten seine Worte: warum bist du so weit weg! Er hatte mich angeklagt, -- und ich sprach mich schuldig: War ich nicht Tage, Wochen, Monde lang von meinem Sohn »weit weg« gewesen?! War nicht auf seinen Gedankenwegen mit ihm gegangen, -- hatte nicht mit seinem Herzen gefühlt, -- mit seinen Augen gesehen? Wenn er nun mich verlassen wollte?! Ich dachte den Gedanken nicht zu Ende. An seinem Bette sank ich in die Kniee; ich faltete die Hände auf seinen Kissen; -- ich betete. Nicht zu den Schutzengeln, die mir ein Märchen waren, nicht zu dem Christengott, den ich nicht kannte. Mein Gebet war voll Frömmigkeit, ob es auch keine Worte hatte, mein Gebet war voll Glauben, ob es auch glaubenslos war, mein Gebet war voll Kraft, denn es richtete sich nicht gen Himmel, -- es brachte dem Heiligtum des Lebens mich selbst zum Opfer dar ...
Der grauende Tag kroch durch die Fenster. Mein Kind schlief mit einem Lächeln um die blassen Lippen. Ich küßte es leise. Mir war, als wäre ich erst in der letzten Nacht seine Mutter geworden.
Draußen läutete es. Es war der Telegraphenbote: »Wie geht es? Rege dich über Zeitungen nicht auf.« Ich mußte den zweiten Satz noch einmal lesen; gab es noch irgend etwas in der Welt, über das ich mich nach dieser Nacht hätte aufregen können?! Ja so! Der Parteitag, -- ich hatte nichts gelesen. »Otto besser. Bin ruhig. Wünsche dir das Beste,« antwortete ich.