Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre
Chapter 30
Drei Tage später war der Vertrag abgeschlossen, die Zeitschrift gesichert. Lindner schien umgewandelt; die Aufgabe, die er vor sich sah, wirkte auf ihn wie Morphium auf Hysterische: sie gab ihm Kraft, Tatendurst, Selbstbewußtsein.
»Nun fehlt nur noch die notarielle Beglaubigung,« sagte er, nachdem er seinen Namen unter das Schriftstück gesetzt hatte, »und morgen kann die Arbeit losgehen!«
Mein Mann legte ihm die Hand mit einer bevormundenden Bewegung auf den Arm: »Arbeiten müssen wir tüchtig, alle drei, aber über den geeigneten Zeitpunkt des Erscheinens wollen wir noch andere hören. Und eine notarielle Beglaubigung?« -- Er lachte -- »Ich denke, solche Scherze schenken wir uns. Unser Wort genügt, auch wenn wir es nicht schriftlich gegeben hätten.«
An einem der nächsten Abende folgten die Führer der Revisionisten unserer Einladung. Wie zu einem Feste hatte ich unser Zimmer geschmückt und unsere Tafel bereitet. Und festlich war mir zumute, -- wie den Soldaten nach der Kriegserklärung. Die frankfurter Fahne fiel mir ein, die eingerollt im Winkel stand, -- eine im Sturme immer voran flatternde sollte unsere Zeitschrift werden!
Unsere Gäste gratulierten uns, -- aber sie hatten doch viel Bedenken, ob unser Plan durchführbar sei. Sie anerkannten die Wichtigkeit der Aufgabe, die wir uns gestellt hatten, -- aber an der Stärke der Wirkung zweifelten sie. Ihre rege Mitarbeit versprachen alle, -- aber ohne den Enthusiasmus für die Sache, den ich erwartet hatte. Der Name der Zeitschrift wurde bestimmt: Die Neue Gesellschaft; die Zeit ihres Erscheinens wurde festgesetzt: nach den Wahlen, nach dem Parteitag. -- Es war eine nützliche und verständige Besprechung, die wir hatten, aber wir feierten kein Fest. Die vielen Blumen auf meinem Tisch taten mir leid.
Was ich schon oft empfunden hatte, das verstärkte sich jetzt: der Revisionismus besaß den Verstand und die Einsicht des Alters, das Feuer der Jugend war ihm jedoch darüber verloren gegangen. Wer aber die Zukunft erobern will, der muß es erhalten, muß es mit seiner Liebe, seinem Haß, seiner Hoffnung nähren, damit es weithin leuchtet und wärmt, und die Fackeln derer, die ihm folgen, sich daran entzünden können.
* * * * *
An einem frühen Märzmorgen des Jahres 1903 war ich zu meiner ersten Wahlagitation von Berlin weggefahren, das grau und grämlich, jenseits aller Jahreszeit, den Schlaf noch in den Augen hatte. In Gusow verließ ich den Zug. Auf dem Bahnsteig stand ein Mann, die Schirmmütze keck auf ein Ohr gezogen, eine Nummer unserer märkischen Parteizeitung in der Hand -- unser Erkennungszeichen. Er lachte mich fröhlich an.
»Ich bin der Jenosse Merten,« sagte er. »So was war noch nich da in Jusow und Platkow. Alles, aber auch alles lauert auf Ihnen --«
Wir stiegen in ein klappriges Wägelchen und fuhren zwischen Weiden und Erlen die Straße hinauf. Überrascht sah ich um mich. Ich hatte es gar nicht gewußt, daß es schon Frühling geworden war!
»Welch eine Luft!« sagte ich mit tiefen Atemzügen.
»Nich war, jut ist sie!« antwortete mein Begleiter mit einem Stolz, als wäre sie sein eigenstes Werk. »Wenn die nich wäre, wir gingen längst auf und davon. Aber wenn wir -- meine Kollegen und ich -- Sonnabends von der Arbeet aus Berlin nach Hause fahren und unsere Kinder kommen uns entgegen, nich so blaß und dünn wie die berliner Jöhren, und wir können im Jarten in der Laube sitzen, an unserem eigenen Jemüse rumpusseln und an unseren Obstbäumen, -- dann vergessen wir gern die Plackerei der ganzen Woche.« Wir begegneten vielen Fußgängern. Er grüßte nach rechts und links. »Kommst du ooch nach Platkow?« redete er sie an.
»Jawoll --« »Natierlich,« riefen sie.
»Sind das alles Maurer? fragte ich.
»Wo denken Sie hin,« antwortete er, »da sind Landarbeeter mang, sogar Bauern. Heute kommt alles zu uns. Die haben ja nie in ihrem Leben 'ne Frau reden jehört.«
Mitten auf der Straße, wo die Aussicht am freiesten war, ließ er den kräftigen Braunen halten.
»Das ist das Oderbruch,« erklärte er und wies nach links, wo sich das Land weit, endlos weit in der Ferne verlor, und darauf verstreut, wie Spielzeug, zwischen knorrigen Bäumen, rotbedachte Häuschen und Kirchen mit breiten Türmen hervorsahen. Blaßblau, wie von durchsichtigem Kristall, wölbte sich die Himmelsglocke über der Ebene. Aus den dunkeln Ackerfurchen stieg lebenverkündend ein würziger Geruch. Vergessene Geschichten fielen mir ein: vom alten Fritz, der dies fruchtbare Land dem Wasser abgetrotzt hatte, von all den märkischen Junkern, den Itzenplitz, den Marwitz, den Finkenstein, die hier ringsum seit Generationen die Herren waren. Mein Begleiter zeigte nach rechts, wo der Boden sich hob und Wälder den Horizont begrenzten.
»Hier oben sind die Rittergüter, da sitzen lauter Agrarier, -- unsere ärgsten Feinde,« erzählte er. »Die sind schlau gewesen, von Anfang an. Haben sich die guten Stellen gesichert, wo das Wasser sie nicht erreichen konnte; während die Bauern unten alljährlich drauf gefaßt sein mußten, daß es ihre arme Kate davontrug. Sie kennen doch die Jeschichte, die unsere Kinder in der Schule lernen müssen: 'Hier habe ich in Frieden eine Provinz erobert,' soll König Friedrich gesagt haben, als er mal hier in die Jegend kam. So'n Mumpitz! Als ob es nich arme Luders wie wir gewesen wären, die die Kanäle gruben und die Dämme aufwarfen!«
»Aber den Gedanken hat doch der König gehabt,« meinte ich.
Ein mißtrauischer Blick streifte mich. »Für'n König mag das freilich ooch schon 'ne Anstrengung gewesen sein!« spottete er.
Eine breite Kastanienallee führte in das Dorf Gusow. Einstöckige Häuser, mit weißen Vorhängen an blanken Fenstern, umgaben in weitem Bogen den Dorfteich, seitwärts öffnete sich der kiesbestreute Weg zum Schloß, dem einstigen Besitztum des alten Derfflinger, und zur Kirche, unter deren Altar seine Gebeine ruhten. Mein Begleiter sah nach der Uhr.
»Was meinen Sie, wenn wir zu Fuß durch den Park gingen? Sie glauben nich, wie schön der ist!« Dabei bekam sein breites Gesicht einen fast schwärmerischen Ausdruck.
An dem stillen Schloß vorbei betraten wir den Park. Weite Rasenflächen dehnten sich vor der Terrasse, mit einem lichten Schimmer jungen Grüns überzogen. Zu Füßen uralter Eichen, die schwarz gegen den hellen Himmel standen, guckten Schneeglöckchen neugierig aus der Erde hervor und Krokusblüten schlugen verwundert ihre blauen Augen auf. Ein schmaler Pfad wand sich zwischen hohem Gebüsch, das plötzlich zur Seite wich, um dem Wunder fremdartig märchenhafter Bäume Platz zu machen; grau schimmerten ihre Stämme wie Granit, und graue Wurzeln krochen knorrig über das dunkle Moos des Bodens.
»Zedern sind es,« sagte mein Begleiter, »Zedern vom Libanon;« und blickte bewundernd auf den Traum des Südens. Über uns in den Kronen der Bäume brauste der Frühlingssturm. Nach seiner Melodie wiegten sich schlanke Birken, und krachend splitterten von Eichen und Linden die dürren Äste.
Mein Begleiter kannte jeden Platz im Park und jede Pflanze, -- mit scheuer Zärtlichkeit strichen seine rissigen Hände über die ersten kleinen Knöspchen an den Sträuchern.
»Daß Sie in der Stadt arbeiten, wo Sie das Land so lieben!« staunte ich.
Er schüttelte sich: »Landarbeeter?! Nee! Das is nischt for unsereens!«
Wir näherten uns Platkow, dem nahen Ziel unserer Fahrt.
»Sehen Se mal hier die wackeligen Buden an,« sagte Merten, »Strohdächer, -- Fenster, wie Mauselöcher, Türen, daß sich ein ordentlicher Mann bücken muß, -- wahrscheinlich, damit man's nich verlernt! Nischt als Leisetreter gab's hier, die die Mütze bis auf die Erde zogen, wenn die herrschaftliche Kutsche sie mit Dreck bespritzte! Aber nu wird's anders, sage ich Ihnen, janz anders --« dabei strahlte er förmlich -- »sehen Sie dort, das Weiße, das ist unser Gewerkschaftshaus!«
Mitten in diesem agrarischen Winkel, der der Agitation der Partei so gut wie unzugänglich gewesen war, weil kein Lokal ihren Versammlungen zur Verfügung stand, hatten die Bauarbeiter sich ihr eigenes Haus errichtet. Die Ortspolizei verweigerte ihnen zwar die Schankkonzession, aber sie hatten ein Dach über dem Kopf, einen freien Raum zu freier Rede.
»Sie hätten die Bauern sehen sollen, wie unser Haus eins -- zwei -- drei, haste nich jesehn! aus der Sandkule herauswuchs!« erzählte Merten. »Wir hatten ja nur Sonntags Zeit zur Arbeet, aber die Steene flogen man so. An eenem Sonntag in aller Frühe, als sie nach Jusow zur Kirche fuhren, fingen wir zu buddeln an, und als sie nach dem letzten Amen wieder vorbeikamen, sahen die Mauern schon aus der Erde!«
Der Wagen hielt. Der ganze Platz stand voll Menschen. Sie schoben sich hinter mir in den kleinen Saal; auf den Bänken an den Wänden saßen schon die Frauen mit heißen Gesichtern.
Ich sprach vom Sturm, der draußen den Staub von den Dächern fegte und alles Morsche zu Boden riß. Und von dem Sturm des Sozialismus. Ich schilderte die politische Lage Deutschlands und zählte die Sünden der Regierung und der Reichstagsmehrheit auf vom Zuchthauskurs bis zum Zollraub, ich erzählte von den Milliarden, die dem armen Mann in Gestalt von indirekten Steuern, Zöllen und Liebesgaben aus dem schmalen Beutel gezogen werden, während sein Weib daheim im kleinen Haushalt seufzend mit jedem Pfennig rechnen muß. An der Hand der Untersuchungen bürgerlicher Gelehrter wies ich nach, wie die Verteuerung der Lebensmittel auf die Steigerung des Alkoholismus, der Kriminalität, der Lungentuberkulose wirkt. Ich zog die ärztlichen Forschungen heran, um zu zeigen, wie ganze Volkskreise entarten, wenn die Ernährung eine unzureichende ist: »Schwächerer Wille, schneller versagende Aufmerksamkeit, raschere Erschöpfung sind die Folgen einer Politik, die das Wohl des Volks, die Liebe zum Vaterland ständig im Munde führt, in der Tat aber die Leistungsfähigkeit der Arbeiter untergräbt, und unsere Stellung auf dem Weltmarkt erschüttert. Die wirtschaftliche Krise, unter der wir alle leiden, die Zunahme der Arbeitslosigkeit mit ihrem Gefolge von Kinderjammer und Frauenausbeutung sind ein Beweis dafür. Keine 'gepanzerte Faust' kann uns davor retten ... Einmal im Laufe von fünf Jahren ist es jedem Deutschen vergönnt, Urteil zu sprechen über die, die sein Schicksal sind. Des Volkes Not und Unterdrückung liegt auf der einen Schale der Wage, des Volkes Glück und Freiheit auf der anderen. Wir, die 'Vaterlandslosen', wir, die 'Elenden', wir, die 'Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen', machen unser Urteil davon abhängig, welche Seite der Wage schwerer wiegt ...«
Man hatte mir bewegungslos zugehört, die Frauen, mit den Händen gefaltet im Schoß, die Männer, ohne den Blick von mir zu wenden. Nur hie und da sah ich ein zustimmendes Nicken. Das Volk dieser kargen Erde trug sein Herz nicht auf den Lippen und wußte nichts von der Reaktion empfindlicher Nerven, worin oft der ganze Beifall des Städters besteht. Aber nachher, als ich nicht mehr über ihnen stand, ging ein Fragen und Erzählen an, das mehr als jedes Händeklatschen bewies, wie jedes Wort vom durstenden Boden ihres Innern aufgenommen worden war. Freilich: im engsten Kreise eigenen Lebens drehten sich ihre Interessen, aber ein jeder umschloß das große Leid der Welt.
Ich wurde in Arbeiterhäuser geführt: so klein, so arm, so eng. »Und hier is doch so ville Sand, auf dem jut noch zehn Häuser stehen könnten!«
Sie zeigten mir das Armenhaus: in einem winzigen Raum hauste ein uraltes Paar mit vier kleinen Enkelkindern. Das einzige Bett nahm fast die Hälfte der Stube ein.
»Immer, von kleen auf, haben wir hier uf'n Jut jearbeetet,« sagte der Mann, eine zusammengeschrumpfte Gestalt mit einem kleinen braunen Gesicht wie eine Wurzelknolle, »nu essen wir's Jnadenbrot --,« dabei kicherte er halb verlegen, halb höhnisch. »Det Schloß aber, det hat woll an die fufzich leere Zimmer ...«
Wir gingen durch das nachtdunkle Dorf zum Bahnhof. Einer, der jüngste der Schar, begann mit heller Stimme zu singen. Allmählich fielen die anderen ein. Die Türen der Häuser, an denen wir vorüberkamen, öffneten sich. Einige der Bewohner traten neugierig bis zur Schwelle. Andere lockte das Lied und die feuchtwarme Märznacht, -- sie folgten uns. Und so ging es im Takt auf die Straße hinaus und immer, immer länger wurde der Zug singender Menschen.
»Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat, Die wir von Gottes Zorne sind, -- das Proletariat -- das Proletariat --«
klang es schmetternd hin über das schlafende Bruch.
Allmählich, je mehr ich dem Land und seinen Bewohnern nähertrat, gewann ich es lieb, und die weite Ebene enthüllte mir all ihre verborgene Schönheit, und die Menschen ihr weiches, trotziges Herz. Sie fühlten noch nicht die Distanz zwischen sich und mir, darum begegnete mir nirgends Neid oder Mißtrauen. Fingen sie doch kaum an, das Allerhandgreiflichste zu empfinden: wie etwa den Gegensatz ihrer Hütte zum Herrschaftsschloß. Und gerade an diesem Punkt ihres Wesens sah ich, wo ich eingreifen mußte.
»Wer andere Zustände schaffen soll, muß doch erst den Druck der eigenen empfinden lernen,« sagte ich zu Romberg, der mir meine agitatorische Tätigkeit durchaus verleiden wollte.
»Ich kann Sie mir nun einmal nicht vorstellen, in einer Dorfkneipe Unzufriedenheit predigend,« antwortete er ärgerlich.
»So überzeugen Sie sich durch eignen Augenschein, daß ich es kann,« meinte ich. Auf meiner nächsten Fahrt kam er mit. Diesmal war es ein Leiterwagen, der uns in strömendem Regen über aufgeweichte Landwege nach einem kleinen Dörfchen fuhr, Lehmannshöfel mit Namen.
»Wie wird's mit unserer Versammlung bei dem Wetter?« fragte ich den alten Genossen, der uns an der Bahn empfangen hatte.
»Jut, -- sehr jut,« entgegnete er. »Was unser oller Pfarrer is, der hat vorichte Woche die Weiber ufjehetzt. Sie sollten man bloß nich in die Versammlung jehn, hat er jesagt, so wat jinge sie jar nischt an, am wenichsten, wenn 'ne Frau reden tut, die lieber zu Haus det Mittagbrot kochen und mit die Kinder beten sollte. Nu können Se sich denken, daß se justament in die Versammlung jehn. Proppenvoll war's schonst heut morjen.«
Radfahrer begegneten uns, von oben bis unten bespritzt, Fußgänger mit aufgeweichten Sohlen, denen das Wasser von der Mütze tropfte. Wir luden auf, so viel der Wagen fassen konnte. Seit dem Morgengrauen hatten sie Flugblätter ausgetragen. Voll guten Humors erzählten sie ihre Abenteuer. Auf manchem Hof hatten sie über Zäune klettern müssen, weil das Tor vor ihnen verschlossen wurde; der eine war als reisender Handwerksbursche bis in die Gesindestuben der Rittergüter vorgedrungen, der andere hatte mit demütigem Gesicht, als wär's ein Traktätchen, den Kirchgängern die Zettel in die Hand gedrückt; im Vorübersausen hatte der Radler sie geschickt durch offene Türen und Fenster geworfen.
In der Wirtsstube von Lehmannshöfel glühte der eiserne Ofen. Nasse Mäntel und Stiefel trockneten daran. Tabaksqualm zog in schweren Schwaden an der niedrigen Decke. Mein Platz war mit Kiefernzweigen umwunden. Vor mir auf dem Tisch standen rechts und links zwei Blumensträuße in flachen weißen Papiermanschetten.
»Von den Tagelöhnerinnen aufs Jut --,« erklärte dunkel errötend ein junges Mädchen, das als letzten Rest der alten Tracht die strohblonden Flechten unter dem schwarzseidenen Kopftuch verborgen hatte. Wie in der Kirche saßen die Leute vor mir: rechts die Männer, links die Frauen, -- lauter Gesichter, in die kein anderer Gedanke als der an die nächste Not des Daseins seine Zeichen gegraben hatte. Noch nie war eine Versammlung hier gewesen. Ob ich den Ton finden würde, der zu ihnen drang? Ich erzählte von ihrem eigenen Dasein, wie es in ewigem Gleichmaß dahinfließt, nach der alten eintönigen Melodie: Leben, um zu arbeiten, arbeiten, um wieder leben zu können. Wie Freude für sie nur ein kurzer Rausch ist mit bösem Erwachen -- ein Alkoholrausch, ein Liebesrausch -- und die Sorgen allein sie nie verlassen. Wie die Welt voll Glanz und Schönheit ist; wie das größte und schönste, was die Menschheit in Jahrhunderten gedacht und empfunden, in Tausenden von Büchern und Statuen und Bildern aufbewahrt wurde für ihre Nachkommen. »Aber eine Mauer baute man ringsum, und nur wer den goldenen Zauberstab besitzt, dem öffnet sich die Pforte ...«
Ein junger Mann, der ein bißchen stumpfsinnig vor mir gesessen hatte, sah plötzlich auf -- mit ein paar Augen, in deren Tiefe die Sehnsucht flammte.
»Das Kind der armen Tagelöhnerin hat vielleicht die Seele eines Dichters, -- mit vierzehn Jahren schon muß es Kartoffeln buddeln und Rüben ziehen, und die Arbeit tritt mit ihren eisenbeschlagenen Füßen seine Seele tot ...«
An der Tür drüben sah ich ein altes Mütterchen, das den weißen Kopf schluchzend in den knochigen Händen vergrub.
»Für diese Welt ist Armut ein Verbrechen, das mit lebenslänglicher Zwangsarbeit bestraft wird ... Tränen darüber sind genug vergossen worden. Vor lauter Jammern haben wir das Handeln vergessen. Von der Kanzel herab haben sie gepredigt, daß die Ergebung in das Geschick eine Tugend ist. Ich sage Euch, sie ist ein Laster. Denn an all dem Elend in der Welt sind wir schuld, -- wir mit unserer Demut, unserer Unterwürfigkeit, unserer Trägheit ... Jeder Blick in das bleiche Gesichtchen ihres Lieblings, jede jammernde Bitte um Nahrung sollte der Frau nicht Tränen fruchtlosen Leids erpressen, sondern sie anspornen, ihrem Kind die Zukunft erobern zu helfen ... Wo die Mutter unfrei und furchtsam ist, wächst ein Geschlecht von Knechten mit knechtischer Gesinnung empor, und der Wert einer Mutter wird in Zukunft nicht blos daran gemessen werden, ob sie ihre Kinder gewaschen, gekleidet und genährt hat, sondern ob sie sie zu Kämpfern erzog und ihnen mit dem Vorbild tatkräftiger Begeisterung voranging.«
An Beispielen des täglichen Lebens suchte ich ihnen klar zu machen, wie jeder Einzelne, auch der Bescheidenste, an dem großen Befreiungsfeldzug des Sozialismus teilnehmen kann, wie er nie zum Ziele führen würde ohne die Arbeit des einzelnen. Mir war, als hörte ich die Atemzüge der Menschen vor mir und ihre Seufzer. O, daß ich sie doch ins Herz getroffen hätte!
Feuchte Nebel hingen wie lange Trauerschleier über den Feldern. Wir fuhren stumm zurück. Frostgeschüttelt lehnte ich mich in die Kissen, als wir endlich den Zug nach Berlin bestiegen hatten.
»Wie Sie das verantworten können!« brach Romberg los, der bis dahin kein Wort gesprochen und den armen Leuten, zwischen denen er gesessen hatte, sein Unbehagen so deutlich fühlen ließ, daß ich schon bedauerte, ihn mitgenommen zu haben. Jetzt fuhr ich aus dem Halbschlaf auf.
»Ich verstehe Sie nicht!« sagte ich.
»Um so schlimmer!« rief er. »Sie nehmen diesen Menschen das einzige, was sie besitzen, was ihnen das Leben erträglich machte: ihre Unwissenheit, ihren Stumpfsinn, -- ohne ihnen irgend etwas dafür geben zu können.«
»Wie, das Erwachen aus der Lethargie wäre nichts?!« entgegnete ich heftig. »Sich durch die Teilnahme an dem Befreiungswerk der Klassengenossen über sich selbst und sein kleines Schicksal hinauszuheben, -- das wäre nichts?! Von Ihnen hörte ich zuerst das Wort von der Politik der Starken. Das ist mein Leitmotiv. Ohne die Disharmonien des aufwühlenden Schmerzes, ohne die Grausamkeit der Erkenntnis gibt es nicht den starken Akkord ihrer Lösung.«
»Und wie steht's mit denen, die daran zugrunde gehen?!«
»Sie wären auch am Leben zugrunde gegangen!«
Mit einem fremden Blick, der mir zu meinem eigenen Erstaunen wehe tat, streifte er mich.
»Ist Weichheit und Schwäche auch für Sie noch ein Attribut der Weiblichkeit?« fragte ich, und das Herz klopfte mir, als fürchtete ich die Antwort.
»Ich weiß selbst nicht recht --,« meinte er zögernd. »Aber daran soll unsere Freundschaft nicht Schiffbruch leiden.«
»Haben Sie gar keine Zeit mehr für mich?« fing er nach einer Pause wieder zu sprechen an, als der Zug sich Berlin schon näherte. Ich sah auf. »Ich möchte, daß Sie wenigstens zwischendurch wieder ein Kulturmensch werden!«
Ohne rechte Lust, nur um ihn nicht wieder zu verletzen, versprach ich ihm, mich am nächsten Tag seiner Führung zur »Kultur« anzuvertrauen. Am Bahnhof empfing uns Heinrich, der eine Stunde früher aus einer anderen Gegend seines Wahlkreises zurückgekehrt war. Wir waren beide so erfüllt von unseren Erlebnissen, daß wir im Eifer des Erzählens Romberg fast vergaßen. Er verabschiedete sich steif und verstimmt.
»Bildung und Politik sind für mich schwer vereinbare Begriffe --,« sagte er am nächsten Morgen, als wir zusammen in die Stadt gingen.
»Sie scheinen einem Wechsel der Stimmungen unterworfen, der bisher nur einer Frau gestattet war,« entgegnete ich ärgerlich. »Es ist noch nicht lange her, daß Sie mit einer Begeisterung, die ich nicht vergessen habe, die Sozialdemokratie als die bedeutsamste Erscheinung der Zeit feierten.«
Er lächelte. »Frauenlogik! Es tut mir ordentlich wohl, diesen weiblichen Zug bei Ihnen zu finden! Was hat mein Urteil über den Klassenkampf des Proletariats mit meiner Meinung über die Beteiligung des Gebildeten an der Politik zu tun?! Wir sollten um höhere Werte ringen --«
»Gibt es höhere, als die Befreiung der Menschheit von all den Fesseln, die sie an die Erde schmieden und ihren Höhenflug hemmen?!« unterbrach ich ihn erregt.
»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, -- die alte Parole, unter der schon die Bastille gestürmt wurde,« entgegnete er mit spöttischem Lächeln; »fügen Sie noch das Ideal des Christentums, -- die selbstentsagende Nächstenliebe hinzu, so beweist das alles, wie unsäglich arm eine Zeit sein muß, die selbst einer so gewaltigen Bewegung wie der des Proletariats keine neuen Ideale hat schaffen können.«
Seine Worte begegneten einem noch unklaren Empfinden, das ich um so energischer zu unterdrücken gesucht hatte, als mir die Wege dunkel erschienen waren, zu denen es hätte führen können.
Wir traten in den modernsten Kunstsalon Berlins. Der Holzbogen der Eingangshalle, der in seinen geschwungenen Linien alle Sprödigkeit des Materials siegreich überwunden hatte, empfing mit weit ausgebreiteten Armen die Besucher. In hellen Vitrinen, durch unsichtbare Lichtspender von innen strahlend, lagen auf grauem Samt Gürtel, Schnallen, Armreifen und Diademe; Vogelgefieder und Schmetterlingsflügel aus durchsichtigem Email vereinten sich mit dunklem Gold, mattem Silber; Perlen in phantastischen Formen standen neben Edelsteinen von unerhörter Farbenpracht --
»Ein Schmuck für Märchenprinzessinnen, von einem Dichter geschaffen,« sagte Romberg bewundernd und versenkte sich in den Anblick. Er mochte weißer Arme gedenken und schimmernder Nacken und holder Frauenköpfe mit lachenden Lippen und duftenden Locken. In meinen Augen aber hafteten andere Bilder: rissige Hände, gebeugte Rücken, sorgendurchfurchte Gesichter --, ich wandte mich ab, im Innersten verletzt.
Der nächste Raum war voll sanften Lichtes und tiefer, weicher Sessel.
»Wie wohltuend, wie ruhig!« meinte jemand. »Eine schöne alte Frau mit sehr weißen stillen Händen müßte ihren Lebensabend hier verträumen.« Aber die Armenstube von Platkow sah ich vor mir.
Vor ein großes Bild traten wir dann: auf weichem, blumendurchwirktem Rasenteppich, der sich im stillen Wald verlor und zärtlich eine Quelle umgab, die diesen Frieden mit keinem Plätscherlaut stören mochte, kniete ein Jüngling, den dunkeln Dantekopf andachtsvoll zu der Jungfrau erhoben. Aus der Säulenhalle des Tempels tretend, krönte sie ihn; lange, schmale, durchsichtig bleiche Finger hielten den Kranz. Mädchen, so schlank und hoheitsvoll wie sie, standen zur Seite. Und das alles leuchtete in mystischem Blau, in trunkenem Purpur, in sattem Grün, -- weitab allen grauen Tönen der Wirklichkeit. Fast nahm die fremde Wunderwelt mich schon gefangen. Da tauchte der sturmdurchpeitschte Park vor mir auf und der rauhe Mann, der mit harten Arbeitshänden zärtlich die kleinen Knospen streichelte. Ich war sehr einsilbig.
Wir beschlossen den Tag im Theater, wo Maeterlincks Pelleas und Melisande unter der Direktion eines jungen Revolutionärs der Bühne zur Aufführung kam. Böcklins Landschaften schienen lebendig geworden: